p-3Die deutsche Ideologie
 
ADAM SCHAFF
Über die Notwendigkeit
marxistischer Sprachforschung

Unscharfe Ausdrücke
Die vollkommene Sprache
über Allgemeine Semantik
Die Widerspiegelungstheorie
"Die semantische Philosophie ist im Lichte ihrer zentralen These, die die objektive Wirklichkeit aus dem Blickfeld und Interessenkreis der Philosophie ausschaltet, eine moderne Abwandlung des subjektiven Idealismus."

Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Problem der Sprache eines der zentralen, wenn nicht geradezu  das  Zentralproblem der nichtmarxistischen Philosophie des 20. Jahrhunderts geworden ist. Der Fragenkreis, den wir in der marxistischen Kritik mit dem Namen "semantische Philosophie" abtun, ist - gegen allen Schein - eine äußerst komplexe und vielschichtige Erscheinung.

Zum Beweis dieser These genügt es, zumindest auf solche philosophischen Richtungen hinzuweisen, wie den vom Neukantianismus abhängigen Symbolismus der CASSIRER-Schule, den im Positivismus verankerten logischen Empirismus des Wiener Kreises, den dem englischen Empirismus und zugleich dem Platonismus verpflichteten logischen Atomismus RUSSELLs und seiner Schule, die an den späten WITTGENSTEIN anknüpfende linguistische Philosophie der modernen Oxford-Schule, die an BRENTANO und zugleich an den Positivismus anschließende Richtung der semantischen Analyse der LEMBERG-Warschauer Schule usw. usw.

Ich habe hier nur auf einige im engsten Sinne des Wortes philosophische Strömungen hingewiesen und die mannigfaltigen Tendenzen in der Logik, Ästhetik, Soziologie usw. unberücksichtigt gelassen, die einen ausgesprochenen linguistischen Charakter haben. Wenn man diese unzweifelhaften und beredten Tatsachen in Betracht zieht, läßt sich nicht einfach die These von SUSANNE LANGER verwerfen, die in ihrem Buch "Philosophy in a New Key" behauptet, der Symbolismus sei das neue, dominierende Thema der modernen Philosophie geworden und habe si von Grund auf umgewandelt.

Der rationale Kern dieser These wird verständlicher, wenn wir die imponierende Menge der Publikationen, die sich von dieser oder jener Seite mit der philosophischen Problematik der Sprache befassen, nicht nur unter quantitativem Aspekt betrachten.

In den letzten Jahrzehnten ist ein wahres Meer von Tinte ausgegossen worden, um die Sprachproblematik zu analysieren; eine unübersehbare Fachliteratur ist entstanden, die sich praktisch gar nicht mehr bewältigen läßt, und immer wieder treten neue Wissenschaftsgebiete und -zweige auf den Plan, die diese Fragen von einer neuen Seite aufwerfen. Aber dieser quantitative Aspekt ist hier nicht das Entscheidende.

Die Sprachproblematik ist ken Novum in der Geschichte der Philosophie. Auf ihre Bedeutung wiesen im Altertum die Inder und Chinesen hin, und in der griechischen Philosophie spielte sie eine wesentliche Rolle. Sie durchzieht die ganze Geschichte der Philosophie, bildet das Thema der Untersuchungen über die Unzuverlässigkeit der Sprache für die menschliche Erkenntnis. Aber die "Eruption" der linguistischen Problematik innerhalb der Philosophie des 20. Jahrhunderts hing mit einer Reihe von Ursachen zusammen, die die Rolle der Linguistik in der modernen Philosophie quantitativ und qualitativ völlig veränderten und ihr einen neuen Platz zuwiesen.

Es liegt nicht in meiner Absicht, dieses Problem hier erschöpfend zu analysieren; meine Bemerkungen beanspruchen weder ein vollständiges Bild, noch, in Anordnung und Reihenfolge, die dem Problem entsprechende Hierarchie wiederzugeben. Ich zähle hier einfach die Faktoren auf, die meiner Meinung nach bei dieser Umwälzung eine größere Rolle gespielt haben.

Wir beginnen mit den an der letzten Jahrhundertwende entdeckten Antinomien der Mengentheorie und den semantischen Paradoxa. Die Paradoxa des Typus "die Klasse der Klassen, die nicht ihr eigenes Element sind" (das RUSSELsche Paradoxon) oder des Typus "der Lügner" (Paradoxon des EUBULIDES) schienen die Grundlagen der formalen Logik und der Arithmetik zu bedrohen, weil diese Paradoxa in diesen Wissenschaften scheinbar unlösbare Widersprüche enthüllten.

Die Wissenschaft stand vor einer Alternative: entweder mußte man das überkommene System der Logik verwerfen oder aber die Ursache des Fehlers ergründen, durch den die verschiedenartigsten Antinomien entstanden waren. Es liegt auf der Hand, daß die Bemühungen in der letzten Richtung gingen. Sie zeitigten ein konkretes Resultat: Es gelang zu beweisen, daß in beiden Fällen die Antinomien (der Mengentheorie und die semantischen Antinomien) das Ergebnis eines unzulässigen Sprachgebrauchs waren (es handelte sich um den Gebrauch solcher Wörter wie "jeder", "alle" usw. und um die Unterscheidung zwischen der Sprache,  von der  man spricht und der Sprache,  in der  mat etwas sagt).

Diese Entwicklung wurde zur Grundlage der Sprachanalysen sowie der Entwicklung der symbolischen Apparatur, die unrichtigen, fehlerhaften Sprachgebrauch verhindern sollte. Das, was besonders die Logiker in dieser Hinsicht geleistet haben (die Entdeckung verschiedener Typentheorien, der Theorie der semantischen Kategorien u.a.m., welche durch entsprechende Beschränkung des Sprachgebrauchs die Mehrdeutigkeit der Kategorien der Umgangssprache überwanden und somit die Möglichkeit der Entstehung von Antinomien des oben beschriebenen Typus verhinderten), ist eine bleibende Errungenschaft der Wissenschaft und sollte von manchen irrigen philosophischen Interpretationen und Verallgemeinerungen dieser Entdeckungen genau unterschieden werden.

Doch das allgemeinste und wertvollste Ergebnis dieser Analysen war die Feststellung, daß  die Sprache nicht nur das Werkzeug philosophischer Forschung, sondern auch ihr Gegenstand  ist. Diese Entdeckung war meiner Meinung nach für den "Aufstieg" der Sprachproblematik in der Philosophie des 20. Jahrhunderts entscheidend; jedenfalls aber steckt gerade hier der rationale Kern dieses "Aufstiegs".

Für den neuen Platz und die neue Rolle der Sprachproblematik in der Hierarchie der philosophischen Probleme waren natürlich auch andere Faktoren mitbestimmend, die zu diesem "Aufstieg" beitrugen.

Zu diesen Faktoren gehörten zweifellos die Veränderungen, die damals in den Naturwissenschaften vor sich gingen. Die Revolutionierung bestimmter Begriffe dieses Wissenschaftszweiges - deren bestes Beispiel die Wandlungen im Begriffsapparat der klassischen Physik waren, hervorgerufen durch die Relativitätstheorie und die Quantenmechanik - veranlaßte die Naturwissenschaftler und Philosophen, sich über die Bedeutung der Präzision der Begriffsapparatur für die naturwissenschaftliche Theoriebildung Gedanken zu machen.

Diese Reflexion über die Bedeutung der wissenschaftlichen Sprache bei der Formulierung einer Theorie - in Fällen von Termini wie z.B. "gleichzeitig" im klassischen Wortverstand und im Sinn der Relativitätstheorie - führte durch die Übertreibung und Verabsolutierung dieser Rolle zum  Konventionalismus (1) (die Linie BOUTROUX-POINCARÈ-DUHEM) und in der weiteren Konsequenz zum radikalen Konventionalismus.

Es gab jedoch noch einen anderen und bemerkenswerteren Weg, auf dem die Problematik der Naturwissenschaften ihr Teil zur Erhöhung des allgemeinen Ranges der philosophischen Sprachforschung beitrug. Die Abneigung der Naturwissenschaftler gegen die rein verbale metaphysische Problematik kam der Sprachforschung zugute. Man muß die Absichten, von denen sich die Naturwissenschaftler oft leiten ließen, deutlich von ihren nicht besonders glücklichen Ergebnissen unterscheiden; sie fielen durch die einfache Verneinung der Philosophie - wovor ENGELS bekanntlich gewarnt hatte - gerade der schlechtesten Philosophie in die Hände.

Vergessen wir nicht: An der Wiege der subjektiv-idealistischen Metaphysik des Neopositivismus stand die Forderung, die Naturwissenschaftler und Vertreter der exakten Wissenschaften (sie waren es doch vor allem, die zu den Gründern und Verfechtern des Neopositivismus gehörten) sollten die auf reinem Verbalismus beruhende Metaphysik HEIDEGGERs und seinesgleichen bekämpfen. Die Linie PEIRCE-BRIDGEMAN-SCHLICK, welche die These vertritt, die Bedeutung eines Wortes sei durch die Methode ihrer Überprüfung konstituiert (man darf PEIRCE hier nicht mit JAMES verwechseln und identifizieren, der PEIRCEs Definition der Bedeutung vulgarisierte, indem er sie in eine Definition der Wahrheit umwandelte), will durch Reflexion über die Sprache Sinnvolles von Sinnlosem unterscheiden (dabei geht es um rein verbale und nicht überprüfbare Ausdrücke) und schließlich die mit nicht überprüfbarem Verbalismus identifizierte Metaphysik zurückweisen.

Eine andere Frage ist es allerdings, ob die Urheber dieser ehrenwerten Postulate nicht selber der Metaphysik verfallen sind. Um jedoch das historische Bild nicht durch Simplifizierung zu trüben, ist es notwendig, die Intentionen und gesunden Gedanken, die ähnlichen Unternehmen zugrunde liegen, von den nicht allzu glücklichen Resultaten deutlich zu unterscheiden. Jedenfalls gingen auch von den Naturwissenschaften wichtige Impulse aus, durch die die Sprachanalyse innerhalb der philosophischen Forschung an Bedeutung gewann.

Aber auch von den Gesellschaftswissenschaften kamen solche Anregungen.

War das doch die Zeit, in der die Ethnologie und die sogenannte Sozialanthropologie die Rolle der Sprache und mehr, des Symbolismus, im gesellschaftlichen Leben in den Vordergrund stellten. Die Rolle des Symbolismus in den Religionen und Mythen der sogenannten primitiven Völker wurde erforscht. Aber von ungleich größerer Bedeutung waren hier die Untersuchungen über die Sprachsysteme dieser Völker und den Einfluß verschiedener Sprachsysteme auf die Denkweise, das Weltbild.

Beleuchtet wurde dieses Problem durch die Untersuchungen LEVY-BRUHLs und MALINOWSKIs über die Fähigkeit oder Unfähigkeit dieser Sprachen, die Welt abstrakt zu erfassen. Die äußerst große Bedeutung dieser Untersuchungen wird jedoch erst durch die Hypothese von SAPIR-WHORF offenkundig, daß das Weltbild vom Sprachsystem abhängt, das seinerseits das Produkt eines bestimmten Milieus und der mit diesem zusammenhängenden Lebensbedingungen ist.

Diese Hypothese, die von größter philosophischer Tragweite ist, wurde auf der Basis der Sprachen amerikanischer Indianerstämme aufgestellt und bis zum heutigen Tage ausschließlich durch die Amerikanistik weiterentwickelt. Einige Untersuchungen werden zur Zeit über die chinesische Sprache angestellt.

Man muß hier auch das wachsende Interesse der Soziologen für die Problematik der Sprache als eines Werkzeugs der gegenseitigen Verständigung zur Kenntnis nehmen. Insbesondere handelt es sich dabei um eine effektive Verständigung. Damit ist gemeint, daß die beiden sich verständigenden Seiten im Endergebnis der Kommunikation nicht nur die Wortbedeutungen begreifen, sondern auch einander von der Richtigkeit ihrer Behauptungen überzeugen.

Was - von der Sprache her - einer solchen Verständigung günstig und was ihr hinderlich ist - das ist das rationale Problem der sogenannten allgemeinen Semantik (die Schule KORZYBSIKIs), die manchmal ohne allen Grund mit der logischen Semantik verwechselt wird. Und auch in dieser Richtung, die von exaktem wissenschaftlichen Denken weit entfernt ist und darum zu Recht von verschiedenen Seiten angegriffen wird, ist ein bestimmter rationaler Gedanke enthalten, der die Bedeutung der Sprache für den Erkenntnisprozeß und folglich auch der philosophischen Erörterungen über die Sprache unterstreicht.

Dieser Gedanke hängt mit den Untersuchungen über die Theorie der Propaganda zusammen, was den gesellschaftlichen Erfolg der sogenannten allgemeinen Semantik zu jener Zeit erklärt, als der Hitlerfaschismus in der Praxis zeigte, welch mächtige und gefährliche Waffe die bewußt ausgenutzte Propaganda sein kann.

Schließlich muß noch auf die Entwicklung der mathematischen Linguistik und der Informationstheorie hingewiesen werden, die der Sprachforschung mit Hilfe der Methoden der exakten Wissenschaften die Wege ebneten und neue Perspektiven nicht nur für die sprachwissenschaftliche Forschung eröffneten, sondern auch für die philosophische Beurteilung der Rolle der Sprache bei der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Wie schon gesagt, erhebt die obige Analyse weder den Anspruch auf Vollständigkeit, noch auf eine richtige Hierarchisierung der besprochenen Faktoren. Es ging nur darum zu verdeutlichen auf welchen Wege die These von der Sprache als Gegenstand der philosophischen Forschung sich durchsetzte und allgemeine Anerkennung fand.

Von dieser richtigen und fruchtbaren These zur völlig irrigen, daß die Sprache der  einzige  Gegenstand der philosophischen Forschung sei, ist es nur ein Schritt: Diese Auffassung wird von der sogenannten  semantischen Philosophie  verfochten. Gegen diese Richtung wendet sich die marxistische Kritik in ihrer ganzen Schärfe, und zwar zu Recht. Wenn diese Kritik aber ihre Wirkung nicht verfehlen, wenn sie den Kern der Sache treffen und überzeugend wirken soll, müssen zumindest zwei Bedingungen erfüllt werden: Die Kritik muß konkret und darf nicht nihilistisch sein.

Die Konkretheit der Kritik deckt sich mit dem Postulat einer genauen Kenntnis ihres Gegenstandes. Diese Kenntnis muß die Orientierung in den einzelnen Teilen des komplizierten Ganzen und einen Einblick in die Spezifik dieser Teile ermöglichen. Die semantische Philosophie ist im Lichte ihrer zentralen These, die die objektive Wirklichkeit aus dem Blickfeld und Interessenkreis der Philosophie ausschaltet, eine moderne Abwandlung des subjektiven Idealismus.

Bei ihren radikalen Vertretern gipfelt sie im semantischen Solipsismus. Überdies handelt es sich um eine besonders gefährliche und bösartige Spielart des Idealismus, die sich durch ihren vermeintlichen Neutralismus gegenüber dem Grundproblem der Philosophie und durch die Pseudogelehrtheit ihrer formalisierten Sprache tarnt. Hier ist die allerschärfste Kritik von seiten der marxistischen Philosophie nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu geboten.

Aber auch die schärfste Kritik darf weder vulgarisieren noch simplifizieren. Die falsche philosophische Interpretation bestimmter Probleme muß einer Kritik unterzogen werden, nicht die Probleme selbst - sofern diese real sind, sofern sie irgendwelche tatsächlichen Schwierigkeiten und die sich daraus ergebenden Fragen widerspiegeln. Auf jedem Wissensgebiet ist es vonnöten, die wissenschaftlichen Probleme von deren fehlerhaften Lösungen oder Ausdeutungen genau zu unterscheiden. Das gilt für die Naturwissenschaften sowohl wie für die Gesellschaftswissenschaften.

So gibt es denn auch nichts Verkehrteres, als z.B. die Problematik der logischen Semantik zu verwerfen, weil sie der semantischen Philosophie als Ausgangspunkt einer irrigen Interpretation diente, oder auch das Problem der aktiven Rolle der Sprache bei der Herausbildung unserer Weltansicht abzutun mit der Begründung, daß der Konventionalismus darin seinen Nährboden finde, usw. usw.

Eine konkrete Kritik erfordert, nicht im Allgemeinen zu verbleiben, sondern konkret das zu beanstanden, was kritisiert und verworfen werden muß - ohne dabei richtige Probleme und Lösungen über Bord zu werfen. Eine konkrete Kritik erfordert, daß man sich vor der echten wissenschaftlichen Problematik nicht fürchtet, auch dann nicht, wenn sie in ein falsches System von Anschauungen eingebettet ist; sie erfordert ferner, daß man das Aufspüren einer solchen Problematik nicht als eine negative Erscheinungsform des Objektivismus auslegt.

Der Entwicklungsgang der Wissenschaft ist viel komplizierter, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, und die wirklichen Aufdeckungen wissenschaftlicher Probleme sind nicht das ausschließliche Privileg der einwandfreien Anschauungen und wahren Systeme. Der Fortschritt der Wissenschaft verlangt auch, die Probleme überall da, wo sie in Erscheinung treten, aufzugreifen und zu sammeln, denn für die Entwicklung der Wissenschaft ist die Aufdeckung eines Problems von hohem Wert auch dann, wenn man es nicht sogleich richtig zu lösen vermag (eine solche Situation ist eher die Regel in der Geschichte der Wissenschaft).

Wer das nicht versteht und unfähig ist, das rote Blütenblättchen der Wahrheit im Kelch einer weißen Blume zu entdecken, verarmt sich selbst, verengt den Horizont seines Denkens und die Möglichkeiten seiner Entwicklung; dabei überläßt er die echte Problematik seinen Gegnern. Obendrein schwächt er seine Position im Kampf um die Gesinnung der Menschen. Denn normalerweise folgt niemand denen, die die brennenden Probleme übersehen oder schlicht negieren.

Gerade in diesem Punkt verbindet sich die Forderung nach Konkretheit mit dem Postulat, es zu keiner nihilistischen Kritik kommen zu lassen. Es geht nämlich nicht nur darum, daß man das Korn von der Spreu trennt, um die echte wissenschaftliche Problematik herauszusondern (auch dann, wenn sie sich hinter dem Nebel der kritisierten irrigen Anschauungen verbirgt), sondern es geht auch darum, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und ihr eine neue, eigene Lösung zu geben, die richtiger ist als die der Kritik unterzogene.

Bei dieser Kritik spielen immer verschiedenen Gesichtspunkte und Gründe mit, wobei es nicht zuletzt auch darum geht, den Gegner bzw. Menschen mit schwankender Haltung zu überzeugen. Und wieder taucht hier die Frage nach der Wirksamkeit der Kritik auf, nach den Erfolgsbedingungen im ideologischen Kampf.

Denn man muß immer das Ziel seiner Kritik im Auge behalten. Es geht dabei auch um die eigenen Anhänger, Menschen, die von der Richtigkeit unseres Standpunktes überzeugt sind, denen oft eine Erklärung, bzw. eine Andeutung genügt, warum wir die Ansichten des Gegners für fehlerhaft halten. Aber bei der Kritik handelt es sich nicht nur um diesen Adressaten und nicht einmal vor allem um diesen. Wir können doch nicht auf die Möglichkeit verzichten, Menschen anderer Anschauungen oder Unentschiedene zu überzeugen, die den Streit beider Seiten mit Spannung verfolgen.

Um solche Menschen überzeugen zu können, genügen weder deklarative Feststellungen noch kräftige Worte über den Gegner. Hier tut vor allem eine sachliche Argumentation not. Um hier Widerhall zu finden, müssen wir den Standpunkt des Gegners sachlich darlegen, und zwar so, daß wir dem eventuellen Vorwurf entgehen, wir hätten diesen Standpunkt entstellt oder mißverstanden; und es gilt dabei, die echte Problematik herauszuholen, die in den kritisierten Anschauungen enthalten ist. WIr müssen gerade diejenigen, die auf der Suche nach der eigenen Problemlösung noch keinen entscheidenden Standpunkt eingenommen, sich für keine der streitenden Seiten ausgesprochen haben (und das ist gewöhnlich die überwiegende Mehrheit), nicht nur davon überzeugen, daß wir wissenschaftlich an die Analyse des gegnerischen Standpunktes herangehen, sondern auch, daß wir die darin enthaltene Problematik trotz schärfster Kritik an deren Lösung nicht aus dem Auge verlieren.

Eine Kritik, die nach diesen Grundsätzen durchgeführt wird, verliert nichts an Schärfe und Prinzipientreue, sie wird durch die Objektivität der Haltung keineswegs objektivistisch, gewinnt aber durch ihre Sachlichkeit an Überzeugungskraft. Eine Kritik, die sich von diesen Prinzipien leiten läßt und effektiv sein will, sollte nicht nur die echte Problematik, die in den bemängelten Anschauungen beschlossen liegt, zutage fördern, sonder auch eine  neue, eigene  Lösung dieser Probleme bringen.

Denn nur dann, wenn wir den irrigen Ansichten bessere gegenüberstellen, die sich aus unserem Standpunkt ergeben, beweisen wir dessen Überlegenheit. Dadurch können wir den Überzeugungen des denkenden Gegners den entscheidenden Anstoß versetzen und den denkenden Zuhörer, der seinen Standort noch nicht bezogen hat, ganz zu uns hinüberziehen.

Das hier Dargelegte wendet sich gegen einen bestimmten Stil der Kritik an der Richtungen der bürgerlichen Philosophie. Dieser Stil gehört zu den leider bei uns immer noch nicht überwundenen Fehlern der Vergangenheit. Man muß klar und deutlich über diese Fehler sprechen, wenn wir den Aufgaben, die wir im Rahmen der philosphischen Sprachproblematik zu bewältigen haben, unser Augenmerk zuwenden.

Es liegt auf der Hand, daß eine Kritik, die unbestimmt, ohne jede konkrete Analyse die semantische Philosophie überhaupt angreift, die keine Unterschiede zwischen den einzelnen Richtungen macht und an ihrer spezifischen Problematik vorbeisieht, also im Endergebnis das Kind mit dem Bade ausschüttet, fehlerhaft und nicht überzeugend ist.

Was soll die ständig sich wiederholende Gleichsetzung, dieses Schlagen über einen Leisten z.B. eines STUART CHASE und KORZYBSKI auf der einen, und eines TARSKI und CARNAP auf der anderen Seite? Wenn es uns jedoch tatsächlich darum geht, jemanden aus einem anderen Lager zu überzeugen, verlieren wir durch einen so auffallenden Mangel an Differenzierung sogleich unsere Schlacht, und da helfen die schärfsten Worte und Schimpfreden, mit denen wir unsern Gegner überschütten, auch rein gar nichts. Denn wer wollte wohl die Argumente von Leuten ernst nehmen (sie mögen dabei nicht unrichtig sein), die in ihrer ganzen Kritik in offenkundiger Weise eine völlige Ignoranz an den Tag legen!

Was hilft die hartnäckige Leugnung jeglicher Werte der Sprachproblematik für die Philosophie, wenn gleichzeitig marxistische Logiker und Linguisten mit vollen Händen aus ihr schöpfen? Schwächt denn das nicht die Wirkung unserer Kritik? Ist ihre Schärfe nicht eine Pseudoschärfe?

Bei all diesen Erörterungen schwebte uns deutlich  ein  Ziel vor Augen: Zu zeigen, daß man nicht im Namen der Prinzipientreue und Effektivität der marxistischen Kritik an der sogenannten semantischen Philosophie die durch diese Philosophie aufgeworfene Problematik in nihilistischer Weise verwerfen darf, wenn diese Problematik real ist - daß man aber, bei Unterscheidung der realen Problematik von ihrer fehlerhaften philosophischen Interpretation, an diese reale Problematik vom marxistischen Standpunkt aus herangehen soll im steten Bemühen um ihre neue, philosophisch richtige Lösung.

Für die marxistische Auseinandersetzung mit einer Problematik, die lange das Monopol der sogenannten semantischen Philosophie war, spricht jedoch nicht nur das Bedürfnis, sich der bürgerlichen Philosophie entgegenzustellen, sondern - und in nicht geringerem Maße - die Notwendigkeit der Entwicklung und Vertiefung der eigenen Forschung, besonders auf dem Gebiet der marxistischen Erkenntnistheorie.

Es genügt, sich hier auf den Standpunkt LENINs zu berufen, der in seinen Skizzen  Über die Dialektik  das Programm einer marxistischen Erkennentnistheorie entwirft, u.a. auf der Grundlage der Sprachgeschichte. Es ist doch völlig einleuchtend, wenn man - im Einklang mit der materialistischen Analyse des Erkenntnisprozesses - das Denken, das menschliche Bewußtsein, als  sprachliches  Denken als Sprachdenken faßt (MARX stellte die These auf, daß "die Sprache Bewußtsein für mich und für andere ist), daß jegliche Analyse des Denkprozesses gleichzeitig eine Analyse der Sprachprozesses, ohne den das Denken einfach unmöglich ist, sein muß.

Wenn man auf dem Boden der marxistischen Dialektik steht, ist die Vernachlässigung der philosophischen Problematik der Sprache, von der der gegenwärtige Stand der marxistischen Philosophie Zeugnis ablegt, schwer begreiflich und aus verschiedenen Gründen kaum verzeihlich - aber dennoch erklärbar. Denn die falsche Auffassung von den Aufgaben und Methoden der Kritik an der bürgerlichen Philosophie die nihilistische Auffassung dieser Kritik, hat nur deshalb zur Verwerfung der echten und notwendigen philosophischen Problematik geführt, weil der ideologische Gegner diese gefördert und manchmal sogar monopolisiert hat.

Er hat idealistische Spekulationen entwickelt aufgrund einer falschen idealistischen Interpretation und Lösung dieser Probleme. Was würde nur MARX zu einer solchen Verfahrensweise sagen, der in seinen  Thesen über Feuerbach  aufwies, daß es bisher der Idealismus war, der die tätige Seite bei der menschlichen Erkenntnis entwickelt hat. MARX wollte damit nicht leugnen, daß diese Problematik zu Recht besteht, sondern im Gegenteil auf ihre Bedeutung hinweisen und das Problem der Praxis (die "tätige Seite" im materialistischen Verstande) als Grundproblem der Erkenntnistheorie herausstellen.

Geht man von dieser Seite an die philosophische Problematik der Sprache heran, tut sich ein weites Forschungsprogramm vor uns auf, das in vielen Fällen noch völliges Neuland für die marxistische Philosophie ist. Dort gibt es Themen und Probleme, die in unserer Philosophie zwar eine lange Tradition haben, aber meiner Meinung nach nicht genügend durchgearbeitet wurden, und dann wieder andere, die wir aus diesen oder jenen Gründen überhaupt noch nicht in Angriff genommen haben. Auf einige möchte ich hier zu sprechen kommen und auf die darin enthaltene Forschungsproblematik aufmerksam machen.

Wir beginnen mit einem altbekannten Problemkreis, dem des Verhältnisses von Sprache und Denken.

Gewisse Themen scheinen hier klar auf der Hand zu liegen und vom Standpunkt der marxistischen Philosophie gar banal zu sein, wie z.B. die These, daß Sprache und Denken eine Einheit sind. Bei genauerer Überlegung kommen wir jedoch zu der Feststellung, daß mit dieser These das Problem keineswegs gelöst ist, sondern im Gegenteil erst jetzt beginnt, ein Problem zu sein und daß jedwede Interpretation dieser These einen verschiedenen Standpunkt innerhalb der Sprachphilosophie impliziert.

Denn was bedeutet hier "Einheit"? Bedeutet sie, daß wir es mit verschiedenen, relativ selbständigen, wenn auch irgendwie zusammenhängenden Elementen - der Sprache und dem Denken - zu tun zu haben? Dies ist der am häufigsten anzutreffende Standpunkt unter den Philosophen sowohl wie auch den Sprachwissenschaftlern, wobei die einen wie die anderen oft überzeugt sind, daß die Grundfesten ihres Forschungsgebiets erschüttert würden, wenn man die relative Selbständigkeit des "Elementes", das ihre spezifische Domäne bildet, in Frage stellte (das betrifft vor allem die Sprachwissenschaftler).

Es gibt jedoch in diesem Fall auch noch eine andere Möglichkeit, das Wort "Einheit" zu interpretieren, die ich aus prinzipiellen philosophischen Gründen für die richtige halte. Sie steckt in einer der heute sehr zu Unrecht vergessenen und unter Trümmern anderer Teile der MARXschen Theorie verschütteten Thesen: Das Wort "Einheit" wird hier so verstanden, daß es nur einen einzigen Denk-Sprach-Prozeß gibt, als welchem nur durch die forschende Abstraktion "Elemente" wie das selbständig gefaßte Denken und die selbständig gefaßte Sprache ausgesondert werden, die faktisch nur  Aspekte  eines einheitlichen, von verschiedenen Seiten untersuchten Prozesses sind.

Ich halte diese Frage für überaus wichtig, und zwar wegen der theoretischen Implikationen, die sich bei jedweder Lösung einstellen, vor allem aber wegen der richtigen und konsequenten Ablehnung der Ansichten über die sogenannte "wahre Erkenntnis", der Ansichten also, die seit den Uranfängen der Philosophie bestehen und denen zufolge die "wahre" Erkenntnis, d.h. die Schau des "Wesens" der Dinge als averbales Denken aufgefaßt wird, das von der Sprache losgelöst ist und irgendwie dem sprachlichen Denken entgegengesetzt.
LITERATUR - Adam Schaff, Sprache und Wirklichkeit, in Adam Schaff "Sprache und Erkenntnis", Wien/Frankfurt/Zürich 1964
    Anmerkungen
  1. Konventionalismus: philosophische Richtung, wonach Begriffe, Definitionen, Axiome, Hypothesen auf einer rein zweckmäßigen Übereinkunft der Wissenschaftler beruhen.