p-4Anatol Rapoport - Wissenschaft und MachtZur Psychologie der Frage     
 
ROBERT TIGERSTEDT
Zur Psychologie der
naturwissenschaftlichen Forschung
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"Die wissenschaftliche Unvollkommenheit, die sich in dem mangelnden Vermögen offenbart, neue Fortschritte nach ihrem wirklichen Wert zu würdigen, sie findet sich leider heutzutage noch ebenso wie früher vor."

In Christiana werden Vorbereitungen getroffen, den hundertjähigen Geburtstag von NIELS HENRIK ABEL zu feiern. Aus allen Ländern der zivilisierten Welt werden die Akademien und Universitäten zu dieser Gedächtnisfeier Vertreter entsenden. Dieser Mann, der auf die mathematische Forschung seines Jahrhunderts einen so tiefen Einfluß ausgeübt hat und dessen Arbeiten zu allen Zeiten zu den klassischen Werken der Mathematik werden gezählt werden, ist nur 27 Jahre alt geworden. Kurz war sein Leben, nach der Zahl der erreichten Jahre beurteilt, lang aber, wenn es nach der Größe der Leistung geschätzt wird.

Es liegt unleugbar etwas sehr Bemerkenswertes darin, daß ABEL in einem Alter, wo die meisten Adepten der Wissenschaft eine selbständige Tätigkeit kaum begonnen haben, einen Platz unter den allergrößten Meistern der Forschung errungen hat. In dieser Hinsicht steht er indessen nicht allein, denn die Geschichte der Naturwissenschaften und der Mathematik bietet viele entsprechende Fälle. Bemerkt sei, daß ich hier und im folgenden  nur  von den Naturwissenschaften (und der Mathematik) spreche und die sogenannten humanistischen Wissenschaften gar nicht berücksichtige.

Die drei größten Entdeckungen, mit welchen der Name NEWTONs unauflöslich verknüpft ist: die Infinitesimalrechnung, die Zusammensetzung des Lichts und das Gravitationsgesetz hatte der große Engländer in ihren Grundzügen schon vor seinem 25. Lebensjahr fertig. - Als LINNÉ sein Sexualsystem veröffentlichte, welches ja die wichtigste Leistung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit darstellt, hatte er kurz vorher sein 28. Lebensjahr erreicht; vier Jahre früher aber hatte dasselbe in einem der Gesellschaft der Wissenschaften zu Uppsala eingereichten Entwurf schon vorgelegen. - JULIUS ROBERT MAYER war nur 28 Jahre alt, als er das Prinzip von der Erhaltung der Energie öffentlich aussprach; seine drei Nachfolger JOULE, COLDING und HELMHOLTZ, welche unabhängig von ihm dasselbe Prinzip entwickelten, waren nicht älter. - ANDREAS VESALIUS gab in seinem 28. Lebensjahr sein Buch  Humani corporis fabrica  heraus, in welchem er die Anatomie des Menschen reformierte und innerhalb der medizinischen Wissenschaften den ersten großen Angriff gegen den blinden Autoritätsglauben des Mittelalters richtete. - SCHEELE entdeckte den Sauerstoff, als er eben sein 30. Lebensjahr erreicht hatte und BERZELIUS war noch nicht 30 Jahre alt, als er seine wichtigste wissenschaftliche Leistung, die Untersuchung über die chemischen Proportionen, erfaßte, ja, er war nicht älter als 23 Jahre, als seine Abhandlung von den Wirkungen der galvanischen Säule erschien: diese Abhandlung enthält, wie bekannt, die Grundzüge der Gesetze, auf welchen später die elektrochemische Theorie aufgebaut wurde.

Ich habe hier einige der größten wissenschaftlichen Entdeckungen und Fortschritte aller Zeiten angeführt, um den Satz aufstellen zu können, daß eine beträchtliche Anzahl wirklich bedeutender Fortschritte innerhalb der Naturwissenschaften und der Mathematik von  jungen  Männern herrührt.

Von einer eingehenden Begründung dieses Satzes kann selbstverständlich bei einem kurzen Vortrag keine Rede sein. Dazu wäre es notwendig, nicht allein die wichtigsten Fortschritte der Naturwissenschaften der Reihe nach zu erörtern, sondern auch das Leben und den wissenschaftlichen Entwicklungsgang jedes großen Naturforschers gründlich zu studieren; denn es ist ja einleuchtend, daß das Jahr, in dem eine Arbeit veröffentlicht worden ist, an und für sich in dieser Hinsicht keine entscheidende Bedeutung haben kann. So gab z. B. HARVEY sein Buch vom Kreislauf, welches die definitive Befreiung der Medizin vom blinden Glauben an GALEN bezeichnet und so eine neue Epoche in der Geschichte der medizinischen Wissenschaften einleitet, in seinem 50. Lebensjahr heraus. Aus HARVEYs Aufzeichnungen seiner ersten Vorlesung geht indessen unzweideutig hervor, daß er schon damals über die Frage der Zirkulation des Blutes vollständig im Klaren war: zu dieser Zeit war er nur 38 Jahre alt. Mehr wissen wir nicht von der Geschichte dieser Entdeckung und es kann also mit keinerlei Bestimmtheit angegeben werden, wann HARVEY die neue Lehre tatsächlich konzipierte.

Bei einer solchen Prüfung ist ferner die Art und Weise zu beachten, wie die einzelnen Arbeiten eines Forschers genetisch untereinander zusammenhängen. Als sich LAVOISIER von der Phlogistontheorie bestimmt lossagte, war er schon 40 Jahre alt; seine neue Auffassung vom Wesen des Verbrennungsprozesses stellte aber nur die logische Konsequenz seiner gesamten früheren Tätigkeit dar. Schon 10 Jahre früher, also im Alter von 30 Jahren, hatte LAVOISIER die Untersuchungen über die Chemie der Gase begonnen, welche ihn in seinem 33. Lebensjahr dazu führten, die wirkliche Natur der Atmung festzustellen.

Auch darf nicht unberücksichtigt bleiben, ob ein Forscher Gelegenheit gehabt hat, schon in jungen Jahren sich der Wissenschaft zu widmen oder ob er erst später seine wissenschaftliche Arbeit hat beginnen können. Wenn also z. B. CLAUDE BERNARD die erste Untersuchung, durch welche er die allgemeine Aufmerksamkeit der Fachleute erregte, im Alter von 33 Jahren veröffentlichte, so ist dabei zu beachten, daß der große Beobachter und Experimentator bereits 30 Jahre alt war, als er sein Doktorexamen machte und daß er nur zwei Jahre früher bei MAGENDIE als Préprarateur eingetreten war.

One eingehende Erörterung aller hierher gehörigen Tatsachen ist es nicht möglich, die Allgemeingültigkeit des Satzes aufzustellen. Schon bei einer ganz oberflächlichen Betrachtung kann jedoch behauptet werden, daß viele der bedeutendsten Errungenschaften innerhalb der Naturwissenschaften von Männern erzielt wurden, die ihr 30. bis 35. Lebensjahr noch nicht überschritten hatten.

Als eine weitere Stütze des Satzes in dieser sehr vorsichtig abgefaßten Formulierung werde ich noch ein Beispiel aus dem Gebiet meiner eigenen Wissenschaft heranziehen.

Wenn wir möglichst allgemein die Frage aufwerfen nach dem größten Fortschritt der Physiologie während des 19. Jahrhunderts, so dürfte die Antwort kaum anders lauten können, als daß derselbe in der Befestigung der Überzeugung liegt, daß bei den Lebewesen keine prinzipiell anderen Kräfte walten, als innerhalb der toten Natur. Nur hierdurch wurde die Physiologie auf den festen Boden der exakten Naturforschung gestellt und es steht außer jedem Zweifel, daß gerade diese Auffassung die wesentliche Ursache der großen und bedeutenden Entwicklung darstellt, welche die Physiologie während der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durchgemacht hat, sowie daß sie auch auf die gesamte Biologie einschließlich der Medizin in hohem Grad fördernd eingewirkt hat.

Als Begründer dieser neuen Richtung nennt die Geschichte der Wissenschaft in erster Linie LUDWIG, du BOIS-REYMOND, HELMHOLTZ und BRÜCKE. Sie begann sich in der Mitte der vierziger Jahre geltend zu machen; zu dieser Zeit waren die erwähnten Männer nur etwa 25 Jahre alt.

Wenn ich also für die Bedeutsamkeit des früheren Mannesalters in Bezug auf neue, bahnbrechende Fortschritte innerhalb der Naturwissenschaften eintrete, so will ich damit im Großen und Ganzen nichts anderes sagen, als daß sich das Genie frühzeitig offenbart.

Wird es sich auch während der späteren wissenschaftlichen Tätigkeit eines großen Naturforschers in der Weise offenbaren, daß derselbe die Wissenschaft immer wieder in neue Bahnen lenkt?

Ich bin geneigt, diese Frage verneinend zu beantworten. Es ist mir allerdings nicht unbekannt, daß viele, vielleicht die meisten unter den Meistern der Wissenschaft, denen ein langes Leben beschert worden ist, während ihrer langen wissenschaftlichen Laufbahn Leistungen aufzuweisen haben, welche zum größten Teil wenigstens auf der Höhe der derzeitigen Wissenschaft standen. Hierin liegt aber kein Beweis gegen meine Auffassung, da diese ja gar nicht behaupten will, daß ein großer Naturforscher nach seinen ersten Erfolgen wissenschaftlich steril wird oder Ergebnisse untergeordneten Wertes hervorbringen würde. Was ich hervorheben will, ist, daß die späteren Arbeiten eines Forschers in der Regel keinen Fortschritt repräsentieren, der nicht mit seinen früheren Leistungen in einem nahen genetischen Zusammenhang stände. Betrachten wir nämlich die spätere wissenschaftliche Tätigkeit sogar der größten Naturforscher, so müssen wir, meines Erachtens, bemerken, daß dieselbe bei der großen Mehrzahl in einer Richtung stattgefunden hat, welche die natürliche Fortsetzung der früher gewonnenen Ausblicke darstellt. Und es trifft nur äußerst selten, wenn überhaupt jemals, ein, daß ein Autor, sei er noch so bedeutend, die Fragen, die von ihm in Angriff genommen wurden, so weit führt, wie er es mit seiner Begabung tatsächlich hätte tun können. In vielen Fällen ist das allerdings dadurch bedingt, daß die Aufgabe ihn nicht länger interessiert, in anderen und sicher den zahlreicheren Fällen hat das aber ohne Zweifel seinen Grund darin, daß sich der betreffende Autor vorstellt, er habe die Frage zu einem bestimmten Abschluß gebracht; er hat also keinen Blick mehr für die neuen Gesichtspunkte gehabt, die hierbei in Betracht gezogen werden müssen.

In einer eigenartigen Weise wird diese Erscheinung von der Tatsache beleuchtet, daß in einigen Fällen eine ganze Wissenschaft von einem Mann reformiert wurde, dessen eigentliches Forschungsgebiet in einer ganz anderen Richtung lag. Diese Reformatoren waren an die innerhalb der betreffenden Wissenschaft zur Zeit geltenden Doktrinen nicht gebunden und konnten daher mit völliger geistiger Freihit die Tatsachen beurteilen, welche theoretisch erklärt und weiter entwickelt werden sollten.

So war es der Fall mit LAVOISIER in Bezug auf seine Entdeckungen der wahren Natur der Atmung und der Ursachen der tierischen Wärme - Entdeckungen, welche noch heute als der folgenschwerste Schritt bezeichnet werden müssen, den die wissenschaftliche Deutung der Lebenserscheinungen jemals getan hat.

Als ein Kuriosum mag in diesem Zusammenhang erwähnt werden, daß man in vollem Ernst behauptet hat, LAVOISIER sei kein Chemiker, sondern ein Physiker gewesen - ein Physiker, der jedoch der Chemie eine ganz neue Gestaltung gab.

Vielleicht noch bemerkenswerter als der Einfluß LAVOISIERs auf die Physiologie, ist die Einwirkung, welche durch PASTEUR auf die gesamten medizinischen Wissenschaften ausgeübt worden ist. Ohne je klinische Studien gemacht zu haben, ja, ohne sich mit den theoretischen Teilen der Medizin beschäftigt zu haben, entwickelte PASTEUR die Lehre von den Krankheitsursachen tiefer, als irgendein Forscher vor ihm und ihm gelang es, Krankheiten zu heilen oder vorzubeugen nach Methoden, von welchen vor ihm niemand auch nur eine Ahnung hatte.

Ich habe ganz besonders PASTEUR genannt, weil ich erwarte, daß man gerade seinen Namen als den schlagendsten Beweis gegen die allgemein Gültigkeit des hier ausgesprochenen Satzes herbeiziehen wollen wird. Ich räume die Berechtigung dazu ein, aber ich will ja auch gar nicht behaupten, die betreffende Regel sei ganz ausnahmslos richtig. In Bezug auf PASTEUR will ich jedoch bemerken, daß alle seine Untersuchungen tatsächlich eine zusammenhängende Kette bilden, in welcher sich das eine Glied auf die natürlichste Weise dem anderen anreiht. So schließen sich seine Arbeiten über die Krankheitsursachen etc. seinen Studien über Gärung und Fäulnis an, welche in theoretischer Hinsicht zum definitiven Beweis gegen die Lehre von der Urzeugung führten, und in praktischer Beziehung den größten Fortschritt der Chirurgie - die Antiseptik LISTERs - zur Folge hatten. Diese Untersuchungen wurden vom 35. Lebensjahr an von PASTEUR veröffentlich, sie stehen ihrerseits in einem nahen Zusammenhang mit denjenigen Arbeiten über Molekularchemie, durch welche der Name PASTEURs zuerst berühmt wurde.

In den Erscheinungen, welche ich kurz vorher gestreift habe, liegt eine Begrenzung, welche sogar die größten Naturforscher im Allgemeinen nicht haben vermeiden können, sie zeigen, daß unser Gedanke mit der Zeit in gewissen Bahnen erstarrt, von welchen wir uns in der Regel nicht mehr ganz lossagen können.

Ein banales Beispiel davon haben wir in der alltäglichen Erfahrung, daß ein akademischer Lehrer, der längere Zeit als Examinator tätig gewesen ist, seine Prüfungen allmählich nach einem ganz bestimmten Schema vornimmt.

Ein anderes Beispiel, wie schwer es dem Menschen ist, einen ihm geläufigen Gedankengang zu verlassen, liefert uns die Geschichte der Aufnahme, die mehreren großen naturwissenschaftlichen Fortschritten zur Zeit ihres ersten Hervortretens zuteil geworden ist. So hat man bemerkt, daß unter denjenigen Ärzten, welche die von HARVEY in seinem bewundernswerten Buch  De motu cordis  ausgesprochenen Ansichten über den Kreislauf des Blutes zuerst erfaßten, keiner älter war, als 40 Jahre. - Hierher gehören auch die letzten Tage der Phlogistontheorie. Trotz den schwerwiegenden Beweisgründen, welche LAVOISIER gegen diese Theorie aufbrachte, wurde sie nicht dest weniger von fast allen Chemikern dieser Zeit eifrig verteidigt, darunter von Männern, welche sich durch ihre sonstigen Arbeiten einen unvergänglichen Namen in der Geschichte der Naturwissenschaft erworben haben. Wie leicht war es dabei, durch eigene Versuche, sich von der Richtigkeit der von HARVEY oder LAVOISIER ausgesprochenen Ansichten zu überzeugen! - Vielleicht noch eigentümlicher ist der Widerstand, dem VESALIUS in Bezug auf seine Darstellung der Anatomie des Menschen begegnete, da die Sektion einer einzigen Menschenleiche genügt haben würde, um seine Ergebnisse zu bestätigen.

Man wende nicht ein, daß sich das auf längst vergangene Zeiten bezieht, der Mensch verändert sich von Jahrhundert zu Jahrhundert nur wenig und es ist unleugbar, daß der Höhepunkt der geistigen Begabung, der vor Jahrtausenden von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten erreicht worden ist, in späterer Zeit nie überschritten worden ist. Und die wissenschaftliche Unvollkommenheit, die sich in dem mangelnden Vermögen offenbart, neue Fortschritte nach ihrem wirklichen Wert zu würdigen, sie findet sich leider heutzutage noch ebenso wie früher vor. Wollen wir einen entscheidenden Beweis dafür haben, so brauchen wir uns z. B. nur des Widerstandes erinnern, welchem SEMMELWEIS bei der Veröffentlichung seiner Lehre von den Ursachen des Puerperalfiebers begegnete, - ein Widerstand, der umso beklagenswerter war, als ohne denselben zahlreiche Menschenleben von einem frühzeitigen Tod errettet worden wären.

Diese mehr oder weniger scharf hervortretende Unfähigkeit des Menschen, in einem etwas reiferen Alter wirklich neue Gedanken zu konzipieren, dieser in vielen Stücken sich deutlich offenbarende Konservatismus in wissenschaftlichen Fragen, dürfte, zum Teil wenigstens, eine rein physiologische Ursache haben.

Bei aller unserer geistigen Tätigkeit finden in unserem Gehirn materielle Vorgänge statt. Diese in mannigfacher Weise bestätigte Tatsache gestattet uns allerdings nicht, wissenschaftlich bindende metaphysische Folgerungen, sei es in materialistischer oder in spiritualistischer Richtung, zu ziehen. Sie zeigt aber jedenfalls, daß man bei der theoretischen Deutung der Entwicklung und des Zurückgehens der geistigen Fähigkeiten auch die rein anatomischen und physiologischen Verhältnisse zu berücksichtigen hat.

Wir wissen alle, in welch hohem Grad unsere Kenntnis von den Verrichtungen des Gehirns durch die modernen Untersuchungen über dessen Physiologie und Pathologie gefördert worden sind. Indessen genügen die dadurch erzielten Resultate noch lange nicht, um den Anteil des Gehirns bei der Ausübung unserer höheren geistigen Fähigkeiten im Detail zu präzisieren und deuten. Die Ergebnisse der Forschung scheinen jedoch immer mehr in die Richtung zu gehen, daß die betreffenden Verrichtungen nicht allein von der Erregung gewisser spezifischer Zentren bedingt sind, sondern daß vielmehr auch bei den einfachsten geistigen Vorgängen mehrere verschiedene Teile der Großhirnrinde zusammenwirken. Wenn das der Fall ist, so sind diese Verrichtungen, insofern sie mit materiellen Prozessen in unserem Gehirn zusammenhängen, teils von gewissen Zellengruppen der Großhirnrinde, teils von den diese verbindenden nervösen Leitungsbahnen abhängig. Mehrere Erfahrungen scheinen dafür zu sprechen, daß diese Bahnen hierbei eine sehr bedeutende Rolle spielen, wie es auch diese Bahnen sind, welche die durch die verschiedenen Sinne erhaltenen Eindrücke eines und desselben Objektes zusammenknüpfen, so daß daraus die Gesamtvorstellung des Objektes resultiert.

Durch Untersuchungen, welche sich auf die rein somatische Sphäre unserer Lebenserscheinungen beziehen, ist es uns bekannt, daß eine Nervenbahn im zentralen Nervensystem, die wiederholten Erregungen ausgesetzt gewesen ist, endlich diese leichter durchläßt, als andere Nervenbahnen, welche nicht in dieser Weise beeinflußt wurden. Ohne uns zu weit in das Feld der Hypothesen zu wagen, dürfen wir wohl annehmen, daß dasselbe Verhalten auch bei den höchsten Teilen des Nervensystems stattfindet. Daraus würde nun folgen, daß, wenn unsere Gedankenoperationen immer wieder hauptsächlich in einer bestimmten Richtung erfolgen, gewisse Verbindungsbahnen im Großhirn geeigneter als die übrigen Bahnen werden, um die Zusammenknüpfung verschiedener Zellengruppen zu bewirken. Hiermit wäre ein physiologisches Erklärungsprinzipg der Erfahrung gegeben, daß eine einmal eingeleitete Gedankenrichtung mit Vorliebe wieder aufgenommen und weiter verfolgt wird, sowie daß in einem reiferen Alter neue Gedanken so selten konzipiert werden und wir mit einer so großen Beharrlichkeit an wissenschaftlichen Ansichten festhalten, denen wir einmal beigetreten sind.

Noch ein Umstand dürfte hier zu beachten sein, nämlich die im Laufe der Jahre eintretenden Veränderungen in der Leistungsfähigkeit des Gehirns. So weit wir zur Zeit die Sache übersehen können, ist diese von der Zahl und der Beschaffenheit der Nervenzellen, sowie von der durch die Vereinigungsbahnen bewirkten, mehr oder weniger umfangreichen Verbindung verschiedener Zellengruppen abhängig. Bis jetzt besitzen wir jedoch nicht die geringste, auf direkte Beobachtung gestützte Kenntnis davon, wie sich diese Faktoren während der Entwicklungsperiode des Gehirns verändern oder in welchem Alter sie den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreichen. Vielmehr hat sich zunächst die Forschung auf eine viel bescheidenere Aufgabe beschränken müssen: die Veränderungen des Hirngewichtes im Laufe der Jahre zu bestimmen.

Unter denjenigen Instanzen, von welchen die Leistungsfähigkeit de Gehirns abhängig ist, hat aber das Gewicht ans sich nur eine ziemlich geringe Bedeutung und aus den Variationen des Gewichtes während der verschiedenen Lebensperioden dürfen wir daher nur mit der größten Vorsicht irgendwelche Folgerungen in Bezug auf die Aufgabe des Gehirns bei der Seelentätigkeit ziehen. Andererseits ist jedoch zu bemerken, daß sich ein gewisser Zusammenhang zwischen Hirngewicht und Intelligenz vorfindet. Das wird vor allem durch die Erfahrung dargetan, daß das Gehirn als materielles Substrat einer normalen, wenn auch mäßigen Intelligenz nicht genügt, wenn sein Gewicht unterhalb einer gewissen Grenze liegt. Auch die Beobachtung, daß in einem höheren Lebensalter ebenso wie die geistige Leistungsfähigkeit auch das Gewicht des Gehirns abnimmt, ist in diesem Zusammenhang zu berücksichtigen.

Unter solchen Umständen kann der Zeitpunkt, wann das Gehirn sein größtes Gewicht erreicht, für die Frage nach dem Zeitpunkt, in welchem es seine größte Leistungsfähigkeit gewinnt, möglicherweise eine gewisse, wenn auch sehr beschränkte Bedeutung haben. Nach den zur Zeit vorliegenden Beobachtungen erreicht das Gehirn sein maximales Gewicht vor dem 30. Lebensjahr.

DieWägungen, durch welche dieses Ergebnis festgestellt worden ist, sind jedoch wesentlich an Gehirnen von Körperarbeitern ausgeführt worden, deren intellektuelle Entwicklung, insofern sie von Studien sensu strictiori [im engeren Sinne, wp] abhängig war, schon in jungen Jahren zum Abschluß gekommen ist. Es läßt sich daher wohl denken, daß das Gehirn bei Individuen, welche als Lebensaufgabe wissenschaftliche Studien gewählt haben, erst etwas später das Maximum seines Gewichts erreicht.

Dem sei jedoch, wie es wolle, so viel dürfte jedenfalls als sicher erwiesen angenommen werden können, daß das Gehirn als materielles Substrat der intellektuellen Verrichtungen betrachtet, in einem gewissen Zeitpunkt des Lebens seine größte Leistungsfähigkeit erreicht, eine Zeit lang auf diesem Höhepunkt bleibt, bis endlich die Altersveränderungen allmählich eintreten und weiter fortschreiten. Zu welcher Zeit letzteres stattfindet, kann freilich nicht angegeben werden: daß ber die volle Entfaltung aller geistigen Kräfte in der Regel nicht allzu lange andauert, zeigen meines Erachtens die oben angeführten Erfahrungen.

Ich erlaube mir, aus dieser Darstellung eines praktische Konsequenz zu ziehen.

Kein Erzieher in der ganzen Welt vermag aus einem wenig begabten Menschen ein Genie zu machen und der beste wissenschaftliche Unterricht kann zwar tüchtige Forscher ausbilden, aber keinen Bahnbrecher hervorrufen, wenn die angeborene eminente Leistungsfähigkeit nicht vorhanden ist. Dagegen können unzweckmäßig angeordnete und durchgeführte Studien das Genie ganz ersticken oder dasselbe in seiner Entwicklung hemmen. Bei jedem Studienplan muß man also genau beachten, daß die Selbständigkeit und die geistige Frische des Schülers so weit als möglich erhalten werden. Vor allem ist zu berücksichtigen, daß die für den gesamten Lebensgang des Menschen so überaus wichtigen Jahre des frühen Mannesalters nicht ausschließlich von Examensstudien in Anspruch genommen werden. Man bedenke, eine wie große Beschränkung die leider viel zu kurze Zeit, während welcher das Gehirn und die Intelligenz in ihrer kräftigsten Entwicklung begriffen sind, von einem zu weit ausgedehnten Studienkursus erleiden muß.  Kurz, es muß dem frischen Gedanken der Jugend Gelegenheit gegeben werden, sich in genügendem Umfang geltend zu machen. 
LITERATUR - Robert Tigerstedt, Zur Psychologie der naturwissenschaftlichen Forschung, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 3, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) Vortrag, gehalten in der zweiten allgemeinen Sitzung der Versammlung nordischer Naturforscher und Ärzte zu Helsingfors am 9. Juli 1902