cr-2H. Rickert - Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung    
 
ERNST BLOCH
Kritische Eröterungen zu Rickert
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"Die Gewißheit, daß es eine übersehbare Reihe von Naturgesetzen gibt, wird nur möglich, wenn wir gleichsam eine Gesetzmäßigkeit der Gesetze annehmen dürfen, um dem einzigen letzten Gesetzesbegriff stetig näher zu kommen. Darum soll ein Begriff von der Körperwelt gebildet werden, in dem nur noch solche Dingbegriffe vorkommen, die durch keinen weiteren Fortschritt der empirischen Wissenschaft zu beseitigen sind."

"Rickert schreibt ausdrücklichen den Satz nieder, daß alle Kausalzusammenhänge gegenüber den Unterschieden der Methode indifferent sind und wie jede andere Wirklichkeit sowohl generalisierende, als auch individualisierende Begriffsbildung gestatten."

"Schon im Material der Geschichtswissenschaft liegt eine auf Kulturbedeutungen primitiv bezogene Welt vor, die sich, einem Halbfabrikat vergleichbar, zwischen die Begebenheit und das wissenschaftliche Ziel einschiebt."

Zur Methode der
naturwissenschaftlichen Begriffsbildung

Um die eigentliche Ordnung der objektiven Wirklichkeit zu gewinnen, soll zunächst die so glanzvoll erprobte Methode des naturwissenschaftlichen oder eigentlich gesetzestheoretischen Arbeitens auf einen logischen Ausdruck gebracht werden. Aus der unbeweglich realen Sphäre des Mannigfaltigen kann hier in die Allgemeinbegriffe nichts eingehen: sie enthalten eine zu starke Vereinfachung typischer Fälle, um nicht gegen die Isoliertheit der objektiven Gegebenheiten ausschließend zu wirken. Was den verschiedenen Vorgängen gemeinsam zukommt, darf nicht mehr anschaulich oder durch unmittelbar erfahrene Wirklichkeiten vertreten werden. So läßt sich geradezu sagen, daß die logische Vollkommenheit eines naturwissenschaftlichen Begriffs vom Grad abhängt, in dem die empirische Anschauung aus seinem Inhalt herausgefallen ist. (Grenzen, Seite 230) Aber gegen die Verwendbarkeit solcher Begriffe lassen sich methodologisch die ernstesten Bedenken aufstellen. Es war bisher eine selbstverständliche Methode im naturwissenschaftlichen Experiment gewesen, daß die Faktoren möglichst vielseitig ausgeschaltet oder eingefügt wurden, um zufällige Fehler zu vermeiden oder die besonderen Versuchsreihen so oft zu wiederholen, bis ein gesetzmäßiger Bedingungszusammenhang hervorging. Gewiß wäre es denkbar, daß diese individuellen Fälle in den Auswertungen nur noch mitgeführt sind, um das Ergebnis beliebig nachprüfen zu lassen. Sie reichen zweifellos nicht in die eigentliche Struktur einer wissenschaftlichen Arbeit hinein und werden in Werken von gesicherter Bedeutung kaum noch einzeln nachzuweisen sein. Wenn aber auch die literarische Angabe der Wiederholungen allmählich verschwindet und das bestätigende Material nicht im geringsten das Interesse der theoretischen Ergebnisse besitzt, so darf doch daraus nicht der Schluß gezogen werden, daß die totale Aufgebung des Inhaltes auch dem notwendigen Sachverhalt nach eintreten müßte.

Daß daher die objektive Wirklichkeit nicht durchgehend hinter der allgemeinen Begriffsbildung vergessen werden kann, zeigt sich in RICKERTs so instruktiver Verlegenheit, wenn das Beisammen im anschaulichen Komplex der Vorgänge auf ein generalisierendes Urteil bezogen werden soll. Das Maß des objektiv wirklichen Beisammenseins liegt hier offenbar in den Fassungen und Begrenzungen realer Dinge, während sich die Kriterien des allgemeinen Begriffs mehr in einem weiten Überschlag und in Synthesen bewähren müssen. Der Gegensatz dieser Mehrdeutigkeit hat bisher zu wenig Beachtung gefunden. Sogar die allgemeine Arbeitsformel ist insofern unrichtig, als jeder träge laufende Körper Arbeit verrichten soll, ohne daß erst das Moment des einzelnen Widerstandes zur Messung eingeführt worden ist. Auch beim relativ allgemeinen Fallgesetz ist der Tatsachenkreis so eng gezogen, daß nur die Faktoren der Reibung eingefügt zu werden brauchen, um der individuellen Ereignisform fast bis zur spezifischen Gegebenheit nahe zu kommen. Wie wäre es gar mit der Synthese des Gesetzes von GAY-LUSSAC und MARIOTTE bestellt, wenn seine logische Kraft nicht gerade dadurch bestände, daß alle Determinationen durch den Koeffizienten der Ausdehnung und durch die Temperatur formulierbar geworden sind? Oder wie sollten wir es je erreichen, die unendlich vielen Spezialfälle der chemischen Verbindung ausfallen zu lassen? Auch wo das methodische Absehen von aller Bestimmtheit möglich wäre, kann noch keinesfalls die bloße Angabe der allgemeineren Reihe genügen: wir finden nirgens, daß etwa die Buttersäure deshalb logisch verschwindet, weil ihre Zusammensetzung nach der allgemeinen Formel einbasischer Fettsäuren klar geworden ist. So wird jede chemische Synthese mit einer abschließenden Bewahrung der Einzelheiten fixiert. Freilich hat der individuelle Fall hier nur die Bedeutung eines Bruchteils und nicht einer Funktion: seine Ursachen bleiben stets auf derselben Stelle stehen und lassen in der Wirkung durchaus nichts Neues geschehen.

Weit unmöglicher gestaltet sich jedoch die leere Abstraktion, sobald der Allgemeinbegriff nicht mehr prägnant naturwissenschaftlich zu fassen ist, sondern über dem reizvollen Problem der Komplexe aufgestellt wird. Das gilt vor allem für den geographischen Begriffskomplex, wo oft die lokalen Bildungen der Rheinebene oder der finnischen Seen zu einem unersetzlichen Beispiel allgemeiner Begriffe werden. Auch für jene Teile der entwicklungsgeschichtlichen Untersuchungen, in denen der planmäßige Ablauf des Lebens zur Diskussion steht. Der methodische Akzent ruht hier nicht auf der allgemeinen Reizung oder auf den Inhalten der Lebensprozesse, sondern allein darauf, daß die tierische Lebensart nach ihrer zweckmäßigen Reflexreihe erkannt werde. Dazu kommt noch jene andere Eigentümlichkeit der organischen Leistung, die erst in der letzten Zeit durch die technischen Beispiele, welche CHWOLSON aufgestellt hat, genauer beachtet zu werden scheint. Es gibt nämlich eine Reihe von physikalischen Erscheinungen, die niemals vorkommen und erst durch eine gewisse Abänderung des physikalischen Ganges zu organischen Zwecken entstehen. Abgesehen davon, daß bereits zwei unscheinbare Spielarten der wilden Luzerne die Schraubenbewegung verwenden, um den Samen zu verbreiten, bildet vor allem die pumpende Arbeit des Herzens oder die Funktion des optischen Apparates bei den Säugetieren eine technische Anlage, die im einzelnen noch so unvollkommen scheinen mag und doch in ihrer Tätigkeit den Triumph eines unnatürlichen Vorgangs bedeutet. Die begleitenden physikalischen Kompensationen können durchaus nicht verhindern, daß die bloße Natur vor diesen zielstrebigen Ablenkungen der Schwere oder künstlich wirkenden Lichtbrechung zu verschwinden scheint. Noch auffallender gestaltet sich die organische Umstellung der natürlichen Verhältnisse allerdings dort, wo einzelne organische Zerstörungen wieder aufgehoben und reguliert worden sind. Die Wiederherstellung vollzieht sich heir nur instinktiv in der Weise, daß aus dem gebliebenen Rest einiger Echinodermeneier [Eier von Stachelhäutern des Meeres, wp], die nach Ablauf der ersten Teilung verstümmelt werden, eine vollkommen ausgebildete Larve hervorgehen kann, sondern läßt den nervösen Einfluß immerhin so stark eintreten, daß die Regeneration des Auges schon bei den Krebsen durch die Ausschneidung des Fühlerganglions gestört wird. Es vermögen also selbstbei embryonalen und tiefstehenden Organismen ganz andere Teile des Bildungsmaterials die an einem Punkt gestörte Tätigkeit mit völlig individueller Reaktion zu übernehmen.

Sobald jedoch diese immer noch organische Arbeit in den Nerven und der Nervenmasse des Gehirns psychisch umschlägt, stellt jede Reaktion eine mit dem Reiz überhaupt nicht mehr vergleichbare individualisierende und darin von neuem integrierte Antwort dar. Das Problem liegt hier durchaus im Tatbestand und in den individuellen Vorgängen des nervösen Umsatzes selbst begründet. Es ist, als ob die Reize in den Nerven plötzlich weniger dicht und materiell geworden wären, um im Gehirn einen transmissiven [durchlässigen, wp] Durchgang zur psychischen Individualität zu ermöglichen, die sich hinter der vorgelagerten Nervenmasse abspielt. Schon das eigentümliche Verhältnis, daß sich die Empfindung nur dem Logarithmus des Reizes proportional zeigt, weist auf eine eigene Verdichtung jener quantitativen Reize hin, die allein noch qualitativ färbend in das Bewußtsein eintreten. So ist schon die sinnliche Qualität der Töne oder Farben zu einer individuellen Tat geworden. Aber damit ist der besondere Charakter des tierischen Bewußtseins noch nicht erschöpft. Denn je mehr seine anfangs durchbrochenen Zustände in den höheren Tieren gebunden und unverwechselbar zentralisiert werden, desto sicherer schiebt sich zwischen den Reiz und die Antwort eine bestimmte Kraft der Wahlfreiheit ein, die dadurch, daß sie alle Zufälligkeit und Willkür des einzelnen Daseins auf das Höchste steigert, die Entstehung des seelischen Zustandes bedeutet. Die beseelten Wesen sind daher keineswegs nach einem generell und kausal geschlossenen Wirkungssystem nivelliert: bereits als das Spiel der Kohlenstoffverbindungen auf dem Meeresgrund eingeleitet war, ließ jede einzelne Zellabteilung ein ursprüngliches Gebilde entstehen, das den nur organisch verständlichen Sinn der Geburt aufweisen konnte.

Nirgends hat der breitere Zusammenschluß der Zellkomplexe ein dauerndes Recht besessen, das nicht dem Anfang irgendeinerJugend und dem Tod als der erneuten Zertrümmerung verfallen wäre. Die Fruchtbarkeit enthält deshalb ebenso wie die Geburt des zeitlichen Bewußtseins jenen doppelten Sinn, daß die Erscheinungen des Lebens nicht nur zu einer immer weider zerstreuten Individuation aufbrechen, sondern auch die Vermehrung und Steigerung des Geistes beständig aufrechterhalten wird. So lassensich seine leidenschaftlich emporgetürmten und durchaus vertikalen Rhythmen gerade aus der darin eingeschlossenen Erneuerung begreifen.

Demnach ist hier der Fall der Individualität methodisch und sachlich so eklatant geworden, daß selbst RICKERT die Organismen als historische Wesen anerkennen müßte. In der Tat wird die kategoriale Tragweite der Quantität von ihm selbst nicht bis zum Ende behauptet. Darum könnte mit anderen Worten eine allgemeine Theorie der Körperwelt niemals die speziellen Theorien überlüssig machen oder ganz in Mechanik auflösen (Grenzen, Seite 118). Die relativ historischen Elemente schlagen also dort am unlösbarsten in die Nivellierungen des Allgemeinen herein, wo der Entwurf einer letzten Naturwissenschaft auftaucht. Hier sollen die Chancen des empirischen und individuellen Zufalls gänzlich ausgeschaltet werden. Aber die Gewißheit, daß es eine übersehbare Reihe von Naturgesetzen gibt, wird nur möglich, wenn wir gleichsam eine Gesetzmäßigkeit der Gesetze annehmen dürfen, um dem einzigen letzten Gesetzesbegriff stetig näher zu kommen (Grenzen, Seite 74). Darum soll ein Begriff von der Körperwelt gebildet werden, in dem nur noch solche Dingbegriffe vorkommen, die durch keinen weiteren Fortschritt der empirischen Wissenschaft zu beseitigen sind. Sie müssen unveränderlich, demnach auch ungeworden und unvergänglich erscheinen. Damit ist selbstverständlich zugleich die Unteilbarkeit und quantitative Gleichheit gefordert, sofern bei einem unteilbaren Gegenstand überhaupt noch von Quantität gereden werden kann (Grenzen, Seite 84f). Aber RICKERT hält für diese Elemente auch noch den Ausdruck eines raumerfüllenden Mittels bereit (Grenzen, Seite 114). Es mischt sich also zugleich ein Etwas in unsere Begriffe herin, das ihre konstanten Regelmäßigkeiten erst trägt und daher niemals vollständig aus den naturwissenschaftlichen Relationen abgeleitet werden kann. Offenbar spielt auch hier ein Faktor mit, der trotz seiner Unerfahrbarkeit von der objektiven Wirklichkeit herkommt und das Moment der empirischen Überraschung niemals leugnen kann.

Was durch das Ausleseprinzip der Allgemeinheit bei RICKERT zum Vorschein kommt, trägt allzu sichtbar die Spuren einer analytisch unzureichenden Gewinnung. Das Kriterium seiner Begriffsbildung ist nicht scharf genug, um über die Quantität der bloßen Gattung hinauszuführen. In der Begriffspyramide, die er naturwissenschaftlich auszuführen versucht, sind die Überordnungen aus Klassifikationen und nicht aus Gesetzen angefertigt. Es fehlt jede Richtung, um aus den antiken Umfangsgleichheiten, aus dem raschen und oberflächlichen Zusammengreifen gänzlich stabil gemachter Merkmale zum modernen Gesetzesbegriff vorzudringen, der sich weniger auf das gattungsmäßige Wesen, als auf das funktionelle Verhalten der Sache bezieht. Gewiß soll das bloß materiale Subsumieren möglichst weitgehend vermieden werden: aber die unklare Behandlung der objektiven Wirklichkeit, vor allem die Unsicherheiten ihres Beharrens oder Verschwindens machen bei RICKERT jede Unterscheidung zwischen dem Zustand und der berechenbaren Gleichheit der Funktion unmöglich.

Unterdessen sind die naturwissenschaftlichen Entdeckungen freilich so umstürzend geworden, daß auch mit der trockenen Allgemeinheit dieser Funktion bald zu brechen wäre. Die verwirrende Wahrnehmung, daß von den Atomen ein bestimmter, nach der Zeiteinheit konstanter Bruchteil radioaktiv zerfällt und aus der chemischen Bindung zu immer stabileren Gebilden zurückkehrt, zeigt einen schweren und katastrophenartigen Umschwung an. Wenn die Atome der radioaktiven Stoffe bis zu den einfachsten Zusammenlagerungen der elektrischen Ladungen explodieren und ihr Gewicht immer weiter verlieren, so leitet das bereits eine beginnende Entwicklung im umgekehrten Sinn ein, die als entropischer Zerfall und krankhafte Zerstörung erscheint, ohne daß jene Rhythmen der Geburt und des Todes aufzufinden wären, die gerade die organischen Vorgänge mit einem historischen Schimmer umgeben haben. Darum schäumt das Kielwasser des Untergangs immer wilder auf, das die natürlichen Dinge in ihrem Lauf hinter sich hergezogen haben und dem nur die Organismen noch in der letzten Stunde entronnen sind, als gerade von den Menschen die andersartige Sicherung des geistigen Lebens gefunden war. Von jetzt ab bricht hinter uns die Natur zusammen und der Boden beginnt zu wanken, auf dem wir nur noch als Träger der Naturgesetze sicher stehen können. daher muß diese unterirdische Gefahr in den neuen naturphilosophischen Begriffen weiterzittern und dort, wo bisher nur die ödeste Abstraktheit wohnte, ein großes und erschütterndes Gemälde voll des tödlichen Aufruhrs entwerfen lassen, der anstelle des Gehorsams gegen das Begriffenwerden und den allgemeinen Umfang der Gesetzesherrschaft nominalistisch eingetreten ist.


Zur Methode der
geschichtswissenschaftlichen Begriffsbildung

Auch bei RICKERT bleibt die letzte Naturwissenschaft nicht als logischer Abschluß bestehen, sondern tritt inhaltlich und methodisch vor einem andersartigen Begriffssystem zurück. So verläßt er die deduktive Höhe und sucht mit einer zweiten Logik fast wieder von vorn anzufangen. Sein Wunsch geht darauf hin, daß allen Übertragungen der naturwissenschaftlichen Methode auf kulturtheoretische Gegenstände ein Ende gemacht werde. Wo bisher die Versuche exzellierten, aus der Geschichte eine Wissenschaft zu bereiten, soll das Recht des eigenen historischen Verfahrens logisch hergestellt werden. Die Absicht klingt demnach rein methodologisch und die meisten Historiker haben tatsächlich in dieser neuen Geschichtslogik ihre eigenen Methoden wiederzufinden geglaubt. Aber das Problem scheint mir in dieser neueinsetzenden historischen Besinnung noch etwas verschränkter zu liegen. Wenn es vorher in unserem rationalen Belieben stand, möglichst umfassende Allgemeinheiten zu konstruieren, so wird jetzt ausdrücklich dre Eintritt eines neuen Verfahrens gefordert. Damit sind wir beim Zustand einer doppelten Wahrheit angelangt. Wie weit sich jedoch das Material gerade durch die historische Auslese verändert, wird nur ganz leer und unbestimmt angedeutet. Unter allen Umständen bleibt die Anschaulichkeit mannigfaltig oder unübersehbar; was die Historiker allein zu tun vermögen, um sich hier der Wirklichkeit anzunähern, ist eine phantasievolle Ausmalung, die als Sache des künstlerischen Taktes noch nicht logisch wirkt (Grenzen, Seite 384). Damit hat RICKERT die Frage, wie tief in geschichtlichen Darstellungen auf das Besondere ihrer Gegenstände einzugehen sei, allerdings sehr rasch erledigt: ob die heißen Augusttage des deutsch-französischen Krieges und alle ähnlichen Zustände beschrieben werden sollen, die zu den Ereignissen in keiner deutlichen Funktion stehen, bleibt trotz RICKERTs Gleichgültigkeit ein offenes Problem von sehr großer methodologischer Bedeutung; gerade der Übergang vom Heldenlied zur Geschichte ist darin noch so wenig vollzogen worden, daß die Lebensumstände in mancher Geschichte wirklich nur als das fungieren, was um das historische Leben herumsteht. Anders muß es sich dagegen mit dem Inhalt der prägnanten Wirklichkeitsbegriffe verhalten. Erst indem wir die Dinge mit Rücksicht auf das Besondere betrachten, erhalten wir nach RICKERT jene notwendigen individuellen Begriffe, aus denen die Geschichte zusammengesetzt wird. Das mag soweit richtig sein, als wir auch inhaltlich nicht alles historisch aufzuzeichnen haben, was sich am Yangtse oder an der Seine zugetragen hat. Wenn zur individuellen Mannigfaltigkeit unlegitimiert die Eigenart hinzutritt, dann muß die sinnlich gegebene Lage des geschichtlichen Objekts aufs Neue in Frage gestellt werden. Und es ist klar, wie sehr auf solche Weise das Problem der geschichtlichen Kausalität erschwert sein muß. Derart schreibt RICKERT den ausdrücklichen Satz nieder, daß alle Kausalzusammenhänge gegenüber den Unterschieden der Methode indifferent sind und wie jede andere Wirklichkeit sowohl generalisierende, als auch individualisierende Begriffsbildung gestatten (Festschrift für Kuno Fischer II, Geschichtsphilosophie, Seite 72) Alle Unterscheidungen, die zwischen der naturgesetzlichen und historischen Kausalität von RICKERT angestellt werden, gehen nur auf eine Vertreibung des Zufallsbegriffs hinaus (Grenzen, Seite 413f), ohne die Fragen irgendwie mit schlichtem Ausblick zu erläutern. Freilich erklärt RICKERT am Ende selbst, daß sich überall dort, wo qualitative Wirklichkeiten miteinander kausal verbunden werden, eine Inadäquatheit zwischen der Ursache und der Wirkung herausstellt. Hier soll begrifflich an einer individuellen Ursache festgehalten werden, die mit ihrem ebenfalls individuellen Effekt weder identisch ist, noch qualitativ gleichgesetzt werden kann. Ihre Eigenart besteht vielmehr darin, daß sie ein Neues wirkend hervorbringt (Psychophysische Kausalität und psychophysischer Parallelismus, Festschrift für Sigwart, 1900, Seite 81). Dadurch wird also das Auftauchen des Neuen und das Erscheinen wesentlich verschiedener Gestaltungen nur als ein Verursachtsein gefaßt: die geschichtliche Veränderung bekommt keine eigene Kraft zugesprochen und die interessante Frage des Erwirktseins als der Herbeiführung durch noch nicht seiende Ziele bleibt mechanistisch übersehen. Und doch enthält schon der Begriff des Milieus in seiner Zweideutigkeit sämtliche Motive, die über die verschiedenen Färbungen der individuellen Kausalität zu entscheiden haben. Bisher wurden freilich die Begriffe der Vorwelt oder Umwelt so ziemlich für alle Dinge gebraucht, in denen die Individuen nicht ausdrücklich als Schöpfer ihrer eigenen Taten aufzutreten schienen. Darum durfte es vom individuellen Standpunkt aus vollkommen gleichgültig sein, ob es sich in der Außenwelt um veränderte Temperaturverhältnisse oder um eine neue Kulturepoche handelte. So hätteman im Ausgang der Tradition fast mit zwei Partikeln - einer mehr hemmenden Gebundenheit, die aus dem Weil abgeleitet werden kann und einer gänzlich intimen Willensrichtung, die nur im Trotzdem besteht, annähernd die Mischungsverhältnisse im Seelenleben der historischen Individuen gefunden. Wenn nun aber die Menschen überall aus dem Durchgangspunkt der allgemeinen Meinungen und dogmatischen Beziehungen entfernt worden wären, dann könnte nichts anderes mehr übrig bleiben, als jede einzelne Handlung und jedes neue musikalische oder poetische Werk nach seinem Minimum an Vergangenheit und historischer Vergleichbarkeit einzuschätzen. Ferner müßte die Allgemeinheit eines Plans sofort mit dieser Vergangenheit gleichgestellt werden, damit jede anerkannte Verbreitung zugleich eine neue Seltenheit der Gedanken herausfordere: das Alter wäre zur Widerlegung der Idee mit einem Mal ausreichend geworden und die Fülle der Kultur müßte sich beständig auf eine nur vereinzelte Jugend und Sezession [Apspaltung, wp] übertragen. Offenbar besteht das bewegende Moment in allen diesen Konsequenzen darin, daß hier die Allgemeinheit in einen kausalen Zwang verwandelt wird, der erst im persönlichen Freigelassenwerden abklingt, ohne daß jedoch für die entblößte Individualität eine selbstgewählte Verpflichtung und finale Einordnung erschiene.

Der Widerspruch in der Grundlegung der Wirklichkeitswissenschaft erweist sich in einer sehr praktischen Deutlichkeit, sobald wir den sonderbaren Begriff der negativ historischen Tatsache hereinziehen. Darunter ist nach EDUARD MEYER die Eigentümlichkeit zu verstehen, daß ein Ereignis nicht eintrat, obwohl es nach dem allgemeinen Gang menschlicher Dinge zu erwarten war und daß dieses Nichteintreten die wichtigsten politischen Folgen nach sich zog (Zur Theorie und Methodik der Geschichte, 1902, Seite 46f). Ein drastisches Beispiel bietet die Tatsache, daß der erwartete und schon angekündigte Sproß der Ehe zwischen PHILIPP II. von Spanien und MARIA von England ausblieb. In die ungeheure Kombination, auf welcher die habsburgische Macht beruthe, sollte durch die Ehe mit MARIA als letztes Glied England eingefügt werden: aber dieser Plan scheiterte, da die Ehe kinderlos blieb. Die Folgen dieses Fehlens eines Menschen waren, daß in England ELISABETH auf den Thron kam und damit der Abfall vom Papsttum und das Ergreifen des protestantischen Bekenntnisses für das Reich zur Notwendigkeit wurde - und was das für Folgen in der Weltgeschichte gehabt hat und noch hat, braucht nicht ausgeführt zu werden. Aber auch außerhalb dieses seltenen Zusammenhangs von Erwartungen finden sich in den geschichtlichen Tatsachen inhaltliche Einheiten, die ihre Rolle nicht erst im Begreifen des Historikers suchen müssen. Es wäre nur an die barocke Pracht in den Plänen LUDWIGs XIV. oder an die merkwürdige Realität des Zeitgeistes zu erinnern, um über das bereits reale Vorkommen jener Einheitlichkeit nachdenklich zu machen, die nier rein reflexiv zu begreifen ist. Wenn die großen Geschichtsschreiber beständig eine gemeinsame Zeitstimmung empfinden konnten: als sicher ruhendes Gleichgewicht aller Anschauungen oder als Moment, in dem ein Gedanke reifte und erfüllt wird, so dürfte hier nicht weiter von der Hypostase [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] eines Gattungsbegriffs gesprochen werden, der überdies fortdauernd zwischen den Kriterien der Einfachheit, Einheit und Einheitlichkeit schwanken muß.

Darum bleibt es nach der rein methodischen Wendung gleichfalls unentschieden, wie weit das geschichtliche Dasein von historischen Einsichten mitergriffen wird oder sich sonst irgendwie mit der ihm so unklar verwandten Ordnung des historischen Begriffs deckt. Nach LASKs Bemerkungen liegt schon im Material der Geschichtswissenschaft eine auf Kulturbedeutungen primitiv bezogene Welt vor, die sich, einem Halbfabrikat vergleichbar, zwischen die Begebenheit und das wissenschaftliche Ziel einschiebt. (Festschrift für Kuno Fischer II, Rechtsphilosophie, Seite 29). So entsteht bei der Begründung der Wirklichkeitswissenschaft wenigstens ein reines Bild, wenn LASK nicht in der vollen Unklarheit dieses Gedankens schwärmt, sondern den ganzen Komplex der wirtschaftlichen, sprachlichen oder rechtlichen Zustände in das vorwissenschaftliche Denken verlegt. Die Bedeutung dieses Ausdrucks läßt sich freilich nicht eindeutig feststellen. LASK spricht davon, daß die Grenzen zwischen der vorwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Begriffsbildung oft ineinanderfließen; was primitiv abgebrochen ist, wird wissenschaftlich zwar häufig verbessert und rektifiziert [berichtigt, wp], aber trotzdem in der gleichen Richtung weiter aufgenommen. Darum können vom methodologischen Standpunkt aus nicht nur die Kulturwissenschaften, sondern auch die einzelnen Kulturgebiete als Verkörperungen der vorwissenschaftlichen Begriffsbildung angesehen werden. Dies führt zum eigentümlichen Resultat, daß die unmittelbare Wirklichkeit gerade in der vorwissenschaftlichen Begriffsbildung wiederkehrt und ihre eigentliche Stätte findet. Es gibt daher unter Umständen noch andere Dinge, als bloße Wissenschaftsformen zu untersuchen, sofern hier nicht nur die Kulturwissenschaften, sondern zweilen die Kulturwirklichkeit selbst zum Objekt werden kann. Der neuartige Begriff dieser Kulturwirklichkeit besteht darin, daß sich ein bloß gedachtes Recht, das in die Fläche des Wirklichen projiziert wurde, nur mit bestimmten Teilrealitäten zu verbinden braucht, um selbst als lebendige, stofflich wirksame Realität vorzukommen. Wenn die Menschen bereits auf eigene Faust und gleichsam prähistorisch die rechtlichen Begriffe ausgedacht haben, dann treffen im vorliegenden Rechtsbewußtsein die Gegenstände mit ihren vorwissenschaftlichen Begriffsbildungen zweifellos identisch zusammen. Hier wie dort liegen gewisse Verwandtschaften der logischen Arbeit vor, die am Material schon die Methode erscheinen lassen und in seinem stellenweise bereits erleuchteten Hintergrund das Bild unserer eigenen Formungen verwischen. Aus den Bewegungen des geistigen Daseins werden die Begriffsbildungen umso schwerer herauszustellen sein, je ungebrochener sich der gleiche Zug als erkenntnistheoretisch wirksam erweist. Der Übertritt von der Geschichte in das Geschichtswerk ist daher in keiner der denkbaren Zwischenwirklichkeiten vollkommen sichtbar zu machen.

So wurde RICKERT wohl zum letzten Ausweg bewogen, daß die realen Beziehungen der geschichtlichen Vorgänge soweit in Betracht kommen sollen, als sie zur Ausfüllung der Lücken zwischen teleologisch bedeutsamen Ereignissen dienen. (Grenzen, Seite 474). Daß RICKERT hier gerade die öden Epochen am sichersten existieren läßt, wirft auf den Inhalt dessen, was er unter historischer Wirklichkeit versteht, ein seltsames Licht. Wie soll es gar mit jenen realen Beziehungen bestellt sein, die als seelische Absichten oder Pläne so unverkennbar in die bedeutsamen Ereignisse hineinspielen? Schon der einfache Fall, daß die Taten des CESARE BORGIA ohne jede Beurteilung verbrecherisch genannt werden können, weist auf die sprachliche Vorbestimmtheitunseres Urteils durch psychologische Wortbedeutungen hin. Jedenfalls wäre von keiner Schlacht zu schreiben, wenn nicht bereits die vollste Regelmäßigkeit der inneren Motivationen vorausgesetzt wäre. RICKERT ist selbst beunruhigt, daß die seelischen Unterströmungen so weit in die Geschichte hineinreichen; aber statt diese durchaus individualisierten Zustände in die historische Auslese herüber zu nehmen, sucht er umgekehrt alle intentionale Bewegtheit scharf von den geschichtlichen Bedeutungen zu trennen. Da die Seele überall ist, so braucht sie nicht gefordert zu werden. Diese Geringschätzung einer unzweifelhaften Wirklichkeit müßte mitten in der historischen Begriffsbildung überraschend und äußerst inkonsequent wirken, wenn RICKERT unter den psychologischen Motivierungen keine Gefahr für die beurteilende Auslese zu fürchten hätte. Der Akzent rückt daher von den wirklichen Erregungen der Menschen soweit ab, daß RICKERT sogar einen psychologischen Zusammenhang durch die historische Beurteilung durchbrechen läßt und darin eine neue, bisher noch nicht ergründete Art der Koexistenz zum Ausdruck bringt. Jedenfalls vermögen die psychologischen Begriffe nur einen Umweg oder ein Element der historischen Urteile zu enthalten, ohne daß diese Hilfsmittel in die historische Auswahl selbst einzubeziehen sind. Damit gibt RICKERT die ganze Frage des psychologischen Verstehens auf.

Hier tritt jenes unglückliche Programm hervor, daß ein psychologischer Wille ebensowenig mehr will, als ein physikalisches Atom duftet oder leuchtet, sobald nur erst die Lebendigkeit analytisch auszutreiben war. Wo die psychologische Arbeit in eine andere Richtung weist und gerade die Frage der gedanklich gespiegelten und antizipierten Beweggründe aufrührt, dürfte nicht mehr von einer auswahlfreien Analyse gesprochen werden, die sich hinter dem psychologischen Begriffsgitter vollzieht.

Deshalb waren die psychologischen Begriffe niemals zu vermeiden gewesen, wo es sich um das Verständnis historischer Persönlichkeiten und Ereignisse handelte. Die ganze Aufgabe bestand bloß darin, daß eine genügende Schärfe und Geschliffenheit der psychologischen Terminologie erreicht wurde, um alle Reizmittel und Stimmungen der vergangenen Geschlechter wiederzugeben. Sofern es jedoch seit LAMPRECHT möglich geworden ist, die Vergangenheit durch unsere psychologische Sprache zu erleuchten und alle Nuancen einer unerhörten Listentfaltung oder die raffiniertesten Mischungen zwischen Leichtsinn und Leidenschaft unter den Menschen der italienischen Renaissance aufzuzeichnen, ja selbst das suggestive Schweigen in einem romantischen Dialog wiederzugeben, wird zumindest die Ausführbarkeit der psychologischen Deutung außer Zweifel stehen müssen. Wo aber das geschichtliche Leben nicht in der Weitentwicklung nach einer verwandten Relation, sondern in der Erzeugung qualitativ neuartiger Erscheinungen besteht, wird die in der gleichen Richtung weiterwirkende Kraft sofort entgegengesetzte Strebungen wachrufen, deren Kontraste alle Bewegungen dem Prinzip des Fortschritts unterordnen lassen (Logik der Geisteswissenschaften, 1908, Seite 430f). Allerdings sind mit derartigen Kriterien der historischen Beurteilung nur heuristische Hinweise gegeben, die nicht für die Richtung des seelischen Lebens alle Alternativen offen halten, sondern auch gegen die prägnant erkenntnistheoretische Frage nach dem Recht der psychologischen Deutungen völlig entscheidungslos bleiben.

Erst bei SIMMEL ist die Innenseite der Ereignisse zu einem kritischen Problem geworden. Er findet schon in den Bewegungen der Massen unzählige Bedeutsamkeiten, deren bewußte Motivierung durchaus zweifelhaft ist. Die psychologische Wirklichkeit bleibt auch hier nicht ungebrochen, sondern wird unter eigene und souverän verfahrende Kategorien gestellt: aber die historischen Gesetze, welche aus diesen Kategorien entspringen, stellt SIMMEL selbst wieder nur als Vorläufigkeiten hin, die den unbekannten Teilmotivierungen wie aus der Ferne folgen. Wenn etwa die häufigen Veränderungen der Mode regelmäßig an die ökonomische Vorherrschaft des Mittelstandes geknüpft sind, so bedeutet das sozialpsychologische Gesetz einen bloßen Überschlag, der so lange in Geltung bleibt, bis die elementaren Vorgänge analysiert worden sind. Offenbar tritt hier eine sehr eigenartige Verwechslung des Inhalts und der Funktion der Allgemeinheit ins Spiel, die historisch ganz andere Resultate ergibt, als das naturwissenschaftlich angeführte Beispiel von den KEPLERschen Gesetzen und vom NEWTONschen Gravitationssatz zeigt. Denn während die naturwissenschaftliche Allgemeinheit der Analyse stets auf einfachere und unerwachte Zustände zurückführt, geht die historische Allgemeinheit gerade über die Teilmotive und die Vielheit der Differenzierungen hinaus, um erst in den Komplexen einen allgemeinen Ausdruck für die einzelnen Erscheinungen zu finden. Freilich läßt auch SIMMEL diese höher zusammengesetzten Einheiten des Lebens nicht zu einer bloßen Existenz zweiter Art herabsinken. Er begeht den Widerspruch, daß die geschichtlichen Kollektivbegriffe ebenfalls die dynamische Wirksamkeit einer eignen Deutung verlangen dürfen (Die Probleme der Geschichtsphilosophie, 1905, Seite 107) Darum werden die großen und dauernden Mächte der geschichtlichen Welt in einer eigenen Abstraktionsschicht untergebracht, die zahllose und zeitlich variable Gesichtspunkte zu enthalten scheint: so tritt nicht nur in der Spontaneität, sondern auch im Beruf oder in den Anordnungen des Porträts eine besondere Reduktion hervor und die Relativität der Gesichtspunkte ist zum eigentlichen Kriterium für das historische Verständnis geworden.

Obwohl demnach die Kriterien der psychologischen Deutung nur erst stückweise vorliegen, ist RICKERT auf jeden Fall im Unrecht, wenn er den Begriff der seelischen Bewegung historisch ausgeschaltet zu sehen glaubt. Es ist eine bedenkliche Methode, unser äußeres Erleben ganz isoliert außerhalb der geistigen Arbeit zu stellen, als ob die alltäglichen Zustände nicht beständig in unser geschichtliches Tun hereinreichten. Hier herrscht ein Durcheinander der verschiedenen Lebenskräfte, das selbst dadurch kaum zu entwirren ist, daß eine Folge und zeitliche Aufhebung unter den einzelnen Tendenzen konstatiert wird. Wenn etwa die wirschaftlichen Bedürfnisse vor aller Geschichte abzumachen wären, ließe sich das Beharren dieser Lebensäußerungen und ihr Hineinspielen in die weittragenden Staatsaktionen niemals begreiflich machen. Gewiß müßte selbst das Phänomen der Liebe, das auf der ganzen historischen Strecke von der einfachsten Brutalität bis zu den feinsten Reizen einer haßerfüllten Gunst hin und wieder spielt, längst trivial geworden sein, wenn es sich nicht stets wieder mit natürlicher Kraft erneuerte. Und doch erscheint es auch methodisch unsagbar trocken und glanzlos, wenn hier die hohe Intuition physiologisch beschlossen wird und die Liebe zu einem begrenzten Funktionsbegriff herabsinkt, der im historischen Dasein seine methodische Rolle ausgespielt hat. Es wäre ganz unverständlich, daß die Jugend aktuell bleibt und immer wieder ihre Kraft aus den unverbrauchtesten Anlagen hervorholt, nachdem doch schon ein so großer Zug von Geistigkeit durch unsere Geschichte gelaufen ist. Und es müßte einen offenbaren Rückfall bedeuten, daß die untergeordneten und logisch längst aufgehobenen Momente unseres Daseins beständig immer wieder auftreten: sie hätten das Recht zur Existenz verloren, nachdem schon die fünfte Symphonie oder die Götterdämmerung geschrieben worden ist. Darum wird es zu einer methodisch dringenden Notwendigkeit, daß die psychologischen Begriffe etwas differentieller in der Geschichte aufgeteilt werden. Die neuen Erlebnisweisen, die etwa vor den Kreuzzügen oder während der französischen Revolution durchgebrochen sind, verlangen eine eigene und unermeßliche Fügsamkeit der psychologischen Wiedergabe, die in der rein historischen Auslese der geschehenen Vorgänge durchaus nicht zu vollziehen wäre.
LITERATUR - Ernst Bloch, Kritische Erörterungen über Rickert und das Problem der modernen Erkenntnistheorie, Ludwigshafen 1908