tb-1Exakte WissenschaftenBegründung der Erkenntnis Vorfragen d. Psychologie     
 
PAUL NATORP
Zur Streitfrage zwischen
Empirismus und Kritizismus

- Bemerkungen zum vorstehenden Aufsatz (1)
   
"Tatsächlichkeit ist überhaupt Urteilsleistung, mithin logische Leistung. Das ist freilich für viele eine harte Rede."

"Es gibt keine einzige Bestimmung einer Tatsache, die nicht Denkbestimmung wäre."

"Das Problem des  Gegenstands  ist das zentrale Problem der  Erkenntnis." 

"Der Eintritt einer Empfindung, sei noch nicht Erfahrungswissen, denn letzteres müsse  natürlich  noch die bestimmte Form enthalten, die - unser Denken ihm aufprägt; womit doch in aller nur zu wünschenden Klarheit gesagt ist, daß die reine, direkte Erfahrung, bestehend im bloßen Eintritt einer Empfindung, kein Wissen enthält."

"Es ist die eigenste These des Kritizismus, daß alle Begriffe der Wissenschaft, alle echten Begriffe überhaupt, bis zu den fundamentalsten zurück, nur "Denkmittel", daß insbesondere Grundbegriffe stets Ausdrücke allgemeiner Verfahrungsweisen des Denkens sind und keiner anderen Notwendigkeit, keinem anderen Gesetz unterliegen, als dem des Gedankens; daß somit von "Dingen an sich", wofern man darunter versteht: von dem, was Dinge wären, abgesehen von allem unseren Begriff, gar kein Wissen durch Begriffe zu erlangen, noch überhaupt eine andere (theoretische) Wahrheit in solchen zu suchen ist, als durchgängige Einstimmigkeit der Begriffe im Erfahrungsgebrauch derselben."

"Im  Inhalt  des Gedachten findet  Einstimmigkeit  aller einzelnen Ansätze unter sich entweder statt oder nicht. Wenn oder soweit nicht, ist es schweifendes Denken, vielmehr nach genauerer Sprechweise überhaupt nicht Denken, sondern gedankenloses Vorstellen; welches freilich sich selbst und anderen als Denken erscheinen kann, sofern es mit teilweise Gedachtem fortarbeitet."

"Denkt sich der Empirist eine ursprüngliche Kluft zwischen Begriff und Gegenstand, so weiß dagegen der Kritizist von keinem Gegenstand, noch wüßte er überhaupt einen Sinn mit der Nachfrage nach einem solchen zu verbinden, der nicht durch und in Begriffen der Erkenntnis konstituiert wäre."

"Aus der Sackgasse dieses Dualismus gibt es keinen Ausweg als durch die einfache Besinnung, daß  auch  Tatsächlichkeit nichts anderes ist als ein Urteilsinhalt, ein besonderer Fall der  denkenden  Setzung  es ist." 
   

Der Verfasser des vorstehenden Aufsatzes weiß es sich nicht zusammen zu reimen, daß COHEN in HERTZ eine Tendenz zum Idealismus findet, BAUMANN dagegen in MACH nur ein unhaltbares Extrem des Empirismus zu erkennen vermag, da nach seiner Auffassung beide, HERTZ und MACH, vielmehr eine und dieselbe Stellung einnehmen, nämlich dem Idealismus zwar rückhaltlos beitreten in Hinsicht des Ursprungs unserer Begriffe, aber dem Empirismus ebenso ungeteilt Recht geben in Hinsicht ihrer Richtigkeit d. i. Übereinstimmung mit den Gegenständen. (siehe besonders Seite 180f) Die Begriffe sind ganz unser, sie sind eigene Schöpfungen des Denkens und an sich nur seinem selbstgegebenen Gesetz unterworfen, aber sie haben eben darum aus sich keinerlei Erkenntniswert in Beziehung auf irgendetwas außer unseren Gedanken. Durch Begriffe an und für sich wissen wir von den Gegenständen nichts, sondern allein durch Erfahrung. Doch werden wir zweckmäßig unsere Begriffe, da wir sie eben, von gewissen allgemeinsten Voraussetzungen abgesehen, nach Willkür gestalten können, dem was uns durch Erfahrung von den Gegenständen bekannt wird, in der Art anpassen, daß sie zu einem abgekürzten Ausdruck und daher zu leichteren Aufbewahrung und Überlieferung dieser Erkenntnis dienen; und in nichts als dieser besonderen Gestaltung unserer Begriffe besteht die Arbeit der Wissenschaft. Wissenschaft ist demnach keineswegs identisch mit Wissen d. i. Kunde vom Gegenstand; allenfalls ist sie ein wertvolles Hilfsmittel, um unser wirkliches Wissen, das genau genommen bloß in unseren direkten Erfahrungen besteht, (183) festzuhalten, auch durch erhaltene Mitteilungen von den direkten Erfahrungen anderer, die wir dann durch eigene direkte Erfahrung bestätigen können, es zu vermehren.

Genau hierin liegt aber für den Kritizisten die Schwierigkeit, daß durch Begriffe an und für sich nichts gewußt werden kann, dagegen Erfahrung, unabhängig von allem Begriff, ein Wissen vom Gegenstand liefern soll. Es sollen sich also an und für sich weder die Begriffe nach den Gegenständen (der Erfahrung) noch diese nach jenen richten  müssen,  sondern nur die Willkür der Begriffe weit genug reichen, daß es  möglich  ist, sie den Erfahrungen anzupassen. Diese Ansicht stellt einen harten Dualismus dar, dem man sich ohne Not nicht gefangen geben wird.

Man kann dem Verfasser des vorstehenden Aufsatzes nicht nachsagen, daß er die Schwierigkeit versteckt habe; sie verrät sich auffallend, wenn er, im schroffen Gegensatz zu seiner eigenen These, (Seite 183) daß "wirkliches Wissen nur unsere direkten Erfahrungen" enthalten, Seite 172 einräumt: Erfahrung, d. i. der Eintritt einer Empfindung, sei noch nicht Erfahrungswissen, denn letzteres müsse "natürlich" noch die bestimmte Form enthalten, die - unser Denken ihm aufprägt; womit doch in aller nur zu wünschenden Klarheit gesagt ist, daß die reine, direkte Erfahrung, bestehend im bloßen Eintritt einer Empfindung, kein Wissen enthält.

Nach Seite 182 wissen wir z. B. aus Erfahrung ganz gewiß, daß wir sind, daß wir in einem bestimmten Moment eine bestimmte Empfindung besitzen und daß dieser Besitz nicht von unserer Willkür abhängt; d. h. wir wissen "Tatsachen". Nun kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß all solches "Wissen" die bestimmte Form unseres Denkens enthält. Wie sollte auch ohne diese ein Wissen möglich sein, da Wissen nur heißt bestimmtes Bewußtsein und diese Bestimmung nur geschieht durch Begriff, die nichts anderes als die Bestimmungen des Bewußtseins sind?

Hier liegt der Kern des Problems. Wer das eben Gesagte zugesteht und dann die Konsequenzen daraus zieht, wird sich dem logischen Netz des Kritizismus nicht leicht entwinden können. Der Verfasser gesteht das Gesagte - an einer Stelle, gleichsam in Parenthese [als Einschub, wp], als "natürlich" - zu, aber er zieht nicht die Konsequenzen daraus und kann so fortfahren, sich in vollem Gegensatz zum Kritizismus in der Hauptfrage, nämlich der nach der Gegenständlichkeit unserer Begriffe, zu glauben. Er meint hierbei übereinzustimmen mit HERTZ und MACH. Da es nun leider nicht möglich ist, an den ersteren unsere Frage zu richten, so wendet sich der Kritizismus mit dem Wunsch der Bitte um eine aufklärende Antwort an den letzteren.

Um die Verständigung zu erleichtern, seien voraus einige Punkte zusammengestellt, in denen eine wirkliche, wenigsten radikale Differenz mir nicht vorzuliegen scheint.

1. Der Kritizismus hat nicht nur nichts dawider, sondern es ist seine eigenste These, daß alle Begriffe der Wissenschaft, alle echten Begriffe überhaupt, bis zu den fundamentalsten zurück, nur "Denkmittel", daß insbesondere Grundbegriffe stets Ausdrücke allgemeiner Verfahrungsweisen des Denkens sind und keiner anderen Notwendigkeit, keinem anderen Gesetz unterliegen, als dem des Gedankens; daß somit von "Dingen an sich", wofern man darunter versteht: von dem, was Dinge wären, abgesehen von allem unseren Begriff, gar kein Wissen durch Begriffe zu erlangen, noch überhaupt eine andere (theoretische) Wahrheit in solchen zu suchen ist, als durchgängige Einstimmigkeit der Begriffe im Erfahrungsgebrauch derselben. Spricht der Kritizist von Ursachen, Kräften und dgl., so meint er Konstanten der Wissenschaft und es ändert an der Grundfassung des Problem nichts, ob man diese Konstanten nun so oder so ansetzt, ob z. B., wenn es sich um die Begriffsfassung der Bewegung handelt, als Konstante der zweite Differentialquotient nach der Zeit dient, oder dieser mit einem Koeffizienten oder was sonst.

2. Fügt MACH zu dieser uns mit ihm, wie wir annehmen, gemeinsamen Voraussetzung seine physiologischen Erläuterungen hinzu (siehe KLEINPETER Seite 165), so ist man wohl berechtigt auch als seine Meinung zu verstehen, daß solche Erläuterungen nicht Bedingungen dürfen aussprechen wollen, an welche die fundamentalen Aufstellungen über Sinn und Grund aller Wissenschaft gebunden seien; da die Voraussetzungen, aus denen diese Erläuterungen geschöpft sind, so sicher sie in der Wissenschaft der Physiologie stehen möchten, doch jedenfalls in ihrer Geltung bedingt sind durch jene Bedingungen, welche die Geltung von Wissenschaft überhaupt bedingen; über welche wir ja erst Verständigung suchen. Ein Gleiches würde gelten von solchen psychologischen Erläuterungen, die etwa nicht physiologische sein wollten; so daß wir in die heikle Untersuchung, was eigentlich hier physiologisch, was psychologisch ist, gar nicht einzutreten brauchen.

3. Demnach wird man auch annehmen dürfen, daß MACH nicht, mit KLEINPETER, den Unterschied von  a priori  und  a posteriori  gleichsetzen würde dem Unterschied willkürlichen und erzwungenen Vorstellens; daß nicht auch er gegen KANTs Erklärung des  a priori  durch die Merkmale der Notwendigkeit und Allgemeinheit den Einwand machen würde, es gebe überhaupt keinen Satz, der tatsächlich von allen Menschen als richtig anerkannt werden (Seite 181); daß er allgemein nicht das Denken einer absoluten Freiheit unserer Willkür würde anheimstellen wollen, bis zu der Konsequenz, daß es am Ende Sache der Willkür wäre zu denken oder nicht, daß 1 + 1 = 2 oder B = c, auch a = c sei; daß man diese oder irgendwelche im gleichen Sinne "notwendigen" Gedanken aus freier Willkür "abkommandieren" könnte (Seite 172) zugunsten der gegenteiligen. Er wird demgemäß auch nicht die "Außenwelt" definieren wollen unter Voraussetzung einer so verstandenen Willensfreiheit im Denken (Seite 173). Sicher nicht würde HERTZ derartiges zugeben, der von denknotwendigen Sätzen, von eindeutiger Entscheidung der Zulässigkeit d. i. Denkgerechtheit von Bildern (der Wirklichkeit) ausdrücklich spricht und in diesem Sinne sogar sämtliche Aufstellungen seines ersten Teils als "Urteile  a priori  im Sinne KANTs" bezeichnen darf.

4. Zwar führ derselbe dann fernerhin solche Voraussetzungen ein, die mit anderen gegebenenfalls vertauschbar, mithin nicht  a priori  eindeutig entschieden sind; er setzt voraus, daß wir unseren Gedankenbildern der Gegenstände, eben weil sie unser sind, "Vorschriften machen" können und er legt das stärkste Gewicht darauf, daß solche, also nicht denknotwendigen Voraussetzungen von den denknotwendigen scharf geschieden werden, mit denen sie gewöhnlich derart verschmolzen sind, daß es schwer hält, sie rein davon abzusondern. Damit ist aber einer schrankenlosen Willkür des wissenschaftlichen Denkens durchaus nicht das Wort geredet, sondern es handelt sich um den schlichten, in aller Wissenschaft geläufigen, auch vom Kritizismus stets betonten Unterschiede von Grundsatz und Hypothese.

Über diese einfachen Präliminarien [Voraussetzungen, wp], meine ich, müßte es leicht sein, sich zu verständigen und ich würde kaum für nötig halten, darauf weiter einzugehen, wenn nicht das Beispiel KLEINPETERs lehrte, daß darüber Mißverständnisse doch möglich sind. Es sei deswegen der Versuch nicht gespart, den Hauptsinn der eben formulierten Sätze kurz, doch in möglichst radikalem, möglichst wenig voraussetzendem Gedankengang zu begründen.

Spricht man in erkenntniskritischer Erwägung von denknotwendigen Sätzen, so denkt man dabei nicht an irgend einen, sei es nun physiologischen oder psychologischen Zwang, der ein solches Denken, als dann und dann sich ereignenden  Geschehen,  unter der gegebenen Lage der psychischen oder physiologischen Faktoren,  erzwinge,  sondern man meint Folgendes:

Im  Inhalt  des Gedachten, den ich ins Auge fassen kann, ohne auf das Denkgeschehen irgendwelche Rücksicht zu nehmen (2), findet  Einstimmigkeit  aller einzelnen Ansätze unter sich entweder statt oder nicht. Wenn oder soweit nicht, ist es schweifendes Denken, vielmehr nach genauerer Sprechweise überhaupt nicht Denken, sondern gedankenloses Vorstellen; welches freilich sich selbst und anderen als Denken erscheinen kann, sofern es mit teilweise Gedachtem fortarbeitet, auch infolge des Maßes von Ordnung, das wir selbst im ungebundenen Phantasieren zu beobachten pflegen, im Ergebnis hin und wieder, unter günstigen Umständen vielleicht völlig mit Gedachtem zusammentrifft. Ein auf Wahrheit, auf Erkenntnis, d. i. auf irgendein Ergebnis, das im Denken  bestehen  soll, gerichtetes Denken muß aber das Gesetz der Einstimmigkeit befolgen; es muß, wiederum nicht im Sinne eines psychologischen oder physiologischen Zwanges, sondern der schlichten logischen Konsequenz; weil jener Bestand, den das Ergebnis haben soll, nur kraft dieser Einstimmigkeit möglich ist, ja nur in ihr liegt; sie ist nur die  Art wie  jene Einheit des Bewußtseins statthat, welche allein Erkenntnis und Wahrheit ausmacht. Nicht unter sich einstimmige Gedanken bestehen  in ihrem Inhalt  nicht miteinander, sich machen gleichsam nicht  eine  Rechnung aus. Logisch wird dies damit ausgedrückt, daß, wenn das  eine,  dann sicher nicht das andere "ist" oder statthat. "Sein" verträgt also  seinem Begriff  zufolge, d. h. zuletzt zufolge des  Grundgesetzes der Urteilsfunktion  (deren allgemeiner Ausdruck lautet: "es ist" oder "ist nicht") nicht den Widerspruch oder eine letzte, unauflösliche Diskontinuität. Das ist der nächste, unangreifbare, auch von HERTZ offenbar vorausgesetzte und anerkannte Sinn der Behauptung eines  a priori  überhaupt: daß im Inhalt des Gedachten, wofern darin Wahrheit oder Sein, d. i. etwas, das im Denken oder der Einheit des Bewußtseins besteht, soll erreicht werden können, durchgängige Einstimmigkeit, Kontinuität des Gedachten, mithin irgendwelche durchgehende  Gesetze  beobachtet sein müssen. Unter Voraussetzung dieser obersten Grundbedingung von Erkenntnis überhaupt entsteht aber die fernere Aufgabe, solche  bestimmteren  Gesetze d. i. Einstimmigkeiten nachzuweisen, denen genügt sein muß, damit die verlangte durchgängige Einstimmigkeit und Kontinuität gewährleistet sei. Man gelangt dann etwa zu dem Ergebnis, daß in eben dieser Rücksicht gewisse "Grundsätze" d. i. fundamentale Gesetzlichkeiten des Denkens, als Mindestes etwa die Gesetze der reinen Logik und reinen Arithmetik, mit gutem Grund ausgezeichnet worden und somit  a priori  sind, nämlich
    1) "notwendige", d. i., wofern überhaupt in fraglicher Richtung gedacht und mit diesem Denken Haltbares erreicht werden soll, unerläßlichem mit gegenteiligen nicht vertauschbare, und

    2) "allgemein", d. i. für ein solches Denken ausnahmslos, in allen im Inhalt der fraglichen Sätze vorgesehenen Fällen gültige Denksetzungen.
Nicht danach also ist hier irgend die Frage, ob ein geistig Kranker durch Wahnvorstellung sich einbilden oder der Verfechter einer mehr als scholastischen Willensfreiheit bei übrigens normalem Gehirn sich einreden oder absichtlich fingieren kann, 1 + 1 = 3 zu "denken"; eine Frage, die gar nicht gestellt werden kann auf einer Stufe der Erwägung, wo noch ganz dahinsteht, ob überhaupt je in irgend einem Fall von Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit des  Eintritts eines Ereignisses in der Zeit  (hier des Ereignisses eines solchen und solchen "Denkens") mit Fug geredet werden kann, sondern es sich erst um die Sicherung der allerersten Voraussetzungen handelt, unter denen allein diese oder irgendeiner andere Frage konkreter d. i. auf Tatsächlichkeiten direkt gerichteter Wissenschaft gestellt und entschieden werden kann. Notwendigkeit von Tatsachen, falls es solche gibt, wird jedenfalls von weit komplizierterer Begründung sein, als Notwendigkeit d. i. Eindeutigkeit und Kontinuität im bloßen Denken, nämlich reinen Methodendenken. Es ist ein alles verwirrendes Hysteron-Proteron [Das Spätere ist das Frühere, wp], die erstere überhaupt ins Spiel zu bringen, wo es sich um die letztere erst handelt. Vielmehr kann die Frage, ob z. B. der Satz 1 + 1 = 2 Notwendigkeit habe, ob er eine Denknotwendigkeit ausspreche, in prinzipieller Erkenntniskritischer Erwägung allein den Sinn haben: ob durch den Inhalt des Denkens von Zahl überhaupt, durch den Sinn des Verfahrens der Zählung, als eines Denkverfahrens, wodurch einstimmige Ergebnisse erzielt werden sollen, es gesetzt ist oder nicht, daß die Summe von Eins und Eins nur auf eine und nicht, wie die Quadratwurzel von Eins, auf mehr als eine Weise ansetzbar ist; denn dies ist der keineswegs selbstverständliche Sinn jenes arithmetischen Satzes.

KANT behauptet nun, und der Kritizismus sieht bis heute keinen Grund davon abzugehen, daß  alle  wahren Grundbegriffe d. i. reinen Methodenbegriffe der Wissenschaft, mithin auch alle solchen Sätze, welche bloß derlei Begriffe formulieren oder vielmehr aus der Vollmacht des Denkens aufstellen, heiße man sie nun Definitionen (nämlich synthetische) oder Axiome, mit einem Wort die wahren Grundsätze der Wissenschaft, als solche notwendig  a priori  seien d. h. sich ausweisen müssen als  nur so  setzbar, wofern sie gelten sollen. Das würde somit die erste Frage sein, ob dies auch von der Gegenseite anerkannt wird. E muß wohl anerkannt werden, wenn man doch anerkennt, daß Begriffe überhaupt, oder jedenfalls die reinen Methodenbegriffe der Wissenschaft, ursprüngliche Schöpfungen des Denkens sind; denn das kann nur besagen, daß sie kraft einer  Gesetzlichkeit  des Denkens gesetzt sein müssen. Oder will man Erkenntnis, die allein von Gesetzen weiß, selber zu einem gesetzlosen Ding machen?

Die zweite,  in concreto  freilich wichtigere Frage ist: wo die genauen Grenzen dessen liegen, was aus reinen Methodenbegriffen folgt und dessen, was zu seiner Anerkennung bestimmt gegebener Tatsächlichkeiten bedarf, also aus reinen Methodenbegriffen allein nicht entschieden, obgleich stets von solchen auch abhängig ist; ob z. B. die Axiome EUKLIDs oder das GALILEIsche Trägheitsaxiom bloß reine Methodenbegriffe festlegen oder schon solches einschließen, was nur aus Tatsachen entscheidbar ist. Diese Untersuchung ist für die Mathematik und Mechanik von einschneidender Bedeutung, sie ist auch keineswegs unwichtig für den Ausbau der Erkenntniskritik im besonderen; sie ist es, für die sie auf die intensive Mitarbeit der exakten Wissenschaft vornehmlich angewiesen und für solche ihr stets zu lebhaftem Dank verpflichtet ist. Aber die Grundvoraussetzung eines  a priori  überhaupt und zwar von gegenständlicher Gültigkeit, wird dadurch nicht betroffen. Denn auch wenn es sich herausgestellt haben oder noch herausstellen sollte, daß bestimmte Sätze, die ehedem allgemein und so auch von KANT, für  a priori  gehalten wurden, es in der Tat nicht sind (worüber hier keineswegs abgesprochen sein soll), so ist es doch

1) ausgeschlossen, daß nicht irgendwelche erste Prinzipien als  a priori  stehen blieben; denn ohne solche könnte die Wissenschaft ihre Arbeit nicht etwa nur nicht zu Ende führen, sondern überhaupt nicht beginnen; und es würde

2) auch unterhalb dieser letzten Prinzipien die Wahl unter den zulässigen Hypothesen stets und zwar  a priori  begrenzt sein. Z. B. wenn Räume mit Krümmungsmaßen verschieden von Null angesetzt werden dürfen, so können es doch nur solche von entweder positivem oder negativem Krümmungsmaß sein, während ein haltbarer Sinn der Hypothese eines etwa durch eine komplexe Zahl ausdrückbaren Krümmungsmaßes bisher meines Wissens nicht bekannt geworden ist. Gelänge es aber auch dereinst diesen haltbaren Sinn zu erdenken, so wäre damit nur die Wahl erweitert, aber auf keiner denkbaren Stufe der Erkenntnis würde sie überhaupt grenzenlos oder durch etwas anderes begrenzt sein als durch - Prinzipien  a priori. 

Es wäre ein bloßer, obschon auffälliger, historischer Irrum, zu glauben, daß der Kritizismus  Hypothesen  in solchem Sinne, d. i. in bestimmten,  a priori  d. i. aus Grundsätzen der reinen Naturwissenschaft allein ohne Hinzutritt besonderer Erfahrungen entschieden sei. Seine Ansicht entspricht hierin, sofern es sich um das Prinzip handelt, ganz der von HERTZ, wonach in Naturwissenschaften, selbst in den sogenannten Prinzipien der Mechanik, Elemente der Erfahrung von höchstens tatsächliher Gewißheit mit denknotwendigen Elementen verschmolzen seien, welche beiden heterogenen Bestandteile es nun gelte rein von einander abzulösen. Nicht in dieser Aufgabenstellung unterscheiden sich KANT und HERTZ, sondern nur im Besonderen der Lösung, was, wie gesagt, für die (und entsprechend für die Mathematik) recht viel austragen mag, auch für die Ausgestaltung der Erkenntniskritik belangreich, für ihr Prinzip aber ohne Konsequenzen ist, z. B. nicht hindern kann mit COHEN eine dem Kritizismus verwandte Tendenz in HERTZ zu erkennen. (3) HERTZ ist ebenfalls mit dem Kritizismus in Einklang, wenn er Raum und Zeit als reine, wir würden sagen Methodenbegriffe sondert von den Räumen und Zeiten der Erfahrungsobjekte, "deren Eigenschaften übrigens den Eigenschaften nicht widersprechen, welche wir vorher den gleich benannten Größen" - HERTZ läßt unentschieden, ob als Folgen unserer inneren Anschauung oder durch Definition, in beiden Fällen aber  a priori  - "beigelegt hatten" (Seite 174). Der Kritizist fände dabei allenfalls zu erinnern, daß diese Übereinstimmung der Erfahrungsgegenstände mit unseren Begriffen nicht zufällig sein könne, sondern daher rühren werde, daß Erfahrung als Wissenschaft, allem Gesagten zufolge, nicht anders möglich ist als so, daß wir das Grundgesetz der Einstimmigkeit und die besonderen Gesetze, welche dasselbe in der Anwendung auf unser Erfahrungswissen allein erfüllbar machen, in der Begriffsfassung des Erfahrenen selbst notwendig zu Grunde legen, als die Buchstaben, nach denen wir, wie KANT sagte, die Erscheinungen buchstabieren müssen, um sie als Erfahrung lesen zu können.

Erfahrung als Wissenschaft, auf der Basis von Grundsätzen  a priori,  besagt also auch dem Kritizisten keineswegs "ewig Wahres" (KLEINPETER Seite 181), sondern eben jenes vorsichtige und geduldige Buchstabieren von Erscheinungen, um sie als Erfahrung lesen d. i. in geordneten, uns verständlichen Zusammenhang bringen zu lernen; eine schließlich unendliche Aufgabe, lösbar nur in fortschreitender "asymptotischer" Annäherung an das nie erreichte, aber stets gedachte Ziel unwandelbarer Wahrheit, d. i nach KANTs genauer Definition: vollendeter Einheit bei vollendeter Spezifikation in durchgängiger Kontinuität unseres Denkens der Wirklichkeit. Wir finden daher MACH auf der Linie des Kritizismus gerade da, wo er betont, wie selbst scheinbar einfachste Sätze der Mechanik bei näherer Prüfung eben diese Charakter verraten, nämlich "auf unabgeschlossenen, ja sogar auf vollständig nie abschließbaren Erfahrungen" beruhend sich erweisen. Genau das ist der Begriff der Erfahrung als Wissenschaft, gerade zufolge ihrer  a priori- Begründung, gemäß den Grundsätzen des Kritizismus.

Erst jenseits dieser Sache nach gemeinsamen Voraussetzungen beginnt die ernste Differenz zwischen dem Empirismus - so wie KLEINPETER, in der Meinung aber, mit MACH übereinzustimmen, ihn darstellt - und dem Kritizismus.

KLEINPETER redet (Seite 164) von uns unerkennbaren, außerhalb des Denkens existierenden Realitäten, auf die, sogar wenn sie für uns erkennbar wären, die Gesetze der Logik keine Anwendung fänden. - Das ist eine unverständliche Rede für den, dem die Gesetze der Logik eben die letzten Gesetze besagen, außerhalb deren überhaupt keine Erkenntnis für uns möglich ist.

Derselbe erklärt an einer zweiten Stelle: zwischen Tatsachen gebe es keinen logischen Zusammenhang, sondern nur einfache Aufeinanderfolge (Seite 164, 175). - Sollten auf eine Aufeinanderfolge von Tatsachen logische Beziehungen keinerlei Anwendung finden, so würde das, dem Gesagten zufolge, bedeuten, daß sie überhaupt kein möglicher Gegenstand der Erkenntnis sei. Oder soll etwa nur der seit HUME und KANT geläufige Satz von neuem eingeschärft werden, daß aus einer gegebenen Tatsache A im Moment 1 sich durch keine logische Operation eine andere Tatsache B im Moment 2 herausklauben läßt, so wäre zu antworten, daß mindestens seit 1781 die Frage so nicht liegt.

Dann wiederum findet der Verfasser (Seite 167) nichts, das eines Kommentars bedürfte, darin, daß HERTZ von Abbildern der Gegenstände spricht, die so zu gestalten seien, daß "die denknotwendigen Folgen der abgebildeten Gegenstände" sind. Darin ist doch wohl ein logischer Zusammenhang - denn was anderes wäre eine "Notwendigkeit"? - zwischen Tatsachen vorausgesetzt.

Diese Äußerungen, zumal wenn man sie zusammenhält, lassen das sichere Bewußtsein vermissen, daß das Problem des  Gegenstands  ein Problem, vielmehr das zentrale Proble der  Erkenntnis  ist. Es war die entscheidende Tat KANTs, es als solches, unvergeßlich für alle Zeiten, zu kennzeichnen; HUME hatte daran gerührt, aber die Bedeutung der Frage nicht durchdrungen.

Denkt sich der Empirist eine ursprüngliche Kluft zwischen Begriff und Gegenstand, so weiß dagegen der Kritizist von keinem Gegenstand, noch wüßte er überhaupt einen Sinn mit der Nachfrage nach einem solchen zu verbinden, der nicht durch und in Begriffen der Erkenntnis konstituiert wäre. "Gegenstand" ist der Ausdruck dessen, was "ist", "Sein" aber ist, wie schon gesagt, nur der allgemeine Ausdruck der Urteilsfunktion. Statt dessen stellt KLEINPETER schroff dualistisch gegenüber: Begriffe - Realitäten der Außenwelt; oder auffallender noch: Begriffe - Tatsachen. Das ist der Schein, der den Empirismus fort und fort irre leitet: daß man "Tatsachen" als absolute Data für das Denken, zugleich aber als etwas an sich schlechthin Außergedankliches ansieht, worauf das Denken, wie die Fische auf die Wände des Teichs, aufstieße, ohne sich je wirklich seiner bemächtigen zu können; denn darüber kommt man doch einmal nicht hinweg, daß Erkenntnis ein Bewußtsein und zwar bestimmtes Bewußtsein, mithin Denken sein muß, folglich, was dem Denken schlechthin unzugänglich, eben damit der Erkenntnis auf immer verschlossen wäre. Zwar möchte man gern die  Empfindung  für ein Wissen ohne Denken ausgeben. Allein gewußt ist doch nichts, was nicht aussagbar, aussagbar (mit Sinn) nichts, was nicht gedacht ist. Der Empfindungsinhalt muß also erst Denkinhalt geworden sein, um ein Inhalt des Wissens sein zu können. Also hilft die Berufung auf die Empfindung zu nichts; der Gegenstand, wenn er nicht Denkgegenstand sein soll, bleibt draußen, die Erkenntnis vermag nimmer zu ihm zu gelangen, er bleibt die starre Wand, auf die sie nur aufstößt, um von ihr zurückgestoßen und auf sich selbst zurückgewiesen zu werden.

Aus der Sackgasse dieses Dualismus gibt es keinen Ausweg als durch die einfache Besinnung, daß  auch Tatsächlichkeit nichts anderes ist als ein Urteilsinhalt,  ein besonderer Fall der  denkenden  Setzung "es ist". Gewiß unterscheidet sich dieser Fall etwa von dem des mathematischen Urteils z. B. durch die Determiniertheit des Ortes und des Zeitpunkts, die zur Tatsache erforderlich, dem mathematischen Begriff an sich fremd ist. Allein diese Determiniertheit ist selbst Resultat urteilender Setzung. Mathematische Begriffe helfen dazu mit und machen das  Verfahren der Determination  allein möglich: man zählt, man mißt, d. h. man denkt, man setzt gemäß den eigenen Verfahrungsweisen des Denkens den Ort, den Zeitpunkt und so jedes Einzelne, was zur Determiniertheit der Tatsache gehört. Es gibt keine einzige Bestimmung einer Tatsache, die nicht Denkbestimmung wäre; (4) die Qualitätsbestimmung z. B. erfordert zuerst den allgemeinen Begriff der Qualität, von der sich außer dem Denken gar nicht sagen läßt, was sie sei; dann auch irgendeine Skala d. i. einen Weg, Qualitäten, in Reihen geordnet, dem Denkverfahren der Zählung oder Messung, also quantitativer Bestimmung, zu unterwerfen. Mehr: die Determiniertheit (eindeutige Bestimmtheit) der Tatsache selbst ist  Forderung des Denkens,  das nur unter dieser Bedingung das Urteil "es ist" (im Sinne der Tatsächlichkeit) abgibt; ums so weniger darf es verwundern, daß die Erfüllung dieser Forderung, nämlich in fortschreitender Annäherung, nur mit den Mitteln des Denkens möglich ist. Als die Grundbedingung für die eindeutige Bestimmtheit der Einzeltatsache aber hat KANT mit Recht festgesetzt ihre eindeutige Einordnung in einen durch Gesetze stabilisierten, selbst eindeutigen  Zusammenhang  der Tatsachen. Darin fand er die von HUME wie von ihm selbst vermißte logische Verknüpfung zwischen Tatsache und Tatsache, in einer allerdings neuen, bisher ungekannten Bedeutung, wieder. Die Voraussetzung dieser logischen Verknüpfung hat ihren Sinn und ihre unentrinnbare Notwendigkeit darin, daß Tatsächlichkeit überhaupt Urteilsleistung, mithin logische Leistung ist.

Das ist freilich für viele eine harte Rede. Also es soll etwas darum geben, weil wir es denken!  Sind  nicht die Dinge, was sie sind, wir mögen von ihnen denken, was wir wollen? - Gewiß, sie sind, was sie sind: d. h. ihr Sein ist, zum Behufe der Erkenntnis, mithin im Denken und nach seinem eigenen Gesetz, anzusetzen als von der Zufälligkeit meines gegenwärtigen oder irgendeines anderen wann immer stattfindenen Denkens unabhängig. Diese Unabhängigkeit ist selbst allein begründet in der  Gesetzlichkeit  als Grundforderung des  Denkens.  Die Gesetzlichkeit im Inhalt des Gedachten konstituiert die Gegenständlichkeit, konstituiert die mit Recht geforderte Unabhängigkeit auch von meinem (oder eines andern) jeweiligem Denken oder Nichtdenken, als dann und dann, in dem und dem Zusammenhang von Geschehnissen vorkommendem Geschehen. So aber verantwortet wirklich das Denken die Existenz im Sinne der Tatsächlichkeit, nicht anders als es jene "Existenz" verantwortet, von der die Mathematiker sprechen, wenn sie sagen, es gebe das Irrationale, das Imaginäre etc. Nur ist jene Art der Existenz an viel engere Bedingungen gebunden als diese. Auch findet dabei dieser wesentliche Unterschied statt: die Aufgabe, den Gegenstand in der Erfahrung zu bestimmen, besteht fort über jede auf einer bestimmten Stufe der Erkenntnis erriechte Bestimmung hinaus; das X der Gleichung der Erkenntnis bleibt insofern immer ein X und wird nie durch die gegebenen Größen - unsere Begriffe - schlechthin, sondern stets nur näherungsweise ausdrückbar. Allein der ganze Sinn dieses X, der ganze Sinn der Aufgabe, den Gegenstand in der Erfahrung zu bestimmen und der Sinn solcher annähernden Bestimmung desselben ist allein verständlich aus der Natur der Gleichung, nämlich unserer Erkenntnis und in dieser Gleichung durch das Verhältnis jenes X zu den bekannten Größen: unseren Begriffen. Auch was in unserem Denken des Gegenstandes auf gegebener Stufe unbestimmt bleibt, steht darum nicht außerhalb des Denkens überhaupt, sondern steht in ihm (als fortlaufendem  Prozeß  der Gegenstandsbestimmung = Erfahrung), nämlich als X, d. i. an sich Bestimmbares, noch zu Bestimmendes.

An der Bestimmung der Tatsachen in Wissenschaften wird dies besonders klar. Es bleibt dabei stets sehr vieles unbestimmt; kein besonnener Forscher wird je eine Tatsachenbestimmung für mehr als einen Näherungswert ausgeben. (5) - Die Tatsache "selbst" muß aber doch eindeutig bestimmt sein? - Ganz recht: das ist der  Begriff  der  vollen  Tatsächlichkeit, diese  völlige  Determiniertheit; so wird sie  gedacht,  so steht sie unserem Denken als  Aufgabe  vor, dieser  Forderung  gemäß sucht es Tatsachen und darf also bei keinem bloßen Näherungswert  als etwas Endgültigem  stehen bleiben woll. Ist nicht aber eben damit nur bestätigt, daß Tatsächlichkeit überhaupt Sache urteilender Setzung ist? Wem ander als dem Denken stände es zu etwas  so gar nicht Gegebenes  wie Tatsächlichkeit dennoch  vorauszusetzen  und zur  Bedingung  zulängliher Erkenntnis zu machen? In solchem Sinne seien uns alle die kräftigen Erklärungen empirischer Forscher willkommen: daß ihre Arbeit schließlich allein in Tatsachenbestimmungen bestehe, nicht in leerem (nicht bis zur Tatsächlichkeit vordringendem) Denken. Wir heißen diese Erklärungen willkommen, indem wir sie nur dahin zu verstehen wissen, daß die Macht des Denkens nicht beschränkt bleiben soll auf ein reines Methodendenken, sondern bis zum Konkretesten der Tatsache vordringen, ja auch, was in unserer Tatsachenerkenntnis unbestimmt bleibt, in sein  Verfahren überhaupt  aufnehmen und - eben als Unbestimmtheit - in die große, nie vollendete Rechnung des Denkens einstellen soll, welche "Erfahrung" heißt. Unbestimmtheiten in Grenzen des Denkens enger und enger einzuschließen, das ist das Hauptmittel, wodurch es der Naturforschung seit dem Beginn der Neuzeit mehr und mehr gelungen ist, die empirische Tatsächlichkeit, die noch für PLATO außerhalb der Wissenschaft stand, der Wissenschaft, d. i. den Methoden des Denkens zu unterwerfen; und das hat dann endlich, in KANT, auch dahin geführt, sich darüber klar zu werden, daß Tatsächlichkeit überhaupt logische Aufgabe ist. Damit ist die Scheidewand, die noch PLATO zwischen der Welt der reinen Begriffe und der der empirischen Tatsachen sah, prinzipiell niedergelegt und die bis dahin vergeblich gesuchte Einheit der Erkenntnis dem Prinzip nach fest gegründet, nämlich in der Einheit des Denkverfahrens, das sich bis zur Tatsache der Erfahrung erstreckt und sie einschließt. Diese Einheit ist es, die wir nicht preisgeben möchten.

Tatsachen sind also nicht ein logisch früherer d. i. aus wenigeren Voraussetzungen des Denkens begründbarer, sondern ein logisch späterer, von den Denkgesetzen nur in weit verwickelterer Art abhängiger Urteilsinhalt als der Inhalt irgendeines noch so komplizierten Urteils reiner Mathematik oder auch jener reinen d. h. tatsachenfreien Mechanik, wie sie HERTZ in seinem ersten Teil aus lauter "Urteilen  a priori  im Sinne KANTs" aufzubauen unternimmt. Die Begründung der letzteren verhält sich zu der der ersteren etwa wie eine Rechnung, die aufgehen muß, zu einer solchen, die, dem Ansatz zufolge, nie aufgehen kann. Man kann dann nur willkürlich, an sich an beliebiger Stelle, die Rechnung abbrechen und bei einem Näherungswert, d. h. an einem einstweiligen ungenauen Ansatz stehen bleiben, mit dem Vorbehalt ihn zu verbessern, wenn und soweit es im Fortgang der Erkenntnis möglich und notwendig wird. Zwischen der gemeinen und wissenschaftlichen Erfahrung ist hierbei nur der Unterschied, daß jene bei den nächsten, noch sehr ungenauen Näherungswerten, nämlich nicht genaueren als für den jedesmaligen nächsten praktischen Zweck ausreicht, sich genügen läßt und so zu "Tatsachen" kommt, die es schon morgen oder übermorgen, ja oft schon im nächsten Augenblick nicht mehr sind; welches Verhaltens sie sich überdies nur selten in einigem Maße bewußt wird; wogegen die Wissenschaft den Ehrgeiz hat, Tatsachen erreichen zu wollen, die es noch morgen und übermorgen, ja, wenn es sein kann, noch in hundert und tausend Jahren sind; dabei sich aber stets bewußt bleibt, daß sie diese Dauerhaftigkeit ihrer Tatsachen in einem einzigen Fall schlechthin verbürgen kann.

Die gesetzlichen Bedingungen aber, von denen die fortschreitend genauere Gestaltung von Tatsachenurteilen abhängt, in streng methodischem Beweisgang, "a priori", auszumachen, das ist die Aufgabe, welche die  Logik  in Ansehung der Tatsachenforschung zu lösen hat; zu deren Auflösung sie der Hilfe gerade der weitblickendsten unter den exakten Forschern nicht wird entbehren können. Man wird nicht sagen dürfen, daß auf diesem Feld der Untersuchung das Bündnis zwischen Philosophie und Naturforschung auch heute noch zu früh komme, wie es SCHILLER in der Zeit des ersten Jugendübermutes der Transzendentalphilosophie allerdings mit Grund erschien.

Möchte die Auseinandersetzung zwischen Kritizismus und Empirismus, zu der die vorstehende Erörterung einen kleinen Beitrag liefert, ein weniges dazu mithelfen, die gegenseitigen Mißverständnisse zu zerstreuen, die einem solchen Bündnis bisher noch im Wege standen.
LITERATUR - Paul Natorp, Zur Streitfrage zwischen Empirismus und Kritizismus, Archiv für systemische Philosophie, 1899
    Anmerkungen
    1) Nach Verständigung mit dem Verfasser des vorstehenden Aufsatzes habe ich mir erlaubt, einige Einwendungen gegen diesen zu formulieren, lediglich in der Absicht, die Streitfrage zwischen Empirismus und Kritizismus zu schärferem Ausdruck zu bringen, dann aber Herrn Prof. MACH, um dessen Stellung in dieser Frage es sich vornehmlich handelt, um eine Äußerung darüber zu ersuchen; denn es hat wenig Sinn über die Meinung eines Dritten zu streiten, wenn es frei steht, ihn selbst zu befragen. Herr Prof. MACH hat freundlichst zugesagt, unserer vereinten Bitte, sobald es ihm möglich sein wird, zu entsprechen; wir hoffen daher seine Äußerung in einer der nächsten Nummern bringen zu können.
    2) Etwas ausführlicher ist hierüber gehandelt im grundlegenden Teil meiner "Sozialpädagogik", § 4
    3) Was die Bemerkung KLEINPETERs hierüber (Seite 171) betrifft, so dürfte aus Obigem klar geworden sein, daß ein positiver Zusammenhang zwischen Grundsätzen und Hypothesen allerdings angenommen werden  muß.  Der Sache nach setzt jedenfalls auch HERTZ ihn voraus.
    4) Auch hier genauere Ausführungen NATORP, "Sozialpädagogik" § 5
    5) Man wird sich das recht eindringlich klar machen, wenn man sich die Bedingungen einer sicheren Zeit- und Ortbestimmung überhaupt (die doch konstituierende Faktoren jeder Tatsachenbestimmung sind) vergegenwärtigt.