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THEODOR LIPPS
Einige psychologische Streitpunkte

"Das Erkennen der Identität oder Nichtidentität zeitlich getrennter Bewußtseinsinhalte beruth zum Teil und unter Umständen auf Assoziation mit ihnen verknüpfter Vorstellungen. Offenbar kann es nun für die assoziativen Verknüpfungen zweier Töne mit anderen Inhalten nicht gleichgültig sein, ob das Zustandekommen der beiden durch ganz verschiedene, oder ob es durch teilweise identische nervöse Elemente vermittelt wird. Im ersten Fall werden die Töne im Allgemeinen in ganz verschiedene Beziehungsnetze eingesponnen und also relativ leicht auseinander zu halten sein, im zweiten geraten sie in dieselben Beziehungen und werden leichter verwechselt."

"Wenn ein Klang von 100 Grundtonschwingungen irgendwie physikalisch, etwa durch den Anschlag einer Saite entsteht, dann  kommt  in diesem  Klang,  d. h. in der Vielheit von Tönen, die durch den einen Anschlag gleichzeitig erzeugt werden,  auch  ein Ton von 200 Schwingungen vor. Genauer gesagt, ein und dieselbe Saite läßt, außer dem Ton von 100 Schwingungen, gleichzeitig auch diesen zweiten Ton entstehen. Die Zugehörigkeit dieses Tones zu einem Klang wird erst zur psychologischen Tatsache, wenn der Klang  als  Klang  gehört  wird, d. h. wenn die Teiltöne zum Klang  verschmelzen." 

"Bewegungsempfindungen sind die Empfindungen, die bei Gelegenheit der körperlichen Bewegungen durch Reizung erzeugt werden, die in den bewegten Teilen entstehen. Also vor allem die Muskel-, Sehnen- und Gelenkempfindungen. In Wahrheit sind alle diese Empfindungen keine Bewegungsempfindungen, da die Bewegung die Vorstellung der Räumlichkeit in sich schließt, und diese in jenen qualitativ abgestuften Empfindungen in keiner Weise eingeschlossen liegt. Es gibt in Wahrheit keine Bewegungsempfindungen. Genauso gibt es keine Empfindungen der Anstrengung, der Kraft, des Widerstandes. Es gibt streng genommen auch keine Empfindungen der Schwere und keine Spannungsempfindungen. Jede dieser Benennungen ist ungenau oder schließt eine Verwechslung in sich."



I. Zur Tonverschmelzung

EBBINGHAUS erkennt in seiner Psychologie I, Seite 325f an, daß wir in Gefahr sind, einen Ton mit seiner niederen oder höheren Oktave zu  verwechseln.  Und ebenso, daß ein Ton leicht mit seiner niederen Oktave  verschmilzt.  Und er gibt dafür eine neue Erklärung. Sie beruth auf einer Hypothese. Wir wollen aber im Folgenden annehmen, diese Hypothese sei eine gesicherte Tatsache.

Die Meinung EBBINGHAUS' ist folgende: Wird ein Ton  C  von 100 Schwingungen und gleichzeitig ein Ton  c  von 200 Schwingungen angegeben, dann setzt jener zunächst den auf 100, dieser den auf 200 Schwingungen abgestimmten Teil der Basilarmembran in Mitschwingung. Wir wollen  jene  Teil der Basilarmembran kurz als die  "Stelle 100", diesen  als die  "Stelle 200"  bezeichnen.

Dabei bleibt es aber nach EBBINGHAUS nicht. Sondern die Stelle 100 wird zugleich durch den Ton  c,  also durch die 200 Schwingngen, in Mitschwingung versetzt. Außerdem setzen beide Töe gemeinsam die Stelle 50 in Mitschwingung usw.

Nun wird aber, so fährt EBBINGHAUS fort, an der Stelle 100 die durch den Ton  C  erzeugte Schwingung das Übergewicht haben, also die durch den Ton  c  erzeugte Schwingung unterdrücken. Ebenso werden an der Stelle 50 die durch  c  erzeugten Schwingungen von den durch  C  erzeugten verdrängt werden. Darin liegt, so meint EBBINGHAUS, eine Verminderung der für den Ton  c  charakteristischen Nervenprozesse.  c  verliert also etwas von seiner Charakteristik. Und dies macht es begreiflich, wenn der Ton  c  bei gleichzeitigem Erklingen der beiden Töne  C  und  c  nicht mehr vom Ton  C  gesondert wird, wenn er also mit ihm verschmilzt.

Achten wir nun zunächst einen Augenblick speziell auf den Ton  c.  Sind für den Ton  c,  diesen Empfindungsinhalt, überhaupt irgendwelche nervösen Prozesse charakteristisch?

Natürlich nicht ohne weiteres. Sondern diese nervösen Prozesse müssen auch für den Empfindungsinhalt etwas  bedeuten.  Der Empfindungsinhalt  c  muß irgendwie durch sie qualitativ bestimmt sein. Das heißt in unserem Fall: daß der Empfindungsinhalt  c  nicht einfach aus der Erregung der Stelle 200, sondern zugleich aus der Erregung der Stellen 100 und 50 etc. entsteht, dies muß dem Empfindungsinhalt  c  eine Eigentümlichkeit geben, die er sonst nicht hätte.

Nehmen wir jetzt  C  hinzu. Auch zur Erzeugung von  C  wirken die Stellen 100 und 50 usw. mit. Auch die Eigentümlichkeit dieses Tones  C  wird also durch diese Stellen bestimmt. Da die Stellen in beiden Fällen dieselben sind, so müssen auch die Eigentümlichkeiten, die sie verleihen, in beiden Fällen dieselben sein. Das heißt, die Töne  C  und  c  sind einander in besonderem Maße gleichartig. Sie haben mehr als andere, voneinander unterschiedene Töne eine sie näher bestimmende Eigentümlichkeit gemein. Sie haben, so könnten wir sagen, gleichartige "Lokalzeichen". Dabei verstehe ich unter "Lokalzeichen" in diesem Fall nichts anderes, als eben die Eigentümlichkeit, die ein Ton dadurch gewinnt, daß er zu bestimmten Stellen der Basilarmembran gehört, oder daß bestimmte Stellen der Basilarmembran an seinem Zustandekommen mitwirken. - Hiermit glaube ich nur wiedergegeben zu haben, was in EBBINGHAUS' Worten liegt.

Dabei muß nun ein Moment besonders betont werden. Es ist dies, daß dem  C  und  c  durch die Herkunft von teilweise identischen Stellen der Basilarmembran gleiche  "Eigentümlichkeiten"  verliehen werden. Das heißt die Beeinflussung des Charakters des  C  und  c  durch die Stellen der Basilarmembran von denen sie herstammen, muß als eine  qualitative  gedacht werden.

Dies ist ohne Zweifel EBBINGHAUS' Meinung. Es kann nicht etwa die Mitwirkung der Stellen 100 und 50 beim Zustandekommen des Tones  c  für ihn bestehen in einer bloßen Steigerung der  Intensität  dieses Tones. Denn wäre es so, dann würde der Verlust, den nach der oben mitgeteilten Hypothese der Ton  c  erleidet, indem  C  und  c  zusammentreffen, nur in einer  Minderung der Intensität  des Tones  c  bestehen können; und die Neigung des  C  und  c,  miteinander zu verschmelzen, hätte in dieser Minderung der Intensität des  c  ihren Grund. Sie fände statt nach der Regel: Wenn zwei Töne zusammentreffen, von denen der eine eine geringere Intensität hat, so besteht eine Neigung des schwächeren, mit dem stärkeren zu verschmelzen.

Nun mag es eine solche Regel geben. Natürlich muß dieselbe aber, wenn sie gilt, genauso für Töne gelten, die in  beliebigen  Schwingungsverhältnissen zueinander stehen, insbesondere also auch für beliebig  dissonante  Töne. Und darum handelt es sich ja für EBBINGHAUS nicht. Seine Frage lautete nicht, wie es mit der Verschmelzung beliebiger Töne bestellt ist unter der Voraussetzung eines bestimmten  Intensitäts verhältnisses, sondern er wünscht zu wissen, und sucht zu zeigen, wie es mit der Verschmelzung von Tönen bestellt ist, wenn sie sich verhalten wie  ein Ton zu seiner Oktave;  allgemein gesagt, wie es mit der Verschmelzung von Tönen bestellt ist, die in einem  einfachen Schwingungsverhältnis  zueinander stehen. Es ist also so, wie ich sage: die "Charakteristik", von der EBBINGHAUS redet, muß durchaus als eine qualitative gemeint sein.

Dies liegt dann auch schon im Wort "Charakteristik". Die Steigerung der  Intensität  eines Tones ist keine "Charakteristik". Eine Charakteristik ist eine qualitative Eigentümlichkeit. Eine solche also hat der Ton  c  nach EBBINGHAUS vermöge des Umstandes, daß er zustande kommt, nicht einfach aus der Wirkung der Stelle 200, sondern auch aus der Mitwirkung der Stellen 100 und 50.

Zum Überfluß spricht aber EBBINGHAUS selbst auch von einer  "Differenzierung",  welche der Ton  c  durch die Mitwirkung der Stellen 100 und 50 erleidet. Eine solche Differenzierung ist selbstverständlich nicht Intensitätssteigerung, sondern Mitteilung einer qualitativen Eigentümlichkeit.

Endlich will EBBINGHAUS ja auch die  Verwechslung  eines Tones mit seiner Oktave, wenn beide sich beide zeitlich  folgen,  auf den bezeichneten Umstand, d. h. auf das Mitwirken gleicher Stellen der Basilarmembran beim Zustandekommen beider Töne, zurückführen. Er bemerkt mit Bezug hierauf, "das Erkennen der Identität oder Nichtidentität zeitlich getrennter Bewußtseinsinhalte beruth zum Teil und unter Umständen auf Assoziation mit ihnen verknüpfter Vorstellungen. Offenbar kann es nun für die assoziativen Verknüpfungen zweier Töne mit anderen Inhalten nicht gleichgültig sein, ob das Zustandekommen der beiden durch ganz verschiedene, oder ob es durch teilweise identische nervöse Elemente vermittelt wird. Im ersten Fall werden die Töne im Allgemeinen in ganz verschiedene Beziehungsnetze eingesponnen und also relativ leicht auseinander zu halten sein, im zweiten geraten sie in dieselben Beziehungen und werden leichter verwechselt."

Dazu bemerke ich zunächst, daß es für die Assoziationen, welche eine Empfindung eingeht, natürlich  absolut  gleichgültig ist, durch welchen nervösten Elemente die Empfindung vermittelt ist. Diese nervösen Elemente können für die Empfindung und ihre Assoziationsbeziehungen nur in Betracht kommen, wenn sie der Empfindung eine entsprechende Eigentümlichkeit mitteilen. Die von der Gleichheit der nervösen Elemente herrührenden Eigentümlichkeiten von Empfindungen aber, die bewirken, daß die Empfindungen in gleiche Beziehungsnetze eingesponnen werden, können nur  gleichartige  Eigentümlichkeiten sein.

Im Übrigen wissen wir, daß überall Gleichartigkeit die Verwechslung begünstigt, Ungleichartigkeit sie verhütet. Es leuchtet also von vornherein ein, daß  C  und  c,  wenn sie leicht verwechselt werden, irgendwie etwas Gemeinsames an sich tragen müssen. Und dieses Gemeinsame nun wird von EBBINGHAUS auf die Mitwirkung identischer Teile der Basilarmembran beim Zustandekommen der Töne zurückgeführt.

Und eben darauf nun basiert EBBINGHAUS' Theorie der Verschmelzung von  C  und  c.  Er erklärt diese Verschmelzung daraus, daß beim Zusammentreffen der Töne der Ton  c  einen Teil seiner Charakteristik verliert. Diese Charakteristik ist, wie wir gesehen haben, die Hinzufügung eines Gleichartigen zu den verschiedenen Tönen. Der Ton  c  verliert seine Charakteristik, d. h. er verliert dasjenige, was ihn dem Ton  C  gleichartig macht. Der Verlust der Charakteristik ist gleichbedeutend mit einer Steigerung der qualitativen Verschiedenheit der beiden Töne. Auf diese Steigerung der qualitativen Verschiedenheit also gründet EBBINGHAUS die Neigung der beiden Töne, zu verschmelzen.

Das kann EBBINGHAUS aber nicht im Ernst meinen. Er kann nicht die Verschmelzung auf eine Steigerung der qualitativen  Selbständigkeit  gründen wollen. Wir wissen, daß sonst  Gleichartigkeit  Bedingung der Verwechslung und auch der Verschmelzung ist.

Das Ergebnis ist demnach: EBBINGHAUS hat gezeigt, daß der von ihm vorgeschlagene Versuch, die Verschmelzung konsonanter Töne zu erklären, unmöglich ist.

Ist es aber so, dann werden wir zunächst bei einer der vorhandenen Erklärungen des Tatbestandes bleiben müssen. Man kennt die STUMPF'sche Erklärung der Verschmelzung von  C  und  c.  Er sagt, diese beiden Töne bilden, mögen sie gleichzeitig gegeben sein oder sich folgen, in besonderem Maße eine Einheit. Damit bezeichnet er eine unleugbare Tatsache. Diese besondere Einheit ist ein unmittelbares Bewußtseinserlebnis. Und zweifellos wird damit auch die Verschmelzung und nicht minder die Gefahr der Verwechslung zusammenhängen. Es bleibt nur die Frage, wie dieses unmittelbare Bewußtseinserlebnis der besonderen Einheitlichkeit der beiden Töne zu erklären sei.

Hier nun komme ich auf WUNDT, nämlich auf seine Theorie der indirekten Klangverwandschaft. Zwei Töne sind indirekt klangverwandt, wenn sie ein und demselben Klang als Teiltöne angehören. Dies ist ohne Zweifel der Fall bei den Tönen  C  und  c.  Und es ist wiederum kein Zweifel, daß die Verschmelzung oder Verwechslung mit diesem Sachverhalt zusammenhängen muß. Nur fragt es sich hier, wie fern diese Zugehörigkeit zu einem Klang eine solche Wirkung üben kann.

Die Zugehörigkeit zu einem Klang ist nicht ohne weiteres eine  psychologische  Tatsache. Sie besagt zunächst nichts weiter als dies: Wenn ein Klang von 100 Grundtonschwingungen irgendwie physikalisch, etwa durch den Anschlag einer Saite entsteht, dann  kommt  in diesem  "Klang",  d. h. in der Vielheit von Tönen, die durch den einen Anschlag gleichzeitig erzeugt werden, auch ein Ton von 200 Schwingungen  vor.  Genauer gesagt, ein und dieselbe Saite läßt, außer dem Ton von 100 Schwingungen, gleichzeitig auch diesen zweiten Ton entstehen. Die Zugehörigkeit dieses Tones zu einem Klang wird erst zur psychologischen Tatsache, wenn der Klang  als  Klang  gehört  wird, d. h. wenn die Teiltöne zum Klang  verschmelzen.  Aber wie dies geschehe, oder worauf die Verschmelzung beruth, das ist ja eben hier die Frage.

Und hier nun komme ich wieder zurück auf STUMPF. Die Teiltöne eines Klangs, so sahen wir schon, verschmelnzen nach STUMPF zu einem Klang, oder anders gesagt, Teiltöne, die ein und demselben Klang angehören, haben die Tendenz zur Verschmelzung, weil sie ansich in besonderem Maße einheitlich sind. Natürlich wird diese Einheitlichkeit damit zusammenhängen, daß sie Teile ein und desselben Klangs sind, d. h. daß sie  sich verhalten,  wie die Teiltöne eines Klangs sich zueinander zu verhalten pflegen. Und dies wiederum heißt, daß sie in einem einfachen Schwingungsverhältnis zueinander stehen.

Darin nun liegt wiederum, daß diese einfachen Schwingungsverhältnisse auch für die den Schwingungszaheln entsprechenden Tonempfindungen eine Bedeutung haben müssen. Auf die Frage aber ,wie dies denkbar sei, gibt die "Theorie der Tonrhythmen" die Antwort. In den Tonempfindungen, oder genauer, den psychischen, oder wenn man lieber will, zentralen Vorgängen, die dem Ton, diesem Empfindungsinhalt, zugrunde liegen, kehrt der Rhythmus der entsprechenden physikalischen Schwingungsfolgen in irgendeiner Weise wieder. "In irgendeiner Weise", dies will sagen, daß die Wiederkehr nicht eine  einfache  zu sein braucht. Vielleicht vervielfacht sich der physikalische Rhyhtmus in den psychischen Vorgängen. Worauf es ankommt, ist lediglich, daß das  Verhältnis  der physikalischen Rhythmen in den psychischen Vorgängen erhalten bleibt. Wir wollen aber der Einfachheit des Ausdrucks halber die Annahme machen, es finde eine einfach Wiederkehr des physikalischen Rhythmus in den psychischen Vorgängen statt. Dann hat die Empfindung unseres Tones  C  den "Rhythmus 100", die Empfindung  c  den Ryhthmus 200. 200 aber ist 2 x 100, oder 100 x 2. Beide Tonempfindungen haben also den Rhythmus 100 gemein. Damit sind sie vereinheitlicht. Und diese Vereinheitlichung bedingt die Neigung zur Verschmelzung und zugleich die Gefahr der Verwechslung.

In dieser Anschauung finden, so viel ich sehe, STUMPFs und WUNDTs Theorie ihren natürlichen Einheitspunkt. Und eben dieser Anschauung dient auch das Scheitern des EBBINGHAUS'schen Versuchs zur Bestätigung.

Vielleicht aber habe ich im Vorstehenden EBBINGHAUS trotz gegenteiliger Bemühungen mißverstanden. Vielleicht ist der eigentliche Sinn der EBBINGHAUS'schen Theorie der: die Töne  C  und  c  haben vermöge des Umstandes, daß bei ihrem Entstehen gleiche Teile der Basilmembran beteiligt sind, etwas Gemeinsames, das bei ihrem Zusammentreffen  nicht  aufgehoben wird. Und was sie verschmelzen läßt, und  zugleich  ihre Verwechslung begünstigt, ist eben dieses Gemeinsame. Dann fahre ich fort: Dieses Gemeinsame beruth nach EBBINGHAUS, kurz gesagt, auf der Besonderheit der Stellen der Basilmembran. Jede Stelle dieser Membran, so könnte diese Annahme weiter verdeutlicht werden, hat ihre bestimmte Charakteristist. Und diese gibt auch der zugehörigen Tonempfindung eine bestimmte Eigentümlichkeit.

Dazu bemerke ich dann ein Doppeltes. Die  Bewußtseinsinhalte C  und  c  zeigen zweifellos kein besonderes gemeinsames Element. Sie stimmen in keiner Weise in einem höheren Grad überein als die Bewußtseinsinhalte  C  oder  H  oder  C  und  Cis.  So bleibt nur die Möglichkeit, daß die Eigentümlichkeiten, hinsichtlich welcher  C  und  c  übereinstimmen, gesucht werden in den psychischen oder zentralen Vorgängen, welche den Bewußtseinsinhalten zugrunde liegen.

Zweitens, wenn den psychischen Vorgängen, welche den Bewußtseinsinhalten  C  und  c  zugrunde liegen, eine solche gemeinsame Eigentümlichkeit zukommt, weil sie von gleichartigen Stellen der  Basilmembran  herrühren, dann muß viel eher den fraglichen psychischen Vorgängen ein gemeinsames Element anhaften aufgrund des Umstandes, daß sie aus Schwingungsfolgen stammen, die sich wie 100 zu 200 verhalten. Diese Schwingungsfolgen haben, wie gesagt, etwas Gemeinsames. Sie haben den Rhythmus 100 gemein. Und dieses Gemeinsame hat den Vorzug,  nicht hypothetisch  zu sein. Damit wäre auch mit EBBINGHAUS eine Übereinstimmung erzielt. Natürlich würde jenes von EBBINGHAUS nur  angenommene  Moment der Übereinstimmung zwischen  C  und  c  zurücktreten müssen hinter diesem, das aus einer jedermann bekannten  Tatsache  entnommen ist.


II. Die angebliche Bedeutung der Bewegungsempfindungen

Ich verstehe hier unter Bewegungsempfindungen die Empfindungen, die bei Gelegenheit der körperlichen Bewegungen durch Reizung erzeugt werden, die in den bewegten Teilen entstehen. Also vor allem die Muskel-, Sehnen- und Gelenkempfindungen. In Wahrheit sind alle diese Empfindungen keine Bewegungsempfindungen, da die Bewegung die Vorstellung der Räumlichkeit in sich schließt, und diese in jenen qualitativ abgestuften Empfindungen in keiner Weise eingeschlossen liegt.

Daß die fraglichen Empfindungen ansich keine Bewegungsempfindungen sind, darüber ist sich auch EBBINGHAUS vollkommen klar. Er ist sich nicht ebenso klar darüber, daß auch eine Reihe von anderen Benennungen, die man jenen Empfindungen hat zuteil werden lassen, ihnen als solchen nicht zukommen; daß insbesondere jene Empfindungen ansich genau ebensowenig Anstrengungsempfindungen, Kraftempfindungen, Widerstandsempfindungen sind, als sie Bewegungsempfindungen sind. Es gibt in Wahrheit keine Bewegungsempfindungen. Genauso gibt es keine Empfindungen der Anstrengung, der Kraft, des Widerstandes. Es gibt streng genommen auch keine Empfindungen der Schwere und keine Spannungsempfindungen. Jede dieser Benennungen ist ungenau oder schließt eine Verwechslung in sich.

Gewisse Funktionen, die man den Bewegungsempfindungen zuweist, wenn man sie mit jenen Namen benennt, haben andere einer anderen Gattung von Empfindungen zugewiesen. Man nannte sie Innervationsempfindungen [Erregung eines Organs oder Gewebes durch Nerven - wp]). Diese Empfindungen weist EBBINGHAUS mit guten Gründen zurück. Aber wenn er nun das, wsa die Innervationsempfindungen leisten sollen, als Leistung jener Bewegungsempfindungen auffassen will, so unternimmt er Unmögliches. Es gibt keine Innervationsempfindungen, aber es gibt etwas von diesen Innervationsempfindungen, wie von allen Empfindungen überhaupt, absolut Verschiedenes, nämlich die Strebungsgefühle.  Diese  sind es, die an die Stelle jener Innervationsempfindungen gesetzt werden müssen.

Diese Strebungsgefühle übersieht EBBINGHAUS. Und er übersieht zugleich, daß es eine Anschauung gibt, die seit langem an die Stelle der Innervationsempfindungen diese Strebungsgefühle setzt. Dies durfte EBBINGHAUS nicht. Es gilt ja nicht etwa das, was er gegen die Innervationsempfindungen sagt, zugleich gegen die Strebungsgefühle. Dieselben sind also nicht durch die Kritik der Innervationsempfindungen beseitigt.

Diese Strebungsgefühle sind es nun insbesondere auch, die erst den Worten: "Anstrengung", "Kraftaufwand", "Widerstand", schließlich den Worten: "Schwere" und "Spannung", sei es ganz, sei es teilweise, ihren Sinn geben.

Das Gefühl des Strebens, das im übrigen viele Namen hat, - Gefühl des Begehrens, Verlangens, Wünschens, Sehnens, Fürchtens, Hoffens -, ist der Begleiter jedes psychischen Geschehens, das seiner Natur nach auf einen Erfolg gerichtet ist,, auf diesen Erfolg hinwirkt, die positive Bedingung desselben in sich schließt, aber dabei Hemmungen begegnet. Dieses Gefühl ist, wie teilweise schon jene verschiedenen Namen andeuten, mannigfacher Modifikationen fähig. Das Wort "Strebungsgefühl" bezeichnet eine qualitative Mannigfaltigkeit von mehreren Dimensionen. Hier aber ist nur zweierlei zu bemerken.

Erstens: Wir müssen unterscheiden zwischen dem sozusagen punktförmigen Strebungs- oder Willensimpuls einerseits, und dem Streben in Bewegung, dem strebenden Fortgehen oder Verharren, dem inneren Tun, der Willenshandlung andererseits. Ein psychischer Vorgang oder "Erregungszustand" - eine Zielvorstellung etwa - wird das eine Mal ausgelöst und "wirkt" auf einen bestimmten Erfolg hin, d. h. trägt in sich die Bedingungen eines solchen, wird aber an diesem Erfolg verhindert, der Art, daß damit zugleich das Streben, d. h. das Hinwirken des Vorgangs auf den Erfolg aufgehoben wird; so wiie etwa ein gegen eine Mauer geschleuderter Stein durch die Mauer in seiner Bewegung aufgehalten und zugleich der Tendenz oder des Strebens, seinen Weg fortzusetzen, beraubt wird. Dieser Fall liegt vor im Wünschen, Hoffen, in der Forderung,  daß  etwas geschehe etc.

Ein andermal bleibt das Streben trotz des Hemnisses bestehen. Das psychische Geschehen geht fort zum Erfolg, beginnt also das Hemmnis zu überwinden. Oder es hält auch nur dem Hemmnis stand. In diesem Fall liegt nicht bloß ein Streben vor, sondern ein Tun, ein strebendes Fortgehen oder Verharren. Und damit ändert auch das Gefühl seinen Charakter. Es wird zu einem Gefühl des Tuns oder der Tätigkeit, einem Gefühl des strebenden Fortgehens oder Verharrens.

Und dazu für ich das Zweite: Das Gefühl des Strebens, wie es auch sonst beschaffen sein mag, hat jederzeit mehr oder minder den Charakter der Spannung. Es ist immer zugleich ein Spannungsgefühl. Der Gegensatz, der Konflikt, die "Spannung" zwischen der Wirkung des Strebens, d. h. des psychischen Geschehens, in welchem das Positive des Strebens besteht, einerseits, und der Gegenwirkung des hemmenden Faktors andererseits, gibt dem Gefühl diesen Charakter. Dieser Charakter steigert sich mit der tatsächlichen Größe jenes Gegensatzes oder jener Spannung. - Was ich hier mit dem Spannungsgefühl oder mit dem im Strebungsgefühl bald mehr bald minder liegenden Charakter der Spannung meine, ist jedermann bekannt, der einmal sich oder seinen Willen "angespannt", mit "gespannter Aufmerksamkeit" einen Gedanken verfolgt, ein Ereignis mit Spannung erwartet hat und dgl.

Und auch dieses Spannungsgefühl hat nun einen verschiedenen Charakter, je nachdem das Streben einfach ein punktförmiges Streben ist, oder aber als ein Streben in der Bewegung oder im Verharren, kurz sich als ein Tun darstellt. Wie das Strebungsgefühl überhaupt, so ist auch das Spannungsgefühl das eine Mal einfach das Gefühl einer daseienden Spannung, das andere Mal ein Gefühl der Spannung  im Tun.  Es ist dort punktförmig, hier zur Linie gedehnt. Es ist dort eine einfache Spannung, hier  "Reibung". 

Und dieses Gefühl der Reibung, oder der Spannung im Tun, ist das Anstrengungsgefühl, oder Gefühl der Bemühung, oder der aufgewendeten Kraft. Es ist, so können wir auch sagen, das Gefühl der Arbeitsleistung. Es ist das unmittelbare Bewußtseinssymptom der Tatsache, daß durch ein psychisches Geschehen die Hemmung einer bestimmten Größe überwunden, oder einer Hemmung standgehalten wird. Es ist in jenem Fall das Gefühl der positiven, in diesem Gefühl der negativen psychischen Arbeitsleistung.

Ein solches Anstrengungsgefühl habe ich etwa, wenn ich meinen Arm hebe. Ich habe es aber ebensowohl, wenn ich mich anstrenge, einen Gedanken zu verfolgen oder festzuhalten, oder wenn ich mich bemühe, mich einer Sache zu erinnern. In all diesen Fällen ist in mir ein Geschehen, das auf einen Erfolg, die Verfolgung eines Gedankens, das Auftreten eines Erinnerungsbildes etc. hinwirkt. Und jedesmal steht der Erreichung des Erfolges eine Hemmung gegenüber. Das Gefühl, das aus dem Gegensatz zwischen diesen beiden gegensätzlichen Momenten resultiert, ist hier jedesmal ein Anstrengungsgefühl, weil es nicht einfach bei diesem Gegensatz bleibt, sondern Arbeit geleistet wird, eine Bewegung oder ein Standhalten stattfindet; kurz ein auf die Beseitigung der Hemmung gerichtetes Tun, in welchem die punktförmige Spannung sich zur Linie dehnt, eine Reibung.

Dieses Anstrengungsgefühl nun, und damit zweifellos das Strebungsgefühl überhaupt, ist für EBBINGHAUS identisch mit Empfindungen der Spannung in den Muskeln oder Sehnen, oder allgemeiner mit Bewegungsempfindungen. So meint EBBINGHAUS nach dem Voranschreiten anderer. Diese Anschauung entspricht einer Neigung einiger Psychologen, deren Ziel sich kurz so bezeichnen läßt: Psychische Tatsachen existieren nicht, oder dürfen nicht existieren, solange sie nicht durch eine außerhalb der psychologischen Erfahrung stehende Autorität approbiert sind. Diese Autorität ist der gegenwärtige Stand der physiologischen Erkenntnis und das, was man sich aufgrund derselben "vorstellen" kann. Für solche Psychologen ist natürlich auch die Frage, was den Sinn unseres Anstrengungs- und Kraftbewußtseins ausmacht, gleichbedeutend mit der Frage, was die Physiologen und die diesen bekannten "nervösen Prozesse" dazu sagen. Die Frage, ob es hier nicht am Ende etwas geben könne, für das die nervösen Prozesse nicht bekannt sind, ein von allem Empfindungsinhalt absolut verschiedenes  Gefühl,  diese Frage existiert für sie nicht.

Die absolute Verschiedenheit des Strebungsgefühls, insbesondere des Anstrengungsgefühls oder Gefühls des Kraftaufwandes, von jeder Art der körperlich lokalisierten Bewegungsempfindungen ergibt sich aber schon unmittelbar aus folgender Erwägung. Wenn ich ein unmittelbares Bewußtsein habe von der Kraft meines Denkes, oder der in meinem Denken aufgewandten Kraft, des angestrengten Besinnens, der auf irgendein Ziel gerichteten inneren Bemühung, so fühle ich  "mich"  kraftvoll tätig, ich fühle das Angestrengtsein als eine Bestimmtheit  meiner selbst,  fühle die Bemühung oder das Bemühtsein als Bemühung "meiner" oder als  "mein"  Bemühtsein, genauso wie ich "mich" erfreut, traurig, ernst, heiter, hoffend und verzagend fühle. Das heißt jene Namen bezeichnen, wie diese, Qualitäten des unmittelbar erlebten Ich, des Gefühls-Ich oder des Ich-Gefühls. Und demgemäß hat es genauso viel Sinn, die Anstrengung, den Kraftaufwand, die Bemühung, als eine Muskelempfindung zu bezeichnen, als es Sinn hat, die Gefühle der Lust, der Trauer, der Heiterkeit, des Ernstes, des Hoffens und der Verzagtheit mit irgendwelchen Muskelempfindungen zu identifizieren. Ich fühle mich bemüht, einen Gedanken zu verfolgen, fühle mich in meinem Denken angestrengt tätig, dies heißt so wenig: Ich finde meine Arme oder irgendeinen sonstigen Teil meines Körpers in einer bestimmten Verfassung, wie ich mit jenen anderen Namen eine Beschaffenheit meiner Glieder bezeichne.

Weil nun aber EBBINGHAUS das eigenartige und unmittelbare Erlebnis, das im Gefühl der Anstrengung, der Bemühung, des Kraftaufwands liegt, nicht sieht, so muß er konstruieren. Auch dafür fehlt es ihm nicht an Vorbildern.

Derjenige, dessen rechter Arm gelähmt ist, kann sich anstrengen, diesen Arm zu bewegen und das Gefühl eine solchen Anstrengung haben. Im gelähmten Arm aber entstehen keine Empfindungen, auch keine Spannungsempfindungen. Und doch soll das Gefühl der Anstrengung mit solchen Spannungsempfindungen identisch sein.

Diesen Widerspruch sucht schon JAMES damit zu beseitigen, daß er bemerkt, wenn im Arm, den ich bewegen will, keine solche Spannungsempfindungen ausgelöst werden, so werden solche doch im andern Arm oder sonstwo im Körper ausgelöst. Und EBBINGHAUS weist darauf hin, daß der Kranke, dessen eines Glied gelähmt sei, auf allen möglichen anderen Wegen doch dazu zu gelangen sucht, dem gelähmten Glied die gewünschte Lage zu geben. Dabei entstehen Bewegungsempfindungen. Und einen Teil derselben bezieht der Kranke, da ihre Analyse schwierig ist, und der Kranke auch kein Interesse daran hat, auf das gelähmte Glied, von welchem er solche Eindrücke sehnlichst erwartet.

Ich frage zunächst: Was will die letztere Wendung? Einmal: -  Warum  erwartet der Kranke "sehnlichst solche Eindrücke", d. h. aufgrund welcher Bewußtseinserlebnisse erwartet er sie? Diese Erwartung ist ja doch nicht ein zufällig in ihm entstehender Vorgang. Sie entsteht auch nicht etwa, weil dem Kranken jemand  sagt,  die Eindrücke werden eintreten.

Die selbstverständliche Antwort auf die gestellte Frage lautet: Der Kranke erwartet die Eindrücke, weil er sich bemüht oder sich anstrengt, sie zu haben, und weil er von dieser Bemühung oder Anstrengung weiß. Das heißt dasjenige, was EBBINGHAUS durch eine Berufung auf Spannungsempfindungen in anderen Teilen des Körpers erklären will,  ist in dieser Erklärung bereits vorausgesetzt. 

Zweitens: - Was  heißt  das überhaupt: der Kranke "erwartet sehnlichst solche Eindrücke". Wenn ich einen Freund sehnlichst erwarte, wenn ich mich nach seiner Ankunft sehne, so ist dies ein anderer Ausdruck dafür, daß ich seine Ankuft intensiv will, daß ich heftig nach diesem Erlebnis strebe. Mein Bewußtsein von dieser "sehnlichen Erwartung" ist ein Bewußtsein des Strebens. Und in diesem liegt bereits die Spannung.

Das Letztere erkennt EBBINGHAUS sogar ausdrücklich an. Die Anerkennung liegt im Wort "sehnlichst". Warum sagt EBBINGHAUS nicht statt "sehnlichste" Erwartung "gespannte" Erwartung? Gewiß würde dieser Ausdruck nicht minder passen. Ein Bewußtsein einer gespannten Erwartung, also ein Spannungsbewußtsein, ist dann also, auch nach EBBINGHAUS, die Voraussetzung für die Entstehung des Anstrengungsbewußtseins oder des Bewußtseins des Kraftaufwandes. Nun ist weiterhin für EBBINGHAUS, wie für uns, das Bewußtsein der Anstrengung gleichbedeutend mit einem Bewußtsein der Spannung. Also erscheint hier von Neuem das Bewußtsein der Anstrengung aus dem Bewußtsein der Anstrengung erklärt. - Im Übrigen bedarf es jenes Worttausches nicht. Daß im Sehnen oder der Sehnsucht eine Spannung liegt, bezweifelt niemand.

Noch mehr: Der Kranke, sagt EBBINGHAUS,  erwartet  solche Eindrücke. In Wahrheit erwartet er sie nicht. Das heißt, er wartet nicht darauf, ob sie ihm etwa durch die Gunst des Schicksals  zuteil werden.  Sondern er erwartet sie so, wie ich das erwarte, was ich hervorzubringen im Begriff bin. Das heißt aber gar nichts anderes, als: Er bemüht sich um die Eindrücke, und er hat das Bewußtsein, daß er sich um die Hervorbringung der Eindrücke bemüht, daß er sich anstrengt, daß er Kraft aufwendet. In den fraglichen "Eindrücken"  besteht  aber für ihn, d. h. für sein Bewußtsein, die Bewegung des Gliedes. Die Bemühung, die Eindrücke zu haben, und die Bemühung oder Anstrengung, das Glied zu bewegen, ist also in Wahrheit ein und dieselbe Sache.

Jetzt ergibt sich als Sinn des EBBINGHAUS'schen Satzes wiederum dies: Weil der Kranke ein Bewußtsein davon hat, daß er sich bemüht, das gelähmte Glied zu bewegen, darum bezieht er die Empfindung der in den anderen Gliedern stattfindenden Bewegung auf diesen gelähmten Arm; und daraus ergibt sich ihm das Bewußtsein, daß er sich bemüht oder anstrengt, das Glied zu bewegen.

Drittens: Was heißt es: Der Kranke bezieht die tatsächlichen Bewegungsempfindungen der anderen Glieder auf den gelähmten Arm. Das kann doch wohl nichts anderes heißen, als: Sie erscheinen ihm als Empfindungen einer Bewegung des gelähmten Gliedes. Darauf deuten EBBINGHAUS' Worte: "Da ihre Sonderung" - nämlich die Sonderung der sonst im Körper stattfindenden Bewegungen - "schwierig ist, auch für denn Kranken kein Interesse hat". Ich wüßte zumindest nicht, worauf sonst diese Bemerkung hinauslaufen sollte. Dann aber muß der Kranke glauben, daß er das tatsächlich unbewegte Glied bewegt. Und das ist doch eben  nicht  der Fall.

Viertens: Wenn mein Arm  nicht  gelähmt ist, und ich das Bewußtsein habe, - nicht daß der Arm  sich bewegt,  sondern, daß  ich ihn bewege,  d. h. daß die Bewegung das Ergebnis meines Wollens ist, meiner Bemühung, meiner Anstrengung? Wie soeben gesagt, die Bewegung des Armes  besteht  für mich im Dasein der Bewegungsempfindungen. Wie kann dann das Bewußtsein des auf die Bewegung, d. h. auf das Dasein der Bewegungsempfindungen gerichteten Wollens im Dasein eben dieser Bewegungsempfindungen bestehen? Wie kann das Bewußtsein, daß ich mich bemühe, die Bewegungsempfindungen zu haben, im Haben dieser Bewegungsempfindungen bestehen?

Vielleicht sagt man hier, die Bewegungsempfindungen, die ich will, bestehen in Gelenkempfindungen, das Bewußtsein der auf die Bewegungsempfindungen gerichteten Bemühung dagegen besteht in Spannungsempfindungen. Aber wenn ich mich nun darauf kapriziere,  Spannungsempfindunge  zu wollen, wenn mir das Bild gewisser, mir wohl bekannter Spannungen vorschwebt und ich mich bemühe oder anstrenge, diese Spannungen recht intensiv auftreten zu lassen, wenn ich mir etwa Mühe gebe, oder mich anstrenge, meine fünf Finger, ohne sie aus ihrer relativen Lage zu entfernen, intensiv zu spannen? - Besteht dann das Bewußtsein der Bemühung, die Spannung herbeizuführen, d. h. die Spannungsempfindung zu haben, im Haben dieser Spannungsempfindungen?

Fünftens: Wenn ich es nicht unterlassen kann zu gähnen, wenn ein unwiderstehlicher Drang mir die beim Gähnen funktionierenden Muskeln spannt, habe ich dann das Bewußtsein, daß  ich mir Mühe gebe,  daß  ich mich anstrenge,  die Gähnbewegung auszuführen, daß ich mich anstrenge in dem Sinne, in welchem ich mich anstrenge den Arm zu heben, dann wenn ich ihn freiwillig hebe? Geschieht es nicht vielleicht umgekehrt, daß ich mich bemühe oder anstrenge, das Gähnen zurückzuhalten, also jene Muskelspannungen  nicht  zustande kommen zu lassen?

Sechstens: Lassen wir auch das. EBBINGHAUS erklärt bei jenem Kranken das Gefühl der Bemühung oder Anstrengung, das gelähmte Glied zu heben, indem er sie zurückführt auf Empfindungen von Bewegungen und Spannungen in sonstigen Teilen des Körpers. Aber wissenschaftlich ein  B  aus einem  A  erklären, das heißt, wie ich sonst öfter gesagt habe - nicht, irgendeinen Tatbestand  A  aufweisen und versichern, dieser Tatbestand sei der Erklärungsgrund für  B,  sondern es heißt - auch in der Psychologie, da ja auch die Psychologie eine Wissenschaft sein soll: eine gesetzmäßige Abhängigkeitsbeziehung finden zwischen  B  und  A.  Und diese Abhängigkeitsbeziehung muß sich aussprechen lassen in einem allgemeinen Satz von der Form: Immer wenn  A  ist, tritt  B  ein. Und diesen Satz muß ich glaubhaft machen können, d. h. ich muß zeigen können, daß er allgemein gilt. Ich muß weiter versuchen, ihn zusammenzubringen mit analogen Sätzen. Ich muß versuchen, ein allgemeineres Gesetz zu gewinnen, als dessen spezieller Fall jener Satz und diese analogen Sätze erscheinen können.

Hier nun handelt es sich um die Erklärung des Gefühls der Anstrengung, der Bemühung, des Kraftaufwands. Es ist offenbar, welche Regel EBBINGHAUS hier aufstellen müßte, und als allgemeingültig nachweisen können. Nämlich die Regel: Immer wenn ich eine Bewegung irgendeines Teils meines Körpers vorstelle, und es finden gleichzeitig irgendwo sonst in meinem Körper Bewegungen statt, die zu analysieren schwierig ist, und an deren Analyse ich kein Interesse habe, so beziehe ich die betreffenden Bewegungsempfindungen auf die vorgestellte Bewegung, und habe eben damit das Bewußtsein, daß ich mich anstrenge,  diese Bewegung auszuführen. 

Diese Regel nun trifft nicht zu. Ich stelle mir jetzt beliebige Bewegungen meines Körpers vor, gleichzeitig finden allerlei sonstige Bewegungen tatsächlich in meinem Körper statt, und ich denke nicht daran, sie zu analysieren. Aber ich habe nicht das Bewußtsein, daß ich mich bemühe, die vorgestellten Bewegungen auszuführen. Ich habe dieses Bewußtsein nur, wenn ich in dem Glied, dessen Bewegung ich vorstelle, "solche Eindrücke" d. h. Spannungsempfindungen "sehnlichst erwarte", nämlich in dem Sinne, den die "sehnlichste Erwartung" oben hatte, d. h. wenn ich mich  bemühe,  das Glied zu bewegen und wenn ich davon ein  Bewußtsein  habe. Ist die sehnlichste Erwartung anderer Art, dann hilft auch sie zu nichts, d. h. sie schafft mir kein Bewußtsein meiner Anstrengung.

Vielleicht erwarte ich in einer jener bekannten Jahrmarktsbuden sehnlichst, daß der elektrische Strom die Muskeln meiner beiden Hände in der mir bekannten Weise spannt. Ich erwarte sehnlichst die Spannungsempfindungen. Dann habe ich doch ganz und gar nicht das Bewußtseins, daß ich mich anstrenge, mit meinen Händen diese Spannung zustande zu bringen; auch nicht, wenn ich gleichzeitig beliebige sonstige Bewegungen ausführe.

Schließlich weise ich noch auf einen besonderen Fall, den EBBINGHAUS anführt, hin und der ihn besonders unmittelbar von der Unmöglichkeit seiner Anschauung hätte überzeugen müssen. Von einem Kranken sind Bewegungen bestimmter Art gefordert worden, und er meint, diese ausgeführt zu haben. Er wundert sich, wenn er bemerkt, daß er sie nicht ausgeführt hat. Wie kommt dieser Kranke zu seiner Meinung? Lebt er etwa in dem Glauben, alle Bewegungen, die "gefordert" sind, werden ausgeführt? Natürlich nicht. Wohl aber ist er daran gewöhnt, daß sich Bewegungen vollziehen, die er  will,  und die auszuführen er sich  bemüht.  Mit anderen Worten, der Kranke hatte nicht bloß die Forderung gehört, sondern sich auch bereit gefunden und bemüht, sie auszuführen. Da hier eine Innervation nicht stattfindet, so kann von einer Innervationsempfindung, wie EBBINGHAUS mit Recht bemerkt, keine Rede sin. Umso sicherer findet hier ein Bewußtsein der Bemühung oder Willensanstrengung statt, nur daß dieser keiner Innervation folgt.

In diesem Fall besteht für EBBINGHAUS das Bewußtsein der Anstrengung in den "illusionsartig lebhaften Bildern" der geforderten Bewegung. Aber daß diese "illusionsartigen" Erinnerungsbilder entstehen, mit anderen Worten, daß der Kranke glaubt, die Bewegung ausgeführt zu haben, das hat ja doch eben im Bewußtsein des Kranken, er habe sich bemüht oder habe die nötige Kraft aufgewandt, seinen Grund oder seine Voraussetzung.

Es gibt, so sagte ich, keine Anstrengungsempfindungen oder Empfindungen des Kraftaufwands. Es gibt dieselben so wenig wie es Bewegungsempfindungen gibt. Das heißt, so wie die Muskel-, Sehnen- und Gelenkempfindungen ansich mit Räumlichkeit, also auch mit Bewegung nichts zu tun haben, so haben diese Empfindungen auch mit Anstrengung, Kraft usw. nicht das Allermindeste zu tun. Was in ihnen empfunden wird, ist mit dem, was die Worte: Anstrengung, Kraftaufwand usw. bezeichnen, so unvergleichlich, wie es unvergleichlich ist mit der Vorstellung der Räumlichkeit. Die Bewegungsempfindungen bekommen räumliche Bedeutung, indem aufgrund der Erfahrung die Vorstellung der Räumlichkeit hinzutritt. So erscheinen auch die Spannungsempfindungen als "Empfindungen" der Anstrengung oder des Kraftaufwands lediglich dadurch, daß das  Gefühl  der  Anstrengung hinzutritt.  Spannung der Muskeln ist das Mittel, die Hemmung zu beseitigen, welche der Verwirklichung meines, auf körperliche Bewegung gerichteten Strebens oder Wollens entgegensteht. Das Anstrengungsgefühl geht also bei körperlichen Bewegungen mit Spannungsempfindungen Hand in Hand.

Daraus entstehen, wie gesagt, die "Anstrengungsempfindungen". Angenommen, es gäbe überhaupt gar keine Spannungsempfindungen, so bliebe doch das Gefühl der Anstrengung und damit das Bewußtsein derselben unverändert bestehen. In der Tat - und darin liegt ein letztes, und für sich allein entscheidendes Argument gegen EBBINGHAUS' Theorie des Anstrengungsbewußtseins - bleibt dasselbe bestehen, wenn ich angestrengt nachdenke. Dabei mag ich alle möglichen Muskeln meines Körpers spannen. Aber von diesen Spannungen weiß ich nichts, weil meine Aufmerksamkeit nicht ihnen, sondern meinen Gedankeninhalten zugewendet ist. Also können sie auch nicht mein Anstrengungsbewußtsein ausmachen. (1)

Wie mit den Anstrengungsempfindungen oder Empfindungen der aufgewandten Kraft, so steht es nun weiter auch mit den Widerstandsempfindungen. Das heißt von Widerstandsempfindungen zu reden, als würde in allem Ernst Widerstand empfunden, geht nicht an. Es gibt keine Widerstandsempfindung, sondern nur ein Widerstandsgefühl.

Die Widerstandsempfindungen, meint EBBINGHAUS, rühren vermutlich daher, daß bei der Belastung eines ruhig gehaltenen oder bewegten Gliedes durch einen äußeren Gegenstand die Glieder in den Gelenken etwas fester aneinander gepreßt werden, so daß die Berührung und Reibung unter einem stärkeren Druck stattfindet. Es ist einleuchtend, was sich allein aus diesem Sachverhalt ergeben kann, nämlich Empfindungen eines stärkeren Drucks in den Gelenken. Aber Druck in den Gelenken ist doch nicht Widerstand, den ein Gegenstand ausübt. Die Empfindung desselben ist nicht Widerstandsempfindung. Sie kann nur dazu werden, indem ein spezifisches Widerstandsbewußtsein hinzutritt.

Daß aber dieses Moment nicht etwa in der Empfindung des Drucks unmittelbar  mit gegeben ist, wird deutlich, wenn wir berücksichtigen, daß wir ein Widerstandsbewußtsein doch auch haben, wo keine Gelenke in Frage kommen. Ich habe das Bewußtseins des Widerstandes, wenn mir eine Sache einfallen soll, aber nicht einfallen will, wenn Gedanken, die ich festhalten soll, sich nicht wollen festhalten lassen. Damit ist doch nicht die Empfindung eines Drucks in meinen Gedanken verbunden.

Wohl aber ergibt sich dabei ein  Gefühl  des Widerstandes. Und dieses Gefühl des Widerstandes ist gar nichts, als jenes oben bezeichnete Spannungsgefühl, übertragen auf die Hemmung, d. h. auf dasjenige, was der Verwirklichung meines Strebens entgegensteht und entgegenwirkt. Dies ergibt sich schon aus dem Wort "Widerstand", an dessen Stelle ich ebensowohl das Wort "Widerstreben" setzen kann.

Jedes Streben erscheint mir, in dem Maße als es in seiner Verwirklichung gehemmt wird, einerseits als  "mein"  Streben, andererseits als ein Widerstreben dessen, was mich hemmt. Dieses Streben und Widerstreben ist ein und dasselbe Spannungsgefühl nach beiden Seiten hin betrachtet (2).

Und wenn nun dieses Spannungsgefühl zu den Empfindungen hinzutritt, die bei körperlichen Anstrengungen aus dem Dasein eines Hemmnisses sich ergeben, dann, und dann erst können diese Empfindungen als Widerstandsempfindungen bezeichnet werden. Wiederum doch nur in demselben Sinn, in welchem die Empfindungen der körperlichen Bewegung beim Hinzutritt der Vorstellung der Räumlichkeit zu Bewegungsempfindungen werden.

Damit ist weiter auch schon die Empfindung der Schwere erledigt. Genau soweit nämlich, als die Empfindung der Schwere eine Widerstandsempfindung ist. Das Moment des Widerstandes steckt aber schließlich allemal in dem Bewußt der Schwere.

In jedem Fall trifft dies zu bei den "Empfindungen" der Schwere, um die es sich hier handelt. Es ist dies diejenige, die wir beim Heben von Gewichten gewinnen. Hier bemühe ich mich und fühle die Bemühung oder Anstrengung, die für die Hebung erforderlich ist, d. h. ich habe das Gefühl der Bemühung oder Anstrengung, das sich mit der Hebung notwendig verbindet. Dieses Gefühl hat eine bestimmte Intensität. Hieraus entsteht das Bewußtsein, das Gewicht habe eine entsprechende Schwere. Es entsteht, indem ich das Gefühl der Bemühung oder Anstrengung oder Spannung auf das Gewicht als Ursache desselben beziehe. Das Gewicht hat die bestimmte Schwere, d. h. es ist mir durch dasselbe diese bestimmte fühlbare Anstrengung oder Bemühung abgenötigt.

Hierbei erinnere ich noch einmal speziell an das schon oben Gesagte: Das Gefühl der Anstrengung ist ein Gefühl der Reibung, d. h. der Spannung in der Bewegung, in meinem strebenden Fortgehen oder Beharren, kurz meinem Tun. Wenn ich aber ein Gewicht hebe, so handelt es sich immer - nicht um einen momentanen Akt des Strebens, sondern um einen dauernden Prozeß. Das psychische Geschehen, daß auf den Erfolg, die Hebung des Gewichts hinwirkt, wird freilich irgendeinmal ausgelöst. Es vollzieht sich ein das Streben eröffnender Impuls. Dann aber wirkt das Geschehen weiter und weiter auf diesen Erfolg hin. Ich strebe während der ganzen Hebung des Gewichts von Punkt zu Punkt fort. Und bei diesem "Tun" ergibt sich mir das Bewußtsein der Schwere des Gewichts. Es ergibt sich aus der Größe der Spannung, die ich fühle - nicht in einem Moment, vor allem nicht etwas im Anfangsmoment, sondern im ganzen Verlauf dieses von Punkt zu Punkt fortgehenden und fortwirkenden Strebens. Ich prüfe die Schwere des Gewichts nicht etwa so, daß ich auf jenen ersten Moment dieses von Punkt zu Punkt weiter gehenden und fortwirkenden Strebens achte, sondern auf das, was ich während des Hebens, also während dieses ganzen in der Zeit verlaufenden Vorgangs erlebe.

Daraus nun werden auch die bekanntesten Gewichtstäuschungen verständlich. Sie haben den Grund, den EBBINGHAUS angibt. Ich bestimme nur, was EBBINGHAUS sagt, etwas genauer. Sind zwei gleich schwere Gewichte, deren Schwere ich vergleiche, hinsichtlich ihrer Größe deutlich verschieden, so hebe ich das größere unwillkürlich mit einem stärkeren Impuls. Ich teile also, ohne es zu wissen, dem größeren Gewicht eine stärkere Anfangsbewegung mit. Die Folge ist, daß dieses Gewicht in den folgenden Momenten in geringerem maße als Hemmung wirkt. Ich habe also während der auf den Anfangsmoment folgenden Bewegung ein geringeres Anstrengungs- oder Widerstandsgefühl, und demgemäß den Eindruck einer geringeren Schwere.

EBBINGHAUS findet, daß auch diese Gewichtstäuschungen die Annahme von Innervationsempfindungen widerlegen. Damit ist er im Unrecht. Der Verteidiger der Innervationsempfindung wird sagen, zweifellos sei die Anfangsinnervation beim größeren Gewicht stärker, aber die Innervation, die bei der Hebung eines Gewichts stattfindet, sei eben nicht identisch mit dieser Anfangsinnervation, sondern sei ein fortgehendes Innervieren. Und eben daraus, daß die Anfangsinnervation bei den größeren Gewichten eine stärkere ist, folgt, daß sie im Fortgang der Innervation eine schwächere ist, und das Resultat ist, daß im Ganzen die Innervation geringer erscheint.

Die "Innervationsempfindungen" sind nun freilich durch andere Tatsachen widerlegt. Aber eben das, was der Verteidiger der Innervationsempfindung von dieser Innervationsempfindung sagen würde, gilt vom Gefühl der Spannung.

Zur Verdeutlichung des Obigen füge ich noch hinzu, daß auch sonst ein kraftvoller, von vornherein mit allen Schwierigkeiten rechnender Entschluß die zu vollbringende Arbeit leichter erscheinen läßt als der halbe, der dann gegenüber jeder neu auftretenden Schwierigkeit ein weiteres Entschließen nötig macht. Die Analogie dieses Falles mit jenem obigen ist eine vollkommene.

Ich sagte vorhin, schließlich liege in jedem Bewußtsein der Schwere das Bewußtsein des Widerstandes, also der notwendigen Anstrengung oder Bemühung. Dies trifft gewiß zu. In der Vorstellung der Schwere liegt die Vorstellung des Strebens nach unten und andererseits des Widerstrebens oder des Widerstandes gegen den Versuch, das schwere Objekt zu heben, oder auch nur in seiner Lage zu erhalten. Es liegt darin, anders gesagt, daß es einer gewissen Kraft des Wollens bedarf, um den Gegenstand zu heben, oder daß seine tatsächliche Hebung mit einem Anstrengungsgefühl von einem bestimmten Grad verbunden sein würde. Im Übrigen kommt es auf die Frage, ob es sich so verhält, hier nicht an.

Schließlich würde auch die  Spannungsempfindung  von uns nicht als solche bezeichnet werden, wenn es nicht die Spannungs gefühle  gäbe. Ich habe das Gefühl gespannten Aufmerkens, gespannten Nachdenkens usw. Hier hat das Spannungsgefühl zu Muskelspannungen keine Beziehung. Das Wort "Spannung" bezeichnet hier einfach das, jedermann bekannte, in keiner Weise in Elemente auflösbare Gefühlserlebnis.

Es geht aber auch nicht etwa an zu sagen, dieses Gefül trage darum den Namen "Spannung", weil ich, wenn ich auf einen Gegenstand aufmerke, oder darüber gespannt nachdenke und dabei das Gefühl der Spannung habe, gleichzeitig auch Spannungsempfindungen erlebe. Denn einmal fehlen solche Spannungsempfindungen nie, sie sind also für jenes Gefühlserlebnis nicht charakteristisch. Und zum zweiten, können sie gerade für jenes Gefühlserlebnis besonders wenig charakteristisch sein, weil, wie schon oben bemerkt, derjenige, der einem Gedanken mit innerer Spannung nachgeht, auf die begleitenden körperlichen Vorgänge, also auch auf die Spannungen, naturgemäß nicht achtet.

Dagegen ist leicht begreiflich, wie umgekehrt die Spannungsempfindungen von jenem  Gefühl  ihren Namen gewinnen können. Körperliche Spannungen sind - nicht jederzeit, aber doch in der Regel, nämlich immer dann, wenn sie willkürlich erzeugt werden und demnach Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit sind, von einem Gefühl des Wollens und eben damit, in höherem oder geringerem Grad von einem Gefühl der Spannung begleitet. -

Im Übrigen ist es natürlich für die Sache gleichgültig, ob der Name  Spannung  ursprünglich auf das Spannungsgefühl oder auf die Spannungsempfindungen angewandt worden ist. In jedem Fall bleibt die "Identifikation" beider so unzulässig wie die Identifikation der Wärmeempfindung mit dem Gefühl des inneren Erwärmtseins, der Schmerzempfindung mit dem Gefühl schmerzlicher Enttäuschung, der Empfindung des Durstes mit dem Gefühl des Wissensdurstes und dgl.

Der Fortschritt der wissenschaftlichen Psychologie wird viel weniger von gehäuften Experimenten abhängen, als davon, daß man wiederum lernt sich von solchen Verwechslungen frei zu halten. Es ist dasselbe, wenn ich sage, er wird abhängen von dem Grad, in welchem man Übung gewinnt in der Kunst der psychologischen Beobachtung.


III. Die Relation der Ähnlichkeit

Auf die Frage nach dem Ursprung des Bewußtseins der Kausalität, der ursächlichen Verknüpfung oder Beziehung, gibt das naive Bewußtsein die Antwort, wie sehen die Dinge aufeinander wirken und daraus entnehmen wir die Vorstellung der Ursächlichkeit. Wie es nun damit in Wahrheit bestellt ist, das haben und HUME und KANT gezeigt. Für HUME besteht der Sinn der ursächlichen Beziehung, kurz gesagt, in einem  Apperzeptionserlebnis. 

Ich habe das Bewußtsein, ein Erlebnis sei Ursache eines anderen, rufe das andere hervor, erzeuge es, habe das andere notwendig zur Folge, dies heißt: Ich finde - nicht etwa in den Ereignissen, als ein ihnen anhaftendes Merkmal, die Notwendigkeit aufeinander zu folgen, oder finde zwischen ihnen, oder in ihrer Aufeinanderfolge, ein Band der Notwendigkeit, sondern ich finde  mich  genötigt, in meinen  Gedanken  auf das eine das andere  folgen zu lassen,  oder finde mich genötigt, wenn ich das Stattfinden des einen bejahe, auch das Stattfinden des anderen, oder genauer gesagt, die bestimmt geartete Folge des anderen, zu bejahen, Die Notwendigkeit ist nicht eine Bestimmtheit der Ereignisse oder ihres Zusammen, sondern eine unmittelbar erlebte Bestimmtheit meiner selbst, nämlich mein unmittelbar erlebtes Genötigtsein. Sie ist insofern zunächst ein Icherlebnis. Sie ist zugleich ein Apperzeptionserlebnis, sofern sie die Nötigung ist, Gegenständliches in bestimmter Weise zusammen zu apperzipieren oder zu einer apperzeptiven Einheit zusammenzuschließen (3).

Die Psychologie unserer Tage nun scheint - genau so als hätte es weder HUME noch KANT gegeben, wiederum auf den Standpunkt des naivsten Bewußtseins zurücksinken zu wollen. Wenn nicht mit Rücksicht auf die Kausalrelation, so doch mit Rücksicht auf andere Relationen, z. B. mit Rücksicht auf die Ähnlichkeitsrelation.

Mit dem Begriff der Relation hat man in Zusammenhang den Begriff der Gestaltqualität, oder wie ich lieber sage, der Gesamtqualität in Zusammenhang gebracht. Auch diesen Begriff hat man in einer psychologisch unzulässigen Weise verwandt. Ja, es ist dieser Begriff, wenn damit Ernst gemacht ist, überhaupt ein in sich psychologisch widersinniger.

Ich will mich nun im Folgenden nich gegen irgendeine allgemeine Relationenlehre. Ich will mich auch nicht gegen den Versuch wenden, mit dem Wort "Gestaltqualität" das Rätsel der Relationen - und vielleicht außerdem noch beliebig viele andere Rätsel - zu lösen. Sondern ich will einige Bemerkungen machen über eine in die Relationenlehre gehörige Meinungsäußerung von EBBINGHAUS, die den Sinn der "Relationen" in besonders klarer Weise verkennt, und dasjenige, was am Begriff der Gestaltqualität psychologisch unmöglich ist, auf seinen schroffsten Ausdruck bringt, und sich dazu in rückhaltlosester Weise bekennt.

Speziell wende ich mich gegen EBBINHAUS' Bemerkung zur Relation der Ähnlichkeit und Verschiedenheit, damit freilich zugleich implizit gegen seine ganze Relationenlehre. Denn sein Standpunkt gegenüber der Ähnlichkeitsrelation muß konsequenterweise von ihm übertragen werden auf alle Relationen überhaupt.

Ich nehme dabei der Einfachheit halber an, die Ähnlichkeit sei Ähnlichkeit im engsten Sinne, oder anschauliche Ähnlichkeit, ich meine eine solche Ähnlichkeit, bei welcher das Ähnlichkeitsbewußtsein seinen gegenständlichen Grund hat in einer Übereinstimmung in den gegenständlichen Bewußtseinsinhalten, oder in einer Übereinstimmung von Merkmalen, Eigentümlichkeiten, Qualitäten, die in den gegenständlichen Bewußtseinsinhalten von uns angetroffen werden, also von Merkmalen, Eigentümlichkeiten, Qualitäten, die selbst Bewußtseinsinhalte oder Teilinhalte von Bewußtseinsinhalten sind. Ein Beispiel ist die Ähnlichkeit zweier annähernd gleich hoher Töne, oder die Ähnlichkeit von  Rot  und  Violett. 

Die subjektive Bedingung dieses Ähnlichkeitsbewußtseins bezeichnet man wohl als Vergleichung. Vergleichung, so scheint es, ist eine Tätigkeit. EBBINGHAUS meint, einer besonderen Tätigkeit bedürfe es für das Bewußtsein der Ähnlichkeit und Verschiedenheit nicht. Vielleicht hat er damit Recht. Lassen wir also die "Tätigkeit" dahingestellt. Aber ein Vergleichen liegt für EBBINGHAUS doch auch dem Ähnlichkeits- und Verschiedenheitsbewußtsein zugrunde. Nur bestimmt er dieses Vergleichen auf seine Weise.

Er tut es zunächst mit den Worten von CONDILLAC: "Comparer n'est autre chose que donner en même temps son attention à deux idées." [Vergleichen ist nichts anderes, als seine Aufmerksamkeit zur selben Zeit auf zwei Ideen verwenden. - wp] Diesem Satz schließt sich EBBINGHAUS zunächst ausdrücklich an. Dann aber fügt er scheinbar erläuternd, in Wahrheit korrigierend hinzu: "Was man gewöhnlich als das Ergebnis einer besonderen Vergleichungstätigkeit auffaßt, ... ist in seiner elementarsten Form lediglich die direkte, und reflexionslose Wirkung derselben objektiven Reize, die die sogenannten Empfindungen verursachen, nur mit dem Unterschied, daß für die Entstehung des Eindrucks von Ähnlichkeit oder Verschiedenheit stets eine gewisse Mehrheit, mindestens eine Zweiheit von Empfindungsursachen zusammenwirken muß."

Wie hier EBBINGHAUS den Satz CONDILLACs korrigiert, ist deutlich. Von Aufmerksamkeit ist bei EBBINGHAUS keine Rede mehr. Das Bewußtsein der Ähnlichkeit ist die direkte Wirkung eines Zusammen von Reizen. Daß beim Eindruck der Ähnlichkeit oder Verschiedenheit mehrere Reize zusammenwirken, dies unterscheidet den Eindruck der Ähnlichkeit vom Eindruck oder von der Empfindung einer Farbe. Diese entsteht aus der Wirkung eines einzelnen Reizes.

Lassen wir aber den Vergleich von EBBINGHAUS und CONDILLAC beiseite. In jedem Fall ist EBBINGHAUS' Erklärung nicht zutreffen. EBBINGHAUS gibt in Wahrheit die Bedingung an, unter welcher das Bewußtsein der Ähnlichkeit und Verschiedenheit  nicht  entsteht.

Ich verfahre in einem bestimmten Fall nach EBBINGHAUS' Vorschrift. Ich lassen zwei Töne  C  und  c,  ein andermal zwei Töne  C  und  Cis,  "reflexionslos" auf mich wirken. Die Töne seien an Stärke und hinsichtlich ihrer Klangfarbe einander gleich, also nur hinsichtlich ihrer Höhe verschieden. Hier gewinne ich, wenn ich mich wirklich "reflexionslos" verhalte, den Tönen  C  und  c  gegenüber den Eindruck einer eigentümlichen Übereinstimmung oder einer inneren qualitativen Zusammengehörigkeit, den Tönen  C  und  Cis  gegenüber den Eindruck einer relativen Nichtzusammengehörigkeit, eines Auseinanderstrebens, der Fremdheit. Jenen Eindruck bezeichnen wir als Eindruck der Konsonanz, diesen als Eindruck der Dissonanz.

Dieser Eindruck nun ist vonm Bewußtsein der Ähnlichkeit von  C  und  c  bzw.  C  und  Cis,  wie sich dasselbe aus dem  Vergleich  der Töne  C  und  c  und der Töne  C  und  Cis  ergibt, durchaus verschieden, ja er widerspricht ihm.  Vergleiche  ich  C  und  c  einerseits und  C  und  Cis  andererseits, so scheinen mir vielmehr  C  und  c  einander fremder als  C  und  Cis.  Vergleichen, und reflexionslos sich der Wirkung objektiver Reize überlassen, sind also zueinander in Gegensatz stehende Dinge.

Vergleichen, sagt CONDILLAC, heißt, das Verglichene gleichzeitig beachten. In diesem Satz des CONDILLAC liegt eine Wahrheit. Eines wäre zunächst noch hinzuzufügen. Wir haben nicht nur ein Bewußtsein der Ähnlichkeit oder Verschiedenheit zweier Objekte überhaupt. Sondern Objekte erscheinen uns ähnlich oder verschieden in dieser oder jener  Hinsicht.  Dies beruth auf entsprechenden Arten des Vergleichens. Wir  vergleichen  Objekte in dieser oder jener "Hinsicht". Das heißt: wir achten nicht nur auf die verglichenen Objekte, sondern wir achten auch wiederum, in den verglichenen Objekten, speziell auf dieses oder jenes Moment, z. B. die Farbe. Die Folge davon ist, daß nur diese Momente oder Elemente das Vergleichsergebnis bestimmen. Wir gewinnen etwa angesichts zweier, hinsichtlich ihrer Form völlig verschiedener Flächen dennoch den Eindruck der Gleichheit, nämlich hinsichtlich der Farbe.

Aber damit wissen wir nun noch ganz und gar nichts darüber, worin das Bewußtsein der Ähnlichkeit  besteht.  Ich achte bei zwei Objekten  A  und  B  auf ihre Farbe. Was ich daraus unmittelbar gewinne, ist nichts anderes, als das Bewußtsein, das Objekt  A  hat diese Farbe, z. B.  rot,  das Objekt  B  hat jene Farbe, z. B.  violett.  Aber das Bewußtsein der Ähnlichkeit von  A  und  B  ist weder das Bewußtsein, das  A  sei rot, noch das Bewußtsein, das  B  sei violett, noch ist es beides zusammen. Ähnlichkeit ist weder ein Name für Rot, noch ein Name für Violett, und auch nicht ein Name für beides zugleich. Sondern das Wort  Ähnlichkeit  bezeichnet ein neues Erlebnis neben den Erlebnissen, die die Namen  Rot  und  Violett  tragen. Zugleich ist doch dieses Erlebnis allerdings durch die Erlebnisse Rot und Violett bedingt.

Daß nun ein solches besonderes Ähnlichkeitserlebnis besteht, erkennt auch EBBINGHAUS bereitwillig an. Aber er findet es in einer Empfindung oder einem Empfindungsinhalt bzw. einer Qualität von Empfindungsinhalten. Es besteht für ihn nicht in einer Qualität einer einzigen Empfindung, sondern in einer Qualität, die zwei Empfindungen haben, oder die in zwei Empfindungen ihren gemeinsamen Träger hat. Die Ähnlichkeit ist ihm, obwohl er den Ausdruck nicht gebraucht, eine Gesamtqualität der beiden Empfindungen, oder eine Qualität des Ganzen aus beiden Empfindungen.

Hier ist nun zunächst merkwürdig die Art, wie EBBINGHAUS die Behauptung,  Ähnlichkeit  werde empfunden, rechtfertigt. Man konnte zunächst, sagt EBBINGHAUS, geneigt sein, das Ähnlichkeits- und Verschiedenheitsbewußtsein für eine bloße Vorstellung zu halten, d. h. für etwas bloß Gedankliches im Gegensatz gegen das sinnlich Empfundene. Dies ist nun das Ähnlichkeits- und Verschiedenheitsbewußtsein nach EBBINGHAUS unter Umständen tatsächlich. Aber nicht immer. Und in den Fällen, in denen es keine bloße Vorstellung ist, ist es nach EBBINGHAUS notwendig eine Empfindung.

Also: - Was nicht Vorstellung ist, ist Empfindung. Dieses Anschauung erinnert uns an EBBINGHAUS' Erörterungen über das Anstrengungsbewußtsein. Da es keine Innervationsempfindungen gibt, so muß das Anstrengungsbewußtsein eine andere Art der Empfindung, nämlich Muskelempfindung, sein. Der Gedanke, daß es ein Gefühl, ein Icherlebnis sein könnte, ist an jener Stelle EBBINGHAUS nicht gekommen. Ebensowenig nun kommt ihm hier der Gedanke, daß das Ähnlichkeitsbewußtsein weder eine Empfindung noch eine Vorstellung, sondern ein  Apperzeptionserlebnis  sein könnte.

Die Ich- und Apperzeptionserlebnisse, so meinen Einige, darunter ich, sind die wichtigstens Faktoren des psychischen Lebens. Vielmehr sind sie  die  eigentlich psychischen Faktoren, diejenigen, ohne welche auch die Empfindungsinhalte nicht psychische, sondern physisch sind. Sie sind im geisten Leben das Geistige oder der Geist; sie sind dasjenige, ohne welches von Psychischem oder Geistigem zu reden, überhaupt keinen Sinn hat, von dem letzten Endes alle psychologischen Begriffe hergenommen sind.

Dieses Psychische oder Geistige nun meint EBBINGHAUS nach dem Voranschreiten von F. A. LANGE, JAMES, SERGI und anderen auch hier austreiben zu müssen. Dann, ist er überzeugt, versteht er das psychische oder geistige Leben. Vielmehr treibt dieses Psychische oder Geistige gar nicht aus. Die Meinung, daß es dergleichen gebe, ist ihm nicht einmal der Erwähnung wert.

Und warum das alles? Letzten Endes darum, weil man sich die Apperzeptionserlebnisse nicht physiologisch vorstellen kann, weil jedenfalls die peripherischen nervösen Prozesse dafür nicht gefunden werden können.

Für uns hat das Dogma: was nicht Vorstellung ist, ist Empfindung, was keines von beiden ist, existiert nicht, keine Geltung. Wir fordern, daß die psychologischen Tatsachen zu ihrem Recht kommen, auch auf die Gefahr hin, daß das Bedürfnis der physiologischen Interpretation oder gar der Aufzeigung peripherer nervöser Prozesse, das freilich nur bei Empfindungen zu befriedigen ist, unbefriedigt bleibt.

Wie nun aber steht es in unserem Fall mit den Tatsachen? Zunächst, wie rechtfertigt EBBINGHAUS seine Anschauung, der zufolge Ähnlichkeit empfunden wird? Hat er etwa die Empfindung der Ähnlichkeit, die er behauptet, gefunden?

Ich betrachte eine rote Fläche aufs Genaueste, einstweilen ohne an die Existenz einer violetten Fläche zu denken oder gar die rote Fläche mit einer violetten zu vergleichen. Dann betrachte ich eine violette Fläche ebenso. Beides ergibt auch nach EBBINGHAUS kein Ähnlichkeitsbewußtsein. Weder die rote Fläche ist ähnlich noch die violette.

Dann vergleiche ich schließlich die beiden untereinander. Tritt jetzt zu dem, was ich sah, als ich die rote Fläche sah, und zu dem, was ich sah, als ich die violette Fläche betrachtete, etwas hinzu, entdecke ich irgendwie in den beiden Flächen, oder an ihnen, oder zwischen ihnen, ein Merkmal, nehme ich mit meinen Augen in ihnen oder an ihnen oder zwischen ihnen eine Qualität wahr, die vorher für meine optische Wahrnehmung nicht bestanden hat, oder aus irgendeinem Grund mir entgangen ist, und die ich als den eigentümlichen Sinn des Wortes "Ähnlichkeit" bezeichnen könnte? Sehe ich irgendwo das Neue, dem dieser Name zukommt? Hat sich etwas am Rot oder dem Violett geändert? Oder ist zur Summe dessen, was ich vorher sah, ein Moment bereichernd hinzugetreten, das macht, daß das Rot für mich jetzt nicht mehr bloß dieses Rot, und das Violett nicht mehr bloß dieses Violett, sondern außerdem beide "einander ähnlich" sind?

Zweifellos nicht. Und doch muß das bei der Betrachtung der roten Fläche Wahrgenommene, und das bei der Betrachtung der violetten Fläche Wahrgenommene jetzt, bei der gleichzeitigen Betrachtung beider und ihrer Vergleichung, allerdings eine Bereicherung erfahren haben, und diese Bereicherung muß an der roten und der violetten Fläche oder dem Nebeneinander derselben vorgefunden, oder das Bereichernde muß  in  ihnen mitempfunden werden, wenn EBBINGHAUS Recht haben soll.

EBBINGHAUS sagt ausdrücklich, es verhalte sich mit der Ähnlichkeit genauso, wie mit Raum, Zeit und Veränderung. Nun, wenn ich erst die rote und die violette Fläche für sich sehe und dann beide in irgendeine räumliche Beziehung zueinander gesetzt erblicke, dann hat allerdings mein gesamter optischer Wahrnehmungsinhalt eine Bereicherung erfahren. Ich sehe etwa die beiden jetzt unmittelbar nebeneinander. Dann bezeichnet dieses unmittelbar Nebeneinander einen eigenen und neuen Wahrnehmungsinhalt. Ich sehe die rote und die violette Fläche verbunden durch eine einzige Grenzlinie. Oder beide sind räumlich  außer einander.  Dann sehe ich eine einerseits von Rot, andererseits von Violett begrenzte Zwischenfläche. Und ebenso ist es mit der Zeit und der Veränderung. Ich nehme etwas Neues wahr außer  C  und  D,  wenn ich beide Töne sich folgen höre, nämlich die einerseits von  C,  andererseits von  D  begrenzte Zeitstrecke. Und ich nehme ebenso etwas Neues wahr, wenn ein Ton  C  nicht dieser Ton  C  bleibt, auch nicht etwa einem Ton  D  Platz macht, sondern wenn jener zu diesem sich verändert, oder in ihn übergeht. Dieses Übergehen ist ein mit dem einfachen Ton oder der Mehrheit von Tönen völlig unvergleichliches Wahrnehmungserlebnis.

Dagegen finde ich keinerlei neues Moment in oder an den farbigen Fläachen vor, wenn ich sie vergleiche und ähnlich finde. Ich finde die Flächen und Farben, die ich auch vorher fand; ich finde vielleicht auch hier räumliche und zeitliche Beziehungen, die mir vorher entgingen. Aber in diesen besteht ja die Ähnlichkeit nicht.

So zumindest verhält es sich bei mir. Und ich vermute, daß es sich bei meinem verehrten Gegner ebenso verhält. Auch er hat die angebliche Empfindung nicht gefunden, den angeblichen Empfindungsinhalt nicht vorgefunden oder empfunden. Er hat ihn erfunden. EBBINGHAUS wird sagen, er habe ihn erschlossen. Aber eigene Empfindungsinhalte, die man nicht empfindet, erschließen, dies heißt eben, sie erfinden.

Empfindungsinhalte, Bewußtseinsinhalte überhaupt, kann man bei sich vorfinden, und man kann Andere darauf hinweisen, so daß nun auch die Anderen sie bei sich vorfinden. Dieses Vorfinden ist der einzig mögliche Beweis ihres Daseins. Ihr Vorgefundenwerden, das ist eben ihr Dasein. EBBINGHAUS erschließt die Empfindung der Ähnlichkeit, wie schon gesat, nach der Regel: Alles, von dem ich ein Bewußtsein habe, ist ein Empfindungsinhalt, falles es nicht ein bloßer Vorstellungsinhalt ist.

Daß aber diese Regel nicht zutrifft, und daß das Ähnlichkeitsbewußtsein ganz gewiß nicht Empfindungsinhalt oder eine Qualität von Empfindungsinhalten ist, dies hätte EBBINGHAUS aus eben den Beispielen, die er im fraglichen Zusammenhang angeführt hat, mit voller Sicherheit erschließen können.

Ich kann mir, so sagt EBBINGHAUS, einen Hund und einen Wolf in Gedanken vergegenwärtigen, und mir ihrer Ähnlichkeit bewußt werden. In diesem Fall, mein EBBINGHAUS, ist das Ähnlichkeitsbewußtsein "natürlich" nur Vorstellung. In der Tat ist es für EBBINGHAUS natürlich, daß es sich so verhält: Der Hund und der Wolf sind nur vorgestellt. Die Ähnlichkeit aber ist für EBBINGHAUS eine Qualität, die an den ähnlichen Objekten vorgefunden wird, in unserem Fall eine Qualität des Hundes und des Wolfes und Qualitäten eines bloß Vorgestellten können "natürlich" nur vorgestellte Qualitäten sein.

In Wahrheit aber ist es ganz und gar  nicht  natürlich, daß im bezeichneten Fall die Ähnlichkeit nur Vorstellung ist. Vielmehr ist das fragliche Ähnlichkeitsbewußtsein, falls ich mir wirklich, wie EBBINGHAUS annimmt, erst jetz, in der Vorstellung, der Ähnlichkeit bewußt werden, "natürlich" etwas ganz Anderes. Ich stelle mir nicht den Hund und den Wolf als einander ähnlich vor, so wie ich mir sie als behaart oder als vierbeinig vorstelle, sondern ich  finde  diese Ähnlichkeit, ich erlebe sie, wenn man will, ich  nehme sie wahr;  ich finde sie an den  nicht  wahrgenommenen, sondern nur vorgestellten Objekten; ich finde sie, erlebe sie, nehme sie wahr, genau in dem Sinne, in dem ich an  wahrgenommenen  Objekten Ähnlichkeit finde, erlebe, warhnehme. Ich stelle den Eindruck der Ähnlichkeit nicht vor, sondern habe ihn, er ist nicht ein vorgestellter, sondern mein wirklicher gegenwärtiger Eindruck.

Der vorgestellte Hund und der vorgestellte Wolf sind Erinnerungs- oder Phantasiebilder. Das Bewußtsein der Ähnlichkeit dagegen, das ich aus dem gegenwärtig, angesichts der Erinnerungsbilder vollzogenen Vergleich gewinne, ist weder Erinnerungs- noch Phantasiebild. Gesetzt, ich habe gestern zwei Menschen gesehen und in der unmittelbaren Wahrnehmung den Eindruck ihrer Ähnlichkeit gewonnen oder das unmittelbar erlebt, was ich mit dem Wort  Bewußtsein der Ähnlichkeit  meine. Dann kann ich mich jetzt allerdings, indem ich mich der beiden Menschen erinnere, zugleich jenes Ähnlichkeitsausdrucks, oder jenes unmittelbaren Ähnlichkeitserlebnisses  erinnern.  In diesem Fall ist die Ähnlichkeit eine bloße Vorstellung. Vielleicht aber habe ich bei meiner gestrigen Wahrnehmung keinen Ähnlichkeitseindruck gewonnen. Ich habe die beiden nicht verglichen. Vielleicht sah ich sie nicht zu gleicher Zeit; oder indem ich den zweiten sah, erinnerte ich mich nicht des ersten. Oder indem ich den einen sah, achtete ich nicht auf den anderen. Ich betrachtete jeden nur für sich. Jetzt aber, in der Erinnerung, stelle ich beide nebeneinander, und nun gewinne ich den Eindruck der Ähnlichkeit, genau in dem Sinne, in dem ich den Eindruck der Ähnlichkeit gewonnen haben würde, wenn ich sie gestern nebeneinander gesehen und in der unmittelbaren Wahrnehmung miteinander verglichen hätte.

Vielleicht hatte ich auch gestern den Eindruck der Ähnlichkeit, weil ich auf gewisse Züge speziell achtete. Und jetzt, indem ich mir beide Menschen in der bloßen Vorstellung vergegenwärtige, und andere Züge ins Auge fasse, etwa die Größe, die Art zu gehen, zu sprechen etc., gewinne ich den Eindruck minderer Ähnlichkeit, oder gar den Eindruck entschiedener Unähnlichkeit. Ich begrefe vielleicht nicht mehr, wie ich die beiden ähnlich finden konnte, da ich sie jetzt so verschieden finde. - Ich denke, ich brauche nicht weiter zu reden, um den Unterschied zwischen der Vorstellung der Ähnlichkeit, dem reproduktiven Nachbild eines Ähnlichkeitseindruckes, und dem Ähnlichkeitseindruck selbst, zwischen der Erinnerung an die erlebte Ähnlichkeit und dem gegenwärtigen Ähnlichkeits erlebnis  eindringlich zu machen.

Durch die hiermit bezeichnete Tatsache ist aber die EBBINGHAUS'sche Theorie widerlegt. Kann ich angesichts zweier  Erinnerungsbilder  den unmttelbaren  Eindruck  der Ähnlichkeit haben, d. h. ein Ähnlichkeitsbewußtsein, das  nicht  Erinnerungsbild ist, oder allgemeiner gesagt, kann das Bewußtsein der Ähnlichkeit bloßer Erinnerungsinhalte ein gegenwärtiges unmittelbares  Erlebnis  sein, so steht fest, daß Ähnlichkeit nicht eine Eigentümlichkeit, ein Merkmal, eine Qualität dessen sein kann, das ich als ähnlich erkenne; daß insbesondere die Ähnlichkeit zwischen Empfundenem nicht eine diesem Empfundenen anhaftende und in ihm mitempfundene Qualität sein kann; daß es vor allem ganz und gar nicht angeht, zu sagen, das Ähnlichkeitsbewußtsein sei die direkte Wirkung eben der objektiven Reize, die die sogenannten Empfindungen verursachen. Denn ist Ähnlichkeit eines Empfundenen ein Mitempfundenes, eine mitempfundene Qualität dieses Empfundenen, dann kann Ähnlichkeit eines Vorgestellten nichts anderes sein als eine mitvorgestellte Qualität dieses Vorgestellten.

Ich wiederhole hier noch einmal EBBINGHAUS' Versicherung: "Es verhält sich mit Ähnlichkeit und Verschiedenheit genauso wie mit Raum, Zeit und Veränderung; sofern sie dem sinnlich Empfundenen zukommen, sind sie gleichfalls durchaus sinnlich empfundene Ergebnisse." Dies gilt in der Tat von Raum, Zeit und Veränderung. Das Bewußtsein der Veränderung an einem Vorgestellten, etwa der Veränderung eines vorgestellten Tones, ist selbstverständlich nichts als eine  Vorstellung  dieser Veränderung. Ebenso ist das Bewußtsein einer räumlichen oder zeitlichen Bestimmung an einem Vorgestellten nichts als eine  Vorstellung  der räumlichen oder zeitlichen Bestimmung. Die räumliche Ausdehnung einer Farbe, die zeitliche Dauer eines Tones ist unweigerlich nur vorgestellt, wenn die Farbe oder der Ton nur vorgestellt ist. Völlig anders dagegen verhält es sich mit der Ähnlichkeit. Ähnlichkeit zwischen Vorgestelltem  kann  bloß eine Sache der Vorstellung sein. Sie kann aber auch jetzt unmittelbar erlebt sein.

Sondern  - es verhält sich mit Ähnlichkeit und Verschiedenheit analog wie mit jedem Ich- und jedem Apperzeptionserlebnis, z. B. mit dem Icherlebnis - und zugleich Apperzeptionserlebnis - Lust genannt. Ich kann mich eines Gegenstandes erinnern, und zugleich der Lust, die ich angesichts desselben fühlte. Hier ist die Lust lediglich eine vorgestellte. Ich kann mich aber ebensowohl einer Sache erinnern oder sie vorstellen, und am Vorgestellten jetzt tatsächlich Lust  fühlen.  Vielleicht fühlte ich angesichts der Wahrnehmung eines Gegenstandes Lust, jetzt in der Erinnerung aber fühle ich Unlust; oder umgekehrt.

Diesen Sachverhalt habe ich schon vor langer Zeit als ein Kriterium dafür bezeichnet, daß Lust nicht eine Eigenschaft von Empfindungen, oder eine Empfindungsqualität sei. Nicht minder nun ist der analoge Sachverhalt bei der Ähnlichkeit und Verschiedenheit, und fügen wir hinzu, bei allen Relationen überhaupt, bei denn Relationen des Plus und des Minus, der Kausalität, der logischen Unverträglichkeit, oder wie sie sonst heißen mögen, ein Kriterium dafür, daß diese Relationen nicht etwas sind, das den gegenständlichen Bewußtseinsinhalten als Merkmal zukommt, keine Qualitäten eines einzelnen Empfundenen oder Vorgestellten, noch auch Gesamtqualitäten oder Gestaltqualitäten, sondern etwas von all dem völlig Verschiedenes, eigenartige Erlebnisse, die ich angesichts des Gegenständlichen habe. - Es ist sonderbar, EBBINGHAUS denkt nicht einmal an die Möglichkeit solcher Erlebnisse.

Formulieren wir das Argument allgemein. Ähnlichkeit des Rot und des Violett ist zwar kein Merkmal, wohl aber ein "Prädikat" von Rot und Violett. Mit der Verwendung dieses Begriffs dürfen wir allgemein sagen: Ist ein Prädikat eines Gegenstandes, oder dasjenige, was wir im Prädikat dem Gegenstand zuerkennen, ein Merkmal des Gegenstandes, eine ihm selbst anhaftende, also in oder an ihm auffindbare Eigentümlichkeit, Bestimmtheit, Qualität, so ist dieses Prädikat empfunden, bwz. wahrgenommen oder bloß vorgestellt, je nachdem der Gegenstand in der Empfindung bzw. Wahrnehmung, oder in der bloßen Vorstellung gegeben ist. Umgekehrt, kann ein Prädikat eines Gegenstandes unmittelbar erlebt sein, während der Ggenstand nicht empfunden oder wahrgenommen, kurz, nicht unmittelbar erlebt, sondern nur als Gegenstand des reproduktiven Vorstellens, also als Inhalt der Erinnerung oder Phantasie gegeben ist, so ist das fragliche Prädikat  nicht  ein Merkmal, eine Eigentümlichkeit, eine Qualität des Gegenstandes, nichts an ihm Haftendes oder ihm Zugehöriges in dem Sinne, in dem Merkmale, Eigentümlichkeiten, Qualitäten demjenigen zugehören, dessen Merkmale, Eigentümlichkeiten, Qualitäten sie sind.

So bezeichnen die Prädikate "lustvoll", "angenehm", "erfreulich"  nicht  Merkmale des Lustvollen, Angenehmen, Erfreulichen, da dasjenige, was sie besagen, unmittelbar erlebt oder gefühlt werden kann angesichts einer bloßen Vorstellung.

So ist die Wahrheit eines Wortes, die Gewißheit eines Satzes, die Zweifelhaftigkeit einer Behauptung nicht ein Merkmal des Wortes, des Satzes, der Behauptung, da ich das unmittelbare Bewußtsein der Wahrheit haben, Gewißheit erleben, Zweifel verspüren kann auch dem vorgestellten Wort, dem vorgestellten Satz, der vorgestellten Behauptung gegenüber.

Ebenso nun und aus gleichem Grund sind die Prädikate der Ähnlichkeit und Verschiedenheit, und mit ihnen die Prädikate der Einheit, Mehrheit, Anzahl, der Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit, der kausalen Zusammengehörigkeit, der Konsonanz und Dissonanz usw., kurz, alle Relationsprädikate, nicht Merkmale von Gegenständlichem, sie sind insbesondere auch nicht Gesamt- oder Gestaltqualitäten.

Und was sind sie dann? Ich sagte Apperzeptionserlebnisse. Ich bestimme dies, was die Ähnlichkeit angeht, etwas genauer, indem ich sage, das Bewußtsein der Ähnlichkeit ist das unmittelbare Bewußtsein von einer Weise, wie Objekte in meiner Einheitsapperzeption sich zueinander stellen, oder es ist das Bewußtsein der eigentümlichen apperzeptiven Vereinheitlichung, welche die Objekte vermöge ihrer Beschaffenheit gewinnen, wenn ich sie jedes für sich apperzipiere und zugleich in einen einzigen Akt der Apperzeption zusammenschließe.

Auch für EBBINGHAUS ist die Ähnlichkeit von Rot und Violett nicht eine Eigenschaft des Rot und des Violett, sondern der beiden zusammen oder des Zusammen der beiden. Dies heißt aber nicht: Sie ist eine Eigenschaft des  gegenständlichen,  d. h. des räumlichen oder zeitlichen Zusammen. Sondern: Sie ist eine Eigenschaft, besser ein Prädikat, das den beiden Farben zukommt, wenn  ich  sie  zusammennehme.  Dieses mein "Zusammennehmen" ist das, was ich hier als Einheitsapperzeption bezeichne oder als Zusammenschluß in einen einzigen Akt der Apperzeption.

Niemand kann zweifeln, daß ein Ähnlichkeitsbewußtsein ohne ein solches apperzeptives Zusammennehmen unmöglich ist. In diesem apperzeptiven Zusammennehmen ändern sich aber die Gegenstände nicht, also ist das Prädikat, das in diesem Zusammennehmen neu entsteht, das Prädikat der Ähnlichkeit, nicht ein Merkmal der Gegenstände, sondern eine Bestimmtheit des  Zusammengenommenseins.  Sie ist eine Weise, wie sich die Gegenstände in die Einheitsapperzeption  einfügen,  oder innerhalb der Einheitsapperzeption sich zueinander stellen, eine Weise ihres  sich Vereinheitlichens  für mein Bewußtsein.

Wie aber diese Weise des sich Vereinheitlichens näher beschrieben werden könne, lasse ich hier dahingestellt. Ich hoffe, wie schon oben angedeutet, in Bälde wenigstens eine Skizze einer Psychologie der Relationen zu veröffentlichen. Hier lag mir im Wesentlichen daran, zu zeigen, daß die Sache minder einfach ist, als EBBINGHAUS anzunehmen scheint, und zweifellos Viele, vielleicht die meisten, ihm glauben werden.

Die Psychologie unserer Tage bedarf einer Reform von Grund aus.
LITERATUR - Theodor Lipps, Einige psychologische Streitpunkte [Zeitschrift für Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane, Bd. 28, Leipzig 1902]
    Anmerkungen
    1) weiteres hierüber siehe in meiner Schrift "Das Selbstbewußtsein; Empfindung und Gefühl", Wiesbaden 1901
    2) Genaueres hierüber siehe in einer Schrift, die demnächst erscheinen und den Titel "Vom Fühlen, Wollen und Denken" tragen soll.
    3) Weiteres hierüber in meinen "Grundzügen der Logik", Hamburg und Leipzig 1893; ferner in der schon oben erwähnten, bald zu veröffentlichenden Arbeit "Vom Fühlen, Wollen und Denken", und der vermutlich mit dieser zu veröffentlichenden Arbeit über "Einheiten und Relationen".