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WILLIAM JAMES
Der Pragmatismus
Ein neuer Name für alte Denkmethoden
Volkstümliche philosophische Vorlesungen


1. Das Dilemma der Philosophie
[ 2/4 ]
Widmung des Verfassers
Dem Gedächtnis John Stuart Mills,
von dem ich zuerst die pragmatische Offenheit des Geistes
gelernt habe, und den ich mir in meiner Phantasie
so gern als unsern Führer denke,
wenn er heute am Leben wäre.


Vorwort des Übersetzers
2. Was will der Pragmatismus?
   
"Seit hundertundfünfzig Jahren scheint der Fortschritt der Wissenschaft nichts anderes zu bedeuten, als eine stete Vergrößerung der materiellen Welt und eine stete Verminderung der Bedeutung der Menschen."
   

Vorwort des Verfassers

Die Vorlesungen, die hier folgen, wurden im November und Dezember 1906 am Lowell-Institut in Boston und im Januar 1907 an der Columbia-Universität in New York gehalten. Sie sind so abgedruckt, wie sie hier gehalten wurden, ohne weitere Ausführungen und ohne Anmerkungen. Die sogenannte pragmatische Bewegung - der Name gefällt mir nicht, allein es ist offenbar zu spät, ihn zu ändern - scheint etwas plötzlich, wie aus der Luft, gekommen zu sein. Einige Tendenzen, die in der Philosophie immer vorhanden waren, sind sich auf einmal ihrer selbst und ihrer gemeinsamen Aufgabe bewußt geworden und dies ist in so vielen Ländern und von so verschiedenen Gesichtspunkten aus geschehen, daß viele nicht übereinstimmende Darstellungen sich ergeben haben. Ich habe nun den Versuch gemacht, das Bild, so wie es sich in meinen Augen darstellt, zu vereinheitlichen, indem ich in breiten Strichen zeichnete und Erörterungen ganz spezieller Fragen vermied. Viel unnützer Streit hätte vermieden werden können, wenn unsere Kritiker nur hätten warten wollen, bis wir unsere Botschaft in der richtigen Weise verkündet haben.

Wenn meine Vorlesungen bei einem oder dem anderen Leser ein Interesse an diesem Gegenstand anregen, so wird er zweifellos mehr darüber lesen wollen. Ich gebe deshalb einige Hinweise.

In Amerika sind JOHN DEWEYs "Studies in Logical Theory" (Chicago 1903) die Grundlegung. Man lese auch DEWEYs Artikel in der "Philosophical Review", Bd. 15, Seite 113 und 465, im "Mind", N. S. Bd 15, Seite 293 und im "Journal of Philosophy", Bd. 4, Seite 197.

Man beginnt jedoch am besten mit den Darlegungen von F.C.S. SCHILLER in seinen "Studies in Humanism", London 1907, wobei noch im besonderen auf die Aufsätze Nr. 1, 5, 7, 18 und 19 dieses Buches hingewiesen sei. SCHILLERs frühere Aufsätze und überhaupt die polemische Literatur über den Gegenstand findet man in den Fußnoten in reichem Ausmaß zitiert.

Man beachte ferner: MILHAUD "Le Rationnel", 1898 und die schönen Artikel von Le RAY in der "Revue de Metaphysique", Bd. 7, 8 und 9. Ebenso Aufsätze von BLONDEL und de SAILLY in den "Annales de philosophique chretienne", 4. Serie, Bd. 2 und 3. PAPINI kündigt ein Buch über den Pragmatismus in französischer Sprache an, das bald erscheinen soll.

Um ein Mißverständnis zu vermeiden, will ich noch bemerken, daß zwischen dem Pragmatismus, wie ich ihn auffasse und einer Lehre, die ich unlängst unter der Bezeichnung "Radikaler Empirismus" verkündet hat, kein logischer Zusammenhang besteht. Die letztere Lehre steht ganz auf eigenen Füßen. Man kann sie ganz verwerfen und dabei doch ein Pragmatist sein.

Harvard-Universität, April 1907



Erste Vorlesung
Das gegenwärtige Dilemma in der Philosophie


CHESTERTON sagt in der Vorrede zu seinen unter dem Titel "Heretics" ("Ketzer") gesammelten Abhandlungen folgendes:
    "Es gibt Leute, - und ich gehöre zu ihnen - die glauben, das praktisch bedeutsamste Ding an einem Menschen sei seine Weltanschauung. Für eine Wirtin, die einen Mieter ins Auge faßt, ist es zwar wichtig, daß sie sein Einkommen kenne, noch wichtiger aber ist es für sie, daß sie seine Philosophie kenne. Für einen Feldherrn, der einen Feind zu bekämpfen hat, ist es zwar wichtig, daß er die Truppenzahl des Feindes kenne, aber noch wichtiger ist es für ihn, daß er die Philosophie des Feindes kenne. Ja, es ist nach meiner Überzeugung gar nicht die Frage, ob die Weltanschauung eines Menschen auf seine Umgebung einen Einfluß ausübt, es fragt sich vielmehr, ob überhaupt etwas anderes als die Weltanschauung einen solchen Einfluß ausübt."
Ich denke in dieser Sache so wie CHESTERTON. Ich weiß, daß jeder von Ihnen, meine Damen und Herren, seine Philosophie hat und daß es das Interessanteste und Wichtigste an Ihnen ist, inwiefern diese Philosophie den Gesichtswinkel bestimmt, unter dem Sie ihre verschiedenen Welten betrachten. Sie wissen dasselbe von mir. Und dennoch muß ich bekennen, daß die Kühnheit des Unternehmens, das ich eben in Angriff nehme, mich in gewissem Sinn ängstlich macht. Denn die Philosophie, die in jedem von uns von so großer Bedeutung ist, sie ist nichts fachmännisch Formulierbares. Sie ist vielmehr unser mehr oder weniger deutliches Gefühl von dem, was der ehrliche und tiefe Sinn des Lebens ist. Sie ist nur zum Teil aus Büchern gewonnen. Sie ist unsere individuelle Art, das Stoßen und Drängen der Welt zu schauen und zu fühlen. Ich habe kein Recht, anzunehmen, daß viele von Ihnen als regelmäßige Universitätshörer sich mit dem Studium des Kosmos beschäftigen. Trotzdem stehe ich hier von dem Wunsch beseelt, Sie für eine Philosophie zu interessieren, die in nicht geringem Umfang fachmäßig behandelt werden muß. Ich wünsche, Sie mit Sympathie zu erfüllen für eine neue Richtung, deren Anhänger ich aus innerster Überzeugung bin und doch muß ich wie ein Professor zu Ihnen sprechen, obschon Sie nicht Studenten sind. Das Weltbild, an das ein Professor glaubt, muß jedenfalls ein solches sein, das breite Auseinandersetzung verträgt. Ein Weltbild, das sich in zwei Sätzen definieren läßt, ist etwas, wofür der Professorenverstand keine Verwendung hat. Man hat kein Vertrauen zu einer so wohlfeilen Sache. Ich war dabei, wie Freunde und Kollegen in eben diesem Saal den Versuch machten, die Philosophie zu popularisieren. Allein sie wurden bald trocken und dann fachmäßig und die Resultate waren nur teilweise ermutigend. Der Begründer des "Pragmatismus" (1) hat unlängst eine Reihe von Vorlesungen gehalten, in deren Titel das Wort Pragmatismus selbst vorkam. Glänzende Lichteffekte wechselten dabei mit kimmerischer [unterirdischer, wp] Finsternis. Keiner von uns hat, meine ich, alles verstanden, was er gesagt hat und trotzdem stehe ich hier, im Begriff, ein ähnliches Wagnis zu unternehmen.

Ich wage es, weil eben die Vorlesungen, von denen ich sprach, eine große Zugkraft ausübten. Sie brachten ein gutes Publikum in den Saal. Es liegt, man muß es gestehen, ein eigenartiger Reiz darin, von tiefsinnigen Dingen reden zu hören, auch wenn weder wir noch die Disputierenden selbst die Sache ganz verstehen. Wir werden von den Problemen durchschauert, wir fühlen die Gegenwart der Unendlichkeit. Lassen Sie irgendwo in einem Rauchzimmer einen Streit über Willensfreiheit, über die Allwissenheit Gottes, über Gut und Böse beginnen, und sehen Sie zu, wie jeder die Ohren spitzt. Die Ergebnisse der Philosophie berühren uns alle im tiefsten Kern unseres Lebens und auch die seltsamsten Argumente der Philosophie reizen in angenehmer Weise unser Gefühl für Ursprünglichkeit und Tiefe.

Ich glaube mit Inbrunst an die Philosophie, und ich glaube auch, daß eine neue Morgenröte uns Philosophen zu dämmern beginnt. Deshalb fühle ich den Drang, Ihnen von dem, was sich jetzt vollzieht, Kunde zu bringen.

Philosophie ist die erhabenste und zugleich die trivialste aller menschlichen Bestrebungen. Sie wirkt in den kleinsten Ritzen und eröffnet die weitesten Ausblicke. Sie bäckt kein Brot, wie man gesagt hat, aber sie kann unsere Seele mit Mut erfüllen. Ihr Gehaben, ihre Zweifel und ihre Herausforderungen, ihre Sophisterei und Dialektik sind gewöhnlichen Menschen oft recht widerwärtig, allein, keiner von uns wird die weithin leuchtenden Strahlen missen wollen, durch welche sie die Perspektive der Welt erweitert. Diese Erhellungen und die damit verbundenen Kontrastwirkungen von Finsternis und Mysterium geben allem, was sie sagt, ein Interesse, das weit über die Fachkreise hinausreicht.

Die Geschichte der Philosophie ist zum großen Teil die Geschichte des Aufeinanderprallens menschlicher Temperamente. Manchen meiner Kollegen wird eine solche Behandlungsweise nicht würdig genug erscheinen, allein, ich werde trotzdem dieses Aufeinanderprallen klar zu stellen haben und auf diese Weise viele Meinungsverschiedenheiten der Philosophen erklären können. Was für ein Temperament immer ein Philosoph von Fach besitzt, immer versucht er, wenn er philosophiert, sein Temperament zu unterdrücken. Temperament ist keine konventionell anerkannte Begründung und deshalb will er für seine Schlüsse nur unpersönliche Begründungen ins Treffen führen. Tatsächlich aber wird seine Geistesrichtung durch sein Temperament weit stärker beeinflußt, als durch seine streng objektiven Prämissen. Sein Temperament gibt den Argumenten ein verschiedenes Gewicht nach der einen oder der anderen Richtung, indem es entweder für eine mehr sentimentale oder mehr für eine hartherzige Weltanschauung Partei ergreift. Er vertraut seinem Temperament. Er wünscht eine Welt, die dazu paßt und glaubt deshalb an jedes Weltbild, das dazu paßt. Er fühlt, daß Männer von entgegengesetztem Temperament mit dem wahren Charakter der Welt nicht in Einklang sind und betrachtet diese Männer in seinem Herzen als nicht maßgebend; er meint, sie dringen in philosophischen Sachen nicht tief genug, obwohl sie ihn an dialektischer Geschicklichkeit weit übertreffen mögen.

Aber in der Öffentlichkeit kann er durch bloße Berufung auf sein Temperament keinen Anspruch auf höhere Einsicht oder größere Autorität erheben. So kommt in unsere philosophischen Diskussionen eine gewisse Unaufrichtigkeit hinein. Das stärkste von allen Argumenten wird nie ausgesprochen. Ich bin überzeugt, es wird zur Klarheit beitragen, wenn wir in diesen Vorlesungen mit der Regel brechen und vom Temperament sprechen wollen und ich will mir demgemäß die Freiheit nehmen, dies zu tun.

Ich spreche selbstverständlich hier von scharf umrissenen Persönlichkeiten, von Männern mit ausgesprochener Eigenart, die der Philosophie ihren Stempel aufgedrückt haben und in ihrer Geschichte eine Rolle spielen. HEGEL und SPENCER sind Beispiele von solch temperamentvollen Denkern. Die meisten von uns haben natürlich kein sehr deutlich bestimmtes intellektuelles Temperament. Wir sind Mischungen aus verschiedenen Bestandteilen, deren jeder nur in sehr mäßigem Grad wirksam ist. Wir kennen selbst kaum unsere Bevorzugungen in abstrakten Dingen. Einige von uns lassen sich dieselben leicht ausreden, folgen schließlich der Mode oder nehmen die Überzeugungen des eindrucksvollsten Philosophen in unserer Umgebung an, wer immer es auch sein mag. Was aber bis jetzt in der Philosophie wirkliche Bedeutung gewonnen hat, das ist die eigentümliche Art und Weise, wie ein Mann die Dinge in der Welt ansieht und die damit verbundene Unzufriedenheit mit jeder davon verschiedenen Betrachtungsweise. Es ist kein Grund vorhanden, anzunehmen, daß diese temperamentvolle Art der Weltbetrachtung von nun an in der Geschichte der menschlichen Überzeugungen keine Bedeutung mehr besitzen sollte.

Diese Verschiedenheiten des Temperaments, die ich im Auge habe, sind in der Literatur und Kunst, in der Politik wie im Verkehr nicht minder bedeutungsvoll als in der Philosophie. Im Verkehr finden wir einerseits Etikette-Menschen, andererseits Leute, die sich gehen lassen, in der Politik Autoritätsmenschen und Anarchisten, in der Literatur Idealisten und Realisten, in der Kunst den Gegensatz von Klassisch und Romantisch. Diese Gegensätze sind Ihnen allen wohl vertraut. Wir haben nun in der Philosophie einen ganz ähnlichen Gegensatz, der in den Worten "Rationalist" und "Empirist" seinen Ausdruck findet. Dabei bedeutet "Empirist" den Freund der Tatsachen in ihrer lebendigen Mannigfaltigkeit und "Rationalist" den Anhängern abstrakter und ewiger Prinzipien. Nun kann freilich niemand eine Stunde leben, ohne sowohl Tatsachen, als auch Prinzipien zu beachten und so liegt der Unterschied nur darin, daß man mehr Nachdruck auf das eine oder auf das andere legt. Aber dieser Unterschied im Nachdruck ist geeignet, die schärfsten Antipathien hervorzurufen. Es wird sich deshalb als durchaus entsprechend erweisen, einen gewissen Gegensatz in den Welt- und Lebensanschauungen der Menschen dadurch auszudrücken, daß wir von einem  rationalistischen  und von einem  empiristischen Temperament  sprechen. Dadurch wird der Kontrast einfach und scharf.

Einfacher vielleicht und schärfer als oft die Menschen sind, von denen diese Ausdrücke gebraucht werden. Denn in der menschlichen Natur ist jede Art von Permutation [Vertauschung, wp] und Kombination möglich. Wenn ich nun jetzt daran gehe, deutlicher zu sagen, was ich meine, wenn ich von Rationalisten und Empiristen spreche, indem ich in diese beiden Rubriken einige sekundäre charakteristische Eigentümlichkeiten einfüge, so bitte ich Sie, mein Verfahren als ein in gewissem Sinne willkürliches anzusehen. Ich wähle Kombinationstypen aus, wie sie die Wirklichkeit recht häufig, aber keineswegs immer in derselben Form bietet, und ich wähle sie einzig und allein von dem Gesichtspunkt aus, daß sie geeignet sind, mir zu meinem weiteren Zweck, nämlich zur Charakteristik des Pragmatismus behilflich zu sein.

Historisch finden wir die Ausdrücke Intellektualismus und Sensualismus synonym mit Rationalismus bzw. Empirismus. In der Wirklichkeit verbindet sich mit dem Intellektualismus meist eine idealistische und optimistische Tendenz. Dagegen sind die Empiristen nicht selten Materialisten und ihr Optimismus ist entschieden ein bedingter und vorsichtiger. Der Rationalismus ist immer monistisch. Er geht vom Ganzen und vom Allgemeinen aus und legt viel Wert auf die Einheit der Dinge. Der Empirismus hingegen geht von den Teilen aus, macht aus dem Ganzen eine Vielheit und ist deshalb nicht abgeneigt, sich pluralistisch zu nennen. Der Rationalismus betrachtet sich in der Regel als religiöser im Vergleich zum Empirismus. Doch ist über diesen Anspruch so viel zu sagen, daß ich ihn jetzt eben nur erwähne. Es ist ein berechtigter Anspruch, wenn der einzelne Rationalist zugleich das ist, was man einen Gefühlsmenschen nennt, und wenn der einzelne Empirist sich etwas darauf zugute tut, hartköpfig zu sein. In diesem Falle wird der Rationalist zugleich Anhänger des freien Willens sein, während der Empirist ein Fatalist sein wird. Der Rationalist wird endlich in seinen Äußerungen einen dogmatischen Ton anschlagen, während der Empirist mehr skeptisch und zu Diskussionen geneigt sein dürfte.

Ich will diese Charakterzüge in zwei Kolumnen zusammenschreiben. Sie werden, hoffe ich, die zwei geistigen Typen, die ich meine, praktisch leicht auseinander halten, wenn ich die beiden Kolumnen mit den Überschriften "Zartfühlend" und "Grobkörnig" versehe.

Zartfühlend
(tender-minded):
  Grobkörnig
(tough-minded):
Rationalist
(Prinzipienmensch)
  Empirist
(Tatsachenmensch)
Intellektualist   Sensualist
Idealist   Materialist
Optimist   Pessimist
Religiös   Irreligiös
Anhänger der Willensfreiheit   Fatalist
Monist   Pluralist
Dogmatiker   Skeptiker


Lassen Sie, bitte, für einen Augenblick die Frage ruhen, ob jede der beiden kontrastierenden Mischungen, die ich aufgeschrieben habe, innerlich fest zusammenhängt oder nicht. Für unseren unmittelbaren Zweck genügt es, daß es zartfühlende und daß es grobkörnige Menschen, mit den charakteristischen Merkmalen, die ich ihnen gegeben habe, zweifellos gibt. Jeder von Ihnen kennt wahrscheinlich einige scharf umrissene Charaktere von jedem der beiden Typen und Sie wissen, wie die Exemplare des einen Typus von denen des anderen denken. Sie haben eine geringe Meinung voneinander. Ihr Widerstreit hat, wenn die Temperamente der einzelnen Persönlichkeiten starke waren, zu allen Zeiten einen Teil der philosophischen Atmosphäre des Zeitalters gebildet und dies ist auch heute der Fall. Die Grobkörnigen betrachten die Zartfühlenden als sentimentale Weichlinge. Die Zarten finden die Grobkörnigen ungebildet, gefühllos und brutal. Jeder Typus hält den anderen für minderwertig. Aber in dem einen Fall ist die Verachtung mit Heiterkeit verbunden, in dem andern schleicht sich ein wenig Furcht mit ein.

Nun sind wenige von uns ganz zartfühlend oder ganz grobkörnig in ihrem Philosophieren. Die meisten haben ein Verlangen nach den guten Sachen auf beiden Seiten. Tatsachen sind gut - gebt uns Massen von Tatsachen. Prinzipien sind gut - gebt uns recht viel Prinzipien. Die Welt ist unzweifelhaft eine Einheit, wenn ihr sie in einer bestimmten Weise betrachtet, aber ebenso unzweifelhaft ist sie eine Vielheit, wenn ihr einen anderen Standpunkt wählt. Sie ist sowohl Einheit als Vielheit - bekennen wir uns also zu einer Art von pluralistischem Monismus. Alles ist natürlich mit Notwendigkeit bestimmt, und doch ist natürlich unser Wille frei. Eine Art von Willensfreiheit-Determinismus ist offenbar die wahre Philosophie. Das Schlechte in den Teilen der Welt ist nicht wegzuleugnen, aber das Ganze kann doch nicht schlecht sein; so läßt sich vielleicht der praktische Pessimismus mit mehr philosophischem Optimismus kombinieren. Und so fort. Der gewöhnliche philosophische Laie ist niemals radikal, preßt sein System nicht, sondern lebt bald in dem einen ihm zusagenden Abteil desselben, bald in dem anderen, wie es die wechselnden Stimmungen mit sich bringen.

Aber einige von uns sind mehr als Laien in der Philosophie. Wir verdienen den Namen von Liebhabern [der Weisheit, wp] und sind beunruhigt durch zu viel Inkonsequenz und Unbestimmtheit in unseren Überzeugungen. Wir haben kein ruhiges Denk-Gewissen, so lange wir unvereinbare Sätze aus den entgegengesetzten Lagern festhalten.

Und nun komme ich zu der ersten wichtigen Bemerkung, die ich zu machen habe. Niemals hat es so viele Menschen von entschieden empiristischer Geistesrichtung gegeben als heutzutage. Unsere Kinder werden fast schon als Wissenschaftler geboren. Aber unsere Achtung vor Tatsachen hat in uns keineswegs alle Religiosität vernichtet. Ja diese Achtung ist selbst beinahe religiös. Unser wissenschaftliches Temperament ist voll Andacht. Denken Sie sich jetzt einen Menschen von diesem Typus, einen jener philosophischen Dilettanten, die keine Lust haben, nach der Art eines gewöhnlichen Laien ein Misch-Masch-System zu kombinieren.

Was für eine Situation findet nun ein solcher Mann vor in unserem gesegneten Jahr des Herrn, das wir jetzt schreiben (1906). Er verlangt Tatsachen, er verlangt Wissenschaft, er verlangt aber auch nach einer Religion. Da er nur Dilettant und nicht selbständiger Originaldenker in der Philosophie ist, so sieht er sich bei den Fachmännern auf diesem Gebiet nach Führung um. Viele von Ihnen, ja vielleicht die Mehrzahl sind solche philosophischen Dilettanten.

Was für eine Art von Philosophie bietet man Ihnen nun, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen? Sie finden eine empirische Philosophie, die nicht religiös ist und eine religiöse Philosophie, die für Ihre nicht empirisch genug ist. Wenn Sie auf das Lager hinblicken, wo man die Tatsachen am meisten berücksichtigt, so finden Sie dort das ganze grobkörnige Programm auf der Tagesordnung und den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion in voller Blüte. Entweder ist es der grobkörnige HÄCKEL mit seinem materialistischen Monismus, seinem Äther-Gott und seinem Spott über Ihren Gott, der "ein gasförmiges Wirbeltier" genannt wird; oder es ist SPENCER, der die Geschichte der Welt lediglich als Andersverteilung von Materie und Bewegung darstellt und dabei die Religion gleich am Eingang höflich hinauskomplimentiert. Sie mag zwar fortfahren zu existieren, aber sie darf ihr Antlitz niemals innerhalb des Tempels zeigen.

Seit hundertundfünfzig Jahren scheint der Fortschritt der Wissenschaft nichts anderes zu bedeuten, als eine stete Vergrößerung der materiellen Welt und eine stete Verminderung der Bedeutung der Menschen. Das Resultat ist eine Zunahme der naturalistischen und der positivistischen Fühlweise. Der Mensch ist kein Gesetzgeber der Natur, er ist ein Konsument.  Sie  ist es, die fest dasteht,  er  hat sich anzupassen. Er hat nichts zu tun, als die Wahrheit, so unmenschlich sie auch sein mag, festzustellen und sich ihr zu unterwerfen. Die romantische Spontaneität und der romantische Mut sind dahin, das Weltbild ist materialistisch und niederschlagen. Ideale erscheinen als bedeutungslose Nebenprodukte der Physiologie, das Höhere wird durch das Niedrigere erklärt und mit einem "nichts anderes als" abgetan - d. h. es soll nichts anderes sein, als ein Ding weit niedrigerer Art. Kurz, Sie bekommen eine materialistische Welt, in der nur die Grobkörnigen sich heimisch fühlen.

Wenn Sie nun andererseits sich an das religiöse Lager um Trost wenden und von den zartfühlenden Philosophen Rat annehmen wollen, was finden Sie da?

Die religiöse Philosophie unseres Zeitalters zeigt, soweit das englisch-lesende Publikum in Betracht kommt, zwei Haupttypen. Der eine ist mehr radikal und aggressiv, der andere sieht aus, als liefere er ein langsames Rückzugsgefecht. Mit dem mehr radikalen Flügel der Religionsphilosophie meine ich den sogenannten transzendentalen Idealismus der Hegelianer Englands, die Philosophie von Männern wie GREEN, CAIRD, BOSANQUET und ROYCE. Diese Philosophie hat die strebsameren unter unseren protestantischen Theologen stark beeinflußt. Sie ist pantheistisch und hat unzweifelhaft den traditionellen Theismus in der protestantischen Religion erheblich abgeschwächt.

Trotzdem erhält sich dieser Theismus; er ist der durch eine Reihe von Zugeständnissen hindurchgegangene Abkömmling des dogmatischen Theismus der Scholastiker, wie er in aller Strenge in den Seminarien der katholischen Kirche heute noch gelehrt wird. Man pflegte ihn lange Zeit bei uns die Philosophie der schottischen Schule zu nennen. Es ist das, was ich als die Philosophie bezeichnete, die so aussieht, als liefere sie ein Rückzugsgefecht. Zwischen den Übergriffen der Hegelianer und anderer "absoluten" Philosophen einerseits und denen der wissenschaftlichen Evolutionisten und Agnostiker andererseits müssen die Männer wie JAMES MARTINEAU, BOWNE, LADD und andere sich recht in die Enge getrieben fühlen. Diese Philosophie mag so gesinnungstüchtig und so aufrichtig sein, als Sie wollen, sie ist nicht radikal im Ton. Sie ist eklektisch, kennt Kompromisse, sucht einen modus vivendi um jeden Preis. Sie nimmt die Tatsachen des Darwinismus, die Tatsachen der Gehirnphysiologie an, aber sie vermag daraus keine Tatkraft, keine Begeisterung zu gewinnen. Ihr fehlt der sieghafte, der vorwärtsstürmende Ton und infolgedessen hat sie keine Autorität. Die Philosophie des Absoluten dagegen besitzt eine gewisse Autorität, weil ihr Ton viel radikaler ist.

Zwischen diesen zwei Systemen haben Sie zu wählen, wenn Sie sich der Schule der Zartfühlenden zuwenden. Wenn Sie nun wirklich die Tatsachenmenschen sind, für die ich Sie halte, so finden Sie den Schlangenschweif des Rationalismus und Intellektualismus über allem ausgebreitet, was auf dieser Seite liegt. Sie retten sich zwar vor dem Materialismus, der Begleiterscheinung des herrschenden Empirismus, aber sie bezahlen diese Rettung damit, daß sie den Zusammenhang mit dem konkreten Leben verlieren. Die Philosophen des Absoluten halten sich auf einem so hohen Niveau der Abstraktion, daß sie nicht einmal versuchen, herabzusteigen. Der absolute Geist, den sie uns bieten, der Geist, der die Welt schafft, indem er sie denkt, könnte - wenigstens kann niemand das Gegenteil beweisen - ebensogut irgendeine andere von den Millionen von Welten geschaffen haben, wie diese unsere. Sie können aus seinem Begriff keine einzige individuelle Tatsache ableiten. Er ist mit jedem Zustand der Dinge hier unten vereinbar. Und der theistische Gott ist ein ebenso unfruchtbares Prinzip. Um auch nur die geringste Andeutung über sein wirkliches Wesen zu erlangen, müssen Sie sich an die Welt halten, die er geschaffen hat. Er ist die Art von Gott, die ein für allemal diese Art von Welt geschaffen hat. Der Gott der theistischen Schriftsteller wohnt in ebenso abstrakten Höhen, wie das Absolute. Dabei hat aber die absolute Philosophie doch noch etwas Schwung und Kraft in sich, während der gewöhnliche Theismus etwas saftlos ist, aber beide sind in gleicher Weise weltfremd und leer. Was Sie brauchen, ist eine Philosophie, die nicht nur Ihre Fähigkeiten zu verstandesmäßiger Abstraktion in Bewegung setzen, sondern auch einen positiven Zugang herstellen soll zu der wirklichen Welt menschlicher Lebendigkeiten.

Sie wollen ein System, das zwei Dinge in sich vereinigen soll: Wissenschaftliche Gerechtigkeit den Tatsachen gegenüber und Bereitwilligkeit, ihnen Rechnung zu tragen, kurz den Geist der Anpassung. Zugleich aber auch das alte Vertrauen auf menschliche Werte und die daraus sich ergebende Spontaneität, mag sie nun dem religiösen oder dem romantischen Typus angehören. So liegt denn folgendes Dilemma vor Ihnen: Sie finden den Empirismus verbunden mit Entwertung des Menschen und mit Leugnung der Religion. Oder sie finden eine rationalistische Philosophie, die sich zwar religiös nennen darf, die sich aber fern hält von jedem Kontakt mit wirklichen Tatsachen, mit unseren Freuden und Schmerzen.

Ich weiß nicht, wieviele von Ihnen mit Philosophie so weit vertraut sind, um voll würdigen zu können, was ich mit dem letzten Vorwurf meine und deshalb will ich noch etwas länger verweilen bei der allen rationalistischen Systemen eigenen Weltfremdheit, durch die ein ernster Tatsachenfreund sich so leicht zurückgestoßen fühlt.

Ich wollte, ich besäße noch die ersten zwei Seiten einer Abhandlung, die mir ein Student vor ein oder zwei Jahren übergeben hat. Mein Thema war darin so hell beleuchtet, daß ich bedaure, Ihnen diese Sätze nicht vorlesen zu können. Der junge Mann sagte im Eingang, es sei für ihn immer eine feststehende Überzeugung gewesen, daß man beim Eintritt in einen philosophischen Hörsaal Beziehungen zu einer Welt eröffne, die vollständig verschieden sei von derjenigen, die man auf der Straße hinter sich gelassen habe. Diese beiden Welten haben miteinander so wenig zu tun, daß man sich im Geiste unmöglich mit beiden zugleich beschäftigen könne. Die Welt der persönlichen Erfahrungen, zu der die Straße gehört, ist mannigfaltig über alle Vorstellung, kompliziert und schmutzig, voll Schmerz und Verwirrung. Die Welt, in die der Philosophie-Professor uns einführt, ist einfach, rein und vornehm. Die Widersprüche des wirklichen Lebens sind darin nicht zu finden. Sie ist ein klassisches Bauwerk. Vernunftprinzipien entwerfen den Grundriß, logische Notwendigkeiten verkitten die Teile. Was dieser Bau zum Ausdruck bringt, ist vornehmlich Reinheit und Würde. Es ist ein Marmortempel, der auf einem Hügel erglänzt.

Tatsächlich ist diese Philosophie weit weniger ein Bild der wirklichen Welt, als vielmehr ein Zubau, ein klassisches Heiligtum, wohin die Phantasie des rationalistischen Denkers sich flüchten mag aus der unerträglichen Verwirrung und Barbarei, wie sie die nackten Tatsachen bieten. Sie ist nicht etwa eine Erklärung unserer konkreten Welt, sie ist vielmehr etwas davon ganz Verschiedenes, ein Ersatz, ein Heilmittel, eine Zufluchtsstätte.

Das Temperament dieser Philosophie, wenn ich dies Wort hier brauchen darf, ist vollkommen verschieden vom Temperament des wirklichen Lebens.  Läuterung  ist das charakteristische Merkmal unserer intellektualistischen Philosophien. Sie befriedigen in ganz ausgesuchter Weise jene Sehnsucht nach einem geläuterten Gegenstand der Betrachtung, die ein so starkes Bedürfnis unserer Seele ist. Aber ich bitte sie allen Ernstes: Blicken Sie hinaus auf diese Riesenwelt der konkreten Tatsachen, auf ihre schauervollen Labyrinthe, ihre Überaschungen und Grausamkeiten, auf die Wildheit, die sie in sich trägt und dann sagen Sie mir, ob "geläutert" wirklich das Eigenschaftswort ist, das sich bei einer Beschreibung dieser Welt unvermeidlich auf die Lippen drängt.

Läuterung ist gewiß eine Sache, die oft am Platz ist. Aber eine Philosophie, die nichts als Läuterung atmet, wird einen empirisch gestimmten Geist niemals befriedigen. Sie wird vielmehr immer etwas Gekünsteltes an sich haben. Deshalb finden wir Männer der Wissenschaft, die es vorziehen, der Metaphysik, die immer etwas Klosterartiges und Gespenstisches an sich hat, den Rücken zu kehren und wir finden praktische Männer, die den Staub der Philosophie von Ihren Füßen schütteln und dem Rufe der Wilden folgen.

Es liegt wirklich etwas Leichenhaftes in der Befriedigung, mit der ein reines, aber weltfremdes System einen rationalistischen Denker erfüllt. LEIBNIZ war ein rationalistischer Denker mit unendlich mehr Interesse für Tatsachen, als die meisten Rationalisten aufweisen können. Und dennoch, wenn Sie fleischgewordene Oberflächlichkeit kennen lernen wollen, so brauchen Sie nur seine reizend geschriebene Theodizee [Rechtfertigung Gottes - wp] zu lesen, in der er die Wege Gottes zum Menschen zu rechtfertigen und zu beweisen suchte, daß die Welt, in der wir leben, die beste der möglichen Welten sei. Lassen Sie mich eine Probe davon zitieren.

Bei der Erörterung von Gegengründen gegen seine optimistische Philosophie kommt LEIBNIZ darauf, Betrachtungen über die Zahl der ewig Verdammten anzustellen. Daß sie bei unserem menschlichen Los viel größer ist, als die der Erlösten, nimmt er von den Theologen als gegeben an und argumentiert dann in folgender Weise:
    "Wenn man daher (2) bei der feststehenden Lehre bleibt, wonach die Zahl der ewig Verdammten viel größer als die der Geretteten sein wird, so kann man dennoch sagen, daß das Übel beinahe wie nichts im Vergleich zum Guten erscheinen werde, sofern man nur die wahre Größe des Gottes-Staates bedenkt. COELIUS SECUNDUS CURIO hat ein kleines Buch über die Ausdehnung des himmlischen Reiches geschrieben, das vor kurzen wieder aufgelegt worden ist. Indessen hat er die Ausdehnung dieses Himmelreiches noch nicht begriffen. Die Alten hatten nur schwache Vorstellungen von den Werken Gottes. ... Sie hielten nur unsere Erde für bewohnt und sie fürchteten sich sogar vor den Gegenfüßlern. Die übrige Welt bestand nach ihnen nur aus einigen leuchtenden Kugeln und kristallenen Hohlkugeln. Heutzutage aber muß man - welche Grenzen man auch der Welt setzen oder nicht setzen mag - anerkennen, daß es eine unzählige Menge von Weltkugeln gibt, die ebenso groß oder noch größer als unsere Erde sind, die ebenso wie die letztere Anspruch auf vernunftbegabte Bewohner haben, wenn diese auch nicht gerade Menschen sein müssen. Die Erde ist nur  ein  Planet, einer der sechs Trabanten unserer Sonne und da alle Fixsterne ebenfalls Sonnen sind, so erhellt, wie gering unsere Erde im Verhältnis zur sichtbaren Welt ist, da sie nur das Anhängsel  einer  Sonne unter vielen ist. Möglicherweise sind die Sonnen von lauter glücklichen Geschöpfen bewohnt und nichts nötigt uns zu der Annahme, daß es viele Verdammte gibt, denn wenige Beispiele und wenige Muster genügen für den Nutzen, den das Gute aus dem Übel zieht. Da man ferner keinen Grund hat, überall Gestirne anzunehmen, kann da nicht auch ein Raum jenseits der Gestirne bestehen? Und dieser ungeheure Raum kann ganz angefüllt sein mit Glück und Ruhm. Was bedeutet da unsere Erde und ihre Bewohner? Ist sie dann nicht noch unvergleichlich weniger als ein physikalischer Punkt; da unsere Erde im Vergleich zur Entfernung einiger Gestirne wie ein Punkt erscheint? So verliert sich der uns bekannte Teil des Universums beinahe in das Nichts im Verhältnis zu dem Teil, den wir nicht kennen und doch mit Grund annehmen dürfen. Da nun alle Übel, die man mir entgegenhält, nur auf diesem Beinahe-Nichts sich befinden, so ist es wohl möglich, daß diese Übel ein Beinahe-Nichts sind im Vergleich zu den Gütern des Universums."
LEIBNIZ fährt an anderer Stelle fort:
    Dies ist diejenige Gerechtigkeit, welche nicht die Besserung des Schuldigen, noch das Beispiel, noch das Wiedergutmanchen des Übels zum Ziel hat. Diese Gerechtigkeit beruth nur auf der Angemessenheit, die zur Sühne für eine schlechte Handlung eine gewisse Genugtuung verlangt. Die Sozianer und HOBBES lassen diese strafende Gerechtigkeit nicht zu, die eigentlich eine rächende ist und die Gott sich für viele Fälle vorbehalten hat ... Sie stützt sich immer auf Angemessenheit, welche nicht bloß den Beleidigten befriedigt, sondern auch die Weisen, welche sie sehen, gleich wie eine gute Musik oder ein schönes Bauwerk wohlgeartete Gemüter befriedigt. Deshalb dauern die Strafen der Verdammten fort, selbst wenn sie nicht mehr dazu dienen, jemanden vom Bösen abzuhalten und deshalb dauert ebenso der Lohn der Seligen fort, selbst wenn dies nicht mehr dazu dienen kann, jemanden im Guten zu stärken. Man kann indessen auch sagen, daß sich die Verdammten durch immer neue Sünden immer neue Schmerzen zuziehen und daß sich die Seligen durch immer neue Fortschritte im Guten immer neue Freuden verschaffen, da beides sich auf das Prinzip der Angemessenheit gründet. Denn zuletzt ist, wie ich schon gesagt habe, alles, was Gott tut, harmonisch in Vollkommenheit."
Wie wenig LEIBNIZ auf dem Boden der Wirklichkeit steht, ist zu klar, als daß ich es noch näher erklären müßte. Niemals hat eine reale Vorstellung von den Erfahrungen einer verdammten Seele sich den Toren seines Geistes genaht. Ferner ist ihm der Gedanke nicht gekommen, daß die Glorie der Seligen umso weniger gerecht begründet ist, je kleiner die Zahl der Exemplare des Gattungsbegriffes "verlorene Seele" ist, die Gott der ewigen Angemessenheit als Bissen hinwirft. Was er gibt, ist eine kalte literarische Stilübung, deren heiteren Inhalt selbst das Höllenfeuer nicht erwärmen könnte.

Sagen sie nicht, daß ich auf ein seichtes, zopfiges Zeitalter zurückgreifen mußte, um die Seichtigkeit der rationalistischen Philosophie zu zeigen. Der Optimismus der heutigen Rationalisten klingt ebenso hohl für einen tatsachendurstigen Geist. Die wirkliche Welt ist etwas weithin Offenes, der Rationalismus aber macht Systeme und Systeme müssen geschlossen sein.

Für Männer, die im praktischen Leben stehen, ist Vollkommenheit etwas, das weit weg ist, etwas, das man zu erreichen strebt. Dies ist aber für die Rationalisten nur die Selbsttäuschung der begrenzten und bedingten Wesen. Der absolute Grund der Dinge ist von einer ewig vollendeten Vollkommenheit.

Ich finde ein schönes Beispiel von Auflehnung gegen den luftigen und seichten Optimismus der landläufigen Religionsphilosophie in einer Schrift des tapferen, anarchistischen Schriftstellers MORRISON J. SWIFT. SWIFTs Anarchismus geht etwas weiter, als der meine, aber ich habe volle Sympathie für seine Unzufriedenheit mit dem jetzt in Mode stehenden idealistischen Optimismus und ich weiß, manche von Ihnen werden ebenfalls mit ihm sympathisieren.

Er beginnt sein Buch über "menschliche Unterwerfung" (Human Submission) mit einer Reihe von Zeitungsnotizen (über Selbstmorde, Todesfälle durch Verhungern und ähnliches), die unsere staatliche Zivilisation charakterisieren sollen. Zum Beispiel:

    "Der Handlungsgehilfe JOHN CORCORAN, der sich von einem Ende der Stadt zum anderen durch den Schnee fortgeschleppt hatte, in der eitlen Hoffnung, eine Beschäftigung zu finden und dessen Frau und Kinder ohne Nahrung waren und wegen Nichtzahlung des Zinses die Weisung erhielten, ihre Wohnung zu verlassen, machte heute seinem Leben ein Ende, indem er Karbolsäure trank. CORCORAN hatte vor drei Wochen infolge von Krankheit seinen Posten verloren und in der beschäftigungslosen Zeit waren seine geringen Ersparnisse aufgebraucht worden. Gestern erhielt er Beschäftigung in einer Partie von Schneeschauflern, aber er war infolge der Krankheit zu schwach und mußte nach einer Stunde das Schaufeln aufgeben. Dann wurde das leidige Geschäft des Stellesuchens von neuem wieder aufgenommen. Gänzlich entmutigt kehrte CORCORAN gestern abend in seine Wohnung zurück, fand sein Weib und seine Kinder ohne Nahrung und die Delogierungsorder an der Tür. Am nächsten Morgen trank er das Gift."
"Die Berichte über mehrere solcher Fälle," so fährt SWIFT fort, "liegen vor mir, man könnte eine Bibliothek damit füllen. Ich zähle nur diese wenigen auf, weil sie maßgebend sind für die Deutung der Welt. "Wir erkennen die Gegenwart Gottes in seiner Welt," sagt ein Schriftsteller in der letzten Nummer einer englischen Zeitschrift. "Gerade die Gegenwart des Übels im zeitlichen Leben ist die Bedingung der Vollkommenheit im ewigen Leben," schreibt Professor ROYCE ("The World and the Individual II, Seite 385). "Das Absolute ist umso reicher, je größere Dissonanzen und je größere Verschiedenheiten es umfaßt," sagt BRADLEY (Appearance and Reality, Seite 204). Er glaubt, daß diese hingeschlachteten Menschen die Welt reicher machen und das ist Philosophie. Allein während die Professoren ROYCE und BRADLEY und ein ganzes Heer von arglosen, wohlgenährten Denkern uns die Wirklichkeit und das Absolute entschleiern und Übel und Schmerz wegerklären, ist dies die Lage der einzigen Wesen in der Welt, von denen wir wissen, daß sie ein entwickeltes Bewußtsein davon haben, was das Universum ist. Was diese Menschen erleben, das  ist  Wirklichkeit. Es ist eine unbedingt wirkliche Phase des Weltprozesses. Es ist die persönliche Erfahrung der Wesen, die im Umkreis unseres Wissens am besten dazu befähigt sind, Erfahrungen zu machen, uns zu sagen, was existiert. Was bedeutet nun das Denken über die Erfahrung dieser Leute im Vergleich zum unmittelbaren persönlichen Gefühl, wie sie es erleben? Die Philosophen arbeiten mit Schatten, während diejenigen, die leben und fühlen, die Wahrheit wissen. Zu dieser Ansicht kommt allmählich der Geist der Menschheit. Noch nicht freilich der Geist der Philosophen und der der besitzenden Klassen, wohl aber der Geist der großen Masse der still für sich denkenden und fühlenden Menschen. Sie urteilen jetzt über das Universum in derselben Weise, wie sie bisher den Hierophanten der Religion und Wissenschaft gestattet haben, über das Volk zu urteilen ..."

    "Der Arbeiter aus Cleveland, der sich und seine Kinder tötete (in einer der oben erwähnten Zeitungsnotizen war der Fall verzeichnet), ist eine der schauervollen elementaren Tatsachen der modernen Welt. Durch all die Abhandlungen über Gott, die Liebe, das Sein, die in ihrer monumentalen Leere hilflos dastehen, läßt sich diese Tatsache weder beschönigen, noch weganalysieren. Diese Tatsache ist ein einfaches, nicht weiter zurückführbares Element im Leben der Welt, nachdem sie Millionen Jahre Zeit gehabt hat, sich zu entwickeln und nach zweitausend Jahren Christentum. Dieses Faktum ist in der geistigen Welt dasselbe, was Atome und Subatome in der physischen Welt sind, ebenso primär, ebenso unzerstörbar. Und was diese Tatsache in die Welt hinausschreit, das ist die Betrügerei aller Philosophie, die nicht sehen will, daß in solchen Ereignissen die Verdichtung aller bewußten Erfahrung vorliegt. Solche Tatsachen beweisen unwiderleglich die Nichtigkeit jeder Religion. Der Mensch wird der Religion nicht noch weitere zweitausend oder auch nur weitere zwanzig Jahrhunderte Zeit lassen, sich zu erproben und die Zeit der Menschheit zu vergeuden. Ihre Zeit ist abgelaufen, die Periode ihrer Erprobung ist zu Ende. Ihr eigener Bericht macht ihr ein Ende. Die Menschheit hat keine Äonen und keine Ewigkeiten zu vergeben, um diskreditierte Systeme auf die Probe zu stellen."
So reagiert ein empirisch gestimmter Geist auf den Küchenzettel des Rationalismus. Es ist ein unbedingtes "Danke, nein!" "Religion", sagt SWIFT, "ist wie ein Nachtwandler, für den wirkliche Dinge ein Nichts sind." Und ebenso lautet, wenn auch vielleicht nicht so temperamentvoll ausgedrückt, das Urteil eines jeden tiefer angelegten Dilettanten in der Philosophie, der bei uns Philosophen das Um und Auf finden will, um die Fülle seiner Herzensbedürfnisse zu befriedigen. Empirische Schriftsteller geben ihm einen Materialismus, rationalistische etwas Religiöses, aber für diese Religion snd "die wirklichen Dinge ein Nichts". Dadurch wird er veranlaßt, über uns Philosophen zu Gericht zu sitzen. Seien wir zartfühlend oder grobkörnig, er findet, daß wir versagen. Keiner von uns darf sein Urteil mit Verachtung behandeln; denn sein Geist ist der typische Geist, sein Geist ist es, dessen Bedürfnisse die größten sind, sein Geist ist es endlich, dessen Kritik und Unzufriedenheit im Laufe der Zeit jeder Philosophie verhängnisvoll werden.

An diesem Punkt beginnt mein eigener Lösungsversuch. Ich biete Ihnen das Ding mit dem seltsam klingenden Namen Pragmatismus, als eine Philosophie, die beide Arten von Bedürfnissen befriedigen kann. Sie kann religiös bleiben, wie die rationalistischen Systeme, sie kann aber zugleich, wie die empirischen, die innigste Verbindung mit den Tatsachen pflegen. Ich hoffe, imstande zu sein, viele von Ihnen mit einer ebenso günstigen Meinung von dieser Philosophie zu erfüllen, wie ich sie selbst hege. Da ich aber fast am Ende der mir zur Verfügung stehenden Stunde bin, will ich den Pragmatismus heute noch nicht leibhaft vorführen. Ich werde das nächste Mal mit dem Glockenschlag damit beginnen. Heute möchte ich noch für einen Augenblick auf das zurückkommen, was ich eben ausgeführt habe.

Wenn einige von Ihnen Fachphilosophen sind - und von manchem weiß ich es - so werden Sie das Gefühl gehabt haben, mein Vortrag sei in ganz unverzeihlichem, ja in ganz unglaublichem Grade grobschlächtig gewesen. Zartfühlend und grobkörnig! welch barbarische Einteilung. Philosophie ist ja ganz zusammengefügt aus fein herausgearbeiteten Verstandesoperationen, Subtilitäten und Skrupeln. Jede mögliche Art von Kombinationen und Übergängen findet Raum in ihrem Gebiet. Ist es nun nicht ein brutales Karikieren, heißt es nicht, die erhabensten Dinge in der niedrigsten Art auszudrücken, wenn man die Kämpfe und Konflikte darstellen will als eine gemeine Rauferei zweier feindlicher Temperamente? Welch kindische, rein äußerliche Anschauung! Wie albern ist es ferner, die Abstraktheit der rationalistischen Systeme als ein Verbrechen zu behandeln und sie deshalb zu verdammen, weil sie sich selbst als Heiligtümer und Zufluchtsstätten geben und nicht als Erweiterungen der Tatsachenwelt. Sind nicht alle unsere Theorien Heilmittel und Zufluchtsstätten? Und wenn die Philosophie religiös sein soll, wie kann sie dann etwas anderes sein, als eine Stätte, in die wir uns flüchten aus der rauhen Welt der Wirklichkeit? Was kann sie besseres tun, als uns über unsere tierische Sinneswelt hinausheben und uns ein anderes und vornehmeres Heim für unseren Geist zeigen, indem sie jenes Netz idealer Prinzipien webt, das alle Wirklichkeit umspannt, die unsere Vernunft zu erraten vermag? Wie können Prinzipien und allgemeine Ideen jemals etwas anderes sein, als abstrakte Grundrisse? Ist der Kölner Dom ohne den Plan eines Baumeisters gebaut worden? Ist Läuterung an sich etwas Verabscheuungswertes? Ist die rohe Wirklichkeit das einzig Wahre?

Glauben Sie mir, ich empfinde die volle Schwere der Anklage. Das Bild, das ich entworfen habe, ist in der Tat in unerhörter Weise künstlich vereinfacht und nur eine rohe Skizze. Aber wie alle Abstraktionen wird es seine Dienste tun. Wenn die Philosophen das Leben des Universums abstrakt darstellen können, dann dürfen sie sich nicht darüber beklagen, wenn man einmal das Leben der Philosophie selbst abstrakt darstellt. In puncto facti ist das Bild, das ich entworfen habe, wenn auch nur eine rohe Skizze, doch buchstäblich wahr. Was die Menschen bei ihrem Philosophieren bestimmt und immerdar bestimmen wird, das ist das Temperament mit seinem Begehren und Widerstreben. Die Einzelheiten der Systeme mögen stückweise mit der Vernunft ausgegrübelt werden und wenn der Gelehrte an seinem System arbeitet, so mag er zuweilen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Aber wenn die Arbeit fertig ist, dann vollzieht der Geist immer den Akt des Zusammenfassens und das System steht mir wie ein lebendig Ding gegenüber, behaftet mit dem eigenartigen Charakter der Persönlichkeit, die unsere Erinnerung heimsucht, wie der Geist eines toten Freundes oder Feindes.

Nicht nur WALT WHITMAN durfte schreiben: "Wer dies Buch berührt, berührt einen Menschen." Die Bücher aller Philosophen sind ebensoviele Menschen. Unsere Empfindung für die charakteristische persönliche Klangfarbe bei jedem von ihnen ist die schönste Frucht unserer eigenen vollendeten philosophischen Ausbildung. Was das System sein will, das ist ein Bild von dieser großen Welt Gottes, was es wirklich ist, das ist eine - ach so überwältigend deutliche - Aufklärung darüber, wie gründlich seltsam oft die persönliche Eigenart unserer Nebenmenschen beschaffen ist. Haben wir unser Urteil einmal auf einen solchen Ausdruck gebracht (und für Geister, die durch die Wissenschaft kritisch geworden sind, geschieht dies in bezug auf alle unsere Philosophen), dann wird unser Verkehr mit den Systemen zu einer formlosen, instinktiven Reaktion, die sich in Gefallen und Mißfallen äußert. Wir werden so entschieden in unserem Verwerfen und Anerkennen, wie wenn jemand sich uns als Kandidat bei den Wahlen vorstellt. Unsere Urteile werden dann in ganz einfache Eigenschaftswörter des Lobes oder Tadels formuliert. Wir vergleichen das Wesen der Welt, wie  wir  es empfinden, mit der Klangfarbe der Philosophie, die uns dargeboten wird und wir brauchen für unser Urteil nicht mehr als ein einziges Wort.

"Statt der lebendigen Natur" sagen wir dann, "da Gott die Menschen schuf hinein", dieses trübe Gebräu, dieses hölzerne abgezirkelte Ding, dieses verworrene Gekünstel, dieses abgestandene Schulstubenzeugnis, dieses krankhafte Traumgebilde: fort damit, fort mit all dem! Unmöglich, unmöglich!

Wir gewinnen den endgültigen Eindruck von einem System allerdings durch unser Studium der Einzelheiten, aber der endgültige Eindruck ist es, auf den wir reagieren. Ein Maßstab für die Sachverständigkeit in der Philosophie ist die Entschiedenheit in der endgültigen Reaktion, das unmittelbare anschauliche Beiwort, mit dem der Sachverständige so komplizierte Dinge charakterisiert. Aber auch ohne große Sachkenntnis kann man dieses Beiwort finden. Wenige Menschen haben eine streng gegliederte eigene Philosophie. Aber fast jeder hat seine eigene besondere Empfindung für das allgemeine Wesen der Welt und fühlt deutlich, daß dieses bestimmte, ihm bekannte philosophische System dazu nicht paßt. Es deckt sich eben nicht mit seiner Welt. Das eine ist zu zierlich, das andere zu pedantisch, das dritte zu sehr Ramschware, ein viertes zu ungesund und ein fünftes zu gekünstelt und dgl. Jedenfalls weiß er und wissen wir sofort, daß solche Philosophien nicht die Richtung, nicht den Ton, nicht die Schlagkraft haben, die wir brauchen, und daß sie nicht den Beruf haben, im Namen des Universums zu reden. PLATO, LOCKE, SPINOZA, MILL, CAIRD, HEGEL - ich vermeide absichtlich Namen, die uns näher liegen - ich weiß, daß für viele von Ihnen, meine Zuhörer, diese Namen kaum etwas anderes bedeuten, als verschiedene eigentümliche Arten, sein Ziel zu verfehlen. Es wäre offenbar absurd, wenn solche Methoden der Weltbetrachtung wirklich wahr wären.

Wir Philosophen haben mit solchen Gefühlen von Ihrer Seite zu rechnen. Letzten Endes werden, ich wiederhole es, alle unsere Philosophien durch solche Gefühle beurteilt werden. Endgültig siegreich wird diejenige Art der Weltbetrachtung sein, die auf die normalen Geister den stärksten Eindruck macht.

Noch ein Wort darüber, daß eine Philosophie immer nur ein Grundriß sein kann. Es gibt Grundrisse und Grundrisse, Grundrisse von Gebäuden, die sich deutlich abheben, die vom Entwerfer körperlich vorgestellt werden, und Grundrisse, die mit Lineal und Zirkel flach auf das Papier hingezeichnet Diese bleiben fleischlos und mager, auch wenn sie in Stein und Mörter ausgeführt werden und der Grundriß selbst läßt dieses Ergebnis vermuten. Ein Grundriß ist zwar an sich mager, aber er muß nicht etwas Mageres bedeuten. Die wirkliche Fleischlosigkeit, auf welche die üblichen rationalistischen Philosophien hindeuten, die ist es, durch welche die Empiriker zu ihrer ablehnenden Gebärde veranlaßt werden. Das System HERBERT SPENCERs ist in diesem Punkt belehrend. Die Rationalisten stoßen sich an seinen schrecklichen Unzulänglichkeiten. Sein trockener Schulmeisterton, seine hausbackene Monotonie, seine Vorliebe für billige Lückenbüßer in der Beweisführung, sein Mangel an gründlicher Bildung selbst in den Prinzipien der Mechanik, überhaupt die Unklarheit seiner Grundideen, das Hölzerne seines Systems, das aussieht, als wäre es aus rissigen Brettern zusammengeschlagen, - und doch will halb England, daß er in der Westminster Abtei begraben werde.

Warum das? Warum zwingt uns SPENCER soviel Hochachtung ab, trotz aller Schwächen, die der Rationalist bei ihm findet? Warum wünschen so viele gründlich geschulte Männer, vielleicht auch Sie und ich, obwohl wir diese Schwächen als solche empfinden, ihn trotzdem in der Abtei begraben zu sehen?

Einfach deshalb, weil wir fühlen, daß er in der Philosophie das Herz auf dem rechten Fleck hat. Seine Prinzipien sind vielleicht nichts als Haut und Knochen, aber seine Bücher versuchen es, sich gemäß der Gestalt dieser wirklichen Welt zu formen. Der Erdgeruch der Tatsachen ist in jedem Kapitel zu spüren, das Anführen von Tatsachen hört nie auf; er legt Nachdruck auf Tatsachen, wendet sich ihnen zu und das genügt. Er meint das Richtige für den empirisch gestimmten Geist.

Die pragmatische Philosophie, mit der ich hoffe, in meiner nächsten Vorlesung beginnen zu können, unterhält eine ebenso herzliche Beziehung zu den Tatsachen, aber im Gegensatz zu SPENCER weist sie weder am Anfang noch am Ende positiven religiösen Konstruktionen die Tür; sie behandelt diese ebenso herzlich, wie die Tatsachen.

Ich hoffe, Sie dahin zu bringen, daß Sie in dieser Philosophie den Mittelweg für Ihr Denken finden, den Sie eben suchen.
LITERATUR - William James, Der Pragmatismus, Leipzig 1908
    Anmerkungen
    1) Gemeint ist CHARLES PEIRCE (siehe 2. Vorlesung)
    2) Ich gebe das Zitat aus LEIBNIZ nach der von mir hie und da berichtigten deutschen Übersetzung KIRCHMANNs. Die beiden Stellen finden sich in Theodizee II, Seite 19 und 73, bei KIRCHMANN Seite 11f und 146f. Das französische Original: Leibnitii opera philosophica, herausgegeben von Erdmann, Seite 509 und 522 [Anmerkung des Übersetzers]


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