tb-1K. B.-R. AarsW. OstwaldG. SchillingE. CassirerB. Schmid    
 
HEINRICH RICKERT
Die Philosophie des Lebens
- Darstellung und Kritik der
philosophischen Modeströmungen unserer Zeit -

[ 1/6 ]

VorwortEinleitung
I. Das Leben als Modebegriff
II. Die modernen Lebensphilosophen
III. Die Prinzipienlosigkeit der intuitiven Lebensphilosophie
IV. Lebensform und Lebensinhalt
V. Das biologistische Prinzip
VI. Älterer und neuerer Biologismus
VII. Kritik des biologistischen Realitätsprinzips
VIII. Kritik des biologistischen Wertprinzips
IX. Der Kampf gegen das System
X. Leben und Kultur
XI. Das Recht der Lebensphilosophie
   

"Zur Beliebtheit des Lebensbegriffs hat gerade der Umstand mit beigetragen, daß der Ausdruck sich in mehreren sprachlichen Wendungen findet und in verschiedenen Richtungen zu benutzen ist."

Vorwort

Der Inhalt dieser Schrift war ursprünglich nicht zur Veröffentlichung in einem besonderen Buch bestimmt. Er sollte ein Kapitel des größeren Werkes bilden, dessen ersten Band ich unter dem Titel: "Allgemeine Grundlegung der Philosophie" als ersten Teil eines "Systems der Philosophie" bald zu veröffentlichen hoffe. Bei der Ausarbeitung der Gedanken, die das vorliegende kleine Buch füllen, merkte ich, daß sie an der zuerst für sie in Aussicht genommenen Stelle in mancher Hinsicht aus dem Rahmen des systematischen Aufbaus herausfallen und dort auch zu viel Platz einnehmen würden. Ich habe sie daher so gestaltet, daß sie ein in sich geschlossenes Ganzes ausmachen und für sich verständlich sind.

Was sie wollen, ist durch den Titel zum Ausdruck gebracht. Ich glaube, daß die am meisten verbreiteten, ernsthaft zu nehmenden philosophischen Bestrebungen unserer Tage sich am besten unter den Begriff einer Philosophie des Lebens bringen lassen. Zu ihnen versuche ich kritisch Stellung zu nehmen. Ich möchte damit zugleich auf eine Philosophie des Lebens als notwendige Aufgabe hinweisen, deren Lösung aber mehr als eine Philosophie des  bloßen  Lebens geben müßte. Der Hauptzweck der Schrift besteht also darin, zu zeigen, daß man beim Philosophieren über das Leben mit dem Leben allein nicht auskommt.

Wenn ich die hier dargestellte und kritisierte Philosophie unter den Begriff der Modeströmung bringe, will ich damit allein noch kein Werturteil über sie fällen. Es kommt lediglich darauf an, welche Gedanken faktisch die am meisten verbreiteten sind. Ihre Anhänger werden es freilich ablehnen, daß man ihre Ansichten Modegedanken nennt, und da die meisten von ihnen die allmähliche Entstehung der heutigen Mode noch nicht miterlebt haben, werden sie auch schwer davon zu überzeugen sein, daß es sich dabei um eine Mode handelt. Man muß, um das einzusehen, wohl schon in einer Zeit die Philosophie genau verfolgt haben, in der die Lebenslehre noch nicht Mode war.

Selbstverständlich kann man von ihrer Beziehung als Modeströmung auch absehen. An dem wesentlichen Gehalt dieser Schrift wird dadurch nichts geändert. Darin, daß die heute beliebten und geglaubten Gedanken als "Philosophie des Lebens" zu charakterisieren sind, stimme ich gerade auch mit solchen Denkern überein, die sich selber zu den Lebensphilosophen rechnen.

Absichtlich habe ich mich überall auf Theorien beschränkt, die weit verbreitet sind oder mit weit verbreiteten Ansichten in engem Zusammenhang stehen, und mich insbesonder auf das, was vielleicht morgen Mode sein wird, nirgends eingelassen. Ich glaube nicht daran, daß auch nur die nächste Zukunft sich mit einiger Sicherheit berechnen läßt. Was kommen wird, hängt zum Teil von den Entschlüssen einzelner Individuen ab oder kann wenigstens entscheidend durch sie beeinflußt werden. Individuelle Taten aber entziehen sich jeder Voraussage. Darf ich trotzdem an dieser Stelle eine Vermutung über die Zukunft äußern, so geht sie dahin, daß wir am Ende der Philosophie des bloßen Lebens stehen. Ich würde mich freuen, falls dies kleine Buch als eines der Anzeichen solcher "Götzendämmerung" angesehen werden könnte.

Was die reine Philosophie dann ablösen wird, läßt sich ebenfalls nur vermuten. Doch sieht es manchmal so aus, als ob Gedanken HEGEL immer größeren Einfluß erhielten. Zum Teil hängt das damit zusammen, daß zwischen ihnen und er modernen Lebensphilosophie bei allen Gegensätzen zugleich eine sachliche Verwandtschaft besteht. Ich habe das in dem Buch angedeutet. Den jungen HEGEL kann man zu den Lebensphilosophen rechnen, und seine Phänomenologie zeigt ebenfalls mit Modetendenzen Gemeinsames. Vielleicht müssen wir auch durch den HEGELianismus erst hindurch, ehe wir uns wieder zum selbständigen Philosophieren entschließen, und auf jeden Fall ist für die zeitlosen Probleme aus HEGEL mehr zu lernen als aus ZARATHUSTRA. Aber ein Aufnehmen der HEGELschen Ideen könnte für sich allein ebensowenig befriedigen, wie die Wiedererweckung irgend eines anderen Denkers der Vergangenheit.


E I N L E I T U N G

Man liebt es, ganze Zeitalter mit allgemeinen Schlagwörtern zu kennzeichnen, ja man hat darin die neue "Methode" der Geschichtsschreibung gesehen: die Durchschnittslage, soll so auf den wissenschaftlichen Ausdruck gebracht werden, denn auf das "Allgemeine", glaubt man, kommt es vor allem, wenn nicht allein der Wissenschaft an. In jedem Zeitalter ist nur das wesentlich, was unter seinem allgemeinen Begriff fällt. Das Individuelle, Besondere, Einmalige, sich nicht Wiederholende hat keine wahrhaft historische Bedeutung. Was vom Allgemeinen abweicht, darf höchstens das Interesse einer Laune oder einer Kuriosität für sich in Anspruch nehmen. Daher muß man "kollektivistisch" verfahren, im Unterschiede von der veralteten "individualistischen" Methode, oder "morphologisch", wie man neuerdings auch gesagt hat, oder in irgend einer anderen Art  generalisierend. 

Daß die gesamte Kultur einer Epoche in der angegebenen Weise niemals erschöpfend zu behandeln sein wird, sollte keines Beweises bedürfen. Es kann dabei ohne eine mehr oder minder große Vergewaltigung des geschichtlichen Lebens nicht abgehen. Jede Stufe der Kulturentwicklung ist in ihrer Totalität viel zu reich, als daß auch nur das Durchschnittliche in ihr unter  einen  allgemeinen Begriff zu bringen wäre. Eher könnte man glauben, eine Charakterisierung dieser Art sei bei einzelnen Kulturströmungen möglich. Warum soll z. B. die  Wirtschaft  oder die  Politik  oder die Literatur oder die Kunst oder die  Wissenschaft  eines Zeitalters nicht einen Namen führen, der nur das hervorhebt, was den verschiedenen Richtungen innerhalb eines dieser Gebiete gemeinsam ist?

Doch gestattet auch diese Frage nur eine bedingte Bejahung. Weil das Schlagwort  das  "Allgemeine" lediglich im Sinne des allgemein  Verbreiteten  trifft, darf man selbst bei eingeschränkter Anwendung in seinem Inhalt nie das allein Wesentlich einer geschichtlichen Kulturstufe sehen. Das gilt vor allem für die Gebiete, bei denen man an so etwas wie  Fortschritt  glaubt, also besonders für die Wissenschaft. Sie steht nie still, und die Gedanken, die sie vorwärts bringen, also doch wohl die wesentlichen einer Epoche sind, finden sich zuerst immer nur bei Wenigen. Allmählich greifen sie auf weitere Kreise über, ja in der Philosophie pflegt sich dieser Prozeß recht langsam zu vollziehen, und wenn eine Ansicht später allgemeine Verbreitung gefunden hat, gibt es meist von neuem einige Wenige, die wieder Neues erkannt haben und so über die zum Gemeingut gewordene Ansicht hinweggeschritten sind. Ihre Gedanken haben dann als die wesentlichen zu gelten, und für die Zeit, in der sie leben, ist damit das Schlagwort, das sie nicht trifft, unbrauchbar geworden.

Kurz, was die allgemeine Meinung beherrscht, ist in der Wissenschaft zum Teil immer bereits veraltet, und auf manchen anderen Kulturgebieten steht es ebenso. Mit Rücksicht hierauf haben wir die Bedeutung jeder allgemeinen Charakterisierung einer Zeit einzuschränken. Sie wird immer zu Ungerechtigkeiten gerade gegenüber den wichtigsten, weil zukunftsreichsten Ereignissen führen.

Zugleich aber weist dieser Umstand auf etwas anderes hin. Die Schlagwörter der kollektivistischen oder morphologischen Darstellung sind in vielen Fällen für  Modeströmungen  auch ohne Einschränkung brauchbar, gerade weil sie nur den Durchschnitt treffen  wollen,  und wenn man sie mit Bewußtsein allein dafür verwendet, werden sie auch zur Kennzeichnung wissenschaftlicher Richtungen bedeutungsvoll. Das gilt um so mehr, als ganz unbeeinflußt von der Mode nur Wenige sich erhalten, sei es auch darum allein, weil der Kampf gegen sie sich nicht vermeiden läßt. Deshalb bleibt zwar die Mode, mag sie noch so "modern" und noch so sehr die neueste Mode sein, in der Wissenschaft das ewig Gestrige, und jedem wahrhaft bedeutenden Denker geschieht Unrecht, falls man damit meint, ihn durch ein allgemeines Schlagwort erschöpfend zu charakterisieren. Aber es hat trotzdem auch im philosopischen Interesse einen guten Sinn, sich die Kennzeichen der Modeströmungen ausdrücklich zum Bewußtsein zu bringen. Man wird dadurch unter Umständen nämlich lernen, was in der Wissenschaft  überwunden  werden muß, und so wenigsten in negativer Hinsicht imstande sein, der Arbeit an der Zukunft ihre Aufgabe zu bestimmen.

Unter diesem Gesichtspunkt sollen die folgenden Ausführungen der Philosophie dienen, indem sie sich mit der am weitesten verbreiteten philosophischen Strömung unserer Tage beschäftigen. Wir fragen nach dem Begriff, der heute die Modemeinungen beherrschend im Vordergrund des philosophischen Interesse steht, um so vielleicht über die Mode hinauszukommen. Niemand kann seine "Zeit" ignorieren. Irgendwie wird sie jeden beeinflußen. Auch wer ihre Mode nicht mitmacht, muß sie berücksichtigen, schon um sie nicht zu unterschätzen. Daher wird es gut sein, ausdrücklich von ihr zu reden.

Worin besteht also die philosophische Mode unserer Tage? An welche Bewegung der Zeit knüpfen wir an, um sie einerseits als bloße Mode zu erkennen, andererseits den Kern von ihr zu bewahren, der uns Fühlung mit dem Denken der Zeit gewährleistet?


Erstes Kapitel
Das Leben als Modebegriff

    " ... welcher gesunde Menschenverstand aber ebenso wohl
seine Moden hat als unsere Fracks oder unsere Frisuren."

       - Fichte, Berichtigung der Urteile des Publikums

Ganz sicher ist die Frage nach der philosophischen Mode vielleicht nicht zu beantworten. Es bietet sich die Möglichkeit, mehrere Schlagwörter zu nennen. So hat LAMPRECHT (1) von einer Philosophie der "Reizsamkeit", RICHARD HAMANN (2) von philosophischem "Impressionismus" gesprochen. SPENGLERs (3) Morphologie der Weltgeschichte - sie ist die erste nicht, wie ihr Verfasser zu glauben scheint, und sie wird die letzte nicht sein - nennt unsere Zeit imperialistisch, verwandt dem Rom der Cäsaren, und meint, ihre Philosophie müsse daher dem hellenistischen Skeptizismus entsprechen. So ließen sich wohl noch manche Schlagwörter finden. Doch sehen wir von ihrer Kritik hier ab.

Wir versuchen, eine andere Kennzeichnung der philosophischen Modeströmungen. Für den Begriff, der heute in besonders hohem Maße die Durchschnittsmeinungen beherrscht, scheint uns die beste Bezeichnung der Ausdruck  Leben  zu sein (4). Er wird seit einiger Zeit immer häufiger gebraucht und spielt nicht nur bei Tagesschriftstellern, sondern auch bei wissenschaftlichen Philosophen eine große Rolle. "Erlebnis" und "lebendig" sind beliebte Worte, und keine Meinung gilt für so modern wie die, daß es Aufgabe der Philosophie sei, eine Lehre vom Leben zu geben, die aus den Erlebnissen heraus sich wahrhaft lebensvoll gestaltend für den lebendigen Menschen brauchbar ist. Von der  Philosophie des Lebens  in unserer Zeit wollen wir also handeln, um sie zuerst in ihren Hauptzügen darzustellen und dann kritisch zu ihr Stellung zu nehmen. Sie scheint die Ansatzpunkte zu bieten, von denen aus man vielleicht weiter kommt.

Unter ihr ist nicht etwa eine Philosophie über das Leben als einen  Teil  der Welt zu verstehen, neben dem es noch andere Weltteile gibt, denn das wäre für sich noch keine ganze Philosophie des Lebens, und ferner kommt auch nicht die Art von "Lebensanschauung" in Betracht, die nur den Sinn des menschlichen kennen lernen will, denn darin läge noch nichts gerade unserer Zeit Eigentümliches. Solche Lebensanschauungen hat man immer in der Philosophie gesucht. Das Charakteristische der modernen Lebensphilosophie besteht vielmehr darin, daß man mit dem Begriff des Lebens selbst und mit ihm  allein  die gesamte Welt- und Lebensanschauung aufbauen will. Das Leben ist in den Mittelpunkt des Universums zu stellen, und alles, wovon die Philosophie zu handeln hat, ist auf das Leben zu beziehen. In ihm glaubt man den Schlüssel zu jeder Türe des philosophischen Gebäudes zu besitzen. Man erklärt das Leben für das eigentliche "Wesen" des Weltalls und macht es zugleich zum Organon seiner Erfassung. Das Leben selber soll aus dem Leben heraus ohne Hilfe anderer Begriffe philosophieren, und eine solche Philosophie muß sich dann unmittelbar erleben lassen.

Von diesem auf die Spitze getriebenen Standpunkt der  Lebensimmanenz,  der grundsätzlich kein Anderes oder kein Jenseits des Lebens kennt, sondern das Leben nur am Leben messen und so alles lebendig machen will, gehen wir daher aus, um die Philosophie der Zeit so weit zu verstehen, als sie sich allgemein überhaupt verstehen läßt.

Allerdings kann man nicht behaupten, daß das Wort  Leben  in den philosophischen Zeitströmungen eine genau bestimmte und nur eine  Bedeutung  hat. Aber das macht es für unseren Zweck nicht unbrauchbar. Diese Eigenschaft teilt es mit den meisten Modeschlagwörtern. Ja, man kann sagen, weil es vieldeutig ist und daher mannigfaltige und ahnungsreiche Perspektiven eröffnet, ist es so beliebt geworden. Unsere Aufgabe muß sein, hinter diese Vieldeutigkeit zu kommen. Nur selten wird eine Lehre diese Mode beherrschen, bei der sich nicht Mehreres denken, und die sich nicht auch auf mehrfache Weise mißverstehen läßt. So wäre z.B. der "Monismus" nie Mode geworden, wenn das Wort nicht viele Bedeutungen hätte.

Nur mit Einschränkung ist also von einer Einheitlichkeit Der Zeitphilosophie zu reden. Die Allgemeinheit im Sinne der Übereinstimmung betrifft mehr das sprachliche Gewand als die Sache, und wir werden bei der kritischen Stellungnahme zur Lebensphilosophie mehrere Lebensbegriffe voneinander scheiden müssen, um zur Klarheit zu kommen. Andererseits aber ist doch das Wort Leben nicht so vieldeutig, daß es nichtssagend wäre wie der Ausdruck Monismus, bei dem man, falls er der Name für eine Weltanschauung sein soll, sich fast alles und daher nichts Bestimmtes mehr denken kann. Es behält vielmehr einen guten klaren Sinn, zu behaupten, die verbreitetste von den ernsthaften philosophischen Strömungen unserer Zeit gehe dahin, daß das Wesentliche in Welt und Leben "das Leben" selber sei, und daß man daher auch in der Philosophie nichts anderes als "das Leben" brauche.

Zur Beliebtheit des Lebensbegriffs hat gerade der Umstand mit beigetragen, daß der Ausdruck sich in mehreren sprachlichen Wendungen findet und in verschiedenen Richtungen zu benutzen ist.

Bei dem Leben denkt man an das Objekt des "Erlebnis", und auf das "Erlebnis" kommt es dann für den modernen Menschen an. Man wird versuchen, sich in das "einzuleben", was man gründlich erfassen will, und wer darauf ausgeht, die Welt zu begreifen, wird sich das "Mitleben" mit ihr zur Aufgabe machen, um so sein Ich kosmisch zu erweitern. Ferner versteht es sich von selbst, daß das Leben "gelebt" werden muß, und so wird das "Ausleben" zum beliebten Lebensideal.

Zugleich steht dem lebendigen Leben das "abgelebte" Leben gegenüber, das starr und unlebendig geworden ist, und das wir daher zu meiden haben. Damit kommen wir zum Gegensatz des Lebens, zum  Tod,  und auch dies Wort läßt sich in den verschiedensten Richtungen beim Aufbau einer Lebensphilosophie verwenden. Was kann man nicht alles als "tot" oder "getötet" oder "tötend" bezeichnen.

Besonders wichtig aber ist, daß das Leben selbst das Tote produziert und so zum übergreifenden Band für Tod und Leben wir. Nur das Lebendige stirbt, und das Gestorbene allein ist abgestorben und im eigentlichen Sinne tot. Die Rinde des Baumes erstarrt oder bildet eine Kruste, die lediglich als seine tote Oberfläche gelten darf, und durch die hindurch der Lebensphilosoph daher zum lebendigen Kern vorzudringen hat. Die Lebewesen schaffen sich ihre Gehäuse. Diese sind ebenfalls als starre Hüllen in ihrer Unlebendigkeit zu begreifen und dementsprechend zu behandeln. Die Schlange muß ihre Haut abwerfen. Das Tier, das sich nicht häuten kann, geht zugrunde. In den abgestorbenen Lebensresten darf man nur lebenshemmende Fremdkörper sehen. Man muß sie beiseite lassen und über sie hinwegschreitend dafür sorgen, daß das Leben stets lebendig in wachsender Bewegung bleibt. Dann lebt man auch als Kulturmensch in Harmonie mit der lebendigen All-Natur.

Schon diese Schlagwörter deuten an, welch reiches Material sich für den Aufbau einer Lebensphilosophie darbietet.

Manches von ihnen, zumal der Ausdruck "Erlebnis" ist allerdings bereits so abgegriffen, daß er nicht mehr genügt und man daher zum "Urerlebnis" glaubt vordringen zu müssen, das wohl ein noch lebendigeres Erlebnis als das gewöhnliche sein soll. Ja, gerade das Wort Erlebnis wird so häufig und bei so verschiedenen Gelegenheiten gebraucht, daß ein nachdenklicher oder auch nur geschmackvoller Mensch sich scheuen kann, es überhaupt noch in den Mund zu nehmen oder es beim Schreiben ohne Gänsefüßchen zu verwenden. Nicht selten bedeutet es eine leere Phrase und dient zum Deckmantel für Gedankenlosigkeit.

Doch der Mißbrauch dieses und anderer Lebensschlagwörter hebt ihren Gebrauch nicht auf, und wir dürfen auch die Begeisterung für das Erlebnis als Quelle manches Bedeutsamen unserer Zeit nicht vernachlässigen. Mit Wissenschaft hat sie freilich direkt noch nichts zu tun. Meist kommt sogar eine völlig unwissenschaftliche, ja wissenschaftsfeindliche Lebensstimmung in ihr zum Ausdruck. Aber diese Stimmung entspringt einerseits doch zugleich tieferen Schichten und färbt andererseits ab auf die verschiedensten Gebiete des Kulturlebens. Schließlich beeinflußt sie auch die Wissenschaft, und das hat dann Konsequenzen für die Philosophie.

Diese Strömungen durch alle verschiedenen Kultursphären hindurch zu verfolgen, würde zu weit führen. Aus den angegebenen Gründen dürften wir auch nicht hoffen, einheitlich die  gesamte  Kultur der Zeit von hier aus zu verstehen. Ein kurzer Hinweis auf wenige außerwissenschaftliche Gebiete kann daher genügen.

So hat SIMMEL, der uns später als Lebensphilosoph noch beschäftigen wird, im  künstlerischen  Leben den Expressionismus als eine der auf das Leben gerichteten Bestrebungen zu deuten gesucht. Die innere Bewegtheit des Künstlers soll sich ganz unmittelbar so, wie sie gelebt wird, in das Werk oder genauer als das Werk fortsetzen. Auch die Originalitätssucht bei so vielen jungen Leuten der Gegenwart ist mit der Richtung auf das Leben in Zusammenhang zu bringen. Was in diesem Falle gerettet werden soll, ist nicht sowohl die Individualität des Lebens, sonder das Leben der Individualität. Die Originalität sei sozusagen nur die ratio cognoscendi [der Erkenntnisgrund, wp], die uns vergewissert, daß das Leben rein bei sich selbst ist und nicht Formen, die ihm äußerlich, objektiviert und starr sind, in seinen Strom oder seinen Strom in sie aufgenommen hat. Ebenso fordert eine Stimmung innerhalb der gegenwärtigen  Religiosität  die entsprechende Deutung. Geist vorgeschrittene Persönlichkeiten befriedigen ihre religiösen Bedürfnisse mit der Mystik. Hier steht die Religösität als ein unmittelbar jeden Pulsschlag einschließender Lebensprozeß in Frage, ein Sein, nicht ein Haben, ein Frommsein, das, wenn es Gegenstände hat, Glauben heißt, nur aber eine Art ist, wie das Leben selbst sich vollzieht, nicht eine Stillung der Bedürfnisse von einem Außen her - wie der expressionistische Maler sein künstlerische Bedürfnis nicht durch Anschmiegen an einen Außengegenstand befriedigt - sondern es wird ein kontinuierliches Leben aus einer Tiefe heraus gesucht, in der es sich noch nicht in Bedürfnis und Erfüllung zerlegt hat und als keinen "Gegenstand" braucht, der ihm eine bestimmte Form vorschriebe. Das Leben will sich unmittelbar als religiöses aussprechen, nicht in einer Sprache mit gegebenem Wortschatz und vorgeschriebener Syntax (5).

Diese feinen Bemerkungen mögen zur Kennzeichnung von außerwissenschaftlichen Lebenstendenzen dienen. Für unseren Zusammenhang noch wichtiger sind die Lebensrichtungen auf dem Gebiet der  Einzelwissenschaften. 

Da soll vor allem die  Natur  als lebendig verstanden werden, und dann wird sie der toten, d. h. der physikalischen oder mechanischen Natur entgegengesetzt, die der Liebling des vorangegangenen, glücklich überwundenen Zeitalters war. Von der Materie als einem Atomkomplex unter mathematisch formulierbaren Gesetzen will man heute, wenn es sich um das "Wesen" der Natur handelt, nichts mehr wissen. Durch den Mechanismus wird alles starr und tot gemacht. Auch wo man an eine "naturwissenschaftliche Weltanschauung" glaubt, gilt er für abgetan. Dem lebendigen Leben, das uns umflutet, kann er nie gerecht werden. Dabei meint man nicht nur das unräumliche oder unausgedehnte psychische Sein, das materialistisch aufzufassen, die Wissenschaft ja längst aufgegeben hat, sondern auch für die unbeseelte Körperwelt, die man früher tote nannte, wird der Mechanismus jetzt als starr und tot abgelehnt. Sogar die verkappten Materialisten spielen das Organische gegen das Mechanische aus und reihen sich so der Zeitströmung ein. Die Begriffe der mechanischen Naturwissenschaft selbst sind in der "Energetik" in eigentümlicher Weise verlebendigt worden. Von einer lebendigen Mathemati war allerdings bisher wohl noch nicht die Rede, und diese Disziplin ist bei den meisten Vertreteern der "lebendigen" Wissenschaft auch wenig beliebt. Doch lassen sich sogar hier Richtungen konstatieren, die darauf ausgehen, die Welt des Mathematischen beweglicher und insofern lebendiger zu gestalten.

Daß unter diesen Umständen in der Wissenschaft, die vom Leben im engeren Sinne handelt, d. h. in der  Biologie,  der Vitalismus als Neovitalismus die größten Erfolge hat, bedarf keiner besonderen Erörterung. Antimechanische "Kräfte" werden als wirkende Zweckprinzipien eingeführt, und die Natur ist entweder teilweise oder ganz teleologisch zu denken. So allein glaubt man, dem lebendigen Leben gerecht zu werden, das aus der toten, mechanischen Materie niemals entstehen kann. Ob man dabei sachlich über ARISTOTELES hinausgekommen ist, ja wie weit man dessen Gedanken auch nur erreicht hat, sei dahingestellt. Es gilt hier nur, die Lebenszeichen der Zeit zu verstehen.

Zu diesem Zweck ist ferner darauf hinzuweisen, daß das Streben nach Lebendigkeit auf die Naturwissenschaften nicht beschränkt bleibt. Sowohl in der Psychologie als auch in den  Kulturwissenschaften,  die man die Geisteswissenschaften nennt, tritt es zutage. Von dem Historiker wird verlangt, er solle nicht totes Wissen geben oder von abgelebten, unlebendig gewordenen Tatsachen der Vergangenheit berichten, die uns in ihrer Starrheit nichts mehr angehen. Er müsse vielmehr sich einleben in das Geschehen früherer Zeiten, es nacherleben und so wieder lebendig machen, wie die unmittelbare Gegenwart lebendig ist. Das Mitleben mit unseren Vorfahren soll er uns ermöglichen und ihren Geist in uns am Leben erhalten. Für die verschiedensten Gebiete der Kultur, für Kunst und Recht, für Wirtschaft und Religion der Vorzeit ist das zu leisten. Zum Leben sind ihre schlummernden Kräfte wieder zu erwecken. Dem entspricht, daß auch im geschichtlichen Stoff nur das wichtig erscheint, was einst ursprünglich und wahrhaft lebendig war, während alles abgeleitete und lebensschwache Geschehen der Vorzeit nur ein sekundäres Interesse bietet.

Steht doch, um ein konkretes Beispiel zu geben, unter dieser Auffassung sogar ein so selbständiges Werk wie GUNDOLFs GOETHE, wenigstens mit Rücksicht auf sein Programm (6). Der Dichter wird darin mit DANTE und SHAKESPEARE verglichen und mit seiner Welt nicht so gleichartig wie diese erfunden. Sie waren ursprüngliche Menschen in einer ursprünglichen Welt, GOETHE ein ursprünglicher Mensch in einer abgeleiteten, in einer Bildungswelt. So verwebt sich in seiner Existenz Urerlebnis und Bildungserlebnis. Das religiöse, titanisch und erotische ist Urerlebnis, und das Bildungserlebnis ist das der deutschen Vorwelt, SHAKESPEARs, des klassischen Altertums, Italien, des Orients, der deutschen Gesellschaft. Von hier aus gilt es, das gesamte Werk GOETHEs zu verstehen, seine Lyrik, seine Symbolik, seine Allegorik. Diese an der Nähe des Urerlebnisses gemessene Einteilung hat an die Stelle der üblichen zu treten. Die Lyrik enthält die Urerlebnisse dargestellt im Stoff seines Ich. Da kommt das Bildungserlebnis nicht in Betracht. Auch Werther und Tasso nähern sich dieser Sphäre. Die Symbolik enthält das Urerlebnis dargestellt im Stoff einer Bildungswelt, die Allegorik endlich nur abgeleitete Erlebnisse. Sie steht daher künstlerisch am tiefsten, und die Sympathie des Darstellers ist überall bei den Urerlebnissen. Das scheint in unserem Zeitalter völlig selbstverständlich.

Ob es Urerlebnisse von künstlerischer Bedeutung im Gegensatz zu  allen  Bildungserlebnissen bei einem geschichtlichen Menschen, der Kulturwerke schafft, überhaupt gibt, wird nicht gefragt, obwohl es als sehr fragwürdig gelten sollte. Ob jemals ein großer Kulturmensch religiöse, titanische, erotische Erlebnisse von mehr als persönlich privater Bedeutung gehabt hat, falls nicht irgendein Bildungseinschlag dabei wesentlich mitwirkte, scheint in unserer Zeit der Lebensbegeisterung kein Problem, obwohl es gewiß eminent problematisch ist.

Kein Wunder, daß unter diesen Umständen der Lebensbegriff immer mehr in die  Philosophie  eindringt. Ihr wenden wir uns jetzt zu, um sie zunächst allgemein zu charakterisieren. Dabei kommt selbstverständlich auch die außerwissenschaftliche Weltanschauungsphilosophie mit in Betracht.

Am nächsten liegt der Gedanke an eine  Lebensethik.  Die Lehre vom Sittlichen war stets der Teil der Philosophie, der die weitesten Kreise beschäftigte. Auf das Leben selbst will man die sittlichen Ideale gründen. Möglichst viel soll der Mensch erleben und möglichst lebendig nach allen Richtungen sein Leben gestalten. Nichts Lebendes, das sich regen will, darf er unterdrücken und verkümmern lassen. Wie der Baum und die Blume im Felde blüht auch der Mensch, und er soll es wissen. Seine Blütezeit nicht auszuleben, nicht jedes Erlebnis mit offenen Armen zu empfangen und auszukosten, heißt sich selbst töten. Lebe! so lautet der neue kategorische Imperativ. Ethische Bedeutung gewinnt das Leben nur, wenn es zum Gipfel der Lebendigkeit geführt und in seiner ganzen Breite vom Leben durchströmt wird.

Freilich ist das Wort "ausleben" wohl schon etwas anrüchig geworden. Mancher sieht ein, daß sogar eine Berufung auf das Blühen der Pflanzen nicht überall passen will, da am Meere und in kahlen Ebenen die einsamen Bäume und Sträucher mehr von Kampf und Entsagung zu zeugen scheinen. Vollends werden Erfahrungen im menschlichen Leben den Gedanken nahelegen, daß mit dem sittlichen Imperativ des Auslebens der moderne Lebe-Weise sich eventuell gut amüsieren kann, im Lebenskampf jedoch mit der Lebe-Moral, deren Lebe-Pflichten nicht allzu schwer zu erfüllen sind, allein nicht auskommt. So wird man nach einer ernsteren Lebensethik suchen, die nicht nur die Lebensblüten, sondern auch die Lebensfrüchte im Auge hat. Aber die Grundtendenzen, denen die Auswüchse der Lebensethik entspringen, sind darum nicht erstorben, sondern die Lebendigkeit des Lebens gilt immer noch als höchste sittliche Forderung.

Ebenso verlangt die  Aesthetik  eine lebendige Kunst, die  Religionsphilosophie  einen lebendigen Gott, ja sogar die  Logik  ein lebendiges Denken, und endlich ist, um nur dies noch hervorzuheben, das Lebensprinzip auch in das "Allerheiligste" der Philosophie, in die  Metaphysik  eingedrungen. Man versteht unter Leben nicht nur das, was innerhalb der empirischen Realität liegt, sondern man glaubt, auch die Probleme des Übersinnlichen mit Hilfe des Begriffes in neuer Weise lösen zu können. Wenn durch den Gedanken des Auslebens der Modebegriff eine ethische Färbung bekommt, so wird er hier in den Dienst irrationalistischer oder gar mystischer Bedürfnisse gestellt. Nur das Absolute, Unmittelbare und Ursprüngliche, das durch Intuition ohne jede begriffliche Hilfe Erfaßte, ist das wahrhaft Reale, lehrt man, und dann soll das tiefste Weltwesen, unmittelbar erlebt oder geschaut, ebenfalls Leben sein. Die Wirklichkeit, mit der die gewöhnlichen "Wissenschaften" sich beschäftigen, sinkt dem erlebten Leben gegenüber zur bloßen Erscheinung oder zu einem begrifflichen und daher unwirklichen Produkt von sekundärer Bedeutung herab.

Kurz, Leben ist es, das "die Welt im Innersten zusammenhält", im Gegensatz zur toten, mechanischen Außenseite der Natur. Auch die alte Faustfrage wird von der Modephilosophie auf Grund des Lebensprinzips beantwortet.

Schon diese Hinweise zeigen, wieweit mit Hilfe des modernen Lebensbegriffs eine Philosophie zu schaffen ist, die wenigstens formal allen Bedürfnissen genügt, welche man an das Ganze des philosophischen Denkens zu stellen pflegt. Um das noch ausdrücklich klar zu machen, weisen wir kurz auch auf die Ziele einer jeden wahrhaft umfassenden Philosophie hin und fragen, wieweit sie heute durch den Begriff des Lebens erreicht zu sein scheinen. Das führt zu allgemeinen Erörterungen über das Wesen der Philosophie überhaupt. Doch kehren wir von ihnen bald wieder zur Zeitphilosophie zurück.

Zunächst wird man in der Philosophie die Wissenschaft sehen, die das  Ganze  der Welt zu ihrem Gegenstand macht. Irgendeine Disziplin muß sich diese universale Aufgabe stellen, und nur die Philosophie kann es tun. Der Umstand, daß heute das Weltall an die Einzelwissenschaften aufgeteilt zu sein scheint, ändert daran nichts. Jede von ihnen behandelt ihrem Begriff nach nur einen Teil der Welt, und das Ganze ist etwas anderes, als die bloße Aneinanderreihung seiner Teile. Die Philosophie behält also unter allen Umständen eine selbständige Aufgabe: sie hat Begriffe für das Weltall zu entwickeln, so daß dieses sich in ihnen als eine Einheit darstellt. Das ist immer ihre Aufgabe gewesen und wird ihre Aufgabe bleiben. Irgendwelche partiellen Bestrebungen verdienen den Namen der Philosophie nicht.

Doch hiermit kommt die universale Tendenz noch nicht vollständig zum Ausdruck. Man verlangt von der Philosophie, daß sie uns "Weltanschauung" geben soll, und dabei denkt man nicht allein an die Welt als Objekt, sondern auch an unsere, des Subjekts Stellung zur Welt. Man erwartet mit anderen Worten, wie schon angedeutet, zugleich "Lebensanschauung". Dabei werden nicht nur die Gedanken wichtig, die festzustellen suchen, wie die Welt wirklich ist, sondern wir wollen auch den "Sinn" des Menschenlebens deuten, und das gelingt nur, wenn wir die  Werte  kennen, die ihm Sinn verleihen. So treten neben die Seinsprobleme die Wertprobleme. Auch sie hat die Philosophie in Angriff zu nehmen, falls sie universal sein will. So wird sie zur Wissenschaft nicht allein vom Weltall, sondern auch vom ganzen Menschen und seinem Verhältnis zur Welt. Erst damit umfaßt sie in Wahrheit das Ganze und beschränkt sich nicht wie andere Wissenschaften auf einen Teil.

Ferner führ das Verhältnis des Teils zum Ganzen noch auf einen anderen für die Philosophie wichtigen Unterschied von der Spezialforschung. Die reale Welt, in der wir alle leben, verläuft in der  Zeit,  und diese erstreckt sich sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft, ohne daß jemals ihr Ende abzusehen wäre. Was wir zeitlich zu überschauen vermögen, ist deshalb immer lediglich ein Weltteil. Das Weltganze können wir nur so denken, daß es alle zeitlichen Weltteile und damit zugleich die Zeit selber umfaßt. So kommen wir zum Gegensatz des Zeitlichen und des Zeitlosen. Die Weltteile sind in der Zeit. Das Weltganze kann nicht in der Zeit sein, sondern umgekehrt: die Zeit ist im Weltganzen. Infolgedessen wird für eine universale Wissenschaft auch das Verhältnis des Zeitlichen zum Zeitlosen oder, positiv gesprochen,  Ewigen  ein Problem. Die Frage, wie der Teil zum Ganzen kommt, läßt sich formuieren als Frage, wie das Zeitliche ins Ewige hineinragt. Bei der Zeitanschauung kann die Philosophie als universale Wissenschaft nicht bleiben. Sie muß zur Weltanschauung vordringen. Doch hat sie diese zugleich so auszubilden, daß sie die Zeitanschauung mit umfaßt. Zeit und Ewigkeit sind im philosophischen Begriff vom All der Welt einheitlich zu verbinden.

Endlich kann man noch ein Kennzeichen der Philosophie hervorheben. Soll sie die Wissenschaft vom All sein, so muß sie einen streng systematischen Charakter tragen, d. h. alle ihre verschiedenen Begriffe und Urteile zu Gliedern eines einheitlich geordneten Gedanken-Ganzen zusammenschließen. Ohne die Form des  Systems  wäre sie nicht imstande, das Weltall zu erfassen. Begriffe, die nicht Glieder eines Systems sind, beziehen sich nur auf Teile, und so lange es kein System gibt, fällt daher für uns die Welt in ihre Teile auseinander. So wie die Wirklichkeit uns zuerst gegenübertritt, bevor wir sie systematisch begreifen, ist sie überhaupt noch keine "Welt", sondern eine Anhäufung von Bruchstücken oder ein Chaos. Erst indem wir ihre Teile ordnen, entsteht das, was wir den Kosmos nennen. Das System allein ermöglicht es also, daß aus dem Weltchaos für uns der Weltkosmos wird, und insofern kann man sagen, muß jede Philosophie die Form des Systems haben.

Ihre Aufgaben sind schließlich in dem einen Satz zum Ausdruck zu bringen: sie sucht in Form des Systems nach einer Weltanschauung, die sowohl die Zeitanschauung, als auch die Lebensanschauung umfaßt und so das zeitliche Leben im Zusammenhang mit dem überzeitlichen Wesen des Weltalls verstehen lehrt. Mehr kann sie nicht wollen, und auf weniger darf sie als universale Betrachtung sich wenigstens der Absicht nach nicht beschränken. Wieviel sie vermag, ist eine andere Frage.

Sehen wir nun, wieweit die Lebensphilosophie im Besonderen sich als Philosophie in dem angedeuteten allgemeinen Sinn darstellt, so ist zunächst zu konstatieren, daß sie sich in einigen ihrer Gestalten in der Tat auf das  Ganze  der Welt richtet, und als echte Lebensphilosophie  Alles  unter den  einen  Begriff des Lebens zu bringen sucht. Was es überhaupt gibt, muß Äußerung des Lebens sein. Wie das zu denken ist, haben wir bereits gesehen, als wir darauf hinwiesen, daß auch das Tote sich als Produkt des Lebens fassen läßt und so das Leben zum übergreifenden Band für Tod und Leben wird. Führt man dies für all Gebiete der Welt konsequent durch, so erscheint das Leben als Weltallprinzip, und insofern ist sein Begriff zu Grundlage der Philosophie als der universalen Wissenschaft geeignet. Was nicht lebendig ist , hat keinen Bestand. Das wird besonders in der Metaphysik des Lebens zum Ausdruck gebracht.

Zugleich müssen sich auf dem Lebenswege nicht allein die Seinsprobleme, sondern auch die  Wertprobleme in Angriff nehmen lassen. Ist die Welt in ihrem tiefsten Grunde All-Leben, dann kann es auch im Leben der Menschen allein auf das Leben ankommen. Vom Leben her ist demnach nicht nur das Weltobjekt in seiner Totalität, sondern ebenso der ganze Mensch zu verstehen oder der gesamte Sinn des menschlichen Daseins zu deuten. Damit muß sich Klarheit auch über unsere Ziele und Aufgaben verbreiten. So kann nur die Philosophie des Lebens uns im Leben den Halt geben, den wir suchen. Sind aber Weltanschauung und Lebensanschauung gleichmäßig im Leben verankert, dann erscheint auch unter diesem Gesichtspunkt die Philosophie des Lebens als echte Philosophie.

Ferner muß sich der Gegensatz des  Zeitlichen  und des Zeitlosen oder  Ewigen  durch den Lebensbegriff überwinden und damit das vielleicht schwierigste philosophische Problem lösen lassen. Falls alles in der Welt Leben ist oder das Leben den umfassendsten Rahmen darstellt, innerhalb dessen jede zeitliche Lebensveränderung vor sich geht, dürfen wir von einem "ewigen Leben" reden, das keinen Anfang und kein Ende besitzt und zwar alle Zeit erfüllt, zugleich aber seinem allgemeinsten Begriff nach über der Zeit steht, denn auch Zeit gibt es nur als eine Form des Lebens, und insofern ist das Leben selbst frei von der Gewalt der Zeit. Es bildet sowohl die zeitlose Form als auch den zeitliche Inhalt. Genauer: eine solche Trennung ist ihm im Grunde fremd, und auch wir brauchen es daher nicht erst in Form und Inhalt auseinanderzulegen, um die Totalität der Welt als All-Leben zu begreifen. Der Lebensprozeß selber ist die Form, und die Inhalte gibt es nur in diesem Prozeß. Damit erreicht die Lebensphilosophie die denkbar vollkommenste Welteinheit.

Nur eines muß ihr fehlen, was bisher zu jeder echten Philosophie zu gehören schien: die Form des  Systems.  Das System ist nämlich unter allen Umständen etwas Starres, Festgewordenes, Geronnenes und steht daher dem stets fließenden und strömenden Leben fremd, ja feindlich gegenüber. Im alten Sinn systematisch darf also der Lebensphilosoph nicht denken. Indem er die Welt als All-Leben versteht, muß er zugleich einsehen, daß sie in kein festes System hineinpaßt. Sein Denken hat sich der Rhythmik und Dynamik des nie ruhenden Lebens anzuschmiegen. Ein lebendiges Denken soll die Statik des Systems ablösen und uns damit endlich von jeder Systematik erlösen.

In dieser antisystematischen Tendenz wird also die Lebensphilosophie ihren größten Vorzug sehen und glauben, die herkömmlichen Bestimmungen der Philosophie als eines Systems durch ein neues Ideal überwunden zu haben. Wie der Unterschied von Form und Inhalt, so fällt auch der von Kosmos und Chaos für sie fort. Das Leben ist beides zugleich. Der flutende Lebensstrom selbst ist die gestaltende und die gestaltete Welt, denn ihre Gestalt besteht im Fließen und Strömen, und sie "besteht" insofern zugleich auch nicht.

So sind in der Lebensphilosophie alle Denkmotive, die bisher von den Philosophen behandelt wurden, "aufgehoben", um mit HEGEL zu reden, und wollen wir daher, wie derselbe Denker sagt, unsere "Zeit in Gedanken erfassen", dann müssen wir uns in die Lebensphilosophie vertiefen. Sie erscheint nicht allein als Verkörperung des philosophischen Zeitgeistes, sondern sie marschiert zugleich an der Spitze der philosophischen Entwicklung.
LITERATUR - Heinrich Rickert, Die Philosophie des Lebens - Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit, Tübingen 1920
    Anmerkungen
    1) Deutsche Geschichte, Erster Ergänzungsband. Zur jüngsten deutschen Vergangenheit. Erster Band. Tonkunst - Bildende Kunst - Dichtung - Weltanschauung. 1902
    2) Der Impressionismus in Leben und Kunst. 1907 Gegen den Versuch HAMANNs, meine Philosophie als besonders charakteristisch für die Bestrebungen zu kennzeichnen, die den Impressionismus als Fundament des Denkens rechtfertigen, habe ich mich schon an anderer Stelle gewehrt. Der Gegenstand der Erkenntnis. 3. Aufl. S. 202. Das vorliegende kleine Buch wird wohl über den antiimpressionistischen Charakter meines Philosophierens vollend keinen Zweifel lassen.
    3) Der Untergang des Abendlandes, Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Erster Band: Gestalt und Wirklichkeit. 1918.
    4) Vgl. meine Abhandlung: Lebenswerte und Kulturwerte, 1910 (Logos, Bd. II S. 131 ff). Ich habe ihren Inhalt zum großen Teil wörtlich in dies Buch aufgenommen. In ähnlicher Weise wie hier finde ich die Philosophie unserer Zeit gekennzeichnet bei MAX SCHELER, Versuche einer Philosophie des Lebens, (Abhandlungen und Aufsätze, 1915, Bd. II, S. 171ff) und bei GEORG SIMMEL, Der Konflikt der modernen Kultur, 1918. Beide Schriften konnte ich zur Ergänzung benutzen. Die kritische Stellung zur Lebensphilosophie weicht freilich bei beiden Autoren wesentlich von der meinigen ab, und das muß schon in ihrer Darstellung zum Ausdruck kommen. Farblose "Objektivität" versuche ich nicht.
    5) Vgl. GEORG SIMMEL, Der Konflikt der modernen Kultur.
    6) FRIEDRICH GUNDOLF, Goethe. 1916. Bezeichnend ist, daß diese Gedanken nur in der "Einleitung" eine Rolle spielen. Sie erscheinen dort wie ein Tribut, den der Autor seiner Zeit entrichtet. Doch kommt der Lebensbegriff bei den Theoretikern des Kreises um STEFAN GEORGE auch sonst vor. GEORGEs große Lyrik steht hoch über aller Lebenspoesie.