p-4p-4cr-2 HelmholtzE. DreherG. K. Uphuesvon der Pfordten    
 
JOHANNES REHMKE
Die Welt als
Wahrnehmung und Begriff

[1/2]

"Der Fisch im Teich kann nur im Wasser schwimmen, nicht in der Erde, aber er kann doch mit dem Kopf gegen den Boden und Wände stoßen. So könnten auch wir mit dem Kausalitätsbegriff wohl das ganze Reich der Erfahrung durchmessen und finden, daß jenseits desselben ein Gebiet liegt, welches unserer Erkenntnis absolut verschlossen ist."

"Was nach all den Merkmalen, die auf Verstand und Empfindung zurückzuführen sind, übrig bleibt von der Vorstellung eines Körpers, soll nicht etwa Begriff, sondern reine Anschauung sein. Hat  Kant  in diesem Punkt Recht, und ist das, was er eine  Anschauung  nennt, in der Tat Anschauung, also Konkretes, und nicht Begriff, d. h.  Allgemeines,  so ist damit der Beweis geliefert, daß die logische Sektion der  Erscheinung  uns Begriffe  und  Anschauung liefert."

"Kant  zergliedert logisch die Erscheinung, und hebt zunächst den Begriff  Materie  heraus, und nun hören wir plötzlich: In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, die Materie derselben. Aber doch auch in der Wissenschaft der Erkenntnistheorie ist der Satz gültig, daß Konkretes nur Konkretem, aber nicht  Abstraktem  korrespondieren kann und hier soll die konkrete Empfindung, die Affektion des Anschauenden, der  abstrakten  Materie der Erscheinung korrespondieren?"

Vorwort

"Ist denn die Welt nicht schon voller Rätsel genug,
daß man die einfachsten Erscheinungen auch noch zu
Rätseln machen soll? "
- Goethe


Die Größe eines Menschen mißt sich an der Dauer seines Einflusses auf die nachfolgenden Geschlechter; das Ewige bleibt, das Heutige vergeht, das Falsche stirbt ab, und das Wahre lebt fort. Darum bedürfen wir zu unserem abschließenden Urteil über jemandes Leistungen auf dem Gebiet der Wahrheit auch eines gewissen zeitlichen Zwischenraums zwischen ihm und uns, um ihn allseitig, in seinem Einfluß nicht nur auf uns Einzelne, sondern auf die Gesamtheit würdigen zu können, und vor allem zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig die rechte Mittel zu halten. Aus dieser Überlegung möchten diejenigen, welche als Schriftsteller ihre "wahre" Weltanschauung den Menschen mitzuteilen versuchen, einigen Trost schöpfen können. Denn, wenn es wahr sein sollte, daß sich ein jeder, welcher ein Buch schreibt, groß zu sein dünkt, so dürfte der Gedanke an die "besser unterrichtete Nachwelt ihn angesichts der schlimmen Erfahrung, welche ihm eine "schlecht beratene" Gegenwart zu bereiten für gut findet, aufrichten und mit SCHOPENHAUER sprechen lassen: "Das Leben ist kurz und die Wahrheit wirkt fern."

Hundert Jahre sind verflossen, seitdem IMMANUEL KANT dem philosophischen Publikum sein großes Buch: "Kritik der reinen Vernunft" übergab, und die Größe dieses Mannes hat sich an der Dauer seines Einfluses bewährt. Wurde doch von ihm in der philosophischen Welt eine Revolution in Szene gesetzt, welche in ihrer nachhaltigen Wirkung füglich der wenige Jahre später auf dem politischen Boden Frankreichs geborenen Schwester an die Seite gestellt werden darf.

Die Segnungen dieser philosophischen Revolution genießt unser heutiges Geschlecht, und je mehr dieselben in ihrem Wert zu Bewußtsein gekommen sind, desto mächtiger hat sich die Anerkennung und Verehrung für den großen KANT entfaltet. Denn der Mensch ist ein dankbares Geschöpf, und "Undank ist der Welt Lohn" gilt wenigstens nicht für die Toten; vielmehr je länger ein Wohltäter des Menschengeschlechts schon tot ist, je weiter er der Gegenwart in die Vergangenheit hinabrückt, desto intensiver entwickelt sich das Gefühl der Dankbarkeit und erreicht bisweilen und bei manchen fast den Grad des Paroxysmus [anfallsartig - wp], der die Größe des Mannes in den Glorienschein des Göttlichen und des Makellosen eintaucht.

In Gefühlen und Worten einem Mann für seine Wohltaten die Dankbarkeit zu erweisen, ist wohl etwas Schönes, vielleicht auch etwas Wohlfeiles, öfters aber etwas Gefährliches, wen nämlich die Bewunderung überhand nimmt und die Größe des Mannes das bewundernde Individuum zu verschlingen droht. Man ist freilich versucht, sich nicht für echt dankbar zu halten, wenn man noch die Selbständigkeit gegenüber jenem Wohltäter zu bewahren bestrebt ist, und so kommt es dann auf theoretischem Gebiet leicht zu jenem von LANGE mit deutlichem Wortspiel und unbewußter Selbstironie "ianer" genannten Philosophen.

Das Ewige einer Leistung aus dem Zeitlichen herauszuschälen ist allerdings eine schwierige, aber keine unmögliche Arbeit; sie wird umso leichter, je selbständiger der Nachkomme dem großen Mann gegenübertritt und über dessen Größe die Endlichkeit und Fehlerhaftigkeit, welche ihm auch anklebt, nicht vergißt. das selbständige Urteil aber kann bestehen und unbeschadet der Verehrung und der dankbaren Gesinnung, die man Männern, wie KANT einer war, entgegenzubringen schuldig ist, und ohne die Bewunderung, welche man seinem Geist zu zollen hat, herabzudrücken; denn, wie VOLTAIRE sagt,  c'est le privilége du vrai génie et surtont du génie, qui ouvre une carriére, de faire des grandes fautes  [Es ist das Vorrecht des wahren Genies und vor allem der Genies, die einen neuen Weg eröffnen, große Fehler zu machen. - wp].

Dieses Buch, welches ich nunmehr der Öffentlichkeit übergebe, soll ein Zeichen der Dankbarkeit sein, welches ich den Manen des großen Philosophen am hundertjährigen Gedenktag des Erscheinens seiner "Kritik der reinen Vernunft" darbringe. Wenn ich in demselben auch meine eigenen Wege gehe, so bin ich doch bei jedem Schritt und Tritt an die Schule gemahnt worden, welche ich von KANT genossen habe; dieser Umstand und die Erwägung, daß die erkenntnistheoretischen Prinzipien KANTs wenigstens in deutschen Kreisen die bei weitem maßgebendsten sind, haben es auch veranlaßt, daß ich mich vor allem mit den Ansichten des Kantianismus überall, wo es geboten war, auseinanderzusetzen versucht habe.

Ich stelle mich prinzipiell auf einen anderen Boden als den Kantischen, und halte dafür, es sei die Zeit gekommen, in der Erkenntnistheorie über KANT hinauszugehen. Dabei verkenne ich keineswegs den hohen Kultureinfluß, welchen KANTs Erkenntnistheore für die Entwicklung der philosophierenden Menschheit gehabt hat und noch immer zu äußern imstande ist. Ich möchte KANTs Erkenntnistheorie ein vortreffliches Korrektionshaus nennen für die menschliche Vernunft, halte es aber, eben weil sie dieses ist, für unangemessen, die ganze Menschheit in dieser Anstalt lebenslänglich versorgen zu wollen, anstatt die korrigierte wiederum auf eigene Füße zu stellen und ins bunte Leben zu entlassen, damit sie mit dem gewonnenen guten Pfund nun selbsttätig weiter schafft.

Wer dieses Buch studiert, wird, wie ich hoffe, mein Streben nicht verkennen, der Wahrheit zu dienen und zu ihr einen neuen Weg zu entdecken, welcher die Krümmungen und Unebenheiten, die nach meiner Meinung den schon vorhandenen erkenntnistheoretischen Straßen anhaften, vermeidet. Wie weit die Tat dem Wollen entspricht, will ich dem Urteil der Besonnenen und Einsichtigen anheimstellen und selbst gefaßt darauf sein, mich mit dem Bewußtsein begnügen und trösten zu müssen: in magnis et voluisse sat est [In großen Angelegenheiten ist der Versuch schon genug. - wp].



1. E i n l e i t u n g

Es gehört heutzutage zum guten Ton in der philosophischen Welt, über jene Metaphysiker zu lächeln, welche in der Jllusion, alles für ein Objekt möglicher Erkenntnis zu halten, gefangen waren und es etwa noch sind. Die herrschende Ansicht bricht über solche an das menschliche Erkennen gestellte Zumutung, alles in seinen Bereich zu zwingen, ruhigen Blutes den Stab, denn ihr gilt als unbestrittener, die philosophische Spekulation regulierender Grundsatz: es gibt Grenzen des Erkennens überhaupt. Kaum möchte in den philosophierenden Kreisen der Jetztzeit diesem Axiom ein zweites von gleicher umfassender Geltung und einschneidender Bedeutung an die Seite zu stellen sein. Zwischen jene Jllusion und die prinzipielle Skepsis stellt sich dasselbe in die Mitte, indem es seinen Anhängern weder Alles noch Nichts, sondern Etwas an Erkenntnis verheißt. Wie nun auch näher dieses Etwas bestimmt werde, ob im Sinne des englischen Empirismus oder deutschen Kantianismus, man wird nicht um das Zugeständnis herumkommen können, daß jener erkenntnistheoretische Grundsatz den Anschein des Besonnenen und Vorsichtigen an sich trage und zwischen der Unbesonnenheit und Vertrauensseligkeit einerseits sowie der absoluten Zurückhaltung und dem absoluten Mißtrauen andererseits eine kluge Mitte einhalte. Durch dieses ästhetische Maßhalten mag sich das Axiom gerade bei den bedächtigen Forschern eine freundliche Aufnahme verschafft haben, und die Bescheidenheit, welche dasselbe zu zeigen und seinen Anhängern anzuhängen scheint, mag bei vielen eine nicht geringe Empfehlung gewesen sein zu seiner Aufnahme. Schließlich können aber solche ästhetische und ethische Eigentümlichkeiten einem Satz in wissenschaftlicher Hinsicht an Wert nichts zulegen und zur Empfehlung desselben nichts beitragen; ist es doch sogar nicht ausgeschlossen, daß sich der Satz von den Grenzen menschlichen Erkennens überhaupt als einer erweise, welcher über die berechtigten Grenzen wissenschaftlicher Aussagen hinausgeht. Ob ein Gedanke uns kühn oder bescheiden anmutet, hängt ja durchaus von unserem eigenen schon vorher eingenommenen Standpunkt ab, und daher darf dieser Umstand gerade für den kritischen Standpunkt in keiner Weise von Bedeutung sein.

Daß jeder Mensch Grenzen seines Erkennens habe, ist, in einem bestimmten Sinn aufgefaßt, eine Wahrheit, welche von niemandem beanstandet werden wird. Der Einzelne ist ein Glied in der Entwicklungsreihe der erkennenden Menschheit und hat als endliches Individuum nur die Möglichkeit, den bestimmten Ausschnitt der Erkenntnis überhaupt, welchen ihm seine zeitliche und örtliche Existenz in der fortlaufenden Entwicklung bietet, zu erfassen: seine Zeit steckt ihm die Grenzen seines Erkennens. In diesem Sinne werden alle verschiedenen möglichen Erkenntnistheorien durchaus übereinstimmen. Jene unbestrittene Tatsache aber berechtigt nicht und wird auch keineswegs als Beweismittel von den Anhängern herangezogen werden, um den Satz von den Grenzen des menschlichen Erkennens überhaupt festzustellen, da seine Bedeutung auf einer ganz anderen Seite zu suchen ist.

Dazu kommt, daß dem in Frage stehenden Axiom noch ein zweifacher Sinn innewohnt, deren einer die Grenze mitten durch das "Sein" zieht, während der andere sie zwischen "Erscheinung" und "Sein" legt, und zwar so, daß der erstere das als Erkenntnisobjekt gebliebene Stück "Sein" selbst nicht einmal allgemein umfassen zu können behauptet, der letztere dagegen seine Erkenntnis der "Erscheinungswelt" für eine umfassende erklärt. Jenes kennzeichnet den Standpunkt des englischen Empiristen, dieses denjenigen des Kantianismus. Die klassische Vertretung des Axioms aber bietet KANT.

So verschieden dasselbe nun auch von jener allgemeingültigen Annahme, welche sich auf die Begrenztheit des Individuums unumstößlich gründet, ist, so hat diese doch unzweifelhaft vieles dazu beigetragen, dem Kantischen Grundsatz von der Begrenztheit des Erkennens überhaupt den Eingang zu erleichtern, weil man diesen eben nur für die Verallgemeinerung jener sicheren, den einzelnen Menschen beschlagenden Ansicht hielt. Wäre er in der Tat nichts anderes als eine solche Verallgemeinerung, so würde ein Zweifel gegen seine Wahrheit sich nicht erheben dürfen, wenn es anders allgemein zugestanden wird, daß der in dieser Welt lebende Mensch ein an Zeit und Raum gebundenes, also endliches Wesen ist.

Nun hat aber jener Satz eine andere Bedeutung, man macht also in Wirklichkeit keine Verallgemeinerung, sondern vielmehr einen Sprung von einem Gebiet auf das andere, ohne freilich sich dessen bewußt zu werden, weil die Gleichheit des Wortes die Ungleichheit der Sache verdeckt. Es findet ein Fortschreiten statt vom Bekannten zum Unbekannten, als ob dieses ebenfalls schon Bekanntes wäre, während in jenem Axiom (ich habe hier die Kantische Fassung im Auge) etwas durchaus Neues geboten wird, das sofort, läßt man sich nicht durch die Verwandtschaft des Ausdrucks verlocken, entschieden den Zweifel wachruft. Auf dem Satz von den Grenzen unseres Erkennens ruht aber die ganze Kantische Erkenntnistheorie, und bei der Wertschätzung, welche dieselbe in so hohem Grad unter den philosophierenden Zeitgenossen genießt, ist es von großer Wichtigkeit für die Entwicklung der Wissenschaft in Bezug auf die Erkenntnis überhaupt jenem Zweifel bestimmter nachzugehen und ihn auf seine Berechtigung zu prüfen.

Was bestimmte KANT, das Grenzen-Axiom in der Weise aufzustellen, daß er die Erkenntnislinie zwischen Erscheinungswelt und Welt ansich zog? Das Axiom in seiner Allgemeinheit war nichts Neues; es ist so alt wie die Skepsis selbst. HUME hatte als der Letzte vor KANT dasselbe aufgenommen, in einer Weise jedoch, welche die dem Skeptischen abgeneigte Natur KANTs unbefriedigt ließ. Immerhin mußte er für sich der HUMEschen Spekulation Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie von ihrer Voraussetzung aus, welche die  Erfahrung  für die Quelle möglicher Erkenntnis des "Seins" erklärte, mit scharfsinniger Konsequenz das skeptische Resultat gewonnen hat.

Für KANT schienen, wenn er daran festhalten wollte, daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfängt, nur zwei Möglichkeiten vorzuliegen, entweder unsere Erkenntnis als diejenige des "Seins" anzuerkennen und dann mit HUME die Möglichkeit, allgemeine und notwendige Erkenntnis, die Erfahrungswelt zu leugnen, oder gerade dieses Letztere gegen HUME zu behaupten und infolgedessen der menschhlichen Erkenntnis nicht das "Sein", sondern die "Erscheinung" zum Objekt zu geben. KANTs ganzes Wesen drängte dem Zweiten zu, und in seiner Kritik der reinen Vernunft proklamierte er die Grenzen der Erkenntnis, indem er dieser allein die Erscheinungswelt zuwies. Was bisher in der Erkenntnistheorie unzertrennbar geachtet wurde, das Grenzen-Axiom und die Skepsis, KANT hat wenigstens den glänzenden Beweis geliefert, daß es eine Anschauung gibt, in welcher das erstere in seiner Allgemeinheit angenommen, das Letztere dagegen entschieden abgewiesen werden könnte. Seine "Kritik" war eine Kolumbustat; und während er danach strebte, einen neuen sicheren Weg in die alte Welt des "Seins" zu erforschen, entdeckte er eine neue Welt, die Erscheinungswelt.

Wer wird es ihm verargen, daß, als er nach langer Fahrt endlich hier wieder festen Boden unter sich hatte, diese Erfahrung ihn beglückt aufatmen ließ als einen der skeptischen See glücklich Entronnenen, ja daß er hier das Ziel seiner Fahrt erreicht, an die Grenzen der Möglichkeit der Erkenntnis gelangt zu sein glaubte, und daß den Erfahrenen eine fast unüberwindliche Abneigung wenigstens fürs Erste befiel, sich wiederum auf die jenseits liegende stürmische See zu wagen? So schlug er dann beruhigt den Grenzpfahl ein: bis hierher und nicht weiter, was jenseits liegt, ist nicht zu entdecken. Für die Erkenntnis bestehen bestimmte Grenzen, innerhalb derselben aber ist notwendige Erkenntnis möglich: Dieser Kantische Gedanke ist in seinem ersten sowohl als in seinem zweiten Teil sehr bald Gegenstand lebhafter Angriffe geworden; vor allem aber muß sich die Frage aufdrängen: Wie ist dann überhaupt in Wissen von Erkenntnisgrenzen möglich?

FRIEDRICH ALBERT LANGE, der scharfsinnige und einsichtige Verteidiger Kantischer Erkenntnistheorie, welcher sich unter den Vordersten befindet, die KANT unserem Zeitalter mundgerecht zu machen suchen und demselben ein gutes Stück wenigstens von dem Gebiet zurückerobert haben, welches "von den  ianern",  mögen sie sich nun nach HEGEL, HERBART, TRENDELENBURG oder irgendeinem anderen Schulhaupt nennen", innegehabt war, dieser  Kantianer  LANGE hat den Zweifel, welcher in jener Frage durchschimmert, niederzuschlagen und die Möglichkeit des Wissens von Erkenntnisgrenzen zu beleuchten versucht durch folgendes Bild: "Der Fisch im Teich kann nur im Wasser schwimmen, nicht in der Erde, aber er kann doch mit dem Kopf gegen den Boden und Wände stoßen. So könnten auch wir mit dem Kausalitätsbegriff wohl das ganze Reich der Erfahrung durchmessen und finden, daß jenseits desselben ein Gebiet liegt, welches unserer Erkenntnis absolut verschlossen ist." (1) Wenn die Sache selbst einen Fehler in sich trägt, so pflegt derselbe durch ein sachlich richtiges Bild heller hervorzutreten: dies ist allem Anschein nach auch an diesem Ort der Fall. Unbestreitbar: stößt der Fisch mit dem Kopf gegen den Boden und Wände, so belehrt er sich dadurch über die Existenz der Grenzen seines Aufenthalts, er erfährt die Existenz von etwas anderem, as nicht sein Lebenselement, Wasser, ist. Würde nun in Wirklichkeit der Mensch, indem er seine  Erfahrungs welt mit dem Kausalitätsbegriff durchmiß, in eine  erfahrungsgemäße  Berührung kommen mit dem Jenseits der Grenze, so wäre damit die Berechtigung, Grenzen des Erkennens in einem Kantischen Sinn aufzustellen, erwiesen. Dies ist aber nicht der Fall: Boden und Wände sind in ihrer Existenz dem Fisch gegeben, das Kantische "Ansich" dagegen dem Menschen nicht. Das Bild LANGEs ist daher nicht nur, wie alle sonst, ein hinkendes, sondern ein durchaus falsches, weil das  tertium comparationis  [das Gemeinsame zweier verschiedener Dinge - wp] gänzlich fehlt. Dasselbe wäre richtig, wenn LANGE behauptet hätte: der Fisch, welcher in seinem Teich nach allen Richtungen hin und her  schwimmt,  findet, daß jenseits desselben noch ein Gebiet liegt, welches dem schwimmenden Fisch absolut verschlossen ist. Diese Behauptung wird aber sicherlich allgemein beanstandet werden, wenn man nicht etwa das in dieses Bild durchaus nicht Hereingehörende still hinzufügt: beim Schwimmen wird er eben auf Boden und Wände des Teiches  stoßen  und sich dadurch der Existenz derselben bewußt werden.

Ein Beispiel falsch gewählt kann die Sache selbst noch nicht um den Kredit bringen, und trotz des verunglückten Erläuterungsversuches bleibt die Frage: kann der Mensch von Erkenntnisgrenzen wissen? noch eine offene.

Die Grenze setzt als ihre Bedingung zwei Objekte voraus, welche sie voneinander zu trennen berufen ist; diese Bedingung nun zeigt sich im vorliegenden Fall nicht erfüllt, da der menschlichen Erkenntnis als Objekt eben ihr Objekt, nicht aber noch ein anderes, das nicht das ihrige wäre, gegeben ist. Nur wenn Letzteres der Fall sein könnte, dürfte von Erkennntnisgrenzen geredet werden als von einem erkenntnistheoretischen Grundsatz. Das Wissen des Menschen aber reicht gerade so weit, als das Gebiet der Erkenntnis groß ist, jedoch keinen Strich über dasselbe hinaus; dies ist ein ansich evidenter Satz, der das Kantische Grenzen-Axiom von den Wissenssätzen absondert und zu den Hypothesen stellt. Hierdurch ist demselben nun zwar der Wissenscharakter, nicht aber zugleich schon die wissenschaftliche Berechtigung genommen. Die letztere wird ihm auch von vielen Seiten ungeschmälert zugesprochen und es mag heute fast für Tollkühnheit gelten, selbst ihr gegenüber noch Zweifel laut werden zu lassen.

Die Grenzhypothese hat meines Dafürhaltens allerdings in der Entwicklungsgeschichte der Erkenntnistheorie eine große Aufgabe, ich möchte sagen, erzieherischer Art, um prophylaktisch in der Menschheit zu wirken angesichts der vielen lockenden, ins Nichts führenden Abwege der menschlichen Spekulation. - Solange man immer noch in der griechischen Anschauung zweier Welten befangen ist, tut die Hypothese KANTs ihre guten Dienste und darf sich auf jenem Boden sogar berechtigt halten, von Grenzen der Erkenntnis zu reden, indem sie erzieherisch den Erkennenden auf die Sinnenwelt verweist. Dies aber schließt doch auch ihre wissenschaftliche Berechtigung noch nicht in sich, so daß man auf ihr ausruhen dürfte. Ist zunächst der Zauber der antiken Auffassung für die wissenschaftliche Erkenntnis durch KANTs Grenzen-Hypothese gesprengt, so soll damit nur der weiteren freien Entwicklung Raum geschaffen sein, und die Losung derer, welche durch KANT aus jenem Zauber gelöst sind, muß bei aller Verehrung des Befreiers lauten: Über Kant hinaus! Wohl mag man bewundernd still stehen vor der gewaltigen Arbeit des Königsberger Philosophen und demselben in dankbarer Pietät zugetan sein, aber über der Bewunderung ist die Pflicht der eigenen, fortstrebenden Arbeit nicht zu vergessen, denn nur der Entwicklung gehört das Leben. Auf KANTs Schultern, nicht in seinen Schuhen hat die Gegenwart zu stehen!

Wenn nun trotz allen Strebens nach Weiterentwicklung gerade die modernen "Griechen" auf dem Dogma der Erkenntnisgrenzen ausruhen, so wird das vielleicht dadurch unterstützt, daß Ende und Grenze miteinander verwechselt werden, zwei Begriffe, die jedoch so verschiedenen Inhalt haben, daß für manche gerade in dieser Verschiedenheit der springende Punkt aufgedeckt werden möchte, welcher dann für die Kantische Hypothese in ihren Augen der sprengende werden könnte.

Das Ende des Erkennens liegt genau da, wo die Erkenntnisobjekte zu Ende sind. Auf den ersten Blick kann es scheinen, als ob hier ohne Schaden dem Begriffe  Ende  derjenige der Grenze substiuiert werden dürfe; unter bestimmten Verhältnissen ist das ist der Tat durchaus zulässig. Redet man z. B. vom Ende der Erkentnis eines verflossenen Zeitalters oder eines dahingegangenen Philosophen, so ist dasselbe für den Beobachter eines spätere und in der Entwicklung fortgeschrittenen Zeitalters zugleich als Grenze zu bezeichnen, diesseits welcher eben das Plus der Erkenntnis, das die Gegenwart aufweist, liegt. Sieht man dagegen von jeder bestimmten endlichen Periode der menschlichen Erkenntnis ab, so muß es einleuchten, daß das denkmögliche Ende des Erkennens bei einem Mangel jeglichen gegebenen zweiten Objekts nun und nimmer die Grenze des Erkennens genannt werden kann, denn die Grenze ist nicht identisch mit dem absoluten, sondern mit dem relativen Ende. Die Identifikation von Grenze und Ende des Erkennens wird erst ermöglicht durch die  Annahme eines denkmöglichen Objekts,  das jenseits der Grenze des Erkennens liegen soll.

Alle scheinbaren direkten Beweise aus der Erfahrung für das Bestehen einer Erkenntnisgrenze nun bewegen sich insgesamt in einem Zirkel, da sie die Existenz des Nichtzuerkennenden eben voraussetzen; dieses Nichtzuerkennende aber, das Ding ansich, bildet den Kern der Hypothese von den Grenzen des menschlichen Erkennens.


Das hypothetische Ding ansich

Der Begriff  Ding ansich  ist seit alten Zeiten in der Philosophie heimisch, und überall, wo er auftritt, wird das ihm entsprechende Objekt als nicht in der Erfahrung gegeben aufgespürt. Innerhalb dieser Übereinstimmung wird dem Ding-ansich aber in den einzelnen philosophischen Systemen eine sehr verschiedenartige Beziehung zur Erkenntnis gegeben. Um aus der neueren Zeit einige Beispiele hervorzuheben, wähle ich DESCARTES und LEIBNIZ, welche beide die völlige Erkenntnis des Dings ansich als möglich erachteten, während dagegen LOCKE nur die Eigenschaften des Dings ansich als erkennbar ansah. Alle Philosophen aber, wie sie auch immer in ihrer Spekulation mit dem Ding ansich positiv operierten, sahen dasselbe als ein reales, der menschlichen Erkenntnis zugängliches an. SPINOZA und BERKELEY haben dieses Philosophem, freilich aus entgegengesetzten Gründen, nicht in ihre Philosophie aufgenommen, letzterer vor allem überdies gegen den Begriff selbst heftig polemisiert. KANT nimmt ihn wieder auf, er tut dies jedoch in einer durchaus neuen und genialen Weise, indem er ihn in seiner Erkenntnistheorie als "Grenzbegriff" verwendet und hierdurch erhielt dann eben der  Kantische  Satz von den Grenzen der Erkenntnis seinen eigenartigen Inhalt.

Aller Zweifel, welcher sich gegen diesen Satz erhebt, ist gegen das Kantische Ding-ansich in verstärktem Grad gerichtet, und man meint gerade hier den Kantianismus in einem Zirkel zu kreisen und in Wirklichkeit gegen das eigene Grenzen-Axiom sündigen zu sehen. Da nun aber gerade an der wissenschaftlichen Berechtigung des hypothetischen Ding-ansich dem Kantianismus alles gelegen sein muß, so fürchte ich mich nicht davor, Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich die Zahl derer, welche das Kantische Ding-ansich einer genauen Prüfung unterzogen haben, um einen vermehre. Die Wichtigkeit der Sache mag die nochmalige Untersuchung genügend rechtfertigen. - Das Ding ansich ist, sozusagen, der realistische Eckstein der Kantischen Weltanschauung, durch welchen sich dieselbe vor der Gefahr, in den Subjektivismus und Idealismus eines BERKELEY zu verfallen, bewahrte; zu gleicher Zeit aber ist es auch ein idealistischer Grenzstein, welcher vor dem Traum, das "Sein" erkennen zu können, behüten sollte. Woher stammte dieses eigentümliche Gebilde, dieses ungreifbare Begriffene und begriffene Ungreifbare, das bald als "bloßer"Begriff, bald als ansich seiendes Reales im Kantischen System seine Verwendung findet?

Der Begriff Ding-ansich hängt im Kantianismus so eng mit dem anderen Begriff  Erscheinung  zusammen, daß sie gleichsam die zwei Hälften eines Rings bilden, von denen eine jede ihre notwendige Ergänzung in der anderen hat. Beide Begriffe sind schon vor KANT zunächst durch "Abstraktion" aus der Wahrnehmung gewonnen, aus den Dingen der gemeinen Erfahrung, und daher beziehen sie sich auch auf dieselbe, indem der Begriff "Ding-ansich" die Dinge charakterisiert als für sich seiende Existenzen, der Begriff "Erscheinung" die gleichen Dinge, insofern sie Erkenntnisobjekte sind. Sehr bald jedoch machte dieser paradiesische Unschuldszustand dem anderen Zustand Platz, in welchem die auf die Erfahrungsdinge angewandten Begriffe verobjektiviert, verdinglicht wurden, so daß man sich, wie bei LOCKE, zwei Welten, einer Seinswelt und einer Erkenntniswelt gegenüber sah. Aber auch bei der Scheidung der bisher in ihrem Umfang zusammenfallenden Begriffe war immer noch ein gutes Stück des ursprünglichen Zustandes gerettet, solange im LOCKEschen Sinn Seinswelt und Erkenntniswelt als zwei sich kreuzende Begriffe mit ihren Umfängen teilweise ineinander fielen: das Fürsichsein und zugleich die Beziehung auf die Erkenntnis des Menschen charakterisierten doch noch immer die Erfahrungsdinge.

BERKELEY dagegen vernichtete dieses Einverständnis dadurch, daß er die Erkenntniswelt in bestimmter Weise als Vorstellungswelt ansah. Indem ihm nun auf die Erfahrungsdinge einzig und allein der Begriff der Erscheinung, d. h. des Erkenntnisobjekts, der Vorstellung anwendbar blieb, so erkannte der scharfsinnige Philosoph sehr wohl, daß die Wahl entweder neben der Vorstellungswelt unverbunden mit ihr noch eine Seinswelt anzunehmen oder die letztere einfach zu streichen, nicht lange unentschieden bleiben konnte. Um den Begriff Ding-ansich auf Etwas anwenden zu können, mußte doch dieses Etwas irgendwie gegeben sein, weil BERKELEY mit Recht, wenn auch dieses fehlte, mit seinem Begriff im Nebel herumzufahren meinte. Infolgedessen, da eben  neben  den Erfahrungsdingen nichts mehr gegeben war, wurde von ihm jene "Seinswelt" geleugnet.

KANT veränderte wiederum die Situation; die Erkenntniswelt blieb die Erscheinungswelt; aber wenn er auch mit BERKELEY einig war, daß auf die Erfahrungsdinge nur der Begriff Erscheinung-Vorstellung Anwendung findet und der Begriff "Ding-ansich" in keinem Inhärenzverhältnis zu denselben stehend gedacht wird, so wollte er sich doch des letzteren Begriffs keineswegs gänzlich entschlagen, um die Erfahrungsdinge nicht zu bloßen Vorstellungen herabzudrücken. Demgemäß wurde der Begriff Ding-ansich wieder neben demjenigen der Erscheinung aufgenommen, wennglich die alte Anwendung der Worte einer neuen Platz machen mußte. Denn anstatt daß beide Begriffe auf dasselbe Erfahrungsding bezogen wurden, blieb dies allein dem Begriff  Erscheinung  zugeteilt, und der Zwillingsbegriff erhielt sein Objekt in einem  hypothetischen  Ding-ansich. Immerhin aber verleugneten sie ihren alten Ursprung und ihre alte Zusammengehörigkeit nicht; obwohl sie, äußerlich auseinander gerissen, der eine der realen, der andere der hypothetischen Welt, zugeteilt waren, so blieb das Verhältnis doch ein inniges, und der eine zehrte gleichsam vom anderen.

Ohne den Begriff Ding-ansich wurde ja die Erscheinung entweder zur bloßen Vorstellung oder zum absolut Realen, da der Grenzbegriff allein verhüten konnte, die Erfahrungsdinge, sie es als "Schein", sei es als "Sein", anzusehen. Das Ding-ansich bildete nach rechts und nach links den festen Halt für die "reale Erscheinung". Diesen Dienst vergalt ihrerseits die Erscheinung, indem sie für den Grenzbegriff, damit er nur denkmöglich würde, die nötige Anschaulichkeit lieferte, wenn dieselbe auch dem Ding-ansich nicht gut auf den Leib geschnitten war und zu manchen Reklamationen Anlaß gab.

Man konnte von Kantischer Seite nämlich keineswegs zugestehen, daß das Ding-ansich in altgewohnter Weise auch als kantianisch noch zu den Erfahrungsdingen eine wesentliche Beziehung hat, so daß es gleichsam selbst als ein solches angesehen werden darf oder der Kantianismus mit ihm gar als einem solchen operiert. So oft derartige Vorwürfe laut geworden sind, hat man von Kantischer Seite nicht gezögert, eine solche Auffassung vom Ding-ansich der Phantasie des Gegners in Rechnung zu stellen und wohl auch von willkürlicher Entstellung des Kantischen Philosophems "Ding ansich" zu reden: Mißverstehen und Nichtverstehen könnten nur so etwas behaupten, KANT selbst, gleichsam die bösen Beschuldigungen vorausahnend, hätte schon betont, daß dieser Grenzbegriff jeglicher Anschauung ermangelt, weil das hypothetische Objekt desselben nicht der Erscheinungswelt angehört, er selbst hätte ja das Wesen solcher Noumena zuerst ins rechte Licht gestellt.

Aber trotz aller Beschwichtigungs- und Verteidigungsversuche läßt sich an der Tatsache nicht rütteln und rühren, daß der Kantianismus, so oft er sich im Aufbau seines Systems mit dem "Grenzbegriff" beschäftigt, einen Abstecher in die Erscheinungswelt macht. Die Kantianer haben in diesem Punkt mit dem gleichen Kreuz zu kämpfen, wie die Hegelianer in Anbetracht des "reinen Denkens"; aber ebenso wollen auch sie es nicht wahr haben, daß der Fehler in ihrem System liegt. Warum konnte sich KANT denn nicht begnügen mit der Ursache, welche BERKELEY seiner Vorstellungswelt gegeben hatte? Etwa, weil dem Begriff  Gott  nur ein problematisches Etwas entsprach? Keineswegs, denn das Gleiche war beim Begriff Ding-ansich der Fall. Oder etwa, weil die Erfahrungsdinge an ihrer Realität eingebüßt und bloße Vorstellungen geworden wären? Im Grunde doch auch das nicht, da dasselbe, was das hypothetische Ding-ansich in Anbetracht der Erscheinungswelt leistete, dem "hypothetischen Gott zugeschrieben werden konnte. Warum also gerade für dieses hypothetische Etwas, für diesen hypothetischen Realitätsgrund der Erfahrungsdinge ein Wort wählen, das von allen möglichen wohl am meisten Versuchung bot, mit ihm ins Gebiet der Erfahrung hinüberzuschweifen? Ich finde keinen anderen Grund, als das Bedürfnis, dem Realitätsgrund der Erscheinung eine anschauliche Beziehung zu dieser zu geben, den Begriff der Ursache der "Empfindungen"  anzuschauen:  und da bot sich derjenige des "Ding ansich" am natürlichsten, weil er sowohl aus der Anschauungswelt gewonnen war, als auch von jeher in der Philosophie ein inniges Verhältnis zum Begriff der Erscheinung gehabt hat.

Jetzt frägt es sich aber, ob das Ding ansich ein bloßer Grenzbegriff geblieben ist.

KANT schreibt einmal: "das deutsche Wort  vermessen  ist ein gutes bedeutungsvolles Wort. Ein Urteil, bei welchem man das Längenmaß seiner Kräfte (des Verstandes) zu überschlagen vergißt, kann bisweilen sehr demütig klingen und macht doch große Ansprüche und ist doch sehr vermessen". Mir ist dieses Wort durch den Sinn gegangen, wenn ich jenes "demütig klingenden" Satzes von den Grenzen menschlichen Erkennens und seiner Unterlage, des "Grenzbegriffs", gedachte. Anscheinend demütig genug tritt der letztere auf, die wilden Sprünge des Erkennens hindernd, ein berufener Retter, "um die Anmaßungen der Sinnlichkeit einzuschränken"; demütig genug verlangt er nur den Namen eines problematischen Begriffs des Verstandes, um aber gleich darauf den Anspruch zu erheben, er sei "dessenungeachtet aber nicht allein zulässig, sondern auch als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff unvermeidlich"; "dieser Begriff ist  notwendig,  um die sinnliche Anschauung nicht bis über die Dinge ansich auszudehnen und also um die Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis einzuschränken".

Die Behauptung, der Grenzbegriff sei  notwendig  zur bestimmten Fixierung der Gültigkeit der "sinnlichen" Erkenntnis will ich hier noch nicht prüfen, sondern nur die Erwägung stellen, ob denn ein Begriff, welchem derartige erkenntnispolizeiliche Befugnisse eingeräumt werden, nicht mehr ist und sein muß als ein problematischer Begriff.

Ich denke, daß es in der Natur der Sache selbst liegt, ein Reales nur durch ein anderes Reales zu begrenzen und daher einschränken zu können; wenn dennoch das Ding-ansich dazu dienen soll, das Gebiet der Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis einzuschränken, so muß sich dieser Begriff auf etwas Gegebenes beziehen, da sonst nicht nur der Begriff selbst, sondern auch die durch ihn gesehene Einschränkung problematisch wäre, mithin der ganze wissenschaftliche Bau, welcher sich auf ihr erhebt, den Charakter des Problematischen an sich trüge. Der Grenzbegriff muß sich unbedingt auf ein real gedachtes Objekt beziehen, wenn er zu seinem Geschäft eine Berechtigung erhalten will. In Wirklichkeit verhält es sich auch so bei KANT; ihm war das Ding ansich mehr als ein problematischer Begriff.

Von BERKELEY war es ein vieler Orten anerkanntes Axiom, daß die Erscheinungswelt und die Welt ansich keineswegs identisch wären; auch KANT nahm dieses Urteil als unumstößlich hin, und es blieb ihm demzufolge unmöglich, sich mit BERKELEYs kühner monistischer Auffassung zu befreunden: die grundlegende Anschauung von den zwei Welten, in welche die Spekulation des Griechentums schon die gegebene Welt auseinandergelegt hatte, beherrschte von Anfang an KANTs Denken und diese Tatsache mag vielleicht einiges Licht bringen für das Verständnis gewisser Aufstellungen in seinem System, besonders aber in Bezug auf das Ding-ansich.

"Es liegt", schreibt KANT, "schon in unserem Begriff, wenn wir gewisse Gegenstände als Erscheinungen, Sinnenwesen (Phaenomena) nennen, indem wir die Art, wie wir sie anschauen, von ihrer Beschaffenheit ansich unterscheiden, daß wir entweder eben dieselben nach dieser Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in derselben nicht anschauen, oder auch andere mögliche Dinge, die gar nicht Objekte unserer Sinnenwelt sind, als Gegenstände bloß durch den Verstand gedacht, jenen gleichsam gegenüberstellen und sie Verstandeswesen (Noumena) nennen." Der Satz ist durchaus richtig:  wenn  man gewisse Gegenstände  Erscheinungen  nennt, so ist damit als andere Hälfte des ursprünglichen Begriffs "Erfahrungsding" das "Noumenon" und zwar ebenfalls wie jene erste Hälfte als Ding für sich gefordert; aber  daß  man jenen Gegenständen den Begriff Erscheinung im Kantischen Sinn beilegte, hatte seinen Grund in der vorausgenommenen Annahme, daß die Welt ansich und die Erfahrungswelt zweierlei sind. Indem man nun dieses Letztere übersieht und sich infolgedessen der  petitio principii  [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] in der scheinbaren Ableitung des Dings ansich aus dem als "Erscheinung" Gegebenen nicht bewußt wird, erklärt man dann, daß der Begriff Ding ansich aus einer inneren Notwendigkeit unserer Natur entspringt, während er in der Tat einen weit einfacheren Ursprung hat, nämlich die Erfahrungswelt selbst. Bei der entschiedenen Trennung der Begrifssphären Ding-ansich und Erscheinung durfte freilich KANT diesen Ursprung des ersteren Begriffs nicht annehmen.

Die scharfsinnigen Untersuchungen BERKELEYs ließen es überhaupt als sehr gewagt erscheinen, das Ding-ansich wieder in die Spekulation aufzunehmen, wenigstens ermahnten sie zu aller Vorsicht, dasselbe nicht etwa auf dem Gebiet der "sinnlichen" Erkenntnis zu suchen. KANT hat diese Warnung zu beachten gesucht und das Ding-ansich zu einem Noumenon, dessen Ursprung also im Verstand, nicht in der Sinnenwelt liegt, gemacht; damit meinte er aller Gefahr entronnen zu sein, und es möchte ihm auch wohl das reine Verstandeswesen Ding-ansich unbeanstandet gelassen zu sein, wenn er dasselbe nicht weiter zu verwerten suchte, sondern es nur als ein Beruhigungsmittel für die Anhänger der Zweiweltentheorie hingestellt hätte. Aber das Noumenon wurde zum Grenzbegriff gemacht und nun war es auch mit seiner Harmlosigkeit; denn nun war aus dem problematischen Begriff ein Ding, welches zu den Erfahrungsdingen und direkter noch zum erfahrenden Menschen in ein durchaus reales Verhältnis gebracht wurde. Mochte immerhin KANT behaupten, die Noumena seien bloß durch den Verstand gedachte Gegenstände, so waren sie eben doch nicht minder als die Erscheinungen Gegenstände des menschlichen Bewußtseins. Ein solcher Gegenstand konnte ihm aber nicht bloß ein problematischer Begriff sein, was sich auch aus KANTs Ausführungen selbst herausstellen wird.

Im § 1 der Kritik der reinen Vernunft tritt zuerst das Ding-ansich auf und zwar nicht als Grenzbegriff, sondern als "Gegenstände", von denen wir "affiziert werden". Erst im Verlauf der Untersuchung verflüchtigt sich der affizierende Gegenstand zu einem reinen Verstandeswesen oder mit anderen Worten, da Begriffe ohne Anschauungen nicht nur leer, sondern überhaupt nicht sind, zu einem Nichts, welches aber dan doch als "Grenzbegriff" Polizeidienste tun sollte. Diese Veränderung in der Auffassung ist bemerkenswert. Zu Beginn der "Kriti" bedurfte KANT notwendig eines gegebenen Realen, der Gegenstände, welche  affizieren,  um die wirkliche Erscheinungswelt zu konstruieren; hier hätte der problematische Begriff allein nicht ausgereicht, wollte KANT anders nicht den Schein einer hohlen Konstruktion auf sein System fallen lassen. Als aber das real gedachte Ding-ansich seine Dienste getan hatte, und die Erscheinung in ihrer Realität durch dasselbe legitimiert war gegenüber einem BERKELEYschen subjektiven Idealismus, so verzehrte der Löwe am Tag die Erscheinung und bald alles vom Ding-ansich und ließ die leere Haut, das Wort "Ding-ansich" übrig, welches nun im problematischen Grenzbegriff einen neuen Inhalt bekam.

"Wir wissen wirklich nicht", schreibt LANGE, "ob ein Ding-ansich existiert. Wir wissen nur, daß die konsequente Anwendung unserer Denkgesetze uns auf den Begriff eines problematischen Etwas führt, welches wir als die Ursache der Erscheinungen annehmen, sobald wir erkannt haben, daß unsere Welt nur eine Welt der Vorstellung sein kann. Das wahre Wesen der Dinge, der letzte Grund aller Erscheinungen ist uns aber nicht nur unbekannt, sondern es isch auch der Begriff nicht mehr und nicht weniger als die letzte Ausgeburt eines von unserer Organisation bedingten Gegensatzes, von dem wir aber nicht wissen, ob er außerhalb unserer Erfahrung irgendeine Bedeutung hat. Nicht nur  was  die Dinge ansich sein mögen, wissen wir nicht, sondern auch,  daß  die Dinge ansich sind, wissen wir nicht. (2)

LANGE hat in diesen Sätzen die Lehre vom Ding-ansich kurz und klar niedergelegt, und, wie ich meine, in instruktiver Weise auch die Schwäche derselben dem Leser deutlich vor Augen gestellt. Das Ding-ansich ist nur ein denkmögliches Etwas, also eben doch nur ein problematischer Begriff: möglicherweise gibt es Dinge-ansich, möglicherweise auch nicht. Da wir nun nicht einmal von ihrer Existenz wissen können, so ist es nur in dem Fall erlaubt, von Grenzen der Erkenntnis zu reden,  wenn wir annehmen,  daß es Dinge ansich gibt; also immerhin steht die Sache auch hier wieder so: möglicherweise gibt es Grenzen, möglicherweise auch nicht. Wie reimt sich dieses aber damit, daß dieses Denkmögliche vom Kantianismus als die wirkliche "Ursache" der Materie der Erscheinungen und als ein wirklicher Grenzbegriff aufgestellt wird? Nur dann kann es sich reimen, wenn man erklärt, das Ding-ansich sei eine  Hypothese.  Damit wird auch die Kantische Schule einverstanden sein, und der wissenschaftliche Charakter eines Systems geht ja keineswegs auf alle Fälle verloren, wenn eine Hypothese die Grundlage bildet.

Nun kann man aber freilich von einer wissenschaftlichen Hypothese verlangen, daß sie gewisse Bedingungen erfüllt, ohne welche sie ein Hirngespinst genannt werden muß: daß nämlich entweder das Objekt derselben gegeben oder aber das Gesetz des fingierten Objekts bekannt ist. Weder das eine noch das andere wird man jedoch in einer Hypothese vom Ding-ansich erfüllt finden; sowohl das Objekt als auch die Wirkungsweise desselben fingiert, mit anderen Worten, die Stelle der geforderten Hypothese vertritt eine völlig leere Behauptung oder, wie KANT sich ausdrücken würde, ein Hirngespinst, oder, wie LANGE erklärt, ein Begriff, welcher nicht mehr und nicht weniger als die letzte Ausgeburt eines von unserer Organisation bedingten Gegensatzes.

In der letzten, der LANGEschen Fassung erhält jedoch, genau besehen, die Angelegenheit eine neue Wendung, welche der "Hypothese" dennoch irgendwie eine wissenschaftliche Berechtigung zu geben scheint, insofern sich die Annahme eines Ding-ansich auf die Eigentümlichkeit der menschlichen Organisation gründen soll, indem eben eine notwendige Folge unseres Verstandesgebrauchs der vom Verstand selbst geschaffene Gegensatz von Erscheinung und Wesen d. h. Ding-ansich sei: die letzte Ausgeburt dieses Gegensatzes sei das Kantische Ding-ansich gegenüber der Kantischen Erscheinung. Vielleicht aber liegt die Sache doch nicht so glatt, wie es den Anschein hat. In der Tat wird der Gegensatz von Erscheinung und Ding-ansich durch den Verstandesgebrauch geschaffen, welcher es uns allein ermöglicht, das "Ding" unter diese Begriffe zu bringen, die ja allerdings im Gegensatz, aber an und für sich noch nicht im Widerspruch miteinander stehen, da sie sich auf ein und dasselbe "Ding" beziehen können. Der Verstandesgebrauch hat, wenn er den Gegensatz schuf, doch immer an das Erfahrungsding angeknüpft, und dieses letztere ist immer der Anknüpfungspunkt geblieben, auch wenn der Begriff Ding-ansich zum Ding selbst wurde, welches sich vom Erfahrungsding real unterschied. Nur aufgrund des im  Erfahrungsding  gedachten Gemeinsamen entstand und erhielt sich jener begrifflich fixierte und bald objektivierte Gegensatz, und eben deshalb kann ich nicht zugeben, daß die Kantische Auffassung der beiden Begriffe nur die letzte Ausgeburt jenes Gegensatzes sei, sondern muß vielmehr erklären, daß in derselben ein wesentlich anderer Gesichtspunkt sich geltend macht.

Ich muß annehmen, daß auch BERKELEY meiner Ansicht gewesen sei, da ich und noch viel mehr LANGE es nicht begreifen könnte, daß er, als ihm klar wurde, daß unsere Welt nur eine Vorstellung sein kann, nicht eben zu dieser letzten Kantischen Ausgeburt gekommen ist, die, wenn sie wirklich innerhalb des möglichen Umfangs jenes Gegensatzes gelegen hätte, ihm bei seiner retrograden Bewegung in Anbetracht des Ding-ansich notwendig hätte aufstoßen müssen. Nicht die Aufstellung eines Gegensatzes, wie KANT ihn formulierte, war die notwendige Folge des BERKELEYschen Verstandesgebrauchs, sondern die  Aufhebung  desselben durch die Leugnung des Ding-ansich, und ich muß gestehen, dies nur allein als "die notwendige Folge des Verstandesgebrauchs" ansehen zu können, da eben mit dem Gemeinsamen, aufgrund dessen jener Gegensatz von Erscheinung und Wesen überhaupt vom Verstand geschaffen war, zu gleicher Zeit der Gegensatz selber ins Nichts zurücksinkt. KANT dagegen stellte einen durchaus anderen Gegensatz, nämlich den Widerspruch zwischen den beiden Begriffen auf, und machte damit einen Sprung, den ich oben bezeichnet habe als die Verflüchtigung des affizierenden Dings ansich zum problematischen Begriff. KANT hebt an mit jenem Gegensatz, welcher in seinen Teilen auf Gemeinsamem fußt, und springt dann, nachdem die Vorstellung zur Erscheinung gemacht ist, über zu dem, jedes Gemeinsame ausschließenden, Widerspruch, so daß, was in jenem Gegensatz ein reales Etwas war, am Schluß, nachdem er seine Dienste getan hat, zum völlig problematischen Etwas heruntergedrückt ist.

LANGE hat diesen Sprung nicht bemerkt, da er schreibt: "Wir wissen nur, daß die konsequente Anwendung unserer Denkgesetze uns auf den Begriff eines völlig problematischen Etwas führt, welches wir als Ursache der Erscheinungen annehmen, sobald wir erkannt haben, daß unsere Welt nur eine Welt der Vorstellung sein kann". Die letztere Erkenntnis können wir doch nur erlangen, indem wir  voraussetzen,  daß ein Ding-ansich, welches uns affiziert, existiert; diese Voraussetzung ist also schon da, und es bedarf nun gar nicht mehr der "konsequenten Anwendung" unseres Denkapparates, um zur Annahme eines Ding-ansich zu gelangen: die eine Hälfte des Rings, der Begriff "Erscheinung", ist ohne die andere, den Begriff Ding-ansich, gar nicht vorhanden. - Aber auch bei der konsequentesten Anwendung unserer Denkgesetze ist es nicht möglich, in Wirklichkeit auf den Begriff eines problematischen Etwas, das sich nicht in die Form unserer Erkenntniswelt fügt, zu kommen: das Ding ansich der Erkenntniswelt als ein zweites neben der Erscheinung läßt sich wohl wegdenken, aber nicht anderswo denken, und jeder Versuch der letzteren Art biegt trotz alledem immer wieder ein in die Formen unserer Erkenntniswelt.

Wenn LANGE meint, daß wir durch die konsequente Anwendung unserer Denkgesetze auf den Begriff eines völlig problematischen Etwas geführt werden als Ursache der  Erscheinungen,  so treibt er mit sich selbst das Spiel, welches einer zeigen würde, der zunächst auf ein Stück Karton ein Quantum Wollgarn wickelt, und danach, das Garn konsequent abwickelnd, schließlich wieder auf das Stück Karton stößt, was gewiß nur allzu natürlich ist: der Begriff Erscheinung setzt den Begriff Ding-ansich voraus. BERKELEY seinerseits gleicht demjenigen, welcher ein Knäuel Wollgarn findet, und, indem er es, unter der Voraussetzung, ein Stück Karton im Innern zu finden, konsequent abwickelt, nichts unter dem Garn antrifft.

Mag auch der Kantische Begriff des Ding-ansich denkmöglich sein, so ist er dennoch nicht denknotwendig; dies wird er erst durch die  petitio in principii,  mit deren Hilfe zunächst die Erscheinungswelt gedacht ist: denn dann allerdings ist die Annahme jenes Ding-ansich notwendig, weil der Begriff desselben schon demjenigen der Erscheinung zugrunde liegt. So dreht sich der Kantianismus im Zirkel: Ding ansich - Erscheinung - Ding ansich, und er wird sich dessen nur deshalb nicht bewußt, weil er die Identität des zweiten Ding ansich mit dem ersten nicht erkennt, da er sonst nicht das zweite, durch eine "konsequente Anwendung der Denkgesetze" angeblich neu gewinnt, zum  problematischen  Etwas machen würde. In der Tat verfährt der Parvenü [Emporkömmling - wp] "Erscheinung" recht pietätlos gegen seinen Vater, das Ding ansich, während die Mutter, das Erkenntnisvermögen der Menschen, die beste Behandlung genießt; ja fast möchte man glauben, daß hier ein Fall von Parthenogenesis [Jungfrauengeburt - wp] entdeckt wäre, wenn erklärt wird, die Erscheinung sei "ein Produkt der Gesetze meines Verstandes und meiner Sinnlichkeit". (3) Nachträglich hinkt dann freilich der arme Vater noch hinterher als die durch die Denkgesetze nach Analogie der Beziehungen von Ursache und Wirkung erschlossene problematische Ursache der Erscheinung. Die Undankbarkeit aber gegen das Ding ansich erreicht ihren höchsten Grad in der Erklärung: "Je mehr sich das Ding ansich zu einer bloßen  Vorstellung  verflüchtigt, desto mehr gewinnt die Welt der Erscheinungen an Realität". Man fühl sich hierbei in einen Hexentanz hineingerissen: unsere Welt soll nur eine Welt der Vorstellung sein, deren Ursache das Ding ansich genannt wird; wenn nun diese letztere sich zur bloßen Vorstellung verflüchtigt, so sollte man annehmen, daß auch ihre Wirkung in dieselbe Verflüchtigung mit hineingerissen wird, die konsequente Anwendung unserer Denkgesetze stellt offenbar diese Forderung: aber nein, gerade umgekehrt, je mehr das Ding ansich an Realität verliert, desto mehr gewinnt die Erscheinung an Realität.

In Wirklichkeit befindet sich der Kantianismus bei so einer paradox klingenden Behauptung auf dem Weg, unsere Welt als solche zum Ding ansich, sofern unter diesem Wort die vom Ich unabhängige Wirklichkeit verstanden wird, zu erklären, so daß dann von selbst das hypothetische Ding ansich etwas Unwirkliches, zugleich aber auch die Erscheinung im Kantischen Sinn ein Hirngespinst würde. Diese Tendenz liegt entschieden ausgesprochen im Kantianismus, und unter diesem Gesichtspunkg ist die Behauptung richtig, daß er, frei von allem Skeptizismus, das gerade Gegenteil des Berkeleyismus repräsentiert, denn dieser identifiziert die Erkenntniswelt des Menschen mit der Vorstellungswelt, während jener unleugbar das instinktive Streben zeigt, sie mit der Seinswelt zusammenfallen zu lassen. Dieses Streben ist nicht völlig realisiert worden, da das einmal hypostasierte [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] Ding ansich trotz aller Verflüchtigung sich nicht ganz verwischen ließ, aber es ist doch bis auf den denkbar letzten Rest zusammengedrückt, auf den Grenzbegriff. Dieser letzte Rest jedoch ist gerade für KANTs Philosophieren gefährlich geworden.

Der Grenzbegriff erwies sich nämlich, der Natur der Sache entsprechend, nicht nur als Grenzpfahl für die Erkenntnistätigkeit, sondern er diente zugleich als Wegweiser zu einem höheren Aufenthalt für Vorstellungen, welche sich wegen Mangel an Platz aus der neu konstruierten Erscheinungswelt ausgewiesen sahen: die Exilierten fanden durch Vermittlung des Grenzbegriffs in einer anderen Welt, derjenigen des Ding ansich, ihr angeblich problematisches Unterkommen, das aber für den Menschen ein nicht weniger reales ist wie die Existenz jenes "Ding-ansich", welches uns affiziert, weil er sich zu jenen "idealen" Gegenständen, den Noumena, in eine praktische Beziehung setzt. Sind dieselben auch nicht anschauungsreale Objekte, so doch gemütsreale, die sich durchaus von dem, was KANT Hirngespinste nennt, unterscheiden sollen.

Den Anknüpfungspunkt, um diese Beziehung des Menschen zu den "intelligiblen" Objekten herzustellen, bildet der Grenzbegriff, er allein ermöglicht es, dieselben nicht als bloße Grillen [Hirngespinste - wp] zu verneinen; denn obgleich sie nicht in ihrer realen Möglichkeit erkannt werden können, so sind sie und ihre Existenz doch formal möglich in jener möglichen, durch den Grenzbegriff offen gehaltenen Welt ansich.

Die blasse Denkmöglichkeit der Welt ansich aber übte einen eigentümlichen Zauber auf KANT aus, und er bedient sich ihrer gerne zu polemischen Zwecken. Ich führe hier eine wichtige Stelle an: "Zwar, wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere Absicht hat, als den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre Bestimmung verkennenden Vernunft niederzuschlagen, welche mit Einsicht und Weisheit groß tut, da wo eigentlich Einsicht und Weisheit aufhören, und das, was man in Anbetracht des praktischen Interesses gelten läßt, für eine Beförderung des spekulativen Interesses ausgeben will, um, wo es ihrer Gemächlichkeit zuträglich ist, den Faden physischer Untersuchung abzureißen und mit einem Vorgeben einer Erweiterung der Erkenntnis ihn an transzendentale Ideen zu knüpfen, durch die man eigentlich nur erkennt, daß man nichts weiß, wenn, sage ich, der Empirist sich hiermit begnügt, so würde sein Grundsatz eine Maxime der Mäßigung in Ansprüchen, der Bescheidenheit in Behauptungen und zugleich der größtmöglichen Erweiterung unseres Verstandes durch den eigentlich uns vorgesetzten Lehrer, nämlich die Erfahrung sein. Denn in einem solchen Fall würden uns  intellektuelle Voraussetzungen  und Glaube zum Zweck unserer praktischen Angelegenheiten  nicht genommen  werden, nur könnte man sie nicht unter dem Titel und dem Pomp der Wissenschaft und Vernunfteinsicht auftreten lassen, weil das eigentliche spekulative Wissen überall keinen anderen Gegenstand als den der Erfahrung treffen kann, und wenn man ihre Grenzen überschreitet, die Synthesis, die eine neue von jener unabhängige Erkenntnis versucht, kein Substratum der Anschauung hat, an welchem sie ausgeübt werden könnte. So aber, wenn der Empirismus in Anbetracht der ideen (wie es meistenteils geschieht) selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneint, was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnis ist, so fällt er selbst in den Fehler der Unbescheidenheit, der hier umso tadelbarer ist, weil  dadurch  dem praktischen Interesse der Vernunft ein unersetzlicher Nachteil verursacht wird. (4)

Woher konnte aber KANT das Recht nehmen, die Empiristen, welche die Erfahrung als Lehrmeisterin ansahen, seinerseits zu lehrmeistern, wenn sie die Gegenstände der "transzendentalen Ideen" verneinten? Mußte er doch selbst zugestehen, daß die reale Möglichkeit dieser Ideen selbst nicht einmal bewiesen werden könnte, geschweige denn ihre Wirklichkeit; standen sie doch mit der Realität geradezu im Widerspruch! Was konnte also den Empiristen hindern, in diesem Fall dieselben zu verneinen?

"Hohe Türme und die ihnen ähnlichen metaphysisch großen Männer", schreibt KANT, "um welche beiden gemeiniglich viel Wind ist, sind nicht für mich, mein Platz ist das fruchtbare  bathos  [Tiefe - wp] der Erfahrung". Hätte doch KANT diesen Platz nie verlassen, die intelligiblen Gegenstände, um die ja auch "gemeiniglich viel Wind ist", würden dann sanft ins Nichts gebettet sein, und heute könnten seine Anhänger sich nicht auf die Jonglierkunst verlegen, in das für die "hohen Türme" als Ersatz hergestellte  bathos  des  non liquet  [es ist nicht klar - wp] unterzutauchen, um jeden Streich gegen die "transzendentalen Ideen" auf diese Weise matt zu legen.

KANT selbst kann den Empiristen eben nichts anderes entgegenhalten als: es ist möglich, nicht real möglich, aber doch möglich, daß solche intelligiblen Gegenstände sind! Er kann sich nicht beklagen, wenn der Empirist den sonderbaren Schwärmer einfach stehen läßt, da doch mindestens ein Erweis der realen Möglichkeit solcher "Gegenstände" gefordert werden darf; ansonsten ist kaum ein Hindernis denkbar, um sie in die Rumpelkammer der Hirngespinste zu werfen. Auf die moralische Nützlichkeit oder gar Notwendigkeit allein konnte doch die Forderung, jene "intellektuellen Voraussetzungen" nicht zu verneinen, kaum gegründet werden. So blieb dann allein der Rekurs auf den Grenzbegriff übrig, der eben die Möglichkeit der Realität der Idealwelt eröffnete.

Aber der Grenzbegriff ist selbst in der üblen Lage, eine "intellektuelle Voraussetzung" zu sein und für den Beweis seines "Ding ansich" fehlen in gleicher Weise alle wissenschaftlichen Hilfsmittel; nicht etwa hinter ihm, sondern vor ihm hört die "Einsicht und die Weisheit" auf, auch er liegt jenseits aller Erkenntnis. So stützt sich die Möglichkeit einer intellektuellen Voraussetzung auf eine andere intellektuelle Voraussetzung, deren Gegenstand für den Menschen einen durchaus problematischen Charakter trägt, sowohl in Bezug auf das "Was" wie des "Daß".

Darin aber liegt das doppelt Bedenkliche, daß dieses "Ding ansich" nicht etwa allein den Glauben an intelligible Gegenstände zum Zweck unserer praktischen Angelegenheiten ermöglichen soll, sondern vor allem in einem  rein  theoretischen Geschäft verwendet wird, indem es, ursprünglich und in Wahrheit als Begriff aus der "Erscheinungswelt" gewonnen, wiederum verobjektiviert den Realgrund der real von ihm unterschiedenen "Erscheinungswelt" und den logischen Grund zur Aufstellung der Erkenntnisgrenzen bilden muß.

Ich verkenne keineswegs den hohen propädeutischen Wert, welchen diese Fiktion des Grenzbegriffs Ding ansich für die allein wissenschaftlich zu nennende Erkenntnis hatte in einer Zeit, wo man besonders in den philosophischen Kreisen Deutschlands noch tief im "dogmatischen Schlummer" lag. Diese Anerkennung darf jedoch nicht so weit gehen, daß sie blind macht gegen die Schwäche jener Fiktion und ihren bloß relativen Wert: sie selbst verleugnet ja auch ihren Ursprung im Zeitalter der Zweiweltentheorie nicht und hat es, wie man sehen kann, sogar möglich gemacht, daß ihr Schöpfer, wenn auch theoretisch, so doch nicht praktisch, also nicht gänzlich mit jener Theorie zu brechen veranlaßt wurde. KANTs Fiktion aber hat eben deshalb so großen Bedeutung, weil sie den Zweiweltenbann wenigstens auf dem Gebiet der theoretischen menschlichen Tätigkeit zu brechen berufen war.

Die reine Anschauung

Die philosophische Tätigkeit KANTs trug als epochemachende wesentlich polemischen Charakter; mit dem Ding-ansich wandte er sich gegen den deutschen Rationalismus, mit der reinen Anschauung gegen den englischen Empirismus. Beide Waffen holte er sich aus der Rüstkammer unserer Welt; durch die eine eroberte er der menschlichen Erkenntnis ein bestimmtes, durch die andere ein sicheres Gebiet. Der erste Gegner ist überwunden, der zweite dagegen noch nicht; liegt Letzteres an der von KANT gebrauchten Waffe?

Im vorigen Abschnitt habe ich darauf hingewiesen, daß der Begriff "Ding-ansich" aus  unserer Welt  gewonnen, von KANT verobjektiviert und zu einem selbständigen  transzendentalen  Faktor mit verschiedenen Funktionen gemacht ist: Darin aber liegt ein Grundfehler des Kantischen Systems. Die Verwechslung der logischen mit der realen Sektion oder Zerlegung ist freilich eine sünde, welche der philosophischen Spekulation von den alten Zeiten bis auf die Gegenwart nie fremd geworden ist, denn auch die Philosophen erfreuen sich der Einbildungskraft. Logische und reale Sektion können deshalb, die Erfahrung lehrt es warnend, nicht ängstlich genug auseinander gehalten werden. Die dichtende Phantasie des Menschen ist jeder Zeit bereit, den Unterschied zu verwischen und die Resultate der einen für solche der anderen Operationen auszugeben, trotzdem daß durch die logische Sektion das Objekt, die "Erscheinung", in  Begriffe  zerlegt wird, die reale Sektion dagegen die Erscheinung in  Teile,  d. h. in "Erscheinungen auseinanderlegt. Auch der nüchterne vorsichtige KANT hat sich in Anbetracht des "Dings ansich" dieser Neigung der menschlichen Natur, das Ergebnis der logischen Zerlegung als eines der realen Zerlegung zu betrachten und in diesem letzten Sinn mit jenem weiter zu philosophieren, nicht entziehen können.

Es möchte freilich auf den ersten Blick ein Unrecht scheinen, KANT solcher Verwechslungen anzuklagen, da er doch das Ding-ansich ausdrücklich als Grenz begriff  erklärt hat, mithin das durch Sektion aus der "Erscheinungswelt" gewonnene Resultat ganz korrekt  Begriff  nennt. Meine Beschuldigung wäre grundlos, wenn KANT in der Tat stets mit dem Begriff "Ding-ansich" und nicht mit dem Begriff  vom  Ding-ansich philosophiert hätte, oder, was dasselbe sagen will, wenn er sich jenes angeblichen Begriffs, welcher notorisch aus der "Erscheinung" selbst gewonnen ist, nicht als eines  "Grenz begriffs" bedient hätte. Wer nun diesen durchaus unberechtigten Sprung KANTs nicht sieht, wird freilich auch fernerhin die Meinung haben, der Begriff  vom  Ding ansich sei eine notwendige Folge der von KANT angehobenen Untersuchung, die sich durchaus keiner Vermischung zweier ganz verschiedener Tätigkeiten des menschlichen Geistes, logischer und realer Sektion, schuldig macht.

Daß KANT es nicht mit dem empirischen Begriff "Ding ansich", sondern mit einem Begriff  von  einem Ding-ansich zu tun hat, wird man zugeben müssen; aus Sätzen, wie: "Das Ding-ansich kann man nicht erkennen" geht dies deutlich genug hervor. Würde sich KANT wirklich durchaus innerhalb der ursprünglichen logischen Sektion gehalten haben, so hätte ein solcher Satz von seiner polemischen Tendenz gar nichts eingebüßt, freilich dann aber eine andere Begründung erhalten: er würde seinen Grund nicht gezogen haben aus dem Wesen des Dings-ansich als jenseits aller Erfahrung liegenden, sondern als eines empirischen Begriffs, der als solcher natürlicherweise nie als Ding, als "Erscheinung", von der menschlichen Erkenntnis gefunden werden könnte, weil er eben  keine  "Erscheinung", sondern ein  aus ihr  gewonnener  Begriff  ist. Da aber KANT diesen Begrif durch einen kühnen Sprung in ein ganz anderes Gebiet hinübertrug und ihn als Grenzbegriff vom Ding-ansich in  neue  Beziehungen zur "Erscheinung" setzte, so ist das Sichere gegen eine Fiktion, das Erkannte gegen ein ewig problematisches Etwas, welches sich von einem Hirngespinst durch Nichts unterscheidet, eingetauscht worden.

Durch eine Umbildung des Begriffs "Ding ansich" zum Grenzbegriff vom Ding-ansich war nun zumindest die logische Möglichkeit des Dings-ansich zugestanden, und damit schob sich selbstverständlich, die wenn auch noch so unklare, Anschauung  Ding-ansich  an die Stelle des ursprünglichen Begriffs; die logische Sektion hatte dem allerdings anregenderen Geschäft der realen Sektion Platz gemacht: der Begriff  Ding-ansich  wurde zum abgesprengten begrenzenden Ding. Dieser Übergang geschieht für den Beobachter, Dank dem uns allen innewohnenden Hang, Begriffe zu verobjektivieren, so unvermerkt, daß ich das kantische "Ding ansich" der beweglichen Klappe über einer Fallgrube vergleichen möchte: das Ding sieht so unschuldig und sicher aus, man wagt sich hinauf und plötzlich versinkt man in das  bythos  [Urgrund allen Seins - wp], in die Welt ansich.

Der Grenzbegriff nun ist eine kühne Fiktion, aber die reine Anschauung ist wohl ein noch kühneres Produkt des kantischen Geistes, da sie weit augenfälliger der Ansicht, daß die logische Sektion einer "Erscheinung" allein Begriffe liefert, ins Gesicht schlägt. KANT schreibt:
    "Wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit etc., imgleichen was zu Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe, etc. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung."
Was also nach all den Merkmalen, die auf Verstand und Empfindung zurückzuführen sind, übrig bleibt von der Vorstellung eines Körpers, soll nicht etwa Begriff, sondern reine Anschauung sein. Hat KANT in diesem Punkt Recht, und ist das, was er eine  Anschauung  nennt, in der Tat Anschauung, also Konkretes, und nicht Begriff, d. h. "Allgemeines", so ist damit der Beweis geliefert, daß die logische Sektion der "Erscheinung" uns Begriffe  und  Anschauung liefert. Der § 1 der Kr. d. r. V., welchen ich in der Untersuchung über den Grenzbegriff "Ding-ansich" anführte, um zu zeigen, daß der "problematische Begriff" dort am "Gegenstand" einen sehr realen Vorgänger hätte, ist auch für die Erörterung der reinen Anschauung von hervorragender Bedeutung; in diesem Paragraphen überhaupt bilden die Prinzipien der kantischen Erkenntnistheorie schon so völlig die stille Voraussetzung, daß man fast behaupten kann, wer diesen unangefochten läßt und lassen muß, der ist dem Kantianismus unweigerlich verfallen. Es gilt nun zunächst, hier Rat zu holen über KANTs Ansicht von der reinen Anschauung. Schon im ersten Absatz des § 1 handelt KANT von der Anschauung überhaupt:
    "die Art, wodurch Erkenntnis sich auf Gegenstände unmittelbar bezieht, ist die  Anschauung" "diese Anschauung;  ist  nur;  dadurch möglich, daß er (der "Gegenstand") das Gemüt auf gewisse Weise  affiziert";;  "die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungstätigkeit, sofern wir von demselben affiziert werden, ist Empfindung"; "diejenige Anschauung, welche sich auf einen Gegenstand durch Empfindung bezieht, heißt  empirisch".; 
Aus diesen Sätzen könnte man geneigt sein, das Fazit zu ziehen, KANT nehme also nur eine empirische Anschauung als möglich an; es dürfte jedoch schon die Bemerkung: "diejenige Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch  Empfindung;  bezieht, heißt  empirisch";  vor einem solchen Urteil schützen, da sie auf eine mögliche Anschauung hinzudeuten scheint, welche, wie alle Anschauung, sich wohl auf Gegenstände unmittelbar, aber nicht durch Empfindung bezieht. Doch dieser Möglichkeit steht wiederum KANTs ausdrückliche Erklärung entgegen, daß die  unmittelbare;  Beziehung auf Gegenstände, d. h. Anschauung,  nur;  möglich ist, wenn der Gegenstand den Menschen  affiziert,;  also nur durch Empfindung. So hat es den Anschein, daß es beim ersten Urteil über KANTs Ansicht bleiben muß: es sei nur empirische Anschauung möglich; und dennoch ist es anders: neben der empirischen gibt es eine reine Anschauung für KANT. Sehen wir zu, wie er zur Entdeckung dieser neuen Spezies gekommen sein mag: er gewinnt sie durch eine Sezierung der "Erscheinung".

"Erscheinung", heißt es, "ist der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung"; "in der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, die Materie in derselben". Schon hier gilt es auf der Hut zu sein. Man stutzt über die Bemerkung: "das in der Erscheinung, was der Empfindung korrespondiert". Als es eben vorher hieß, diejenige Anschauung, welche sich auf den Gegenstand durch die Empfindung bezieht, heißt empirisch, so konnte man, nach dem erklärt war, der unbestimmte Gegenstand der empirischen Anschauung soll  Erscheinung;  genannt werden, schließen: also korrespondiert die Erscheinung als solche den Empfindungen, ohne in diesem Schluß durch eine vorhergehende Bemerkung KANTs gehindert zu werden; Empfindung und empirische Anschauung wären dann als Wechselbegriffe aufgetreten, ein und dasselbe unter verschiedenen Gesichtspunkten begreifend. Wie man sieht, entwickelt sich die Sache anders. KANT zergliedert logisch die Erscheinung, und hebt zunächst den Begriff  Materie heraus, und nun hören wir plötzlich: "in der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung korrespondiert, die Materie derselben". Aber doch auch in der Wissenschaft der Erkenntnistheorie ist der Satz gültig, daß Konkretes nur Konkretem, aber nicht "Abstraktem" korrespondieren kann und hier soll die konkrete Empfindung, die Affektion des Anschauenden, der "abstrakten" Materie der Erscheinung korrespondieren?

Man ist nur allzu geneigt, über dieses logische Vergehen hinwegzusehen, da die Gewöhnung, in der "Materie" etwas Konkretes zu sehen, sich gar sehr eingebürgert hat, so daß die logische Sektion einer "Erscheinung" in Form und Materie als eine reale angesehen wird, und diese Begriffe zu  Teilen;  der "Erscheinung" verobjektiviert werden. Auch KANT geriet auf diesen Irrweg, welcher ihn übrigens auch allein dahin führen konnte, wo er die "reine Anschauung" entdeckte; denn wenn einmal die Erscheinung ein Produkt aus Empfindung und Anschauung sein soll, die konkrete Empfindung aber dem angeblichen Teil (nicht aber Merkmal) "Materie" der Erscheinung korrespondiert, so war damit gegeben, daß auch der andere  "Teil";  der Erscheinung, die Form, einem  Konkreten;  korrespondiert und dies konnte nun nichts anderes sein als die "reine Form der Sinnlichkeit", die "reine Anschauung". So wusch eine Hand die andere, die zweifelsohne als Konkretes feststehende Empfindung ließ den Begriff  Materie;  verobjektivieren, und die infolgedessen zugleich verobjektivierte Form der Erscheinung machte wieder den Begriff "reine Anschauung" zu etwas Konkretem.

Daß der Verdacht, die "reine Anschauung" sei als Konkretes eine Fiktion, in der Tat aber ein verobjektivierter  Begriff,;  ein höchst begründeter genannt werden muß, dürfte schon aus der Art geschlossen werden, wie KANT in dem angeführten Beispiel dadurch, daß er von der Vorstellung eines Körpers "das, was der Verstand davon denkt, und was davon zur Empfindung gehört" absondert, zur reinen Anschauung gelangt. Schon bei dieser Gelegenheit konnte es auffallen, das, was von der  Vorstellung;  als Gestalt und Ausdehnung übrig bleibt, Anschauung genannt zu hören und nicht etwa reine Vorstellung. Ich will über diese Bezeichnung nicht streiten, da immerhin an dieser Stell klar genug heraustritt, was sie zum Inhalt haben soll. Gespannt aber wird man nun in der Tat sein, wenn doch die "reine Anschauung" gleich der Empfindung etwas Konkretes ist, ein Beispiel solcher reinen Anschauung von KANT vorgeführt zu bekommen, oder in irgendeiner Weise auf dieses bis jetzt Unbekannt positiv hingewiesen zu werden. Das ist auch von KANT geschehen; er erklärt: "ich nenne alle Vorstellungen rein, in denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird"; "die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt wird im Gemüt a priori angetroffen"; "die reine Anschauung, auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine bloße Form der Sinnlichkeit findet im Gemüt statt." Ist dies wirklich der Fall, so wird aller Verdacht, daß KANT einen Begriff "reine Anschauung" verobjektiviert hat, zu Boden geschlagen.

Reine Vorstellungen, in denen kein solches "was der Empfindung korrespondiert", angetroffen wird, also reine Anschauungen, haben wir nun in der Tat nicht. Ich könnte nichts Treffenderes dagegen sagen als was EDUARD von HARTMANN in seinem trefflichen Buch "Kritische Grundlegung des transzendentalen Realismus", Seite 146f schreibt:
    "KANT stellt sich die materielle Welt in ihrer subjektiven Erscheinung hauptsächlich mittels des Gesichtssinnes vor; indem er nun die Gegenstände aus dem Gesichtsfeld hinauswirft, bleibt ihm die Anschauung des leeren Gesichtsfeldes übrig. Diese Anschauung ist aber eine positive  Empfindung;;  denn bekanntlich ist selbst das Schwarz eine positive Empfindung des Sehnerven, um wieviel mehr das gewöhnlich zu einem matten Grau oder auch zu einem gelbroth oder blau angehauchten Grau subjektiv erhellte leere Gesichtsfeld der Phantasie. Dieses Gesichtsfeld der Phantasie unterscheidet sich ferner noch dadurch vom Wahrnehmungsgesichtsfeld, daß es nicht wie dieses ein bloßer Kugelausschnitt von etwa 90° ist, sondern daß es, wenn auch in etwas unbestimmter Weise, zur vollen Sphäre erweitert werden kann, obwohl der vordere Teil immer positiver und deutlicher, gleichsam gesättigter von Empfindung ist, als der hintere. Dies ist nur eine besondere Anwendung des Vermögens unserer Phantasie, uns beliebige Gegenstände als hinter uns befindlich anschaulich vorzustellen. Es bleibt also diese Phantasievorstellung des leeren sphärischen Gesichtsfeldes  immer;  beladen mit "Materie" der Anschauung, mit sinnlichem Empfindungsstoff' (des Helligkeitsgrades und der Färbung), und außerdem mit einer Ortsbeziehung des anschauenden Ich auf den Mittelpunkt des sphärischen Phantasieraums. Wir lernen daraus, daß es in aller Strenge  eine unsere Fähigkeit übersteigende Aufgabe ist, eine von aller empirischen Empfindung gereinigte Anschauung des abstrakten;  Raumes zu gewinnen. Ferner aber folgt aus der unvermeidlichen Ortsbeziehung des anschauenden Ich auf das Zentrum der Sphäre, daß, wenn es uns einen Augenblick gelungen sein sollte, das ganze Phantasiebild des Raumes aus der Vorstellung zu löschen, dasselbe sofort wieder aus diesem räumlich festgehaltenen Zentrum als aus dem produktiven Organ der Gesichtsanschauung von Neuem ausstrahlt. Dies kommt daher, daß  der positive empirische Empfindungsstoff;  des Auges, welcher  immer;  vorhanden ist, und unaufhörlich auch in absoluter Dunkelheit auf unsere Seele einstrahlt, sofort die Aufmerksamkeit in Beschlag nimmt, sobald die vorher dominierende Phantasievorstellung des Raumes durch abstrakte (unräumliche) Begriffe aus der Aufmerksamkeit verdrängt ist, also diese für die scharfen Gesichtswahrnehmungen gleichsam wieder jungfräulicher Boden geworden ist. Dieses Eindringen der Empfindung wird aber von der Seele sofort auf die noch festgehaltene Ortsvorstellung des inneren Sehorgans bezogen, und so stellt sich das eben mühsam vernichtete Gesichtsfeld als  scheinbar;  vom örtlichen Ich ausstrahlend wieder her. Diese Selbstbeobachtung scheint mir die Grundlage des kantischen Irrtums."
Dieser Ausführung füge ich als weitere Erklärung des Irrtums, die "reine Anschauung" für eine Anschauung zu halten, die Tatsache bei, daß wir in der von uns vorgestellten Sphäre des Gesichtsfeldes und an den räumlichen Vorstelllungen in demselben unsere  Aufmerksamkeit;  so sehr auf "Gestalt und Ausdehnung" derselben konzentrieren können, daß es den Anschein erweckt, als ob wir in der Tat die "reine Anschauung" als Anschauung für sich hätten. Der Umstand aber, daß Letzteres in der Tat nicht stattfindet, ist immerhin ein apagogischer [negativ aus der Falschheit des Gegensatzes - wp] Beweis dafür, daß die kantische "reine Anschauung" faktisch ein Begriff ist, der also der Natur der Sache nach nicht Anschauung für sich ist und sein kann.


Ding-ansich und reine Anschauung bilden die beiden Pfeiler, welche die kantische Erscheinungswelt stützen; wenn sie wanken, so steht es schlimm um das ganze Gebäude; sie erwecken den Anschein, morsch zu sein, und vielleicht ist die Zeit schon gekommen, das Haus zu verlassen. Zumindest aber wird angesichts der kritischen Verhältnisse dem Versuch, Pläne für ein neues Haus mit festerem Untergrund zu konstruieren, der Vorwurf erspart bleiben müssen, daß eine bloße Neuerungssucht den Antrieb dazu gegeben hat.
LITERATUR - Johannes Rehmke, Die Welt als Wahrnehmung und Begriff [eine Erkenntnistheorie] Berlin 1880
    Anmerkungen
    1) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus II, Seite 49
    2) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus II, Seite 49
    3) F. A. LANGE, Geschichte des Materialismus II, Seite 49
    4) KANT, Kritik der reinen Vernunft, "Vom Interesse an den Antinomien".