p-4 BernheimGerster PreyerBechterewBergmannHirschlaffMendel    
 
JUSTINUS KERNER
Franz Anton Mesmer

"Es muß eine Kraft da sein, welche das All durchdringt und alle Körper auf Erden verbindet und man muß sie in seine Gewalt bekommen können. Diese Kraft suchte er zuerst im Magneten und diesem gleich betrachtete er den Menschen und in der nächsten Anwendung auf Krankheiten. Um das gestörte Gleichgewicht wieder in Harmonie zu bringen, strich er, den Magneten in seiner Hand, die Körper nach bestimmten Polen. Die auffallenden Wirkungen, welche dadurch hervorgebracht wurden, die Heilung der Kranken, würden einen anderen zum Stillstehen gebracht haben, aber Mesmer ging weiter. Geleitet durch die Idee der alles erfüllenden, in allem waltenden Urkraft, kam er darauf, sie werde noch mehr im Menschen selbst sein, als im Magneten; denn er schloß daraus, da der Magnet dem Eisen die gleiche Polarität, welche dasselbe zum Magneten selbst mache, mitteile, so werde der organische Körper gleiche Bedingungen in einen andern setzen können."

Vorwort

Der Inhalt dieser Blätter kann keine Lebensgeschichte MESMERs umfassen, ebensowenig eine, für die Wissenschaft geschriebene Darstellung und Kritik seiner Entdeckung und Lehre sein.

Wie ich zur Sammlung und Niederschreibung dieser Blätter gekommen bin, ist in ihnen selbst ausführlicher erzählt, Es geschah durch meinen Aufenthalt im vorigen Sommer in der Gegend des Sees an dessen Ufern einst MESMERs Wiege stand und wo ihm nach langem, bewegtem Leben eine Ruhestätte im schönen Friedhof von Meersburg wurde.

Die wenigen Überreste aus seiner Verlassenschaft, die ich dort fand, seine eigenen wenigen Handschriften, sein von van SWIETEN unterzeichnetes Doktor-Diplom, das ich von Herrn von LASSBERG samt der Kamee [Relief - wp] mit PLATOs Bild erhielt, das MESMER einst an seiner segensreichen Hand trug und vor allem sein lebensgroßes Bild, das ich bei seinen Erben vorfand und erstand, erweckten in mir die wärmste Erinnerung und Teilnahme für diesen merkwürdigen, aber selbst in unseren Tagen noch nicht genug bekannten, ja noch oft mißkannten Mann. So oft sein Bild aus dem Rahmen im alten Schloß in Meersburg, ein Bild voll Kraft und Menschenfreundlichkeit auf mich blickte, machte es in mir den Wunsch rege, an die mir so teuren Funde aus seiner Verlassenschaft noch Mehreres von dem, was er mit eigener Hand oder nähere Bekannte von ihm, niederschrieben so anzuknüpfen, daß wenigstens in Umrissen dadurch ein treueres Bild von ihm entstünde, als durch die Schriften seiner vielen Gegner, ja selbst seiner Verehrer und Schüler, die (Wenige allerdings ausgenommen) von ihm, seiner Entdeckung und Lehre mehr aus ihrem eigenen Mund als mit seinen klaren Worten sprachen.

Für eigentliche Gelehrte werden diese Blätter nur wenig Neues enthalten, aber seine Schriften sind nicht mehr im Buchhandel zu finden, auch in Bibliotheken nur noch selten vorhanden. Oft machte ich auch schon die Erfahrung, daß sogar sonst Gebildete MESMER kaum dem Namen nach kannten oder mit Achselzucken und Verachtung von ihm sprachen als wäre er ihnen gar wohl bekannt, aber wie? - Für solche sammelte ich diese Blätter, die ich geflissentlich so viel als möglich frei von meinem eigenen Dreinreden ließ, um ihnen ein reineres Bild von MESMER zu geben.

Ich will und kann also, noch einmal gesagt, diese Blätter nicht als eine Schrift von mir ansehen, rechne mir auch hier kein Verdienst an, als die Mühe der Auftreibung und Aneinanderreihung zu jenem meinem Zweck, von nicht Bekanntem oder ganz Vergessenem.

Auf MESMERs Grab sprossen keine Blumen, nur Gras und Dornen, ward ihm ja selbst im Leben mehr die Dornenkrone als der Lorbeer zuteil.

Das Monument, das ihm Freunde setzten, hat Unverstand oder Bosheit vielseitig verletzt. Ich kehrte nicht von seinem Grab zurück, ehe ich diese Blätter der Erinnerung an ihn gesammelt hatte und ich lege sie auf seine, von mir so oft besuchte Grabesstätte, statt eines Blumenkranzes als Opfer der Liebe und des Dankes nieder. (1)



Mesmers erste praktische Laufbahn als Arzt

MESMERs Leben ist zwar bekannt, bekannt ist, wie er fast bis zu seinem Grab mit hochgelehrt sich dünkenden, unnatürlichen Vielwissern zu kämpfen hatte, weil er, dem aus seiner unverdorbenen, kräftigen Natur ein wahres Naturverständnis aufging, eine Naturkraft als Heilmittel erkannte und ausübte, die jetzt nur noch Eigentum und Unverstand aus dem Buch der Natur streichen könnte.

Seine praktische Laufbahn als Arzt übte MESMER besonders zuerst in Wien aus; dort verheiratete er sich mit einer Witwe, die einen Sohn hatte und wahrscheinlich aus Wien selbst war. Ihren Namen konnte ich nirgends erfahren, auch die in Meersburg noch lebenden Anverwandten MESMERs wußten ihn nicht. Wahrscheinlich hatte sie Vermögen, da er dort ein großes Haus besaß. Dieser Ehebund scheint aber von keinem Glück für ihn gewesen zu sein, da er auch in einem Brief an einen Freund (der später mitgeteilt werden wird) von der Geistlosigkeit und Verschwendung seiner Frau sprach. Er ließ sich von ihr trennen und sie starb mehrere Jahre vor ihm.

In einer 15-jährigen Praxis in der Kaiserstadt Wien kam er auf seine neue Heilart, indem er die Krankheiten nach ihrem Ursprung, ihrer Form und ihrem Verlauf in Bezug auf die großen Wechselverhältnisse unseres Sonnensystems und des Weltalls, kurz in dem von ihm sogenannten und angenommenen Allmagnetismus beobachtete. Er suchte den Magnetismus zuerst in der Elektrizität und später im mineralischen Magnetismus. Er gebrauchte nun anfänglich, durch den Astronomen Pater HELL darauf geleitet, da er von der Elektrizität bald abging, ihm Jahre 1772 den Magneten zu Heilungen, eigentlich nur als Leiter von seinem eigenen Organismus aus durch seine Hände, wodurch er auch bedeutende Heilungen hervorbrachte. Aber ein Jahr später zeigte ihm schon die Erfahrung, daß er ohne Berührung des Magneten mit seiner bloßen Hand noch viel kräftiger auf den menschlichen Organismus einwirke und so entsprach durch ihn die Entdeckung des tiereischen Magnetismus und wurde von ihm zur Wissenschaft erhoben.

MESMER urteilte so: "Es muß eine Kraft da sein, welche das All durchdringt und alle Körper auf Erden verbindet und man muß sie in seine Gewalt bekommen können." Diese Kraft suchte er zuerst im Magneten und diesem gleich betrachtete er den Menschen und in der nächsten Anwendung auf Krankheiten. Um das gestörte Gleichgewicht wieder in Harmonie zu bringen, strich er, den Magneten in seiner Hand, die Körper nach bestimmten Polen. Die auffallenden Wirkungen, welche dadurch hervorgebracht wurden, die Heilung der Kranken, würden einen anderen zum Stillstehen gebracht haben, aber MESMER ging weiter. Geleitet durch die Idee der alles erfüllenden, in allem waltenden Urkraft, kam er darauf, sie werde noch mehr im Menschen selbst sein, als im Magneten; denn er schloß daraus, da der Magnet dem Eisen die gleiche Polarität, welche dasselbe zum Magneten selbst mache, mitteile, so werde der organische Körper gleiche Bedingungen in einen andern setzen können. Er sah ein, daß er die beobachteten Wirkungen dem Magneten, den er in seiner Hand halte, nicht allein zuschreiben könne, da er doch auch wieder bestimmend auf den Magneten einwirke. Nun warf er den Magneten weg und mit seinen Händen übte er die gleiche noch unverfälschtere Wirkung.

In den 24 Lehrsätzen, die MESMER niederschrieb und die in diesen Blättern gegeben sind, erhellt noch Weiteres über seine Lehre, die er dort mit seinen eigenen Worten klar und bündig auseinandersetzt.


Über Mesmers erste magnetische Heilungen und eine Erzählung
über seine erste Ausübung derselben in Ungarn

Die einfachste, wahrste Erzählung, wie MESMER zu jener Zeit, als er noch zu seiner eigenen magnetischen Kraft Magnet und Elektrizität zuhilfe nahm, Kranke behandelte, gibt uns Herr SEYFERT (ehemals in Ungarn, nachher in Magdeburg) in einem Aufsatz, den er später öffentlich mitteilte. Seine Erzählung ist umso unparteiischer, gerade da er selbst kein Arzt war, obgleich ein Gelehrter und somit nicht tat, wie gemeinhin praktische Ärzte tun, die neue Erfindungen und den Ruhm anderer nur mit Neid und Mißtrauen betrachten und das nicht als wahr anerkennen wollen, was nicht in ihrer gewöhnlichen Schulweisheit für wahr angenommen wurde.

Seine Erzählung führt uns nach Ungarn in das Schloß eines Barons, wohin MESMER, den Bwohner desselben zu heilen, berufen wurde. Er gibt uns da ein lebendiges Bild von MESMER selbst, von seiner geistigen und magnetischen Kraft, von seinem festen Willen, seiner Beharrlichkeit und innigen Überzeugung von der Wahrheit seiner Entdeckungen und von der Art seiner damals ausgeübten magnetischen Manipulationen.

Die Erzählung gibt uns auch den Beweis, daß man von MESMER mit vollem Recht sagen kann, er habe immer mehr getan, als gesprochen. Es ist diese kleine biographische Skizze MESMERs daher von hohem Wert und darf in Blättern nicht übergangen werden, die besonders darauf ausgehen, den Lesern ein lebendiges, persönliches Bild von MESMER zu geben, was leider nur so wenig geschah, und, wo es geschah, so oft nur ein entstelltes Bild war.

Es ist sehr zu bedauern, daß wir nicht aus dem späteren Leben und Wirken MESMERs gleiche ungeschminkte Schilderungen haben.

Herr SEYFERT schrieb folgendermaßen:
    "Zu jener Zeit, wo man anfing, von MESMERs magnetischer Heilart auch in Ungarn zu reden, nachdem sie schon längere Zeit in Wien Aufsehen erregt hatte, befand ich mich in Ungarn im Neutraer Komitat [Historische Verwaltungseinheit des Königreichs Ungarn; heutige Westslowakei - wp] im Dorf Rohow, am Hof des Baron HARCZKY de HORKA und seiner Gemahlin, einer geborenen Gräfin NYARY de BEDEGH, angestellt."
Immer lauter wurde es auch in Ungarn vom Mesmerismus; aber die Meinungen waren über diesen Gegenstand sehr geteilt. Ich, der ich damals zu den negierenden Gelehrten gehörte, leugnete die Wahrheit des Mesmerismus weg, erklärte ihn öffentlich für Scharlatanerie und verwies ihn in das Reich der Unmöglichkeiten, aus dem meinem Eigendünkel triftig scheinenden Grund: weil er mir unbegreiflich war. Allein ich mußte mich in der Folge selbst überzeugen, daß ich mich irrte und MESMER ein großes Unrecht getan haben. Das ging so zu:

Der Baron, der noch bei weitem nicht 30 Jahre alt war, empfand oft in seinem Hals gewisse Spasmen, bei denen er ersticken zu müssen glaubte. Was er dagegen brauchte, war ohne Wirkung. Daher ließ er einstens zu Wien ein  concilium medicorum  [Ratschläge - wp] über sich halten, deren Urteil so, wie schon vorher das seines Arztes, UNGERHOFFER, dahin ausfiel: "daß, wenn seine Spasmen nicht bloß, wie es ihnen schiene, in seiner Einbildung beständen, er ganz gewiß nicht daran sterben und daß dieselben mit den Jahren sich von selbst verlieren würden." Weil aber alles nach wie vor beim Alten blieb, so begab er sich zum zweiten Mal nach Wien, wo er abermals ein Konzilium der Ärzte, wounter sich van SWIETEN und van HAEN befanden, über seinen Zustand sich beratschlagen ließ. Ihr Urteil war auch diesmal vom ersteren nicht verschieden, doch wurde beschlossen, ihm zu einiger Beruhigung einen Tee zu verschreiben, wozu ein jeder der anwesenden Ärzte ein Kraut bestimmen sollte. Das geschah. Als der Baron mit dem van SWIETEN allein war, sagte dieser ganz trocken zu ihm; der Tee könnte ihm Nichts, wohl aber die Zeit helfen; er sollte also auch das Teetrinken ganz unterlassen. Mit diesem Bescheid nicht zufrieden, begab er sich zu van HAEN. Dieser sprach mit ihm aus dem nämlichen Ton; da aber der Hilfesuchende sich dabei durchaus nicht beruhigen wollte, so gab ihm van HAEN den Rat, daß er, weil die Ärzte für seine Krankheit kein Mittel ausfindig machen könnten, sich von MESMER magnetisieren lassen sollte, obgleich van HAEN nicht davon hielt. Nun säumte der Baron nicht, sich mit MESMER in Unterhandlungen einzulassen und ihn nach Rohow einzuladen. - Das alles habe ich aus des Barons eigenem Mund; vom Übrigen bin ich größtenteils Augenzeuge gewesen.

Im Jahre 1775 langte Doktor MESMER in der schönsten Jahreszeit eines Tages gegen Abend zu Rohow an, ohne daß ich es gleich Anfangs gewahr wurde. Kaum hatte ich aber seine Ankunft, obgleich etwas später, erfahren, so eilte ich sogleich, den Wundermann zu sehen und ihn zu bewillkommnen. Bei meinem Eintritt in das Zimmer fand ich den Baron und den Doktor MESMER neben ihm, auf einem Kanapee, dicht nebeneinander sitzend. Die Unterredung dauerte lange und wurde bald auf diesen, bald auf jenen Gegenstand gelenkt. Endlich fragte MESMER ganz unerwartet: "Herr Baron, haben Sie noch nichts empfunden?" - "Nein, gar nichts!" war die Antwort. "Also, erwiderte MESMER, ist Ihre Krankheit eine bloße Einbildung." Für diesmal wollte der Baron sich seine Spasmen durchaus nicht nehmen lassen; und MESMER wollte sie schlechterdings nicht zugeben. Weiter fiel diesen Abend nichts vor, was auf den Magnetismus einigen Bezug gehabt hätte.

Am anderen Morgen erzählte mir der aus der Stadt Senitz angekommene Barbier, wie MESMER während des Barbierens ihn über die Spasmen des Barons befragt hätte; weil er ihm aber einen näheren Aufschluß darüber geben konnte, so hätte MESMER gesagt: "Ich bleibe also dabei; der Baron leidet nur in seiner Einbildung." Ich muß gestehen, jene Fragen, die MESMER an den Barbier richtete, machten mir ihn noch verdächtiger, als er mir vorher gewesen war, ob ich gleich auf der anderen Seite seine wiederholte Äußerung wegen der Einbildung des Barons, ich mochte wollen oder nicht, zu seinem Vorteil auslegen mußte.

Einige Zeit beschäftigte sich MESMER mit in Ordnungbringen seines zum Magnetisieren nötigen Gerätes, worunter ich nichts als lauter verschiedentlich gestaltete künstliche Magnete und eine Elektrisiermaschine bemerkte, die aber auf der Reise zerbrochen und dadurch unbrauchbar wurde. Ich lieh ihm daher die meinige, die zwar viel kleiner und einfacher wa, aber ihm doch die erwünschten Dienste leistete.

Blitzschnell verbreitete sich sein Ruf in der ganzen umliegenden Gegend. Von überall strömten Neugierige von hohem Rang, von Honorationen und Gelehrten, besonders Juristen herbei. Ebenso wurde die Zahl der sich meldenden Kranken von Tag zu Tag größer, denen man daher einen besonderen Saal einräumte.

Binnen einer Zeit von 36 oder 37 Jahren läßt sich Vieles vergessen; ich bin also nicht mehr imstande, alles und noch viel weniger alles nach der Zeitordnung, mit allen Umständen, genau zu beschreiben. Nur das, was auf mich einen besonderen bleibenden Eindruck machte, so daß ich mich noch lebhaft daran erinnere, will ich hier gewissenhaft, ohne alle Vergrößerung oder Verkleinerung, darstellen. Was mir nur dunkel vorschwebt und was ich nicht mehr ganz gewiß weiß, werde ich mit Stillschweigen übergehen. Wenig war es wahrlich nicht, was ich binnen 13 Tagen mit spähenden Augen gesehen habe.

Unter den Hilfesuchenden waren sehr viele, welche MESMER nach einem vorhergegangenen genauen Ausfragen zum Magnetisiertwerden zuließ, andere aber, an der Zahl viel weniger, weil sie keine Nervenkranken waren, verwies er an andere Ärzte oder er schrieb ihnen, wenn sie es wünschten, selbst Rezepte vor, ohne die dafür freiwillig angebotene Bezahlung anzunehmen.

Von großen Vorurteilen zum Voraus gegen MESMER eingenommen, in denen mich jener Barbier noch mehr bestärkt hatte, und in der Hoffnung, ihn, wenn er sich auf einem Schleichweg befände, auf der Stelle zu ertappen, entfernte ich mich, besonders anfänglich, von seiner und der Kranken Seite fast gar nicht, ausgenommen, wenn mich besondere Umstände oder meine Geschäfte vom Schauplatz abriefen. Mit argwöhnischen Augen kauerte ich nicht nur auf alle seine Handlungen, Mienen und Worte, sondern auch auf das ganze Benehmen der Kranken und der Hausgenossen gegen ihn.

Anfangs brachten seine Fingerzeige und Berührungen, ja sogar die Anwendung des künstlichen Magneten und der Elektrizität, keine in die Augen fallende Wirkung hervor. Die wenigen, kaum bemerkbaren Erscheinungen an den Kranken wurden von mir und anderen Anwesenden der überspannten Einbildungskraft er Leidenden zugeschrieben. Auch dann blieben wir noch bei dieser einmal vorgefaßten Meinung, als durch MESMERs Anstrengung und Ausdauer die magnetischen Wirkungen anschaulicher wurden und sich einige der zweifelnden Zuschauer selbst wegen der ihnen dabei zugestoßenen Übelkeiten und Mißbehagen entfernen mußten. In unseren Augen war noch immer alles entweder Einbildung oder Täuschung oder beides zugleich. So sehr strebten wir gegen die sich uns augenscheinlich aufdrängende Wahrheit! Wir schlossen sehr unlogisch von einer nur in unseren Köpfen bestehenden Möglichkeit einer Täuschung auf deren gegenwärtige Wirklichkeit, obgleich eine solche außerordentliche Täuschung bei solchen Umständen gar nicht möglich war. Denn keiner von den Kranken hatte MESMER je vorher gesehen und mehrere von denen, auf welche MESMER am stärksten wirkte, waren notorisch schon lange vorher krank, ehe es sich irgendjemand träumen ließ, daß MESMER nach Rohow kommen würde. Auch waren die allermeisten Leidenden zu sehr Kinder der einfältigen Natur, als daß sie zu einem und zwar zu einem so äußerst künstlichen Betrug hätten gebraucht werden können. Ferner verstanden die meisten nur slowakisch, zwischen denen und MESMER ich gewöhnlich einen sehr vorsichtigen und schlauen Dolmetscher machte, indem ich seine deutschen Fragen oft im Slowakischen so einkleidete oder sonst etwas dazusetzte, daß, wenn er eine bejahende Antwort erwartete, die slowakische verneinend oder doch anders ausfallen mußte, wobei ihn die Mienen und Gebärden der Antwortenden nicht selten in eine gewisse Verlegenheit setzten, ehe ich ihm das Gesagte deutsch erklärte. War MESMER irgendwohin gegangen, so benutzte ich seine Abwesenheit zur verfänglichen Ausfragung der Magnetisierten; allein es war mir nie möglich, der gutmütigen Einfalt dieser Leute etwas zu entlocken, was mich in meinem Argwohn nur im mindesten hätte bestärken können. Nach einer Menge anderer ähnlicher, jedesmal fehlgeschlagener Kunstgriffe, die mir die Eigenliebe an die Hand gab, um dadurch mein einmal gefälltes und so oft öffentlich geäußtertes Urteil zu retten und nach Vervielfältigung unleugbarer, immer stärker in die Augen fallender Erscheinungen, mußte ich endlich doch gegen mein Mißtrauen selbst mißtrauisch zu werden anfangen, bis ich zuletzt einsah, wie sehr ich mich in meinen vorigen Urteilen getäuscht hatte. Anderen Zweiflern ging es nicht besser als mir; nur Wenige blieben, vermutlich aus stolzer Rechthaberei, dem Anschein nach, trotz der handgreiflichsten Wirkungen des Magnetismus, halsstarrig bei ihren Zweifeln, weil sie sich einmal, im Vertrauen auf ihre eingebildete Untrüglichkeit, fest vorgenommen hatten, sich schlechterdings durch Nichts, wenigstens äußerlich, eines anderen überzeugen zu lassen.

Das bis hierher von mir Geschriebene soll nur beweisen, daß MESMER zu Rohow nicht lauter kurzsichtige, leichtgläubige Anstauner, sondern auch außer mir noch manche andere mißtrauische Argusse beständig um sich her hatte, die etwas mehr wußten und verstanden, als: quid distent aera lupinis [daß sich das Wahre vom Falschen unterscheidet - wp]

Von nun an will ich zur Erzählung dessen schreiten, was ich selbst gesehen, zum Teil auch an mir empfunden habe. Das in meiner Abwesenheit Geschehene, aber mir gleich nach frischer Tat von rechtschaffenen und ernsthaften Augenzeugen wieder Erzählte, werde ich jedesmal besonders anzeigen. Weggelassen verdient es nicht zu werden, weil ich das von mir nicht Gesehene nicht nur anderen Zusehern, sondern auch den Kranken selbst, abfragte und weil dasselbe mit dem vor- und nachher von mir Gesehenen genau übereinstimmte.

LITERATUR - Justinus Kerner, Franz Anton Mesmer aus Schwaben, Entdecker des tierischen Magnetismus. Erinnerungen an denselben nebst Nachrichten von den letzen Jahren seines Lebens zu Meersburg am Bodensee, Frankfurt/Main 1856
    Anmerkungen
    1) Ich glaube, daß ich mit Recht schon auf dem Titelblatt ANTON MESMER als einen Schwaben bezeichnete, weil er zu Iznang, der Filiale der Pfarrgemeinde Weiler, die zum Amt Radolfszell gehörte, geboren war. Zur Zeit MESMERs war Radolfzell mit Iznang und Weiler ein Teil Border-Österreichs, welches zu Schwaben gehört hat. Der Regierungssitz war Ehingen an der Donau. Erst zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts kam Radolfszell durch den Preßburger Frieden vom 26. Dezember 1805 an Württemberg, welches es im Staatsvertrag vom 2. Oktober 1810 an Baden abtrat, dem es noch gehört.