tb-1E. BarthelsR. HönigswaldA. RiehlO. GruppeA. Stadler    
 
HEINRICH RICKERT
System der Philosophie

"Denken ist nicht so bequem wie schauen."

"Es gibt für einen Lehrer keine größere Freude, als wenn er sagen darf, daß er von einem seiner früheren Schüler viel gelernt hat."


Vorrede

Es kommt öfter vor, daß ein Autor, der in seinem Werk mit seiner Person völlig hinter der Sache zurückzutreten versucht, die er fördern will, in der Vorrede von sich selbst und seiner Arbeit spricht. Von diesem Gewohnheitsrecht möchte auch ich Gebrauch machen, um bei dieser Gelegenheit dem Leser zu sagen, wie ich wünsche, daß er an mein Buch herangeht.

Die Ausbildung der Gedanken, die den vorliegenden ersten Teil eines Systems der Philosophie füllen, reicht in ihren Anfängen weit zurück, und das  nonum prematur in annum  [ein Autor soll sein Werk 9 Jahre liegen lassen, bevor er es veröffentlicht - wp] wurde auch für die Einzelheiten fast durchweg befolgt. Die Idee eines Ganzen der philosophischen Ansichten beschäftigt mich seit mehreren Jahrzehnten. Die Begründung der Zeitschrift "Logos" gab mir den äußeren Anlaß, mit der Veröffentlichung von Beiträgen dazu zu beginnen. Die abschließende Überlegung, die das System der Werte entwickelt, wurde in ihrer endgültigen Gestal im Sommer 1913 auf dem Katheder vorgetragen und, um Mißverständnissen der damals viel erörterten Ausführungen vorzubeugen, bald darauf in ihren Grundzügen publiziert. Wer meine im "Logos" und in den "Kantstudien" 1910-1914 erschienenen Abhandlungen genau kennt und nur auf die "Resultate" achtet, wird im vorliegenden Band vielleicht nicht viel "Neues" finden. Manches von dem früher Gedruckten ist wörtlich übernommen, ja um der Vollständigkeit des Aufbaus willen konnte ich es nicht vermeiden, kleine Teile von noch älteren Arbeiten, besonders aus dem Programm zur Geschichtsphilosophie in der  Kuno-Fischer-Festschrift  (1905, zweite Auflage 1907) zu wiederholen. Bessere Formulierungen als die einst gegebenen wollten mir hier nicht gelingen.

Trotzdem glaube ich, daß erst jetzt das, was ich beabsichtige, wirklich klar werden kann. In der Philosophie als der Wissenschaft vom  Ganzen  der Welt kommt alles auf den Zusammenhang des  Systems  an, in dem sich die Resultate des Nachdenkens darbieten. In den Spezialwissenschaften sind die einzelnen Ergebnisse für sich wichtig. Das All läßt sich begrifflich nur im System erfassen. Jedes unsystematische Denken bleibt daher notwendig partikular. Wer die Geschichte der Philosophie kennt, weiß, daß auch faktisch nahezu alles dauernd Wesentliche, was die Philosophen nach PLATON erarbeitet haben, entweder von ihnen selbst in Systemen dargestellt ist oder leicht in diese Form gebracht werden kann. So muß es in Zukunft bleiben. Nur durch das Streben nach systematischer Vollständigkeit gewinnen wir in der wissenschaftlichen Philosophie die Weite des Gesichtskreises, die für das Nachdenken über die Welt in ihrer Totalität nicht entbehrt werden kann. Wenn man in unserer, bei allem Interesse für Weltanschauungsprobleme philosophisch doch recht unselbständigen, ja ängstlichen Zeit aus angeblich wissenschaftlicher Vorsicht das Gegenteil behauptet, so beruth das auf einer wunderlichen Verkennung. Gewiß gibt es umfassende "Weltanschauung" auch ohne jede Systematik, aber sie bleibt dann außertheoretisch. Die wissenschaftliche Weltanschauungs lehre  muß nach einem System suchen. Nur das System ermöglicht uns, um mit GOETHE zu reden, im Endlichen nach  allen  Seiten zu gehen und so ins Unendliche zu schreiten. Nur das System befreit uns in der Wissenschaft von der Beschränktheit des "monistischen" Standpunktes  und bringt uns, wenn das Bild gestattet ist, auf eine breite Standebene, so daß wir nicht dort stehen zu bleiben brauchen, wohin der Zufall des praktischen Lebens und der speziellen Interessen uns gestellt hat, sondern in die Lage kommen, um die Welt herumzugehen und so ihre ganze Vielheit theoretisch zu betrachten. Das System erlöst uns zugleich von der Nichtigkeit des Relativismus, der von harmlosen Gemütern heute wieder einmal als Weisheit einer vermeintlich allseitigen Auffassung angestaunt wird, und läßt uns relationistisch und pluralistisch, d. h. in der Beziehung der vielen Weltelemente aufeinander, das vollendete Ganze sehen. Wir verstehen von hier aus sehr gut, weshalb Menschen des tätigen Lebens und auch Einzelforscher sich oft instinktiv gegen jedes System sträuben. Es droht, ihnen durch seine Allseitigkeit den partikularen Halt zu nehmen, den sie für ihre notwendig einseitigen Bestrebungen brauchen. Aber ebenso sollte einleuchten, daß die  universale,  d. h. philosophische Betrachtung nur durch ein System die spezialwissenschaftliche Einstellung gründlich zu überwinden und damit die Gefahr einer unphilosophischen Verengung des Horizontes und geistiger Erstarrung abzuwenden vermag.

Das alles ist im Grunde so selbstverständlich, daß die von Modeströmungen nicht Geblendeten vielleicht finden werden, ich hätte die philosophische Anti-Systematik in diesem Buch etwas zu ernst genommen, und gewiß steckt hinter dem Kampf gegen das System bei Leuten, die Philosophen sein möchten, ohne das Zeug dazu zu haben, oft nichts anderes als "Ressentiment". Sie machen aus ihrer Not eine Tugend, oder wie es in dem alten Studentenlied heißt: doch als sie nicht mehr  konnten  so ... Auch ich glaube in der Tat, wer ein System zu schaffen vermag, läßt sich durch nichts davon abhalten. Er kann dann gar nicht anders als die Welt im System denken. Aber bisweilen ist es trotzdem gut, das Selbstverständliche ausdrücklich zu sagen, und jedenfalls muß ich auch die Kenner meiner früheren Schriften bitten, diese allgemeine Grundlegung von Anfang bis Ende durchzuarbeiten, falls sie wünschen, daß ihr Sinn sich ihnen erschließen soll. Für Leser, die in Büchern nur blättern wollen, sind Systeme der Philosophie nicht geschrieben. Es ist nicht meine Schuld, wenn jemand bei einer solchen Lektüre nichts findet, was ihm etwas Neues sagt.

Im vorliegenden ersten Band handelt es sich um die Darstellung des  allgemeinsten,  umfassendsten Begriffs vom All der Welt und des Lebens. Um nichts weniger, aber auch um nichts mehr. Die geplante Ausführung der Umrisse für die einzelnen Teile muß späteren Veröffentlichungen vorbehalten bleiben. Für die Fertigstellung des Ganze kann ich den Zeitpunkt noch nicht absehen. Die Vorarbeiten sind besonders für die Philosophie des kontemplativen Lebens in seinen drei Stufen, der wissenschaftlichen, der künstlerischen und der mystisch-religiösen, schon ziemlich weit gefördert. In den Problemen des aktiven, d. h. des sittlichen, erotischen und theistisch-religiösen Lebens dagegen haben die Jahre des Krieges und der "Revolution" aus naheliegenden Gründen Einiges, was mir früher klar genug zu sein schien, um begrifflich fest erfaßt werden zu können, wieder in Fluß gebracht. Insofern weist die Grundlegung über sich hinaus. Aber sie bildet trotzdem ein in sich abgerundetes und für sich verständliches Ganzes. An dem in ihr dargestellten weitesten  Rahmen  der Philosophie als Weltanschauungslehre, wie ich sie verstehe, kann die Berücksichtigung von Fragen besonderer Zeiten nichts ändern. Deshalb darf ich diesen ersten Teil des Systems auch zeitlich abgetrennt von den übrigen Teilen veröffentlichen.

Überall habe ich mich bemüht, so zu schreiben, daß der Gehalt jedem zugänglich werden kann, der fähig ist, abgezogene, d. h. von der empirischen Anschauung sich weit entfernende Gedanken nachzudenken. Selbstverständlich ist mein Buch der Absicht nach rein wissenschaftlich. Doch setze ich keine fachwissenschaftlichen Kenntnisse voraus, obwohl ich glaube, daß auch die Philosophie produktiv im allgemeinen heute nur als besonderes Fach zu treiben ist. Zum Verständnis des vorliegenden Bandes braucht man keine Gelehrsamkeit. Dagegen ist die Fähigkeit zum begrifflichen Denken gerade für die Grundlegung der Philosophie unentbehrlich, denn es lassen sich in ihr verwickelte Erörterungen abstrakter Art nicht vermeiden. Die "unendliche" Welt in ihrer Totalität entzieht sich jeder Anschauung. Die theoretische "Intuition" bleibt ebenso wie das unsystematische Denken auf Teile beschränkt. Wissenschaftliche Welt anschauung  gibt es insofern nicht. Nur dem "diskursiven" Begriff wird das Ganze theoretisch zugänglich. Denken aber ist nicht so bequem wie schauen. Es erfordert Arbeit. Um die Schwierigkeit des Verständnisses zu vermindern, habe ich versucht, überall mit dem Einfachen zu beginnen und von Grund aus aufzubauen. Zu diesem Zweck durfte ich ausführliche Erörterungen auch der Elemente nicht scheuen. Dem, der sich in die wissenschaftliche Philosophie hineinarbeiten will, werden die elementaren Darlegungen nicht unwillkommen sein.

Doch wendet sich mein Buch selbstverständlich auch an Leute vom philosophischen "Fach". Sie können manches, was ich zu sagen habe, zu ausführlich oder zu "breit" und dafür anderes zu flüchtig angedeutet finden oder ganz vermissen. Zumal wer gewöhnt ist, sich mehr an der Literatur über eine Sache als an der Sache selbst zu orientieren, mag eine Auseinandersetzung mit den Denkern unserer Zeit oder mit den großen Systematikern der Vergangenheit wünschen. Ich bezweifle nicht, daß ich dadurch Vielen den Zugang und die Stellungnahme zu meinem Versuch erleichtert hätte. Implizit glaube ich auch, fremde Meinungen genügend berücksichtigt zu haben. Aber von ihrer ausdrücklichen Besprechung mußte ich fast überall absehen, schon um bei den Schwierigkeiten, auf die heute die Drucklegung stößt, den Umfang des Bandes nicht allzusehr anschschwellen zu lassen. So ist die Bezugnahme auf andere Autoren ganz gelegentlich und systemlos ausgefallen. Sie bildet das Einzige in diesem Buch, was absichtlich einen zufälligen und unvollständigen Charakter trägt. Deswegen will ich an dieser Stelle einige Worte auch über mein Verhältnis zu anderen Philosophen der Gegenwart und der Vergangenheit sagen.

Die für mich unvermeidliche Auseinandersetzung mit den heute am meisten verbreiteteten Gedankenströmungen, die, wie ich früher beabsichtigte, ein Kapitel dieses Bandes füllen sollte, habe ich in einem besonderen kleinen Buch über "die Philosophie des Lebens" veröffentlicht. Deren Anhänger werden, falls sie sich mit meinem System beschäftigen wollen, vielleicht gut tun, diese Kritik zuerst zu lesen. Sie soll das Feld frei machen für das, was mir am Herzen liegt. Um der bloßen Verneinung willen würde ich es nicht geschrieben haben. Gewiß wäre auch eine Kritik der mir näherstehenden, ja teilweise nahe verwandten Philosophie unserer Tage dem Zweck der Verständigung dienlich gewesen. Da sie aus den angegebenen Gründen unterblieben ist, seien hier zumindest die Namen der Denker der Gegenwart genannt, mit denen ich positiv Berührungspunkte zu haben glaube, wenn ich ihnen in mancher Hinsicht auch nicht folgen kann.

Schwer ist es mir geworden, die Schriften von EMIL LASK nur gelegentlich kurz zu erwähnen. Mir scheint, daß unter den Jüngeren er die stärkste philosophische Produktivität in unserer Zeit besaß, und es sieht zu meiner großen Freude so aus, als würde das auch von Fernerstehenden immer deutlicher erkannt. LASKs Bücher behandeln ausdrücklich nur logische Probleme. Für deren Klärung ist vor allem seine metagrammatische Subjekts-Prädikatstheorie wichtig. Doch liegt die Bedeutung seiner Erörterungen der verschiedenen Form-Inhalt-Verhältnisse und der Übergegensätzlichkeit der Werte ebensosehr in dem, was sich aus ihnen für das Verständnis des atheoretischen Lebens, zumal der ästhetischen und der mystisch-religiösen Kontemplation, lernen läßt. Das zu zeigen und dann kritisch dazu Stellung zu nehmen, wird erst möglich sein, wenn ich später zu einer eingehenderen Behandlung der besonderen Gebiete komme. Darauf schon jetzt hinzuweisen, war mir ein Bedürfnis. Es gibt für einen Lehrer keine größere Freude, als wenn er sagen darf, daß er von einem seiner früheren Schüler viel gelernt hat.

Ferner möchte ich an dieser Stelle EUCKEN, HUSSERL (Noesis und Noema), MEINONG (Lehre vom Objektiv), MÜNSTERBERG (Philosophie der Werte), NATORP (COHEN verstehe ich nur zum Teil), REHMKE und SIMMEL nennen. Ihre Gedanken haben in späteren Jahren in der Art anregend auf mich gewirkt, wie in meiner Jugend die von BERGMANN, RIEHL, SCHUPPE, SIGWART und VOLKELT, denen ich außer WINDELBAND im Vorwort meiner Habilitationsschrift zu danken hatte. Sollte jemand in dieser Aufzählung einige der bekanntesten Namen vermissen, so sei bemerkt, daß es mir fernliegt, die allgemeine Bedeutung ihrer Träger in Frage zu stellen. Nur für meinen Systemversuch glaube ich nichts wesentliches von ihnen gelernt zu haben. Sie gehören, zum Teil der ausgesprochenen Absicht nach, zur vorkantischen Philosophie.

Das führt auf die philosophische Vergangenheit. Der einzige Systematiker früherer Zeiten, auf den ich in diesem Buch eingehender hingewiesen habe, ist KANT und das ist selbstverständlich kein Zufall. Man pflegt mich zu den Kantianern zu rechnen. Daher möchte ich sagen, in welcher Hinsicht allein mir diese Bezeichnung zutreffend erscheint. Dazu aber bedarf es einiger Worte über meine philosophische Entwicklung.

Zum selbständigen Denken bin ich erste gekommen, als mir der geschichtliche Werdegang der Philosophie von den Griechen bis auf unsere Zeit in seinen Grundzügen deutlich geworden war. Vorher hatte ich mich, wie das bei Anfängern und Dilettanten meist zu gehen pflegt, in längst ausgebauten und wissenschaftlich längst überholten Bahnen bewegt. Ich endete wie Viele in einem allgemeinen und sehr radikalen Relativismus, der sich selbst  ad absurdum  führte. Durch das gründliche Studium der Vergangenheit kam ich dann auf festen philosophischen Boden. Das hat mit Historismus nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil, ich sah gerade das übergeschichtliche in der überindividuellen historischen "Vernunft", d. h. ich lernte, daß die europäische Philosophie in ihrer Totalität ein Gebilde von tiefster innerer Einheit ist, welches trotz starker Unterbrechungen und vielfach verschlungener Pfade zu immer größerer Klarheit über den Begrif der "Welt" fortschreitet, und ich verstand, daß nur in der bewußten Weiterführung dieses Prozesses die fruchtbare Zukunft der Philosophie liegen kann. Wer in der Geschichte des Denkens ein zusammenhangloses Gewirr individueller Meinungen findet und daraus relativistische Konsequenzen zieht, hat noch nichts von der Vergangenheit verstanden.

Den Weg zu dieser Erkenntnis verdanke ich meinem Lehrer WINDELBAND, dem letzten großen Historiker der Philosophie neben DILTHEY, ja nach HEGEL dem einzigen, der ein Gesamtbild des europäischen Denkens zu geben vermochte. Systematisch konnte ich niemals mit WINDELBAND ganz übereinstimmen, auch in solchen Fragen nicht, bei denen unsere Namen heute fast immer zusammen genannt werden. Er selbst hat die Differenz schon dem Studenten gegenüber empfunden. Ich war ihm zu sehr "Positivist" und mir erschien in der Tat sein Denken bei aller Bewunderung und Verehrung, die ich dafür hegte, immer sowozl zu metaphysisch als auch zu psychologisch, was nicht etwa einen Widerspruch bedeutet, sondern notwendig zusammengehört. Psychologie am unrechten Ort, d. h. in den philosophischen Grundbegriffen, wird umso sicherer zu deren metaphysischer Umdeutung führen, je konsequenter sich die Gedanken entwickeln. Was ich dagegen für immer von WINDELBAND lernen durfte, war die von keinem vorher so scharf herausgearbeitete Einsicht in die unüberbrückbare Kluft, die KANT von allen Denkern vor ihm trennt, und damit die prinzipielle Klarheit über den unvergleichlichen Fortschritt, den nach PLATON und der von ihm abhängigen metaphysischen Philosophie der Kritizismus für die Wissenschaft bedeutet. Diese Einsicht ist umso wichtiger, als das vorkantische Denken auch in unserer Zeit eine große Rolle spielt. Die ganze Tragweite der kantischen Umwälzung ist ja bisher nur von wenigen verstanden. Es scheint mir unter diesen Umständen nicht angemessen, von einem "Kantianismus" wie von einer besonderen Schule zu sprechen. Das Festhalten an KANTs Buchstaben ist wissenschaftlich sicher wertlos. Aber Kantianer, die darauf Gewicht legen, spielen heute keine wesentliche Rolle. Sie können also nicht gemeint sein, wo man den Kantianismus als Hemmnis des philosophischen Fortschritt schilt. Was aber soll dann diese immer häufiger vernehmbare Rede besagen? Sie ist im Prinzip nicht berechtigter, als wenn man einen Chemiker, der die Entdeckung des Sauerstoffs nicht ignoriert und vom Phlogiston nichts mehr wissen will, einen Anhänger von LAVOISIER nennen wollte.

Was dieses Buch betrifft, so weicht es in grundwesentlichen Punkten vom Ganzen des kantischen Systems ab und sucht darüber hinauszukommen. Vor allem steht es im schärfsten Gegensatz zur Meinung der engen Kantianer, die KANTs Lehre für unvereinbar mit der aus ihr hervorgegangenen Bewegung des deutschen Idealismus halten. Ich fasse die Philosophie von KANT bis HEGEL als ein bei allem Reichtum im Grunde einheitliches Ganzes auf, und sehe gerade in ihrer Totalität die breite Basis für jeden weiteren Fortschritt des wissenschaftlichen Nachdenkens über die Welt. Im Vergleich zu dem, was hier bereits geleistet ist, denke ich über meinen eigenen Systemversuch sehr bescheiden. Bescheiden scheint mir freilich in dieser Hinsicht nahezu alles, was seit dem "Zusammenbruch" des deutschen Idealismus in der Philosophie zutage getreten ist, und das wird mancher vielleicht unbescheiden finden. Die Hauptsache bleibt, daß man das absolut  Neue  versteht, das KANT uns gebracht hat, und das weiter auszusarbeiten, unsere Aufgabe ist, falls wir dem wissenschaftlichen Fortschritt dienen wollen. Es steckt in den Begriffen des "Transzendentalen" und des "kritischen Subjektivismus". Insofern ich an ihnen festhalte, aber nur insofern, bin ich allerdings "Kantianer".

Was ich unter kritischem Subjektivismus verstehe, habe ich ich in diesem Buch selbst, völlig unabhängig vom Buchstaben KANTs, zu entwickeln versucht. Hier möchte ich unter etwas anderen Gesichtspunkten die negative und die positive Seite dieser Lehre kurz hervorheben. Wer auf ihrem Boden steht, muß sich einerseits gegen jede "dogmatische" Metaphysik wenden, auch wenn sie sich bei FICHTE oder HEGEL oder bei ihren heutigen Anhängern findet, und andererseits ebenso gegen jede Psychologie Front machen, die glaubt, philosophische Grundprobleme zu behandeln, wo sie reales seelisches Leben erfoscht. Der Höhepunkt der einst herrschenden psychologistischen Anmaßung scheint vorüber zu sein. Umso mehr blüht die Hoffnung auf eine Auferstehung der alten Metaphysik. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, daß das viele Reden darüber sie aus ihrem Grab hervorlocken wird. Kommt ein philosophisches Genie, das uns eine neue, kritische Metaphysik schenkt, so will ich ihm freudig huldigen. Vorläufig sehe ich in den metaphysischen Bestrebungen unserer Tage nicht nur Epigonentum, was für sich allein noch nicht zu ihrer Bekämpfung zu führen bräuchte, denn wir sind alle "Enkel", ja sollen es sein, sondern das "metaphysische Bedürfnis" von heite scheint mir durchweg einen theoretisch reaktionären Charakter zu tragen. Die Arbeit, die wissenschaftliche Fortschritte verspricht, besteht in der Klärung und Erforschung des Gebietes, das KANT für alle Zeiten neu entdeckt hat, wie PLATON einst die "unkörperlichen Ideen" für alle Zeiten entdeckte. Das Transzendentale KANTs ist nicht "real" oder "wirklich" im üblichen Sinn dieser Worte. Es liegt auch nicht "hinter" der Sinnenwelt, sondern "vor" ihr, und wenn wir es positiv bezeichnen wollen, so besitzen wir dafür keine besseren Ausdrücke als die des geltenden Wertes und des Sinnes. Am Begriff der Welt mit Einbeziehung dieses irrealen oder idealen Reiches haben auch die großen deutschen Idealisten gearbeitet. Insofern waren sie ebenfalls Kantianer, und insofern müssen wir alle für absehbare Zeit Kantianer sein, die wir uns nicht auf die bloß wirkliche Welt oder deren metaphysische Verdoppelung beschränken und damit in den engen Weltallbegriffen früherer Jahrtausende stecken bleiben wollen.

Doch ist das allerdings nur die eine Seite der Sache. Ebenso entschieden muß ich auch darauf hinweisen, inwiefern mir KANT und sein System für die Probleme der Weltanschauung heute nicht mehr zu genügen scheint. Er hat unseren Horizont  formal  außerordentlich erweitert. Inhaltlich jedoch war die Welt sogar dieses großen Kritikers noch zu eng. Und wenn ich nun den Namen eines Mannes nennen soll, dessen Kosmos mir wahrhaft umfassend erscheint, so suche ich unter den Philosophen vergeblich danach. Auch HEGEL zeigt sich zu einseitig orientiert. Da bleibt allein unser, in gewisser Hinsicht HEGEL geistesverwandter, großer Dichter. Langsam und allmählich wachsen wie zu immer besserem Verständnis seiner überragenden Gestalt Nachfolger heran. Eine wissenschaftlich durchgebildet Weltanschauungs lehre  finden wir freilich bei GOETHE nicht. Er strebte nicht nach ihr. Wie er selbst sagt, besaß er für Philosophie "kein Organ", und man kann dieses Wort nicht ernst genug nehmen, wenn nicht die Begriffe völlig verwirrt werden sollen. Dennoch hat GOETHE vom Reichtum und der Mannigfaltigkeit der Welt mehr gesehen und auf seine Weise zum Ausdruck gebracht als alle Philosophen bisher, und deshalb gibt es keinen, von dem für die inhaltliche Ausgestaltung der Philosophie so viel zu holen ist wie von ihm. Nicht etwa, um ihn gegen KANT auszuspielen, nenne ich hier seinen Namen. Dadurch würde nur eine neue Einseitigkeit entstehen, ja es könnte auf diesem Weg eine wissenschaftliche Philosophie überhaupt nicht zustande kommen. Für das letzte Ziel, das wir uns unter historischen Gesichtspunkten stecken müssen, brauchen wir den Einen  und  den Anderen, d. h. mit dem im Anschluß an die Philosophie KANTs weiter zu entwickelnden formalen Apparat haben wir einen wissenschaftlichen Begriff vom All zu bilden, in dem zwar nicht die ganze Fülle des Weltinhaltes, den GOETHE gesehen hat, verarbeitet ist, denn die Einzelheiten kann und braucht die wissenschaftliche Philosophie nicht zu erfassen, in dem aber für die Welt GOETHEs und damit für die allseitigste Weltanschauung, die wir bis jetzt kennen, ein Platz offen bleibt. Auf diesem wahrhaft universalen Weg werden wir viel sicherer über jeden engen Kantianismus hinauskommen als durch die Versuche, die eine oder die andere vorkantische Metaphysik wieder zum Leben zu erwecken.

Was im Einzelnen GOETHE für die Philosophie bedeutet, steht in ihrer allgemeinen Grundlegung nicht in Frage. Das ließe sich auch nur in einem besonderen Buch sagen. Vielleicht ist es mir einmal möglich, meine Vorträge über GOETHEs  Faust,  die ich seit vielen Jahren an der Universität halte, und die trotzdem immer noch keine endgültige Gestalt gefunden haben, zu veröffentlichen. Sie werden dann zumindest einen Beitrag zu der Frage geben, was GOETHE dem universalen Denken sein kann. In dem "Bekenntnis" dieser Vorrede sollte der Hinweis auf den reichsten Menschen der modernen Zeit nur von vornherein die Meinung abwehren, als stelle mein System sich in den Dienst des Kantianismus als einer philosophischen Schule.

Abgesehen davon sei es mir schließlich noch gestattet, mich für einen besonderen Punkt, nämlich für meinen Pluralismus, der machem anstößig sein wird, auf unseren großen Dichter zu berufen, und zwar gerade weil viele, die ihn nicht verstanden oder nicht einmal gelesen haben, ihn für einen Monisten halten. Unter seinen Worten legt der  genius loci  von Heidelberg die Erinnerung an einige Verse nahe, die auch unser Grundproblem zum Ausdruck bringen können. Im Park unseres alten Schlosses wächst die  gingo biloba . Von ihr weiß, wer den west-östlichen Diwan und vollends wer GOETHEs "ostensiblen" Brief aus Heidelberg vom 27. September 1815 an "Rosette" kennt. "Dieses Baumes Blatt, der von Osten meinem Garten anvertraut", möge auch uns "geheimen Sinn zu kosten" geben:
    "Ist es  ein  lebendig Wesen,
    das sich in sich selbst getrennt?
    Sind es zwe, die sich erlesen,
    daß man sie als Eines kennt?"
Hat man sich eine solche Frage nicht nur für ein Blatt, auch nicht nur für die "Einheit" von Mann und Frau, sondern für das All der Welt gestellt und sie ganz verstanden, dann wird man nicht mehr mit den Monisten, aber dafür umso besser mit GOETHE gehen können. Die Frage GOETHEs wissenschaftlich zu beantworten, soweit das mit Begriffen, die im Zusammenhang mit der Philosophie KANTs stehen, möglich ist, macht sich dieses Buch zur Aufgabe. So läßt sich in einer kurzen Formel sein philosophischer Sinn auch mit Rücksicht auf unsere Vergangenheit angeben, und von hier aus möchte es von denen verstanden sein, die das Bedürfnis fühlen, sich überall zuerst  historisch  zu orientieren. Im übrigen muß es für sich selbst sprechen. Ja, es darf nicht nur unter geschichtlichen Gesichtspunkten betrachtet werden. Sein eigentlicher Sinn ist rein  systematisch. 

Ich kann diese Vorrede nicht schließen, ohne noch einem persönlichen Empfinden Worte zu verleihen. Seit mehr als 32 Jahren habe ich bei der Fertigstellung meiner Bücher und ihrer neuen Auflagen an den Mann gedacht, der sie in die Öffentlichkeit brachte, und der Dankbarkeit für einen Verleger schon wiederholt Ausdruck gegeben. Ich betrachte es als besonderen Glücksfall, daß bei der Publikation meiner Arbeiten mir stets ein so verständnisvoller, kluger und gütiger Berater zur Seite stand wie PAUL SIEBECK. Auch in den schlimmsten Zeiten des Krieges und der darauf folgenden Jahre hat er mit seine Hilfe nie versagt. Nun weilt er nicht mehr unter den Lebenden. Ihm selbst kann ich diesmal nicht dafür danken, daß trotz der Ungunst der Zeiten mein Buch in einer Ausstattung herauskommt, die abgesehen von den sehr großen und enger bedruckten Seiten sich nicht wesentlich von der meiner früheren Veröffentlichungen unterscheidet. Umso mehr drängt es mich, beim Abschluß des letzten Werkes von mir, das er noch in seinen Schutz genommen hatte, auszusprechen, wie ich immer in Verehrung an ihn denken und ihm eine unauslöschliche Erinnerung bewahren werde.

Heidelberg, Mitte Dezember 1920
                                      Heinrich Rickert.


LITERATUR - Heinrich Rickert, System der Philosophie, Tübingen 1921