tb-1Hans DrieschH. RickertW. Ostwald     
 
MELCHIOR PALÁGYI
Begründung des Vitalismus

"Bewußtseinstätigkeit gibt es nicht. Bewußtsein ist Empfindungssein, also  Zustand, Affektion.  Auf Bewußtseinstätigkeit aber beruth die ganze Psychologie des Herrn Palàgyi."

Der Vitalismus ist meiner Auffassung nach eine reine Tatsachenfrage. Gibt es nämlich eine eigene Klasse von Vorgängen, die man als vitale Vorgänge bezeichnen darf, und die niemals identisch sein können mit den sogenannten mechanischen, d. i. physikalisch-chemischen Prozessen: dann ist der Vitalismus eine für alle Zeit begründete, unantastbare Lehre. Gibt es aber keine besondere Klasse von Vorgängen, die als vitale im Unterschie von den mechanischen Vorgängen betrachtet werden müßten, dann ist der "Vitalismus" ein für allemal aufzugeben, und darf in ernsten naturwissenschaftlichen Untersuchungen und naturphilosophischen Betrachtungen niemals Berücksichtigung finden. So in die Augen springend auch dieses aut-aut [entweder-oder, wp] sein mag, so schwierig ist es trotzdem in Bezug auf dasselbe eine endgültige Entscheidung zu treffen, und zwar - wie ich glaube - aus dem folgendem Grund:

Es gibt eine Gruppe von  vitalen  Tatsachen, an deren Existenz kein Mensch zweifelt, und die einen auffällig vitalen Charakter haben, die aber trotzdem allgemein als psychische Tatsachen aufgefaßt werden, so daß sie zur Begründung des Vitalismus nicht herbeigezogen werden dürfen, weil sie eben die Grundlage des modernen Psychologismus bilden. Führt man aber den Beweis, daß sie durchaus keine psychische, sondern vitale Tatsachen sind, dann ist die Berechtigung des Vitalismus außer Zweifel gesetzt; freilich gerät aber hierdurch der Psychologismus in seiner ganzen neuzeitlichen Ausgestaltung in eine höchst peinliche Krisis.

Man betrachtet seit LOCKE die Sinnesempfindungen als einfache psychische Vorgänge oder, wie man sich ausdrückt, als elementare psychische Funktionen. Sie sie es aber wirklich? Umd diese höchst wichtige prinzipielle Frage zu entscheiden, wollen wir vor allem untersuchen, ob die Sinnesempfindungen wirklich den Einfachheitscharakter haben, den man ihnen zuschreibt? Eines Sinnesempfindung hat notwendig irgendeine zeitliche Dauer, mag diese sonst eine noch so geringe sein, also z. B. einen sehr geringen Bruchteil einer Sekunde betragen. Was aber in der Zeit verläuft, muß notwendig aus zeitlichen Abschnitten bestehend gedacht werden. Also werden wir einen jeden Empfindungsvorgang, mag er auch eine noch so kurze Dauer haben, aus beliebig vielen äußerst kleinen zeitlichen Abschnitten zusammengesetzt denken müssen. Es erleidet demnach keine Zweifel, daß der Empfindungsvorgang ansich, wie alles zeitlich Verlaufende überhaupt, nichts Einfaches, sondern im Gegenteil etwas grenzenlos Zusammengesetztes ist.

Um das Einfachheitsdogma der Sinnesempfindung zu retten, fordert WUNDT, daß wir von ihrer Zeitdauer abstrahieren sollen. Es scheint mir aber, daß ein Empfindungsvorgang aufhört ein Empfindungsvorgang zu sein, wenn man von seinem zeitlichen Verlauf abstrahiert. Ähnlich verhält es sich mit einem Bewegungsvorgang: auch dieser hört auf eine Bewegung zu sein, wenn wir von seinem zeitlichen Verlauf absehen. Übrigens gibt auch WUNDT zu, daß der zeitliche Fluß zum Wesen der Empfindung gehört: "Die psychischen Tatsachen - sagt er - sind  Ereignisse,  nicht Gegenstände, sie verlaufen, wie alle Ereignisse in der Zeit und sind in keinem folgenden Moment die nämlichen, die sie in einem vorangegangenen waren" (Grundriß der Psychologie, Seite 17). Da nun eine Empfindung ein Ereignis ist, und wie alle Ereignisse in der Zeit verläuft, so ist sie in keinem folgenden Moment die nämliche, die sie in einem vergangenen war, d. h. sie fließt aus grenzenlos vielen elementaren Teilen (aus Empfindungsdifferentialen) zusammen.

Alle diese Differentiale eines Empfindungsvorganges bleiben uns notwendig völlig unbekannt, weil unser Bewußtsein nicht in unendlich kleine Zeitabschnitte einzudringen vermag. Mit anderen Worten: die Differentiale eines Empfindungsvorgangs können niemals ins Bewußtsein fallen; sie sind lauter  bewußtseinsfremde  Vorgänge, d. h. sie sind keine Vorgänge psychischer Art. Psychisch nennt man nämlich Vorgänge, die ins Bewußtsein fallen, innerhalb des Bewußtseins stattfinden. Ein jeder Empfindungsvorgang ist also, insofern man bloß auf die Differentiale Rücksicht nimmt, aus denen er zusammengesetzt ist, ein nichtpychischer, oder, wie ich gleich hinzufügen will, ein  vitaler  Vorgang. Erst jener Akt des Bewußtseins, durch welchen die Integration der Differentiale eines Empfindungsvorgangs geschieht, ist ein psychischer Akt.

Es ist der Grundirrtum des neuzeitlichen Psychologismus, wie er von LOCKE, BERKELEY und HUME ausging, daß er das Vitale mit dem Psychischen verwechselt und demzufolge weder eine echte vitalistische Theorie, noch eine echte Psychologie aufkommen läßt.

Die von den genannten englischen Philosophen ausgehende Psychologistik betrachtet nämlich die Sinnesempfindungen als etwas  völlig  Bekanntes. Nun sind wir allerdings mit nichts in der Welt so vertraut, wie mit unseren Empfindungen; daraus folgt aber durchaus nicht, daß Empfindungen als etwas völlig Bekanntes aufgefaßt werden dürften. In der Art und Weise, wie uns eine Empfindung "gegeben ist", ist das Wunder vollbracht, daß Etwas, das in allen seinen elementaren Bestandteilen völlig unbekannt bleibt, uns trotzdem so anmutet, als ob es uns gänzlich bekannt wäre. Wir dürfen uns jedoch durch diesen Schein nicht täuschen lassen. Dem naiven Bewußtsein mag die Empfindung als etwas durchaus Bekanntes gelten; für die erkenntniskritische Besinnung jedoch ist der Empfindungsvorgang etwas durch und durch geheimnisvolles, weil es niemals in seinen elementaren Bestandteilen, sondern bloß als Integral durch den Wahrnehmungsakt unseres Bewußtseins erfaßt werden kann. Man muß also die fließende, bloß passiv "erlebte" Empfindung wohl unterscheiden von den Akten des Bewußtseins, durch welche sie erfaßt wird. Diese letzteren, nämlich die Akte des Bewußtseins haben, wie ich dies in meinem Vortrag über die Diskontinuität des Bewußtseins dargelegt habe, keinen fließenden Charakter; denn würden sie mit dem Empfindungserlebnis mitfließen, so müßten uns auch die Elemente des Empfindungsvorgangs, die Differentiale desselben bekannt sein. Unser Bewußtsein erfaßt den Empfindungsvorgang durch  instantane  intermittierende [augenblicklich aussetztende - wp] Akte, d. h. durch Akte, die in mathematische Zeitpunkte fallen und in kleinen Zeitintervallen (kleinen Bruchteilen der Sekunde), gleichsam pulsieren, aufeinanderfolgen.

Wir haben somit eine strenge Unterscheidung zwischen vitalen Vorgängen und psychischen Akten gewonnen. Empfindungen sind als bloße fließende Erlebnisse eben nichts weiter als vitale Vorgänge, welche wohl zu unterscheiden sind von den instantanen und intermittierenden psychischen Akten, durch welche sie zum Bewußtsein kommen. Der Vitalismus hat es überall mit fließenden Vorgängen zu tun, die Psychologie hingegen mit instantanen, intermittierenden Akten. Alles Fließende muß vor allem  erlebt  werden, denn ist es nicht Erlebtes, dann kann davon keine Kenntnis zustande kommen; alles  Punktuelle,  Instantane hingegen muß vor allem geistig getan, geistig produziert sein, denn ist es nicht getan, so kann es nicht veranschaulicht, versinnbildlicht werden. Vitales muß vergeistigt, Geistiges muß vitalisiert werden: dies ist gleichsam der Kreisproze? unseres geistigen Lebens. Eine weitere Ausführung dieses Gedankens findet sich in meinen "Naturphilosophischen Vorlesungen" (16. und 17. Vorlesung).

Im Sinne der dargelegten Auffassung gibt es gar keine psychischen "Vorgänge", sondern bloß psychische "Akte", die ihrer Natur nach  unanschaulich  sind. Da aber die oben genannten englischen Philosophen nichts Unanschauliches gelten lassen wollten, so machten sie auch aus den psychischen Akten etwas Anschauliches, d. h. sie verwechselten es mit den vitalen Vorgängen. Diese barbarische Äquivokation hatte zur Folge, daß Biologie und Psychologie durcheinandergemischt, und nicht mehr geschieden werden konnten. Der Sensualismus ist seinem Wesen nach eine Verwechslung des Vitalen mit dem Psychischen, des Wissensbaumes mit dem Lebensbaum. Die Folge dieser Verwechslung ist, daß man glaubte, die "psychischen Vorgänge" "innerlich anschauen" und demzufolge die "empirische Psychologie" auf "innere Wahrnehmung" oder auch "innere Beobachtung" gründen zu können. Nun können wir allerdings von unseren psychischen Akten  Kenntnis  haben, indem wir uns mittels höherer psychischer Akte auf dieselben  beziehen,  aber von einer "Wahrnehmung" und "Beobachtung" psychischer Akte kann im  eigentlichen  Sinne dieser Ausdrücke nicht die Rede sein, weil psychische Akte unanschaulich sind.

Wenn man zugibt, daß Empfindungen ansich, abgesehen von den Akten ihres Erfaßtwerdens, vitale Vorgänge sind, dann scheint die vitalistische Theorie ein für allemal fest begründet zu sein. Nun erwacht aber der Zweifel, ob diese "Empfindungen ansich" nicht identisch sind mit jenen physikalisch-chemischen Prozessen, die in den Nervenfibrillen und Nervenzellen stattfinden und den Gegenstand von nervenphysiologischen Untersuchungen und Hypothesen bilden? Dann hätten wir nicht das Recht, sie als "vitale Vorgänge" zu bezeichnen; wenigstens würden die mechanistisch gesinnten Physilogen dieses Recht in entschiedenster Weise in Abrede stellen. Es gilt also den Nachweis dafür zu erbringen, daß jene elementaren Vorgänge, aus denen die Empfindung zusammenfließt, vitaler und nicht mechanischer Art sind. Zugleich erkennt man nunmehr, daß wer dem Vitalismus zum Sieg verhelfen möchte, einen Kampf nach zwei Fronten hin führen muß; einerseits muß er das Vitale den Psychologisten gegenüber, andererseits den Mechanisten gegenüber zur Geltung zu bringen versuchen: eine Doppelaufgabe, die so schwierig ist, daß ihre Lösung noch niemandem gelang. Der Psychologist möchte alle Erscheinungen am liebsten als psychische, der Mechanist hingegen als physikalisch-chemische begreifen. Zwischen diesen zwei furchtbaren Klippen des neuzeitlichen Denkens muß der Vitalismus hindurchgesteuert werden, wenn er irgendwie anerkannt werden soll. Wir haben oben gezeigt, daß die Empfindung ansich niemals mit psychischen Akten verwechselt werden darf; nunmehr muß auch gezeigt werden, daß diese Empfindungen ansich auch keine mechanischen Vorgänge sind.

Betrachten wir irgendeinen mechanischen Vorgang, z. B. das Fallen eines Steines, dann finden wir als den erkenntniskritischen Charakter desselben, daß er durch beliebig viele Beobachter bezeugt werden kann. Bei einer naturwissenschaftlichen Beobachtung, die jemand macht, gilt die stillschweigende Voraussetzung, daß beliebig viele anwesende Personen sich vom Stattfinden der Tatsache überzeugen könnten. Nun gibt es aber auch solche Vorgänge, die im besten Fall nur einen einzigen, niemals aber zwei oder mehr Zeugen haben können und zu dieser klasse von Vorgängen gehören unter anderen unsere Empfindungserlebnisse. Wird das Fallen eines Steines durch  n  Beobachter bezeugt, so hat ein jeder dieser Beobachter ein Erlebnis von dieser Fallerscheinung. Bezeichnen wir nun den mechanischen Fallvorgang mit  a,  die  n  Erlebnisse der  n  Beobachter mit  a1, a2, a3, ... usw.,  so wird niemand diese  n  vitalen Vorgänge, weil eben ihr Anzahl  n  ist, mit dem einzigen mechanischen Vorgang  a,  auf den sie sich alle beziehen, verwechseln können. Soll es eine Vielheit von Personen geben, die denselben Vorgang beobachten können, dann müssen die Erlebnisse dieser Personen notwendig von jenem Geschehnis unterschieden werden, das zu gemeinsamen Unterlage der Vielheit von Erlebnissen dient. Nun ist aber Naturwissenschaft nur unter der Voraussetzung möglich, daß viele Personen denselben Vorgang wahrnehmen können: also ruht das Ganze der Naturwissenschaft auf einer Unterscheidung zwischen Erlebnis und mechanischem Vorgang. Dieser Unterschied besteht, wie gesagt, darin, daß Lebensvorgänge bloß einen Zeugen, physikalisch-chemische Prozesse hingegen beliebig viele Zeugen haben können.

So haben wir also den vitalen Vorgang einerseits vom psychischen Akt, andererseits vom mechanischen Vorgang zu unterscheiden gesucht. Vitale Vorgänge haben es mit den psychischen Akten allerdings gemein, daß sie bloß einen Zeugen haben können, nämlich diejenige Person, durch welche sie erlebt, bzw. produziert werden; die ersteren haben aber keinen fließenden, die letzteren hingegen einen intermittierenden, punktuellen Charakter. Was die mechanischen Vorgänge betriff, so können sie (wie z. B. die Bewegungsvorgänge) ebenso fließenden Charakter besitzen wie die vitalen Prozesse, sind aber von diesen letzteren trotzdem wesentlich verschieden, weil diese im besten Fall bloß einen einzigen Zeugen haben können. Es gibt allerdings auch solche Lebensvorgänge, die überhaupt niemals unmittelbar zu Bewußtsein kommen können, wie z. B. die Lebensvorgänge der einzelnen Zellen, aus denen unser Leib aufgebaut ist, aber auf die Betrachtung derselben kann ich wegen der uns karg zugemessenen Zeit nicht mehr eingehen. Ich wollte eben nur eine Skizze jener philosophischen Methode entwerfen, die zur Begründung des Vitalismus führt und die ich in meinen "Naturphilosophischen Vorlesungen", Berlin 1908, ausführlicher darzulegen versucht habe.


DISKUSSION

DRIESCH erklärt sich einverstanden mit der Äußerung des Vortragenden, daß der Vitalismus in erster Linie eine Tatsachenfrage sei. - Die Systeme von PALÁGYI und DRIESCH seien zu different aufgebaut, um eine Auseinandersetzung im einzelnen nützlich zu machen. - Von besonderer Bedeutung erscheint der Begriff der Diskontinuität des Bewußtseins gegenüber der Kontinuität von etwas unbestimmtem Anderen.

Prof. KIRSCHMANN: Wenn es nur ein Fließen in den mechanischen und vitalen Vorgängen gibt, nicht aber in den psychischen Vorgängen, wie können wir denn über das Fließen etwas wissen? Der Vortragende hat die Kontinuität aus dem Bewußtsein hinausgeschafft, während doch die Kontinuität  im  Bewußtsein die  einzige Kontinuität ist, die wir kennen oder die existiert. 

DREWS: Bewußtseinstätigkeit gibt es nicht. Bewußtsein ist Empfindungssein, also  Zustand, Affektion.  Auf Bewußtseinstätigkeit aber beruth die ganze Psychologie des Herrn PALÁGYI.

PALÁGYI (Klausenburg), Schlußwort: Ich kann mich kurz fassen, weil wesentliche Einwände nicht erhoben wurden. Herrn Professor DREWS gegenüber habe ich nur zu bemerken, daß meine Auffassungen denjenigen EDUARD von HARTMANNs in manchen Punkten näher stehen, als dies für den ersten Augenblick scheinen möchte. - Einem geehrten Vorredner gegenüber möchte ich betonen, daß uns das Kontinuierliche allerdings bekannt oder "gegeben" ist, jedoch bloß als Erlebnis, aber keineswegs vermögen wir es mit den Akten des Bewußtseins zu durchdringen; es bleibt immer "irrational".

LITERATUR - Melchior Palágyi, Begründung des Vitalismus, Bericht über den III. Internationalen Kongress für Philosophie, hg. von Theodor Elsenhans, Heidelberg 1909