tb-1cr-2ErkenntnisproblemUnmöglichkeitWahres Interesse    
 
LEONARD NELSON
Ist metaphysikfreie
Naturwissenschaft möglich?

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"Noch einen Schritt weiter, und wir sagen auch: Der Mensch darf nicht vom Affen abstammen, die Erde soll sich nicht drehen, die Materie soll den Raum nicht kontinuierlich ausfüllen, usw. ... In solchen Fällen unterliegen wir dem  Dogma,  wenn auch nicht dem aufgezwungenen, wie unsere scholastischen Vorfahren, so doch dem selbstgemachten. Und welches Forschungsergebnis könnte durch lange Gewohnheit nicht zum Dogma werden?"
       - Ernst Mach, Die Analyse der Empfindungen, 4. Auflage, Seite 33 

Einleitung

Hundert Jahre sind seit dem Erscheinen von FRIES' Kritik der Vernunft verstrichen. Die damalige wissenschaftliche Lage, charakterisiert durch die Herrschaft der SCHELLINGschen Naturphilosophie, war der Aufnahme des Werkes nicht günstig, das den Phantasiespielen einer Kunst und Wissenschaft vermengenden Schule nüchterne, nur das Muster der Mathematik und Physik anerkennende Gedankenarbeit entgegenstellte.

Als dann, fünfzig Jahre später, APELT den reifen Ertrag der psychologisch durchgebildeten Vernunftkritik in Gestalt seines Lehrbuchs der Metaphysik der Öffentlichkeit vorlegte, hatten sich zwar die Anhänger jener romantischen Schule ziemlich verloren, allein die Vertreter der mächtig emporblühenden exakten Wissenschaften waren, überdrüssig jener mystischen Spielwerke und mit der FRIESschen Schule unbekannt, allen philosophischen Interessen soweit abhold geworden, daß auch die kritische Metaphysik den Bann nicht mehr zu brechen und die Aufmerksamkeit der Naturforscher auf sich zu lenken vermochte. APELTs Bemühungen scheiterten an derselben philosophischen Stumpfheit der Zeit, wie in England die ähnlich gerichteten Bestrebungen WHEWELLs.

Heute, nach abermals fünfzig Jahren, erscheint der Zeitpunkt weniger ungünstig, um die seit langem abgebrochenen Verhandlungen über die gegenseitigen Beziehungen beider Wissenschaften mit Erfolg wieder anzuknüpfen. Die Naturforscher selbst sind es, die diesmal die alte Frage wieder aufgeworfen haben. Auch scheint die Entwicklung, die die mathematischen und induktiven Wissenschaften genommen haben, die Aussichten für eine Verständigung gerade mit der  kritischen  Philosophie wesentlich zu begünstigen. Die Ausdehnung der mathematischen Forschungen auf die  Grundlagen  der Geometrie und Arithmetik, die damit verbundene Schöpfung ganz neuer Disziplinen wie der Nicht-Euklidischen Geometrie und der Mengenlehre, der Sturz der atomistischen Physik und Chemie, die Fortschritte der physiologischen Chemie und manches andere drängt hier unwillkürlich auf die Problemstellungen der kritischen Naturphilosophie zurück.

So viel aber auch schon von der einen oder anderen Seite zur Lösung dieser Probleme geleistet sein mag, die  eine  Frage, von deren Entscheidung das Schicksal der kritischen Naturphilosophie im letzten Grund abhängt, hat eine  anerkannte  Lösung noch nicht gefunden. Es ist dies die Frage, ob über die allgemeinsten die Forschung leitenden Grundsätze die  Erfahrung d. h. Beobachtung und Experiment, zu entscheiden habe oder nicht. Von der Mehrzahl der Naturforscher wird diese Frage noch heute bejahend beantwortet. Es liegt aber auf der Hand, daß diese Antwort in ihrer Konsequenz mit keiner Naturphilosophie überhaupt vereinbar ist, d. h. daß alle Bemühungen, der empirischen Forschung eine zu ihr gehörige  philosophische  Disziplin an die Seite zu stellen, im Widerspruch mit dem durch jene Antwort ausgesprochenen  Empirismus. 

So nachteilig es aber auch wäre, sich über die Schroffheit dieses Gegensatzes zu täuschen, so sollte man doch nicht aus dem Auge verlieren, daß es sich hier nicht mehr wie einst um einen Gegensatz zwischen Philosophie und Naturforschung als solcher handelt, sondern nur um einen solchen zwischen zwei verschiedenen  Auffassungen der naturwissenschaftlichen Erkennntnis.  Wenn daher der gegenwärtige Führer der empiristischen Schule die Möglichkeit einer Verständigung mit der kritischen Philosophie von vornherein von der Hand weist und gleichsam die Naturforschung als solche für seine eigene Schule in Anspruch nimmt, (1) so müssen wir ein solches Vorgehen als unbillig zurückweisen. Wo immer das Recht der  Beobachtung  anerkannt wird, da ist der "gemeinsame Boden für die Diskussion" vorhanden und da sollte eine Verständigung möglich erscheinen: denn da unterwerfen sich beide Parteien einem und demselben Richterspruch und jede wird bereit sein, dem an diesem gemessenen besseren Recht der anderen nachzugeben.

So schlimm liegt aber die Sache der kritischen Schule noch nicht, daß sie genötigt wäre, auf Machtsprüche zu pochen (2) und der Entscheidung durch eine vorurteilsfreie Beobachtung aus dem Weg zu gehen. Sie fürchtet das Licht der Beobachtung nicht, vielmehr weist sie selbst auf diese offen liegenden Tatsachen des naturwissenschaftlichen Erkennens hin, als auf den unerschütterlichen Prüfstein der Wahrheit der von ihr getragenen Lehren. Solange sie aber hierzu in der Lage ist, muß sie auf das gleiche Recht mit ihren empiristischen Gegnern Anspruch erheben: auf das Recht, nicht ungeprüft beiseite geschoben zu werden. Dieses Recht werden wir uns nicht nehmen lassen. Indem wir für unsere großen Lehrer in diesem Streit Partei ergreifen, befinden wir uns nicht in der Lage eines mutwilligen Angreifers, sondern wir sind uns bewußt, lediglich ein rechtmäßig erworbenes Besitztum zu verteidigen.

Aber nicht nur eine Pflicht der historischen Gerechtigkeit gilt es zu erfüllen; das Interesse der Wissenschaft weist uns denselben Weg. Zwar scheint es bei oberflächlicher Betrachtung, als sei es für den produktiven Forscher von geringem Belang, welcher Ansicht über den Ursprung der ihn leitenden Grundsätze er anhängt und der diesen Ursprung betreffende Streit scheint daher rein akademischer Natur zu sein. Diese Auffassung ist jedoch, wie sich bestimmt zeigen läßt, ein verhängnisvoller Irrtum. (3) Ja, der Streit in den wir verwickelt sind, hat noch eine ganz andere als theoretische Bedeutung, eine Bedeutung sehr viel allgemeinerer, ich möchte sagen kulturpolitischer Art. Denn er geht die Existenz und den Wert der Wissenschaft überhaupt an. Dies ist über den Erörterungen der vielerlei untergeordneten Einzelfragen bisher von beiden Seiten gänzlich übersehen und verkannt worden. Meine Behauptung mag daher zunächst verwunderlich erscheinen, allein ich hoffe, sie im Verlauf der vorliegenden Abhandlung vollständig zu rechtfertigen und dadurch den tieferen Sinn unserer Streitfrage in ein neues helleres Licht zu setzen.

Um aber diesem Streit eine möglichst bestimmte Form zu geben, wird es zweckmäßig sein, ihn an die Prüfung einer historisch vorliegenden Ausführung der gegnerischen Lehren anzuknüpfen. Ich wähle die zusammenfassende Darstellung, die jüngst ERNST MACH in seiner Schrift "Erkenntnis und Irrtum" seinen erkenntnistheoretischen Lehren gegeben hat.

MACH lehnt es ab, ein System aufzustellen, er weist die Zumutung zurück, als Philosoph aufzutreten; nur als Naturforscher will er sprechen, nur von der tatsächlich geübten Forschungsmethode der Naturwissenschaft will er Rechenschaft ablegen. Er protestiert gegen das Verfahren derer, die unter Berufung auf fertige Resultate einer historisch vorliegenden Philosophie gegen seine Untersuchungen zu Felde ziehen, statt sich mit ihm auf den Boden der psychologischen Erfahrung zu begeben und auf diesem die Probleme der naturwissenschaftlichen Methodik zu diskutieren. In der Tat, wer die Ergebnisse psychologischer, als auf Erfahrungstatsachen gegründeter Forschungen verurteilt, weil sie nicht in den Rahmen seines philosophischen Systems passen, kann nur Mißtrauen gegen seine eigene Wissenschaftlichkeit erwecken. Scheut sich ein solcher, sich auf eine Prüfung der erfahrungsmäßigen Begründung der biologischen Erkenntnistheorie einzulassen, indem er sich begnügt, aus spekulativen Gründen abzusprechen, so gleicht ein derartiges Verhalten in bedenklicher Weise der wohlfeilen Antwort, die jener HEGEL auf die Behauptung, die spekulativen Deduktionen seines Meisters ständen mit den Tatsachen in Widerspruch, mit den Worten erteilte: "Um so schlimmer für die Tatsachen." Ist die biologische Erkenntnistheorie im Irrtum, so muß es möglich sein, den Punkt bestimmt aufzuzeigen, an dem sie eine fehlerhafte Beobachtung oder einen fehlerhaften Schluß aus einer richtigen Beobachtung ihren weiteren Ausführungen zugrunde legt.

Wir werden die Ansichten MACHs dadurch prüfen, daß wir sie, nicht mit irgendeinem vorhandenen philosophischen System, sondern allein mit den Tatsachen der Beobachtung vergleichen. Die Frage, die wir erörtern wollen, ist also diese: Befindet sich die MACHsche Psychologie in Übereinstimmung mit den Tatsachen der Selbstbeobachtung? Bietet seine Methodologie eine Aufklärung der wirklichen Grundlagen der Naturforschung?


I.
Die Empfindung und die Abhängigkeit der Elemente untereinander

Nach MACH bildet das wissenschaftliche Denken nur das Endglied einer "kontinuierlichen biologischen Entwicklungsreihe, welche mit den ersten einfachen Lebensäußerungen beginnt". (Seite 2) Diese ersten einfachen Lebensäußerungen findet er in den "Empfindungen". Die Empfindungen sollen als die "Grundelemente alles psychischen Lebens" zu betrachten sein. (Seite 23) Was aber haben wir unter "Empfindung" zu verstehen? MACH sagt: "Meine sämtlichen physischen Befunde kann ich in derzeit nicht weiter zerlegbare Elemente auflösen: Farben, Töne, Drücke, Wärmen, Düfte, Räume, Zeiten usw. Diese Elemente zeigen sich sowohl von außerhalb  U,  als von innerhalb  U  liegenden Umständen abhängig. Insofern und nur insofern letzteres der Fall ist, nennen wir diese Elemente auch Empfindungen". (Seite 8) [ U  bedeutet hier "die räumliche Umgrenzung unseres Leibes".] Dieser Satz läßt eine nicht unerhebliche Unbestimmtheit zurück. Man weiß nämlich nicht, ob er nur den Zweck hat, eine Wortdefinition der Empfindung zu geben oder ob er eine Aussage über die wirkliche Beschaffenheit der nicht weiter zerlegbaren Elemente enthalten soll, nämlich die Aussage, daß diese Elemente gerade von der Art der angeführten Beispiele, nämlich der Farben, Töne, Drücke usw. seien, so daß damit das, was man nach der üblichen Bezeichnungsweise die "anschauliche" Natur der Grundelemente nennen würde, behauptet wäre. Im ersten Fall würden wir im Satz, daß die Grundelemente alles psychischen Lebens Empfindungen seien, eine bloße Wiedergabe der Definition der Empfindung, also eine über das Wesen jener Grundelemente gar nichts aussagende Tautologie zu sehen haben. Im anderen Fall hingegen wäre mit diesem Satz die weittragende Behauptung ausgesprochen, alle psychischen Phänomene seien auf anschauliche Elemente zurückzuführen. Es ist von der größten Erheblichkeit, sich dieser Zweideutigkeit bewußt zu sein. Denn je nachdem, auf welche der beiden Weisen wir die angeführte Stelle verstehen, werden wir im Satz von der Zurückführbarkeit alles Psychischen auf Empfindung eine über allen Zweifel erhabene, von keinem Psychologen abzuleugnende Tautologie oder aber die Proklamierung des uneingeschränktesten Empirismus zu erblicken haben.

In der Tat scheint die zweite Auffassung die von MACH beabsichtigte zu sein. Ist es doch sein Ziel, alle "durch die Erfahrung nicht kontrollierbaren Annahmen", alles Metaphysische im kantischen Sinn, aus der Wissenschaft "zu eliminieren". (4) Und Seite 315 sagt er geradezu: "Die Grundlage aller Erkenntnis ist die Intuition." - Es entsteht also für MACH die Aufgabe, aus der Empfindung (im Sinne von "Intuition" oder, wie er noch häufiger sagt, "Beobachtung") die tatsächlichen Phänomene des menschlichen Erkennens zu erklären. Natürlich nimmt er hierfür die Assoziation zu Hilfe. Zwar kann die Psychologie nach seiner Meinung "mit den temporär erworbenen Assoziationen allein nicht für alle Fälle auskommen". (Seite 157) Aber nehmen wir die vererbten Assoziationen mit hinzu, so können wir die Aufgabe der MACHschen Psychologie des Erkennens dahin bestimmen, daß sie die gesamte menschliche Existenz als etwas auf bloße Empfindungen (im genannten Sinn) mittels der Assoziation Zurückführbares zu erklären habe. In der Tat macht sich MACH anheischig, diese Aufgabe zu lösen.

"Die Befunde im Raume", sagt er, "in meiner Umgebung,  hängen  voneinander ab.' Eine Magnetnadel gerät in Bewegung, sobald ein anderer Magnet genügend angenähert wird. Ein Körper erwärmt sich am Feuer, kühlt aber ab bei Berührung mit einem Eisstück. Ein Blatt Papier im dunklen Raum wird durch die Flamme einer Lampe sichtbar." (Seite 7) Die Richtigkeit dieser Sätze mag gern eingeräumt werden. Aber die Frage ist, wie gelangen wir zur  Kenntnis  des in ihnen ausgesagten Sachverhalts? Die Erkenntnis, daß die Befunde im Raum voneinander abhängen, tritt freilich schon auf recht primitiver Stufe auf und so scheint ihr Vorhandenssein kein Problem zu bilden. Allein, näher zugesehen, dürfte es schwer fallen, auch nur diese so primitiv erscheinende Erkenntnis in der von MACH postulierten Weise zu erklären. "Die Kenntnis der  Abhängigkeit  der Befunde, der Erlebnisse  voneinander  ist für uns von größtem Interesse, sowohl praktisch zur Befriedigung der Bedürfnisse, als auch theoretisch zur gedanklichen Ergänzung eines unvollständigen Befundes" sagt MACH sehr mit Recht. (Seite 7) Wie will er nun die Möglichkeit dieser Erkenntnis erklären?

Es gilt zunächst festzustellen, daß diese Erkenntnis weder selbst eine Empfindung ist, noch aus einer bloßen Ansammlung von Empfindungen bestehen kann. Wenn ich sage: "eine Magnetnadel gerät in Bewegung, sobald ein anderer Magnet angenähert wird", so spreche ich damit ein Urteil aus, dessen Inhalt über den Bereich der bloßen Empfindung, Intuition, Beobachtung oder wie MACH es sonst nennen will, weit hinausgeht. Denn dieser Inhalt beschränkt sich nicht, wie das jene Empfindung tut, auf etwas zu bestimmter Zeit an bestimmter Stelle Wahrgenommenes, sondern enthält überhaupt keine Beziehung auf zeitliche oder örtliche Bestimmtheit. Der Satz bedeutet, daß unter den gleichen Umständen, wie die waren, unter denen ich die Bewegung der Nadel auf die Annäherung des Magneten folgen gesehen habe, - daß unter den gleichen Umständen überall und zu jeder Zeit auf die Annäherung des Magneten auch die Bewegung der Nadel eintreten werde. Und derselbe - der Empfindung ganz und gar fremde - Gedanke der  Notwendigkeit  einer Verknüpfung ist in dem Satz enthalten, daß auch mein eigener Leib auf meinen Befund "einen Einfluß übt". "Bei Schluß meiner Augen verschwindet überhaupt mein optischer Befund." (Seite 7) Woher  weiß  ich das? Was mir die Empfindung zeigt, ist nicht mehr, als daß in den bestimmten Fällen, in denen ich früher die Augen geschlossen habe, auch mein optischer Befund verschwunden ist. Dies ist bei weitem nicht das, was das Wort "Einfluß" meint. Dieses Wort bezeichnet den Gedanken, daß das Verschwinden des optischen Befundes nicht nur in einzelnen beobachteten Fällen auf das Schließen der Augen gefolgt ist, sondern daß das eine Phänomen durch das andere  bedingt  ist und hierin liegt der Gedanke einer Notwendigkeit, durch den die Verbundenheit beider Phänomene als ein von den zufälligen Umständen, unter denen sie beobachtet wurde, unabhängige vorgestellt wird. Solche Gedanken treten allerdings schon im primitivsten Stadium des geistigen Lebens auf. MACH bezeichnet es als das "Ergebnis eines unwiderstehlichen Analogieschlusses" (Seite 6), daß wir Bewußtseinserlebnisse, "ähnlich den mit unserem eigenen Leib zusammenhängenden, auch an die anderen Menschen- und Tierleiber gebunden denken." (Seite 6) Dies ist gewiß eine treffende Bezeichnung des tatsächlichen Sachverhalts; aber sie erklärt nicht im mindesten seine psychologische Möglichkeit. Wenn irgendetwas, so ist doch wohl das Ergebnis dieses "Schlusses" eine "durch die Erfahrung nicht kontrollierbare" und somit, nach MACHs eigener Bezeichnung "metaphysische" Annahme, die - sie mag nun zu Recht bestehen oder nicht - sich, wenn die MACHsche Psychologie zu Recht bestehen soll, hinsichtlich ihres tatsächlichen Vorhandenseins aus Empfindungen ableiten lassen muß. Eine Erklärung, wie die Erkenntnis einer solchen "Abhängigkeit" nach den empirischen Prinzipien der MACHschen Lehre psychologisch möglich sei, erscheinbt um so weniger erläßlich, als gerad MACH selbst dieser Erkenntnis der "Abhängigkeit der Elemente voneinander" die höchste Bedeutung für unser gesamtes Erkenntnisleben, insbesondere für die wissenschaftliche Erkenntnis einräumt. "Was uns allein interessieren kann, ist die Erkenntnis der Abhängigkeit der Elemente voneinander. Daß diese Abhängigkeit eine  feste,  wenn auch komplizierte und schwer ermittelbare sei, setzten wir vernünftigerweise voraus, wenn wir an die Erforschung gehen." (Seite 30) "So, wie es biologisch wichtig ist, durch Beobachtung den Zusammenhang von Reaktionen - Aussehen einer Frucht und deren Nährwert - zu konstatieren, so geht auch jede Naturwissenschaft darauf aus,  Beständigkeiten  des Zusammenhangs oder der  Verbindung der Reaktionen,  der  Abhängigkeit der Reaktionen voneinander  aufzufinden." (Seite 135) MACH scheint indessen im Vorhandensein des Gedankens solcher Beständigkeit der Verbindung und solcher Abhängigkeit der Elemente voneinander kein Problem zu sehen. Nach seiner Darstellung "bemerke" ich es einfach, daß ein "Einfluß" des einen auf das andere stattfindet. (Seite 7) nach ihm können wir solche "Beständigkeiten" einfach "beobachten". (Seite 275f)


II.
Das Humesche Problem

Indessen ist es MACH natürlich nicht unbekannt geblieben, daß  andere  Forscher in dem von ihm als selbstverständlich hingenommenen Sachverhalt ein Problem gesehen haben. Die Schwierigkeiten, die diesen Männern die Aufgabe bereitet hat, den Begriff der notwendigen Verknüpfung auf bloße Beobachtung zurückzuführen, würdigt er dann auch der Erwähnung; aber die Erklärunge, die wir da erhalten, sind höchst dürftig. Er wendet sich hauptsächlich gegen den Versuch, aus der Annahme eines "angeborenen Verstandesbegriffs" unsere sogenannten Kausalitätsurteile zu erklären. (5) Hierin wird ihm nun gewiß kein Psychologe mehr widersprechen; im übrigen verdient es hervorgehoben zu werden, daß gerade KANT, dem MACH diese Annahme zuschreibt, sich mit größter Entschiedenheit  gegen  eine solche Annahme erklärt hat. (6) MACH verfährt so, daß er dem Terminus der Apriorität, der nach KANTs ausdrücklicher Definition nur den nicht-empirischen Ursprung gewisser Urteile und Begriffe bezeichnen soll, den Begriff des Angeborenseins unterschiebt und dann aus der von niemandem bestrittenen Tatsache, daß es dergleichen angeborene Urteile oder Begriffe gar nicht gibt, auf den empirischen Ursprung der fraglichen Erkenntnisse schließt. Eine Schlußweise, deren Unstatthaftigkeit in die Augen fällt, so lange man noch die Frage, ob eine Erkenntnis, hinsichtlich ihrer Quelle, aus der Beobachtung geschöpft sei, von der anderen zu unterscheiden weiß, ob sie, der Zeit nach, aller Beobachtung vorhergehe. Eine Unterscheidung dieser beiden Fragen ist bei MACH nirgends anzutreffen.

MACH bespricht beifällig die Weise, in der HUME das Problem gelöst habe. Aber worin besteht denn diese "Lösung"? HUME selbst hat nicht beansprucht, eine solche gefunden zu haben, vielmehr kommt er zur ganz entgegengesetzten Einsicht, daß das Problem mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln schlechterdings unauflöslich sei. Allerdings führt er, wie MACH berichtet, unsere Kausalurteile auf die gewohnheitsmäßige Erfahrung zurück, aber von dieser Erwartung gesteht er, nach einer sorgfältigen Analyse ihres Inhalts, daß sie ein jeder empiristischen Erklärung spottendes Problem bilde.

Schon darin tut MACH HUME Unrecht, daß er ihm eine verkehrte Fragestellung unterschiebt. Das Problem, das HUME sich vorlegte, war nämlich nicht, wie MACH meint: "Wie kan ein Ding  A  auf ein anderes  B  wirken?", (7) sondern dies: Wie könen wir  erkennen,  daß ein Ding  A  auf ein anderes  B  wirkt? Auf dieses Problem kam HUME, weil er von der Voraussetzung ausging, die auch MACH annimmt, daß nämlich die Beobachtung die einzige Quelle der Erkenntnis ist und weil er andererseits einsah, was MACH nicht einsieht, daß in der Zurückführung des Begriffs der notwendigen Verknüpfung auf bloße Beobachtung eine Schwierigkeit liegt. Erst KANT hat das Problem gelöst, durch den Nachweis der Irrigkeit der HUMEschen  Voraussetzung.  Wer diese Lösung nicht anerkennen will, der muß leisten, was HUME nicht zu leisten vermochte, nämlich den Begriff der notwendigen Verknüpfung auf Empfindung zurückführen; widrigenfalls ihm nur übrig bliebe, das zu erklärende  Faktum,  also nicht sowohl das Vorhandensein einer notwendigen Verknüpfung, sondern das psychologische Vorhandensein des  Begriffs  einer notwendigen Verknüpfung, zu bestreiten.

Wenn sich also MACH gelegentlich (8) dadurch zu helfen suht, daß er das objektive Bestehen einer notwendigen Verknüpfung, daß er alle "physikalische Notwendigkeit" bestreitet, so istdas nichts als ein Ausweichen, durch das das subjektive Vorhandensein des  Begriffs  der notwendigen Verknüpfung dadurch nicht aus der Welt geschafft wird, bleibt das Problem nach wie vor: Wie ist der - sie es objektiv ungültige - Begriff der notwendigen Verknüpfung psychologisch möglich?

Der Versuch aber, den MACH anstellt, diesen  Begriff  der notwendigen Verknüpfung, der HUMEschen Voraussetzung gemäß, auf Empfindung zurückzuführen, kann nicht als gelungen betrachtet werden. Hiermit verhält es sich folgendermaßen.

HUME hatte bei seinen gründlichen Untersuchungen auch auf die Möglichkeit Bedacht genommen, die auf unsere Umgebung angewandten Begriffe von Ursache, Kraft und ähnlich als eine Übertragung aus der unserem Innenleben entnommenen Beziehung zwischen dem Willen und der Bewegung unserer Glieder zu erklären. Aber es war seinem Scharfsinn nicht entgangen, daß eine solche Zurückführung den in jenen Begriffen enthaltenen Gedanken von notwendiger Verknüpfung um nichts begreiflicher zu machen vermöge, da sich das den Willen mit der Bewegung Verknüpfende ebenso der Beobachtung entziehe, wie die Verknüpfung äußerer Phänomene. - MACH seinerseits meint nun, HUME habe Unrecht gehabt, diese Erklärung des Ursprungs unseres Kausalbegriffes abzuweisen: "Die ganze Kulturgeschichte mit ihren mächtigen Erscheinungen spreche laut gegen ihn und zeige, daß dem  gewöhnlichen  Bewußtsein die Verknüpfung von Willen und Bewegung weitaus  geläufiger  ist, als jede andere." (9) Die hier genannte kulturgeschichtliche Tatsache wird nicht geleugnet werden können, aber sie kann zu einer Belehrung HUMEs nicht taugen. Denn die Geläufigkeit tut hier gar nichts zur Sache. Das ist es eben, was HUME gezeigt hat, daß eine in keinem einzelnen Beobahtungsinhalt enthaltene Vorstellung sich auch durch eine noch so große Häufung von Beobachtungen nicht erhalten läßt. Ich mag noch so oft beobachtet haben, daß auf meinen Willen eine Bewegung erfolgte; das das zweite  durch  das erste  bewirkt  sei, d. h. daß die beobachtete Folge eine  notwendige  sei, dieser Gedanke kann, da er weder im ersten, noch im zweiten, noch in irgendeinem der späteren Beobachtungsfälle für sich enthalten ist, auch nicht in der Gesamtheit dieser Beobachtungsfälle enthalten sein. Der Versuch, etwas allem Beobachtungsinhalt so Heterogenes wie den Begriff der notwendigen Verknüpfung zweier Beobachtungsinhalte aus einer bloßen Häufung von Beobachtungen abzuleiten, ist nicht glücklicher, als das Unternehmen jener Ladenfrau, die da meint etwas verdienen zu können, wenn sie ihre Waren nicht teurer verkauft, als sie selbst bezahlt hat, in der Hoffnung, " die  Menge  werde es bringen".

MACH sagt: "Erst ein Wechsel von Regel und Regellosigkeit nötigt uns, in Verfolgung unseres unmittelbaren oder mittelbaren biologischen Interesses, die Frage zu stellen:  Warum  sind die Ereignisse einmal diese, ein andermal andere? Was hängt  unabänderlich  zusammen, was begleitet sich nur  zufällig?  Wir gelangen durch diese Unterschiedung zu den Begriffen  Ursache  und  Wirkung.  Ursache nennen wir ein Ereignis, an welches ein anderes (die Wirkung) unabänderlich gebunden ist." (Seite 277) - Was mag es wohl heißen, die Frage stellen: "  Warum  sind die Ereignisse einmal diese, ein andermal andere"? Doch wohl nichts anderes als dies: Welches ist die  Ursache  eines solchen Wechsels. Oder welchen Sinn sonst sollen wir mit dem Wort "Warum" verbinden? Merkt man denn nicht, daß man, um die Frage "Warum?", d. h. also die Frage nach der Ursache, zu stellen, den Ursachbegriff schon besitzen muß? Merkt man nicht, daß sich diese Erklärung des Begriffs nur im Kreis herumdreht?


III.
Assoziation und Erwartung

Aber wir sind ja nicht auf die Empfindung allein angewiesen; außer ihr gibt es ja noch die Assoziation, vielleicht kann uns diese aus der Verlegenheit helfen. Wirklich scheint MACH selbst die bloße Beobachtung nicht genügend gefunden zu haben, um das Phänomen der Erwartung ähnlicher Fälle restlos zu erklären. Was indessen die Beobachtung hier noch unerklärt läßt, scheint der Zurückführung auf die Assoziation ohne weiteres zugänglich: Das Kind "erwirbt, wie die höheren Tiere, durch Assoziationn die ersten primitiven Erfahrungen. Es lernt die Berührung der Flamme, das Anstoßen an harte Körper als schmerzhaft vermeiden." (Seite 32) Das scheint recht klar zu sein: Im Geist des Kindes, das einmal oder auch mehrmals bei der Berührung einer Flamme Schmerz empfunden hat, verbindet sich mit der Vorstellung der Flamme diejenige des Schmerzes und es wird, aufgrund dieser Vorstellungsverbindung, wenn es wieder in die Nähe einer Flamme kommt, eine Berührung derselben zu vermeiden suchen. Diese Handlungsweise beruth nicht allein auf Beobachtung, aber die aufgrund der früheren Beobachtungen gestiftete Assoziation scheint sie hinreichend zu erklären. Indessen, wer sich mit dieser Erklärung zufrieden gibt, hat hier doch nicht genau genug beobachtet. Warum vermeidet denn das Kind die Berührung der Flamme? Offenbar weil es annimmt, daß auf eine solche Berührung wie früher der Schmerz eintreten werde. Dieses Verhalten sollte die Assoziation erklären. Was heißt aber hier "Assoziation"? Assoziation nennt MACH in Übereinstimmung mit dem allgemeinen psychologischen Sprachgebrauch die Erscheinung, daß ein sinnliches Erlebnis ein früheres sinnliches Erlebnis mit teilweise gemeinsamen Bestandteilen in Erinnerung bringt. (Seite 31) Wenden wir dies auf unseren Fall an, so können wir es als Assoziation bezeichnen, daß das Wahrnehmen der Flamme im Geist des Kindes die Erinnerung an den früher bei der Berührung der Flamme eingetretenen Schmerz hervorruft. Die Erinnerung an den früher eingetretenen Schmerz ist aber offenbar etwas ganz anderes, als die Annahme, daß der Schmerz von neuem eintreten werde.

Der hier entscheidende psychologische Unterschied besteht, in MACHs Terminologie ausgedrückt, darin, daß die Assoziation eine Verbindung von Vorstellungselementen ist, die Erwartung ähnlicher Fälle aber die Vorstellung von einer Verbindung der Elemente enthält und da ist dann klar, daß das zweite sich in keiner Weise auf das erste reduzieren läßt.

Diese Schwierigekeit (die in der Tat eine Unmöglichkeit ist), scheint MACH selbst gefühlt zu haben. Denn er sagt: "Ist uns das Objekt  M  mit der Kombination seiner Merkmale  a, b, c, d, e geläufig,  so wird bei Betrachtung von  N  neben den Merkmalen  a, b, c  auch  d, e  durch Assoziation in Erinnerung gebracht, womit bei Gleichgültigkeit der Merkmale  d, e  der Prozeß abgeschlossen ist. Anders ist es, sobald  d, e  wegen ihrer nützlichen oder schädlichen Eigenschaft ein starkes biologisches  Interesse,  oder für einen technischen oder rein wissenschaftlich-intellektuellen Zweck einen besonderen  Wert  haben. Dann fühlen wir uns gedrängt nach  d, e  zu  suchen; wir erwarten  mit gespannter Aufmerksamkeit die Entscheidung. Diese erfolgt entweder durch einfache sinnliche Beobachtung oder durch kompliziertere technische oder wissenschaftlich-begriffliche Reaktionen. Wie nun auch die Entscheidung erfolgen mag, ob wir die Merkmale  d, e  am Objekt  N  in Übereinstimmung mit  M  finden oder nicht, in  beiden  Fällen hat sich unsere Kenntnis des Objektes erweitert, indem sich eine neue Übereinstimmung oder ein neuer Unterschied gegen  M  ergeben hat. Beide Fälle sind gleich wichtig, beide schließen eine  Entdeckung  ein. Der Fall der Übereinstimmung hat aber außerdem noch die Bedeutung einer ökonomischen Ausdehnung einer gleichförmigen Auffassung auf ein größeres Gebiet, weshalb wir solche Fälle mit Vorliebe  suchen.  Das eben Gesagte enthält also die einfache  biologische  und  erkenntnistheoretische  Begründung der Wertschätzung des Schlusses nach Ähnlichkeit und Analogie." (Seite 225f)

Hier gesteht MACH selbst, daß die Assoziation nur die Erinnerung, nicht aber die Wiedererwartung erklären könne. Was aber die Assoziation nicht leisten kann, das soll hier durch das biologische Interesse möglich werden. Allein, diese Erklärung enthält einen doppelten Fehler. Nehmen wir nämlich selbst an, das durch die Merkmale  d, e  erregte Interesse könnte uns veranlassen, nach  d, e  zu suchen und "mit gespannter Aufmerksamkeit die Entscheidung zu erwarten": so wäre doch damit noch nicht im mindesten die Tatsache erklärt, daß wir das Vorhandensein der Merkmale  d, e  erwarten. Denn: die Entscheidung erwarten, ob diese Merkmale vorhanden seien, heißt nicht: das Vorhandensein dieser Merkmale erwarten. Die Erwartung dieses Vorhandenseins mag "logisch nicht berechtigt" sein (Seite 225), das tut hier gar nichts zur Sache; denn es ändert nichts an der psychologischen Tatsache des wirklichen Stattfindens dieser Erwartung. Was aber psychologisch wirklich ist, das muß auch psychologisch möglich sein. Die MACHsche Psychologie kann diese Möglichkeit nicht begreiflich machen.

Der zweite Fehler der MACHschen Erklärung liegt darin, daß das biologische Interesse, das hier zur Erklärung der Erwartung dienen soll, eine solche Erwartung bereits zu seiner eigenen Möglichkeit voraussetzt. Daß die Merkmale  d, e  wegen ihrer nützlichen oder schädlichen Eigenschaft ein Interesse oder einen Wert für uns haben, ist nur dadurch möglich, daß wir mit der Vorstellung der Merkmale  d, e  diejenige ihres Nutzens oder Schadens derart verbinden, daß wir erwarten, mit dem Eintreten von  d, e  werde auch der früher wahrgenommene Nutzen oder Schaden wieder eintreten. Wir haben also hier mit der Einführung des biologischen Interesses nichts weiter getan, als daß wir die Kombination der Merkmale  a, b, c, d, e  um die weiteren Merkmale  f, g  (Nutzen oder Schaden) bereichert haben, wo es denn um nichts begreiflicher ist, wie die Verbindung von  d, e  mit  f, g,  als wie die von  a, b, c  mit  d, e  erwartet werden kann. Denn es liegt auf der Hand, daß, wo es sich um die Erklärung der Möglichkeit der Erwartung überhaupt handelt, uns nicht mit der Berufung auf das Stattfinden einer speziellen Art von Erwartung gedient sein kann. (10)


IV.
Der Erfolg als Kriterium

Nach MACH ist, wie wir bereits hervorhoben, die gewohnheitsmäßige Erwartung ähnlicher Fälle logisch nicht berechtigt. Da er nun im naturwissenschaftlichen Induktionsschluß nichts spezifisch anderes findet, als eine solche Erwartung, so ist es nur konsequent, wenn er auch von diesem Verfahren urteilt, es habe "gar keine logische Berechtigung". (Seite 308) Da er aber natürlich nicht daran denkt, dieses Verfahren als wertlos zu verwerfen, sieht er sich genötigt, eine andere als logische Berechtigung dafür zu suchen. Diese liefert ihm der  Erfolg. 

MACH bemerkt an einigen Stellen selbst, daß jede naturwissenschaftliche Induktion die Annahme einer Gesetzmäßigkeit des durch die Induktion zu erforschenden Gebietes schon voraussetzt und daß sogar jedem Wahrscheinlichkeitsschluß diese Voraussetzung bereits zugrunde liegt. (Seite 282f) Diese aller Forschung zugrunde liegende deterministische Voraussetzung soll jedoch ihr  Recht  erst vom  Erfolg  ihrer tatsächlichen Anwendung erhalten. "Eine annähernde Stabilität macht die Erfahrung möglich und die tatsächliche Möglichkeit der Erfahrung läßt umgekehrt auf die Stabilität der Umgebung schließen. Der  Erfolg  rechtfertigt unsere  wissenschaftlich-methodische  Voraussetzung der Beständigkeit." (Seite 32)

Diese  Begründung  der Gesetzesvorstellung erscheint uns nicht glücklicher, als die versuchte  Erklärung  derselben. Unleugbar sind die meisten naturwissenschaftlichen Theorien von der Art, daß die Rechtmäßigkeit der ihnen zugrunde gelegten Hypothesen nur durch die empirische Bestätigung ihrer theoretischen Konsequenzen entschieden werden kann. Aber jede derartige Bestätigung einer Hypothese an der Erfahrung ist nur aufgrund der allgemeineren Voraussetzung einer Gesetzmäßigkeit überhaupt möglich. Diese allgemeinere Voraussetzung selbst wieder an der Erfahrung zu erproben, ist nicht möglich. Der einem solchen Versuch zugrunde liegende Gedanke kann, so viel ich sehe, nur der sein, daß man nicht annehmen könne, die tatsächlich beobachtete Regelmäßigkeit des Geschehens fände bloß aus  Zufall  statt. Aber was ist "Zufall" anderes, als Unabhängigkeit von Gesetzen? Was also die Ausschließung der Zufälligkeit anderes, als die Annahme der Gesetzmäßigkeit? Die empiristische Rechtfertigung dieser Annahme durch den Erfolg beruth also auf einem Zirkelschluß.


V.
Das Urteil

Es ist höchst merkwürdig zu beobachten, wie bei MACH selbst, an den verschiedensten Stellen, die Unzulänglichkeit dieses allgemeinen Empirismus mehr oder weniger deutlich zu Bewußtsein kommt, ohne daß er sich jedoch irgendwo entschlösse, diesen kritischen Bedenken ernstlich nachzugehen. Daß die Logik die Erkenntnis nicht zu erweitern vermag, wird von ihm wiederholt betont. Aber er erkennt zugleich an, daß auch die Induktion, die von den meisten Naturforschern als das Hauptmittel der Erkenntnis gepriesen worden ist, "keine neue Erkenntnis schafft, sondern nur die Herstellung der Widerspruchslosigkeit zwischen unseren Erkenntnissen sichert." "Es ist also klar", sagt er treffen, "daß die eigentliche Erkenntnisquelle des Forschers anderswo liegen muß." (Seite 312) Welches sind also die eigentlichen Quellen der Erkenntnis? Stammt diese wirklich "immer aus der  Beobachtung"?  (Seite 314) Das darf wohl kaum angenommen werden, wenn bei der in Gedanken vorgenommenen "Ergänzung" und "Erweiterung" des "Individualbefundes" nur für   "einen Teil  dieser Erweiterung die beobachteten Fälle Anhaltspunkte bieten", während "ein  anderer Teil  aus dem eigenen Gedankenvorrat  selbsttätig  hinzugefügt werden muß". (Seite 316) "Um angeben zu können,  daß  ein Element von einem oder mehreren andern abhängt und  wie  diese Elemente voneinander abhängen,  welche  funktionale Abhängigkeit hier besteht, muß der Forscher aus Eigenem, außer der unmittelbaren Beobachtung Gelegenem hinzufügen." Wenn dem so ist, was soll es dann noch heißen, daß "alle" Erkenntnis aus der "Beobachtung" stamme? Man vergleiche die Erklärung, die MACH vom  Urteil  gibt: "Indem wir  eine  Seite eines Erlebenisses durch eine  andere  uns auffallende oder wichtig erscheinende als  näher bestimmt  ansehen und das sprachlich ausdrücken, fällen wir ein  Urteil."  (Seite 112) Diese "Bestimmtheit des einen durch das andere" ist ja gar nichts anderes, als die "Abhängigkeit der Elemente voneinander" und wenn zu deren Erkenntnis noch etwas anderes vorausgesetzt ist, als bloße Beobachtung, so ist damit die Konsequenze gegeben, daß  ein jedes Urteil bereits außer der Beobachtung und der Logik  (die ja eingestandenermaßen die Erkenntnis nicht erweitert)  eine weitere Erkenntnisquelle voraussetzt.  Dies träfe genau die Ansicht KANTs, der die Metaphysik geradezu als die aus dieser dritten Quelle entspringende Erkenntnis definiert.

Macht man sich das klar, so erscheint der MACHsche Protes gegen den Kantischen Apriorismus in merkwürdigem Licht. Man vergleiche nur die Schilderung jener "allgemeiner Prinzipien", die vor den einelnen aus ihnen ableitbaren Sätzen den eigentümlichen Vorzug haben sollen, "daß ihr Gegenteil sehr stark mit unseren gesamten  instinktiven Erfahrungen  kontrastiert". (Seite 272f, vgl. auch Seite 171) Sollten wir es mit diesen "instinktiven Erfahrungen" wörtlich nehmen, so wären sie das wunderlichste psychologische Gebilde, das je erdacht worden ist. Wie können Erfahrungen, also Beobachtungsergebnisse, instinktiv, also unabhängig von Beobachtungen, gewonnen werden? Jene allgemeinen Prinzipien, deren Gegenteil unserem Instinkt widerstreitet, - die, wie man sich sonst wohl ausdrückt, unmittelbar gewiß sind, - wären in der Tat nicht das, als was MACH sie beschreibt, wenn sich in ihnen nicht die totgesagten synthetischen Urteile a priori KANTs wiedererkennen ließen. Ja MACH verwickelt sich noch in ganz andere Widersprüche gegen sein empiristisches Dogma. Er geht hierin so weit, der Beobachtung geradezu den Charakter der Erkenntnis abzusprechen: "Ein einzelner individueller Befund, der ja immer eine Tatsache ist, kann als solcher nicht als Irrtum oder Erkenntnis bezeichnet werden." (Seite 315) Ähnlich hatte es schon in der "Analyse der Empfindungen" (Seite 8) geheißen: "daß die Sinne weder falsch noch richtig zeigen." Diese Äußerung läßt keinen Zweifel, daß das eigentlich Erkenntnisbildende  außer  der Beobachtung gesucht werden soll. "Die Aufmerksamkeitsstimmung", sagt MACH, "hebt bald diesen, bald jenen Zusammenhang von Elementen hervor, welcher  Befund  begrifflich fixiert, wenn er sich anderen Befunden gegenüber bewährt und als haltbar erweist, eine Erkenntnis, im gegenteiligen Fall einen Irrtum vorstellt." (Seite 314f) Was ist es denn, was in dieser "begrifflichen Fixierung" zum Tatsachengehalt der Beobachtung hinzutritt und wodurch sie zu einer "Erkenntnis" wird? Vom bloß sinnlichen "Befund" hat es keinen Sinn zu fragen, ob er sich "bewähre", sich als "haltbar" oder als "unhaltbar erweise". Eine bloße Beobachtung kann nie einer anderen widersprechen, sondern nur ein  Urteil  dem anderen. Wenn mir eine weiße Fläche neben einer grünen infolge der Kontrastwirkung als rot erscheint, während ich sie für sich betrachtet als weiß wahrnehme, so besteht zwischen diesen beiden Befunden kein Widerspruch, denn jede Beobachtung gilt als solche nur für die Zeitumstände, unter denen sie angestellt wird.  Urteile  ich aber, indem ich von den Zeitumständen absehe: "die Fläche  ist  rot", so widerspricht dieses dem anderen Urteil: "die Fläche ist weiß". Also nur auf das  Urteil  kann die Frage nach Bewährung und Haltbarkeit Anwendung finden. Dies scheint auch der zuletzt zitierte MACHsche Satz ausdrücken zu sollen. Was ist es nun also, was sich als Erkenntnis bewähren oder als unhaltbar und somit als Irrtum erweisen soll, wenn es der sinnliche Befund  nicht  sein kann? Es ist in der Tat nichts anderes, als die "begriffliche Fixierung" des "Zusammenhangs" der Elemente. Aber wie ist eine solche "Fixierung" möglich, wenn sie etwas enthalten soll, was weder aus der Beobachtung noch aus der Logik geschöpft werden kann? Was ist, mit einem Wort, das  Dritte,  das hier hinzukommen und also das eigentliche Geheimnis der Erkenntnistheorie enthalten muß? Eine Antwort auf diese Frage sucht man bei MACH vergeblich.


VI.
Die Abstraktion

Das Einzige, was auf den Versuch einer solchen Antwort hinzudeuten scheinen könnte, ist die an mehreren Stellen vorkommende Betonung des Wertes der "Abstraktion" für die Erkenntnis. Die Hauptaufgabe des Forschers sollte es sein, "die in Betracht kommenden  Merkmale  und deren  Zusammenhänge  aufzufinden".' (Seite 312) Wie nun die Auffindung dieser Zusammenhänge zustande kommt, das wird dadurch erklärt, "daß die  Vergleichung  uns auf einen bisher unbeachteten Zusammenhang aufmerksam machen kann". "Ist die  Aufmerksamkeit  auf die voneinander abhängigen Merkmale  konzentriert,  von den minder wichtigen  abgelenkt,  so nennen wir dies  Abstraktion."  (Seite 313) Und einige Seiten später heißt es: "Ist unser Interesse für einen neuen Befund erregt, wegen dessen unmittelbarer oder mittelbarer biologischen Wichtigkeit, wegen dessen Übereinstimmung oder Gegensatz mit anderen Befunden, so konzentrieren wir schon durch den psychischen Mechanismus der Assoziation die Aufmerksamkeit auf zwei oder mehrere in dem Befund verbundene Elemente." (Seite 315) Die Wichtigkeit des hier geschilderten Abstraktionsaktes für die Auffindung von Erkenntnissen soll natürlich nicht bestritten werden; daß aber die Abstraktion nicht als  Quelle  irgendeiner neuen Erkenntnis gelten kann, erscheint so einleuchtend, daß wir kaum glauben können, MACH habe sie als eine solche hier in Anspruch nehmen wollen. Die Abwendung der Aufmerksamkeit von irgendwelchen Merkmalen und ihre Hinwendung auf irgendwelche andere setzt die in der sinnlichen Wahrnehmung gegebene Vorstellung beider Arten von Merkmalen schon voraus und kann den Inhalt dieser Vorstellungen nicht vermehren, sondern ihn nur deutlicher zu Bewußtsein bringen. - Vor allen Dingen aber müssen wir daran erinnern, daß das Aufmerken auf zwei oder mehr voneinander abhängige Merkmale etwas ganz anderes ist, als die Erkenntnis der Abhängigkeit dieser Merkmale voneinander und daß diese Erkenntnis aus jenem Akt des Aufmerkens nimmermehr erklärt werden kann. Zum Beweis dieser Behauptung dürfte das oben über den Begriff der notwendigen Verknüpfung und über das Phänomen der Erwartung Dargelegte hinlänglich sein.

Wir wollen hier ein Beispiel ins Auge fassen, an dem sich die Rolle der Abstraktion bei der Forschung beurteilen läßt und das MACH selbst zu diesem Zweck erörtert. Er sagt:
    "Wir beachten die Umstände, die für uns ein  Interesse  haben und diejenigen, von welchen erstere  abhängig  zu sein scheinen. Die erste Aufgabe, die sich dem Forscher darbietet, ist es also, durch Vergleichung verschiedener Fälle, die  von einander  abhängigen Umstände in seinen Gedanken  hervorzuheben  und alles, wovon das Untersuchte  unabhängig  scheint, als für den vorliegenden Zweck nebensächlich oder gleichgültig  auszusondern.  In der Tat ergeben sich die wichtigsten  Entdeckungen  durch diesen Prozeß der  Abstraktion.  Dies hebt APELT trefflich hervor, indem er sagt: "Das  zusammengesetzte Besondere  steht immer  früher vor  unserem Bewußtsein, als das  einfachere Allgemeine.  In den abgesonderten Besitz des letzteren kommt der Verstand immer erst durch Abstraktion. Die Abstraktion ist daher die Methode der  Aufsuchung der Prinzipien."  (Seite 137) MACH erkennt nun mit APELT im Trägheitsgesetz eine durch Abstraktion aufgefundene Erkenntnis an, sucht aber, trotz dieser Übereinstimmung, gegen APELT den  empirischen  Ursprung dieses Gesetzes geltend zu machen. Er begründet dies folgendermaßen: "Wäre der Mensch nicht vorzugsweise ein psychologische, sondern nur ein  logisches  Wesen, so hätte sich die Abstraktion, welche zum Trägheitsgesetz führt, in sehr einfacher Weise ergeben. Sind einmal die Kräfte als  beschleunigungsbestimmende  Umstände erkannt, so folgt sofort, daß  ohne  Kräfte nur  unbeschleunigte,  also geradlinige und gleichförmige Bewegungen denkbar sind. Die Geschichte - und selbst heutige Diskussionen lehren geradezu pleonastisch [doppelt gemoppelt, wp], daß sich das Denken nicht von selbst in so glatten logischen Bahnen bewegt; gehäufte variierte Fälle, allerlei Schwierigkeiten, bei sich durchkreuzenden und widersprechenden Überlegungen, müssen die Abstraktion beinahe  erzwingen."  (Seite 138f)
Beachten wir zunächst, wie hier wieder das verschiedene Zeitverhältnis zur Erfahrung dem Unterschied des empirischen und rationalen Ursprungs der Erkenntnis untergeschoben wird. Daß GALILEI "zur vollen Erkenntnis des Trägheitsgesetzes sehr spät und durch allerlei Umwege gelangt ist", hat, wie MACH selbst berichtet, auch APELT recht wohl gewußt. Aber APELT hat, wie schon aus dem MACHschen Zitat ersichtlich ist, ebensowohl gewußt, daß die Abstraktion nicht die  Quelle,  sondern nur die Methode der  Aufsuchung der Prinzipien  ist und daß daher der Umstand, daß das Bewußtsein um ein allgemeines Prinzip nur durch Abstraktion von der Erfahrung erlangt wird, nicht den empirischen Ursprung dieses Prinzips beweist. Kein Begriff oder Urteil ist "angeboren", sondern alle werden erst "durch die Erfahrung entwickelt" (11), das werden wir niemals bestreiten. So hat sich auch die Einsicht in die Geltung des Trägheitsgesetzes "nicht von selbst", sondern erst sehr spät und auf allerlei Umwegen" eingestellt. Aber etwas anderes ist die  Entwicklung  einer Einsicht  durch  die Erfahrung, etwas anderes der  Ursprung  dieser Einsicht  aus der Erfahrung. 

Wir können den hier zugrunde liegenden Fehler, der in der Verwechslung der historischen Bedingungen der Entwicklung eines Gedankens mit den sachlichen Gründen seines Geltungsanspruchs besteht, durch ein instruktives Beispiel aus MACHs Darstellung der Prinzipien der Mechanik erläutern. MACH sagt dort an einer Stelle:
    "Es wäre ein Anachronismus [etwas in eine andere Zeit verlegen, wp] und gänzlich unhistorisch, wollte man die gleichförmig beschleunigte Fallbewegung, wie dies mitunter geschieht, aus der konstanten Wirkung der Schwerkraft ableiten. "Die Schwere ist eine konstante Kraft,  folglich  erzeugt sie in jedem gleichen Zeitelement den gleichen Geschwindigkeitszuwachs und die Bewegung wird eine gleichförmig beschleunigte." Eine solche Darstellung wäre deshalb unhistorisch und würde die ganze Entdeckung in ein falsches Licht stellen, weil durch GALILEI erst der heutige Kraftbegriff geschaffen worden ist." (12)
Wenn von einer naturwissenschaftlichen Theorie verlangt, sie solle ihm ein historisches Verständnis der Entdeckung ihrer Prinzipien eröffnen, der wird freilich durch die genannte Erklärung der Fallbewegung nicht befriedigt werden. (13) Aber diejenigen, die diese Erklärung aufgestellt haben, bezweckten doch wohl nicht, die Entdeckungsgeschichte der Schwerkraft zu schreiben, sondern wollten lediglich aus dem - sei es auf welchem Weg auch immer entdeckten - Gesetz der Schwere die Theorie der Fallbewegung ableiten. Und das ist ihnen in der Tat gelungen. - MACH verwechselt hier die regressive Methode, durch die die Konstanz der Schwerkraft aus der Beobachtung ihrer Wirkungen - nämlich der gleichförmig beschleunigten Fallbewegung - erkannt worden ist, mit der progressiven Methode, mittels derer aus der so erkannten Natur der Schwerkraft die Eigenschaften der Fallbewegung wieder theoretisch abgeleitet werden. Die Eigenschaften der Fallbewegung waren in der Tat das Kriterium (der Erkenntnisgrund), das zur Entdeckung der Konstanz der Schwerkraft geführt hat; dies schließt aber nicht aus, daß die konstante Schwerkraft die Ursache (den Realgrund) jener Eigenschaften der Fallbewegung bildet.

Ganz ähnlicher Art ist der Irrtum, der MACH zu seiner Ansicht vom empirischen Ursprung des Trägheitsgesetzes geführt hat. Der Unterschied ist nur dieser: Das Gesetz der Schwere ist wirklich ein Erfahrungssatz, denn es ist ein durch Induktion aus Beobachtungstatsachen erschlossener Lehrsatz; das Gesetz der Trägheit aber ist kein Erfahrungssatz, denn es ist nicht durch Induktion aus Beobachtungstatsachen erschlossen worden, sondern durch Abstraktion von der Erfahrung als ein nur vorausgesetzter, nicht beweisbarer, Grundsatz regressive aufgewiesen worden. (14)

MACH sagt, der Inhalt des Trägheitsgesetzes sei "durchaus nicht selbstverständlich". (15) Und in der Tat, versteht er unter "selbstverständlich" solche Sätze, die  logisch  notwendig sind, d. h. Sätze, die ohne Widerspruch nicht verneint werden können, so ist das Gesetz der Trägheit ganz gewiß  nicht  selbstverständlich. Aber in keiner Weise folgt hieraus, daß über seine Geltung "die Erfahrung allein endgültig belehren könne." (16) Denn aus dem nicht-logischen Ursprung eines Satzes kann nicht aus seinen empirischen Ursprung geschlossen werden. (17) Ein solcher Schluß wäre nur aufgrund der gänzlich unerwiesenen Annahme zulässig, daß alle nicht-empirischen Sätze logisch notwendig seien. (18) - Und wie sollte man sich wohl eine empirische Prüfung des Trägheitsgesetzes denken? Eine solche Prüfung wäre nur möglich durch Beobachtung eines Körpers in einem Zustand, in dem keine Kraft auf ihn wirkt. Woran erkennen wir aber, ob diese Bedingung erfüllt ist oder nicht? Nur daran, ob eine Beschleunigung des Körpers stattfindet oder nicht; d. h. also nur unter  Voraussetzung  des Trägheitsgesetzes.

Übrigens ist es unrichtig, wenn MACH sagt, das Trägheitsgesetz folge unmittelbar aus der Erkenntnis der Kräfte als beschleunigungsbestimmender Umstände. Ich erwähne das, weil sich derselbe Irrtum auch in seiner "Mechanik" findet. Es heißt dort: "Man erkennt leicht, daß das Trägheitsgesetz gar kein besonderes Gesetz ist, sondern in der Galileischen Anschauung, daß alle bewegungsbestimmenden Umstände (Kräfte)  Beschleunigungen  setzen, schon mit enthalten ist. In der Tat, wenn eine Kraft keine Lage und keine Geschwindigkeit, sondern eine Beschleunigung, eine Geschwindigkeitsänderung  bestimmt, so versteht es sich, daß wo keine Kraft ist, auch keine Änderung der Geschwindigkeit stattfindet. Man hat nicht nötig das besonders auszusprechen." (19) - Dieser Ableitungsversuch beruth auf einem Trugschluß. Aus dem Satz, daß alle Kräfte Beschleunigungen bestimmen, folgt noch nicht, daß alle Beschleunigungen durch Kräfte bestimmt sind, denn dieser Satz ist die Umkehrung des anderen. Die Annahme von Beschleunigungen, die nicht durch Kräfte bestimmt sind, widerspricht nicht dem Satz von der beschleunigungsbestimmenden Natur der Kräfte, sondern dem allgemeinen Gesetz der Kausalität, nach welchem jede Veränderung, also auch jede Beschleunigung, durch eine Ursache bestimmt ist.

Man entgegne nicht, die Geltung des allgemeinen Kausalitätsgesetzes sei als selbstverständliche Voraussetzung angenommen. Das Kausalitätsgesetz ist ein Satz, dessen Verneinung keinen Widerspruch enthält und der folglich selbst ebensowenig "selbstverständlich" ist, wie das Trägheitsgesetz.

Was aber den Ursprung des Satzes von der beschleunigungsbestimmenden Natur der Kräfte betrifft, so liegt die Sache für eine richtig verständigte Metaphysik folgendermaßen. Das allgemeine Gesetz der Kausalität weist uns an, zu jeder Veränderung eine Ursache zu suchen. Veränderung ist Wechsel der Zustände eines Dinges. Es ist also noch die Frage, was uns anweist, den phoronomischen [aus reinem Verstand / aus reiner Anschauung, wp] Zustand eines Dinges gerade als Geschwindigkeit und nicht als Lage zu definieren. Das Kriterium hierfür liegt im Grundsatz, der für jede sinnlich wahrnehmbare Beschaffenheit eine intensive Größe fordert, die stetig zu- oder abnehmen kann. Eine solche intensive Größe kommt nun nicht der Lage, sondern nur der Geschwindigkeit zu. Mithin haben wir nur für Geschwindigkeitsänderungen, d. h. für Beschleunigungen und nicht für Änderungen der Lage, Kräfte als Ursachen anzunehmen.

Es sei nur nebenbei erwähnt, daß auch das Gesetz der Relativität der Bewegung nach MACH empirischen Ursprungs ist, daß aber MACH selbst nichtsdestoweniger kein Bedenken trägt, die Annahme einer absoluten Bewegung für sinnlos zu erklären, daß er sie einen "sinnlosen, inhaltsleeren, wissenschaftlich nicht verwendbaren Begriff" nennt. (20)
LITERATUR - Leonard Nelson, Ist metaphysikfreie Naturwissenschaft möglich?, Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge, II. Band, 3. Heft, Göttingen 1908
    Anmerkungen
    1) "Daß meine Ansichten mit den Kantschen Ergebnissen nicht stimmen können, mußte, bei der Verschiedenheit der Ansätze, die sogar einen gemeinsamen Boden für die Diskussion ausschließen, für jeden Kantianer  und auch für mich  von vornherein feststehen. Ist denn aber die Kantsche Philosophie  die  alleinige unfehlbare Philosophie, daß es ihr zusteht, die Spezialwissenschaften zu warnen, daß sie ja nicht auf eigenem Gebiet, auf eigenen Wegen zu leisten  versuchen,  was sie selbst vor mehr als hundert Jahren denselben zwar versprochen, aber nicht geleistet hat?" (ERNST MACH, "Erkenntnis und Irrtum, Vorwort zur ersten Auflage, 1905, Seite VII)
    2) "Die Frage: Wie ist reine Mathematik (a priori) möglich? enthielt also zweifellos einen der wichtigsten Forschungskeime. Wichtiger aber wäre es noch gewesen, wenn sie nicht die  Voraussetzung  enthalten hätte,  daß  die Erkenntnisse der Mathematik a priori gewonnen werden. Denn nicht philosophische Dekrete, sondern nur die positiven psycho-physiologischen Forschungen können feststellen, was angeboren ist." (ERNST MACH, ebenda, 2. Auflage, 1906, Seite 281)
    3) Auf ein treffendes Beispiel hierfür hat schon APELT aufmerksam gemacht ("De ratione recte philosophandi commentatio", Seite 4f. Vgl. auch "die Theorie der Induktion", Seite 101f)
    4) ERNST MACH, Analyse der Empfindungen, 4. Auflage 1903, Seiten V, VIIIf, 22. Man unterscheide im folgenden genau den Begriff der metaphysischen Annahme von dem der naturwissenschaftlichen Hypothese. Eine Hypothese im naturwissenschaftlichen Sinn muß jederzeit wenigsten die Möglichkeit einer empirischen Kontrolle zu lassen.
    5) Seite 32 und 281, ebenso: Prinzipien der Wärmelehre, 2. Auflage 1900, Seite 435 und Mechanik, 5. Auflage 1904, Seite 525
    6) "Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel", so lautet der erste Satz der Kritik der reinen Vernunft. "Der  Zeit  nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher. Wenn aber gleich alle Erkenntnis  mit  der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle  aus  der Erfahrung ... Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte und nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne unabhängige Erkenntnis gebe. Man nennt solche Erkenntnisse  a priori  und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen in der Erfahrung haben." -
        "Die Kritik", sagt KANT an anderer Stelle, "erlaubt schlechterdings keine angeborenen Vorstellungen; alle insgesamt, sie mögen zur Anschauung oder zu Verstandesbegriffen gehören, nimmt sie als erworben an." (Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll. Seite 68)
    7) ERNST MACH, Mechanik, Seite 524
    8) ERNST MACH, Prinzipien der Wärmelehre, Seite 437
    9) ERNST MACH, Prinzipien der Wärmelehre, Seite 432
    10) Ich kann mich nicht davon überzeugen, daß sich, wie MACH (Seite 31) mit der Mehrzahl der gegenwärtigen Psychologen behauptet, "alle" Fälle von Assoziation auf das "einzige" Gesetz der zeitlichen Berührung zurückführen lassen. Vielmehr scheint mir, man müsse dabei stehen bleiben, eine besondere  Ähnlichkeits-Assoziation  als psychologisch nicht weiter reduzierbare Tatsache hinzunehmen. Ähnlichkeit ist durchaus nicht unter allen Umständen, wie MACH meint, "teilweise Identität". (Analyse der Empfindungen, Seite 57) Zwei verschiedene Blau-Nuancen etwa, deren eine die andere in Erinnerung ruft, sind jede für sich etwas durchaus Einheitliches; sie lassen sich nicht zerlegen, so daß etwa ein identischer beiden gemeinsamer Bestandteil mich veranlassen könnte, beim Anblick einer blauen Skabiose an ein ähnlich gefärbtes Kleidungsstück zu denken. Die der Wahrnehmung korrespondierenden photochemischen Prozesse in der Netzhaut oder im Sehnerven oder auch die zugehörigen Erregungen der Hirnrinde mögen immerhin sehr zusammengesetzter Natur sein und einen gemeinschaftlichen Teilprozeß enthalten; das ändert nichts an der psychologischen Einheitlichkeit der Farbenwahrnehmung. - Man hat sich hier mit der Annahme zu helfen gesucht, eine derartige Assoziation komme durch Vermittlung der mit der Vorstellung der blauen Farbe assoziierten  Wortvorstellung  "Blau" zustande. Aber man hat nicht bemerkt, daß durch eine solche - ohnehin nur theoretisch erkünstelte - Annahme das Problem der Ähnlichkeitsassoziation nicht gelöst, sondern nur verschoben wird. Wie kommt es denn, daß gerade die Wahrnehmung der blauen Skabiose und nicht etwa die eines vorüberfliegenden Zitronenfalters, die Wortvorstellung "Blau" reproduziert? Wie kommt es, daß gerade die verschiedenen blauen Farbentöne und nur diese, mit einem und demselben Wort "Blau" assoziiert sind? - Die beliebte Berufung auf dem Umstand, daß wir schon in frühester Jugend durch die Umgangssprache an die Wortbezeichnung gewöhnt werden, versagt in zweifacher Hinsicht. Erstens läßt sie es unbegreiflich, wie denn die anderen, die sich dieser Bezeichnungsweise bedienen, dazu gekommen sein mögen, geradezu die verschiedenen "ähnlichen" Vorstellungen durch ein Wort in Beziehung zu setzen. Zweitens aber wäre es nach dieser Erklärung ausgeschlossen, daß überhaupt jemals eine von den früher aufgetretenen abweichende Vorstellung eine der früheren reproduzieren könnte. - Man erkennt duch solche Überlegung zugleich, daß ohne die Annahme einer besonderen Ähnlichkeitsassoziation die psychologische Möglichkeit allgemeiner Begriffe (wenigstens aller von sinnlichen Qualitäten abstrahierter Begriffe) unbegreiflich bleiben müßte.
    11) ERNST MACH, Prinzipien der Wärmelehre, Seite 435
    12) ERNST MACH, Mechanik, 5. Auflage, 1904, Seite 141f
    13) MACH erklärt in der Tat "die historisch-genetische Darstellung der Theorien für die einzig richtige". (Erkenntnis und Irrtum, Seite X)
    14) Wir haben hier also dreierlei Verfahren zu unterscheiden: Theorie, Induktion und Abstraktion. Die Theorie ist ein progressives, Induktion und Abstraktion sind regressive Verfahren. Während aber die Indukton aus der Erfahrung  schließt  und dabei schon gewisse Grundsätze a priori  voraussetzen  muß,  zergliedert  die Abstrakton die Erfahrung, um die Grundsätze a priori erst zu  suchen.  Die Induktion schließt also ebenso wie die Theorie von den Gründen auf die Folgen; nur mit dem Unterschied, daß bei dieser die Gründe Realgründe, bei jener aber nur Erkenntnisgründe sind. Die Abstraktion hingegen schließt überhaupt nicht, sondern sucht allererst die Erkenntnisgründe zu gegebenen Folgen. Die Entdeckung der Schwerkraft aus der Beobachtung der Fallbewegung ist ein induktives Verfahren; die Ableitung der Fallgesetze aus dem Gesetz der Schwere ist ein theoretisches Verfahren; die Entdeckung des Gesetzes der Trägheit ist das Beispiel einer Abstraktion.
    15) ERNST MACH, Mechanik, Seite 142
    16) ERNST MACH, Mechanik, ebenda Seite 142
    17) Dieser Fehlschluß kommt bei MACH auch bei anderen Gelegenheiten vor. So schließt er (Mechanik, Seite 533f) aus der  Denkbarkeit  von mehr als dreifach ausgedehnten raumartigen Mannigfaltigkeiten, daß nur die Erfahrung die Eigenschaften des gegebenen Raumes zu lehren vermöge.
    18) Daß diese Annahme nicht nur unerwiesen, sondern auch falsch ist, habe ich an anderer Stelle auseinandergesetzt. Vgl. meine "Bemerkungen über die Nicht-Euklidische Geometrie und den Ursprung der mathematischen Gewißheit". (Abhandlungen der Fries'schen Schule, Neue Folge, Band I, Heft 2 und 3)
    19) ERNST MACH, Mechanik, Seite 143, vgl. auch Seite 293
    20) ERNST MACH, Mechanik, Seite 263 und 257