tb-1cr-2E. CassirerG. NeudeckerF. EnriquesO. CaspariPaul Stern    
 
LEONARD NELSON
Über das
sogenannte Erkenntnisproblem

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"Es ist schon ein sehr großer und nötiger Beweis der Klugheit oder Einsicht, zu wissen, was man vernünftigerweise fragen solle. Denn wenn die Frage an sich ungereimt ist und unnötige Antworten verlangt, so hat sie, außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den Nachteil, den unbedeutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten zu verleiten und den belachenswerten Anblick zu geben, daß einer (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andere ein Sieb darunterhält."
       - KANT, Kritik der reinen Vernunft (Transzendentale Logik, Einleitung III)

"Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik unterwerfen und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch tun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachteiligen Verdacht auf sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtigin Ansehung des Nutzens, nichts so heilig, das sich dieser prüfenden und musternden Durchsuchung, die kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte. Auf dieser Freiheit beruth sogar die Existenz der Vernunft, die kein diktatorisches Ansehen hat, sondern deren Ausspruch jederzeit nichts als die Einstimmung freier Bürger ist, deren jeglicher seine Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto, ohne Zurückhalten muß äußern können."
       - KANT, Kritik der reinen Verunft (Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen Gebrauchs)

"Während die wissenschaftliche Forschung das Gebiet der für das Schicksal unserer Kultur bedeutungsvollsten Fragen mehr und mehr vernachlässigt, während Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit der besten Köpfe spekulativen Scheinproblemen und Hirngespinsten zugewendet ist, bemerkt man nicht, wie die von der Philosphie verlassenen Gebiete von  anderen  Mächten in Besitz genommen werden, wie Schritt für Schritt der zurückweichenden Wissenschaft Vorurteil und Aberglaube auf dem Fuße folgen. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die das Werk der mehrhundertjährigen wissenschaftlichen Befreiungsarbeit wieder rückgängig macht."

Vorwort

Die vorliegende Schrift geht in ihren Grundgedanken nicht über das in meiner Abhandlung über "die kritische Methode" Dargelegte hinaus. Was sie bietet, ist lediglich die ausführlichere Erläuterung einiger dort aufgestellter Sätze, an deren objektiver Begründung und Formulierung ich zwar nichts zu ändern habe, die aber infolge der Kürze der Darstellung, die mir im Interesse der Geschlossenheit und Übersichtlichkeit der Beweisführung geboten schien, noch nicht den wünschenswerten Grad der Deutlichkeit und Überzeugungskraft erhalten zu haben scheinen. Das gilt insbesondere von dem Satz, den ich in die Behauptung der  Unmöglichkeit der Erkenntnistheorie  zusammengefaßt habe. Von der Beurteilung dieses Satzes hängt die Entscheidung über alle weiteren noch strittigen Punkte ab.

Es war freilich vorauszusehen, daß dieser Satz nicht so leicht Zustimmung finden würde. Stürzt er doch, wenn es mit ihm seine Richtigkeit hat, das ganze stolze Gebäude einer Wissenschaft um, die sich rühmt, hinsichtlich der Festigkeit und Tragfähigkeit ihrer Grundlagen allen sonstigen Schöpfungen des Menschengeistes überlegen zu sein. Gegen jenen Satz haben denn auch mit seltener Einmütigkeit die Vertreter der angegriffenen Wissenschaft ihre Polemik gerichtet. Dabei ist indessen, wie ich feststellen muß, eine Widerlegung des von mir gegebenen  Beweises  bisher von keiner Seite auch nur  versucht  worden. Entrüstung, daß ich es "gewagt" habe, die "Meister" der in Frage gezogenen Wissenschaft anzugreifen, psychologische Betrachtungen über mein "Unvermögen", mich "auch nur vorübergehend in den Standpunkt und die Fragestellung der modernen Erkenntniskritik zu versetzen" (1) oder endlich vornehmes Stillschweigen bei den "Meistern" selbst, diese und noch gewisse andere, besser auch meinerseits mit Stillschweigen zu übergehende Kampfesmittel sind es, auf die sich meine Gegner bisher beschränkt haben.

Ich habe keinen Anlaß, in der vorliegenden Schrift auf  diese  Polemik zurückzukommen. Ich wende mich an diejenigen, die die Rechte der formalen Logik und Mathematik anerkennen und denen die "sozial-ethische Humanität" auch in der Wissenschaft nicht eine Sache der Beteuerung, sondern der Betätigung ist. Ich wende mich an diejenigen, die es "wagen", selbst zu denken und Gründen höhere Autorität beizulegen, als den Worten eines noch so gepriesenen "Meisters".

Der breite Raum, den im folgenden, trotz des eben Gesagten, die Polemik einnimmt, erfordert noch einige Worte der Erläuterung. Der Irrtum, gegen den sich diese Schrift wendet, hat seinen Nährboden nicht in einer historisch zufälligen, vorübergehenden Zeiterscheinung, sondern, analog einer optischen Täuschung, erzeugt er sich mit psychologischer Notwendigkeit und Natürlichkeit immer von neuem, wo die philosophische Reflexion zu einer gewissen Stufe der Bildung entwickelt ist. Und so, wie man gewisser optischer Täuschungen nur Herr werden kann aufgrund mannigfacher, oft wiederholter und ermüdender Versucht, so wird es auch nicht gelingen, in unserem Fall die Quelle des Irrtums zu verstopfen, wenn man sich mit einer einmaligen Feststellung des Fehlers begnügt, sondern es ist erforderlich, ihn in zäher Arbeit in alle die vielfachen Erscheinungsformen zu verfolgen, unter denen er sich in seinen Folgen leicht auch dem geschärften Blick des durch Kritik Gewarnten entzieht. (2) Im Dienste einer solchen kritischen Reinigungsarbeit stehen die polemischen Kapitel der vorliegenden Schrift. An keiner Stelle ist mir die Polemik Selbstzweck, vielmehr dienen die beurteilten Lehren ausschließlich als typische Repräsentanten der verschiedenen möglichen Gestaltungen, in denen sich der erkenntnistheoretische Proteus [etwas mit undeutlichem, wechselndem Charakter - wp] darstellt. Dabei bin ich, um die immanente Methode der Kritik möglichst zu ihrem Rech kommen zu lassen, bestrebt gewesen, eine jede typische Form der Erkenntnistheorie für sich einer besonderen Prüfung zu unterwerfen und dabei die eigene Grundansicht nicht vorauszusetzen, sondern jedesmal erst wie ein neues Ergebnis aus der Untersuchung hervorgehen zu lassen. Die einzelnen Kapitel bilden daher größtenteils selbständige, vom Zusammenhang mit dem Ganzen unabhängige und daher auch für sich verständliche Abhandlungen.

Demselben Zweck wie diese polemischen Kapitel dienen auch, wennschon in etwas anderer Weise, die im dritten Teil niedergelegten  historischen  Untersuchungen. Durch die Mitteilung derselben hoffe ich zugleich auch den Historikern der Philosophie einen Dienst zu leisten. Sie enthalten den Nachweis, wie sich an der Hand eines höchst einfachen methodischen Leitfadens Licht und Ordnung in eine der chaotischsten Perioden der Philosophiegeschichte bringen läßt. Aber freilich, so fruchtbar eine solche von methodischen und kritischen Maximen geleitete Betrachtungsweise für die Geschichte der Philosophie ist, so steht ihr doch das noch immer unbesiegte Vorurteil entgegen, als sei umgekehrt die Einsicht in die philosophische Wahrheit erst aus der Kenntnis der  Geschichte  der Philosophie zu schöpfen und als verlange die historische  Objektivität,  daß der Geschichtsschreiber sich aller kritischen  Bewertung  seines Gegenstandes enthalte. Allerdings setzt jede solche Bewertung schon den Besitz einer eigenen philosophischen Ansicht seitens des Geschichtsschreibers voraus; aber den durch diesen Umstand bedingten Gefahren für die Objektivität der historischen Darstellung entgeht man nicht dadurch, daß man sich des eigenen philosophischen Urteils enthält, sondern allein, indem man sich und dem Leser von den maßgebenden eigenen Ansichten gewissenhafte Rechenschaft ablegt. Denn einerseits ist die Anwendung solcher subjektiven Maßstäbe  überhaupt unvermeidlich,  weil ohne sie der Historiker nicht einmal zu einer Auswahl seines Stoffes gelangen könnte und weil ferner eine Einsicht in die  Fortschritte  der bisherigen Entwicklung das einzige Ziel ist, das unser wissenschaftliches Interesse an der Geschichte bestimmt. Andererseits bleibt ja bei einem solchen beurteilenden Verfahren die Objektivität der Darstellung vollkommen gewahrt, wenn sich der Geschichtsschreiber nur bescheidet, seinem  historischen  Urteil keine weitere Verbindlichkeit beizumessen, als dem zugrunde liegenden  philosophischen.  Das erste hat in dem Maße Objektivität, als das zweite auf Objektivität, d. h. auf wissenschaftliche Begründung Anspruch machen kann. Eine über diese hypothetische Geltung hinausgehende historische Objektivität gibt es nicht. Es wird deshalb, dem gewöhnlichen Vorurteil ganz entgegen, gerade diejenige Art der Geschichtsschreibung die objektivste sein, die am bestimmtesten die subjektive Ansicht des Darstellers hervortreten läßt. Oder welchen wissenschaftlichen Wert hätte eine historische Darstellung, deren "Objektivität" nur in einer Verschweigung und Verschleierung der subjektiven Prinzipien besteht, von deren Wahrheit oder Falschheit auch die Verbindlichkeit oder Nichtverbindlichkeit der gesamten Darstellung abhängt? (3) Wer sich also nicht schon eine eigene Kenntnis der philosophischen Wahrheit zutraut, wer nicht mit SPINOZA sagen kann: "Scio me veram intelligere philosophiam" [Ich weiß, daß ich die wahre Philosophie erkenne - wp], der enthalte sich aller Bemühungen um die Geschichte der Philosophie. Mir scheint das Gegenteil dieser Behauptung richtig zu sein. Je ausgesprochener und schärfer die maßgebende Meinung ist, um so  unparteiischer, gerechter  und  brauchbarer  wird die geschichtliche Darstellung als solche.

Was nun aber die Art der Kritik selbst betrifft, so gibt es überhaupt zwei Methoden, nach denen sich eine kritische oder polemische Untersuchung führen läßt. Entweder man fragt nach der Zulässigkeit der Voraussetzungen und Methoden, nach der Konsequenz und inneren Haltbarkeit eines Lehrgebäudes oder aber man prüft es an seinen Ergebnissen und äußeren Leistungen, an seiner Fruchtbarkeit für die Lösung bestimmter, in ihrer Bedeutung anerkannter Probleme. Ich habe mich in den folgenden Untersuchungen ausschließlich der ersten Methode der Kritik bedient. Sie ist die in einem wissenschaftlichen Streit allein entscheidende, da der anderen stets nur die Bedeutung einer argumentatio ad hominem [Polemik in Bezug auf die Person des Gegners - wp] zukommt.

Es ist indessen nicht ohne Interesse und Nutzen, nach Vollendung jener ersten Art der Prüfung auch die zweite anzuwenden und sich also in unserem Falle die Frage vorzulegen: Welches sind die  gesicherten Ergebnisse  der mehr als hundertjährigen Arbeit der Erkenntnistheoretiker? Was hat die auf Erkenntnistheorie gegründete Philosophie  geleistet  zur Lösung der eigentlichen philosophischen Probleme, der Probleme der Ethik und Religionslehre, der Pädagogik und Politik? Ja auch nur der Grundprobleme der theoretischen Wissenschaften, der Physik, der Biologie und der Psychologie? Es genügt, diese Frage zu stellen, um die Verlegenheit und Ohnmacht ins Licht zu setzen, in der sich die Erkenntnistheorie gegenüber allen ernsten die denkende und handelnde Menschheit bewegenden Problemen befindet. Mag der Erkenntnistheoretiker diese Probleme als "metaphysische" von sich weisen: sie werden durch eine verächtliche Benennung nicht aus der Welt geschafft und die Menschheit wird nicht aufhören, nach ihrer Lösung zu suchen. Kann sie dabei von der Erkenntnistheorie noch irgendwelche Hilfe erwarten? (4) Kann man sich noch länger darüber täuschen, daß die auf diese Disziplin gesetzten Hoffnungen auf das kläglichste gescheitert sind? (5)

Die Geschichtsschreiber der Philosophie erzählen uns, daß eben darin der große Fortschritt der Philosophie seit KANT bestehe, daß die Metaphysik verlassen und an ihre Stelle die Erkenntnistheorie gesetzt worden sei. Ich gestehe, in diesem angeblichen großen Fortschritt nichts anderes zu finden, als die Ersetzung alter Scheinprobleme durch ein neues und ich lasse mich auch durch den magischen Klang des Namens "Erkenntnistheorie" hierüber nicht in die Irre leiten. Wann wird dieses Zauberwort endlich aufhören, seine faszinierende Wirkung auf die Geister auszuüben?

In wunderlicher Selbsttäuschung hat man den Verzicht auf alles Metaphysische, diese sogenannte "Selbstbescheidung" der Erkenntnistheorie, als einen heroischen Akt der Resignation und als eine wissenschaftliche Großtat gepriesen. Man berauscht sich an der eigenen Erhabenheit über metaphysische Vorurteile und während man sich immer tiefer in die Sklaverei des erkenntnistheoretischen Dogmas verstrickt, wähnt man den höchsten Gipfel geistiger Freiheit erstiegen zu haben. Traurige Verblendung des sich selbst allen Anforderungen des Lebens entfremdenden Gelehrtenstolzes! Wohl hat, wie jede wissenschaftliche Wahrheit, so auch die philosophische ihren Wert in sich selbst, unabhängig von aller praktischen Anwendung. Aber welches ist denn die Wahrheit, deren Erforschung die Aufgabe der  Philosophie  bildet? Ist und bleibt es nicht, solange dieser Name nicht zum Spott werden soll, die Wahrheit über Wert und Ziel des menschlichen Lebens, freilich auch der Wissenschaft, soweit sie im Ganzen dieses Lebens ihre Stelle hat? Was ist also jene vermeintliche wissenschaftliche Resignation in Wahrheit anderes, als die endgültige Absage der Philosophie an die schon in der Bedeutung ihres Namens eingeschlossenen und durch die Geschichte geheiltigten Rechte und Pflichten?

Zu welchen verhängnisvollen Folgen für die Gesamtkultur diese Verblendung führen muß, darauf habe ich an anderer Stelle aufmerksam gemacht. (6) Diese Folgen werden aber der Wissenschaft selbst verderblich werden. Während die wissenschaftliche Forschung das Gebiet der für das Schicksal unserer Kultur bedeutungsvollsten Fragen mehr und mehr vernachlässigt, während Zeit, Kraft und Aufmerksamkeit der besten Köpfe spekulativen Scheinproblemen und Hirngespinsten zugewendet ist, bemerkt man nicht, wie die von der Philosphie verlassenen Gebiete von  anderen  Mächten in Besitz genommen werden, wie Schritt für Schritt der zurückweichenden Wissenschaft Vorurteil und Aberglaube auf dem Fuße folgen. Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, die das Werk der mehrhundertjährigen wissenschaftlichen Befreiungsarbeit wieder rückgängig macht. An die Stelle der  wissenschaftlichen  Metaphysik wird die  nicht-wissenschaftliche, d. h. dder Mystizismus treten und die der wissenschaftlichen Führung beraubte Kultur wird dem Despotismus der Vorurteile und des Aberglaubens zur Beute werden. Und wenn dann später einmal die Erkenntnistheoretiker aus ihrem Rausch erwachen sollten, dann werden die erkennen, daß sie nicht das Fundament der  Metaphysik,  sondern das der  Wissenschaft  zerstört haben. (7)

Wie wenig Grund die heutige Erkenntnistheorie hat, sich über die vorkantische Metaphysik zu erheben, kann wohl nicht treffender bewiesen werden, als durch die Tatsache, daß sich die von KANT über die letztere ausgesprochenen Urteile Wort für Wort auch auf die erstere anwenden lassen:
    "Meine Absicht ist, alle diejenigen, so es wert finden, sich mit Erkenntnistheorie zu beschäftigen, zu überzeugen, daß es unumgänglich notwendig sei, ihre Arbeit vor der Hand auszusetzen, alles bisher Geschehene als ungeschehen anzusehen und vor allen Dingen zuerst die Frage aufzuwerfen,  ob auch so etwas, als Erkenntnistheorie, überall nur möglich sei. 

    "Ist sie Wissenschaft, wie kommt es, daß sie sich nicht, wie andere Wissenschaften, in allgemeinen und dauernden Beifall setzen kann? Ist sie keine, wie geht es zu, daß sie doch unter dem Schein einer Wissenschaft unaufhörlich groß tut und den menschlichen Verstand mit niemals erlöschenden, aber nie erfüllten Hoffnungen hinhält? Man mag also entweder sein Wissen oder Nichtwissen demonstrieren, so muß doch einmal über die Natur dieser angemaßten Wissenschaft etwas Sicheres ausgemacht werden; denn auf demselben Fuße kann es mit ihr unmöglich länger bleiben. Es scheint beinahe belachenswert, daß jede andere Wissenschaft unterdessen unaufhörlich fortrückt, sich in dieser, die doch die Weisheit selbst sein wille, deren Orakel jeder Mensch befragt, beständig auf derselben Stelle herumzudrehen, ohne einen Schritt weiterzukommen.

    "Auf die Auflösung jener Aufgabe nun kommt das Stehen und Fallen der Erkenntnistheorie und also ihre Existenz gänzlich an. Es mag jemand seine Behauptungen in derselben mit noch so großem Schein vortragen, Schlüsse auf Schlüsse bis zum Erdrücken aufhäufen, wenn er nicht vorher jene Frage hat genugtuend beantworten können, so habe ich Recht zu sagen: es ist alles eitle grundlose Philosophie und falsche Wahrheit.

    "Alle Erkenntnistheoretiker sind demnach von ihren Geschäften feierlich und gesetzmäßig so lange suspendiert, bis sie die Frage: Wie ist Erkenntnistheorie möglich? genugtuende werden beantwortet haben. Denn in dieser Beantwortung allein besteht das Kreditiv, welches sie vorzeigen müssen, wenn sie im Namen der reinen Vernunft etwas bei uns anzubringen haben. In Ermangelung desselben aber können sie nichts anderes erwarten, als von Vernünftigen, die so oft schon hintergangen worden, ohne alle weitere Untersuchung ihres Anbringens abgewiesen zu werden.

    Es ist aber eben nicht so was Unerhörtes, daß nach langer Bearbeitung einer Wissenschaft, wenn man Wunder denkt, wie weit man schon darin gekommen sei, sich endlich die Frage einfallen läßt, ob und wie überhaupt eine solche Wissenschaft möglich sei. Denn die menschliche Vernunft ist so baulustig, daß sie mehrmalen schon den Turm aufgeführt, hernach aber wieder abgetragen hat, um zu sehen, wie das Fundament desselben wohl beschaffen sein möchte. Es ist nienmals zu spät, vernünftig und weise zu werden; es ist aber jederzeit schwerer, wenn die Einsicht spät kommt, sie in Gang zu bringen.

    Zu fragen, ob eine Wissenschaft auch wohl möglich sei, setzt voraus, daß man an der Wirklichkeit derselben zweifle. Ein solcher Zweifel aber beleidigt jedermann, dessen ganze Habseligkeit vielleicht in diesem vermeinten Kleinod bestehen möchte; und daher mag sich der, so sich diesen Zweifel entfallen läßt, nur immer auf Widerstand von allen Seiten gefaßt machen. Einige werden in stolzem Bewußtsein ihres alten und eben daher für rechtmäßig gehaltenen Besitzes, mit ihren erkenntnistheoretischen Kompendien in der Hand, auf ihn mit Verachtung herabsehen; andere, die nirgend etwas sehen, als was mit dem einerleit ist, was sie schon sonstwo irgendwo gesehen haben, werden ihn nicht verstehen und alles wird einige Zeit hindurch so bleiben, als ob gar nichts vorgefallen wäre, was eine nahe Veränderung besorgen oder hoffen ließe.

    Soviel ist gewiß: wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche, womit er vorher aus Not vorlieb nahm, weil seine Vernunft etwas bedurfte und nichts Besseres zu ihrer Unterhaltung finden konnte. Die Kritik verhält sich zur gewöhnlichen Schul-Erkenntnistheorie gerade wie Chemie zur Alchemie oder wie Astronomie zur wahrsagenden Astrologie. Ich bin dafür gut, daß niemand, der die Grundsätze der Kritik durchgedacht und gefaßt hat, jemals wieder zu jener alten und sophistischen Scheinwissenschaft zurückkehren werde; vielmehr wird er mit einem gewissen Ergötzen auf eine Metaphysik hinaussehen, die nunmehr allerdings in seiner Gewalt ist, auch keiner vorbereitenden Entdeckungen mehr bedarf und die zuerst der Vernunft dauernde Befriedigung verschaffen kann."


LITERATUR - Leonard Nelson, Über das sogenannte Erkenntnisproblem, Göttingen 1908
    Anmerkungen
    1) Vielleicht bietet die vorliegende Schrift meinem Kritiker, dem die Frage Kopfzerbrechen macht, "woher" mein besagtes Unvermögen "stamme", einen Fingerzeig zur Auflösung derselben. Übrigens ist dieses Unvermögen nicht "so stark", wie er annimmt, wenn er meint, daß es mich hindere, mich "auch nur vorübergehend" in die erkenntnistheoretische Fragestellung zu versetzen. Vielmehr gestehe ich, mich früher selbst sehr lebhaft, wenn auch allerdings "nur vorübergehend", in diese Fragestellung "versetzt" zu haben und noch heute die kostbare Zeit zu bedauern, die ich damals vernünftigen Studien zu Gunsten fruchloser Spekulationen über ein Scheinproblem entzogen habe.
    2) So fällt FRED BON, nachdem er Angriff auf Angriff gegen die "Dogmen der Erkenntnistheorie" gehäuft hat, am Ende selbst wieder in die  biologische  Form der Erkenntnistheorie zurück.
    3) In seiner Abhandlung über "Geschichte der Philosophie" (Festschrift für KUNO FISCHER, Heidelberg 1904, Bd. II, Seite 198) schreibt WINDELBAND, nachdem er (Seite 184ff) die  Geschichte  der Philosophie für das "Organon" und die "Quelle" des philosophischen Wissens erklärt hat: "Je ausgesprochener und schärfer die maßgebende Meinung ist, umso parteiischer, ungerechter und unbrauchbarer wird die geschichtliche Darstellung als solche."
    4) Das überaus Wenige, was hinsichtlich dieser Probleme seit der Herrschaft der Erkenntnistheorie geleistet worden ist, das ist nicht dank des erkenntnistheoretischen Prinzips, sondern dank der Inkonsequenz der Erkenntnistheoretiker zustande gekommen: selbst die Ethik ist, so paradox es erscheinen mag, in eine unfruchtbare Wüste leerer, aller Anwendung auf das Leben sich versagender Spekulationen verwandelt worden. Die nach erkenntnistheoretischer Methode verfahrende Ethik muß sich ja, um nicht etwa in Metaphysik zu verfallen, auf die Untersuchung der Frage beschränken, welches der  Grund der Verbindlichkeit sittlicher Pflicht überhaupt  sei; eine Frage, von der jeder Unbefangene einsehen mußt, daß, da alle Verbindlichkeit schon ein Pflichtgegbot voraussetzt, ihre Auflösung nur durch Vollendung eines unendlichen Regressus möglich, die Aufgabe selbst also unlösbar und widersprechend ist.
    5) Dieses Argument soll kein Beweis der Verfehltheit der erkenntnistheoretischen Methode sein, wohl aber sollte es uns gegen diese Methode  mißtrauisch  machen und uns veranlassen, einer gründlichen Prüfung ihrer inneren Haltbarkeit unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden.
    6) In meiner Abhandlung: Ist metaphysikfreie Naturwissenschaft möglich?", Kap. X
    7) Ich bin, wie ich aus einer schon vor fünfzig Jahren erschienenen Schrift ersehe, nicht der erste, der vor diesen Gefahren warnt. In seinem geistvollen Werk über BACON hat CHARLES de RÉMUSAT, freilich ohne gerade die Erkenntnistheorie im Auge zu haben, die Kulturfeindlichkeit der sich selbst mißverstehenden metaphysischen Aufklärungsbestrebungen seiner Zeitgenossen mit scharfem Blick erkannt und gegen ihre verderblichen Folgen seine warnende Stimme erhoben. Was er gesagt hat, das hat längst begonnen, sich zu verwirklichen.