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JOHANNES REHMKE
Lehrbuch der
Allgemeinen Psychologie

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    Vorwort
§ 1. Psychologie als Wissenschaft überhaupt
§ 2. Die Psychologie als Fachwissenschaft überhaupt
§ 3. Die Psychologie als besondere Fachwissenschaft
§ 4. Der Ausgangspunkt
§ 5. Geschichte des Seelenbegriffs
§ 6. Der altmaterialistische Seelenbegriff
§ 7. Der spiritualistische Seelenbegriff
§ 8. Der neumaterialistische Seelenbegriff
§ 9. Der spinozistische Seelenbegriff
§ 10. Die zwei Arten von Konkretem
§ 11. Das Konkretum "Seele"
§ 12. Die Fehlerquelle der geschichtlichen Seelenbegriffe
§ 13. Die Behauptung von unbewußtem Seelischen
§ 14. Das konkrete Bewußtsein als das Seelengegebene überhaupt
§ 15. Die Bedingung des Bewußtseins im unmittelbar Gegebenen
§ 16. Die Wechselwirkung zwischen Seele und Dingwirklichem
§ 17. Das Zusammen von Seele und Leib

"Die beiden Punkte, durch welche die Entwicklungslinie des erkennenden Bewußtseins als den Ausgangs- und Endpunkt begrenzt ist, sind die ursprüngliche Klarheit, wenn das Bewußtsein noch keine Frage kennt und die vollendete Klarheit, wenn es keine Frage mehr stellt und stellen kann. Wer in jener ursprünglichen Klarheit schlechtweg verharren könnte, wäre der reine Dumme, wer die vollendete Klarheit hätte gewinnen können, der reine Weise zu nennen: weder der Eine noch der Andere findet sich unter uns Menschen. Zwar ist das Ziel unseres Forschens jene Klarheit des Weisen, aber der Weg geht für uns niemals zuende. Die Entwicklung unseres Bewußtseins zeigt ein stetes Wechseln von Klarheit zur Unklarheit, von Unklarheit zu Klarheit usw. Freilich wächst dabei immer mehr die Summe desjenigen Gegebenen, welches in steter Klarheit verharrt und trotz aller Weiterentwicklung des Bewußtseins in seinem Begriff fraglos bestehen bleibt, aber des Fragens ist doch kein Ende gegenüber anderem Gegebenen und die Zahl der ungelösten Fragen ergänzt sich trotz allen Antwortens immer aufs Neue."

"Hört man von konkret und abstrakt, so muß man immer erst fragen, was bedeutet dieser Gegensatz? Etwa den des Zusammengesetzten und Einfachen? Keineswegs, denn man nennt das Ding ein Konkretes, den Begriff dieses Dings ein Abstraktes und beide sind zweifellos ein Zusammengesetzes."

"Denn, was nicht unmittelbar gegeben ist, ist dem Einzelnen nur vermittelt und gleichsam gebrochen durch das Mittel der Begriffe vom eigenen Seelenleben gegeben."



Vorwort

Der Zweck dieses Lehrbuchs ist, Klärung und Verständigung in den allgemeinen Fragen, welche das Seelenleben uns aufgibt, zu schaffen und demjenigen, welcher über das Seelische sich besinnen, die Tatsachen des so mannigfaltigen Seelenlebens ergründen will und über sie zu fragloser Klarheit zu gelangen strebt, die notwendige allgemeine Wegleitung zu geben.

Der Sonntagsreiter in der Psychologie gibt es unter den Gebildeten eine Menge; daß ihre Zahl sich möglichst verringere, dazu soll dieses Lehrbuch der allgemeinen Psychologie beitragen, da es diejenigen, welche es studieren, sicher in den Sattel setzen will.

Wer sogenannte "interessante Geschichten" aus dem Seelenleben zu vernehmen hofft, wird sich allerdings enttäuscht finden, denn das, was ihm hier geboten wird, sind nur die nötigen Mittel für ihn, daß er sich selber und anderen wahre Geschichten aus dem Seelenleben erzählen kann.

Ohne diese Mittel, welche die allgemeine Wegleitung zu psychologischer Einzelforschung bedeuten, ist ein klares Erfassen der besonderen Mannigfaltigkeit unseres Seelenlebens, ist eine sichere Lösung der Aufgaben, welche der einzelne Augenblick dem Wißbegierigen stellt und ein widerspruchsloses Begreifen irgendeines besonderen Seelischen schlechthin unmöglich.

Mit diesen Mitteln allgemeiner Wegleitung aber muß jeder Gebildete seinerseits auch im Stande sein, das Seelenleben in dessen mannigfach verschlungenen Erscheinungen sich selber nun zu besserem, klarerem Verständnis zu bringen: in solcher Hoffnung und Absicht wenigsten ist dieses Buch geschrieben worden.



Einleitung

§ 1.
Psychologie als Wissenschaft überhaupt

Wissenschaft als Tatsache ist die allgemeingültige Aussage von etwas, welches in fragloser Klarheit gegegeben ist; Wissenschaft als Aufgabe, deren Ziel solche Klarheit ist, fordert Voraussetzungslosigkeit gegenüber demjenigen, welches Gegenstand der Forschung ist, damit keine der Fragen, welche der Gegenstand wachrufen kann, ungestellt bleibt und alle Fragen vom Gegenstand allein beantwortet werden. Die Psychologie als wissenschaftliche Forschung hat dieser Forderung nachzukommen.


Ausgangspunkt aller Forschung ist das unmittelbar Gegebene und, dieses zu erklären oder klar zu haben, ist das Ziel aller Forschung. Was immer über das unmittelbar Gegebene hinaus noch an Wirklichkeit erschlossen und angenommen wird, seine wissenschaftliche Berechtigung erweist es eben darin, daß es zur Erkenntnis, d. h. zum schlechthin klaren Begriff von unmittelbar Gegebenem notwendig ist. Im eigentlichen Begriff von unmittelbar Gegebenem notwendig ist. Im eigentlichen Sinne ist in der Tat nur das unmittelbar Gegebene Gegenstand der Wissenschaft und diese selbst ist gewonnen, wenn uns der Gegenstand der Wissenschaft und diese selbst ist gewonnen, wenn uns der Gegenstand in fragloser Klarheit dasteht.

Aber was ist Klarheit und wann ist jene fraglose Klarheit gewonnen?

Das Wort Klarheit bezieht sich hier auf das erkennende Bewußtsein, also auf uns, sofern wir Gegebenes begreifen; wir sprechen von klaren und unklaren Begriffen des Gegeben und ebenso von klarem und unklarem Bewußtsein, welches solche Begriffe hat, wir sind uns selber dieser Klarheit und Unklarheit bewußt. Und doch kann es zutreffen, daß ich einen Begriff von etwas Gegebenem für einen klaren oder unklaren ansehe, während ein anderer eben denselben umgekehrt einen unklaren oder klaren nennt. So scheint die Klarheit und Unklarheit als Titel nicht am Begriff als solchem zu hängen, sondern an der verschiedenen Beschaffenheit des einzelnen Bewußtseins, welches in jenem Begriff das Gegebene hat oder an der verschiedenen Art, in welcher sich das im gleichen Begriff gefaßte Gegebene für das einzelne erkennende Bewußtsein geltend macht. Diese Art ist aber eine zweifache: entweder erweckt das Gegebene als so und so  Begriffenes  eine Lust oder es erweckt eine Unlust; in jener finden wir das Bewußtsein als  erkennendes  befriedigt, in dieser unbefriedigt, hier tritt ein  theoretisches  Bedürfnis auf, dort fehlt dasselbe.

Wir nennen nun das Gegebene ein klar begriffenes, welches und kein theoretisches Bedürfnis erweckt und unklar dasjenige, desse Begriff jenes Bedürfnis in uns wachruft; da aber der Ausdruck unseres theoretischen Bedürfnisses die  Frage  ist, so dürfen wir zugleich aussprechen, daß Klarheit und Fraglosigkeit zusammengehören: was uns klar ist, an das stellen wir keine Frage und was uns zu fragen veranlaßt, das ist uns unklar und wird erst, wenn diese Fragen beantwortet sind, klar sein können.

Die Entwicklung des erkennenden Bewußtseins beginnt mit der ersten Frage, mit dem Augenblick, in welchem die ursprüngliche Fraglosigkeit und Klarheit in Ansehung des Gegebenen aufhört und der Unklarheit und den Fragen Platz macht, um durch deren Beantwortung wiederum Klarheit und Fraglosigkeit zu gewinnen. In der gewonnenen Klarheit erscheint das Gegebene dann als  anders  Begriffenes und zwar in einem Begriff, angesichts dessen das Gegebene zunächst keine weiteren Fragen in uns veranlaßt - bis etwa mit der Erweiterung der Erfahrung auch das so Begriffene wiederum Unklarheit zeigt und zur Beantwortung neuer Fragen antreibt.

Die beiden Punkte, durch welche die Entwicklungslinie des erkennenden Bewußtseins als den Ausgangs- und Endpunkt begrenzt ist, sind die ursprüngliche Klarheit, wenn das Bewußtsein noch keine Frage kennt und die vollendete Klarheit, wenn es keine Frage mehr stellt und stellen kann. Wer in jener ursprünglichen Klarheit schlechtweg verharren könnte, wäre der reine Dumme, wer die vollendete Klarheit hätte gewinnen können, der reine Weise zu nennen: weder der Eine noch der Andere findet sich unter uns Menschen. Zwar ist das Ziel unseres Forschens jene Klarheit des Weisen, aber der Weg geht für uns niemals zuende. Die Entwicklung unseres Bewußtseins zeigt ein stetes Wechseln von Klarheit zur Unklarheit, von Unklarheit zu Klarheit usw. Freilich wächst dabei immer mehr die Summe desjenigen Gegebenen, welches in steter Klarheit verharrt und trotz aller Weiterentwicklung des Bewußtseins in seinem Begriff fraglos bestehen bleibt, aber des Fragens ist doch kein Ende gegenüber anderem Gegebenen und die Zahl der ungelösten Fragen ergänzt sich trotz allen Antwortens immer aufs Neue.

Im Blick auf die Bewußtseinsentwicklung und die verschiedenen Entwicklungsstufen, welche das erkennende Bewußtsein in Bezug auf das Gegebene einnehmen kann, wird es auch verständlich, daß dem Einen ein in einem bestimmten Begriff gefaßtes Gegebenes klar, dem Anderen dagegen unklar ist, daß der Eine an das so begriffene Gegebene keine Frage stellt, während den Anderen das so begriffene zu fragen nötigt und daß dem auf höherer Entwicklungsstufe Stehenden die "Klarheit" des auf niederer Stufe Stehenden als "Unklarheit" oder "fragwürdige Klarheit" erscheint, da er die Fragen kennt, welche allerdings dem unentwickelteren Bewußtsein noch unbekannt im Gegebenen schlummern.

Demgemäß läßt sich nun eine zeitliche und eine ewige Klarheit unterscheiden; jene ist überall da, wo die Möglichkeit, daß durch eine Bewußtseinsentwicklung neue Fragen an das bestimmte, bisher so und so begriffene, Gegebene gestellt werden, nicht ausgeschlossen ist, die ewige Klarheit oder die Wahrheit da, wo alles weitere Fragen in Bezug auf das ins Auge gefaßte Gegebene, wie immer sich das Bewußtsein noch weiter entwickeln möge, unmöglich ist. Diese ewige Klarheit des begriffenen Gegebenen nennen wir die  fraglose Klarheit,  denn an sie selber kann sich keine Frage wagen, sie ist die Wahrheit.

Ob dem Bewußtsein solche fraglose Klarheit in Bezug auf bestimmt Gegebenes zukommen, ob es Wahrheit gewinnen kann, wenn auch nicht von allem, so doch von bestimmten Wirklichen, ist eine Frage, die hier nicht untersucht werden soll; zweifellos geht Alles, was Wissenschaft heißt, auf so eine fraglose Klarheit aus, zweifellos ruht alles, was als Wissenschaft ausgegeben wird, auf der Überzeugung, daß fraglos klar ist, was da ausgesagt wird. Wissenschaftliche Klarheit wird nur da anerkannt, wo das begriffene Gegebene zu keiner Frage mehr Anlaß geben, keine theoretische Antwort zu geben vermag auf Fragen, aber eine Antwort, die auf ihre Wahrheit doch wiederum erst durch das Gegebene selbst beglaubigt werden müte, bevor sie als wissenschaftliche gelten darf. Will die Psychologie Wissenschaft sein, so hat sie, um für ihren Gegenstand Klarheit zu gewinnen, Voraussetzungslosigkeit zu üben und den Weg der Zergliederung einzuschlagen und innezuhalten.


§ 2.
Die Psychologie als
Fachwissenschaft überhaupt

Fachwissenschaft heißt diejenige Forschung, welche es mit dem Konkreten, d. h. mit dem Gegebenem als Veränderlichem zu tun hat; ihr Ziel ist, die gesetzmäßigen Veränderungen ihres konkreten Gegenstandes festzustellen. Die Psychologie als Fachwissenschaft hat zu ihrer besonderen Aufgabe, ihrem Gegenstand die Gesetze seiner besonderen Veränderlichkeit aufzudecken.


Wie auch immer der Gegenstand der Psychologie des Näheren zu bestimmen sein mag, darüber herrscht doch heute Einstimmigkeit, daß sie eine besondere Wissenschaft ist und daß daher, was sie bearbeitet, etwas Besonderes sei, unterschieden von dem, was Gegenstand anderer Wissenschaft ist. Aber auch darin sind alle einstimmig, daß es die Psychologie als besondere Wissenschaft mit  Veränderlichem  zu tun hat, dessen Gesetzmäßigkeit festzustellen ihr Ziel ist. Eben dieses aber kennzeichnet sie als Fach- oder Einzelwissenschaft, deren Begriff darin zu finden ist, daß sie zum Gegenstand ihrer Untersuchung die  gesetzmäßige Veränderung  des Gegebenen hat. Nur zwei besondere Wissenschaften kennen wir, die nicht unter diesen Titel "Fach- oder Einzelwissenschaft" fallen, die Mathematik und diejenige, welche im engeren Sinne Philosophie genannt werden darf; jene ist die Wissenschaft von Raum und Zahl und läßt uns die Raum- und Zahlverhältnisse erkennen, die Philosophie ist die Wissenschaft vom Seienden überhaupt und läßt uns die allgemeinen Seins-Verhältnisse verstehen. Der besondere Gegenstand beider ist nicht das Gegebene als Veränderliches, sondern als  Unveränderliches,  sie sind nicht Wissenschaften des Gegebenen als Konkretem, sondern als  Abstraktem.  Alle übrigen besonderen Wissenschaften, die wir kennen, sind, wie die Psychologie, Wissenschaften des Gegebenem als  Konkretem. 

Nicht ohne Grund schlage ich vor, den Sinn des in den Worten "konkret-abstrakt" seit langem niedergelegten logischen Gegensatzes durch die nicht mißverständlichen Worte "unveränderlich-veränderlich" festzulegen; denn ich meine, daß dadurch nicht nur mancher Unklarheit im Gebrauch jener nun doch einmal in unseren wissenschaflichen deutschen Sprachschatz aufgenommenen Worte vorgebeugt, sondern auch der in ihnen ausgesprochene Gegensatz und das gegenseitige Verhältnis des durch sie bezeichneten unterschiedenen Gegebenen klarer festgelegt werde.

Hört man von "konkret und abstrakt", so muß man immer erst fragen, was bedeutet dieser Gegensatz? Etwa den des Zusammengesetzten und Einfachen? Keineswegs, denn man nennt das Ding ein Konkretes, den Begriff dieses Dings ein Abstraktes und beide sind zweifellos ein Zusammengesetzes. Aber vielleicht ist jener Gegensatz jener des Anschaulichen und des Nicht-Anschaulichen? Das würde jedoch nit dem Sprachgebrauch nicht übereinstimmen, denn dieses vor mir stehende Tintenfaß heißt ein Konkretes, seines Schwärze ein Abstraktes und beides ist doch ein Anschauliches. Kann dieser Sinn des Gegensatzes also nicht aufrecht erhalten werden, so doch vielleicht der, welcher sich durch "für sich Gegebenes und nicht für sich Gegebenes" ausdrücken läßt? Freilich zeigt sich das sogenannte Abstrakte niemals für sich gegeben, sondern immer als Bestimmtheit oder Merkmal von etwas, aber auch das Konkrete ist niemals für sich gegeben, denn ohne die es umgrenzende Umgebung wäre es selber gar nicht gegeben und somit ist es selber wieder Merkmal oder Bestimmtheit eines Gegebenen, so ist z. B. das Tintenfass ein Merkmal dieser Studierstube. Auch die Ausflucht, das Konkrete könne doch, wenn es auch nicht für sich Gegebenes sei, immerhin für sich betrachtet werden, schafft keinen Anhalt für den gesuchten klaren Gegensatz, da ebenfalls das Abstrakte, wie allen bekannt ist, dieser "Fürsichbetrachtung" mindestens ebenso gut zugänglich ist. Schließlich ist auch damit nichts Sicheres gewonnen, wenn man das kennzeichnende Merkmal des Konkreten gegenüber dem Abstrakten darin gefunden zu haben meint, daß nur das Konkrete ein räumliches Getrenntsein von seines Gleichen aufweist, nicht das Abstrakte: an unserer deutschen Fahne zeigt sich die Schwärze, obwohl Abstraktes, gleichfalls räumlich getrennt von Weiße und Röte ist. Was im Gegensatz "konkret-abstrakt" eigentlich gemeint wird, erscheint mir zutreffend allein im Wort "veränderlich-unveränderlich" wiedergegeben zu sein. Vom Abstrakten gilt, daß es kein Gegebenes ist, es sei denn als Bestimmtheit eines Konkreten und vom Konkreten, daß es nicht kein Gegebenes sei, es sei denn seine Bestimmtheit wäre ein Abstraktes. Veränderliches nun, das leuchtet sofort ein, ist ohne Unveränderliches als seine Bestimmtheit gar nicht möglich und andererseits hat auch Unveränderliches keine Wirklichkeit, wenn es nicht als Bestimmtheit eines Veränderlichen zu denken ist.

Konkretes und Abstraktes, d. h. Veränderliches und Unveränderliches bedeuten also nicht zwei gesonderte wirkliche Gruppen des Gegebenen, sondern sie bezeichnen einen allerdings wichtigen begrifflichen Gegensatz angesichts des Gegebenen überhaupt: Das Konkrete besteht aus Abstraktem und das Abstrakte besteht nur als wirkliche Bestimmtheit des Konkreten. So wäre auch der Satz gültig: Das Veränderliche besteht aus Unveränderlichem? Ganz gewiß! Nur der wird sich daran stoßen, welcher dem "Unveränderlichen" den Sinn des Unvergänglichen, dem "Veränderlichen" den Sinn des Vergänglichen schlechtweg zulegt.

Es steht indessen nichts im Weg, wie von unvergänglichem und ewigem, so auch von vergänglichem oder zeitlich Unveränderlichem zu reden, wie auch von vergänglichem oder zeitlichem als auch von unvergänglichem oder ewigem Veränderlichen zu reden: Die Möglichkeit des veränderlichen (konkreten) Ewigen besteht neben der des unveränderlichen (abstrakten) Ewigen und ebenso die des unverändelichen (abstrakten) Zeitlichen neben der des veränderlichen (konkreten) Zeitlichen.

Dem ewigen Abstrakten (Unveränderlichen) im Gegebenen überhaupt kommt einzig das "Sein", dem ewigen Konkreten (Veränderlichen) sowohl dieses "Sein" als auch das "Werden" zu; dem zeitlichen Unveränderlichen (Abstrakten) kommt das Sein und das Nichtsein, dem zeitlichen Veränderlichen (Konkreten) sowohl das Sein und Nichtsein als auch das Werden zu. Beispiele mögen das erläutern! Das Konkrete "der Nußbaum vor meinem Fenster" ist ein zeitlich Veränderliches: er war einst nicht, er ist jetzt und hat ein Werden durchgemacht. Das Abstrakte "dieses in diesem Augenblick die Nußbaumblätter zeichnende Grün" ist ein zeitliches Unveränderliches, es hat kein Werden aufzuweisen, aber vorher war es nicht und jetzt ist es da, nur Sein oder Nichtsein ist hier die Frage. Das Konkrete "die Welt" ist ein ewiges Veränderliches, es war niemals nicht, es ist und zeigt stetes Werden. Das Abstrakte "der Raum" als Bestimmtheit dieser Welt ist ein ewiges Unveränderliches, es hat kein Werden durchgemacht, es war niemals nicht, es "ist" einzig und allein.

Was man aus dem Gegebenen auch der Betrachtung unterziehen mag, zu einer dieser vier Begriffsgruppen gehörig wird es sich erweisen.

Wenn wir behaupten, konkret und veränderlich, sowie abstrakt und unveränderlich seien Wechselbegriffe, so müssen wir noch einem Einwand aus dem Sprachgebrauch begegnen. Man pflegt wohl das uns in einem Augenblick als "Sinneneindruck" Gegebene, z. B. das, was sich gerade jetzt meinem Blick, indem ich zum Fenster hinausschaue, bietet und was ich wohl "Nussbaum" nenne, als Konkretes zu bezeichnen, während doch zweifelsohne dieses  Augenblicksgegebene  als solches ein  Unveränderliches,  nur ein Augenblicksabschnitt des Veränderlichen "dieser Nußbaum" ist; nicht dieses Augenblicksgegebene verändert sich, sondern ein  anderes  Augenblicksgegebenes ist an seiner Stelle da, wenn sich der Nußbaum verändert hat.

Worauf der Einwand fußt, daß nämlich dieses Augenblicksgegebene ein "hic et nunc" [hier und jetzt, wp] als Bestimmtheit zeigt, das bestreite ich gar nicht, aber ich halte es nicht für zweckmäßig, deswegen diesem Augenblicksgegebenen den Titel des Konkreten beizulegen. Was der Gegner meint, wird im Sprachgebrauch am sichersten meines Erachtens mit dem Wort  "Individuum bezeichnet. Hic et nunc, der besondere Ort, sowie der besondere Zeitpunkt sind dasjenige Abstrakte oder Unveränderliche, welche das mit ihnen verknüpfte Gegebene "individualisieren", sie sind die sogenannten principia individuationis.

Ohne Frage ist nun  jedes Augenblicksgegebene  in diesem Sinne  ein Individuum,  also auch dieser abstrakte (unveränderliche) Augenblicksabschnitt des konkreten (veränderlichen) Nußbaumes vor meinem Fenster. Weil aber auch dieser Nußbaum in seiner Veränderlichkeit doch stets ein hic et nunc aufweist, wird auch dieses Konkrete selber ein Individuum genannt. Wir hätten also noch zwischen dem abstrakten und dem konkreten Individuum im Gegebenen überhaupt zu unterscheiden, um eine ausreichende begriffliche Zergliederung des Gegebenen anhand des Gegensatzes konkret-abstrakt ausführen zu können. Wenn wir endlich zur Bezeichnung desjenigen Gegebenen, was nicht Individuum ist, das "Allgemeine" wählen, so gliedert sich das Gegebene überhaupt derart:

rehmke

Alles Konkrete oder Veränderliche ist also Individuum, aber nicht jedes Individuum ist Konkretes; wir haben zu unterscheiden zwischen konkretem (veränderlichem) und abstraktem (unveränderlichem) Individuum. Alles Allgemeine ist ferner Abstraktes (Unveränderliches), aber nicht jedes Abstrakte ist ein Allgemeines; wir haben zu unterscheiden zwischen allgemeinem und individuellem Abstrakten. Jedes konkrete Individuum, können wir nun, ohne Mißverständnis befürchten zu müssen, sagen, besteht aus abstrakten Individuen und jedes abstrakte Individuum aus allgemeinen Abstraktionen. Wenn das so ist, dann ist die Erkenntnis des abstrakten Individuums durch diejenige seines allgemeinen Abstrakten und die des konkreten Individuums durch die Erkenntnis seines abstrakten Individuums mit bedingt. Die Philosophie im engeren Sinne, d. h. die Wissenschaft vom  Allgemeinen  (also Abstrakten) des Gegebenen  überhaupt  liefert daher ein Wissen, welches die Bedingung ist für die Möglichkeit jeglicher  Wissenschaft  vom veränderlich Gegebenen oder dem konkreten Individuum, d. h. jeder Fachwissenschaft, deren Gegenstand ja eben das Veränderliche bildet.

Die Arbeit der Fachwissenschaft selbst bezieht sich auf das jedesmalige Gegebene als  abstraktem und als konkretem  Individuum; die Untersuchung des ersteren bildet die notwendige Vorarbeit für die Erkenntnis ihres Gegenstandes als Konkretem. Das Ziel der Fachwissenschaft aber ist die Erkenntnis des Gegebenen als gesetzmäßig Konkretem, die Feststellung der Gesetze seiner Veränderlichkeit.

Daß die Psychologie eine solche Fachwissenschaft sein will und daß die Aufgabe, welche das Wort Psychologie ausspricht, dahin geht, die gesetzmäßige Veränderung ihres Gegenstandes klarzustellen, wird von Allen zugestanden. Nicht minder wird darin Einstimmigkeit herrschen, daß die Psychologie eine besondere Fachwissenschaft ist, die demnach ein  besonderes Konkretes  zu Gegenstand ihrer Untersuchung hat. Mit dieser Behauptung greifen wir der Untersuchung, welche den besonderen Gegenstand der Psychologie in seiner Allgemeinheit feststellen soll, in keiner Weise vor, denn es lassen sich mit ihr, wie wir sehen werden, die verschiedenen philosophischen Fassungen des psychologischen Gegenstandes durchaus vereinigen, die sich nur eben in der Fassung der Besonderheit ihres Konkreten unterscheiden. Alles sind darin einig, daß ein besonderes Veränderliches des Gegebenen überhaupt in der Psychologie nach seiner Gesetzmäßigkeit festgestellt werden soll.


§ 3. Die Psychologie als
besondere Fachwissenschaft.

Die Gesetzmäßigkeit der Veränderungen, welche man das Seelenleben nennt, klar zu begreifen, ist die Aufgabe der Psychologie; das Besondere dieser Aufgabe liegt in der Eigenart des Gegenstandes begründet. Von den Naturwissenschaften unterscheidet sich diese Fachwissenschaft in erster Linie dadurhc, daß das Seelenleben nichts anschaulich Gegebenes ist, während der Gegenstand jeder Naturwissenschaft im anschaulich Gegebenen liegt. Eine zweite Verschiedenheit besteht darin, daß dem Forscher der psychologische Gegenstand immer nur in Einem und demselben Exemplar ein unmittelbar Gegebenes ist, während der naturwissenschaftliche Gegenstand in einer Mehrzahl von Exemplaren unmittelbar gegeben sein kann. Eine dritte Verschiedenheit endlich bietet sich darin, daß für die psychologische Fassung das einzige unmittelbar gegebene Exemplar immer nur  einem  Forscher unmittelbar Gegebenes, dem anderen Forscher dagegen eben dasselbe Exemplar nur mittelbar gegeben sein kann, während das einzelne Exemplar des naturwissenschaftlichen Gegenstandes doch einer Mehrzahl von Forschern gemeinsam unmittelbar Gegebenes sein kann.

Diese Unterschiedenheit und Eigenart des Gegenstandes schafft für die Psychologie in der allgemeinen Bestimmung ihres konkreten Individuums als Gegebenen überhaupt Schwierigkeiten, welche die Naturwissenschaft auf ihrem Gebiet Dank der Anschaulichkeit ihres Gegenstandes nicht hat. Hieraus erklärt es sich, daß die Psychologie für ihre besonderen Zwecke sich des Bedürfnisses einer allgemein-wissenschaftlichen d. h. philosophischen Grundlage lebhafter als die Naturwissenschaft bewußt wird und daher von jeher einen engeren Anschluß an die Wissenschaft vom Allgemeinen des Gegebenen überhaupt, an die Philosophie, gesucht hat.


Der besondere Gegenstand der Psychologie ist das Seelenleben. Was wir unter Seele des Näheren zu begreifen haben, wird die Untersuchung lehren. An dieser Stelle kommt es nur darauf an, das Seelische, insofern es unmittelbar Gegebenes ist - und daß es dieses sei, ist ja Bedingung für die Möglichkeit der Wissenschaft Psychologie überhaupt - in seiner Besonderheit gegenüber anderen fachwissenschaftlichen Gegenständen hervorzuheben. Und zwar genügt es, hier den Unterschied zwischen ihm und dem naturwissenschaftlichen Gegenstand nur ganz allgemein festzustellen.

Das Gebiet der Naturwissenschaft ist das anschaulich Gegebene, der Gegenstand der Psychologie aber, wenigstens soweit er  unmittelbar gegeben ist, nicht anschaulich Gegebenes.  Was immer unter Seele weiter auch vorgestellt und gedacht werde, in Betreff des hier Behaupteten wird doch keine Meinungsverschiedenheit herrschen können. Man mag als Forscher diese Nichtanschaulichkeit des unmittelbar gegebenen psychologischen Gegenstandes beklagen, aber an ihrer Tatsächlichkeit läßt sich nicht rütteln.

Als unmittelbar Gegebenes ist "Seele" dem Forscher nur in  einem  Exemplar zur Hand, während ihm der naturwissenschaftliche Gegenstand in einer Mehrzahl von Exemplaren unmittelbar gegeben ist oder doch gegeben sein kann. Der Physiologe hat viele Exemplare seines Gegenstandes aus dem weiten Gebiet des organischen Lebens zu seiner unmittelbaren Verfügung, dem Psychologen ist einzig "seine eigene Seele" das unmittelbar Gegebene; "andere Seelen" stehen ihm nur mittelbar zur Verfügung als Gegenstand seiner Forschung.

Dazu kommt, was mit dem eben Behaupteten eng zusammen hängt, daß die verschiedenen psychologischen Forscher nicht ein und dasselbe Exemplar als unmittelbar Gegebenes haben können, sondern daß ein jeder ein besonderes als das seinige hat, das dem anderen wiederum nur mittelbar Gegebenes sein kann.

Dieses mittelbare Gegebensein der Seele beruth auf einem Schluß aus der Ähnlichkeit bestimmter Leibesveränderungen, besonders des Gesichts und der Laute mit solchen, welche dem Forscher als sogenannte "Äußerungen" des ihm  unmittelbar  gegebenen  eigenen  Seelenlebens bekannt sind; die Kenntnis des letzteren aber bildet die unumgängliche Voraussetzung für die Möglichkeit des Schlusses, in welchem dem Forscher  "anderes"  Seelenleben und zwar eben nur  mittelbar,  gegeben ist.

Es ist von Wichtigkeit, sich dieser Verschiedenheit des Gegenstandes der Psychologie und der Naturwissenschaft bewußt zu sein, weil daraus wenigstens begreifliche wird, mit wie viel Schwierigkeiten die psychologische Forschung zu kämpfen hat, von denen die naturwissenschaftliche gar nichts erfährt.

Das Vergleichen des einen Exemplars mit dem anderen ist für den Naturwissenschaftler ein einfaches, weil beide als gegebene ihm gleichsam auf derselben Linie liegen, für den Psychologen ein verwickeltes, weil das "andere" Exemplar ihm nur vermittelt durch den Beriff des ersten gegeben ist. Die Prüfung dessen, was der Naturwissenschaftler von seinem Gegenstand aussagt, läßt sich von einem anderen unter Umständen an demselben und in derselben Weise gegebenen Exemplar prüfen, immer aber können beide Forscher an einem und denselben und in derselben Weise Gegebenen Exemplar, der eine sein Ergebnis zur Bestätigung nachprüfen, der andere dasselbe auf die Wahrheit hin prüfen. Beides ist in der psychologischen Forschung ausgeschlossen.

Darum ist auch die sichere Verständigung unter den Forschern und die sichere Mitteilung der Ergebnisse eigener Forschung an andere in der Psychologie nicht wenig erschwert. Denn, was nicht  unmittelbar  gegeben ist, ist dem Einzelnen nur vermittelt und gleichsam gebrochen durch das Mittel der Begriffe vom eigenen Seelenleben gegeben.

Auf dem Gebiet der Psychologie ist deshalb auch die Verständigung über Worte keineswegs so leicht, wie auf dem der Naturwissenschaft; diese hat als sicheren und schnellen Schiedsrichter immer das  anschaulich  Gegebene zur Hand, welches ja den Streitenden als  gemeinsames  unmittelbar Gegebenes vorliegt; ein solches gemeinsam Gegebenes fehlt eben der Psychologie und dieser Mangel macht sich von vornherein bemerkbar.

Was für die Naturwissenschaft die in der  Anschaulichkeit begründete Gemeinsamkeit  des unmittelbar Gegebenen bewirkt, daß man sich nämlich ohne Schwierigkeit über den Sinn der Worte, mit welchen im Allgemeinen der Gegenstand bezeichnet wir, z. B. Körper, Bewegung u. a., verständigt, das muß die Psychologie auf einem weiteren Weg zu erreichen suchen, weil ihrem Gegenstand die Anschaulichkeit und damit die Gemeinsamkeit des unmittelbaren Gegebenseins fehlt. Der einzige Weg, den sie einschlagen kann, ist der zur Philosophie, der Wissenschaft vom Allgemeinen des Gegebenen überhaupt. Nur diese Wissenschaft kann ihr schaffen, was die Naturwissenschaft schon durch die Anschaulichkeit ihres Gegenstandes, wenigstens für den  Hausbedarf  hinreichend, geliefert bekommt: nämlich wie im Allgemeinen ihr Gegenstand klar begriffen ist.

So erklärt es sich, daß der Psychologe die  Notwendigkeit  verspürt,  auch  Philosoph zu sein, um seiner Wissenschaft überhaupt gerecht werden zu können, während der Naturwissenschaftler seiner Wissenschaft  im Besonderen  weithin genügen kann, ohne auch Philosoph zu sein. Hierin liegt auch der Grund für die Tatsache, daß die Psychologie selber als philosophische Disziplin gilt und unter den Begriff der "Philosophie" im weitesten Sinne fällt.

Nach dem bisher Entwickelten gliedert sich nun die Psychologie in zwei Hauptteile, den philosophischen und den fachwissenschaftlichen Teil und dieser wiederum in den vorbereitenden und den abschließenden Teil. Der philosophische hat den psychologischen Gegenstand unter dem Begriff des allgemeinen Abstrakten oder Unveränderlichen, der vorbereitende unter dem des individuellen Abstrakten oder abstrakten Individuums, der abschließende unter dem des konkreten Individuums zu behandeln: die Reihenfolge ergibt sich aus dem allgemeinen Begriff des psychologischen Gegenstandes als Veränderlichem oder Konkretem, welcher daher zu seiner Bestimmtheit das abstrakte Individuum, wie dieses wiederum als seine Bestimmtheit das allgemein Abstrakte hat. Wo immer das erste gegeben ist, da ist auch das zweite und wo dieses, auch das dritte: mit dem letzteren aber hat die Darstellung zu beginnen.
LITERATUR - Johannes Rehmke, Lehrbuch der Allgemeinen Psychologie, Hamburg und Leipzig 1894