p-4Zukunft der PhilosophieDie Wende der Philosophie    
 
CARL STUMPF
Die Wiedergeburt
der Philosophie

[ 1 / 2 ]

"Wenngleich der ungehemmte Verlauf des Denkens und Wollens bei oberflächlicher Betrachtung die Täuschung erwecken mag, als hätten die organischen Prozesse daran keinen Anteil, so brauchen wir nur einen Blick auf die Störungen des Denkens, Sprechens, Fühlens, Wollens, der ganzen Persönlichkeit zu werfen, mit denen wieder erst die neuere Forschung uns vertraut gemacht hat, um die Vertiefung und Bereicherung zu würdigen, die der Psychologie von der Psychiatrie und Pathologie (und freilich auch umgekehrt diesen Wissenszweigen von einer subjektiv analysierenden Psychologie) zuteil wird. Die alte Frage nach der Verknüpfung zwischen den physischen und den psychischen Vorgängen in der Welt überhaupt, nach Dualismus und Monismus, kann zwar nicht allein auf diesem Weg gelöst werden, da sie außer umfassenden empirischen Kenntnissen auch die schärfste Zergliederung der Begriffe von Kausalität und Substantialität erfordert: aber sie wird durch das Zusammenwirken aller dieser Untersuchungen zweifellos weitergeführt und ist jetzt schon für den Einsichtigen weit über die Phrasen hinausgeführt, mit denen ein großes Publikum sich noch abspeisen läßt. Der Most paßt nicht mehr in die alten Schläuche, weder in die groben des Materialismus, noch in die der feinen Spekulation."

Hochansehnliche Versammlung!
Kollegen! Kommilitonen!

Noch steht neben unserer Universität, des Abbruches gewärtig, der letzte Rest des alte Akademiegebäudes. In dem runden Saal an der Westseite hielt im Winter 1807/08, vor hundert Jahren, FICHTE seine "Reden an die deutsche Nation". Denke man über Jahrhundert-Reminiszenzen sonst wie man will: wir Deutschen tun gut daran, in den gegenwärtigen Zeitläuften uns solche Bilder recht kräftig vor Augen zu stellen. Inmitten eines niedergeworfenen, verzagten Volkes, unter dem Druck fremder Waffengewalt hat der unerschrockene Philosoph den Deutschen das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit, ihrer Würde und Kraft, ihrer Pflichten gegen sich selbst und gegen die Menschheit zurückgerufen. Dem weltfremdesten Idealisten ist es gelungen, seine Nation zu den großen Taten, die sie vollbringen sollte, innerlich vorzubereiten und - wie er es hoffte - "aus diesem Mittelpunkt heraus eine einzige fortfließende und zusammenhängende Flamme vaterländischer Denkart zu entzünden". Das werden wir ihm ewig danken und wenn wir auch wohl manche Überschwenglichkeiten ablehnen, so fühlen wir uns doch heute noch vom Hauch seines Flammengeistes im Innersten ergriffen. Auch er selbst würde, wenn nicht mit allem in unserer gegenwärtigen Kultur, doch mit der Weltstellung seiner deutschen Nation zufrieden sein. Er würde sich ihrer kühnen Unternehmungslust, ihrer Tatkraft auf allen Gebieten freuen. Ja, er würde staunend manches, was er für alle Zeit ausgeschlossen glaubte, wie die Teilnahme am Welthandelt, verwirklicht finden.

In Hinsicht der Wirkung auf unser gegenwärtiges Bewußtsein besteht nun aber ein merkwürdiger Kontrast zwischen FICHTEs sittlicher Gesinnung, wie sie in allen seinen für ein größeres Publikum bestimmten Schriften zum Ausdruck kommt und seiner esoterischen "Wissenschaftslehre". So unmittelbar ergreifend jene, so schwer verständlich, fremdartig, kaum mehr genießbar erscheint uns diese. Man möchte glauben, nicht hundert, sondern tausend Jahre davon getrennt zu sein. Das Nämliche muß aber auch von der Naturphilosophie SCHELLINGs und der HEGELschen Logik gesagt werden.

Dieses rasche Veralten der sogenannten idealistischen Systeme jener Zeit ist nicht etwa eine allgemeine Eigentümlichkeit philosophischer Theorien überhaupt. Denn die Grundsätze der noch ein Jahrhundert älteren LEIBNIZschen Philosophie sind heute noch verständlich, verständlicher vielleicht als zu ihrer Zeit und sie sind großenteils, wenn man von der theologischen Fassung absieht, in den dauernden Besitz der Wissenschaft übergegangen. LEIBNIZsches Erbe, Geist von seinem Geiste durchdringt, wie DUBOIS-REYMOND ausführte und sich noch tiefer begründen ließe, die neuere Naturwissenschaft. LEIBNIZENs Ideen über Substanz und Kausalität, über Freiheit und Determination, über Bewußtsein und Unbewußtes berühren sich mit den fortgeschrittensten Untersuchungen der Gegenwart. Seine Logik ist, wie der Franzose COUTURAT in einem ausgezeichneten Werk dargelegt hat, voll solcher Berührungen, sie steht mitten in der heutigen Bewegung, derart, daß selbst KANT auf diesem Gebiet ganz gegen LEIBNIZ zurücktritt.

Das schnelle Altern der idealistischen Systeme des vorigen Jahrhunderts muß also seine besonderen Gründe haben.

Da nun heute vielfach von einer Wiedergeburt der Philosophie gesprochen und unter diesem Ausdruck von manchen ein Wiedereinlenken in jene verlassenen Bahnen verstanden wird, so gestatten Sie Ihrem neuen Rektor, die Eindrücke und Gedanken über die Tendenz der philosophischen Bewegung seit HEGEL zusammenzufassen, die ihm während vier Dezennien zur Überzeugung geworden sind.

Die Entwicklung der Philosophie im 19. Jahrhundert ist nicht ein stetiges, organisches Fortwachsen einer wissenschaftlichen Gedankenwelt. Zwischen HEGEL und der Gegenwart liegt vielmehr unzweifelhaft eine Katastrophe. Sie ist ziemlich rasch nach HEGELs Tod hereingebrochen. Man sagt mit Recht, sein Prinzip, daß alles in sein Gegenteil umschlagen müsse, habe sich an der eigenen Lehre am deutlichsten bewahrheitet. Vom reinen Gedanken führte sie zum reinen Stoff. LUDWIG FEUERBACH, VOGT und BÜCHNER, MARX und ENGELS, MAX STIRNER: das waren die Neuerer der nächsten Jahrzehnte. Diese unphilosophischen Strömung - denn unphilosophisch ist der Materialismus immer, da er den Augenschein blindlings für wahr nimmt - kam nicht etwa zufällig nach dem absoluten Idealismus, sondern sie entsprang als eine begreifliche Reaktion aus seinen Überspannungen und Verkehrtheiten. Das apriorische Begriffssystem und vollends die dialektische Naturphilosophie in der Zeit eines ALEXANDER von HUMBOLDT, GAUSS, LAPLACE, CUVIER, LAMARCK mußten den schlimmsten Spott hilflos über sich ergehen lassen und die Mißachtung, die sie hervorriefen, kehrte sich gegen die Philosophie überhaupt.

Aber der Tiefstand dauerte nicht lange. Mit Unrecht bezeichnet ein namhafter Historiker die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als ein unphilosophisches, mit Positivismus ausgefülltes Zeitalter, das erst jetzt durch einen neuen Aufschwung abgelöst werde. Der Aufschwung beginnt tatsächlich bereits im sechsten und siebenten Jahrzehnt. Damals betraten LOTZE und FECHNER neue Bahnen. Sie verdankten der idealistischen Philosophie noch gewisse Anregungen. Die Kräfte aber, wodurch sie Neues und Lebensfähiges schufen, erwuchsen dem Mediziner LOTZE, dem Physiker FECHNER aus einer fachmännischen naturwissenschaftlichen Bildung. Beide versuchten diese Kenntnisse mit entscheidendem Erfolg dem der Naturwissenschaft zunächstliegendem Gebiet dienstbar zu machen, der von KANT bis HEGEL vernachlässigten Psychologie. Mit außerordentlichem Scharfsinn dringt namentlich LOTZE von da in alle Tiefen der philosophischen Probleme. Seine Interessen gipfeln nicht in der Psychologie selbst, sondern in der Metaphysik, die ihm aber wieder nur durch die Ethik vollendbar scheint und seine Untersuchungen über das Absolute in der letzten Metaphysik lassen an Kühnheit nichts zu wünschen übrig. Den Positivisten kann man ihn jedenfalls ebensowenig wie den phantastischeren FECHNER beizählen. Wahr ist nur, daß die Wurzeln ihrer Kraft in der von ihnen selbständig weitergeführten und seither noch so viel reicher entwickelten empirischen Disziplin liegen. Von hier aus also, von einer in naturwissenschaftlichem Geist betriebenen Psychologie, kam neues Leben in die Philosophie.

Doch wirkte in gleichem Sinne noch ein anderer Faktor: die Orientierung in der Geschichte der Philosophie, die objektive Erforschung und gesteigerte Wertschätzung früherer Leistungen und besonders die Wiederanknüpfung an KANT. Während des ungestümen Vorwärtsdrängens der Idealisten hatte man sich wenig um historische Untersuchungen gekümmert. Jeder hatte nur an seine unmittelbaren Vorgänger angeknüpft. SCHLEIERMACHER allein begriff in jenem Kreis die Bedeutung einer objektiven geschichtlich-philosophischen Erkenntnis und bereitete durch seine Studien über griechische Philosohie den neuen Aufschwung vor. Seitdem sind uns PLATO und ARISTOTELES wieder Vertraute, Mitlebende geworden. Für HEGEL war die Geschichte wie die Natur nur da, um dialektisch abgeleitet zu werden. Immerhin war er in dieser Hinsicht ganz von historischem Interesse erfüllt und dieses Interesse wirkte in seinen Schülern umso lebendiger nach, als ihnen ja ein Fortschritt über HEGEL hinaus nach den Prämissen des Systems unmöglich erscheinen mußte, also Philosophie mit Geschichte der Philosophie zusammenfiel. Am fruchtbarsten wurde jedoch die historische Richtung bei solchen, die sich vom Zwang des Systems zu befreien wußten und das Historische als Unterlage eines künftigen neuen Aufbaues betrachteten. Diese zugleich rückwärts und vorwärts blickende Forschung fand nun vielfach besonders in KANT den Denker, an dem man sich zu orientieren habe, um aus dem Sturm und Schiffbruch in ein sicheres Boot und ruhiges Fahrwasser zu gelangen. Statt Metaphysik Erkenntnistheorie: damit glaubte man zwischen HEGEL und dem Materialismus den richtigen Mittelweg gefunden zu haben. Den breitesten Einfluß gewannen Schriftsteller, die es verstanden, die kantische Lehre in einer freien Umdeutung mit der naturwissenschaftlichen Richtung zu verbinden, wie F. A. LANGE in seiner "Geschichte des Materialismus". Zu billigen sind freilich solche, immer wieder versuchte, Umdeutungen nicht. Man muß das historische System KANTs, einschließlich seiner Mänge und Unklarheiten, scharf trennen von dem, was man selbst daraus machen zu können glaubt. Nur durch die strengste historische Wahrheit kann auch der philosophischen Wahrheit gedient werden.

Ich muß hier darauf verzichten, die Zeichen einer philosophischen Wiederbelebung im verflossenen Jahrhundert und die daran beteiligten Faktoren weiter ins einzelne zu verfolgen. Ich frage nur: Wie steht es heute? Haben wir den richtigen Kurs oder währt noch ein ungewisses Durcheinander oder bedarf es gar einer völligen Umkehr?

Es ist nützlich, sich bei solcher Fragestellung die Bedürfnisse zu vergegenwärtigen, aus denen Philosophie überhaupt entspringt. Ein Doppeltes hat man allezeit von ihr erhofft. Sie soll zuerst unserem Wissen einen Abschluß geben, indem sie die allgemeinsten Begriffe aller Wissenschaften in einheitlichen Zusammenhang bringt, dabei zugleich methodisch an Genauigkeit und Schärfe das Äußerste leistet. Denn Allgemeinheit in der Sache und Evidenz in der Form sind es, die alle Wissenschaft anstrebt; die Königin der Wissenschaften, wenn sie diesen stolzen Namen beanspruchen will, muß also beide Eigenschaften im Superlativ erstreben. Mit dieser rein theoretischen verknüpft sich aber die praktische Aufgabe: dem Gemüt der dafür Empfänglichen den kräftigsten Halt und tiefsten Antrieb zu gewähren, den überhaupt das bloße Nachdenken über die Welt und ihren Lauf absehen von allen religiösen Gefühlen und Überlieferungen, zu geben vermag. Philosophie soll uns, die dafür Empfänglichen, emporheben über den Dunstkreis der Erde, über die Nichtigkeiten des Alltagslebens, sie soll uns helfen, schwerem Geschick standzuhalten und in Zweifelsfällen den Weg der Pflicht erkennen. Und sie soll dies vollbringen durch eben jene Erhebung des Verstandes, die, bis zu den Grenzen des Erkennens vorschreitende, Schein und Wirklichkeit, Zufälliges und Notwendiges, Zeitliches und Ewiges scheiden und das eine im anderen, aus dem anderen erkennen lehrt.

In diesen beiden Forderungen sehen wir alle ernsthaften Richtungen der Philosophie einig. Aber sie treten sofort auseinander durch die Art, wie sie den ersehnten hohen Standpunkt gewinnen: sie philosophieren entweder auf dem Grund der übrigen Wissenschaften oder unabhängig von ihnen. Das Regiment ist verfassungsmäßig oder es ist autokratisch. Für diesen Unterschied haben wir keine ganz passenden technischen Ausdrücke. Aber die gangbaren Bezeichnungen: Erfahrungsphilosophie und apriorische Philosophie kommen ihm in ihrer Bedeutung wenigstens nahe genug, um hier der Kürze halber dafür gebraucht zu werden.

Die Erfahrungsphilosophie wächst aus den Einzelwissenschaften heraus und bemüht sich, den engsten Anschluß an sie festzuhalten. Sie redet soweit als möglich deren eigene Sprache, folgt den nämlichen Methoden, will nur schrittweise erweitern und vertiefen. Sie erkennt Gegebenes an und läßt Gegebenes entscheiden, dem sich das Denken wohl oder übel anpassen muß, wie die Interpretation einem gegebenen Text, wenn auch Konjekturen im einen und anderen Fall unentbehrlich bleiben. Sie erstrebt so einen relativen Abschluß, wie er nach dem augenblicklichen Stand des Wissens erreichbar scheint. Sie vertraut, daß auch ein solcher relativer Abschluß befreiend und erhebend wirke, daß aus jeder höheren Stufe zugleich neue Lebensantriebe entspringen. Ja gerade die Unabschließbarkeit der Erkenntnis wird tröstlich, beseligend empfunden, da sie das Weiterschreiten der Menschheit gewährleistet und dem Gemüt Freiheit zu unendlichen Ahnungen läßt, während ein definitiver Abschluß, erscheine er zunächst noch so großartig, alsbald eine entsetzliche, unserer ganze Natur vernichtende Schranke darstellen müßte.

Aprioristische Richtungen treten in verschiedenen Formen zu verschiedenen Zeiten auf. Ganz ausgeprägt bietet sie der Idealismus des vorigen Jahrhunderts. Scharf setzt er die philosophische der allgemein-wissenschaftlichen Methode gegenüber. Statt der Töne, die wir eben hörten, schlägt er genau entgegengesetzte an. Seine Melodien steigen von oben nach unten. Es fehlt ihm aber nicht an einem tiefen Grundton, der aus dem Wesen unserer Seele entspringt. Es ist jenes faustische Element, das keiner so wie unser großer Dichter geschildert hat; weshalb denn auch die Faustdichtung ein Lieblingsthema so vieler Anhänger dieser Denkweise geworden ist. Die Sehnsucht nach Vollendung gewinnt die Überhand, verschmäht das langsame Fortschreiten am Stückwerk und versetzt sich in das Wesen der Gottheit, um von da aus das Wirkliche als ein Notwendiges, das Mangelhafte als ein Vollkommenes zu begreifen.

Die Geschichte lehrt uns, welche der philosophischen Bewegung innewohnenden Motive zu dieser Wendung führen konnten. Es war in erster Linie das Fühlen und Wollen, das ungestüm einen Anteil an der Gestaltung der Weltanschauung verlangte. Unser Denken kann entweder rein durch seine eigenen Motive, durch den Zwang der Sache und der logischen Evidenz, geleitet sein oder es kann von vornherein in seinen Überzeugungen durch das Fühlen und Wollen bedingt sein. Kann man auch zweifeln, ob jemals der Standpunkt eines rein sachlichen Denkens vollkommen verwirklicht war, so liegt doch die ausgesprochene Tendenz dazu in der Wissenschaft vor. KANT hatte noch beide Vermögen sorgfältig abgegrenzt. Der Glaube ist ihm keine Erkenntnisquelle. Wie sicher ihm Gott, Freiheit , Unsterblichkeit als Postulate der Sittlichkeit feststehen: unser Wissen und Erkennen wird dadurch nach ihm in keinem Sinne erweitert. Gerade der Umstand, daß er dem Verstand alles über die Erscheinungen hinausgehende Erkennen abspricht, trieb JACOBI und FICHTE zur reinen Gefühls- und Willensphilosophie. FICHTE schreibt schlechthin jede Überzeugung, selbst die von der Existenz unserer Nebenmenschen, dem Gewissen zu. Jedes Wissen ruht ihm auf dem Glauben und das Glauben auf dem Wollen. Das war die entscheidende Wendung, mit der die Entwicklung des deutschen Idealismus begann.

Die Geschichte zeigt aber auch zwei andere Bewegungen in jener Zeit als mitbeteiligt, die zum Verständnis des deutschen Idealismus sehr wesentlich sind: den Aufschwung der Geisteswissenschaften und die gleichzeitige Blüte und Nachblüte der deutschen Dichtkunst. Die Grundlegung der geisteswissenschaftlichen Forschungen in Deutschlang: der Sprachwissenschaft, der Geschichtsforschung, vor allem der Altertumskunde, erfolgte in jener Zeit durch Männer wie WILHELM von HUMBOLDT, NIEBUHR, F. A. WOLF, die ebenbürtig den großen Naturforschern zur Seite traten. Auch begann bereits die liebevolle Versenkung in unsere eigene Vergangenheit, die zu einer deutschen Altertumswissenschaft und Literaturgeschichte führen sollte. Nun erstreben aber die Geisteswissenschaften nicht bloß wie die Naturwissenschaften eine Kenntnis der äußeren Beziehungen ihrer Gegenstände, sondern sie wollen die Entwicklung des geistigen Lebens innerlich nachempfinden lassen, die Vergangenheit in lebendige, gefühlte Gegenwart verwandeln. Daß sie das  können,  ist ihr unvergleichlicher Vorzug, während sie in der Auffindung exakter Gesetze weit hinter den Naturwissenschaften zurückstehen. Ein solches nachfühlendes Erkennen schwebte den deutschen Idealisten als Musterbild allen Erkennens vor, das diesen Namen verdiente. Sie suchten daher auch die Naturerkenntnis ihm gleichzugestalten. Damit war einer ihrer wesentlichsten Grundzüge gegeben. In dieselbe Bahn führte aber auch die durch unsere Dichterheroen und noch mehr durch die Romantiker gepflegte poetisch-pantheistische Weltauffassung, die, aller mathematisch-mechanischen Erklärung abhold, die Natur im Innersten zu erfassen glaubte. Die vielfältigen engen Wechselbeziehungen der idealistischen Philosophen und der gleichzeitigen Poeten sind ja bekannt.

Aber die Philosophie wurde jetzt selbst zu einer Art von Dichtung, zu jener Mischung von Denken und Dichten, die wir als Mystik bezeichnen. Hören wir SCHELLING, so glauben wir PLOTIN und JAKOB BÖHME zu hören, wie er denn selbst diese Verwandtschaft erkannte. Auch aus FICHTE redet durchaus mystischer Geist. Und daß in HEGELs Entwicklung die Mystik eine ganz hervorragende Rolle spielt, daß dieser Zug ihn zuerst von KANT entfernte, geht aus DILTHEYs neuen Untersuchungen zur Jugendgeschichte HEGELs mit Evidenz hervor. Sehr richtig hat darum bereits FRANZ BRENTANO HEGEL mit dem Neuplatoniker PROKLUS und mit NIKOLAUS CUSANUS verglichen. Freilich verlangt HEGEL gegenüber der Philosophie der gärenden Begeisterung eine solche des Wissens, das die kalt fortschreitende Notwendigkeit der Sache selber sprechen lasse. Aber schon die Grundlegung und mehr noch die Ausführung des Systems lehren, daß selbst dieser außerordentliche Mann sich der Grundstimmung seiner Jugend und den angedeuteten Einflüssen nicht entziehen konnte. In seiner späteren Zeit hebt auch er die nahe Verwandtschaft mit BÖHME und dem Theosophen FRANZ von BAADER selbst hervor.

Überall in diesem Kreis zeigt sich denn auch die starke Mitwirkung künstlerischer Elemente. An die Stelle der Beweisführung tritt die ästhetische Gliederung, der ebenmäßige Aufbau, zumal die durchgeführte Dreiteilung, anstelle der sachlich überzeugenden Erläuterung die schwungvolle, bilderreiche Schönheit der Sprache.

Historisch wie psychologisch läßt sich also diese Wendung wohl begreifen. Wir billigen aber auch und bewundern vom wissenschaftlichen Standpunkt die Scheu vor aller populären Oberflächlichkeit, die feinfühlige Schilderung der verschiedenen Stufen des geistigen Daseins, die Vorausahnung geschichtlicher Entwicklungsgesetze. Ja, man kann sogar darauf hinweisen, daß für alles Denken irgendwo die Mystik beginnt. Der mathematisierende SPINOZA, selbst der nüchterne sind nicht frei davon. Man denke nur an ARISTOTELES' erhabene Worte über den göttlichen Verstand im 12. Buch seiner Metaphysik oder an den Schluß der Schilderung seines Übermenschen, des Kontemplativen: "Ein solches Leben wäre höher als nach Menschenart. Denn nicht sofern er ein Mensch ist, wird er so leben, sondern sofern etwas Göttliches in ihm wohnt." Von da ist auch sicherlich durch die neuplatonische Ekstas, die visio beatifica der Scholastiker und SPINOZAs intellektuelle Gottesliebe die Kette bis zu SCHELLINGs intellektueller Anschauung des Absoluten zu verfolgen.

Alles dieses zugegeben, kehrt aber die Frage wieder: Ist es nicht doch richtiger, die Dichtung der Dichtung zu überlassen, in der Philosophie dagegen den von aller Wissenschaft verfolgten Weg soweit nur immer möglich weiter zu verfolgen? Lehrt nicht gerade die Geschichte, daß trotz der Verwandtschaft, die sämliche geistige Lebensäußerungen untereinander verbindet, trotz der Bedeutung der Phantasie für das Denken und des Denkens für die Phantasie, doch ungleiche Entwicklungsbedingungen den Fortschritt der Dichtung und den der Wissenschaft beherrschen? SCHILLER und GOETHE sind einer solchen Katastrophe wie HEGEL verfallen. Reine Wissenschaft und reine Dichtung dauern ewig weiter, nur die prinzipielle Vermischung führt zum Untergang. Muß das Gefühl irgendwo an die Stelle der kühlen Forschung treten, so darf es nur an den Grenzen des Wissens geschehen und diese Grenzen müssen soweit als möglich hinausgeschoben werden; nicht aber darf von Anfang an für die allgemeinste und höchste Wissenschaft ein anderes Organ, eine andere Methode, eine andere Geistesverfassung gefordert werden, wie für alle übrigen. Wie wunderlich, wie unmöglich sind Prätentionen, wie sie etwa folgenden Sätzen SCHELLINGs zugrunde liegen:
    "Zu begreifen ist auch nicht, warum die Philosophie eben zu besonderer Rücksicht auf das Unvermögen verpflichtet sei, es ziemt sich vielmehr, den Zugang zu ihr abzuschneiden und nach allen Seiten hin vom gemeinen Wissen so zu isolieren, daß kein Weg oder Fußsteig von ihm aus zu ihr führen könne. Hier fängt die Philosophie an und wer nicht schon da ist oder sich vor diesem Punkt scheut, der bleibe auch entfernt oder fliehe zurück."

    "Es ist von einer ganz anderen Erkenntnisart, einer völlig neuen Welt die Rede, in die es von der, worin die jetzige Physik ist, gar keinen möglichen Übergang gibt."
Ebenso zweckmäßig kann man dem Haupt vorschreiben, sich gegen den allgemeinen Blutumlauf des Körpers zu isolieren.

Eine notwendige Folge dieser Auffassung des philosophischen Denkens ist der Absolutismus, mit dem z. B. FICHTE sich rühmte, ein System erfunden zu haben,
    "welches in sich selber rein abgeschlossen, unveränderlich und unmittelbar evident, allen übrigen Wissenschaften ihre ersten Grundsätze und ihre Leitfäden gebe und hierdurch allen Streit und Mißverständnis auf dem Gebiet des Wissenschaftlichen auf ewige Zeit aufhebe."
Auch jene dogmatische Unduldsamkeit folgt daraus, die jeden Widerspruch verstummen heißt und den Gegner mit Füßen tritt. Wenn etwa ein Rezensent der Naturphilosophie als Barbar von eingeborener Bestialität gebrandmarkt wird oder wenn einer ganzen Reihe respektabler Kollegen, die sich mit seiner Wissenschaftslehre nicht befreunden konnten, der Rat gegeben wird, sich lieber mit Brillenschleifen, Forstverwaltung oder Viehzucht und nicht mit Philosophie zu beschäftigen, ja, wenn die großen Idealisten sich auch untereinander mehr mit Vorwürfen und bitterem Hohn als mit Gründen bekämpfen, um dann insgesamt wieder von SCHOPENHAUER in derbsten Kraftsprüchen abgefertigt zu werden: so liegt das nicht bloß an zufälligen gemeinsamen Temperamentseigenschaften, sondern am ganzen Habitus des Denkens, auf den sie von Anfang an eingestellt sind, der eine Verständigung, Teilung der Arbeit, Berichtigung des einen durch den anderen und gegenseitige Anerkennung solcher Berichtigungen grundsätzlich ausschließt. Grundsätzlich, sage ich: denn tatsächlich finden sich ja leider Übelstände hierin auch in anderen Lagern.

Daß nun im Staate der Wissenschaft solche Grundsätze selbst Königen nicht zugebilligt werden können, steht außer Zweifel. Sie sind aber die unausbleiblichen Begleiter auf em einmal eingeschlagenen Weg und finden sich darum in allen ähnlichen Zeiten ebenso regelmäßig wie jene dreigeteilte (bei manchen auch viergipflige) Pulskurve des Systems, die als untrügliches Symptom einer mystisch erhöhten Denktemperatur gelten kann. An den Vergewaltigungen der Wirklichkeit, die solche Schematisierungen mit sich bringen, geht jedesmal nicht die Wirklichkeit, sondern das System zugrunde.

Somit folgt, daß von den beiden Wegen der Philosophie der erfahrungsmäßige (in dem angegebenen weiteren Sinn) allein zu einer gedeihlichen Fortentwicklung führen kann, daß aber auch von den zwei psychologischen Verhaltensweisen die der Priorität des Verstandes für die Philosophie in Kraft bleiben muß. Das größere Gewicht mag dabei immer auf der Erhöhung des Gefühlslebens liegen und ich denke nicht daran, einer Verherrlichung des bloßen Wissens das Wort zu reden. Aber die Zeitfolge, das Bedingungsverhältnis dürfen nicht vertauscht werden, solange von Wissenschaft die Rede ist. Die Verschiebung dieses Verhältnisses können wir als heilsame, dem Fortschritt der Philosophie dauernd dienliche nicht anerkennen und würden uns gegen jede Umkehr in diesem Sinne wehren.

Es ist nur ein Punkt, der hier noch der Diskussion bedarf: die Frage, ob der Philosoph seinen Ausgang zweckmäßiger von den Naturwissenschaften oder von den Geisteswissenschaften nehme. Durch die heutige Philosophie geht in dieser Hinsicht eine Spaltung, die nicht ohne Einfluß auch auf die Beurteilung jener konstruktiven Systeme bleibt. Viele verwerfen wohl ihren Absolutismus und ihre ganze Methode, halten aber wenigstens fest, daß die Erforschung der höchsten Gesetze und Normen des geistigen Lebens, als die Hauptleistung der Philosophie, nur auf dem Grund der Geisteswissenschaften gelingen könne.

Ich möchte vor allem für wichtig halten, daß der Philosoph  irgendein  Handwerk gelernt und geübt, d. h. sich auf irgendeinem konkreten Gebiet, sei es nun der Geistes- oder der Naturwissenschaften, selbsttätig versucht habe. Er muß die Leiden und Freuden der Einzelforschung am eigenen Leib kennen gelernt, er muß durch positive Leistungen sich das Recht, mitzureden, erkämpft haben und er muß die Sprache der Wissenschaften beherrschen, die er zu meistern gedenkt.

Aber ich betrachte doch auch speziell eine umfassende naturwissenschaftliche Bildung als unentbehrlich für jeden, der es nicht auf besondere Zweige der Philosophie, wie etwa Rechts- oder Kunstphilosophie, sondern auf die Gewinnung einer befriedigenden Weltauffassung abgesehen hat. Ein solcher muß in Mathematik und Naturwissenschaften aufgewachsen und von ihrem Geiste wie ihrem Stoff erfüllt sein. FICHTE, SCHELLING, HEGEL, aber auch SCHOPENHAUER, standen der Naturforschung ihrer Zeit bei aller darauf gerichteten Bemühung doch innerlich fremd gegenüber. Sie waren nicht darin aufgewachsen und versuchten nur nachträglich, Begriffe, Denkformen ganz anderen Ursprungs dem Naturgebiet aufzudrängen. Daran mußten sie scheitern. Dagegen stand LEIBNIZ in engster Fühlung mit den großen Fortschritten der Mathematik und Naturforschung seiner Zeit, ja er hat sich als einer der Größten daran beteiligt. Aus diesem und keinem anderen Grund ist LEIBNIZ heute noch lebendig. Daß er zugleich Theologe, Historiker, Jurist und Politiker war, gab seinem System die ungeheure Spannweite: aber die Tragkraft und Stabilität hat es von den Fundamenten sowie den architektonischen Grundsätzen, die seinem Schöpfer durch die mathematisch-naturwissenschaftliche Schulung zur anderen Natur geworden waren.

Indem ich auf eine solche Schulung des Philosophen dringe, möchte ich selbstverständlich nicht behaupten, daß Geisteswissenschaften, wie die Philologie oder die Jurisprudenz, innerhalb ihrer Sphäre nicht gleichfalls Musterbeispiele exakten Denkens, scharfer Begriffsbildung und zwingender Beweisführung lieferten. Ich halte auch keineswegs dafür, daß ihre Methode der Begriffsbildung oder des Schließens einen grundwesentlichen Unterschied gegenüber den Naturwissenschaften aufweise. Wenn es sich also nur um die formelle Schulung handelte, würde ich die Hilfe der Naturforschung nicht in diesem Maße betonen. Aber sie verschafft  sachliche  Anknüpfungspunkte für die Behandlung der Weltanschauungsfragen, die, wie nun einmal die Dinge heute liegen, nicht durch eine bloß dilettantische Kenntnisnahme zu bewältigen sind, bei eindringendem Studium aber reiche Ausbeute verheißen. Die Hauptlinien des Fortschrittes liegen eben in dieser Richtung. Es sei mir gestattet, dies an wenigen Beispielen zu erläutern.

Schon die allgemeinsten mathematischen Ideen sind heute in einer Umwandlung begriffen, die die höchste Aufmerksamkeit des Philosophen herausfordert. Die Frage nach dem Ursprung der mathematischen Axiome, deren Wichtigkeit für die Erkenntnislehre bereits LEIBNIZ und KANT durchschauten ist durch die Mathematik selbst in einer ungeahnten Richtung fortgebildet worden. Aber es ist den Mathematikern bisher nicht gelungen, diese Neubildungen in den Rahmen der allgemeinen Erkenntnisprobleme befriedigend einzufügen, sie zu den Begriffen von Erfahrung und apriorischer Erkenntnis, zu denen wir von anderen Seiten unweigerlich geführt werden, in einleuchtende Beziehung zu setzen: sie sind eben ihrerseits wieder nicht in der Erkenntnistheorie aufgewachsen. Nur ein mit beiden Gebieten gleichmäßig vertrauter Denker könnte diese Aufgabe definitiv lösen und sie  muß  einmal gelöst werden. Weitere Berührungen bietet der Ursprung des Zahlbegriffes, den KANT sicher mit Unrecht in der Zeitanschauung suchte, die CANTORsche Mengenlehre, die unter anderem die Frage nach dem aktuell Unendlichen von neuem aufrollte, ferner die Wahrscheinlichkeitslehre, deren korrekte Ausdeutung für die logische Theorie der Beobachtung wie der Induktionsschlüsse entscheidend wird, endlich die ganze Methodik des deduktiven Schließens, dessen logische Struktur nirgends an gleich vollendeten Beispielen wie in der Mathematik untersucht werden kann.

Aber auch unsere Vorstellungen von den Naturkräften und ihren Trägern sind durch die neuere Physik und Chemie durchgreifender Veränderung unterzogen. Die für LOTZE und FECHNER noch unumstößliche Atomistik mit ihren Fernkräften, von FECHNER in einer seiner geistvollsten Schriften verteidigt, in WILHELM WEBERs klassischen Vorlesungen der Zielpunkt aller Schlußfolgerungen, sie ist wankend geworden. Die ganze anschaulich mechanische, auf Gesichtsvorstellungen begründete, Auffassung der Körperwelt scheint einem elektromagnetischen oder einem sonstigen sehr abstrakten Begriffssystem Platz zu machen. Ausdehnung ist längst nicht mehr Merkmal des Körpers, Masse ein bloße Verhältnisbegriff. Für die Grundgesetze der Bewegungslehre werden Verallgemeinerungen erstrebt, die die bisher allgemeinsten Merkmale des Körperlichen nur als besondere Fälle erscheinen lassen. Die Frage nach dem Wesen der Materie ist aufs neue entbrannt und wunderbare Entdeckungen schüren die Flamme. Aus der Erhaltung der Energie werden Schlüsse auf das Verhältnis von Leib und Seele gezogen, aus der Vermehrung der Entropie [Maß für Unordnung, bzw. Grad der Unumkehrbarkeit eines Vorgangs - wp] Schlüsse auf das künftige Schicksal der ganzen materiellen Welt. Erde und Himmel tun sich auf, dem wißbegierigen Menschengeist ihre Geheimnisse zu offenbaren. Wie dürfte da der Philosoph interesselos, verständnislos zur Seite stehen?
LITERATUR - Carl Stumpf, Die Wiedergeburt der Philosophie, Rede zum Antritt des Rektorats der Königlichen Friedrich-Wilhems-Universität in Berlin am 15. Oktober 1907, Leipzig 1908