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LUDWIG SCHÜTZ
Der Hypnotismus
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    I. Allgemeines über den Hypnotismus
II. Die Erscheinungen des Hypnotismus
III. Natürlichkeit des Hypnotismus
IV. Verwerflichkeit des Hypnotismus

"Die Suggestion von Vorstellungen des Einschlafens geschieht gewöhnlich durch das gesprochene Wort, zuweilen auch durch das geschriebene Wort, sogar durch körperliche Bewegungen oder Handlungen, immer aber vermittels sinnlich wahrnehmbarer Dinge und ausschließlich durch solche."

"Früher galt vielfach die Meinung, daß derjenige, welcher nicht hypnotisiert werden wolle, auch nicht hypnotisiert werden könne; sie hat sich aber, wie es scheint, mehr und mehr als Irrtum herausgestellt."

"Äußerst leicht werden z. B. unbefangene und ungebildete Menschen, z. B. Dienstboten, Tagelöhner, Bauern oder Soldaten durch Suggestion hypnotisiert; bevor sie sich dessen versehen, schlafen sie ein, oftmals auch dann noch, wenn sie einen Augenblick vorher andere hypnotisierte Personen für Betrüger und den Arzt für einen Betrogenen gehalten haben."

I. Allgemeines über den Hypnotismus

1. Mit dem Namen Hypnotismus bezeichnet man nicht etwa nur eine einzige, sondern vielmehr einen ganzen Komplex von Erscheinungen des Menschenlebens, welche entweder in künstlich erregten schlafähnlichen Zuständen bestehen oder mit solchen zusammenhängen. Der Name Hypnotismus, welcher sich vom griechischen Wort  hypnos,  d. h. "Schlaf" oder besser noch von  hypnotikos,  d. h. "einschläfernd" ableitet, ist verhältnismäßig jung und verdankt seinen Ursprung dem englischen Chirurgen JACOB BRAID, welcher 1860 zu Manchester starb. Die den Namen Hypnotismus tragende Sache ist aber keineswegs eine moderne Erfindung, auch nicht eine Entdeckung der Neuzeit. Schon bis tief ins Mittelalter hinein waren diese merkwürdigen Erscheinungen bekannt, christlichen Philosophen so gut, als arabischen Ärzten. Und wenn man die Leistungen der Magie oder sonstiger Arten von Okkultismus, d. h. von Geheimkunst oder Geheimwissenschaft, mit denen einzelne Erscheinungen des Hypnotismus große Ähnlichkeit haben, ebenfalls für Hypnotismus ausgibt, so findet man die Kenntnis und Erregung desselben bei den ältesten Völkern, ja dann reicht er sozusagen fast bis an die Wiege des Menschengeschlechts hinauf. Neu am Hypnotismus ist eigentlich nur die Methode, ihn zu erregen und allenfalls noch der Versuch, ihn für therapeutische Zwecke zu verwenden. Derjenige, welcher die Erregungsmethode oder wenigstens eine der beiden Hauptmethoden, hypnotische Zustände zu erzeugen, entdeckte und wissenschaftlich ausbildete, war der vorhin genannte englische Chirurg BRAID und er kam auf seine Methode durch die Versuche, welche er anstellte, um den in seinen Tagen so sehr grassierenden Mesmerismus zu widerlegen. Anfänglich stand man nun den geheimnisvollen Experimenten, wie sie von BRAID und danach auch von seinen Schülern und Anhängern vorgeführt wurden, sehr zweifelhaft gegenüber, ja man war vielfach geneigt, den ganzen Hypnotismus für leeren Schwindel zu halten und glaubte zu diesem Verdienst umso mehr berechtigt zu sein, als bei privaten wie bei öffentlichen hypnotischen Vorstellungen wiederholte Betrügereien konstatiert werden konnten. Allmählich verstand man sich aber dazu, den Hypnotismus anhand der Wissenschaft zu prüfen und das Resultat der eingehend angestellten Prüfung war unter anderem dieses, daß die deutsche Naturforscherversammlung, welche im Jahr 1880 vom 18. - 24. September in Danzig tagte, den Hypnotismus als Tatsache förmlich anerkannte und ihn als ein wissenschaftliches Problem aufstellte. Seit dieser Zeit ist man anderwärts und auch in Deutschland nicht bloß in Kreisen der Ärzte und Professoren der Medizin, sondern auch, wie leicht begreiflich, auf der Seite der Psychologen und Theologen mehr und mehr damit beschäftigt, die einzelnen Momente, welche der Hypnotismus für eine wissenschaftliche Untersuchung darbietet, herauszuheben und festzustellen, sie zu beleuchten und zu erklären. Der Hypnotismus ist in der Tat zu einer wissenschaftlichen Zeit- und Streitfrage geworden und wird es, da die an ihm versuchten Lösungen zum größten Teil noch nicht zu einem befriedigenden Abschluß gelangt sind, auch noch lange Zeit hindurch bleiben.

2. Aber welches sind denn nun all die Erscheinungen, die man unter dem Namen Hypnotismus einbegreift? Man würde diese Frage nicht in ihrer ganzen Tragweite, nicht nach den Anforderungen strenger Wissenschaft beantworten, wenn man die hypnotischen Erscheinungen gewissermaßen von ihren Ursachen und Wirkungen ablöste und sich dann darauf beschränkte, die einzelnen Erscheinungen so vorzuführen und zu beschreiben, wie sie an sich auftreten. Wer irgendeine Erscheinung aus dem Natur- Und Menschenleben wissenschaftlich betrachten und darstellen, wer sie selbst verstehen und anderen verständlich machen will, der muß auch die Gründe und Ursachen aufdecken, aus denen die Erscheinung hervorgeht und ebenso auch auf die Folgen und Wirkungen hinweisen, welche die Erscheinung naturgemäß nach sich zieht; von ihr muß man rückwärts und vorwärts blicken, wenn man einen vollen Einblick in das Wesen der Erscheinung gewinnen will. Demgemäß wäre es nicht genug, die hypnotischen Erscheinungen als solche der Reihe nach darzulegen, es müssen auch die Ursachen und Wirkungen dieser Erscheinungen sorgsam aufgesucht und festgestellt werden. Nun präsentiert sich aber der Hypnotismus in so eigentümlichen und merkwürdigen, ja in so rätselhaften und geheimnisvollen Erscheinungen, daß man nicht umhin kann zu fragen, ob er denn noch etwas Natürliches oder vielleicht etwas Übernatürliches sei. Und auf der anderen Seite sind die Folgen, wleche aus den Erscheinungen des Hypnotismus entstehen, teils so nützlich und segensreich, scheinbar wenigstens, teils so schädlich und verderblich, daß man auf den ersten Bilck wirklich nicht recht weiß, ob man den Hypnotismus für etwas Erlaubtes oder für etwas Verwerfliches halten solle. Beides muß also ebenfalls genau untersucht und ins Klare gestellt werden.


II. Die Erscheinungen des Hypnotismus

3. Die Erscheinungen,  welche man unter dem gemeinsamen Namen Hypnotismus zusammenfaßt, zerfallen in  zwei  Hauptarten. Die  erste  Art wird von derjenigen Erscheinung gebildet, welche sich zu allen übrigen wie deren Grund und Unterlage verhält und das ist die sogenannte Hypnose oder der schlafähnliche Zustand, in den ein Mensch auf künstliche Weise versetzt wird; und zur  zweiten  Art gehören diejenigen Erscheinungen, welche bei einem hypnotisierten, d. h. in einen solchen Zustand versetzten Menschen hervorgerufen werden können. Naturgemäß werden diese beiden Hautarten des Hypnotismus in der eben befolgten Ordnung auch dargestellt.


A. Die Hypnose, ihr Wesen und ihre Ursachen.

4. Über das Wesen der Hypnose hat sich in den Kreisen der Fachmänner bis heute noch keine feststehende Meinung gebildet. Prof. CHARCOT, der Vorsteher der Salpetriere in Paris und seine Anhänger halten die Hypnose für eine künstlich hervorgerufene  Neurose  oder Nervenkrankheit bzw. für eine experimentell erzeugte Hysterie, genauer gesprochen für eine kortikale Großhirnneurose, welche in drei verschiedenen Phasen: Lethargie, Katalepsie und Somnambulismus verlaufe. Die Psychiater EUGEN KONRAD in Hermannstadt, THEODOR MEYNET in Wien, CONRAD RIEGER in Würzburg u. a. geben sie für eine künstlich hervorgerufene und vorübergehende  Psychose  oder Geistesstörung aus und zwar entweder für eine Art von Verrücktheit oder von Blödzinn oder von progressiver Paralyse der Irren oder von  melancholia attonita  usw. Den meisten Hypnotisten ist die Hypnose aber eine Art von Schlaf, dem sie, äußerlich betrachtet, in ihren einzelnen Graden oder Stufen in der Tat dermaßen ähnlich ist, daß sie von ihm her ja ihren Namen erhalten hat. Ja, verschiedene Vertreter der Nancyer Schule, an ihrer Spitze Professor BERNHEIM und Dr. LIÉBEAULT in Nancy, sowie Prof. FOREL in Zürich sind sogar der Meinung, daß man die Hypnose als eine Art gewöhnlichen Schlafes aufzufassen habe und verlegen dann den Hauptunterschied zwischen beiden in den Umstand, daß derjenige, welcher den gewöhnlichen Schlaf schläft, mit seinen Träumen und Handlungen nur zu sich selbst in Beziehung steht, während der Hypnotisierte zu seinem Hypnotiseur in Relation oder Rapport tritt und von dessen Willen abhängig ist. Nun bestehen freilich zwischen der Hypnose und dem gewöhnlichen Schlaf auch noch andere, wichtige Unterschiede, wie manche ausdrücklich hervorheben, allein selbst diese können nicht umhin, die große Ähnlichkeit beider zuzugeben und daraufhin die Hypnose als einen  künstlichen Schlaf  zu bezeichnen.

5. Enstprechend der Meinungsverschiedenheit in bezug auf das Wesen der Hypnose ist man auch geteilter Ansicht über die Mittel und Ursachen, sie zu erzeugen bzw. sie wiederaufzuheben, wenigstens streitet man noch darüber, welches Mittel unter allen das sicherste und das beste sei. Früher glaubte man, einzelne Personen besäßen, sei es in ihren Nerven, sei es in einem anderen Organ des Körpers, eine besondere Kraft in Form eines  magnetischen  oder  elektrische Fluidums,  das sie ähnlich, wie der Zitteraal seine Elektrizität, durch bestimmte Operationen oder Manipulationen auf andere übergehen lassen könnten und diese würden dann, sobald das Fluidum auf sie übergegangen und in sie eingedrungen sei, durch dasselbe in Hypnose versetzt. Allein heutzutage weiß man mit Bestimmtheit, daß ein Hypnotiseur weder über ein solches Fluidum, - ein solches gibt es ja auch sonstwo nicht - noch über ein ähnliches geheimnisvolles Agens verfügt, daß er eines derartigen auch gar nicht bedarf, um jemanden zu hypnotisieren. Darum kann nun doch nicht jeder ohne weiteres schon den Hypnotiseur spielen. Das Hypnotisieren ist eine Kunst und die muß wie jede andere erst durch Übung erlernt sein. Außerdem erfordert jede Kunst, um sie erfolgreich betreiben zu können, besondere natürliche Anlagen dazu bei demjenigen, welcher die Kunst besitzt und ausüben soll. Als solche Anlagen des Hypnotiseurs, welche ihm bei Ausübung seiner Kunst nach Ausweis der Erfahrung einen wesentlichen Nutzen bringen, hat man auf der einen Seite die Ruhe und Geduld seines Gemüts und auf der anderen die Entschiedenheit und Sicherheit in seinem Auftreten zu betrachten. Daher mag es dann auch kommen, daß die Frauen im Hypnotisieren anderer sich bisher noch mit wenig Glück versucht haben.
    "Will man hypnotisieren und vor allem damit therapeutische Erfolge erzielen, so muß man sich zunächst mit großer Geduld und Begeisterung, mit Konsequenz, mit sicherem Auftreten und mit Erfindungsfähigkeit in Kniffen und Einfällen bewaffnen."
6. Der Mittel nun, eine Hypnose zu erzeugen, gibt es viele. Sie alle zusammen lassen sich in zwei Arten einteilen, in somatische oder körperliche und in psychische oder seelische Mittel. Zu den  somatischen Mitteln,  um nur die hauptsächlichsten anzuführen, gehören  zunächst  gewisse Manipulationen, d. h. Striche (Passes), welche der Hypnotiseur mit der Hand über den Körper, namentlich über den Kopf seiner Versuchsperson macht. Ihrer bedienten sich schon die alten Magnetiseure, direkte Nachfolger MESMERs und PUYSÉGURs, um dadurch das magnetische Fluidum, von dessen Existenz sie noch überzeugt waren, in und durch den Organismus ihrer Versuchsperson zu leiten. DELEUZE, einer der intelligentesten Magnetiseure, beschreibt die Anwendung dieses Mittels so:
    "Nachdem alles vorbereitet ist, nimmt man die Daumen der Person zwischen die eigenen, in der Art, das der Außenrand der eigenen Finger den Innenrand der übrigen berührt und hält seine Augen auf die Person gerichtet. In dieser Stellung verbleibt man 2 - 5 Minuten, bis man verspürt, daß die Wärme der eigenen Finger sich mit derjenigen der Person ausgeglichen hat. Darauf zieht man seine Hände zurück, indem man sie nach rechts und nach links spreizt und derart wendet, daß ihre Innenfläche nach außen sieht. Man hebt sie dann bis zur Höhe des Kopfes der Person, legt sie auf deren beide Schultern, läßt sie dort eine Minute lang und fährt mit ihnen unter leichter Berührung längs den Armen bis zu den Fingerspitzen herab. Diesen  Passe  wiederholt man fünf oder sechsmal, indem man jedesmal bei seiner Beendigung die Hände abwendet und etwas vom Körper entfernt. Dann legt man seine Hände auf den Kopf der Person, verweilt dort einen Augenblick und streicht dann mit ihnen in der Entfernung von 1 - 2 Daumen über das Gesicht bis zur Magengrube, wo man ungefähr zwei Minuten innehält, die Daumen auf die Magengrube und die anderen Finger unterhalb der Rippen einlegt. Dann streicht man langsam über den Körper bis zu den Knien oder noch besser, wenn es nicht allzu unbequem ist, bis zu den Fußspitzen. Dieselben Hantierungen werden während des größten Teils der Sitzung wiederholt. Man nähert sich auch zeitweilig dem Kranken und legt seine Hände hinter dessen Achseln, um von dort über Rücken, Hüften und Oberschenkel bis zu den Knien oder Füssen herab zu streichen. Nach den ersten  Passes  kann man sich auch die weitere Berührung des Kopfes ersparen und die folgenden  Passes  über die Arme von den Schultern oder über den Körper von der Magengrube aus beginnen."
Dieser Manipulation oder Striche, bald mehr, bald minder verändert, bedienen sich manche Hypnotiseure noch bis in die Gegenwart hinein bei ihren Versuchen.

7. Ein  anderes  somatisches Mittel, jemand zu hypnotisieren, erfand der schon genannte englische Chirurg BRAID. Seine eigene Beschreibung desselben ist diese:
    "Man nimmt irgendeinen glänzenden Gegenstand (z. B. einen Lanzettenträger) zwischen Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der linken Hand, hält ihn 25 - 45 Zentimeter von den Augen der Person entfernt, um so viel höher als die Stirn, daß die größte Anstrengung der Augen und Lider notwendig ist, um den Gegenstand unverändert zu fixieren. Man muß der Person begreiflich machen, daß sie die Augen unverwandt auf den Gegenstand richten und den Geist nur mit der Vorstellung dieses Gegenstandes beschäftigen soll. Die Pupillen werden sich zuerst zusammenziehen, dann werden sie anfangen, sich zu erweitern, und wenn sie bis zu einem gewissen Grad erweitert sind, in Schwankungen geraten. Wenn man dies bemerkt, fährt man mit dem Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, die man ausgestreckt und ein wenig gespreizt hat, vom fixierten Gegenstand her gegen die Augen; dann geschieht es oft, daß die Lider des Kranken sich unwillkürlich unter Zittern schließen. Wenn dies nicht geschieht oder wenn der Kranke eine Bewegung mit den Augen macht, läßt man ihn von neuem beginnen, wobei man ihm zu verstehen gibt, daß er die Lider sinken lassen möge, sobald man wieder mit den Fingern gegen seine Augen fährt, daß aber die Augen selbst in derselben Stellung und der Geist bei der Vorstellung des oberhalb der Augen befindlichen Gegenstandes beharren müsse. Man wird dann zumeist erreichen, daß die Lider sich mit einer zitternden Bewegung schließen."
Auch das BRAIDsche Mittel, zu hypnotisieren, wird noch heutzutage angewendet, bald für sich allein, bald auch in Verbindung desselben mit den sogenannten Strichen oder  Passes,  wiewohl freilich die bessere Erkenntnis allmählich sich Eingang verschafft, daß die Fixierung der Augen einer zu hypnotisierenden Person durch einen vorgehaltenen glänzenden Gegenstand auf das Zustandekommen ihrer Hypnotisierung gar keinen oder doch keinen wesentlichen Einfluß hat.

8. Bei Personen ferner, welche sehr leicht zu hypnotisieren sind, sei es von Natur aus, wie die Hysterischen, sei es infolge öfterer Hypnosen, genügt als Mittel oftmals schon dies, daß der Hypnotiseur sie Aug in Aug scharf fixiert oder ihnen kurze Zeit die Augen zuhält oder sie gespannt auf das Ticktack einer Taschenuhr horchen läßt, ja manche verfallen schon in Hypnose, wenn sie ihrem Hypnotiseur ins Zimmer treten sehen. Ein besonders merkwürdiges Mittel sodann, bei Hysterischen die Hypnose zu erzeugen, soll ein leiser Druck auf einen oder den anderen  hypnogenen  oder  hypnosigenen  d. i.  schlaferzeugenden Punkt  am Körper der zu hypnotisierenden Person sein. Über diese Punkte oder Zonen schreibt Professor PITRES in Bordeaux:
    "Man kann derartige Punkte an fast allen Körperteilen finden, ebensogut an den Gliedmassen, wie am Kopf und am Rumpf. Ihre Zahl ist sehr veränderlich bei verschiedenen Individuen. An einigen Kranken findet man nur vier oder fünf, an anderen eine große Zahl, zwanzig, dreissig, vierzig und noch mehr. Meistens haben diese Punkte einen Durchmesser von 1 - 4 cm; die Haut an dieser Stelle hat keine äußerlich sichtbaren Merkmale. Die jähe Berührung ist die am sichersten wirksame Weise der Erregung; sie ruft sofort die besonderen Wirkungen hervor, die diesen Punkten ihre Eigentümlichkeit verleihen, d. h. also den Schlaf."
9. Ein  fünftes  somatisches Mittel endlich, jemand in Hypnose zu versetzen, ist das der Ärzte und Professoren an der Salpetriere zu Paris, an ihrer Spitze Professor CHARCOT. Dieses ihnen eigentümliche Mittel, welche nur sanfte, andauernde und einförmige Sinnesreize bei den zu hypnotisierenden Personen erzeugen, in etwas derartigem, was einen heftigen und plötzlichen Eindruck auf die Sinne und zwar vornehmlich auf den Gesichts- und Gehörsinn der betreffenden Person zu machen imstande ist. Und dazu gehört unter anderem das Aufblitzen eines Magnesiumlichtes oder eines DRUMONDschen Kalklichtes in nächster Näher der Versuchsperson, ein starker Schlag auf ein Tamtam und die Explosion eines kleinen Packets Schießbaumwolle. Die Hypnose, welche dadurch entsteht, ist eine Art Schreckstarre. Im Übrigen sei bemerkt, daß CHARCOT und seine Schule je nach Umständen sich auch der anderen vorher beschriebenen Mittel bedienen, wenn sie eine Person hypnotisieren wollen und davon ganz besondes die Fixierung der Augen, leisen Druck auf die Augäpfel, Hebung der Augenlider und zartes Streicheln des Scheitels oder der Stirn bei der betreffenden Person anwenden.

10. Die  psychischen Mittel,  jemanden in den Zustand der Hypnose zu versetzen, bestehen alle in einer  Suggestion,  d. h. in der Eingebung von Vorstellungen des Einschlafens. Gewöhnlich wird jemandem, der einschlafen soll, die Vorstellung des Einschlafens von einem anderen eingegeben; der Einzuschläfernde kann sich dieselbe auch selbst schaffen, zumal wenn ihm die Vorstellung des Einschlafens vorher schon öfters von einem anderen beigebracht wurde. Daraufhin unterscheidet man die Suggestion in zwei Arten, in eine  Allo-  oder  Hetero-  und eine  Auto-Suggestion,  d. h. in eine Fremd- und eine Selbsteingebung. Die Suggestion, unter welcher man gewöhnlich nur die Fremdeingebung versteht, verdankt ihre Entdeckung dem portugiesischen Abbé FARIA im Jahr 1814. Und der machte die Entdeckung, als er bei seinen Hypnotisierungsversuchen merkte, daß es kein magnetisches oder elektrisches Fluidum gibt, welches vom Hypnotiseur bei seinen Manipulationen auf die Versuchsperson übergeht und deren Einschlafen bewirkt, sondern daß es für das Gelingen der Versuche vor allem und wesentlich darauf ankommt, der betreffenden Person die Vorstellung des Einschlafens beizubringen, ihre Einbildungskraft also durch Suggestion zu beeinflussen und gefangen zu nehmen.
    "Er ließ (also)", - wie Professor BERNHEIM seine Methode beschreibt - die Person bequem sitzen, befahl ihr, an den Schlaf zu denken und ihn (den Abbé) anzublicken. Er selbst fixierte die Person von weitem mit seinen großen Augen, zeigte ihr die erhobene Rückseite seiner Hand, machte einige Schritte gegen sie, senkte dann plötzlich den Arm vor ihr und befahl ihr mit Nachdruck, zu schlafen. Manchmal, aber selten, ging er bis vor die Person, dann legte er ihr den Finger auf die Stirn und wiederholte den Befehl "Schlafen Sie".
Dr. LIÉBEAULT, Arzt in Nancy, griff das beinahe schon vergessene Mittel FARIAs ein halbes Jahrhundert später wieder auf, weil auch er die Erfahrung gemacht hatte, daß es beim Hypnotisieren einer Person eigentlich nur auf ein einziges Mittel ankomme, nämlich auf die Suggestion von Vorstellungen des Einschlafens und daß die verschiedenen somatischen Hypnotisierungsmittel im letzten Grund doch nur psychisch wirken, indem auch sie die Vorstellungt des Einschlafens erwecken, insofern also nur eine die Suggestion unterstützende Wirkung ausüben. Seit LIÉBEAULT ist nun das Mittel FARIAs allmählich zu Ehren und Ansehen gelangt, so daß es zwar heutzutage unter dem Namen  Nancyer Methode  oder Nancyer Verfahren fast allgemein zu Hypnotisierungsversuchen angewendet wird, von jedem freilich, wie Professor BERNHEIM sagt, auf etwas andere Weise. Wie er es macht, gibt er selbst in diesen Worten näher an:
    "Die Person liegt oder sitzt bequem in einem Fauteuil [Lehnsessel, wp]. Ich lasse sie sich einige Augenblicke sammeln und sage ihr, daß ich sie in einen leichten, angenehmen Schlaf versenken werde, der ebenso erquicken wie der natürliche Schlaf sein wird. Ich nähere meine Hand ihren Augen und sage: "Schlafen Sie!" Einige schließen augenblicklich die Augen und sind gefangen. Andere bleiben, ohne die Augen zu schließen, mit starrem Blick und allen Phänomenen in der Hypnose. Wieder andere blinzeln mit den Lidern; die Augen öffnen und schließen sich abwechselnd. Gewöhnlich lasse ich sie nicht lange offen. Wenn die Person sie nicht freiwillig schließt, halte ich sie einige Zeit geschlossen und wenn ich etwas Widerstand gewahre, füge ich hinzu: "Geben sie nach; Ihre Lider sind schwer, Ihre Glieder erschlaffen, der Schlaf kommt ... Schlafen Sie!" Selten vergehen eine oder zwei Minuten, ohne daß die Hypnose eintritt. Einige bleiben sofort unbeweglich und passiv. Andere suchen sich wieder zu fassen, öffnen von neuem die Augen, erwecken sich jeden Augenblick. Ich aber bleibe standhaft, halte die Lider geschlossen und sage: "Schlafen Sie weiter!" In der Spitalpraxis, wo die Nachahmung eine bedeutende Rolle spielt, die Autorität des Arztes eine größere ist, wo die Personen fügsamer, weniger raffiniert und darum leichter zu beeinflussen sind, trägt es sich meistens derart zu."
Bemerkt sei noch, daß die Suggestion am schnellsten und sichersten wirkt, wenn die Phantasie überrascht, ja überrumpelt wird.

11. Die Suggestion von Vorstellungen des Einschlafens geschieht gewöhnlich durch das gesprochene Wort, zuweilen auch durch das geschriebene Wort, sogar durch körperliche Bewegungen oder Handlungen, immer aber vermittels sinnlich wahrnehmbarer Dinge und ausschließlich durch solche. Freilich behaupten einige, es sei eine Suggestion auch auf rein mentalem, d. h. rein geistigem oder innerlichem Weg, es sei mit anderen Worten auch eine rein mentale Suggestion möglich, so daß es, um eine Person zu hypnotisieren, von seiten des Hypnotiseurs nur des einfachen Willensaktes bedürfe, die Person solle einschlafen. Ja, Abbé MERIC erklärt, es sei heutzutage nicht mehr erlaubt, die Wirklichkeit der  rein geistigen Eingebung  zu bezweifeln und beruft sich zum Beweis für die Richtigkeit seiner Ansicht auf angebliche Tatsachen.
    "Dr. GILBERT, - so erzählt er z. B. - schloß sich in sein Zimmer ein und erteilte einer Bäuerin aus der Bretagne nur in Gedanken den Befehl, einzuschlafen oder zu erwachen oder zu ihm zu kommen. Obschon dieselbe mehr als einen Kilometer entfernt war, wurden seine Befehle stets ausgeführt."
Ähnliche Fälle erzählt er noch mehrere und nennt dabei eine ganze Reihe von bekannten Gelehrten und Ärzten, welche für die Wahrheit des Erzählten einzutreten bereit seien. Welche Vorsichtsmaßregeln bei den mitgeteilten Versuchen angewendet worden sind, um einer Täuschung oder einem Betrug vorzubeugen, ob überhaupt etwas derartiges geschehen ist, ist freilich aus dem Bericht des Abbé nicht ersichtlich. Aber folgende bis in ihre Einzelheiten beglaubigte Tatsache beweist auf das schlagendste, daß eine rein mentale Suggestion nicht möglich ist.
    "Ein einsichtsvoller und gut gebildeter Freund von mir - so erzählt Dr. NOBLE in Manchester - hatte eine Magd, die er wiederholt in den schlafwachen Zustand versetzte und mit der er die verschiedensten Versuche anstellte, wovon ich selbst Zeuge war. Endlich teilte er uns mit, es sei ihm gelungen, sie von einem anderen Zimmer aus und zwar ohne ihr Vorwissen, zu magnetisieren; er habe ihr durch einen Blick, ohne daß die Magd ihn gesehen habe, ein Glied gelähmt und was dergleichen schöne Sachen mehr waren. Diese Ereignisse wurden uns von zahlreichen Augenzeugen, auch vom Hausarzt umständlich berichtet. Ich traute noch nicht, dachte vielmehr, diese Versuche würden so oft angestellt, daß, wenn Besuche kämen oder sonst etwas Ungewöhnliches vorfiele, die Versuchsperson schon erwarte, es werde kein Experiment mit ihr gemacht. Ich wurde eingeladen, mit eigenen Augen zu sehen und ich könne die Art der Probe nach Belieben selbst vorschlagen. Hätte ich das Haus selbst besucht, so würde ich mich mit jedem Erfolg unzufrieden gefühlt haben. Deshalb schlug ich vor, die Prüfung solle in meiner Wohnung vor sich gehen und zwar in folgender Weise. Der Herr schrieb eines Abends, als handle es sich um Geschäftliches, einen Brief an mich. Dann schickte er die betreffende Magd zu mir, sie solle auf eine Antwort warten. Der Herr ließ dann einen Wagen kommen und sagte, so daß die Magd es noch hören konnte, er müsse da- und dorthin fahren, wobei er den Namen des Ortes nannte. Während die Magd noch am Umkleiden war, fuhr ihr Herr fort und kam sehr bald in meiner Wohnung an. Etwa zehn Minuten später kam der Brief: der Herr befand sich im Nebenzimmer. Ich ließ die Magd sich setzen, während ich die Antwort schreiben wollte und zwar stand der Stuhl der Magd mit dem Rücken gegen die halboffene Tür des Nebenzimmers. Wir waren übereingekommen, daß nach dem Eintritt der Magd ins Zimmer der Magnetiseur sich still der Tür nähern und seine Arbeit auf der anderen Seite beginnen sollte. Da war nun das Versuchsobjekt etwa 2 Fuß vom Experimentator entfernt; die dazwischen befindliche Tür war halb geöffnet und das Mädchen ohne die leiseste Ahnung von dem, was vorging. Ich vermied jedes Gespräch mit der Person, sah sie auch nicht an, damit sie keinen Verdacht schöpfe. Fast eine Viertelstunde schrieb ich an der Antwort und machte bloß ein- oder zweimal eine gleichgültige Bemerkung. Als ich dann ein Licht holte, um den Brief zu siegeln, gab ich meinem Freund einen Wink, sich zu entfernen. Nicht die leiseste Spur von irgendeinem hypnotischen Symptom hatte sich gezeigt. Im eigenen Haus hatten doch ganz regelmäßig wenige Minuten genügt, um vom Wohnzimmer aus durch Wände und Zimmer hindurch die Person in der Küche zu hypnotisieren. In diesem persönlich überwachten Versuch war die Entfernung viel geringer und nur eine halbgeöffnete Tür trennte die Personen; es waltete der einzige Unterschied, daß das Subjekt nichts vom Magnetiseur wußt und nichts erwartete."
Der von Dr. NOBLE mitgeteilte Versuch beweist zugleich die Lehre der Nancyer Schule, daß die Hypnotisierung einer Person ohne irgendein Zutung von ihrer Seite nicht zustande kommt.

12. Es fragt sich nun,  ob alle Menschen hypnotisierbar  seien. Selbstverständlich kann die Frage nur aufgrund einer sorgfältigen Beobachtung und einer genauen Statistik, die freilich bloß von wenigen und von diesen auch nicht immer, geführt worden ist, beantwortet werden. Da sagt denn z. B. J. OCHOROWICZ, ein Psychologie in Paris, welcher sich bei seinen Hypnotisierungsversuchen eines eigenen, von ihm erfundenen Instrumentes, des Hypnoskops bediente:
    "Nach meiner persönlichen Erfahrung glaube ich zugeben zu müssen, daß man kaum 30 % finden wird, welche sich in den hypnotischen Zustand versetzen lassen, wenn man aus allen Klassen der Gesellschaft beliebig die Leute auswählt und sich nicht auf krankhafte beschränkt; etwa 15 % sind für den schlafwachen oder somnambulen Zustand befähigt."
Professor BEAUNIS in Nancy fand an Kindern im Alter von 7 - 14 Jahren, daß sich 55,3% derselben durch Suggestion in somnambulen Zustand versetzen ließen. Professor MORSELLI in Genua nimmt 70% und Professor DELBOEUF in Lüttich über 80% als durch Suggestion hypnotisierbar an. MAX NONNE, ein Arzt in Hamburg, machte die Erfahrung, daß von 130 beliebig ausgewählten Personen nur 16, nämlich 8 Männer und 8 Frauen jeder hypnotischen Beeinflußung mittels Suggestion unzugänglich, also 87,7% hypnotisierbar waren. Dr. van RENTERGHEM und Dr. van EEDEN, beide in Amsterdam, haben von 414 Personen 395 d. i. 95,4% mit Erfolg durch Anwendung der Suggestion hypnotisiert. Nach Professor FOREL ist jeder, der die Nancyer Methode begriffen und einigermaßen eingeübt hat, imstande, zwischen 80 und 96% der Personen, die er zu hypnotisieren versucht (Geisteskranke ausgenommen), mehr oder weniger stark zu beeinflußen. Dr. WETTERSTRAND, Arzt in Stockholm, hat bei einer Zahl von 3148 Personen, die er von Anfang Januar 1887 bis 1891 nach der Nancyer Methode hypnotisierte, 97% wirklich in Hypnose versetzt. Und Dr. LIÉBEAULT in Nancy hatt sogar den einzig dastehenden Erfolg, daß von 1011 Personen, die er während des Jahres 1880 zu hypnotisieren versuchte, nur 27 unbeeinflußt blieben, 97,33 % also tatsächlich in Hypnose gerieten. Wie man sieht, weichen die angegebenen Hypnotisierungsversuche zum Teil sehr voneinander ab, so sehr, daß man beim ersten Anblick derselben meinen sollte, die entscheidende und abschließende Antwort auf die vorgelegte Frage für einstweilen noch verschieben zu müssen. Wenn man aber jene Resultate näher und schärfer ins Auge faßt, so findet man, daß sie zu einer solchen Antwort und zwar zu einer Antwort in bejahendem Sinne, vollauf berechtigen. Vorerst geht aus den gemachten Angaben mit Sonnenklarheit hervor, daß das Mittel, dessen sich OCHOROWICZ bei seinen Hypnotisierungsversuchen bediente, in seiner Leistungsfähigkeit hinter dem Mittel der Nancyer Schule weit zurücksteht; und ähnliches gilt nach Ausweis der Erfahrung von jedem anderen somatischen Mittel. Man begreift daher die Zuversichtlichkeit, mit welcher Professor FOREL schreibt:
    "Die LIÉBEAULTsche Suggestionstheorie der Hypnose hat durch ihre praktischen Erfolge ... so schlagende Beweise ihrer Wahrheit gegeben, daß ihr Sieg jetzt als vollständig gesichert erachtet werden muß. Während andere Theorien mit ihren entsprechenden Methoden nur bei einigen hysterischen oder nervösen Personen, ausnahmsweise auch bei einigen Gesunden mit mehr oder weniger Mühe einen Teil der Erscheinungen der Hypnose hervorzubringen imstande waren und dabei, immer wieder vor Rätseln und Widersprüchen stehend, zu den wunderbarsten, dunkelsten Erklärungsversuchen ihre Zuflucht nehmen mußten, gelingt die Suggestion mit Leichtigkeit fast bei jedem Gesunden und erklärt dieselbe alles von einem einheitlichen Gesichtspunkt aus, mit Ausnahme der als zweifelhaft bezeichneten Tatsachen."
Sodann ersieht man aus den oben mitgeteilten Resultaten, welche bei Anwendung der Nancyer Methode erzielt wurden, daß sich die prozentualen Zahlenverhältnisse, wie sehr sie auch wechseln mögen, in stetig aufsteigender Richtung bewegen und schon bis zu dem Grad gekommen sind, daß sie ihr Maximum sozusagen erreicht haben. Man scheut sich daher auch gar nicht mehr, es offen und auf das Bestimmteste auszusprechen, daß alle Menschen mit verschwindend wenigen Ausnahmen suggestibel und somit auch hypnotisierbar sind. Diese Ausnahmen bilden aber bloß die Geisteskranken und auch von diesen nur die schwer Geisteskranken, diejenigen nämlich, bei welchen der permanente krankhafte Reizzustand ihres Gehirns und infolgedessen die gefesselte Aufmerksamkeit ihrer Phantasie auf bestimmte Vorstellungen jede Suggestion einer neuen Vorstellung unmöglich macht. Früher galt freilich vielfach auch die Meinung, daß derjenige, welcher nicht hypnotisiert werden wolle, auch nicht hypnotisiert werden könne; sie hat sich aber, wie es scheint, mehr und mehr als Irrtum herausgestellt.

13. Allerdings sind die Menschen, wie die Erfahrung lehrt, an sich nicht alle in gleichem Maß und Grad hypnotisierbar; die einen lassen sich sehr leicht, die anderen nur sehr schwer in Hypnose versetzen und die übrigen verhalten sich in Bezug auf ihre Hypnotisierbarkeit in einer mittleren Weise. Der nächste und hauptsächlichste Grund davon liegt in den verschiedenen Eigentümlichkeiten und Zuständlichkeiten der Menschen, welche von dauernder Natur. Äußerst leicht werden z. B. unbefangene und ungebildete Menschen, z. B. Dienstboten, Tagelöhner, Bauern oder Soldaten durch Suggestion hypnotisiert; bevor sie sich dessen versehen, schlafen sie ein, oftmals auch dann noch, wenn sie einen Augenblick vorher andere hypnotisierte Personen für Betrüger und den Arzt für einen Betrogenen gehalten haben. Ob Kinder sehr leicht in Hypnose geraten, wird einstweilen noch bezweifelt und ebenso mag es für einstweilen noch dahin gestellt bleiben, ob das weibliche Geschlecht leichter zu hypnotisieren sei, als das männliche. Hingegen scheint es eine ausgemachte Tatsache zu sein, daß man körperlich und geistig gesunde Menschen durchweg leichter hypnotisieren kann, wenigstens durch Suggestion allein, als kranke Menschen und zu letzteren gehören ja auch die Hysterischen, dieses Wort im engen und strengen Sinn genommen. Professor CHARCOT und seine Anhänger haben zwar die Behauptung aufgestellt und stellen sie noch heute auf, daß ein Mensch, welcher sowohl körperlich als auch geistig vollkommen gesund ist, schlechterdings nicht hypnotisiert werden könne und daß von den kranken oder kränklichen Menschen die Hysterischen den größten Prozentsatz bei den Hypnotikern bilden, weshalb in der Salpetriere zu Paris dann auch nur Kranke der sogenannten großen Hysterie zu hypnotischen Versuchen benützt werden. Nun mag ja die echte Hysterische, wie Professor BERNHEIM sagt, in Wirklichkeit ein eminent suggerierbares (und deshalb, fügen wir hinzu, ein eminent hypnotisierbares) Wesen sein; aber die Versuche, welche die Pariser Schule mit den Hysterischen angestellt hat (in der Salpetriere sollen seit Jahren fast immer dieselben durchgeführt werden), sind gegenüber den zahlreichen Versuchen, welche die Nancyer Schule mit den verschiedensten Personen aus allen Ländern gemacht hat, so äußerst wenig, daß man damit die Behauptung, Hysterische stellten den größten Prozentsatz hypnotisierbarer Menschen, wissenschaftlich rechtfertigen kann. Und was den ersten Teil der obigen Behauptung betrifft, daß nämlich körperlich wie geistig gesunde Menschen schlechterdings nicht zu hypnotisieren seien, so ist er durch die Tatsachen schon längstens glänzend widerlegt, wenn man nicht annehmen will, daß die 80 - 90 Prozent aller untersuchten gesunden Personen, welche sich durch bloße Suggestion hypnotisieren ließen, egal ob sie Deutsche oder Franzosen oder Schweden oder Russen oder Holländer oder Engländer waren, in Wirklichkeit mehr oder weniger krank gewesen seien, was doch fürwahr absurd wäre. Wer sodann am schwierigsten zu hypnotisieren ist, das sind die meisten Geisteskranken, - die schwer Geisteskranken, von denen vorher die Rede war, freilich ausgenommen, denn diese lassen sich, wie gesagt, gar nicht hypnotisieren. Den meisten Geisteskranken könnte man auch noch die Zerstreuten beigesellen, sowie diejenigen, denen jemand in einer Hypnose eingegeben hat, daß niemand anders sie zu hypnotisieren vermöge. Die ersteren lassen sich nur schwer hypnotisieren, weil sie ihre Aufmerksamkeit auf diese oder jene eingegebene Vorstellung kaum zu fixieren imstande sind und die letzteren, weil sie jedem neuen Hypnotiseur ein Mißtrauen am Gelingen seiner Kunst entgegenbringen und jeder seiner Suggestionen die Autosuggestion, nicht hypnotisiert werden zu können, entgegensetzen.

Neben den verschiedenen Eigentümlichkeiten und Zuständlichkeiten der einzelnen Menschen, welche mehr einen bleibenden und dauernden Charakter tragen, gibt es jedoch auch noch vorübergehende Zustände und wechselnde Umstände, welche die leichte oder schwere Hypnotisierbarkeit der Menschen bedingen, darauf wenigsten einen fördernden oder hemmenden Einfluß ausüben. Zu diesen vorübergehenden Zuständen der Menschen, welche, wenn sie vorhanden sind, deren Hypnotisierbarkeit mehr oder minder erschweren und dieselbe entsprechend erleichtern, wenn sie nicht vorhanden sind, gehören: Aufregung des Gemüts oder Geistes und Zerstreutheit, gespannte Erwartung oder Ängstlichkeit, Überreiztheit der Nerven oder Mangel derselben an Reizbarkeit, Unwohlsein oder Schmerzen, Übermüdung oder Erschlaffung der Muskeln, Übersättigung oder Hunger usw. Und äußere Umstände von vorübergehender Natur, welche die Hypnotisierbarkeit eines Menschen schwächen oder steigern, je nachdem sie vorhanden sind oder nicht: unbequeme Haltung oder Lage des Körpers, lärmende oder geräuschvolle Umgebung, allzu grelles Licht, interessante Dinge, welche die Aufmerksamkeit fesseln usw. Alle diese Zustände und Umstände sind ja auch, wie man weiß, geeignet, den natürlichen gewöhnlichen Schlaf fernzuhalten oder leichter herbeizuführen, je nachdem ein Mensch ihnen unterworfen ist oder nicht.

14. Was schließlich die  Mittel  betrifft, bei jemandem die  Hypnose aufzuheben,  so entsprechen dieselben den Mitteln, sie zu erzeugen, sind also sowohl von somatischer, als von psychischer Natur. In früheren Zeiten bediente man sich allgemein der  somatischen  Mittel und von manchem werden sie auch noch heutzutage angewendet. Sie bestehen meistens darin, daß man dem Hypnotisierten gelinde ins Gesicht bläst oder ihm kühle Luft zufächelt oder ihm durchs geöffnete Fenster frische Luft zuströmen läßt. Zuweilen ist freilich das somatische Mittel, jemanden aus seiner Hypnose zu erwecken, auch eine heftige Berührung oder ein kräftiger Schlag oder ein starkes Schütteln oder ein gewaltsames Öffnen der Augen oder ein lauter Schall oder Besprengen mit kaltem Wasser oder ein schmerzhafter Reiz. In jetziger Zeit aber wendet man als Mittel, jemanden aus der Hypnose zu wecken, gewöhnlich die Suggestion an, als ein  psychisches  Mittel, was man übrigens von denen, welche von der Wirksamkeit der Suggestion überzeugt sind, auch von vornherein erwartet. Auf welche Weise die Suggestion zum Aufwecken Hypnotisierter verwertet wird, beschreibt Professor BERNHEIM kurz so:
    "Gewöhnlich sage ich: "Nun sind wir fertig. Wachen Sie auf." Die meisten erwachen wirklich, für einige scheint es, wenigstens in den ersten Sitzungen, schwer zu werden. Sie scheinen nicht zu hören. Sie haben nicht genug Energie, sich selbständig aus dem hypnotischen Zustand zu reißen. Ich sage dann mit Nachdruck: "Ihre Augen öffnen sich, Sie sind wach". Oder ich verknüpfe die Suggestion mit einem materiellen Eingriff, zeige z. B. auf einen beliebigen Punkt des Kopfes oder des Körpers und sage dabei zu den Umstehenden: "Wenn ich diese Stelle berühre, werden sich die Augen unmittelbar öffnen". Dieses Mittel versagt fast nie; ich berühre oder drücke auf diese Stelle und die Person ist sofort erwacht."
Der Befehl zu erwachen, kann übrigens ganz leise gesprochen werden und tut dennoch seine Wirkung, während andere ganz laut geführt Gespräche kein Erwachen zustande brachten. Weil man wiederholt die Erfahrung gemacht hat, daß plötzliches Wecken für die hypnotisierte Person von üblen Folgen begleitet war, ähnliches also stattfand wie bei gewöhnlichen und mehr noch bei somnambulen Schläfern, wenn sie plötzlich geweckt werden, - so bereitet man sie gewöhnlich auf das Erwachen vor, indem man etwa zu ihr sagt: "Wenn ich die Hand an ihre Stirn lege, werden Sie erwachen", oder: "Ich werde langsam bis drei zählen, wenn ich drei sage, werden Sie erwachen." Auch gebraucht man die Vorsicht, der Person mit Entschiedenheit zu erklären, daß sie sich nach dem Erwachen geistig und körperlich vollkommen wohl fühlen werde. - Übrigens erwachen hypnotisierte Personen, welche sich im Zustand einer leichten Hypnose befinden, zuweilen auch von selbst und zwar in demselben Augenblick, in welchem der Hypnotiseur sie verläßt, unzweifelhaft deshalb, weil sie glauben, daß sie dann nicht mehr unter seinem Einfluß stehen. Solches ist besonders dann der Fall, wenn der Hypnotiseur die Fortdauer der Hypnose nicht ausdrücklich befohlen hat. Andere erwachen sogar von selbst aus tiefen Hypnosen, wenn sie unvermutet ein starkes Geräusch hören oder einen aufregenden Traum haben. "So sah ich", erzählt Dr. MOLL, "eine erwachsene Person durch ihr eigenes Schreien aufwachen, als sie in der Hypnose glaubte, ein kleines Kind zu sein und als solches zu weinen anfing."
LITERATUR - Ludwig Schütz, Der Hypnotismus, Philosophisches Jahrbuch, Bd. 9, Fulda 1866