tb-1A. SpirF. FrederichsA. LassonW. Windelband    
 
ERNST CASSIRER
Der kritische Idealismus
und die Philosophie des
gesunden Menschenverstandes

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"Beweise sind nur notwendig und möglich für mittelbare, abgeleitete Sätze, aber ebenso unnötig wie unmöglich für Grundsätze."

"Was mich betrifft, so bekenne ich, selber noch zu  unbeholfen  zu sein, um selbst unter dem suggestiven Zwang des Nelsonschen Schemas den Fortschritt zur neuen Geschichtsansicht sogleich vollziehen zu können."

I.

Der Kantischen Philosophie ist ein neuer Retter erstanden. Wenn sie bisher durch den Streit der Schulen bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde, wenn die Fülle und der Gegensatz der Auslegungen sie immer mehr zu verdunkeln drohte, so ist nunmehr endlich die Lösung des Rätsels gefunden, das uns seit einem Jahrhundert gequält hat. Und so klar und einleuchtend ist diese Lösung, daß vor ihr jeder Widerspruch verstummen wird. Die Anarchie der philosophischen Sekten und Lehrmeinungen muß nun von selbst verschwinden: die Philosophie steht endlich im Begriff, das Ziel zu erreichen, das KANT selber vergeblich für sie ersehnt hat. Sie wandelt sich zu einer evidenten Wissenschaft, die fortan an logischem Rang weder der Mathematik noch der mathematischen Naturwissenschaft nachsteht. An die Stelle schwankender Parteimeinungen tritt ein exaktes Lehrgebäude; an die Stelle des zügellosen Spiels der Originalitätssucht tritt die strenge schulgemäße Ausbildung. Solche Erhöhung und Festigung ihres Wertes aber verdankt die Philosophie lediglich der neuen  Methode auf die sie gegründet wird. Eine Methode, die freilich heute noch kaum gekannt und verstanden wird: die aber nichtsdestoweniger die alleinige und sichere Gewähr für allen künftigen Fortschritt in sich birgt.

Derartige Ankündigungen und Versprechungen müssen das lebhafte Interesse all derer wachrufen, denen "Philosophie am Herzen liegt". Und die Erwartung wird noch höher gespannt, wenn man hört, welche geschichtlichen Schutzpatrone sich die neue Ansicht erwählt. Es ist die Lehre von JAKOB FRIEDRICH FRIES und E. F. APELT, an die sie wiederum anknüpft, die sie erst wahrhaft beleben und den Zeitgenossen verständlich machen will. Der Name dieser Männer muß in der Tat ein günstiges Vorurteil erwecken; waren sie es doch, die mitten im metaphysischen Getriebe ihrer Zeit den Blick unbeirrt auf das wesentliche Objekt gerichtet hielten, auf das KANT die philosophische Forschung für immer verwiesen hatt: auf die  Prinzipien  der Mathematik und der mathematischen Naturwissenschaft. Sie haben, wie immer man über ihre endgültigen Lösungen urteilen mag, die Grundfrage der theoretischen Philosophie lebendig gehalten und sie der Folgezeit rein überliefert. Wenn die Erneuerung und Deutung ihrer Lehre mit wissenschaftlicher Gründlichkeit durchgeführt wird, wenn sie an spekulativer Tiefe ihren Gegenstande erreicht: so dürfen wir von hier aus in der Tat eine Belebung der allgemeinen philosophischen Bildung der Zeit erhoffen.

Der Führer freilich, der sich uns anbietet, um uns zu diesem Ziel zu geleiten, Herr LEONARD NELSON (1), hat uns den Eingang in das System nicht eben erleichtert. Sein Stil trägt überall dem Tagesgeschmack Rechung, den seine Philosophie zu bekämpfen behauptet. Nicht in ruhiger und sachlicher Erörtung werden die Grundlagen der FRIESSchen Lehre vor uns klargelegt, sondern immer wieder lenkt die Betrachtung zu polemischen Exkursen ab und ergeht sich in pathetischen Beteurungen oder Angriffen. Die Art, in der NELSON die Gegner der FRIESschen Auffassung abzufertigen sucht, kann zur zur Verwirrung, nicht zur Klärung des eigentlichen Streitpunktes dienen. Nirgends gönnt er ihnen eine klare und zusammenfassende Darstellung ihrer Ansicht; immer von neuem unterbricht er sein Referat mit hönischen Glossen und Zwischenbemerkungen. Wir verzichten darauf, ihm gegenüber das gleiche Verahren zu üben. Wir wollen die Lehre NELSONs kennen lernen, ehe wir sie beurteilen; wir wollen sie so getreu als möglich wiedergeben und ihren eigentlichen Kern herausstellen, ehe wir über ihren Wert und die Stellung, die ihr innerhalb der Geschichte der Philosophie gebührt, eine Entscheidung fällen.

Wenn wir nach den Gründen der Streitigkeiten fragen, die die philosophischen Schulen bisher entzweit haben - so beginnt NELSON seine Argumentation -, so werden wir alsbald finden, daß der Gegensatz immer nur die Aussprache und die Formulierung der Prinzipien, nicht ihre konkrete Anwendung und Handhabung betraf. Im wirklichen Leben folgen wir alle  denselben  Grundsätzen, gleichviel, welcher abstrakten Lehrmeinung wir uns zuneigen mögen. Zwiespältig und strittig werden unsere Meinungen erst dann, wenn wir versuchen, sie zu einem begrifflichen Ganzen zusammenzuschließen, sie zu zerlegen und allgemein auszusprechen. Haben wir diesen Unterschied aber erst einmal erfaßt, so besitzen wir damit bereits ein sicheres Mittel, uns vor allem Irrtum zu schützen. Es gilt nur, eine Methode ausfindig zu machen, die diesen primitiven Ursatnd unserer Erkenntnis, von dem die philosophische Reflexion uns immer mehr entfernt hat, wieder zurückerschafft: es gilt diejenige Philosophie wieder in uns herzustellen, die uns als "Naturanlage" von Anfang an gegeben ist.
    "Diese Unterscheidung gibt uns daher ein Mittel an die Hand, den Prinzipienstreit zu schlichten. Greifen wir nämlich aus den Erfahrungen des Lebens solche Urteile und Beurteilungen heraus, über die Einigkeit herrscht, so können wir diese zergliedern und so durch ein  regressives  Verfahren den philosophischen Prinzipien nachspüren, die in den vorliegenden Urteilen und Beurteilungen zur Anwendung kommen und gemeinsam vorausgesetzt werden. Durch fortgesetzte Zergliederung und Abstraktion von den besonderen Anwendungen müssen wir schließlich auf irgendwelche letzte und höchste Voraussetzungen kommen und diese werden wir dann für sich herausheben können." (Seite 4f)
In diesem Verfahren ist, wie Nelson hervorhebt, der gewöhnliche Gang der Beweisführung, wie er sonst in der Wissenschaft angewandt wird, direkt in sein Gegenteil verkehrt. Wenn man sonst von den Gründen zu den Folgen herabsteigt, so soll hier umgekehrt der Grund erst durch die Folgen bestätigt werden. Wir können die ersten Prinzipien und ihre Geltung nicht aus höheren Gründen ableiten: wir können sie nur in den abgeleiteten Ergebnissen selbst "aufweisen", sofern wir zeigen, daß sie in ihnen implizit als Voraussetzung enthalten sind. Es gibt keine andere  Bewährung  eines Grundsatzes, als indem wir dartun, daß er in allen unseren empirischen Urteilen in tatsächlichem  Gebrauch  ist. Und es wäre ein verderblicher Irrglaube, wenn man diese rein faktische Aufzeigung eines Grundsatzes vom logischen Standpunkt aus als minderwertig betrachten würde. Die Philosophie hat es nur deshalb noch nicht zum Rang einer evidenten Wissenschaft gebracht, weil man sich von diesem  prinzipiellen  Mißverständnis' nicht loszumachen vermochte: weil man von ihr verlangt hat, daß sie ihre Grundsätze  beweisen  solle.
    "Es ist ein ganz irriges logisches Vorurteil, daß sich alle Wahrheit beweisen lassen müsse. Durch alle Beweise können wir vielmehr nichts erkennen und entdecken, was nicht schon implizit in den Grundsätzen lag, wir können uns nur dieses deutlicher machen und klarer zu Bewußtsein bringen. Beweise sind nur notwendig und möglich für mittelbare, abgeleitete Sätze, aber ebenso unnötig wie unmöglich für Grundsätze. (Seite 5)
Schon in diesen ersten einleitenden Sätzen haben wir daher einen neuen Einblick in das Wesen des "Kritizismus" erhalten, das bisher fast allgemein verkannt worden ist. Der "Kritizismus in der Philosophie" besteht in nichts anderem, als "in der Befolgung der regressiven Methode" (Seite 7). Wo immer wir von der Aufstellung von Prinzipien ausgehen, um aus ihnen in deduktiver Ableitung die Folgerungen zu entwickeln, da gehen wir  dogmatisch,  wo immer wir dagegen gegebene Urteile und Beurteilungen des tatsachächlichen Lebens zugrunde legen, um sie in ihre Bedingugnen zu zerlegen und damit die Prinzipien, auf die sie sich stützen, erst zu entdecken, da gehen wir  kritisch  vor. Nun befolgt zwar auch die  empirische  Wissenschaft einen ähnlich analytischen Gang, indem auch sie mit den Einzeltatsachen beginnt, um rückschreitend aus ihnen das allgemeine Gesetz zu gewinnen. Von der "abstraktiven" Methode der Philosophie aber ist dieses Verfahren der  induktiven  Forschung doch in seiner Tendenz und seinem Ergebnis deutlich unterschieden. Die Induktion führt niemals auf Grundsätze, sondern immer nur auf Lehrsätze; die allgmeinen und notwendigen Wahrheiten sind für sie nicht das Ziel, bei dem sie endet, sondern immer schon der Anfang, den sie allenthalben voraussetzen muß. Die kritische Philosophie hingegen nimmt den  Tatbestand  unserer Urteile hin, wie sie ihn vorfindet, nicht um seine Wahrheit zu beweisen, noch um seine Entstehung zu erklären, "sondern um aus ihm die reine begriffliche Erkenntnis zu  abstrahieren  und auf ihre obersten Prinzipien zurückzuführen. Hat sie diese gefunden, so stellt sie sie als System der Philosophie auf." (Seite 9f)

Es ist demnach klar, daß die letzten Ergebnisse dieser Philosophie von jenen ersten Zugeständnissen, die wir der naiven Vorstellung entnommen haben, ihrem Wert nach abhängig bleiben. Nur sofern wir  faktisch  gewisse Gesetze anerkennen, müssen wir auch die logischen Bedingungen ihrer Möglichkeit einräumen. (Seite 12f) Das Verfahren der  "Reflexion",  kraft dessen wir uns die Grundgesetze zum klaren deutlichen Bewußtsein bringen, erschafft doch keineswegs ihren eigentlichen Erkenntniswert. Die Reflexion kann nur aus gegebenen Wahrheiten Folgerungen ableiten; sie kann Prämissen, die unabhängig von ihr feststehen, weiter aufklären und verdeutlichen, aber sie ist unfähig, irgendeine fundamentale Wahrheit schöpferisch aus sich hervorgehen zu lassen. Wollen wir uns eines solchen produktiven Urgrundes des Wissens versichern, so müssen wir uns hierfür auf ein anderes seelisches Vermögen stützen.
    "Der Grund der obersten Urteile muß ... unabhängig von der Reflexion in einer unmittelbaren Erkenntnis liegen, die selbst die obersten Gründe für alle Urteile, d. h. für alle mittelbare Erkenntnis enthält. Eine solche unmittelbare Erkenntnis ist die Anschauung, sowohl die empirische Anschauung als Grund aller empirischen Urteile, wie die mathematische Anschauung als Grund aller mathematischen Urteile. Die Einheit und Notwendigkeit aber, die wir faktisch in unserem Denken finden und die wir durch die metaphysischen Grundsätze aussprechen, kann nicht aus der Anschauung entspringen, denn sie kommt uns nur durch Reflexion zu Bewußtsein. Ihr Ursprung kann aber auch - sofern sie  synthetische  Einheit ist - nicht in der Reflexion liegen, da sie vielmehr schon eine Voraussetzung jeden Urteils der Reflexion bildet. Es gibt folglich eine unmittelbare Erkenntnis nicht anschaulicher Art, die den Grund unserer metaphysischen Urteile bildet. Wir nennen sie die unmittelbare Erkenntnis der reinen Vernunft." (Seite 17f)
Haben wir die Notwendigkeit einer solchen unmittelbaren Erkenntnis einmal eingesehen, so haben wir damit den Archimedischen Punkt entdeckt, von dem alle Philosophie fortan ihren Ausgang nehmen kann. Jetzt brauchen wir keine Schwierigkeiten mehr zu fürchten, da wir gegen alle Einwände, die sich gegen unsere Methode erheben können, von vornherein gerüstet sind.
    "Aller Streit um Irrtum und Wahrheit, aller Zweifel und alle Ungewißheit bezieht sich auf die Urteile der Reflexion und betrifft ihre Vergleichung mit der unmittelbaren Erkenntnis, die sie wiederholen. Um diese unmittelbare Erkenntnis kann gar kein Streit sein, ihre Gewißheit kann nie in Frage gestellt und des Irrtums verdächtigt werden, denn Irrtum ist nur Abweichung von der unmittelbaren Erkenntnis, falsche Wiederholung der unmittelbaren Erkenntnis, falscher Ausspruch der unmittelbaren Erkenntnis. Diese liegt daher der Möglichkeit des Irrtums bereits zugrunde; wer sie für irrig erklärt, widerspricht sich selbst, der weiß nicht, was die Worte  Irrtum  und  Wahrheit  bedeuten. Aller Irrtum und Zweifel gehört der Reflexion an und kann die unmittelbare Erkenntnis nicht antasten." (Seite 18f
Damit aber ergibt sich freilich zugleich unwidersprechlich, daß alle unsere Gewißheit - sowohl die von den mathematischen, wie die von den metaphysischen Grundurteilen - dem gewöhnlichen Vorurteil entgegen" lediglich auf subjektivem Grund, nicht auf objektiven Kritierien beruhen kann. Wir können niemals unsere Vorstellung mit dem Gegenstand, sondern immer nur unsere mittelbaren Urteile mit den unmittelbaren Erkenntnissen der Vernunft vergleichen und an ihnen messen. Da uns aber  Erkenntnisse  überhaupt nicht anders als durch  innere  Erfahrung zugänglich werden, so steht damit weiterhin fest, daß die Kritik des Erkennens nicht anders als psychologisch verfahren kann, d. h. daß sie selbst Wissenschaft aus innerer Erfahrung sei.  Die Deduktion der metaphysischen Grundsätze ist also ein Geschäft der Psychologie.  Es wird "möglich sein, ohne mit den philosophischen Prinzipien selbst in abstracto zu operieren, sie auf empirischem Weg zu deduzieren." (Seite 26). Der inneren Selbstbeobachtung bleibt daher die letzte und höchste Entscheidung über unsere Erkenntnis überlassen. Diese  "subjektive  Wendung aller Spekulation"' enthebt uns aller vorlauten Zweifel und Fragen des abstrakten, reflektierenden Denkens. Dem Verfahren gegenüber, das hier geübt wird, ist "Skeptizismus gar nicht anzubringen", "eben weil wir dabei ganz auf dem Boden der Tatsachen bleiben, die einem jeden zur Beobachtung offen liegen, ohne uns auf irgendwelche metaphysische Erörterungen oder Hypothesen einzulassen". (Seite 26) Die einzige Voraussetzung, die wir hierbei machen müssen, ist das Faktum des Selbstvertrauens der Vernunft. Dieser Grundsatz
    "verdient allein den Namen eines kritischen (oder transzendentalen) Prinzips, sofern darunter ein Satz verstanden wird, der, ohne selbst metaphysisch zu sein, ein Kriterium der Legitimität metaphysischer Sätze an die Hand gibt. Denn er enthält die Legitimität aller Sätze, die ihren Ursprung in der reinen Vernung und mithin sich selbst als metaphysische Grundsätze erweisen können ... Jedes andere angeblich kritische Prinzip, als der Grundsatz des Selbstvertrauens der Vernunft ist entweder zu eng, indem es unsere metaphysiscne Befugnisse willkürlich einschränkt, oder zu weit, indem es die Ansprüche der Metaphysik ungebührlich ausdehnt." (Seite 31)
So rührt z. B. "der Mangel an Konzentration in der Kantischen Lehre" lediglich daher, daß ihr das hier entdeckte einheitliche Prinzip, das erst FRIES mit Sicherheit ergriffen und bestimmt hat, noch fehlte. (Seite 31f) Die ursprüngliche, vor der mittelbaren Erkenntnis der Reflexion schon vorausgehende Erkenntnis der Vernunft, die indesse  keine Anschauung  ist, sondern uns trotzdem nur mittels des reflektierenden Verstandes zu Bewußtsein kommt, blieb KANT verschlossen, womit ihm denn auch der eigentliche Grund der Apodiktizität in unseren Urteilen unklar blieb. (Seite 62f)
    "So sehr KANT sich daher auch bemüht, die subjektive Deduktion von der objektiven zu unterscheiden, so hat er doch infolge des Mißverständnisses des Transzendentalen ihre psychologische Natur verkannt und ihr, aus Furcht, in die physiologische Ableitung zu geraten, eine irreführende objektive Wendung gegeben. So hat er uns mit seiner Arbeit gleichsam nur ein Problem, ein Rätsel in die Geschichte der Philosophie geworfen, dessen Auflösung ihm selbst verborgen geblieben ist." (Seite 64).


II.

Wir sind am Ende unserer Darstellung der NELSONschen Lehre. Wir haben ihren Inhalt, ohne kritische Einwürfe und Zwischenbemerkungen, so genau und prägnant wie möglich wiederzugegeben versucht. Der Grundriß des Systems ist in den Sätzen, die wir bis hierher kennen gelernt haben, endgültig entworfen und abgesteckt; was NELSON hinzufügt, sind nur noch rhetorische Ausschmückeungen oder polemische Herzensergießungen. Nach den Verheißungen, die uns am EIngang empfingen, muß sich jetzt freilich ein Gefühl der Enttäuschung in uns regen. Dies alos ist die entscheidende Entdeckung, die der Anarchie der philosophischen Schulen ein Ende machen und die Philosophie in den sicheren Gang der Wissenschaft leiten sollte; das ist der Gedanke, der bisher von aller Spekulation verkannt wurde, fortan aber als "konstitutives Prinzip der Metaphysik" gelten muß? Das "Vertrauen der Vernunft zu sich selbst": nun, wir denken es nicht zu schmälern oder zu bekämpfen. Aber wir waren bisher der Meinung, daß die Philosophie, daß insbesondere die  Erkenntniskritik  die Aufgabe hätte, anstelle des blinden  Glaubens  die  Rechtfertigung  der Prinzipien zu setzen, daß sie nicht nur die tatsächliche empirische Anwendung der logischen Grundsätze aufzuweisen, sondern auch deren  Notwendigkeit  und objektive Gültigkeit darzutun hätte. Jetzt sehen wir, daß eben diese Ansicht das - Vorurteil ist, das uns von der unbefangenen Würdigung des NELSONschen "Standpunktes" noch trennt. Um uns von diesem Vorurteil zu befreien, werden wir nicht nur unsere Anschauung vom  Wesen  der Philosophie, wir werden auch unsere Auffassung von ihrer  geschichtlichen Entwicklung  zu korrigieren haben. Glücklicherweise ist es NELSON selbst, der uns hierzu die Hand bietet, indem er seine theoretischen Erörterungen durhc ein Schema ergänzt, in welchem er den bisherigen Fortgang oder vielmehr Irrgang der spekulativen Forschung beschreibt. Wenn KANT einmal den Gedanken einer "philosophischen Archäologie" ausspricht, die die "Fakta der Vernunft", die sie aufstellt, dennoch nicht von der Geschichtserzählung entlehnt, sondern sie aus der "Natur der menschlichen Vernunft" selbst zieht: so sollen sich die bisherigen abstrakten Entwicklungen NELSONs daran bewähren, daß sie uns unmittelbar in den Stand setzen, das Schema dieser philosophischen Archäologie aufzustellen.
    "Dieses Schema ist der Organisation der Vernunft selbst nachgebildet. Der psychologische Gesichtspunkt, nach dem es entworfen ist, verbürgt einerseits seine Vollständigkeit rücksichtlich der Mannigfaltigkeit aller möglichen historischen Formen, andererseits die Unabhängigkeit aller Momente seiner Einteilung von historisch gegebenen oder willkürlich erdachten Maßstäben. Es gibt uns daher einen sicheren Leitfaden an die Hand, an dem sich alle methodologisch bedeutsamen Fortschritte und Irrtümer in der Geschichte der philosophischen Wissenschaften nach Prinzipien übersehen und bis auf ihre "Quelle in der Vernunft selbst zurückführen lassen." (Seite 55f)
Man versteht die bisherige Gestaltung der Philosophie, wenn man sich gegenwärtig hält, daß sie das eigentliche Losungswort, das alle Schwierigkeiten mit einem Schlag beseitigt, daß sie die unmittelbare Erkenntnis der Vernunft, die weder  anschaulichen  noch  logischen  Ursprungs ist, nicht zu begreifen und herauszustellen vermochte. Ihr gelten als  einzige  Erkenntnisquellen  Anschauung  und  Reflexion,  womit sie "zwar der reinen Mathematik und Empirie, nicht aber dem Metaphysischen in unserer Erkenntnis gerecht werden konnte." An diesem gemeinsamen Irrtum krankt der Platonismus, wie der Aristotelismus und mit ihm alle seine Spiel- und Abarten, die er in der Entwicklung der Philosophie gezeitigt hat. Man suchte entweder die obersten Grundsätze zu  beweisen,  womit man in den Fehler verfiel, aus bloßer formaler Logik Metaphysik machen zu wollen oder aber man erkannte ihre Unerweislichkeit, berief sich aber, um die Prinzipien doch nicht ohne Begründung zu lassen, auf die "mystische Fiktion" einer nichtsinnlichen, intellektuellen Anschauung. Wer schließlich beide Auswege verwarf, dem blieb nichts übrig, als die Realität dieser Prinzipien selbst zu leugnen und sich so einem schrankenlosen  Empirismus  in die Arme zu werfen. Aus diesen Erwägungen wird man die folgende graphische Darstellung der Philosophiegeschichte verstehen, die NELSON entwirft und die zu wertvoll ist, als daß wir sie hier den Lesern vorenthalten dürften.

schema

Wer sich in die Betrachtung dieser Figur versenkt, dem muß sich gleichsam sinnlich die Gewißheit aufdrängen, daß alle bisherigen Versuche, die Philosophie zu begründen, daß Rationalismus wie Mystizismus, Empirismus wie Apriorismus nur kindliche Vorstufen des wahren Systems gewesen sind.
    "Es läßt sich ohne Mühe zeigen, daß fast jeder selbständige spekulative Kopf in der Geschichte der Philosophie dieser Entdeckung mit größerer oder geringerer Deutlichkeit auf der Spur war, sich aber durch das seine Zeit beherrschende dogmatische Vorurteil hindern ließ, dieser Entdeckung nachzugehen, PLATONs göttliche Anschauung der Ideen, der  nous  des ARISTOTELES, bei den Neueren JACOBIs "Offenbarung", KANTs "transzendentale Apperzeption", REINHOLDs "unmittelbares Bewußtsein", FICHTEs "reines Ich", SCHELLINGs "intellektuelle Anschauung" und so fort bis auf WINDELBANDs "Normalbewußtsein" und RICKERTs "Sollen als transzendentes Minimum': das alles sind nur mehr oder weniger unbeholfene Versuche, von der bloßen Reflexion zur unmittelbaren Erkenntnis der reinen Vernunft herüberzukommen." (Seite 53f)
Ob NELSON diese seine summarische Auffassung von der welthistorischen Entwicklung des Denkens von FRIES, ob er sie insbesondere von ERNST FRIEDRICH APELT, einem der ersten und tiefsten Geschichtschreiber der logischen und wissenschaftlichen  Methodenlehre  gelernt hat, das läßt sich füglich bezweifeln. Was mich betrifft, so bekenne ich, selber noch zu "unbeholfen zu sein, um selbst unter dem suggestiven Zwang des NELSONschen Schemas den Fortschritt zur neuen Geschichtsansicht sogleich vollziehen zu können. Befragen wir die allbekannten und unzweifelhaften Tatsachen der Geschichte selbst und sehen wir zu, welches Bilder der philosophischen Gesamtentwicklung sich aus ihnen ergibt. Hier finden wir denn mit einem Erstaunen die "Entdeckung", die NELSON an die Spitze stellt, als eigentlichen Ausgangs- und Anfangspunkt der Logik wieder. Daß ARISTOTELES, erfüllt vom Vorurteil des logischen Dogmatismus, auch die Wahrheit der obersten Grundsätze nach dem Verfahren der "Reflexion" und des Syllogismus zu  beweisen  unternommen habe, ist durchaus unzutreffend: genau das Gegenteil ist der Fall. Einen "Mangel an Bildung" nennt er es, wenn man nicht zu unterscheiden vermag, von welchen Sätzen man einen Beweis suchen, von welchen man ihn nicht suchen solle. "Denn daß es von allem einen Beweis gebe, ist unmöglich, da dies ins Unendliche ginge, so daß es wiederum keinen Beweis gäbe." (Metaphysik T4 1006a) Aller syllogistischen Ableitung, allem synthetischen Fortschritt des Denkens müssen demnach nach ihm erste "unvermittelte" Gewißheiten bereits zugrunde liegen, die lediglich "durch sich selbst" erkannt werden. (Analyt. prior. B., cap 16) Und als psychologisches Korrelat dieser "unmittelbaren" Erkenntnisse wird der Begriff der "Vernunft", als eines eigenen, von allen sonstigen seelischen Funktionen streng gesonderten Vermögens von ARISTOTELES geradezu geprägt. Von der Anschauung, wie von der abstrakten reflektierenden Denktätigkeit ist der  nous,  der die obersten Prinzipien aller Wissenschaft zu seinem Gegenstand hat, gleich sehr unterschieden. Zugleich ist er der Möglichkeit des  Irrtums  enthoben: die einfachen Grundlagen aller Erkenntnis kann man nur besitzen oder nicht besitzen; hat man sie aber einmal ergriffen, so ist eine Täuschung über sie fürderhin nicht länger möglich. (De anima, III, 6, 430; Metaphysik, O-10, 1051b) Wie diese aristotelische Lehre sich innerhalb der griechischen Spekulation forterbte, wie sie sich zum Stoischen System der notwendigen Grundbegriffe der Vernunft verdichtet hat, die keiner anderen Bürgschaft als der "allgemeinen Übereinstimmung" bedürfen; wie dieses System schließlich wiederum auf die Anfänge des modernen Rationalismus, besonders auf HERBERT von CHERBURY gewirkt hat: das alles ist bekannt und braucht hier nicht näher ausgeführt zu werden. (2)

In neuer Form tritt uns der Gedanke sodann in der Lehre des DESCARTES entgegen. Das Kriterium der "klaren und deutlichen Perzeption" wird hier von neuem zum obersten Prinzip aller Gewißheit erhöht. Freilich erhält es nunmehr einen vertieften und originalen Sinn, da es den Zusammenhang bezeichnet, der zwischen der philosophischen Methodik DESCARTES' und seiner Grundlegung der  Mathematik  besteht. Die "dunklen Qualitäten" der Scholastik müssen aus der Naturerklärung verschwinden; nur was sich völlig in die "Evidenz" der ersten mathematischen Begriffe und Gründe auflösen läßt, soll uns fortan ein wahrhaftes und wirkliches Sein bedeuten. Die abstrakte  Schlußfolgerung  wird für die Ableitung der ersten mathematischen und metaphysischen Grundwahrheiten verworfen. Das Wissen, das wir von ihnen besitzen, stammt aus keinem syllogistischen Beweis, sondern es ruht ganz auf jener "inneren Erkenntnis", die aller abstrakten logischen Zergliederung vorangeht. (Responsiones VI, vgl. Correspondance, ed. ADAM-TANNERY, V, Seite 138) Dennoch aber - und dies ist ein zweiter nicht minder wichtiger Zug seiner Lehre - ist ihm die  Anschauung  keineswegs der zureichende Grund dieser Wahrheiten. Schon die  mathematischen  Begriffe und Urteile haben ihm, wenngleich sie sich auf das Gebiet des anschaulichen Seins  beziehen,  dennoch in ihm nicht ihre letzte Stütze: Arithmetik, wie Geometrie gründen sich nicht auf die "Phantome der Einbildungskraft", sondern lediglich auf die "klaren und distinkten  Begriffe  unseres Geistes." (3) Die metaphysischen Begriffe vollends, die Gottesidee und die Idee des Unendlichen, werden prinzipiell jeder Möglichkeit einer direkten oder mittelbaren anschaulichen Erfassung entrückt und als Inhalte und Erzeugnisse des reinen Verstandes" bezeichnet. Daß diese Inhalte uns nicht als fertige, psychische Daten mitgegeben sind, daß sie erst durch die Tätigkeit der Reflexion und des selbstbewußten Denkens erarbeitet und in unseren Besitz gebracht werden müssen: diese selbstverständliche Einsicht hat sich ein DESCARTES wahrlich nicht verhehlt. Wenn HOBBES die Idee der "Seele" damit zu vernichten meinte, daß er darauf hinwies, daß sie uns nicht unmittelbar bekannt sei, sondern erst durch rationales Denken zustande komme ("ratione colligitur"), so erteilt DESCARTES ihm die bündige und schlagende Antwort, daß der Begriff der Seele gerade dadurch, daß er auf diese Weise  erworben  werden müsse, erst zur Idee in seinem Sinne werde. (4) Und dennoch ist es gerade dieser sein Grundbegriff der "klaren und deutlichen Perzeption", der DESCARTES, trotz aller seiner kritischen Tiefe und seiner methodischen Vorsicht, zuletzt wiederum im Bannkreis der  Metaphysik  gefangen hält. Jetzt erweist es sich alsbald, wie zweideutig und fragwürdig die bloße Behauptung einer unmittelbaren, nicht weiter zu rechtfertigenden Erkenntnis aus reiner Vernunft ist.  Dasselbe  Prinzip, das dazu ausersehen war, die exakte Wissenschaft zu begründen und ihren eigentümlichen Vorzug zu bezeichnen, wird nunmehr der Ableitung von "Axiomen" dienstbar gemacht, die uns wieder mitten in die  Scholastik  zurückversetzen. Vor allem aber wird es innerhalb der Enwicklung der cartesischen Schule deutlich, daß die Mängel des  Wahrheitskriterium  es sind, die unaufhaltsam zur stetigen Selbstauflösung des Systems hinführen. Der Begriff der klaren und deutlichen Perzeption wird zur eigentlichen geschichtlichen und sachlichen  Krisis  der cartesischen Philosophie. (5) Fortan wird dieser Begriff nicht nur von den sensualistischen Gegnern bekämft: auch innerhalb des Rationalismus ist seine Rolle beendet. LEIBNIZ spricht nur noch mit unverhohlenem Spott von denen, die statt jeder Rechtfertigung und jedes Beweises der obersten Grundsätze sich nur auf ihre klaren und deutlichen Ideen und deren innere psychologische Evidenz berufen. Aus der Polemik gegen eine derartige Auffassung entwickelt sich sein ein eigenes Ideal der Philosophie und sein System der "allgemeinen Charakteristik". Die "unmittelbare Erkenntnis im Sinnes des ARISTOTELES ist somit nunmehr von  beiden  gegnerischen Parteien die sich in der neueren Erkenntnistheorie gegenüberstehen, verlassen; wenn sie trotzdem noch nicht als völlig überwunden gelten kann, so liegt das daran, daß sie einen letzten Halt- und Stützpunkt in der  schottischen Schule,  in der Lehre REIDs und BEATTIEs findet.

Schärfer und bestimmter hebt sich jetzt das Prinzip der Gesamtanschauung heraus, da die Fragen der formalen Logik, die bei ARISTOTELES dennoch vorherrschten, hier bereits völlig durch psychologische Interessen abgelöst und verdrängt sind. Alle Beweisführung - so argumentiert REID - muß von ersten Prinzipien ausgehen, für die kein anderer Grund angegeben werden kann, als dies, daß wir durch die natürliche Beschaffenheit unseres Geistes (the constitution of our nature)  gezwungen  sind, ihnen zuzustimmen. Solche Prinzipien sind Teile unseres eigenen Wesens: das vermittelnde Denken kann sie weder hervorbringen, noch vernichten, noch auch den geringsten Schritt ohne sie tun.
    "Woher diese Prinzipine stammen, auf die ich all meine Schlußfolgerungen gründe, das weiß ich nicht; denn ich besitzes sie länger als ich denken kann, aber ich bin sicher, daß sie zum Wesen meines Ich gehören und daß ich sie nicht ablegen kann." (6)
Der Trieb, der mich an diese Grundsätze  glauben  lehrt, ist somit die letzte und notwendige Voraussetzung all unseres Wissens. Durch ihn werden wir sowohl der Realität der Außenwelt, wie der Existenz unseres eigenen Ich gewiß, deren wir uns durch abstrakte Verstandestätigkeit niemals versichern könnten. So wissen wir etwa um den notwendigen Zusammenhang, der zwischen  Ursache  und  Wirkung  besteht, lediglich durch ein derartiges natürliches Prinzip, das wir in uns tragen. Der Grundsatz der Kausalität kann nicht aus der Induktion stammen; denn alle Induktion setzt, um gültig zu sein, den Gedanken, daß die Natur stets gleichförmig und nach einer bestimmten Regel verfahre, voraus: er kann ebensowenig - wie HUME treffend gezeigt hat - das Ergebnis rationaler Schlußfolgerung sein. So bleibt nur übrig, ihn auf einen psychologischen "Instinkt" zurückzuleiten, kraft dessen wir die künftige Erfahrung antizipieren. (7) Das innere Zwangsgefühl, die "Suggestion", die uns nötigt, zwei Elemente der Erfahrung  a  und  b  in das Verhältnis von Ursache und Wirkung zu setzen: sie ist die einzige und nicht zu überbietende Gewähr der Gültigkeit des Kausalbegriffs.

Überblicken wir diese geschichtlichen Betrachtungen, so bietet sich uns nunmehr ein etwas anderes Bild, als das "Schema" NELSONs es uns gezeigt hat. Was er eine fundamentale Entdeckung nennt, das ist nicht nur seit den Tagen des ARISTOTELES ein Gemeingut der Philosohie: es erweist sich auch, von den Anfängen der modernen Erkenntniskritik an immer deutlicher als ein gefährlicher Gemeinplatz, der durch den Fortschritt der wissenschaftlichen Analyse mehr und mehr zurückgedrängt wird. NELSON täuscht sich über die wahren geschichtlichen Ursprünge seines Systems, wenn er sich als Reformator der FRIESschen Lehre fühlt: was er in Wahrheit ergriffen und wiederhergestellt hat, das ist die altbekannte Philosophie des "Common sense". Zwar behaupten wir nicht, daß es inhaltlich  dieselben  theoretischen und praktischen Grundsätze sind, für deren Geltung er eintritt. An einigen dieser "unmittelbar evidenten Wahrheiten" hat die Zeit, hat die Wissenschaft eine zu unerbittliche Kritik vollzogen, als daß man heute versuchen könnte, sie von neuem zu behaupten. Aber die  Methode,  nach welcher die Prinzipien aufgestellt und gegen alle Einwendungen verteidigt werden, ist die alte geblieben: und die Methode allein ist es, die nach NELSONs eigenem Urteil über den wahren Charakter einer Philosophie entscheidet.
LITERATUR - Ernst Cassirer, Der kritische Idealismus und die Philosophie des gesunden Menschenverstandes, Giessen 1906
    Anmerkungen
    1) LEONARD NELSON, Die kritische Methode und das Verhältnis der Psychologie zur Philosophie. - JAKOB FRIEDRICH FRIES und seine jüngsten Kritiker. (Abhandlungen der FRIESschen Schule; Neue Folge, Heft 1 und 2, Göttingen 1904/05.
    2) Vgl. hierzu DILTHEY, die Autonomie des Denkens, der konstruktive Rationalismus und der pantheistische Monismus nach ihrem Zusammenhang im 17. Jahrhundert, Archiv für Geschichte der Philosophie, Bd. VII
    3) DESCARTES, Correspondance III, Seite 395; vgl. besonders Respons. V.
    4) DESCARTES, Respons. III, objectio VII
    5) Vgl. die ausführliche Darlegung dieses Prozesses in meiner Schrift "Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft in der neueren Zeit". Berlin 1906; Bd, Buch 3, Kapitel 2
    6) THOMAS REID, An inquiry into the human mind, Edinburg 1765, Seite IIIf
    7) REID, a. a. O. Seite 89f und 346f