cr-2MoogMeinongWundtHeymansSchlickChristiansen     
 
MELCHIOR PALÁGYI
Der Streit der
Psychologisten und Formalisten

[1/3]

"Wer die geistige Tätigkeit des Menschen bloß als Schattenspiel der durch äußere Reize verursachten Empfindungen, Gefühle und Affekte betrachtet, der vermag der eigentümlichen Autonomie unserer Verstandestätigkeit nicht gerecht zu werden, und der wird deshalb geneigt sein, die Logik ganz in einer Lehre von jenem inneren Schattenspiel, d. h. ganz in die Psychologie aufgehen zu lassen."

"Daß eine Gleichung n-ten Grades  n  Wurzeln hat, ist auf dem Mars ebenso sehr Wahrheit wie auf der Erde und wie auf einem beliebig anderen Gestirn. Der Fundamentalsatz der Algebra war auch schon eine Wahrheit, noch ehe Gauß einen seiner Beweise für ihn erbrachte, ja noch ehe noch irgendein Mensch den Begriff einer Gleichung  n-ten  Grades faßte. Die Wahrheit ist unabhängig davon, ob sie in diesem oder jenem Bewußtsein auftaucht; sie ist unabhängig davon, ob sie von irgendwelchen Wesen erkannt oder nicht erkannt wird. So denkt ein jeder echte Mathematikus, und so ist er dann auch ein geborener Feind des  Relativismus  und  Psychologismus.  Was geht es die Wahrheit an, durch welche Art von psychischen Prozessen, auf welchen psychologischen Abwegen, Irrwegen und Umwegen sie erzeugt wurde?"

"Die psychologische Genesis eines Urteils, ob derselbe nun wahr oder falsch ist, hat nichts zu schaffen mit dem Abstraktionsverfahren, dessen Durchführung hier gefordert wird: nämlich mit der Ablösung eines Inhaltes vom Denkakt, durch welchen er gedacht werden soll."


Einleitung

Das überwiegende Interesse der Philosophen für experimentelle psychologische Forschungen scheint im Erkalten begriffen zu sein, und die leitenden Denker unserer Tage wenden sich stetig mit steigendem Eifer den Fragen der Logik und Erkenntnislehre zu. Es vollzieht sich allmählich ein Wandlung in den herrschenden Ansichten und Überzeugungen, die äußerlich dadurch charakterisiert werden kann, daß die Logik wieder zu einer führenden Disziplin im ganzen Bereich philosophischen Denkens werden soll. So erfreulich diese Strömung auch sein mag, so mehren sich doch auch schon die Anzeichen dafür, daß sie geneigt ist in ein gefährliches Übermaß zu geraten. War es das eifrigste Bestreben der jüngsten Vergangenheit, die Logik womöglich ganz in die Psychologie aufgehen zu lassen, so wird nunmehr auch die schroffe rückläufige Bewegung bemerkbar, die den Streitruf: Los von der Psychologie! auf ihre Fahne schreibt. An die Stelle der "psychologistischen" Gefahr scheint eine neue: die "formalistische" treten zu wollen; denn es braucht kaum gesagt zu werden, daß je mehr die Logik von einer Absonderungslust ergriffen wird, umso leichter artet sie auch in einen unfruchtbaren, dürren Formalismus aus.

Sowohl die psychologistische Strömung als auch die formalistische Gegenströmung in der neueren Logik werden erst verständlich, wenn man erkennt, daß sich das moderne philosophische Denken überhaupt in innigster Abhängigkeit von den Spezialwissenschaften (namentlich der Mathematik und den Naturwissenschaften) vollzieht. Während sich nämlich zur Zeit der materialistischen Sturmflut alles aus dem versinkenden Schifflein Philosophie in die sicheren Zufluchtsstätten der Fachwissenschaften hinüberrettete: tritt in unseren Tagen eine entgegengesetzte, dem Ansehen der Philosophie günstige Bewegung hervor, derzufolge Männer aus den verschiedensten Fachwissenschaften herkommend zur Philosophie durchzudringen bestrebt sind. Das ist eine gewichtige Tatsache, die der Geschichtsschreiber der Philosophie gewiß nicht außer acht lassen wird. Der philosophische Geist soll von allen Spezialwissenschaften befruchtet werden, um seinerseits wieder alle zu befruchten. Solchermaßen eröffent sich uns die Aussicht auf ein neues Aufblühen der Philosophie, wie dies bislang noch überhaupt nicht bekannt war. Vorläufig fühlen wir freilich mehr die Zerfahrenheit, die aus der neuen Evolution entspringt. Eine jede Fachwissenschaft sucht nämlich ihr spezifisches Gepräge der Philosophie selbst aufzudrücken, sodaß zuweilen der Eindruck entsteht, als ob alle Wissenschaften in der Philosophie ihre Heimat finden könnten, diese selbst aber ein Fremdling wäre im eigenen Haus.

Wenn ich mich nicht irre, so sind auch die psychologistischen und formalistischen Flutungen in der neueren Logik aus partikularistischen fachwissenschaftlichen Einflüssen zu erklären. Der Psychologismus nämlich ist die Folgeerscheinung einer Vorherrschaft der Physiologie in der philosophischen Betrachtungsweise, wohingegen die formalistische Tendenz in der Logik durch die sich erstaunlich entfaltende moderne Mathematik ermuntert und genährt wird.

Der Physiologe nämlich, der den Blick von den rein organischen Lebensfunktionen zu den Akten des geistigen Lebens erhebt, wird geneigt sein alle psychischen Erscheinungen bloß als Schattenspiel zu betrachten, welches die physiologischen Vorgänge in paralleler Weise begleitet (Psychophysiologischer Parallelismus). Wer aber die geistige Tätigkeit des Menschen bloß als Schattenspiel der durch äußere Reize verursachten Empfindungen, Gefühle und Affekte betrachtet, der vermag der eigentümlichen Autonomie unserer Verstandestätigkeit nicht gerecht zu werden, und der wird deshalb geneigt sein, die Logik ganz in einer Lehre von jenem inneren Schattenspiel, d. h. ganz in die Psychologie aufgehen zu lassen. Daraus aber ist zu ersehen, daß der Psychologismus nichts anderes ist als ein neugeprägter Name für den modernen Sensualismus: so wie er der Neigung einseitig geschulter Physiologen entsprechen mag.

Faßt jemand alles geistige Leben bloß als ein Nebenprodukt organischer Lebensfunktionen auf, so wird ihm alles Denken abhängig bleiben von der Konstitution unseres Organismus, und er wird bemüßigt sein auch das, was wir Wahrheit nennen, ganz und gar vom leiblichen Bau eines Wesens abhängig zu machen. Nicht nur wird einer jeden Gattung von Wesen eine andere Wahrheit entsprechen, sondern auch ein jedes Einzelwesen dürfte dann eine von den anderen verschiedene aparte Logik für sich in Anspruch nehmen. Der Psychologismus führt also zu einer "relativistischen" Weltauffassung, ja zu einer völligen skeptischen Zersetzung des Wahrheitsbegriffs.

Wie anders stellt sich der Mathematiker der Logik gegenüber an! Die Wahrheit des Einmaleins kann doch nicht von der Konstitution irgendeines Wesens abhängig gemacht werden. Daß eine Gleichung  n-ten  Grades  n  Wurzeln hat, ist auf dem Mars ebenso sehr Wahrheit wie auf der Erde und wie auf einem beliebig anderen Gestirn. Der Fundamentalsatz der Algebra war auch schon eine Wahrheit, noch ehe GAUSS einen seiner Beweise für ihn erbrachte, ja ehe noch irgendein Mensch den Begriff einer Gleichung  n-ten  Grades faßte. Die Wahrheit ist unabhängig davon, ob sie in diesem oder jenem Bewußtsein auftaucht; sie ist unabhängig davon, ob sie von irgendwelchen Wesen erkannt oder nicht erkannt wird. So denkt ein jeder echte Mathematikus, und so ist er dann auch ein geborener Feind des "Relativismus" und "Psychologismus". Was geht es die Wahrheit an, durch welche Art von psychischen Prozessen, auf welchen psychologischen Abwegen, Irrwegen und Umwegen sie erzeugt wurde? Also muß die Logik, die doch eine Lehre von der Wahrheit sein soll, völlig unabhängig sein von jedweder Psychologie. Das Heil der Logik wäre dementsprechen in dem Schlagwort zu suchen: Los von der Psychologie! Das Ideal der Logik aber wäre eine Art von "calculus philosophicus" im Sinne von LEIBNIZ oder DESCARTES. Die Logik müßte sich zu einer Mathematik umwandeln, bzw. die Mathematik sich zu einer Logik erweitern, verallgemeinern.

Man sieht: die Mathematik ist nicht selbstloser wie die anderen Spezialwissenschaften; auch sie wünscht die Logik ganz und gar aufzusaugen. Diese soll womöglich völlig in die Mathematik aufgehen, und damit sie das bequem tun kann, soll sie sich völlig von der Psychologie lossagen. Daraus ist aber zu ersehen, wie überaus schwierig es sein muß, die eigentliche Aufgabe der Logik allen egoistischen und fanatischen Anforderungen der einzelnen Spezialdisziplinen gegenüber in ihrer Reinheit und Allgemeinheit aufrecht zu erhalten. Dies war übrigens von jeher die schwierige Stellung der Logik, wie der Philosophie überhaupt, den Sonderbestrebungen der Fachwissenschaften und nicht minder des praktischen Lebens gegenüber. Bald will der Glaubenseiferer und der Moralprediger sie in Beschlag nehmen; bald droht der Ansturm der fachwissenschaftlichen Sondertendenzen den philosophischen Geist zu desorganisieren. Und da wundert man sich noch, daß die Philosophie ein Kampfplatz ewigen Widerstreits ist. Als ob nicht die partikularistischen Bestrebungen der Fachwissenschaften und des praktischen Lebens es wären, die auf der philosophischen Wahlstatt einen ewigen Krieg miteinander führen. Und so kann es zuweilen im Verlauf dre historischen Entwicklung geschehen, daß die Philosophie, die das einigende Band zwischen allen Richtungen des Wahrheitsstrebens sein will, als die Quelle allen Streites betrachtet und wie eine unfruchtbare, überflüssige Wissenschaft behandelt wird; hinterher natürlich stellt es sich immer heraus, daß man ihrer nirgendes entraten kann, wenn man nicht den Zusammenhang zwischen dem einen Wissen und dem anderen Wissen, zwischen dem einen Wollen und dem anderen Wollen aufgeben will.

Da sich nun die Logik weder in Psychologie, noch auch in Mathematik auflösen läßt, wird es unsere Aufgabe sein, sowohl der psychologistischen, als auch der formalistischen Tendenz in der modernen Logik entschieden entgegenzutreten. Dem Psychologismus gegenüber muß betont werden, daß sich die Wahrheit nicht relativieren läßt, d. h. daß man nicht jedem Organismus eine eigens für ihn zugeschnittene Wahrheit zugestehen kann, da das gleichbedeutend wäre mit der Verzichtleistung auf den Wahrheitsbegriff und die Erkenntnis überhaupt; der formalistischen Tendenz gegenüber, die von der Mathematik suggeriert wird, muß hinwieder gezeigt werden, daß die Logik sich von ihrer innigen Wechselbeziehung mit der Psychologie nie und nimmer lossagen kann, weil sie mit ihrer Entwurzelung gleichbedeutend wäre. Die Logik muß überhaupt mit jeder Art von Spezialwissen (also auch der Psychologie) in innigster Wechselbeziehung bleiben, denn sie ist ja nichts anderes als der höchste Ausdruck all dieser Wechselbeziehungen.

Ich werde demnach in dieser Arbeit das Verhältnis der Logik zur Psychologie einer neuerlichen Prüfung unterwerfen, um zu zeigen, daß die Logik trotz ihrer unlösbaren Verbindung mit der Psychologie eine völlig selbständige Wissenschaft ist. Angesichts der Schwierigkeit dieser Aufgabe müßte ich mich glücklich schätzen, auch nur das Geringste zur Klärung des Verhältnisses der beiden Wissenschaften beitragen zu können; und so muß ich es mir versagen, auch gleich das Problem des Verhältnisses der Logik zur Mathematik in Angriff zu nehmen, denn ich müßte befürchten, weder dem einen noch auch dem anderen Problem irgendwie gerecht werden zu können. Jedenfalls scheint es mir aber notwendig zu sein, wenigstens anzudeuten, welchen Standpunkt ich in der Frage über das Verhältnis von Logik und Mathematik einnehme, wenn es mir auch unmöglich ist, denselben im Rahmen dieser Arbeit auch gleich begründen zu können.

Das Verhältnis der Logik zur Mathematik ist ein durchaus offenes Problem der Philosophie, denn nie ist es noch einem Denker gelungen, klar zu zeigen, durch welchen charakteristischen Unterschied das spezifisch mathematische vom spezifisch logischen Denken zu sondern ist. Philosophen, die zugleich Mathematiker waren wie DESCARTES und LEIBNIZ, ließen sih deshalb zu der utopistischen Idee hinreißen, daß es die Aufgabe der Logik ist, ein Zeichensystem zu ersinnen, welches so streng und exakt sein soll wie das Zeichensystem der Mathematik, jedoch zugleich geeignet wäre, nicht nur Größenverhältnisse, sondern überhaupt alle Begriffsverhältnisse zum Ausdruck zu bringen. Mittels dieses exakten und zugleich universellen Zeichensystems würde dann alles menschliche Denken, welchen Gegenständen es sich auch zuwenden mag, zu einem bloßen Rechnen werden. Alle Zeichen unserer Sprache wären dann Rechenzeichen; alle Logik, ja alle Wissenschaft überhaupt wäre Mathematik. DESCARTES, dem sich dieser Gedanke einer mathematischen Universalsprache bloß als gelegentliches Apercu (1) aufdrängte, fügt gleich hinzu, daß die Konstruktion dieser Sprache den Besitz einer vollkommenenen Philosophie voraussetzen würde, kurz er ist sich dessen bewußt, daß es sich hier um eine Utopie handelt. LEIBNIZ hingegen, der die wunderbare Tragweite der Symbole an der selbsterfundenen Differentialrechnung erprobte, hat zeitlebens nie aufgehört über ein allmächtiges Zeichensystem nachzusinnen.

Auch der moderne sogenannte logische Kalkül ist einem utopistischen Streben entsprungen. Ein jedes logisches Urteil läßt sich auch unter einem mathematischen Gesichtspunkt betrachten - wir sprechen ja von einer Quantität der Urteile in der Logik -, auch das mathematische Moment am Urteil läßt sich natürlich auch in mathematischer Weise behandeln; nie aber kann das mathematische Moment am Urteil mit dem eigentlich logischen Moment desselben verwechselt werden, und so entwischt dem logischen Kalkül eben das eigentlich logische Element des Urteilens. Niemand hat dies schöner auseinandergesetzt als LOTZE, und niemand hat feinsinniger die unrechtmäßigen Übergriffe der Mathematik in die Logik zurückgewiesen als er; trotzdem erscheint es mir, daß auch er das Verhältnis der beiden Wissenschaften nicht geklärt hat: wenigstens seine Meinung, daß die Mathematik ein Zweig der Logik wäre (2), läßt nicht erkennen, wie er sich das Verhältnis des Zweiges zum Stamm gedacht hat.

Ich glaube, daß sich das Wesen der Mathematik am besten in ihrem Verhältnis zur Physik und Chemie und überhaupt zur exakten Naturwissenschaft erfassen läßt. Während diese die ganze konkrete sinnliche Mannigfaltigkeit der Natur zum Gegenstand haben kann, ist die Mathematik nichts als eine abstrakte Mannigfaltigkeitslehre, welche die theoretische Grundlage jener konkreten Mannigfaltigkeitslehre oder Naturwissenschaft bildet. Ich gebrauche hier den Ausdruck Mannigfaltigkeitslehre ganz im Sinne von BERNHART RIEMANN, der diesen Terminuns in Umlauf gebracht hat. Schwerlich wird man die Mathematik je tiefer fassen können, denn als abstrakte Mannigfaltigkeitslehre alles sinnfälligen Erscheinens; und faßt man sie so, dann erkennt man auch, wie sehr sie ihrem ganzen Charakter nach der sinnlichen Erscheinungswelt zugewendet ist. Die Logik hingegen ist ihrem Wesen nach Geisteswissenschaft, näher die Lehre von der wahrheitsuchenden Erkenntnistätigkeit, wodurch sie eben die Grundlage auch der Naturwissenschaften und der Mathematik ist. (3) Nie wird es also geschehen können, daß sich die Logik irgendwie in Mathematik auflösen läßt. Allerdings besteht aber auch eine überaus innige Beziehung zwischen Logik und Mathematik, von der ich in meiner "Neuen Theorie des Raumes und der Zeit" Gebrauch gemacht habe. Mathematische Beziehungen lassen sich nämlich wie Gleichnisse und Metaphern benutzen, um logische Beziehungen sinnfällig zu machen. Ein weiteres Verfolgen dieses Gegenstandes ist jedoch hier nicht am Platz.

Ich knüpfe meine Betrachtungen über das Verhältnis von Logik und Psychologie an die "Logischen Untersuchungenn" von EDMUND HUSSERL an, weil mir dieselben voll des ungeklärten modernen Widerstreites zwischen Psychologismus und Formalismus zu sein scheinen. Der Verfasser wäre geneigt, die Logik womöglich in Mathematik untergehen zu lassen und sie deshalb von der Psychologie nach Kräften zu isolieren. In der Vorrede zum ersten Teil seines Werkes gesteht er es offenmütig ein, daß er ursprünglich selbst von der Überzeugung ausging, daß es die Psychologie sei, die als Fundament aller Logik betrachtet werden muß, daß er aber durch Betrachtungen über die mathematische Denktätigkeit von diesem Irrtum abgekommen sei. Wir haben also hier ein Beispiel, das symptomatisch ist für die logische Bewegung unserer Tage: wir sehen, wie ein Psychologist in einer Metamorphose begriffen ist, die zu einem gegensätzlichen formalistischen Standpunkt überleitet. Die Polemik gegen diesen Standpunkt wird zeigen, daß wir als den eigentlichen Urheber des modernen Formalismus in der Logik BERNARD BOLZANO (1781 - 1848) zu betrachten haben. Nur wenige dürften den Namen dieses Philosophen und tiefsinnigen Mathematikers kennen, obwohl er in engsten Gelehrtenkreisen nach Verdienst gewürdigt, ja auch verehrt wird. Man kann seine von WILHELM BRAUMÜLLER (Wien 1875) herausgegebene Selbstbiographe nicht lesen, ohne von dem tragischen Schicksal dieses Mannes - der verleumdet, verfolgt und seines Amtes, der Professur der Religionswissenschaft an der philosophischen Fakultät in Prag enthoben wurde - tief ergriffen zu sein. Er verbindet eine innige religiöse Empfindung mit einer seltenen Schärfe des Verstandes, und eine Weichheit des Gefühls mit einem ganz eigentümlichen theoretischen Starrsinn, wie er wohl nur Mathematikern eigen sein dürfte. Seine Bedeutung für die Geschichte der Philosophie scheint bislang wenig geklärt zu sein; man nennt ihn wohl einen Halbkantianer, doch ist er in gewisser Beziehung als Antipode KANTs zu betrachten. Da seine Denkweise es ist, die den modernen formalistischen Bestrebungen zugrunde liegt, werde ich dieselbe näher auseinandersetzen, aber auch entschieden bestreiten müssen. In der zweiten Hälte meiner Arbeit versuche ich dann - von aller Polemik absehend - die eigene Auffassung über das Verhältnis der Logik zur Psychologie zu begründen. Den Leser muß ich nur bitten, bei der Beurteilung dieser Auffassung nicht außer acht zu lassen, daß Untersuchungen über das Verhältnis von Wissenschaften immer nur einen programmatischen Charakter haben können.


I. Tatsachen und Wahrheiten

§ 1. "Die Wahrheit ist keine Tatsache."

Man kann gegen die psychologistische Auffassung der Logik nicht ankämpfen, ohne vor allem die Begriffsverwirrung innerhalb der Psychologie schlichten zu wollen, denn die unberechtigten Übergriffe der Psychologie in die Sphäre der Logik hängen in engster Weise mit dem Mißverstehen der eigentlichen Aufgabe der Psychologie zusammen. Der Verfasser der "Logischen Untersuchungen" vermeint aber im ersten streitbaren Teil seines Werkes (4) das Wesen und den Charakter der Psychologie mit der folgenden allgemeinen Bemerkung erledigen zu können: "Wie immer diese Disziplin nun definiert werden mag - ob als Wissenschaft von den psychischen Phänomenen, oder als Wissenschaft von den Tatsachen des Bewußtseins, von den Tatsachen der inneren Erfahrung, von den Erlebnissen in ihrer Abhängigkeit von erlebenden Individuen oder wie auch immer -, darin besteht allseitige Einigkeit, daß die Psychologie eine Tatsachenwissenschaft ist und somit eine Wissenschaft aus Erfahrung." (Log. Unt. I, Seite 60 und 61) Der Verfasser läßt also die ganze Begriffsverwirrung innerhalb der Psychologie auf sich beruhen, und hofft trotzdem das Verhältnis der Logik zur Psychologie klären zu können. Nun ist es aber auf den ersten Blick sichtbar, daß nicht nur die Psychologie, sondern auch die Physiologie, Chemie, Physik etc. Tatsachenwissenschaften und somit Wissenschaften aus Erfahrung sind. Wie soll es da noch möglich sein eine Grenze zu ziehen zwischen Logik und Psychologie, wenn diese letztere in eine Gruppe vereinigt wird mit allen organischen und anorganischen Naturwissenschaften? Das Logische sollte dem spezifisch Psychischen entgegengestellt werden, und der Verfasser setzt es allem Tatsächlichen entgegen, ob nun auch dieses Tatsächliche psychischer, physiologischer, chemischer, physikalischer etc. Natur sein möge. Dann handelt es sich aber gar nicht mehr um eine Grenze zwischen Logik und Psychologie, sondern um eine Grenze zwischen Logik und Physik überhaupt, diesen letzteren Ausdruck in seinem weitesten Sinne genommen. Was kann da noch aus dem Gefecht gegen die Psychologisten werden? Aller Wahrscheinlichkeit nach bloß ein Scheingefecht, ein scholastischer Wortstreit, der auf das eigentümliche Verhältnis der Logik zur Psychologie schwerlich ein wahres Licht zu werfen vermag.

Da nun die Logik der Physik im weitesten Sinne entgegengestellt werden soll, können wir keinen Augenblick im Zweifel über den Standpunkt des Verfassers bleiben. Die Physik nämlich hat es mit Tatsachen zu tun, die Logik mit der Wahrheit. Also wird sich der Gegensatz zwischen Physik und Logik in den Satz zuspitzen müssen,  daß die Wahrheit keine Tatsache ist.  Alle Argumente, die der Verfasser gegen die Psychologisten vorzubringen vermag, laufen schließlich auf diesen Satz hinaus. Was ist nun der eigentliche Sinn desselben.

Wenn ich z. B. sage, daß  2 x 2 = 4  ist, habe ich eine Wahrheit ausgesprochen. Dieses mein Aussagen, dieses mein Urteilen selbst ist eine Tatsache, ein Geschehnis im Reich der Geschehnisse; was ich aber mit dieser Aussage meine, nämlich die Wahrheit selbst, die den Inhalt meiner Aussage bildet, ist keine Tatsache, kein Geschehnis, kein zeitlicher Vorgang. Die Akte meines Urteilens und meines Denkens überhaupt, sie kommen und gehen, tauchen auf und tauchen unter, haben einen Anfang und ein Ende in der Zeit. Als solche Erlebnisse in der Zeit sind sie psychologische Tatsachen und unterliegen den Gesetzen aller Tatsachen, also den Gesetzen der Kausalität. Unsere Gedanken "kausieren" einander, sagt der Verfasser. Die Wahrheit aber, die wir denken: sie kommt nicht und geht nicht, sie taucht nicht auf und taucht nicht unter, sie entsteht nicht und vergeht nicht. Sie ist eben keine Tatsache, kein Glied in der Kette von Kausationen, kein Wirkendes und kein Bewirktes. So z. B. ist die Wahrheit  2 x 2 = 4,  unabhängig davon, ob ich sie denke oder nicht, ob sie überhaupt von jemandem gedacht wird oder nicht. Sie hat, wie alle Wahrheit, einen überzeitlichen Charakter. Sie ist eine "ideale Möglichkeit"; "sie ist eine Geltungseinheit im unzeitlichen Reich der Ideen".

Zwei Bemerkungen haben wir sofort auf diese Auffassung zu machen: die eine bezieht sich auf ihren Inhalt, die andere auf ihre Provenienz [Herkunft - wp].


§ 2. Die Verwechslung der Psychologie
mit der Physik

Der Umstandz, daß der Verfasser die Psychologie anderen Tatsachenwissenschaften gegenüber nicht abzugrenzen versuchte, rächt sich nunmehr an jeder seiner Aufstellungen. Er fordert nämlich von uns, daß wir bei einem Urteil streng unterscheiden sollen zwischen dem zeitlichen Akt des Urteilens und zwischen der etwaigen Wahrheit, die den Inhalt des Urteils bildet. Wenn ich aber im Urteil, daß  2 x 2 = 4  ist, davon absehe, was den Inhalt des Urteilens ausmacht, nämlich von der Wahrheit, die ich eben mit demselben meine, was in aller Welt bleibt mir noch als Rest zurück, als ein rein mechanisches Geschehen, wie es etwa in einer Rechenmaschine vor sich geht, wenn sie die Multiplikation  2 x 2 = 4  produziert, oder auch derartiges, was sich in einem Phonographen ereignen mag, wenn er obigen Satz des Einmaleins nachspricht. Wenn ich von einem Akt meines Urteilens seinen Inhalt abgelöst denke, so muß er hierdurch doch entgeistert worden sein, und es kann von ihm kaum etwas anderes zurückbleiben, als ein mechanischer Vorgang, der nicht in den Bereich der Psychologie, sondern in den der Physik fällt. Während also der Verfasser meint, aß er nach Abzug des Urteilsinhaltes als Rest einen psychischen Akt zurückbehalten könnte, ist ihm ein bloß mechanisches Geschehen unter dem Seziermesser seiner Abstraktion zurückgeblieben. Er glaubt das Logische vom Psychischen zu trennen, wo er doch nur das Psychische überhaupt vom Mechanischen geschieden hat. Aber konnte dies anders kommen? Gewiß nicht. Der Verfasser hatte es ja für die Zwecke seiner Polemik als genügend erachtet, das Psychische mit dem Physischen unter dem Titel des Tatsächlichen zusammenzufassen. Beseelte Akte wurden mit physischen Erscheinungen in einer Klasse vereinigt! Hätte nicht vor allem die Beseeltheit von der Nichtbeseeltheit geschieden werden müssen, um dann erst in Bezug auf die Beseelung nachweisen zu können, daß man sie aus zweierlei Gesichtspunkten und zwar aus einem psychologischen und aus einem logischen betrachten kann, indem man etwa eine konkrete Beseeltheit von einer abstrakten Beseeltheit, die Sinnlichkeit vom Verstand unterscheidet.

Durch die Vereinigung des Physischen und des Psychischen in eine Klasse entsteht eine derartige Begriffsverwirrung, welche durch die Scholastiker mit dem Kunstausdruck der "Äquivokation" bezeichnet zu werden pflegt. Im vorliegenden Fall wird das "Tatsächliche" ein gemeinsamer Ausdruck, eine Äquivokation sowohl für den beseelten, wie auch für den unbeseelten Akt, wodurch es unmöglich gemacht wird, das Psychologische als spezifisch Psychologisches und mithin das Logische als rein Logisches zu erfassen.

Eigentümlicherweise beklagt sich gerade der Verfasser unablässig über die Äquivokationen anderer Denker. Äquivokation ist sein Lieblingswort; er gebraucht es nicht hunderte -, sondern tausendmal. Er wird nicht müde, uns davor zu warnen, daß wir ja nicht den Akt des Urteils verwechseln mögen mit dem Inhalt desselben. "Man vermenge nicht das Urteil als Urteilsinhalt, d. h. als die ideale Einheit mit dem einzelnen realen Urteilsakt." (Log. Unt. I, Seite 119) Und während er solche Warnungen fortwährend wiederholt, um zu verhüten, daß wir das Logische mit dem Psychischen äquivozieren, verfällt er innerhalb dieser Warnungen selbst einer unaufhörlichen Äquivokation des Physischen mit dem Psychischen. Je mehr er nun selbst in einer Verwechslung elementarer Unterschiede befangen blebt, desto mehr ereifert er sich gegen die "elenden Äquivokationen", die "allen logischen Termini" anhaften (Log. Unt. I, Seite 148). Ja er spricht von einem "Tiefstand der rein logischen Einsichten" in unserer Zeit, da doch selbst Forscher, wie SIGWART, WUNDT, LIPPS, ERDMANN etc. in Äquivokationen des Logischen und Psychischen befangen bleiben (Log. Unt. I, Seite 69). Diesem allgemeinen Tiefstand der neueren Logik setzt der Verfasser die "reformatorischen Ziele" seiner eigenen Untersuchungen entgegen (Log. Unt. I, Seite 125.

Um diese reformatorischen Ziele näher zu beleuchten, gehe ich zur zweiten, oben angekündigten Bemerkung über, die sich auf die Provenienz der Auffassung des Autorst der "Logischen Untersuchungen" bezieht.

Jene subtile Scheidung des Inhalts eines Urteils von der Denkhandlung des Urteilens - als leitenden Gesichtspunkt für den ganzen Aufbau einer reinen Logik - verdankt die neuere Philosophie dem so wenig gekannten und gewürdigten BERNARD BOLZANO, dessen Wissenschaftslehre geeignet ist, einen tiefgehenden Einfluß auf die moderne Bewegung in der Logik zu üben. HUSSERL gedenkt zwar BOLZANOs in einem "Anhang" zu seinen kritischen Betrachtungen über den Psychologismus und nennt ihn dort einen der größten Logiker aller Zeiten, unterläßt es jedoch, innerhalb seiner Ausführungen sich irgendwie mit dem Meister auseinanderzusetzen. Ich hoffe also den ganzen aktuellen Streit wider den Psychologismus in ein helleres Licht setzen zu können, indem ich auf den Denker zurückgehe, der die Waffen zu diesem Streit geschmiedet hat. BOLZANO ist übrigens ein so origineller und tiefsinniger Logiker, daß es sich auch abgesehen von jenem Streit der Mühe lohnt, seine leitenden Ideen, die er in dem grundlegenden Abschnitt (der sogenannten "Fundamentallehre") seiner Logik entwickelt, des Näheren kennenzulernen.


II. Bolzanos Wahrheitslehre

§ 3. Sätze und Wahrheiten ansich

BOLZANO stellt an die Spitze seiner Logik eine Reihe von Betrachtungen, die sonst in keinem herkömmlichen System der Logik zu finden sind, und in denen er den strengen Beweis zu führen sucht, daß es einesteils "Wahrheiten ansich" gibt, anderenteils daß wir Menschen auch die Fähigkeit haben, jene "Wahrheiten ansich" zu erkennen. Zu diesem Zweck stellt er sich einen "vollendeten Zweifler" vor, der nicht nur an der Existenz einer Körperwelt zweifelt, sondern auch das nicht gelten läßt, daß er zweifelt, dem also der Zweifel selbst nur ein Schein ist, und dem dieser Schein wiederum nur zu scheinen scheint etc.; kurz er stellt sich einen Skeptiker vor, der den Zweifel auf die menschenmöglich äußerste Spitze treibt, und er setzt sich zur Aufgabe einen solchen Zweifler, wenn auch nicht zu zwingen, so doch logisch zu überführen, daß er zunächst die Geltung eines Satzes, und gleich mit dem nächsten Schritt auch die Geltung unbestimmt vieler Sätze anerkennt.

Den Einwurf, daß schon die bloße philosophische Unterhaltung mit jenem Skeptiker die Existenz der sich unterhaltenden Person voraussetzt, weist BOLZANO mit der Bemerkung zurück, daß es ein anderes ist, nach einer gewissen Voraussetzung beim Vortrag eines Beweises zu  handeln,  und wieder ein anderes, diese Voraussetzung als Prämisse in dem vorzutragenden Beweis zu gebrauchen. Dieses letztere würde allerdings eine petitio principii [es wird vorausgesetzt, was erst zu beweisen ist - wp] involvieren, das erstere jedoch keineswegs. Kurz man dürfe ohne Zaudern praktisch so handeln, als ob die Existenz der sich unterredenden Parteien schon ausgemacht wäre, nur dürfe man in den zu liefernden Beweis nicht diese Existenz als Prämisse einführen.

Man sieht, BOLZANO scheidet schon hier alles wirkliche Geschehen während des Beweisens vom Inhalt dieses Beweisens selbst: er trennt prinzipiell alle tatsächliche Denktätigkeit und alle tatsächlichen Umstände dieser Denktätigkeit von all dem, was den Inhalt der Denkhandlungen ausmacht. Dieser prinzipiellen Scheidung liegt die Absicht zugrunde, den  Sinn  des Gedachten oder Gesprochenen unabhängig zu machen von allem Denken und Sprechen. So schafft sich BOLZANO zunächst den ihm eigentümlichen Begriff eines "Satzes ansich", dann auch den Begriff einer "Wahrheit ansich", um mit Hilfe derselben zur Heilung der Zweifelsucht des oben erwähnten vollendeten Skeptikers schreiten zu können. Nebenbei sei bemerkt, daß wenn HUSSERL uns ermahnt, das Urteil als "Urteilsinhalt" oder als "ideale Einheit" nicht zu vermengen mit dem realen Urteilsakt, er sich dabei auf den BOLZANO'schen Fundamentalbegriff eines "Satzes ansich" stützt, ohne jedoch dieser Begriffsbildung seines Meisters zu gedenken.

Was nun diese Begriffsbildung betrifft, so ist sie von einem ausgesprochenen oder auch nur bloß gedachten Satz wohl zu unterscheiden. Man muß bei einem "Satz ansich" absehen vom Dasein eines Wesens, welches ihn setzt, d. h. ihn ausspricht oder denkt. Dem entsprechend gibt BOLZANO die folgende Erklärung seiner grundlegenden Begriffsbildung: "Unter einem  Satz ansich  verstehe ich nur irgendeine Aussage, daß etwas ist oder nicht ist; egal ob diese Aussage wahr oder falsch ist; ob sie von irgendjemanden in Worte gefaßt oder nicht gefaßt, ja auch nur im Geist gedacht oder nicht gedacht ist" (WL § 19, Seite 77). Er fügt ausdrücklich hinzu, daß man bei diesem Begriff von allen solchen Nebengedanken, wie das Gesetzwerden, das Gesprochen- oder Gedachtwerden durch irgendein Wesen absehen muß. "Aus diesem Grund - setzt er weiter fort - darf man auch  Sätzen ansich  kein Dasein (keine Existenz oder Wirklichkeit) beilegen. Nur der gedachte oder behauptete Satz, d. h. nur der Gedanke an einen Satz, desgleichen das einen gewissen Satz enthaltende  Urteil  hat Dasein im Gemüt (Geist) des Wesens, das den Gedanken denkt, oder das ein Urteil fällt; allein der Satz ansich, der den Inhalt des Gedankens oder Urteils ausmacht, ist nichts Existierendes" ... (WL I, Seite 78)

BOLZANO verwahrt sich durch diese Erklärung gegen das naheliegende fundamentale Mißverständnis, als ob er die "Sätze ansich" metaphysisch zu hypostasieren [einem Gedanken gegenständliche Realität unterschieben - wp] beabsichtigte. das "ansich" ist also hier durchaus nicht in dem Sinne zu nehmen, wie im kantischen Terminus der "Dinge-ansich". Die Bezeichnung "Satz ansich" ist eben deshalb kaum eine glückliche zu nennen, denn sie verleitet stets zu einer metaphysischen Hypostase. BOLZANO ergreift darum des öfteren die Gelegenheit, die Nichtexistenz der "Sätze ansich" zu betonen, ja er macht diese Nichtexistenz zum Gegenstand eines aparten Lehrsatzes seiner Logik.

BOLZANO ist redlich bemüht, bei älteren Logikern Ansätze zu ähnlichen Begriffsbildungen nachzuweisen. So findet sich bei LEIBNIZ in seinem "Dial. de connexione inter verba et res", daß nicht alle Sätze als gedachte Sätze angenommen werden müßte, und er gebraucht dem entsprechend die Ausdrücke  propositio  und  cogitatio possibilis,  welche darauf hinweisen, daß er sich unter Sätzen Sätze-ansich vorgestellt hat.

Der Begriff eines "Satzes ansich" gewinnt gleich ein größeres Interesse, wenn man zu wahren Sätzen ansich oder "Wahrheiten ansich" fortschreitet. Zwar kann man den Sinn auch falscher Sätze, wie z. B.  2 x 2 = 5  vom Akt der Behauptung ablösen, und demzufolge streng in BOLZANOs Sinn auch von falschen Sätzen-ansich oder "Unwahrheiten ansich" sprechen, doch wendet sich sein Augenmerk vornehmlich den "Wahrheiten ansich" zu, weil es sich ihm ja vornehmlich darum handelt, den Skeptiker zur Anerkennung derselben zu bewegen.

Was den Sinn des Wortes "wahr" betrifft, erklärt ihn BOLZANO, daß er eine gewisse Beschaffenheit bezeichnet, die Sätzen zukommt, wenn sie etwas so, wie es ist, aussagen. Daraus folgt nun gleich die Definition einer "Wahrheit ansich" als eines Satzes, der etwas, so wie es ist, aussagt, unabhängig davon, ob jener Satz von irgendjemanden ausgesprochen oder nicht ausgesprochen, gedacht oder nicht gedacht wird. So ist der Inhalt des Satzes, daß  2 x 2 = 4  denken, erhalten wir nicht immer wieder eine neue Wahrheit, sondern es ist ein und dieselbe Wahrheit, die in unserem Geist von neuem erscheint. Diese selbige Wahrheit, die sich in einem Geist des öfteren anmelden oder zu beliebigen Zeiten in beliebig vielen Geistern gegenwärtig sein könnte, nennt BOLZANO "Wahrheiten ansich". So bleibt z. B. der TAYLOR'sche Lehrsatz in der Funktionenlehre dasselbe Theorem, wie viele Mathematiker auch denselben wiederholen mögen. Wir sprechen übrigens auch im gewöhnlichen Leben von einer Wahrheit in dem Sinne, daß wir sie nicht vervielfacht denken, wenn ihrer mehrmals oder von mehreren Personen Erwähnung geschieht. Indem BOLZANO unsere Aufmerksamkeit eben auf das lenken will, was in der beliebig vielfachen Behauptung einer Wahrheit ein und dasselbe bleibt, findet er sich dazu veranlaßt, diesen identischen Wahrheitsgehalt vom Gedachtwerden abzulösen und so den Begriff der Wahrheit ansich in die Philosophie einzuführen. Natürlich beeilt er sich auch hier, ausdrücklich zu erklären, daß den "Wahrheiten ansich" keinerlei Existenz (Realität, Wirklichkeit) zukommt, damit es niemandem einfällt, die vom Gedachtwerden abgelöste Wahrheit als für sich seiend zu betrachten. Nicht minder bemüht er sich historisch nachzuweisen, daß der Begrif der "Wahrheit ansich" schon von manchem älteren Denker - wenn auch nur vorübergehend - ins Auge gefaßt wurde. So finden sich unter anderen beim Scholastiker HOLLMANN die Veritates "nemine cogitante", und ULRICH erklärt ausdrücklich: "Objective verum est, quod revera ita se habet, nec me, nec alio cogitante; nec visi mei aut alius ratione habita." [Objektiv wahr ist, was in der Tat der Fall ist usw. - wp] Auch LEIBNIZ denkt mit seinen "cogitationes possibiles" an die "Wahrheiten ansich", und um nun zum Schluß auch HUSSERLs zu gedenken, so übersetzt er den BOLZANOschen Ausdruck mit "idealen Möglichkeiten" und nennt die Gesamtheit der "Wahrheiten ansich" das "unzeitliche Reich der Ideen". Leider bildet sich HUSSERL seine eigenen Kunstausdrücke, ohne auf die entsprechenden bei BOLZANO hinzuweisen, was doch schon im Interesse des historischen Zusammenhangs im höchsten Maße erwünscht wäre. Wenn z. B. HUSSERL immer wieder darauf zurückkommt, daß die Wahrheiten keine Tatsachen sind: so meint er damit dasselbe, was BOLZANO in dem Satz ausdrückt daß die Wahrheiten ansich keine Existenz haben.

Nachdem wir nunmehr die grundlegenden Begriffsbildungen der Logik BOLZANOs beiläufig erklärt haben, muß es unsere nächste Aufgabe sein, dieselben einer genauen Prüfung zu unterwerfen, um über ihre Verwendbarkeit oder Unverwendbarkeit in der Logik ein bestimmtes Urteil zu gewinnen. Dem philosophischen Leser dürften schon bisher mancherlei Bedenken gegen dieselben aufgestiegen sein, und ich will es im Folgenden versuchen, allen diesen Bedenken nach Kräften Ausdruck zu verleihen.


§ 4. Über einen inneren Widerstreit
in Bolzanos Philosophie

Nichts scheint auf den ersten Blick hin unverfänglicher zu sein, als den Sinn irgendeines Satzes oder einer Wahrheit zu unterscheiden vom Denkakt, durch welchen er sich im Geist irgendeines denkenden Wesens anmeldet; denn wir sprechen ja alle im gewöhnlichen Leben von einer identischen Wahrheit, als ob sie auch beliebig oft oder von beliebig vielen Personen, ja auch nochvon gar keinem Menschen erfaßt worden wäre. So erwarten wir z. B. von den Mathematikern und Naturforschern die Entdeckung neuer Wahrheiten, wie nicht minder von den Philosophen neue - noch von niemandem eröffnete - Einsichten in den einheitlichen Zusammenhang aller Wahrheit. Diese noch von keinem Menschenkind erschauten Wahrheiten repräsentieren uns am besten dasjenige, was BOLZANO mit den "Wahrheiten ansich" meinen mag; und wer von uns möchte es in Zweifel ziehen wollen, daß die Menschheit noch in den Besitz mancher wahrer Einsichten gelangen wird, die sich ihr bislang nicht offenbart haben, die also für sie gegenwärtig noch notgedrungen den Charakter von sogenannten "Wahrheiten ansich" zu haben scheinen.

Wie dem auch sei, so viel steht fest, daß BOLZANO selbst ein gewisses Bedenken gegen seine eigene Begriffskonstruktion nicht zu unterdrücken vermag, ein Bedenken, das er allerdings leicht überwingen zu können glaubt, das wir aber trotz seines theologischen Charakters nicht übersehen dürfen, weil es blitzartig hineinleuchtet in die Tiefen des Problems, um das es sich hier handelt.

Für einen tiefreligiösen Denker, wie BOLZANO es war, folgte aus der Allwissenheit Gottes, daß jede Wahrheit, wenn auch von keinem anderen Wesen erfaßt, vom Allwissenden doch erkannt sein muß. BOLZANO muß es sich also offen eingestehen, daß es eigentlich keine einzige von niemandem erkannte Wahrheit geben kann. Trotzdem meint er aber, auch als Theologe seinen Begriff der "Wahrheit ansich" aufrecht erhalten zu können. Er behauptet, daß die Wahrheiten ganz gut "Wahrheiten ansich", also von niemandem erkannte Wahrheit sein, und doch auch zugleich dem göttlichen Geist von aller Ewigkeit her gegenwärtig sein könnten. Um dies zu beweisen, erinnert er daran, daß z. B. der Gedanke einer Linie, welche die kürzeste zwischen ihren Endpunkten ist, verschieden sei vom Gedanken einer Linie, deren jedes Stück dem andern ähnlich ist, und doch beide Begriffe auf dieselbe Linie, nämlich die Gerade Bezug haben. Aus diesem Beispiel könne man ersehen, daß zwei Begriffe, trotzdem sie Wechselbegriffe sind, doch durchaus verschiedenen Sinn haben können. Ähnlich, meint er, verhält es sich mit den Begriffen der "Wahrheiten ansich" und der von Gott erkannten Wahrheiten, die so verschiedene Begriffe sie auch sein mögen, doch zugleich Wechselbegriffe sind.

Es gibt vielleicht Denker, die den Scharfsinn dieses Beweises bewundern werden; mir jedoch scheint er ein Muster von scholastischer Spitzfindigkeit zu sein, und einen inneren Widerspruch des BOLZANO'schen Denkens ans Licht zu fördern. Von niemandem gedachte Wahrheiten und von Gott gedachte Wahrheiten sind zwei einander ausschließende, gegensätzliche Begriffe, die demzufolge keine Wechselbegriffe sein können. Das sieht jedermann, und da helfen keine geometrischen Gleichnisse. Jedenfalls ist eine der beiden Begriffsfassungen durchaus überflüssig. BOLZANO hätte sich dazu entscheiden müssen, nur eine der beiden gegensätzlichen Begriffsauffassungen festzuhalten, und die andere offen zu verwerfen. Als Theologe hätte er sich wohl an den Begriff der von Gott gedachten Wahrheiten halten sollen, und dann hätte er nicht sagen dürfen, daß diesen Wahrheiten keine irgendwie geartete Existenz zukäme. BOLZANO bewahrt aber tiefes Schweigen darüber, was er von den durch Gott gedachten Wahrheiten hält, denn es liegt im Begriff eines göttlichen Denkens, daß die Gedanken Gottes nicht kommen und gehen, nicht auf- und niedertauchen, wie die des Menschen, d. h. nicht zeitlich verlaufende, sondern ewige Gedankens sind, denen als solchen eine metaphysische Realität zukommt. Den von Gott gedachten Wahrheiten hätte also eine übersinnliche Realität zuerkannt werden müssen, während es BOLZANO darauf abgesehen hatte, die "Wahrheiten ansich" als nicht seiende, weil von niemandem gedachte Gedanken zu fassen. Wäre er ein Atheist gewesen (was er doch gewiß nicht war), so hätte er sich an diese letztere Begriffsformulierung halten können, denn Wahrheiten, die von niemandem gedacht und demzufolge keine metaphysischen Hypostasen zu sein brauchen, sondern aller Realität ermangeln, scheinen von vornherein so konzipiert zu sein, daß sie einen Gottesbegriff entbehrlich machen wollen. Da man doch nicht mit guten Mitteln zugleich Theologe und Atheist sein kann, so hätte eine er beiden Begriffsfassungen aufgegeben werden müssen. Wir wollen jedoch aus diesem Umstand gar keine Folgerungen betreffs der Haltbarkeit der BOLZANO'schen Fundamentalbegriffe ziehen, sondern gehen zu einer Kritik derselben über, unabhängig von irgendeiner theologischen oder metaphysischen Denkweise.


§ 5. Die ewigen Unwahrheiten

In der Definition eines "Satzes ansich" spricht BOLZANO nicht nur von wahren, sondern auch von "falschen Sätzen ansich". Er tut dies von seinem Standpunkt aus mit vollem Recht, denn dürfen wir bei wahren Sätzen absehen von der Person und dem Denkakt, durch welche sie behauptet werden, so müssen wir dieses Abstraktionsverfahren, um es zu einem allgemeinen zu machen, auch auf die falschen Sätze ausdehnen, wie etwa  2 x 2 = 5.  Kurz ein unwahrer Inhalt läßt sich ebenso wie ein wahrer Inhalt von einem Denkakt abgelöst denken; und ist eine solche Abstraktion unverfänglich im einen Fall, so muß sie wohl auch im anderen Fall als zulässig betrachtet werden.

Trotzdem wollen wir uns vor jenen Bedenken nicht verschließen, welche daraus entspringen, daß auch bei irrtümlichen oder falschen Urteilen abgesehen wird von der Person und den Umständen, durch welche und unter welchen jenes falsche Urteil gefällt wurde. So sehr wir nämlich geneigt sind, bei einer allgemeinen Wahrheit davon abzusehen, wann und durch wen sie gedacht oder nicht gedacht wurde: so wenig drängt es uns, bei irgendwelchen falschen Urteilen die Umstände außer acht zu lassen, unter welchen dieselben zustande kommen konnten. Es scheint uns, daß ein irrtümliches oder falsches Urteil gewissermaßen verwachsen ist mit der Person und den eigentümlichen Umständen, die zu ihrem Entstehen Anlaß gegeben haben, und es widerstrebt uns, aus diesem Grund ganz abzusehen von jenem Wesen oder jener Klasse von Wesen, die irgendeinem vorliegenden Irrtum verfallen sind oder verfallen können. Wenn z. B. ein Kind, das erst im Begriff ist das Einmaleins zu erlernen, uns sagt,  3 x 7  sei  23,  so fällt dieses sein falsches Urteil unter einem ganz anderen Gesichtspunkt, als wenn ein sonst vortrefflicher Rechner sich in einer Multiplikationsaufgabe denselben Fehler zuschulden kommen läßt. Hier scheint sich der alte Satz zu bewähren:  si duo faciunt idem, non est idem  [Wenn zwei dasselbe machen, ist es nicht dasselbe. - wp].

Die Vollständigkeit der Diskussion erfordert es, daß wir auch solche Einwände zu Wort kommen lassen, obwohl es augenfällig ist, daß es sich hier gar nicht um die "Entstehung" eines Irrtums oder falschen Urteils handelt; denn wie immer er auch entstanden sein mag: so muß doch, wenn er einmal behauptet wird, der Inhalt desselben vom Urteilsakt gesondert gedacht werden können. Kurz, die psychologische Genesis eines Urteils, ob derselbe nun wahr oder falsch ist, hat nichts zu schaffen mit dem Abstraktionsverfahren, dessen Durchführung hier gefordert wird: nämlich mit der Ablösung eines Inhaltes vom Denkakt, durch welchen er gedacht werden soll.

Trotz dieser Entgegnung werden sich viele des Mißvergnügens nicht erwehren können, daß hier Wahrheiten und Unwahrheiten in einer gleichartigen, sozusagen mechanischen Weise behandelt werden, also ob die einen für uns genau dieselbe Bedeutsamkeit hätten, wie die anderen. Jenes ganze Abstraktionsverfahren, mittels dessen ein Inhalt von einem Denkakt abgetrennt werden soll, schien uns zu dem Zweck ersonnen zu sein, daß wir von objektiven, d. h. überzeitlich gültigen Wahrheiten sprechen können, und siehe da: eben dieses Abstraktionsverfahren läßt sich dazu gebrauchen, der Unwahrheit die gleichen Liebesdienste zu leisten wie der Wahrheit. Es soll von "Unwahrheiten ansich" in demselben Sinne gesprochen werden können, wie von "Wahrheiten ansich". Denn der Sinn des Satzes  2 x 2 = 5  kann von diesem Akt ebensowenig abgelöst werden, wie der Sinn des Satzes  2 x 2 = 4  von demselben; und der falsche Satz ansich bleibt für alle Zeiten ebenso ein identischer Satz, wie der wahre Satz ansich. Allerdings bleibt der eine für immer falsch, während dem anderen für immer der Wahrheitscharakter zukommt. Aber darin stimmen nach BOLZANO die wahren Sätze ansich mit den falschen Sätzen ansich völlig überein, daß die einen ebensowenig ein Dasein haben, wie die anderen. Es läßt sich nun einmal nicht leugnen, daß es etwas verdrießlich ist, Wahrheit und Unwahrheit sich eines völlig gleichen ewigen Nichtsseins erfreuen zu sehen.

Wir dürfen uns jedoch bei der Beurteilung von Begriffskonstruktionen nicht durch unklare Stimmungen leiten lassen. Es fragt sich, ob man bei beliebigen Sätzen von den Personen und den Akten, durch welche sie behauptet werden, absehen kann oder nicht. Das ist die Frage, die uns aufgegeben ist, und wir müssen, um sie in entschiedener Weise beantworten zu können, genau untersuchen, ob denn tatsächlich bei jedem Satz von seinem Gedachtwerden durch eine Person abgesehen werden kann, oder ob es nicht vielleicht auch Sätze gibt, wo dieses Absehen keine Anwendung finden kann. Denn ließen sich solche Sätze nachweisen, so müßte die ganze Art der BOLZANO'schen Begriffskonstruktion in einem höchst problematischen Licht erscheinen.

LITERATUR - Melchior Palágyi, Der Streit der Psychologisten und Formalisten in der modernen Logik, Leipzig 1903
    Anmerkungen
    1) Siehe den Brief DESCARTES' an Mersenne (Cousin'sche Ausgabe der "Oeuvres de Descartes", Bd. 6, Seite 61)
    2) HERMANN LOTZE, Drei Bücher der Logik, Buch I, Seite 34
    3) So kann z. B. die Frage, welche Stellung die Mathematik innerhalb des Ganzen unseres Wissens einzunehmen habe, weil sie eben eine geisteswissenschaftliche Frage ist, nie mit den Methoden der Mathematik gelöst werden.
    4) EDMUND HUSSERL, Logische Untersuchungen, Erster Teil, Prolegomena zur reinen Logik, Leipzig 1900