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HEINRICH RICKERT
Geschichtsphilosophie
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Einleitung
I. Die Logik der Geschichtswissenschaft
II. Die Prinzipien des historischen Lebens
III. Universalgeschichte


"Daß es zwei formal prinzipiell verschiedene Arten der Wirklichkeitsauffassung gibt, kann man sich vielleicht am besten an den vorwissenschaftlichen Kenntnissen klar machen, die wir von einem größeren oder kleineren Teile der Welt besitzen. Es wäre eine Täuschung, wenn man glauben wollte, wir hätten darin ein Abbild der Wirklichkeit, wie sie ist. Ehe die Wissenschaft an ihre Arbeit geht, ist vielmehr überall bereits eine Art von unwillkürlicher Begriffsbildung entstanden und die Produkte dieser  vorwissenschaftlichen Begriffsbildung,  nicht die auffassungsfreie Wirklichkeit, findet die Wissenschaft als Material vor."

Einleitung

Die philosophischen Wissenschaften stehen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zum großen Teil noch im Zeichen der Restauration. Ihr letzter Aufschwung war vom Wiedererwachen des Interesses für KANT abhängig und auch die Gedanken, mit denen die an KANT orientierte Philosophie heute zu kämpfen hat, sind nicht erst in unserer Zeit entstanden, sondern stammen aus einer noch früheren Periode der philosophischen Entwicklung. Gilt es doch meist, den Naturalismus der "Aufklärung", den KANTs Idealismus nicht definitiv zu besiegen vermocht hat, von neuem zurückzudrängen. Ebenso darf, wenn jemand behaupten wollte, daß auch KANT zum Teil wenigstens überwunden sei, nicht gesagt werden, daß erst kürzlich geschaffene Ideen dieses vollbracht haben, sondern fast jeder wirkliche Fortschritt über KANT hinaus liegt im wesentlichen in der Richtung, die bereits von KANTs unmittelbaren Nachfolgern, den deutschen Idealisten, eingeschlagen war und an die man heute wieder anzuknüpfen beginnt. Aus diesem Grund hat das Studium der Geschichte der Philosophie in unseren Tagen eine große Bedeutung und deshalb haben wir einen Mann wie KUNO FISCHER gefeiert, der nicht nur zur Wiederbelegung des Verständnisses für KANT soviel beigetragen hat, sondern auch die Gedanken seiner großen Jünger unserer Zeit wieder näher gebracht hat.

Man braucht nicht zu fürchten, daß wir den Entwicklungsgang von KANT zu FICHTE, von diesem zur Romantik SCHELLINGs oder SCHOPENHAUERs und von dort weiter zu HEGEL noch einmal durchzumachen hätten. So wie sie vorliegen, können wir die Systeme der Vergangenheit nicht brauchen. Unsere neue Zeit bringt neue Fragen, die neue Antworten verlangen und noch niemals hat sich etwas im geschichtlichen Leben wiederholt. Aber der Einsicht sollte man sich nicht verschließen, daß der kantische und nachkantische Idealismus einen Schatz von Gedanken enthält, der noch lange nicht vollständig ausgemünzt ist und aus wir eine Fülle wertvoller Anregungen holen können, wenn wir mit den philosophischen Problemen unserer Zeit zu ringen haben.

Für keine philosophische Disziplin gilt dies mehr als für die Geschichtsphilosophie. Obwohl in letzter Zeit das Interesse für sie außerordentlich gewachsen ist und immer mehr zu wachsen scheint, darf sie, wenigstens mit Rücksicht auf ihre Grundbegriffe, nicht den Anspruch erheben, daß sie Unerhörtes, Neues lehre. Gerade die Spekulationen, die für besonders "modern" gelten, zehren fast nur von Gedanken, die schon in der Aufklärung ihre Formulierung gefunden haben und ebenso muß auch die Richtung, welche diese Aufklärungstendenzen bekämpft dankbar anerkennen, daß einige ihrer besten Waffen ihr zum Teil von KANT, zum noch größeren Teil von nachkantischen Idealisten, besonders von FICHTE und HEGEL geschmiedet worden sind. Wer daher ein Bild von der gegenwärtigen Lage der Geschichtsphilosophie und ihren Bewegungen, von ihren Hauptproblemen und den verschiedenen Richtungen ihrer Lösung erhalten will, könnte zur Gewinnung der Grundbegriffe versuchen, die Fäden rückwärts zu verfolgen, die zum deutschen Idealismus und dann noch weiter in die Vergangenheit hinein bis zur Aufklärung führen. Aber auch auf geschichtsphilosophischem Gebiet wird es sich nicht um eine bloße Wiederherstellung des Früheren handeln. Man braucht nur an die Entwicklung der Geschichtswissenschaft im neunzehnten Jahrundert zu denken, um das einzusehen und jedenfalls müssen wir in den Systemen der Vergangenheit das dauernd Wertvolle vom "historischen" Gewordenen, insbesondere von den Rückfällen in einen metaphysischen Dogmatismus, scheiden. Das aber ist gerade für die Geschichtsphilosophie erst zum Teil getan. Es wird noch mehrerer Untersuchungen von der Art bedürfen, wie sie z. B. für FICHTEs Idealismus und die Geschichte von LASK angestellt worden sind, bis die dauernde Bedeutung dieser Gedanken hervortritt. Schon aus diesem Grund ist für einen kurzen Überblick über die Gegenwart die geschichtliche Orientierung nicht geeignet.

Und auch abgesehen davon empfiehlt es sich hier nicht, nur historisch zu verfahren. Trotz aller Dankbarkeit, die wir für unsere philosophische Vergangenheit empfinden, trotz aller Anerkennung ihrer Überlegenheit an schöpferischer Originalität, ist es dringend zu wünschen, daß wir aus dem Zustand des Epigonentums wieder herauskommen, daß wir nicht nur vom Zeitalter der Aufklärung zum Zeitalter KANTs fortschreiten, sondern versuchen, unsere  eigenen  Wege zu gehen und gerade die Geschichtsphilosophie hat vielleicht am meisten Veranlassung, hervorzuheben, daß der Philosoph niemals nur Historiker sein, daß die Philosophie niemals in der Geschichte stecken bleiben darf. So sei denn hier die Vergangenheit beiseite gelassen und eine systematische Orientierung versucht.

Doch auch auf diesem Weg begegnen uns Schwierigkeiten. Die intensive Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie hat nicht nur einen großen Reichtum an philosophischen Ideen, sondern auch eine erhebliche Verwirrung gebracht und damit eine Unsicherheit, die sich auf die elementarsten Begriffe unserer Arbeit erstreckt. Auf die Frage, was Philosophie überhaupt sei, gibt es keine Antwort, die sich allgemeiner Anerkennung erfreut und was für das Ganze gilt, wird für die Teile gelten. Wollen wir daher ohne Willkür verfahren, so werden wir uns zunächst die verschiedenen Bedeutungen, die man mit dem Wort Geschichtsphilosophie verbinden kann, zu vergegenwärtigen und unseren Begriff dieser Wissenschaft zu rechtfertigen haben.

Drei Begriffe heben sich vor allem deutlich heraus. Von der Philosophie überhaupt sagt man, daß sie die Wissenschaft vom Allgemeinen sei im Gegensatz zu den Einzelwissenschaften. Philosophieren kann dann heißen, eine Gesamterkenntnis der Wirklichkeit suchen, den Inbegriff aller wissenschaftlichen Erkenntnis geben. Bestimmt man demnach die Aufgaben einer Philosophie der Geschichte, so hat sie, während die historischen Einzelwissenschaften es mit den besonderen Gebieten des geschichtlichen Lebens zu tun haben, das von ihnen Gefundene zu einem einheitlichen Gesamtbild, zu einem Überblick über das  Ganze,  kurz zu einer "allgemeinen Geschichte" zusammenzufassen. Geschichtsphilosophie in dieser ersten Bedeutung des Wortes würde also soviel wie  Universalgeschichte  oder "Weltgeschichte" heißen.

Die Allgemeinheit einer Darstellung kann aber verschieden verstanden werden. Stellt man, um wieder an den Begriff der Philosophie überhaupt anzuknüpfen, ihr die Aufgabe, Gesamterkenntnis der Wirklichkeit zu geben, so wird man nicht meinen, daß sie die ganze inhaltliche Fülle des von den Einzelwissenschaften erkannten Materials in sich aufzunehmen habe. Ihre Allgemeinheit muß vielmehr stets mit einer Verallgemeinerung in dem Sinne verbunden sein, daß der Inhalt des Spezialwissens in mehr oder minder hohem Grad dabei verloren geht und schließlich läßt sich diese Verallgemeinerung so weit treiben, daß nur noch die allgemeinen "Prinzipien" zum Gegenstand der Untersuchung werden. Daraus ergibt sich auch ein neuer Begriff der Geschichtsphilosophie. Diese Disziplin hat dann den besonderen Inhalt des geschichtlichen Lebens beiseite zu lassen, um nach seinem allgemeinen "Sinn" oder nach seinen "allgemeinen Gesetzen" zu fragen. Auch ohne daß die Begriffe des Sinnes und des Gesetzes näher bestimmt sind, entsteht so der Begriff einer Wissenschaft von den  historischen Prinzipien,  der sich scharf gegen den Begriff der Universalgeschichte abhebt.

Und einen dritten Begriff gewinnt man endlich, wenn man nicht das Geschehene selbst, sondern die Darstellung des Geschehens oder die Geschichtswissenschaft bedeutet. Dieser Begriff steht ebenfalls in Übereinstimmung mit einer vielfach vertretenen Ansicht von den Aufgaben der Philosophie überhaupt, wonach sie, besonders in ihrem theoretischen Teil, nicht so sehr die Dinge selbst, als vielmehr das Wissen von den Dingen zu ihrem Objekt zu machen hat. Die Geschichtsphilosophie kann also auch als Wissenschaft vom geschichtlichen Erkennen oder als ein Teil der  Logik  im weitesten Sinn des Wortes angesehen werden.

Vielleicht wird man noch eine Disziplin vermissen, die von der Bedeutung des geschichtlichen Denkens für die Behandlung der allgemeinen Probleme der Weltanschauung und Lebensauffassung handelt. Doch diese Fragen werden leicht zu beantworten sein, wenn die bisher angegebene Arbeit getan ist und zur Aufstellung einer vierten Art von Geschichtsphilosophie besteht deshalb kein Grund. Wohl aber scheinen in der Tat die Universalgeschichte, die Lehre von den Prinzipien des geschichtlichen Lebens und die Logik der Geschichtswissenschaft drei gleichberechtigte Wissenschaften zu sein, von denen jede ihre besonderen Probleme hat und die doch alle das Recht auf den Namen der Geschichtsphilosophie besitzen.

Sieht man jedoch genauer zu, so ergibt sich bald ein anderes Bild. Wie soll die Universalgeschichte neben den einzelnen historischen Disziplinen bestehen? Ist sie zu denken als bloße Summierung des von ihnen Gefundenen? Gewiß nicht. Zumindes wird man von ihr verlangen, daß sie das geschichtliche Ganze  einheitlich  darstelle. Was aber ist dieses Ganze, worin besteht das  Prinzip  seiner Einheit und seiner Gliederung? Durch solche Fragen wird die erste Art der Geschichtsphilosophie bei der Behandlung ihrer Grundbegriffe auf die zweite Art hingewiesen. Aber auch die Begriffe, welche die Prinzipienwissenschaft zur Bestimmung ihrer Aufgabe braucht, dürfen nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden und zwar weder wenn man dabei an allgemeine "Gesetze" denkt, unter die alles geschichtliche Leben gebracht werden soll, noch wenn man einen einheitlichen "Sinn" dem Ganzen der geschichtlichen Entwicklung zugrunde legen will. In diesen Begriffen stecken Probleme. Während es jeder für selbstverständlich hält, daß man nach Gesetzen der Natur forscht, wird die Möglichkeit, historische Gesetze aufzustellen, entschieden bestritten, und, abgesehen davon, wie kommt es, daß auf naturwissenschaftlichem Gebiet die Gesetze von den Einzelwissenschaften selbst gesucht werden, während für die Geschichte diese Aufgabe einer philosophischen Disziplin zufällt? Mit welchem Recht nehmen wir ferner einen Sinn des geschichtlichen Verlaufes an und welche Mittel haben wir, um ihn zu erkennen? Die Geschichtsphilosophie als Prinzipienwissenschaft kann mit ihrer Arbeit nicht beginnen, ohne auf diese Fragen einzugehen und sie wird sie nicht beantworten können, ohne Klarheit über das Wesen des historischen Erkennens überhaupt, das heißt  logische  Kenntnisse zu besitzen. So sehen wir die zweite der drei Disziplinen ebenso auf die dritte angewiesen, wie die erste auf die zweite angewiesen war und es ergibt sich demnach zwischen den verschiedenen Arten von Geschichtsphilosophie, die zunächst drei selbständige Wissenschaften mit verschiedenen Problemen zu sein schienen, ein Zusammenhang von der Art, daß die Logik der Geschichte den Ausgangspunkt und die Grundlage aller geschichtsphilosophischen Untersuchungen zu bilden hat. Wieweit dann die Probleme der Prinzipienwissenschaft und der Universalgeschichte in logische Probleme verwandelt werden müssen, wenn sie überhaupt lösbar sein sollen, das kann erst die Untersuchung selbst zeigen. Schon jetzt aber steht fest, daß es nicht Willkür, sondern Notwendigkeit ist, wenn wir hier mit einer Übersicht über die wichtigsten Probleme und Streitfragen der Geschichtslogik den Anfang machen.



I.

Die Logik der
Geschichtswissenschaft

Mit dem Vorstellen dieses Teiles betreten wir zugleich das Gebiet der Geschichtsphilosophie, auf dem unsere Zeit noch am meisten den Anspruch auf eine gewisse Originalität machen darf. Für die logische Formulierung und Behandlung der Probleme finden sich nämlich in der Philosophie des deutschen Idealismus zwar sehr wertvolle, aber doch nur vereinzelte und unsystematische Bemerkungen und in der vorkantischen Philosophie der Vergangenheit und Gegenwart ist zur Beantwortung dieser Fragen soviel wie nichts geleistet. Es gehen vielmehr trotz des einleuchtenden Zusammenhangs zwischen Geschichtslogik und Geschichtsphilosophie im weiteren Sinne die Ansätze zum Versuch, das logische Wesen der Geschichtswissenschaft in seiner Eigenart gründlich zu verstehen, nicht viel weiter als bis auf PAUL, NAVILLE, SIMMEL und besonders auf WINDELBAND zurück. Es herrscht dann auch über die elementarsten Fragen auf diesem Gebiet bisher der heftigste Meinungsstreit, ja eine Logik der Geschichte, die diesen Namen verdient, hat sogar noch um ihre Existenzberechtigung zu kämpfen. Man glaubt nicht nur, wie z. B. LINDNER, geschichtsphilosophische Probleme ohne logische Grundlegung wissenschaftlich behandeln zu können, sondern man hat geradezu das Recht zur Aufstellung eines rein logischen Begriffes der Geschichte und der geschichtlichen Methoden bestritten.

Die Gründe dafür liegen nicht allein darin, daß zu diesen Fragen viele das Wort ergriffen haben, denen es zur Behandlung logischer Probleme an der nötigen Schulung fehlt. Sie stammen auch nicht allein aus den Schwierigkeiten, die sich hier ergeben, denn das logische Wesen der Geschichte ist nicht schwerer zu verstehen, als das anderer Wissenschaften, sobald man nur den richtigen Weg dazu einschlägt. Aber gerade über diesen Weg besteht merkwürdigerweise keine Einigkeit. Man sollte bedenken, es sei selbstverständlich, daß, wer hier nach Klarheit sucht, sich dabei, wenigstens zunächst, an den Werken der allgemein anerkannten großen Historiker orientiert und vor allem das feststellt, wodurch das historische Denken sich von dem der anderen Wissenschaften  unterscheidet.  Man sollte ferner glauben, daß die logische Struktur der vorhandenen Geschichtswissenschaft verstanden sein muß, ehe man ein Urteil über ihren wissenschaftlichen Wert zu fällen unternimmt. Aber das Selbstverständliche ist in diesem Fall nicht das Übliche. Die Orientierung an den Werken der großen Historiker wird vielmehr bisweilen, z. B. von LAMPRECHT und TÖNNIES, als unwissenschaftlich verworfen: diese Darstellungen sollen keine wahre Wissenschaft enthalten. Insbesondere diejenigen, die sonst nicht müde werden, die Erfahrung als einzige Grundlage allen Wissens zu preisen, gehen bei der logischen Untersuchung der Erfahrungswissenschaften mit einem vorher festgestellten und noch niemals verwirklichten Begriff von Geschichtswissenschaft an die Arbeit und glauben, weil sie die Historiker nirgends auf dem Weg zu ihrem Ideal finden, es sei notwendig, die Geschichte erst zur Wissenschaft zu erheben. In manchen Köpfen hat sich dieser Gedanke zu dem eines Gegensatzes von Wissenschaft und Geschichte zugespitzt und gerade diese Denker fühlen sich dann sonderbarerweise berufen, die Geschichtswissenschaft über ihre wahren Ziele aufzuklären.

Daß die meisten Historiker von solchen geschichtsfremden Spekulationen nichts wissen wollen, ist nicht verwunderbar. So kommt es, daß Geschichte und Philosophie einander vielfach überhaupt nicht mehr verstehen und unter diesem Zustand leiden beide Teile. Zwar wurde die ungeschichtliche Geschichtsphilosophie, die früher besonders in der Gestalt der Theorien (nicht der Praxis) von TAINE und BUCKLE Verbreitung gefunden hatte und die heute wieder mit mehr Eifer als begrifflicher Schärfe, z. B. von LAMPRECHT, erneuert wird, für die Zwecke der empirischen Geschichtswissenschaft durch DROYSEN, BERNHEIM, von BELOW, EDUARD MEYER und anderen genügend zurückgewiesen. Aber unter philosophischen Gesichtspunkten ist in diesem methodologischen Streit der Historiker untereinander, in den man auch Fragen, wie die nach Freiheit und Notwendigkeit, Gesetzmäßigkeit und Zufälligkeit, Teleologie und Mechanismus hineingezogen hat, trotz manches wertvollen Ergebnisses, doch noch vieles ungeklärt geblieben und daher zeigen sich denn auch Historiker bisweilen ziemlich ratlos, wenn sie von ihren spezialwissenschaftlichen Untersuchungen, dem wieder mehr philosophisch werdenden "Zug der Zeit" folgend, zu allgemeineren Betrachtungen übergehen. Noch viel mehr aber leidet unter diesem Zustand die Philosophie. Infolge ihres Mangels an Verständnis für das gerade in neuerer Zeit eminent wichtige historische Denken ist sie zu weitgehender Einflußlosigkeit verurteilt und wie sehr diese Einflußlosigkeit damit zusammenhängt, daß sie keine Fühlung mit der Geschichte hat, zeigt sich besonders deutlich daran, daß, wenn sich irgendwo bei den Vertretern der sogenannten Geisteswissenschaften heute philosophisches Interesse kundgibt, das meist durch Anknüpfen an geschichtsmethodologische Untersuchungen vermittelt ist.

Die Verständnislosigkeit für das Wesen der geschichtlichen Arbeit tritt in unseren Tagen selbstverständlich am deutlichsten bei den Vertretern der heute wieder einmal zur Mode gewordenen  naturalistischen  Dogmen hervor und es macht keinen wesentlichen Unterschied, ob dieser Naturalismus als Materialismus oder als Psychologismus auftritt. In beiden Fällen würde nämlich die Anerkennung der Geschichte als Wissenschaft eine Erschütterung der grundlegenden naturalistischen Begriffe bedeuten. Denn wo man die Wirklichkeit mit der Natur gleichsetzt, ist für Geschichte um so weniger Platz, je konsequenter man denkt. Aber die Geschichtsfremdheit unserer Philosophie hat noch tiefere Gründe. So völlig durch KANT der Naturalismus als Weltanschauung im Prinzip überwunden ist, so liegt in der Hauptsache diese Überwindung doch nicht in einer Richtung auf das historische Denken. Zu dessen Erfassung finden sich beim Jünger NEWTONs höchstens Ansätze und KANTs Methodologie wird gerade in seinem theoretischen Hauptwerk noch fast ganz durch sein Interesse an der Mathematik und der Naturwissenschaft beherrscht. Man kann sich also in der Tat, wie z. B. M. ADLER, mit einem gewissen Schein des Rechts auch auf KANT stützen, wenn man der geschichtlichen Arbeit den eigentlich wissenschaftlichen Charakter abspricht. Schließlich kommt noch dazu, daß zwischen den Naturwissenschaften, insofern sie systematische Wissenschaften sind und der Philosophie, die ebenfalls nach einem System strebt, eine größere formale Verwandtschaft besteht, als zwischen dieser und der Geschichte, die niemals eine systematische Wissenschaft werden kann. Ja, man muß sogar von einem Antagonismus zwischen historischem und philosophischem Denken reden, den niemand zu beseitigen auch nur wünschen darf: den  Historismus  als Weltanschauung wird die Philosophie immer zu bekämpfen haben. Aber alles das läßt die Aufgaben einer Logik der Geschichte nur um so dringender erscheinen. Der Naturalismus ist ja wegen seiner Einseitigkeit nicht weniger ein Objekt der Bekämpfung als der Historismus und ferner darf die Philosophie nur dann hoffen, mit dem Historismus fertig zu werden, wenn sie das Wesen und die Bedeutung des historischen Denkens wirklich verstanden hat. Für die Logik ergibt sich aus alledem die Aufgabe, auch den  methodologischen Naturalismus,  den selbst hervorragende Kantianer, wie z. B. RIEHL unter dem Schlagwort "Einheit der wissenschaftlichen Methode", heute noch vertreten, in seiner Einseitigkeit gründlich zu überwinden und so zu einem Verständnis  aller  wissenschaftlichen Arbeit mit Einschluß der geschichtlichen vorzudringen.

Die Behauptung, daß zur Lösung dieser Aufgabe bisher noch wenig getan sei, wird vielleicht angesichts der vielen Untersuchungen über das Wesen der "Geisteswissenschaft", die seit MILL unternommen worden sind, auf Widerspruch stoßen und es soll auch gewiß nicht gesagt werden, daß alle diese Arbeiten wertlos sind. Nur der entscheidende Punkt, der ein wirklich  logisches  Verständnis der Geschichte ermöglicht, ist in den in anderer Hinsicht äußerst wertvollen Untersuchungen, wie z. B. DILTHEY, WUNDT, MÜNSTERBERG u. a. sie angestellt haben, entweder, wie bei WUNDT und MÜNSTERBERG, überhaupt nicht getroffen, oder doch, wie bei DILTHEY, wenigstens nicht so scharf herausgearbeitet und in den Mittelpunkt gestellt worden, daß er in einer Logik der Geshichte wirklich fruchtbar gemacht werden kann. Es kommt dies schon in der üblichen Terminologie, welche die  Geisteswissenschaften  den  Naturwissenschaften  gegenüberstellt, zum Ausdruck. Der Gegensatz von Natur und Geist ist heute nichts weniger als eindeutig. Die Denker, welche über das Wesen der Geisteswissenschaften geschrieben haben, bestimmen dann auch den grundlegenden Begriff des Geistes in sehr verschiedener Weise und sie sind eigentlich nur darin einig, daß es überhaupt zwei verschiedene Gruppen von Erfahrungswissenschaften gibt. Es ist auch nicht zu hoffen, daß man vom Begriff des Geistes aus zu einer Einigung über das Wesen des geschichtlichen Denkens kommen wird. Diese Versuche enthalten in den Grundlagen viel zu viele, meist metaphysische Voraussetzungen, die dem geschichtsfremden Naturalismus nur Angriffspunkte darbieten. Der einzige Begriff des Geistes, mit dem man heute ohne nähere Begründung arbeiten darf, ist der des Psychischen in seinem Gegensatz zu dem des Physischen, denn daß das, was wir Lust oder Erinnerung oder Wille nennen, kein Körper ist, wir wohl von allen Denkern, die wissenschaftlich in Betracht kommen, zugestanden werden. Auch kann niemand leugnen, daß die Objekte der Geschichte, wenn man überhaupt auf den Unterschied von pysisch und psychisch reflektiert, zum größten Teil unter den Begriff des Psychischen fallen und daß also die Geschichte insofern faktisch eine Geisteswissenschaft ist, als sie hauptsächlich von psychischem Sein handelt. Aber dieser einzige, ohne weiters eindeutige Begriff des Geistes ist zu einer logischen Abgrenzung der verschiedenen Wissenschaften und zum Verständnis des logischen Wesens der Geschichte ganz ungeeignet. Der Naturalismus wird mit Recht behaupten, daß, wenn das Geistige in dem angegebenen Sinne auch gewiß nicht Körper sei, es doch durchaus zur Natur gehöre und daher in derselben Weise wissenschaftlich untersucht werden muiß wie alle anderen Naturobjekte. Das sei nicht nur eine Theorie, sondern die Praxis der modernen Psychologie erhebe diese Gewißheit über den Kampf der methodologischen Ansichten. Solchen Behauptungen gegenüber sind dann die Vertreter eines Gegensatze von Natur- und Geisteswissenschaften so lange wehrlos, als sie ihren grundlegenden Begriff nicht in vollkommen einwandfreier Weise bestimmt haben und das wird beim Begriff des Geistes mit logischen Mitteln entweder gar nicht oder jedenfalls erst dann möglich sein, wenn vorher schon der logische Begriff der Geschichte gewonnen ist.

Auf alle diese Streitfragen braucht die Methodenlehre sich zunächst gar nicht einzulassen, wenn sie ihr Augenmerk auf das allein richtet, was sie klarstellen will, das heißt auf die Methode. Diese nämlich besteht in den  Formen,  welche von der Wissenschaft bei der Bearbeitung ihres Stoffes benutzt werden und zunächst  nur  in den Formen. Daß die Methode vielfach durch die Eigenart des Stoffes bedingt ist, soll damit gewiß nicht geleugnet werden. Ganz ungerechtfertigt ist es, die logische Behandlung der wissenschaftlichen Methoden damit zu bekämpfen, daß man sagt, sie müsse wegen der Nichtbeachtung der sachlichen Unterschiede unfruchtbar werden. Formal logische Gesichtspunkte an den  Anfang  stellen heißt doch nicht das Material überhaupt ignorieren. Es kann natürlich auch eine Untersuchung, welche auf die Verschiedenheit des Inhaltes der Einzelwissenschaften reflektiert, zu diesem oder jenem logisch wertvollen Resultat führen. Aber solche Erfolge werden sich mehr oder weniger zufällig einstellen und eine Logik, die mit Sicherheit und auf dem kürzesten Weg ihr Ziel erreichen will, sieht daher zunächst von allen Unterschieden im Inhalt der Einzelwissenschaften ab, um die formalen methodologischen Unterschiede umso besser zu verstehen.

Sie hat also vorläufig nur darauf zu reflektieren, daß in den Erfahrungswissenschaften überall ein erkennendes Subjekt Objekten gegenübersteht, die es, mögen sie geistige oder körperliche, Naturvorgänge oder Kulturprodukte sein, als "gegeben" hinnimmt und daß das Subjekt sich das Ziel setzt, diesen oder jenen Teil oder auch das Ganze der gegebenen Welt zu erkennen. Man wird dann leicht konstatieren, daß die Erkenntnis nicht in einer Reproduktioin oder in einem  Abbild,  sondern in einer  umbildenden  Auffassung der Objekte besteht. Zum Beweis dafür genügt, abgesehen von allen anderen Gründen, schon die einfache Überlegung, daß die gegebene Wirklichkeit, von der jede empirische Wissenschaft ausgeht, sich sowohl im ganzen als auch in allen ihren Teilen als eine schlechthin unübersehbare Mannigfaltigkeit darstellt, die niemand abzubilden vermag. Der Inhalt jedes Urteils, das etwas über die Wirklichkeit aussagt, ist im Vergleich zu ihr selbst notwendig eine große  Vereinfachung.  Die Wissenschaft kann daher auch als eine Umsetzung des anschaulich gegebenen Materials in Denkgebilde betrachtet werden, für die man, zum Unterschied von der Anschauung, am besten den Namen des  Begriffes  gebraucht. In diesem begrifflichen Umformungsprozeß steckt der Bestandteil der Methode der Wissenschaft, der bei Betrachtung der logischen Unterschiede vor allem wichtig ist.

Ferner aber - und das ist die Hauptsache - müssen die Formen der wissenschaftlichen Arbeit, insofern sie Mittel zur Erreichung des wissenschaftlichen Zieles sind, in ihrer Eigenart abhängig sein von der formalen Eigenart der Ziele, die das Subjekt beim Erkennen verfolgt. Die Logik wird also nach den formal voneinander verschiedenen  Aufgaben  zu fragen haben, welche sich die verschiedenen Wissenschaften setzen und die wissenschaftlichen Methoden, das heißt in diesem Fall die Arten der Begriffsbildung, in ihrer Verschiedenheit als die notwendig verschiedenen  Mittel  zur Erreichung dieser verschiedenen Ziele oder als die notwendig verschiedenen Arten der Umformung und begrifflichen Bearbeitung des anschaulich gegebenen Materials zu verstehen suchen. Selbstverständlich sind die hierbei sich ergebenden Unterschiede der Methoden, ebenso wie die Ziele, rein formal, aber gerade wegen ihres rein formalen Charakters müssen sie als die grundlegenden, ausschlaggebenden Momente für das Erfassen des logischen Wesens einer wissenschaftlichen Methode gelten. Die Logik hat auch als Methodenlehre es zuerst nur mit den Formen Denkens zu tun und kann erst, wenn diese klargestellt sind, die Anwendung auf die verschiedenen Stoffe der Wissenschaften machen.

Wenn wir uns von diesen allgemeinen Bestimmungen der Aufgabe einer Logik der Einzelwissenschaften zu den Grundbegriffen, welche die Logik der Geschichtswissenschaft im besonderen zu entwickeln hat, so wird es zunächst nötig sein, den größten formalen Gegensatz in unserer Auffassung der empirischen Wirklichkeit zu Bewußtsein zu bringen, zu fragen, was dieser Gegensatz logisch bedeutet und dann anzugeben, welches Glied dieses Gegensatzes für die geschichtliche Darstellung der Wirklichkeit maßgebend ist.

Daß es zwei formal prinzipiell verschiedene Arten der Wirklichkeitsauffassung gibt, kann man sich vielleicht am besten an den vorwissenschaftlichen Kenntnissen klar machen, die wir von einem größeren oder kleineren Teile der Welt besitzen. Es wäre eine Täuschung, wenn man glauben wollte, wir hätten darin ein Abbild der Wirklichkeit, wie sie ist. Ehe die Wissenschaft an ihre Arbeit geht, ist vielmehr überall bereits eine Art von unwillkürlicher Begriffsbildung entstanden und die Produkte dieser  vorwissenschaftlichen Begriffsbildung,  nicht die auffassungsfreie Wirklichkeit, findet die Wissenschaft als Material vor. Der größte formale Unterschied in dieser vorwissenschaftlichen Begriffsbildung aber ist folgender.

Weitaus die meisten Dinge und Vorgänge interessieren uns nur durch das, was sie mit anderen gemein haben und daher achten wir auch nur auf dieses Gemeinsame, obwohl tatsächlich jeder Teil der Wirklichkeit von jedem anderen individuell verschieden ist und nichts in der Welt sich genau wiederholt. Weil die Individualität der meisten Objekte uns also ganz gleichgültig ist, so kennen wir ihre Individualität auch nicht, sondern diese Objekte sind für uns nichts anderes als  Exemplare  eines allgemeinen  Gattungsbegriffes,  die durch andere Exemplare desselben Begriffes ersetzt werden können, das heißt, wir sehen sie, obwohl sie niemals gleich  sind,  als gleich an und bezeichnen sie daher auch nur mit allgemeinen Gattungsnamen. Diese jedem bekannte Beschränkung des Interesses auf das Allgemeine im Sinne des einer Gruppe von Gegenständen Gemeinsamen oder die  generalisierende Auffassung,  aufgrund deren wir mit Unrecht glauben, es gäbe wirklich so etwas wie Gleichheit und Wiederholung in der Welt, ist für uns zugleich von großem praktischen Wert. Sie gliedert die unübersehbare Mannigfaltigkeit und Buntheit der Wirklichkeit für uns in bestimmter Weise und macht es uns möglich, daß wir uns in ihr zurechtfinden.

Andererseits aber erschöpft die generalisierende Auffassung das, was uns an unserer Umgebung interessiert und was wir daher auch von ihr kennen, keineswegs. Dieser oder jener Gegenstand kommt vielmehr gerade durch das für uns in Betracht, was ihm allein  eigentümlich  ist und was ihn von allen anderen Objekten unterscheidet. Unser Interesse und unsere Kenntnis bezieht sich dann also gerade auf seine  Individualität,  auf das, was ihn unersetzlich macht und wenn wir auch wissen, daß er sich ebenso wie andere Objekte als Exemplar eines Gattungsbegriffes auffassen  läßt,  so  wollen  wir ihn doch nicht als gleich mit anderen Dingen ansehen, sondern ihn ausdrücklich aus seiner Gruppe herausheben, was sprachlich darin seinen Ausdruck findet, daß wir ihn nicht mit einem Gattungsnamen, sondern mit einem Eigennamen bezeichnen.

Auch diese Art der Gliederung oder die  individualisierende Auffassung  der Wirklichkeit ist jedem so geläufig, daß sie keiner weiteren Erörterung bedarf. Nur eins ist wichtig und muß hervorgehoben werden: auch die Kenntnis der Individualität eines Objektes ist nicht etwa ein Abbild in dem Sinne, daß wir die ganze Mannigfaltigkeit seines Inhaltes kennen, sondern auch dabei wird eine bestimmte Auswahl und Umbildung vollzogen, das heißt ein Komplex von Elementen herausgehoben, der in dieser besonderen Zusammenstellung dem  einen  bestimmten Objekt allein angehört. Es gibt ja überhaupt, wie immer wieder gesagt werden muß, weil es immer wieder vergessen zu werden scheint, nur individuelle und keine allgemeinen Objekte, es gibt nur Einmaliges und nichts, was sich wirklich wiederholt. Wir müssen deshalb die jedem beliebigen Ding oder Vorgang zukommende Individualität, deren Inhalt mit seiner Wirklichkeit zusammenfällt und deren Kenntnis weder erreichbar noch erstrebenswert ist, von der aus ganz bestimmten Elementen bestehenden, für uns  bedeutungsvollen  Individualität unterscheiden und uns klar machen, daß diese gewöhnlich allein gemeinte Individualität im engeren Sinne, ebenso wie der allgemeine Gattungsbegriff, nicht eine Wirklichkeit, sondern nur ein Produkt unserer Auffassung der Wirklichkeit, unserer vorwissenschaftlichen Begriffsbildung ist.

Der dargestellte Unterschied muß das Interesse der Logik in hohem Maß erregen. Zunächst knüpft ja nicht nur alle wissenschaftlich Arbeit an vorwissenschaftliche Prozesse und ihre Ergebnisse an, sondern sie läßt sich auch bis zu einem hohen Grad als planmäßige Ausgestaltung des unwillkürlich bereits Begonnenen verstehen. Ferner aber ist der Unterschied besonders deswegen bedeutsam, weil er einmal rein formal ist, denn jedes beliebige Objekt kann generalisierend und individualisierend aufgefaßt werden und weil er außerdem, als Gegensatz des Allgemeinen und Besonderen, den  größten  Unterschied dargestellt, der in logischer Hinsicht gedacht werden kann, also zwei Extreme darbietet, zwischen denen alle Begriffsbildung sich bewegen und in einer Reihe anzuordnen sein muß. Sollte dieser Unterschied daher von Bedeutung für die Methoden der Einzelwissenschaften sein, so würde die Logik ihn zum  Ausgangspunkt  ihrer Untersuchungen über die formale Eigenart der Methoden machen müssen.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Geschichtsphilosophie, Philosophische Abhandlungen, Festschrift für Christoph Sigwart, Tübingen 1900