ra-2ra-2ra-3J. BaumannTh. AchelisDrobischTrendelenburgE. Koenig    
 
THEODOR LIPPS
Das System der Zwecke

"Persönlichkeitswert ist der einzig unbedingte Wert. Er ist  der  sittliche Wert. Alle anderen Werte sind dadurch bedingt, also darin eingeschlossen. Alles Glück, alle Lust, alle Befriedigung ist, oder bekundet, ein freies sich Ausleben der Persönlichkeit. Und aller Wert des Glücks bemißt sich nach dem Wert der Persönlichkeit, die sich darin auslebt."

"Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille. Dieser  gute  Wille  ist  die sittliche Persönlichkeit, der starke, innerlich reiche und freie Mensch. In diesen Worten  Kants  liegt eine Entdeckung. Freilich,  Kant  brauchte sie nicht erst zu machen. Die Lehre vom unbedingten Wert der Persönlichkeit ist eine christliche Lehre."

"So gewiß es etwas eigenartig Hohes ist um das künstlerische Vermögen, so gewiß gehört doch auch wiederum sehr viel mehr, nämlich sehr viel größere sittliche Kraft zum Kampf um die sittlichen Güter in der Welt. Sich von diesem Kampf zurückziehen, in eine lediglich  ästhetische Weltbetrachtung  sich einlullen, ist Beschränktheit, Schwäche oder Blindheit."

"Es ist etwas sittlich Schönes um jede volle  Arbeitsfreudigkeit.  Sie nimmt schließlich am höchsten sittlichen Wert teil, wenn sie verbunden ist mit dem Bewußtsein des sittlichen Endzieles aller Arbeit, der Schaffung von Persönlichkeitswerten in mir und anderen. Nicht was man  tut,  sondern die Kraft, Weite und sittliche Höhe des Wollens bestimmt den Adel, bzw. die Niedrigkeit der Arbeit."

Sittlich ist die Gesinnung eines Menschen, wenn in ihm alle möglichen menschlichen Zwecke wirken, gemäß ihrem vollen und reinen objektiven Wert. Zwecke wirken in solcher Weise, dies heißt: Sie wirken, wie sie  ihrer Natur  nach wirken  können,  oder: Sie wirken, wie sie unter Voraussetzung der vollkommenen und vollkommen klaren Auffassung derselben, und meiner vollen, durch keine subjektiven Bedingungen verschobenen Hingabe und Empfänglichkeit  notwendig  wirken.

Wirken nun in mir alle möglichen menschlichen Zwecke gemäß ihrem objektiven Wert, so wirken in mir in höherem Grad diejenigen, die einen höheren objektiven Wert haben. Das heißt nichts anderes als: Es wirken in mir in höherem Grad diejenigen Zwecke, die unter der soeben bezeichneten Voraussetzung in einem höheren Grad wirken  müssen,  in geringerem Grad diejenigen, denen unter dieser Voraussetzung  notwendig  eine  geringere Wirkung zukommt.  Besteht also für mich die Wahl, Zwecke von höherem oder Zwecke von geringerem objektiven Wert zu verwirklichen, so haben in mir, soweit ich mich einer sittlichen Gesinnung erfreue, jene die Übermacht. So sind überhaupt in der sittlichen Gesinnung die höheren Zwecke den niedrigeren übergeordnet oder diese jenen untergeordnet. Sittliche Gesinnung ist ein System der Über- und Unterordnung aller möglichen Zwecke, in welchem jeder Zweck seine selbstbestimmte Stelle hat.

Auch abgesehen vom höheren und niedrigeren  Wert  der Zwecke können Zwecke in der sittlichen Persönlichkeit anderen notwendig  vorgehen.  Damit bestimmt sich das sittliche System der Zwecke noch nach einer anderen Richtung.

Da innerhalb der sittlichen Gesinnung die Zwecke lebendige  Kräfte  sind, und zu einem Gesamtzweck alles sittlichen Verhaltens, der Verwirklichung des Guten, zusammen wirken, so können wir dieses System auch als einen  Organismus  der Zwecke bezeichnen. Jede sittliche Persönlichkeit ist ein solcher Organismus. Sie ist es,  soweit  sie sittlich ist.



Wir können nun zunächst in jener  "Über-  und  Unterordnung"  der Zwecke zwei Möglichkeiten unterscheiden. Zwecke können sich einmal zueinander verhalten, wie  unbedingte  und  bedingte,  oder wie absolute und relative. Absolute Zwecke sind solche, die ansich Wert haben, die demnach gefordert sind rein um ihrer selbst willen. Bedingte oder relative Zwecke sind solche, die Wert haben, also sittlich gefordert sind, nur unter der Voraussetzung, daß ein absoluter Zweck verwirklicht, als ein  ansich  Wertvolles tatsächlich gegeben ist.

Wir wissen nun aber auch schon, welches jene absoluten und welches diese relativen Zwecke sind. Die Kritik der Nützlichkeits- und  Glückseligkeitsmoral  hat es uns gelehrt: Das Glück der Menschen, ihre Lust, ihre Befriedigung, ihre Freude, hat für uns Wert, nur sofern sich darin ein wertvoller Zug der Persönlichkeit kundtut. Menschenglück ist also ein bedingter Zweck. Nur die eigene und fremde Tüchtigkeit, der eigene und fremde Persönlichkeitswert hat den Rang eines unbedingten oder absoluten sittlichen Zwecks.

Persönlichkeitswert ist der einzig unbedingte Wert. Er ist  der  sittliche Wert. Alle anderen Werte sind dadurch bedingt, also darin eingeschlossen. Alles Glück, alle Lust, alle Befriedigung ist, oder bekundet, ein freies sich Ausleben der Persönlichkeit. Und aller Wert des Glücks bemißt sich nach dem Wert der Persönlichkeit,  die  sich darin auslebt.

Ich betone hier ausdrücklich, daß ich, indem ich dies sage, nicht einen "Standpunkt" vertrete, sondern eine Tatsache zum Ausdruck bringe. Wie in der Wissenschaft überhaupt, so gibt es auch in der Ethik keine verschiedenen, nebeneinander möglichen  Standpunkte Alle ethischen Fragen sind Tatsachenfragen. Der einzig unbedingte Wert der sittlichen Persönlichkeit aber ist eine Tatsache, nämlich eine Tatsache unseres Bewußtseins. Er ist eine psychologische Tatsache. Zugleich ist diese Tatsache die ethische Grundtatsache. Die Einsicht in die Gültigkeit dieser Tatsache ist die Quintessenz aller ethischen Einsicht.

Dem unbedingten Wert der Persönlichkeit gebührt ein besonderer Name. KANT gebraucht den Namen "Würde". Reichtum, Ehre, die mir zuteil wird, Macht, die ich besitze, Einsicht, deren ich mich erfreue, all das hat Wert oder kann Wert haben. Nichts von all dem hat Würde. Nur die Persönlichkeit hat Würde.

Gesteigerte Würde ist Erhabenheit. Höchste Erhabenheit ist Majestät. Es gibt kein Erhabenes außer der sittlichen Persönlichkeit, und keine Majestät außer der Majestät Gottes; so sehr auch Menschen mit diesem Namen ein Spiel treiben mögen.

Wir nennen freilich allerlei erhaben, ein Bauwerk, ein Gebirge, das Meer. Aber derselbe KANT, den ich soeben zitierte, hat schon darauf hingewiesen, worin diese Erhabenheit besteht. Sie ist in Wahrheit  unsere  Erhabenheit. uns verlegen wir in das Erhabene hinein, nicht unsere empirische Persönlichkeit, oder uns, wie wir tatsächlich sind; aber uns, wie wir sein  könnten.  Es ist ein Ich unserer  Sehnsucht,  das wir darin finden, ein stärkeres, reicheres oder weiteres, und in sich einstimmigeres, und in dieser Einstimmigkeit mit sich selbst beglücktes Ich. Das "erhabene" Bauwerk, das "gewaltige" Gebirge, die "Majestät" des endlosen Meeres, dies alles besagt, daß wir in der Betrachtung solcher Objekte eine Steigerung des eigenen Wesens, eine Ausweitung, Erhöhung und Vertiefung des Ich, weit über sein empirisches Wesen hinaus, zugleich eine Zusammenfassung und Befreiung desselben erleben. Ein solches Ich "fühlen" wir in die "erhabenen" Objekte "ein", und finden es daran gebunden, oder darin objektiviert. Dadurch erst werden die Objekte für uns erhaben.

Ich nannte dieses Ich das Ich unserer Sehnsucht. Es begreift sich daraus, wie uns dem erhabenen Objekt gegenüber so sehnsüchtig zumute werden kann. Die Sehnsucht, die wir verspüren, das ist das sehnende Suchen nach eigener Größe, Weite und Freiheit. - Vielleicht meint man, dies seien schöne Worte, bestenfalls ein geistreicher Gedanke. Dies wäre ein Irrtum. Es handelt sich auch hier um eine psychologische Tatsache.

Es gibt noch eine einfachere Weise, das absolut Wertvolle als solches sprachlich zu bezeichnen. Wertvolles, das uns zuteil wird, nannten wir schon früher  "ein  Gut". Jedem solchen Gut, allen "Gütern", steht gegenüber  das Gute.  Die sittliche Persönlichkeit ist das Gute, und das einzig Gute. Ich zitiere noch einmal ein kantisches Wort. Es ist das schönste, das sich bei KANT findet: "Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille". Dieser "gute Wille" ist die sittliche Persönlichkeit, der starke, innerlich reiche und freie Mensch.

In diesen Worten KANTs liegt eine Entdeckung. Freilich, KANT brauchte sie nicht erst zu machen. Die Lehre vom unbedingten Wert der Persönlichkeit ist eine christliche Lehre, so oft sie auch von "Christen" geleugnet worden ist.

Angenommen, es würde einmal eine Weltgeschichte geschrieben vom ethischen, also von einem einzig absolut gültigen Gesichtspunkt aus. Diese Weltgeschichte würde anders aussehen, als jetzt vielfach Weltgeschichten auszusehen pflegen. Die Höhepunkte der Geschichte eines Volkes wären nicht die äußeren Glanzseiten, sondern diejenigen, in denen die Angehörigen des Volkes, mehr als zu anderen Zeiten, ihre Menschenwürde suchten und fanden; die Zeiten des Niedergangs diejenigen, in denen sie ihre Würde dem Glanz, das Gute dem "Wohlstand", die sittliche Stärke der Macht, das sittliche Selbstbewußtsein dem Ruhm opferten.

Welches Licht würde eine solche Geschichtsschreibung auf unsere Zeit fallen lassen? Ich sagte schon, daß die Nützlichkeits- und Glückseligkeitsmoral jetzt auch bei uns verwirrend und verwüstend wirkt. Sie tut dies in der Tat theoretisch und praktisch.

Es gibt allerlei erhabene Worte, die Menschen mit fortreißen. Je mehr sie dies tun, desto mehr wäre es Pflicht, Sorge zu tragen, daß sich damit klare Begriffe verbinden. Wo nicht, da ist Gefahr, daß sie als Mittel dienen, Menschen einzuschläfern, oder als Schlingen, sie moralisch zu erwürgen. Entsetzliches, ja das Entsetzlichste ist geschehen im Namen der "Religion". Ehrloses geschieht im Namen einer vermeintlichen Ehre. Und Vaterlandsverrat wird ausgeübt unter dem Namen der nationalen Gesinnung und des Patriotismus.

Was ist das Vaterland, das Volk, die Nation? Letztenendes nichts anderes, als die Menschen, die einzelnen Individuen, die das Vaterland, das Volk, die Nation bilden. Alle gehören sie dazu, kein einziger ausgenommen. Wenn wir von der Nation die Menschen abziehen, so bleiben gewisse Güter, Einrichtungen, Veranstaltungen, die nicht ansich, sondern um der Menschen willen Wert haben, oder es bleibt - ein leeres Wort. Und was ist die  Größe  der Nation, für die der vaterländisch oder national Gesinnte einsteht, vielleicht sein Leben läßt? Äußere Macht, Reichtümer, Ruhm gehören zu den  Gütern  der Nation. Aber sie sind nicht  die Nation.  Ihre Größe kann also auch nicht die Größe der Nation ausmachen. Sondern die Größe der Nation, das ist -  ihre  Größe, d. h. die Größe der Menschen, ihre Tüchtigkeit, ihre sittliche Kraft, und die freibewußte Betätigung derselben. Sie ist das Streben eines jeden nach Achtung seiner selbst, Mannhaftigkeit, Stolz der eigenen Überzeugung, Wahrhaftigkeit, die sich durch nichts beugen läßt; und nicht zuletzt der freimütige Zorn über das Kleine und Erbärmliche. "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht alles setzt an ihre Ehre". Diese "Ehre", das ist die Ehre, die eine Nation  hat,  d. h. die die Glieder der Nation  haben,  nicht diejenige, die der Nation  zuteil  wird, nicht der Ruhm, den sie erntet. Jener Güter sich zu freuen hat ein Volk  kein  Recht, sondern es muß sich ihrer schämen, wenn sie nicht diese Ehre zum Fundament haben. Und alle solche Güter sind unheilvoll und  erniedrigen,  wenn ihr Besitz an die  Stelle  der Größe der Menschen tritt, oder wenn über dem Streben nach Erhaltung und Mehrung derselben die Würde des Menschen verkümmert und zugrunde geht.

Und was nennt man jetzt vielfach Patriotismus? Ich sage: vielfach. Denn gewiß fehlt es nicht an solchen, die wahren Patriotismus kennen. Andere aber verfälschen diesen Begriff. Gar mancher müßte ehrlicherweise sagen: ein patriotisch Gesinnter ist für mich derjenige, der meine persönlichen Anmaßungen oder die Anmaßungen meines Standes nicht antastet, der meiner Eitelkeit schmeichelt, meinen Machtgelüsten fröhnt, schließlich materielle Güter in meine Taschen fließen läßt.

Oder man nennt patriotisch gesinnt denjenigen, der  Hurra  und  Pfui  ruft,  Hosiannah  und  Kreuzige  schreit mit der blinden, von äußerem Glanz geblendeten Menge, vaterlandslos denjenigen, dem seine eigene Überzeugung heilig ist, oder der Schlechtes auch dann schlecht nennt, wenn es durch das Herkommen "geheiligt", und durch die Macht geschützt ist. Wieviel Kriechen und sich Beugen, wieviel Verleugnung der eigenen Überzeugung, wieviel Unwahrhaftigkeit, wieviel Würdelosigkeit, wieviel sklavischer Sinn brüstet sich als Patriotismus und nationale Gesinnung.

Und brüstet man sich auch nicht damit, so übt man doch dergleichen gegenüber eine gewisse Duldung. Man hat nichts einzuwenden gegen jene sinnlosen Wendungen, durch die die Macht angebetet, ihren Trägern göttliche Ehre erwiesen und schließlich noch nach dem Tod eine besondere Art von "Seligkeit" zugeschrieben wird. Wir erröten nicht, wenn der jeweilige Inhaber der höchsten Staatsgewalt unverblümt neben Gott gestellt und wie ein Gott umschmeichelt wird. Wir brandmarken keine solche  Gotteslästerung. 

Wohin treiben wir? Wann werden uns die Augen aufgehen? Vielleicht, wenn es zu spät ist. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Das kaiserliche Rom ging in Trümmer, als die Römer ein Volk von Sklaven geworden waren, als es äußeren Glanz anbetete, als Menschen an die Stelle Gottes gesetzt wurden. Die Barbaren, die noch sittliche Kraft besaßen, haben es zertreten.



Daß Menschen Menschen sind, die Menschheit in jedem einzelnen, das ist das absolute sittliche Zweck. Aber auch sonst gibt es "höhere" und "niedrigere" Zwecke. Höher ist naturgemäß der  umfassendere  Zweck. Dies hat einen verschiedenen Sinn. Zunächst diesen: Angenommen, ich habe die Wahl, zum Wohl vieler oder in gleicher Weise zum Wohl weniger einen Beitrag zu liefern, in einem weiteren oder in einem engeren Kreis ein bestimmtes Gutes zu wirken, so hat, unter im übrigen gleichen Umständen, der weitere Kreis naturgemäß vor dem engeren den Vorzug. Liegt mir wirklich an dem Guten, das ich wirken kann, so muß die Möglichkeit, in umfassenderem Maße dieses Gute zu wirken, meinen Willen in höherem Maß bestimmen. Ich muß das Wohl des kleinen Kreises über das Wohl meiner selbst setzen, das Wohl meines Volkes über das des kleineren Kreises, das Wohl der Menschheit über das meines Volkes.

Aber ich denke hier nicht bloß an den  äußeren  Umfang der Zwecke. Auch sonst können Zwecke umfassender sein als andere. Zunächst ist es eine triviale Bemerkung, daß dasjenige Gut, das intensiver oder dauernder zu befriedigen vermag, ein höheres Gut ist. Dabei setze ich voraus, daß es wirklich ein Gut ist, d. h. einem Positiven im Menschen zugute kommt, oder daß sich im Genuß desselben eine Kraft des Menschen auswirkt.

Im übrigen können Zwecke, die wir zu verwirklichen imstande sind, umfassender sein, weil sie in der Persönlichkeit, der die Verwirklichung derselben zugute kommt, tiefer greifen oder weil sie in höherem Maße die ganze Persönlichkeit umfassen. Eine Befriedigung, die wir einer Persönlichkeit zu schaffen vermögen, kann das einemal in größerem oder geringerem Maße eine Befriedigung der ganzen Persönlichkeit oder eines in der Tiefe derselben liegenden Bedürnisses sein, ein andermal nur die Oberfläche oder einen Punkt an der Oberfläche der Persönlichkeit berühren. Und es kann die Persönlichkeit selbst jetzt in höherem oder geringerem Grad im  ganzen  oder in ihrem innersten Charakter, im tiefsten Grund ihrer Gesinnung, eine Bereicherung oder Stärkung erfahren, während ein andermal die Bereicherung oder Stärkung nur einem für das Ganze der Persönlichkeit bedeutungsloseren Punkt ihres Wesens zuteil wird. Wiederum aber muß gesagt werden: Liegt uns an menschlichen Bedürfnissen und an Menschenwert, so muß uns daran umso mehr liegen, je mehr es sich dabei um den ganzen Menschen oder den tiefsten Grund im Menschen handelt.

Freilich dürfen wir dabei auch nicht vergessen, was wir schon früher sahen: Kein Genuß, keine Freude eines Menschen, die einem natürlichen Bedürfnis desselben entspricht, kein Vermögen oder Trieb, der ein positives Moment im ganzen, vollen, gesunden Menschen bezeichnet, ist ansich böse. Jedes Vermögen, jeder Trieb hat sein Recht an seiner Stelle. Niemand darf sich vermessen, irgendetwas, das zum vollen Menschen gehört, künstlich zu unterdrücken, in irgendeiner Weise Gottes Geschöpf verstümmeln oder verkümmern zu wollen. Kein Sinn ist dem Menschen gegeben, damit er zerstört werde. Jeder Sinn gehört mit zum vollen, also auch zum sittlichen Menschen. Jede solche Zerstörung oder Verkümmerung ist böse. In der Verkümmerung oder der Negation besteht ja, wie wir gesehen haben, überall das eigentliche Wesen des Bösen.

Damit ist aber zugleich gesagt, daß jeder Genuß, oder jede  Befriedigung  eines Triebes, böse sein kann und böse ist, sofern diese Befriedigung irgendwie eine Verkümmerung oder Negation im Ganzen der Persönlichkeit zur Voraussetzung hat oder als Folge in sich schließt. Insbesondere ist, mag ein Trieb ansich noch so gut sein, doch die Befriedigung desselben notwendig böse, wenn sie ein  Symptom  dafür ist, daß ein höherer Trieb nicht die Kraft hat, sein höheres Recht geltend zu machen. Sie ist es nicht minder, wenn Höheres im Menschen, sie es in der eigenen, sei es in einer fremden Person, dadurch  geschädigt  wird.

So fragt es sich überall bei der Befriedigung irgendeines Triebes oder Bedürfnisses, was derselbe im Zusammenhang der  ganzen Persönlichkeit bedeutet.  Wir können stattdessen kurz sagen: wie weit der Trieb  menschlich  ist, d. h. zum vollen Menschsein beiträgt. Darin ist dann zugleich die Frage eingeschlossen, wie weit bei der Befriedigung eines Triebes  andere  Menschen volle Menschen sein oder bleiben können.



Gewisse Triebe und Genüsse bezeichnen wir speziell als  "sinnliche".  Es sind diejenigen, die mit den Empfindungen unserer Sinne, etwa des Geschmacks, des Geruchs, den Empfindungen unseres eigenen Körpers usw. unmittelbar gegeben sind. Schon unter diesen bestehen leicht ersichtliche Unterschiede des Werts. Es ist etwas anderes, ob frische Luft und der Gebrauch meiner körperlichen Kräfte mir eine  Allgemeinempfindung  der körperlichen Frische, Kraft, Gesundheit gibt, oder ob ein flüchtiger Genuß des Gaumens mich erfreut. - Dabei sehe ich noch ab von der engen Beziehung, in der die körperliche zur geistigen Kraft und Frische steht.

Auch der Geschmackssin hat gewiß sein Recht. Aber er bezeichnet einen Punkt oder Bezirk auf der  Oberfläche  der Persönlichkeit. Dazu schrumpfte die Persönlichkeit zusammen, für die die Befriedigung des Geschmackssinnes ein Lebenszweck wäre.

Es ist bemerkenswert, wie wir in diesem Punkt schon im alltäglichen Leben die untergeordnete Bedeutung des Sinnlichen ausdrücklich anerkennen. Eine solche Anerkennung ist es immer, wenn der Kulturmensch die Nacktheit des Gaumengenusses zumindest für den Augenschein  aufzuheben  sucht. Er bekleidet oder verhüllt ihn, gibt ihm eine höhere Weihe. Der physische Genuß wird mit Regeln des Anstandes, mit einer gewissen zeremoniellen Feierlichkeit umgeben. Das gemeinsame Mahl der Familie vollzieht sich villeicht speziell unter  religiösen  Gebräuchen. Das festliche Mahl verbindet mit dem Mahl ästhetische und geistige Genüsse, vielleicht ein bestimmtes ideales Interesse.

Freilich kann in gewissen Fällen die uns so geläufige Verbindung des Essens und Trinkens mit höheren Interessen zunächst wohl auch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet werden. Es ist in manchen Fällen die Gefahr, daß in diesem Zusammen beider die Wichtigkeit des physischen Genusses über Gebühr gesteigert, andererseits das höhere Interesse gefährdet oder herabgewürdigt erscheint.

So hat man gewiß ein Recht, es sonderbar und des geistig höher stehenden Menschen für unwürdig zu finden, wenn ein geselliger Verkehr, in dem gemütliche und geistige Interessen ihre Befriedigung finden sollen, bei uns gar nicht ohne Essen und Trinken scheint geschehen zu können. Man kann finden, daß wir unsere Geselligkeit damit ein ziemliches Armutszeugnis ausstellen. Und die festliche Begeisterung der "Zweckessen" muß doch wohl in sich selbst etwas dürftig sein, wenn sie erst auf der Basis - bei einigen vielleicht auch schon in der Erwartung - gaumenreizender Speisen und berauschender Getränke entsteht, oder zumindest erst aufgrund davon ihre volle Ausweitung erfährt. Der Begeisterung für eine ernste Sache, so könnte man meinen, müsse es im Innersten widerstreben, mit der "gehobenen" Stimmung, die aus dem Essen und Trinken stammt, auch nur in eines  zusammenzufließen.  In der Tat ist es gewiß nicht nötig, über so manchen bei reichlichem Essen und Trinken ausbrechenden festlichen, etwa politischen Enthusiasmus, wie wir ihn jetzt so oft zu erleben Gelegenheit haben, ausdrücklich eine Satire zu schreiben. Der Selbstbetrug oder Betrug anderer ist ja meist durchsichtig genug.

In diesen Fällen erscheint das ideale Moment als der wirkliche oder wenigstens vermeintliche Zweck der Sache. Davon aber rede ich hier eigentlich nicht. Sondern ich denke an die Fälle, in denen die eigentliche Absicht ist, dem notwendigen physischen Bedürfnis zu genügen. Und ich spreche von den Formen und Zeremonien, die die Befriedigung dieses Bedürfnisses verhüllen. Eine solche Verhüllung hat zweifellos eine ethische Bedeutung. Indem wir durch die Formen des Anstandes oder Feierlichkeit das  Sichgehenlassen  in der Form der Befriedigung des physischen Bedürfnisses verhindern, die ungebundene Freiheit derselbe eindämmen, den Ausdruck des rein physischen, des schmatzenden und schlürfenden Behagens verbieten, geben wir zu erkennen, daß wir dem physischen Bedürfnis das Recht, sich vorzudrngen und die Gedanken ganz zu absorbieren, verweigern. Wir wollen, daß der Essende und Trinkende uns ein Bild gibt, - nicht eines Menschen der im Essen und Trinken aufgeht, oder, sei es auch nur für einen Moment, nichts ist als ein Essender oder Trinkender, sondern der darüber steht, und noch etwas mehr und etwas Höheres repräsentiert. Wir wollen das Bild einer Gesamtpersönlichkeit, in welcher das physische Bedürfnis zwar besteht und sein Recht hat, aber doch zugleich ein Recht beansprucht nur an seiner  Stelle,  und unter der Voraussetzung, daß es sich einfügt in den Zusammenhang eines in einem  höheren  Sinne  menschlichen Daseins. 

So ist die Etikette beim Essen, so sind auch die speziell das Trinken begleitenden Gebräuche zwar gewiß nicht notwendig ein Zeichen, daß wir den sinnlichen Menschen in uns tatsächlich dem geistigen unterordnen, aber doch eine Zeichen, daß wir zugeben, es  sollte  so sein. Selbst wenn dieser oder jener, wenn sogar gewisse angeblich gebildete und selbst "humanistisch" gebildete Menschen, in der Blüte ihrer Jugendkraft, weil ihnen ein anderer Inhalt ihres Daseins fehlt, das Trinken zu einer Art von Lebenszweck zu machen scheinen, so entstammen doch auch hier die mit dem Trinken verbundenen Trinksitten, mögen sie ansich noch so geistlos sein, offenbar dem Bedürfnis, die nackte Sinnlichkeit des Gebarens zu verhüllen und das Treiben im Ganzen in einem höheren und geistigeren Licht erscheinen zu lassen.



Ein Seitenstück zu der hier besprochenen "Verhüllung" des physischen Bedürfnisses und seiner Befriedigung liegt in einem anderen Verhüllen, nämlich demjenigen, das wir speziell im Namen der  "Schamhaftigkeit"  fordern. Auch was im engeren und engsten Sinne "schamhaft" verhüllt wird, ist ansich nicht schändlich, sondern hat sein Daseinsrecht im Zusammenhang der Persönlichkeit.  Naturalia non sunt turpia  [Natürlichkeit ist keine Schande. - wp]; des menschlich Natürlichen braucht sich der Mensch nicht zu schämen. Ein Mensch verliert darum auch in unseren Augen nichts, wenn wir  wissen,  daß ihm, so gut wie jedem anderen, dieses Natürliche anhaftet.

Aber dieses Natürliche oder dieses sinnlich Animalische soll doch auch nur zum Menschen  gehören,  d. h. es soll ein Moment sein in einer Persönlichkeit, die im übrigen höherer, geistigerer und sittlicherer Art ist; und es soll sich diesem Höheren, Geistigeren und Sittlicheren unterordnen. Es soll sich nicht vordrängen und damit das Bild des Menschen für uns  bestimmen.  Wo es dies tut, wird das Bild, das wir von der Persönlichkeit haben wollen, verschoben. Wo es sich der unmittelbaren Wahrnehmung darstellt und den Blick auf sich zieht, scheint uns die Persönlichkeit herabgewürdigt. Und sie selbst empfindet die unmittelbare Wahrnehmung dieses sinnlich Animalischen als Herabsetzung oder Beleidigung: Es entsteht das "Schamgefühl". Hierin liegt doch noch ein Problem. Warum eigentlich bedeutet die unmittelbare Wahrnehmung dieses sinnlich Animalischen ein sich Vordrängen desselben? Darauf kann man antworten: Weil sich das geistig und sittlich Höhere im Menschen seiner Natur nach nicht in gleich unmittelbarer Weise der Wahrnehmung aufdrängt. Dieses geistig und sittlich Höhere liegt nicht sowohl "in", als "hinter" der sinnlichen Erscheinung des Menschen.

Zwar ist das Äußere des Menschen auch ein unmittelbarer Spiegel des  spezifisch Geistigen  in ihm. Aber doch nicht das ganze Äußere, sondern nur ein Teil desselben, und auch dieser nicht in so konkreter und unmittelbar verständlicher Weise. Es prägt sich dieses Höhere vorzugsweise aus im Gesicht, und hier wiederum vor allem in Auge und Mund. Es prägt sich im übrigen am meisten aus in den Händen. Man nennt mit Recht in erster Linie das Auge den Spiegel der Seele.

Aber diese Teile des Körpers treten räumlich zurück hinter dem übrigen Körper. In der unbekleideten Gesamterscheinung des Menschen herrscht also räumlich das sinnlich Animalische vor. Dies nun wird ausgeglichen, indem Gesicht und Hände unbekleidet bleiben und der übrige Körper in einer Weise verhüllt wird, die nur gewisse allgemeine Züge desselben unmittelbar erkennen läßt.

Doch damit ist nicht alles gesagt. Ist die Schamhaftigkeit eine ursprüngliche oder eine durch die Umstände  anerzogene  Tugend? Oder, stellen wir die Frage gleich spezieller: Bekleidet, verhüllt, verbirgt der Mensch, was er von seinem Körper und den Funktionen desselben zu bekleiden, zu verhüllen zu verbergen pflegt, aus ursprünglicher Schamhaftigkeit, oder hat umgekehrt die Schamhaftigkeit in der Gewohnheit des Bekleidens, Verhüllens, Verbergens ihren Grund?

Darauf ist zu antworten, daß zweifellos beides zutrifft. Das Bekleiden oder Verhüllen wird in der Entwicklung der Völker zunächst geschehen sein aus einfachen Zweckmäßigkeitsgründen. Weiterhin um des Schmuckes willen. Es ist aber eine allgemeine Regel, daß dasjenige, was wir einmal gewohnt sind, verhüllt zu sehen, höhere Bedeutung oder größeres Interesse für uns gewinnt, wenn es uns ausnahmsweise unverhüllt entgegentritt. Während es sich vorher nicht vordrängte, drängt es sich jetzt vor, nicht ansich, aber für uns. So verstehen wir es, daß Völker, bei denen das praktische Bedürfnis der Bekleidung zurücktritt oder aus irgendeinem Grund nicht oder minder zur Befriedigung gelangt, unsere weitgehende Schamhaftigkeit nicht kennen, ohne doch darum schamloser zu sein als wir. Das Natürliche ist ihnen eben noch in höherem Grad natürlich. Es ist für sie in noch höherem Grad ein Selbstverständliches.

Daneben dürfen wir aber freilich auch das andere nicht vergessen: nämlich die geringeren geistigen Anforderungen, die solche Völker an den "Menschen" stellen. Der Mensch ist für sie noch mehr im  Ganzen  ein sinnlich animalisches Wesen, der Gegensatz des sinnlich Animalischen und des Geistigen ein geringerer; darum das Bedürfnis, jenes diesem untergeordnet zu sehen, notwendig schwächer.

Wie der "Anstand" im vorhin besprochenen Sinn, d. h. vor allem der Anstand beim Essen und Trinken, so ist nach dem Gesagten auch die Schamhaftigkeit die deutliche Anerkenntnis des niedrigeren Ranges des Sinnlichen gegenüber dem Geistig-Sittlichen, und der notwendigen Unterordnung jenes unter dieses. Dies zeigen auch die Fälle, in denen - nicht bei den "Wilden", sondern bei uns, die Forderung des Verhüllens nicht mehr gestellt wird oder sich weniger weit erstreckt.

Angenommen, eine Enthüllung oder eine weniger vollständige Verhüllung, die sonst der Scham widersprechen würde, sei ein notwendiges und selbstverständliches Mittel für einen sittlich berechtigten und geforderten oder ästhetisch bedeutsamen Zweck, sie füge sich in solcher Weise naturgemäß ein in einen Zusammenhang, in dem ein höheres Interesse als das herrschende erscheint, so kann das Gefühl jenes Widerspruchs völlig aufgehoben erscheinen.

Oder wir begegnen einer weniger vollkommenen Verhüllung, als wir sie sonst zu finden pflegen, bei einer festlichen Gelegenheit, bei der wir der sinnlichen Lebenslust, nicht der nackten, sondern der, ästhetischen und geistigen Interessen zumindest scheinbar untergeordneten, ein größeres Recht zugestehen; dann erscheint in diesem Gesamtcharakter der Festlichkeit der Gegensatz des Sinnlichen und des Geistigen relativ aufgehoben, und es ist darum auch hier die mindere Verhüllung nicht mehr schamlos. - Daß wir den Frauen vor allem ein solches Recht zugestehen, deutet darauf hin, daß wir sie im Ganzen in einem höheren Grad als sinnliche Wesen ansehen, darum erscheint uns der Gegensatz des Sinnlichen und des Geistigen bei ihnen leichter ausgleichbar.

Weiterhin ändern sich naturgemäß die Forderungen, die wir im Namen der Schamhaftigkeit stellen, es ist nicht mehr schamlos, was sonst so erscheint, wenn das Sinnliche, worauf sich jene Forderungen sonst beziehen, sich in ein die ganze Persönlichkeit umfassendes, seiner Natur nach sinnlich- sittliches  Interesse als natürliches Moment einfügt. Ich denke hier, wie man leicht errät, speziell an das geschlechtlich Sinnliche. Und ich meine mit dem sinnlich-sittlichen Interesse die geschlechtliche Liebe.

Umgekehrt kann aber auch  nur  dieses sinnlich-sittliche Verhältnis, und nicht etwa irgendeine äußerliche Legalisierung diese Aufhebung des Schamgefühls rechtfertigen. Ein Schamgefühl, das aufgehoben werden könnte lediglich durch die von außen an eine Person herantretene Erklärung, daß es nicht mehr stattzufinden  braucht,  hätte in Wahrheit nie bestanden. Schon aus diesem Grund ist die Ehe ohne Liebe, vor allem für den Teil, von dem man vor allem Schamhaftigkeit fordert, eine Schändung der Persönlichkeit.

Schließlich sei hir noch eines erwähnt. Wie jedes beliebige sichtbare Objekt, so kann auch der Körper des Menschen, und vor allem der unbekleidete, Gegenstand verschiedener Betrachtungsweisen sein. Unter diesen Betrachtungsweisen ist eine vor allen anderen ausgezeichnet: die ästhetische.

Stellen wir einmal, um uns das Eigenartige dieser Betrachtungsweise zu vergegenwärtigen, dem menschlichen Körper die Landschaft gegenüber. Ein Stück Erde kann zunächst vom landwirtschaftlichen Standpunkt, oder vom Standpunkt des Bauern aus betrachtet werden. Dann lautet die Frage: Wozu das Stück Erde dienen, was man damit machen könne, was es für den Betrachter, wenn er im Besitz desselben wäre, bedeuten würde. Der Betrachter, der sich auf diesen Standpunkt stellt, setzt das Stück Erde zu sich selbst oder zu den Menschen überhaupt, ihren Bedürfnissen, ihren Trieben, in diesem Fall speziell zum Nahrungstrieb, in eine gedankliche Beziehung.

Diese gedankliche Beziehung nun schwindet völlig bei der reinen ästhetischen Betrachtung. Für diese handelt es sich einzig um das in den Formen und Farben der Landschaft unmittelbar enthaltene  Naturleben,  um die in diesen Formen und Farben unmittelbar sich aussprechende Kraft, Gesundheit, die darin verkörperte Naturstimmung usw.

So eine ästhetische Betrachtung ist möglich schon gegenüber der  wirklichen  Landschaft. Ist gar die Landschaft gemalt, so werden wir dazu durch die Mittel der künstlerischen Darstellung ausdrücklich  genötigt.  Gewiß kann man auch die gemalte Landschaft vom Standpunkt des Bauern aus betrachten. Wem dies aber natürlich wäre, wem es nicht vielmehr vollkommen natürlich und selbstverständlich wäre, hier nur an das in der Landschaft waltende Naturleben zu denken und die gedankliche Beziehung zum menschlichen Nahrungsbedürfnis vollkommen auszuschalten, der zeigte eine völlige ästhetische Roheit. Er verriete, daß er von den landwirtschaftlichen Interessen vollkommen beherrscht wäre. Er zeigte sich auch dem Gemälde gegenüber als Bauer und nur als Bauer.

Völlig Analoges gilt nun auch hinsichtlich der Formen des menschlichen Körpers. Auch hier gibt es zunächst eine außerästhetische Betrachtungsweise. Es ist die des sinnlichen Menschen. Und sinnliche Menschen sind wir alle, und haben ein Recht es zu sein. Auch diese Betrachtungsweise fragt, wozu die Formen dienen; auch bei ihr werden Formen zu uns und unseren Trieben in eine gedankliche Beziehung gesetzt.

Von dieser Betrachtungsweise ist aber auch hier völlig unterschieden die  ästhetische.  Für die ästhetische Betrachtung existiert, auch wenn ihr Gegenstand der menschliche  Körper  ist, die gedankliche Beziehung auf uns und unsere Triebe  nicht  mehr. Sondern die Frage lautet einzig: Was in den Formen des Körpers als solchen, abgesehen von jeder solchen gedanklichen Beziehung, liegt. Das Interesse des ästhetischen Betrachters ist einzig gerichtet auf das allgemeine körperliche Leben und Lebensgefühl, das sich in diesen Formen ausspricht, auf die Kraft und Weichheit, die Gesundheit und Geschmeidigkeit, das Knospende, Schwellende, Blühende, was diesem Leben anhaften mag. Wiederum kann schon der lebende Körper Gegenstand dieser ästhetischen Betrachtung oder dieser Betrachtung unter dem Gesichtspunkt des ästhetischen Wertes sein. Wiederum aber liegt es in der Natur des Kunstwerks uns zu einer solchen Betrachtung ausdrücklich zu  nötigen. 

Dabei ist freilich eine Voraussetzung gemacht. Auch die reine ästhetische Betrachtung einer Landschaft kann den Gedanken an das wachrufen, wozu der Boden und das, was auf ihm wächst, dem Menschen  dient.  Ein landschaftliches Gemälde zeigt uns etwa nicht reine, sich selbst überlassene Natur, sondern es ist in ihr die Beziehung zum Menschen und seinen Bedürfnissen irgendwie mit  dargestellt.  Dann ist diese Beziehung zum Menschen notwendig auch Inhalt der ästhetischen Betrachtung.

Aber davon redete ich oben nicht. Und so rede ich auch hier nicht von der künstlerischen Darstellung des menschlichen Körpers, bei welcher die Darstellung selbst eine Beziehung auf den sinnlichen Trieb enthalten, also eine solche Beziehung irgendwie mit  dargestellt  ist. Das heißt, ich denke nicht an die kokette, lüsterne, laszive Darstellung, sondern an die keusche. Gegenüber dieser nun gilt der Satz, daß dem Reinen alles rein ist, so gewiß der Unreine alles unrein zu machen vermag. Wer eine solche Darstellung des unbekleideten menschlichen Körpers als unsittlich brandmarkt, wer gegen keusche "Nuditäten" eifert, zeigt, daß er ästhetisch völlig roh ist. Er kennt nicht die reine ästhetische Betrachtung; er kennt nur jene andere, außerästhetische. Die gedankliche Beziehung auf den sinnlichen Trieb hat in ihm so sehr die Übermacht, daß sie auch durch die künstlerische Darstellung, in deren Natur es liegt, sie aufzuheben, nicht ausgeschaltet werden kann. Nennen wir einen solchen Menschen "prüde", so leuchtet ein, welches Zeugnis der Prüde sich selbst ausstellt. Wäre er klug, so würde er zumindest seine angebliche sittliche Entrüstung nicht laut werden lassen.

Vielleicht aber sagt ein solcher Prüder, er selbst freilich sei der reinen ästhetischen Betrachtung fähig; ihm bleibe angesichts des Kunstwerkes der Gedanke an das, was jenseits der ästhetischen Betrachtung liegt, fern. Aber er müsse fürchten, daß anderen sich solche Gedanken aufdrängen.

Dann ist zunächst zu bemerken, daß derjenige, dem die reine ästhetische Betrachtung natürlich und eine selbstverständliche Sache ist, sie auch bei anderen vorauszusetzen geneigt sein wird, daß jedenfalls in ihm, solange er diese Betrachtung tatsächlich  übt,  auch der Gedanke, daß andere jener anderen Betrachtungsweise verfallen könnten, keinen Raum haben kann.

Im übrigen ist zu bedenken, daß es kein besseres Mittel gibt, zur reinen ästhetischen Betrachtung des Kunstwerks zu  erziehen als eben das Kunstwerk und seine reine ästhetische Betrachtung. Man lasse also reine Kunstwerke rein wirken, man gebe jedermann Gelegenheit, diese Wirkung an sich zu erfahren, und immer wieder zu erfahren. Es ist ja doch gewiß um diese reine ästhetische Betrachtung, und die dadurch geweckte ästhetische Sympathie, um die sympathische Steigerung, Erhöhung, Bereicherung, Ausweitung des eigenen Lebensgefühls, eine schöne und herrliche Sache. es ist also die Erziehung zu so einer ästhetischen Betrachtung eine Sahe, die wohl die Mühe lohnt.

Andererseits gibt es freilich auch Mittel, diese reine ästhetische Betrachtung oder das Vermögen dazu zu  zerstören Man braucht anur die Kunst irgendwie zur Erregung außerästhetischer Gedanken, Gefühle, Leidenschaften, etwa politischer oder "religiöser", richtiger gesagt,  kirchlicher  Natur, zu  mißbrauchen.  damit  gewöhnt  man an eine solche außerästhetische Betrachtung. Kein Wunder, wenn dann auch künstlerischen "Nuditäten" gegenüber eine solche außerästhetische Betrachtung Platz greift. Sie kann und  muß  am Ende Platz greifen, nicht weil die menschliche Natur verdorben ist, sondern weil man sie durch einen solchen Mißbrauch künstlerischer Darstellungen künstlich verdorben hat.

Schließlich ist ein gar vortreffliches Mittel zur Zerstörung der reinen ästhetischen Betrachtung eben jenes "prüde"  Eifern. 



Ich habe hiermit schon den Übergang gemacht vom sinnlichen auf das ästhetische Gebiet. Der Sinn, von dem ich ausging, war der Geschmackssinn. Ihm stellen wir geläufigerweise Auge und Ohr als  höhere  Sinne entgegen; nicht nur wegen der größeren Feinheit der Empfindung und der besonderen Bedeutung für die Orientierung in der Welt, sondern auch in dem Sinne, daß wir die  Genüsse  des Auges und Ohres als höhere ansehen.

Dies könnte zunächst verwundern. Warum ist der Genuß des Auges und Ohres höher als der des Geschmacks, da jene Sinne doch, ebenso wie dieser,  äußere Sinne  sind? Die Antwort lautet, daß eben der Genuß des Auges und Ohres jederzeit  mehr  ist als bloß dieser sinnliche Genuß. In das Gesehene und Gehörte verlegen wir jederzeit etwas von unserer Persönlichkeit. Wir beleben oder beseelen es und machen es so zum Gegenstand der ästhetischen Sympathie, also eines über das Sinnliche hinausgehenden  ästhetischen  Genusses.

Weil es so ist, so wendet sich auch alle  Kunst  unmittelbar an das  Auge  oder an das  Ohr.  Daß ein Kunstwerk doch niemals bloß das Auge und das Ohr befriedigt, sondern sein eigentlicher Inhalt jederzeit etwas Persönliches ist, Leben von unserem Leben, das ist es, was den Genuß des Kunstwerks, wie des Schönen überhaupt, über jeden bloß sinnlichen Genuß hinaushebt, und ihn grundsätzlich davon unterscheidet. Nicht mehr bloß ein  Punkt  oder  Bezirk  an der  Oberfläche  unserer Persönlichkeit, sondern in größerem oder geringerem Umfang, zugleich in größerer oder geringerer Tiefe, unsere  ganze  Persönlichkeit lebt sich darin aus. Wir werden nicht mehr bloß gereizt an einem Punkt, sondern erfaßt in unserem Wesen. Daß wir uns "in einem anderen erleben", das ist ja eben, wie ich ehemals sagte, das Wesen aller, also auch der ästhetischen Sympathie.

Zugleich werden wir durch das Schöne und die Kunst über uns selbst  hinausgehoben.  Was ich oben vom Erhabenen meinte, gilt in gewissem Grad von jedem Schönen, und jedem Werk der Kunst. Nicht unser empirisches Ich, oder uns selbst, so wir wir  tatsächlich sind,  sondern ein ideelles Ich legen wir in das Schöne und das Kunstwerk hinein, ein ideelles und damit zugleich ein idealeres, d. h. ein reineres, zugleich irgendwie weiteres, höheres Ich. Alles Schöne macht uns, in dem Augenblick, in dem wir es genießen, besser, zu volleren Menschen, also sittlicher. - Damit erst vollendet sich der Sinn der "ästhetischen Sympathie".

Eine solche ästhetische Sympathie in uns zu wecken und zu schaffen, darin besteht der Sinn jedes Kunstwerkes, sofern es nämlich diesen Namen verdient. Jedes Kunstwerk ist insoweit Kunstwerk, als es dieser Aufgabe genügt; jeder Künstler insoweit Künstler, als er in solcher Weise durch seine Kunst Menschen reicher, menschlicher, also - wenn auch zunächst nur im Moment der  ästhetischen Betrachtung, - sittlicher zu machen weiß. Alle  Kunstmittel  zielen darauf ab, diese Wirkung völlig  rein  und möglich  intensiv  zu gestalten; den innerlich miterlebbaren menschlichen oder Menschheitsgehalt des Kunstwerkes uns möglichst rein und vollkommen miterleben zu lassen. Alle künstlerische "Form" hat diese Bedeutung.

Demnach steht ein Kunstwerk umso höher, je tiefer und reicher der Inhalt oder Menschheitsgehalt ist, den es uns zum Miterleben darbietet, und je mehr die Form oder das System der Kunstmittel diesen Inhalt uns zu einer reinen, sicheren, tiefen Wirkung zu bringen vermag. Im Grunde braucht aber dieser zweite Faktor, die "Form", gar nicht besonders erwähnt zu werden. Der Inhalt  ohne  Form, d. h. ohne die Mittel, die ihn erst für uns zum Inhalt des Kunstwerks  machen,  mag für den Gedanken, oder für unsere Reflexion da sein; für die reine ästhetische Betrachtung existiert er nicht. Er kann also auch nicht Inhalt des  Kunstwerks  heißen. Und  jeder  "Inhalt" eines Kunstwerkes ist ein solcher immer nur  genau soweit,  als er in die Form gefaßt, in ihr und durch sie unmittelbar, rein, sicher erfaßbar, wirkungskräftig, uns entgegengebracht und aufgenötigt wird. Umgekehrt ist die leere also inhaltslose  Form  keine künstlerische  Form,  und damit ebensowenig zum Kunstwerk als solchem gehörig. Kurz: Inhalt und Form eines Kunstwerkes sind jederzeit zwei untrennbare Seiten ein und derselben Sache.



Hiermit ist nun aber zugleich gesagt, daß ein Kunstwerk oder eine Gattung von Kunstwerken nicht alles zu geben vermag. Alle Künste sind mehr oder weniger einseitig. Der Unterschied der Künste ist bedingt durch den Unterschied der ihnen zustehenden Kunstmittel oder der Form. Jede neue Form aber bedingt nach dem soeben Gesagten zugleich einen anderen Inhalt des Kunstwerkes. Sie ist eben als andere  Form,  notwendig zugleich Form eines anderen  Inhaltes. 

Die  Musik  scheint in unseren Tagen vor anderen Künsten bevorzugt. Einige scheinen in ihr gar  die  Kunst zu sehen. Dies ist ein sachlicher Irrtum. Musik vermag in uns alles, was wir innerlich erleben können, zum Anklingen zu bringen. Aber sie tut dies in allgemeiner, darum unbestimmter Weise. Darin liegt ihre Stärke, aber auch ihre Schwäche. Musik löst die Seele vom Konkreten und Einzelnen, und taucht sie in allgemeine  Stimmungen,  kraftvolle und weiche, lichte und düstere, heitere und sehnsuchtsvolle, stille und leidenschaftliche. Weltvergessend, die Augen geschlossen, passiv hingegeben, hinträumend, können wir sie genießen.

Darin liegt eine Einseitigkeit, die zugleich eine Gefahr in sich schließt. Der Mensch ist nicht bestimmt, immer nur hinzudämmern und sich in Stimmungen zu lösen. Er soll sich auch zusammenfassen, auf das Konkrete und charakteristisch Einzelne achten, auf klar Abgeschlossenes seinen Blick und Willen richten, begrenzte Ziele scharf erfassen; er soll auch  wissen,  was er denkt und will. Ausschließliche Herrschaft der Musik kann die Fähigkeit dazu beeinträchtigen; sie kann den Menschen hypnotisieren, mark- und knochenlos machen, zerfließende und zerflossene Menschen schaffen. - Natürlich bestehen hier wiederum Unterschiede, je nach der Art der Musik.

Um einer solchen Einseitigkeit willen bedarf die Musik der Ergänzung. Sie kann dieselbe in der Malerei und in der Plastik mit ihren scharf umrissenen Gestalten, bestimmten Handlungen, konkreteren Affekten finden, oder in der Baukunst und dem Kunstgewerbe mit ihrem klaren Wechselspiel von Kräften, die bestimmte Ziele verwirklichen. Natürlich denke ich hier nicht an die breiweich zerflossene Architektur, an den Teigstil, wie er uns jetzt da und dort geboten wird.

Eine besondere Hervorhebung verdient das Kunstgewerbe, die Kunst im alltäglichen Leben.  Hier  den Sinn für das Schöne - das sich zugleich immer als das stofflich und zweckhaft Sinnvolle darstellen wird - zu wecken, auch das Einfachste erfreulich zu gestalten, des Menschen Auge überall auf Gefälliges treffen zu lassen, darin liegt eines besonders wichtige Aufgabe. Wer für die "hohe" Kunst schwärmt, und es ertragen kann, daß ihn im täglichen Leben künstlerisch Rohes umgibt, an dessen Kunstbedürfnis und ästhetischen Sinn darf man billig einigen Zweifel hegen. Er betrügt vielleicht sich selbst oder möchte andere betrügen.

Schließlich aber sollte man hinter keine Kunst diejenige zurücktreten lassen, die doch nun einmal die Königin der Künste ist, weil ihre Machtmittel am weitesten reichen. Die  Poesie  ist in ihren verschiedenen Gattungen am meisten fähig, jede Art der Wirkung zu vollbringen. Vor allem, wenn man die Bühnenkunst hinzunimmt. Hat die Musik uns in Stimmungen aufgelöst, das Drama mit seinen Charakteren, seinen auf bestimmte Objekte gerichteten Affekten und Leidenschaften, seinen Schicksalen und Taten, dem menschlichen Elend und der menschlichen Größe, den sittlichen Konflikten, vermag uns wiederum zusammenzuraffen, auf den Sinn und die Aufgaben des Lebens unseren Blick zu richten. Freilich müssen wir dabei das Auge offen halten. Dafür wird es uns aber auch offen gehalten. Wir werden aufgerüttelt. Und aufgerüttelt zu werden, das tut uns so not.



Aber auch die Kunst im  Ganzen  ist einseitig und birgt eine Gefahr in sich. Die Welt des Kunstwerkes, mag sie noch so sehr die Welt der Wirklichkeit und unser eigenes Inneres spiegeln, ist doch ansich eine bloße Welt unserer Phantasie.

In diesem Punkt steht die  Wissenschaft oder allgemeiner gesagt, die Erkenntnis, zur Kunst in einem unmittelbaren Gegensatz. Sie ergänzt dieselbe eben damit in gewisser Weise. Die Erkenntnis hat es mit dem  Wirklichen  zu tun. Ihr Endziel ist die geistige Beherrschung desselben. Wer wirklich erkennt, sagt nicht nur: So ist es, sondern: So  muß  es sein. Auch diese geistige Herrschaft ist ein hohes Gut.

Andererseits steht der Genuß der Erkenntnis hinsichtlich seiner Bedeutung für die gesamte Persönlichkeit doch auch wiederum hinter dem Genuß der Kunst zurück. Das Kunstwerk zieht die ganze Persönlichkeit in Mitleidenschaft, es kann das innerste Wesen derselben zur Anteilnahme rufen. Dagegen ist es der Erkenntnis eigen, daß sie die Frage, wie das, was wirklich ist, uns innerlich anmutet, ob es uns erfreut, oder unserem ganzen Wesen widerstrebt, völlig aus dem Spiel läßt. Ob uns eine erkannte Tatsache gefällt oder mißfällt, ob sie unseren Wünschen und schließlich unseren heiligsten Interessen gemäß ist oder widerspricht, ist für die Erkenntnis gleichgültig. Sie hat dieselbe nur einfach anzuerkennen. Die Persönlichkeit, mit ihrer  Anteilnahme  an der  Beschaffenheit  der Gegenstände der Erkenntnis, findet in der Erkenntnis keine Stelle.

Ich sprach vorhin zunächst vom  Genuß  des Kunstwerkes, und spreche ebenso hier zunächst von dem  Genuß,  den der Besitz an Erkenntnis gewährt. Beide nun sind nicht nur ein  Gut,  sondern sie weisen auch auf ein  Gutes,  auf einen Persönlichkeitswert. Ich meine damit die  Fähigkeit  des Genießens, die Regsamkeit des Geistes, die Intensität der inneren Hinkehr, die Kraft und Begier des Erfassens und Festhaltens, die Lebhaftigkeit des Durchdringens und des Verständnisses, kurz, die Energie der geistigen Tätigkeit, die jedes rechte Genießen in sich schließt. Jede Fähigkeit des Genießens überhaupt ist wertvoll. Zugleich aber ist jede solche Fähigkeit wertvoll in dem Maß, in dem der Gegenstand des Genusses für die ganze Persönlichkeit Bedeutung hat.

Und höher noch als die genießende steht die  schaffende  Kraft, die künstlerische oder wissenschaftliche  Produktion.  Und wohl berechtigt ist die Freude oder der Stolz, den der schaffende Künstler oder der Mann der Wissenschaft an seinem eigenen  Tun  verspürt. - Dabei setze ich voraus, daß der Künstler ein echter Künstler ist, d. h. aus dem Drang seines Inneren heraus gestaltet, und daß der Mann der Wissenschaft ehrlich dem Drang der Wahrheitserkenntnis gehorcht.



Aber auch der echteste Künstler und der wahrheitsliebendste Forscher ist doch nur ein Stück von einem Menschen, solange er nicht noch etwas mehr ist als Künstler oder Forscher. Jener, der Künstler, baut, wie ich schon sagte, nur eine Welt der Phantasie auf. Diese Welt nun mag noch so sehr menschlich, also sittlich bedeutsam sein, das Ziel des sittlichen Wollens ist damit nicht erreicht. Dieses Ziel besteht nun einmal nicht darin, daß das Gute als Inhalt der Phantasie, sondern darin, daß es in der  Welt  verwirklicht wird.

Demgemäß kann auch ein Mensch  in sich selbst  nicht das sittlich Höchste erreicht zu haben meinen, wenn er sich begnügt, das, was menschlich bedeutsam ist, oder Menschen innerlich bewegt, in seiner  Phantasie  zu erleben und zu gestalten. Sondern höher ist das Erleben und Miterleben des Menschlichen, die Anteilnahme an Freud und Leid, am Liebens- und Hassenswerten in der  wirklichen Welt,  und der entsprechende Wille zur  Tat.  Eine  höhere Kraft  des Miterlebens, demgemäß auch, als Voraussetzung desselben, eine höhere Stärke des eigenen Erlebens ist hierzu erforderlich, und erweist sich hierin. Das Wirkliche pflegt sich nun einmal nicht im künstlerischen Gewand darzustellen; der Wirklichkeit fehlen die Mittel, die dem Künstler zu Gebote stehen, den Inhalt des Kunstwerkes unmittelbar anschaulich und faßbar zu machen und dem Gemüt unmittelbar nahe zu bringen und aufzudrängen. Das Wirkliche und das sittlich Wichtigste in der Wirklichkeit ist vielleicht ästhetisch oder künstlerisch die uninteressanteste Tatsache; und trotzdem ist es eine Tatsache, die sittliche Forderungen stellt. Und vor allem kommt hier noch dies in Betracht: Dem Miterleben dessen, was die Wirklichkeit aufzeigt, und dem entsprechenden Handeln stehen überall die  egoistischen Interessen  hemmend im Weg, die für die ästhetische Betrachtung ausgeschaltet sind, und in der Welt der künstlerischen Phantasie, und dem, was in sie aufgenommen ist, keinen Angriffspunkt finden.

So ist es kein Wunder, wenn der des künstlerischen Schaffens im höchsten Grad fähige, ebenso wie der nur Genießende, doch vielleicht den sittlichen Interessen der Wirklichkeit teilnahmslos gegenübersteht, oder wenn zumindest seinem Miterleben die Kraft fehlt, die erforderlich wäre, wenn es zur  Tat  werden sollte. Es ist eben kein Zweifel: So gewiß es etwas eigenartig Hohes ist um das künstlerische Vermögen, so gewiß gehört doch auch wiederum sehr viel mehr, nämlich sehr viel größere sittliche Kraft zum Kampf um die sittlichen Güter in der Welt. Sich von diesem Kampf zurückziehen, in eine lediglich  ästhetische Weltbetrachtung  sich einlullen, ist Beschränktheit, Schwäche oder Blindheit. Ertönt in dieser Zeit der Ruf nach einer solchen ästhetischen "Weltanschauung"  statt  der sittlichen, so ist dies jedesmal ein tiefes Krankheitssymptom der Zeit, das Zeichen einer tiefgehenden Erschlaffung, innerlichen Auflösung, von "Dekadenz".

Und daß ein seinseitiges Leben in der Kunst und eine übermäßige Schätzung derselben  dazu führen,  daß es von den sittlichen Aufgaben in der harten Wirklichen ablenken und über ihren Ernst hinwegtäuschen kann, das ist die Gefahr, welche die Kunst in sich schließt.

Wir leben aber wiederum in einer Zeit, in der diese Gefahr für manche besteht. Wir sind im Begriff, die Kunst zu überschätzen, damit Kultus zu treiben, vom Übermaß des Kunstgenusses entnervt zu werden. Ganz abgesehen davon, daß auch das,  was  wir genießen, gar oft allzusehr geeignet ist zu verweichlichen und sittlich zu entnerven.

Und: Wieviel Kraft wird nicht aufgewendet für minderwertige künstlerische Leistungen, die Wertvolleres, und für den, der sie aufwendet, Befriedigenderes in der Welt schaffen könnte. Wieviel Menschenkraft wird im Übermaß der Kunstübung unserer Tage vergeudet.

Und wie in Bezug auf die Kunst, so besteht auch in Bezug auf die Wissenschaft und wissenschaftliche Bildung eine Gefahr der Überschätzung. Auch wer wissenschaftlich  produktiv  tätig ist, betätigt doch nur diese eine Seite seines Wesens, die wir als unseren Verstand bezeichnen. Und bleibt jemand darin eingeschlossen, so besteht die Gefahr, daß die übrige Persönlichkeit verkümmert oder ertötet wird. Er wird nicht der Wirklichkeit entrückt, aber er verliert vielleicht den Sinn für ihre praktischen Aufgaben und die höchsten sittlichen Lebenszwecke.

Eine  Verirrung, die in der Wissenschaft,  ebenso  wie in der Kunst, gelegentlich Platz zu greifen scheint, muß noch besonders hervorgehoben werden. Man preist wohl die Wissenschaft, die um der Wissenschaft, wie die Kunst, die um der Kunst willen geübt wird. Aber "die Wissenschaft", "die Kunst", das sind leere Abstrakta. Wissenschaft und Kunst gibt es nirgends außer in Menschen und für Menschen. Sie sind wirklich nur als menschliches Erkennen und menschliche Kunstübung oder menschlicher Kunstgenuß.

Demnach scheint jener Lobpreis nur  diesen  Sinn haben zu können: Man will Wissenschaft und Kunst nicht um ihrer selbst, sondern um derer willen, die sie  treiben.  Es soll genügen, daß ich, der Künstler oder Mann der Wissenschaft, darin mich betätige; es soll genug sein am Gewinn und der Befriedigung, die ich davon habe.

In der Tat muß jener Lobpreis diesen Sinn haben, einfach darum, weil er sonst gar keinen Sinn hätte. Hat er aber diesen Sinn, dann ist er ein Ausdruck jener "Vornehmheit", die nichts ist als ein anderer Name für Hochmut und egoistische Beschränktheit. Gewiß läßt sich echter wissenschaftlicher wie echter künstlerischer Sinn nicht durch die Rücksicht auf Macht, Gunst, Erfolg in seinem Tun bestimmen. Die ganze Ehre der  Wissenschaft  liegt vor allem darin, rücksichtslos nur den Forderungen der Wahrheit nachzugehen. Und gewiß muß der Mann der Wissenschaft und der Kunst zunächst sich selbst genügen. Aber dabei zu bleiben und sich damit zufrieden zu geben, ist weder wissenschaftlich, noch künstlerisch.

Angenommen, jemand ist als Künstler vom Wert des künstlerischen Genusses, als Mann der Wissenschaft vom Wert der Erkenntnis völlig durchdrungen, und zugleich kein blinder Egoist, so muß er vielmehr wünschen, daß dieses Wertvolle nach  Möglichkeit wirklich  wird, d. h. er muß wünschen, daß möglichst viele daran teil haben.

Und den gleichen Wunsch müssen diejenigen haben, die, ohne Künstler oder Männer der Wissenschaft zu sein, Kunst und Wissenschaft möglichst Allgemeingut werden. Kunst und Wissenschaft dürfen nicht einzelnen Bevorrechteten, d. h. genauer gesagt, den Reicheren, vorbehalten bleiben. Je zutreffender dasjenige ist, was man über den hohen Wert der Kunst und Wissenschaft sagt, umso gewisser müssen alle daran teilnehmen können, jeder in dem Maß, als er dazu fähig und willens ist. Es muß die Kunst auch dem "Volk" zugänglich gemacht und es muß eine  volkstümliche  Kunst  geschaffen  werden. Und es muß wissenschaftliche Belehrung in volkstümlicher Form dargeboten werden. Je schwieriger die letztere Aufgabe ist, umso mehr ist sie der echten Wissenschaft würdig.

Und noch eines anderen Hochmutes macht sich speziell die  Wissenschaft  schuldig . Es ist der Hochmut der  "reinen"  Wissenschaft, d. h. der Wissenschaft, die es verschmäht, sich um die praktische  Anwendbarkeit  zu bekümmern. - Das ist jene sonderbare "Vornehmheit", die sich umso vornehmer dünkt, je weniger sie für die Menschheit leistet.



Wollen Kunst und Wissenschaft nach Möglichkeit um der Menschheit willen da sein, dann treten sie ein in den Umkreis der mannigfach gearteten menschlichen Tätigkeiten, die das Gleiche wollen. Gewisse solche Tätigkeiten bezeichnet man als niedrigere. Aber die niedrigste Tätigkeit, die einfachste Arbeit der Hände, hat sittlichen Wert, schon dann, wenn sich in ihr irgendwie das Wollen und die Kraft eines Menschen zusammenfaßt. Es ist etwas sittlich Schönes um jede volle  Arbeitsfreudigkeit.  Sie hat höheren Wert, wenn sie ein bewußter Kampf ist um die eigene Existenz und weiterhin um die Existenz anderer, zunächst derer, die dem Arbeitenden am nächsten stehen. Sie nimmt schließlich am höchsten sittlichen Wert teil, wenn sie verbunden ist mit dem Bewußtsein des sittlichen Endzieles aller Arbeit, der Schaffung von Persönlichkeitswerten in mir und anderen. Nicht was man tut, sondern die Kraft, Weite und sittliche Höhe des Wollens bestimmt den Adel, bzw. die Niedrigkeit der Arbeit.

Damit ist aber nicht ausgeschlossen, sondern eingeschlossen, daß eine Arbeit, ansich betrachtet, umso höher steht, je mehr es in ihrer Natur liegt,  unmittelbar  auf jenes Endziel aller Arbeit gerichtet zu sein. Alle menschliche Bemühung, die unmittelbar auf die Schaffung von Persönlichkeitswerten, also von eigentlich sittlichen Werten abzielt, können wir zusammenfassen in dem Namen  Erziehung Kein höherer Beruf ist darum denkbar, als der des Erziehers. Ich denke dabei an den Beruf der Mütter, der Erzieher der weniger reifen und der reiferen Jugend, im übrigen an alle, die irgendwie berufsmäßig unmittelbar auf die sittliche Persönlichkeit einwirken. Ich rechne unter diese Erzieher auch die Regierenden, sofern sie nicht Herrscher, sondern eben Regierende sein wollen, nämlich Regierende in dem Sinne, daß sie - nicht einen sozialen Mechanismus in Gang halten, weil er nun einmal besteht, sondern dazu beitragen, den sozialen  Organismus  zu schaffen, d. h. den Organismus, in dem menschliche Persönlichkeiten, jede an ihrer Stelle, frei und ihrer selbst und des sittlichen Endzwecks des Menschendaseins bewußt, zu diesem Endzweck zusammenwirken.

Das Erste bei aller Erziehung freilich ist die Selbsterziehung, die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit.

Man spricht jetzt wiederum viel von sozialer Stellung. Räumen wir überall denjenigen die höchste soziale Stellung ein, denen sie von Rechts wegen gebührt? Die Antwort muß lauten, daß vielfach genau das Umgekehrte der Fall ist. Wir sehen die höchste soziale Stellungvon solchen beansprucht und solchen gewährt, die Parasiten sind am Körper des Volkes, die keine Pflichten übernehmen, sondern nur genießen wollen, von denen darum ein schon einmal zitiertes Wort gilt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen. Und wir sehen den eigentlichen Adel der Menschheit, diejenigen, die sich sittlich tüchtig für das sittliche Wohl anderer opfern, gering geachtet.



Kunst und Wissenschaft, von denen ich vorhin sprach, sind Blüten am Baum des Lebens. Aber der Baum des Lebens ist nicht dazu da, nur Blüten, sondern Früchte zu bringen. Diesem Satz können wir einen anderen an die Seite setzen: Kunst und Wissenschaft gehören mit zur  Krönung  des Gebäudes der sittlichen Zwecke. Aber jedes Gebäude bedarf zunächst eines Fundaments. Menschen können nicht irgendwie leben, also auch nicht als Persönlichkeiten von irgendeiner geistigen und sittlichen Höhe leben, wenn sie nicht zunächst überhaupt  leben.  Allgemeiner ausgedrückt: Es gibt Zwecke, die sich zu anderen verhalten, wie die Voraussetzung zur möglichen Folge; d. h. so, daß der eine Zweck verwirklicht sein muß, falls der andere verwirklicht werden können soll. - Es leuchtet ein, daß in einem solchen Fall jener erstere Zweck diesem letzteren vorgehen muß. Damit ist eine neue Weise bezeichnet, wie innerhalb des sittlich geforderten Systems oder Organismus der Zwecke ein Zweck dem anderen  vorgehen  kann.

Menschen müssen zunächst  leben.  Und wieviele gibt es noch, die sich ehrlich und doch nicht immer mit Erfolg um das nackte Leben mühen. Das nackte Leben genügt aber nicht. Menschen sollen auch als  Menschen  leben. Und dazu ist allerlei erforderlich; z. B. daß sich Menschen auf eigene Füße stellen können, daß sie einen Besitz erwerben, in dem sie Herren sind; daß sich nicht in der Arbeit der Hände ihre ganze Kraft und Zeit verzehrt, sondern jedem ein wohlgemessener Teil von Kraft und Zeit bleibt, sich auf sich selbst zu besinnen, im Kreis der Seinen zu leben, sich zu belehren und zu erfreuen, Anteil zu nehmen an öffentlichen Interessen, ein freies Wort mitzureden in Angelegenheiten der Gemeinde und des Staates, kurz als Menschen, also als sittlicher Selbstzweck, und als Glieder der Menschheit und sich nicht als Arbeitssklaven zu betätigen und zu fühlen.

Wieviel bleibt hier der Gesellschaft, und vor allem denjenigen, die durch ihre Lebensstellung unmittelbar darauf hingewiesen sind, also den Arbeitgebern und den Regierenden, zu tun übrig. Wieviel wird hier tatsächlich verabsäumt?

Und wieviel könnten auch beliebige andere, nicht so unmittelbar daran Beteiligte, denen aber der Kampf um die Existenz erspart oder leichter ist, an einer solchen sozialen Arbeit leisten. Wie manche aufrichtende und befreiende Tat könnte hier geschehen. So mancher Beruf könnte sich hier für solche eröffnen, von denen man jetzt vergeblich fragt, was eigentlich der Zweck ihres Daseins ist.

Man hat die "soziale Frage" eine Magenfrage genannt. Angenommen, sie wäre bei denjenigen, die sie in ihrem eigenen Interesse stellen, nichts anderes als das. Dann hätten doch die anderen die Pflicht, sie als  sittliche  Frage zu  fassen.  Andererseits müßten sie bedenken, daß die soziale Frage soweit sie  wirklich  eine Magenfrage und als solche  berechtigt  ist, doch auch  in sich selbst  eine sittliche Frage ist, nämlich eine Frage unseres sittlichen Wollens, unserer Pflicht und der Pflicht der Gesellschaft.

Die höchste sittliche Pflichterfüllung ist allemal  freudige  Pflichterfüllung. Sie ist darum doch  Pflichterfüllung, d. h. notwendig getragen vom Bewußtsein ernster  Pflicht.  Dies gilt auch von der sozialen Pflichterfüllung. Nicht mit dem Bewußtsein einer besonderen "Hochherzigkeit" sollen wir also und sollen vor allem diejenigen, die vermöge ihrer eigenen sozialen Stellung dazu speziell berufen sind, zur Hebung der sozialen Lage der Gedrückten und Unterdrückten beizutragen sich bemühen, sondern mit dem Bewußtsein ihrer Pflicht und des Rechts der Unterdrückten, als Menschen zu leben und sich zu betätigen. Es ist eine sittliche Verirrung, von Wohltaten zu reden, wo es sich einfach darum handelt, daß man das Rechte tut.

Durchaus unsittlich vollends ist diejenige Art der "Wohltätigkeit", die darin besteht, daß man "zum Besten" der Armen tanzt, jubiliert, sich irgenwie "amüsiert". Eine solche Art, sozialen Pflichten zu genügen, zeigt im besten Fall, wie weit es mit der Gedankenlosigkeit und moralischen Oberflächlichkeit der Reichen und "Vornehmen" gekommen ist. Sie zeigt im schlimmsten Fall - pöbelhafte Gefühlsroheit. Sie ist ein Hohn auf die Unglücklichen, die mit einer solchen "Wohltätigkeit" beglückt werden sollen.



Mit dem Fundament, sagte ich, müssen man die sittlichen Aufgaben beginnen. Das Fundament zu bauen ist die nächstliegende Aufgabe. Aber noch in einem anderen Sinn gibt es nächstliegende Aufgaben. Es gibt einen vierten Gegensatz sittlicher Zwecke. Ich meine den Gegensatz der Zwecke, die uns die nächsten sind, weil sie sich auf "den Nächsten"  beziehen,  und den Zwecken, die uns, im gleichen Sinn,  ferner  liegen. Mit Bezug hierauf gilt die einleuchtende Regel, daß uns der nächste - der Nächste sein soll. Jedes menschliche Interesse und jede Pflichterfüllung beginnt naturgemäß in der nächsten Umgebung.

Wenn ich die Wahl habe, gegen solche, die mir persönlich näher stehen, oder gegen solche, die mir ferner gerückt sind, eine wohlwollende Gesinnung - nicht zu hegen, sondern  zu betätigen,  so hat der mir Näherstehende selbstverständlich den Vorzug. Nicht, weil die Betätigung der wohlwollenden Gesinnung gegen den Näherstehenden sittlich höher steht, sondern weil die  Nichtbetätigung  derselben einen besonderen  Mangel  an wohlwollender Gesinnung verraten würde. Angenommen, jemand schwärmt für Völkerbeglückung, und könntes es untätig mit ansehen, daß der Nächststehende leidet, so würden wir ein Recht haben, jene Schwärmerei für hohl und unwahr anzusehen.

Allerlei "Tugenden", die besondere Namen tragen, kommen hier in Frage. So die "Tugend" der Dankbarkeit. Ich fühle mich zur Dankbarkeit verpflichtet nicht gegenüber demjenigen, der aus Eigennutz, wohl aber gegenüber demjenigen, der aus einer wohlwollenden Gesinnung heraus mir Gutes erweist. Die Dankbarkeit gilt also der  wohlwollenden Gesinnung.  Die wohlwollende Gesinnung tritt aber hier, weil sie sich  mir  gegenüber betätigt, zu mir in engste Beziehung. Und ich müßte für wohlwollende Gesinnung gar kein Gefühl haben, wenn sie nicht zumindest in einem solchen Fall mir in ihrem Wert eindringlich würde. Weil es sich so verhält, ist - zwar nicht die Dankbarkeit eine hohe Tugend, wohl aber der Undank in besonderem Maß Gegenstand des Tadels. Er ist es als  Symptom. 

Je mehr aber die Dankbar sittlich begründet ist, d. h. je mehr sie Anerkennung der  wohlwollenden Gesinnung  ist, umso sicherer kann sie nicht umhin,  mehr  zu sein als bloße Dankbarkeit. Sie wird zur Wertschätzung der wohlwollenden Gesinnung,  wo immer  dieselbe sich findet, mag sie mir oder anderen zugute kommen.

Ebenso ist Freundschaft, d. h. Wertschätzung der Persönlichkeit in demjenigen, der mir in seinem gesamten Wesen innerlich besonders nahe steht oder vermöge äußerer Umstände mir besonders nahe getreten ist, sittlicherweise dazu bestimmt, ihre eigenen Schranken aufzuheben und überzugehen in die Wertschätzung dessen, was mir jene Person wert macht,  wo immer  mir dasselbe entgegentreten mag. Freundschaft ist wertvoll. Aber es ist unmöglich, daß eine echte freundschaftliche  Gesinnung,  d. h. Wertschätzung, die nicht der Befriedigung des Egoismus oder der Eitelkeit, nicht empfangenen Wohltaten, empfangener oder erwarteter Anerkennung und dgl., sondern einzig dem persönlichen Wesen des Freundes gilt, auf den Freund oder den Kreis der Freunde beschränkt bleibt.

Und schließlich gilt dasselbe hinsichtlich der Vaterlandsliebe. Vaterlandsliebe ist edel. Aber sie ist echt nur unter zwei Voraussetzungen. Einmal unter der Voraussetzung, daß ihre Betätigung im engsten Kreis beginnt. Echte Vaterlandsliebe hebt notwendig an mit der Erfüllung der sittlichen Pflichten gegen mich selbst und den Nächsten. Vaterlandsliebe, Begeisterung für die Größe, die Ehre, die Freiheit des Vaterlandes ist eine hohle Schwärmerei, ein sich Berauschen an einem Begriff, einem Wort, einem unklaren Gedanken, oder sie ist etwas Schlimmeres, nämlich Heuchelei, wenn uns nicht zunächst die Größe, die Ehre, die Freiheit unserer selbst und der Menschen in unserer nächsten Umgebung am Herzen liegt.

Und die andere Voraussetzung ist die: Lieben wir wirklich das Liebens- und Achtenswerte an unserem Vaterland - und was nicht liebens- und achtenswert ist,  sollen  wir nicht lieben - so müssen wir es auch sonst lieben in der Welt. Es ist unmöglich, daß diese Liebe aufhört, da wo der Zufall die Pfähle mit den Farben unseres Landes in die Erde gerammt hat. Auch die wahre Vaterlandsliebe muß sich zuletzt aufheben und erweitern zur Liebe zum Menschen.

Vaterlandsliebe schließt auch die Pflicht in sich, das Vaterland zu schützen gegen die Fremden, die ihm Böses wollen; wenn es sein muß, mit blutiger Notwehr in einem menschenmordenden  Krieg Aber diese Pflicht muß eine  harte Pflicht  sein. Es gibt ein freudiges Einsetzen von Leib und Leben für das bedrohte Vaterland; aber es gibt, außer für den Gedankenlosen oder Rohen, keine Freude am Krieg. Und nicht rauschender Jubel kann dem errungenen Sieg folgen, sondern nur das Bewußtsein der vollbrachten  harten Pflicht.  Nicht nur wegen des Schrecklichen, das wir erleiden, sondern auch wegen des Schrecklichen, das wir tun, wegen der Menschenleben, die wir vernichten, der materiellen und sittlichen Güter, die wir zerstören. Ist einem Volk ein Krieg nicht aufgenötigt durch die sittliche Notwendigkeit der materiellen und moralischen Selbsterhaltung, und wird er nicht geführt mit dem Bewußtsein der harten sittlichen Pflicht, so ist er ein Mord und Raub, der sich vom Mord und der Beraubung des Einzelnen nur dadurch unterscheidet, daß es Massenmord und Massenraub durch Massen, ein Verbrechen eines Volkes gegen ein anderes Volk ist. Es gibt nun einmal für die Beziehung zwischen Völkern keine anderen sittlichen Normen als für die Beziehung zwischen Einzelnen. Völker sind viele Einzelne.

Und jeder einzelne Krieger macht sich der Teilnahme an einem solchen Verbrechen schuldig, der nicht in sich selbst vom Bewußtsein jenes sittlichen Zweckes geleitet ist. Auch hier ist es sittliche Verblendung zu meinen, es könne ein anderer die Verantwortung für das, was ich sehenden Auges tue, von mir nehmen. Nur ist freilich die Verantwortung derer, die mich zur Anteilnahme an einem solchen Verbrechen zwingen, größer. Man redet viel von Kriegs- und Kampfeslust, von kriegerischer Begeisterung und rühmt dergleichen. Aber jeder weiß, wie vielfach hier gar anderes mit hineinspielt, als bewußtes Einsetzen der Persönlichkeit für einen sittlichen Zweck. Hierin allein aber besteht die  "Tugend"  der Tapferkeit.



Endlich besteht noch ein fünfter, oder ein fünfter und sechster sittlich bedeutsamer Gegensatz zwischen menschlichen Zwecken. Es ist der Gegensatz zwischen dem Erreichbaren und dem Unerreichbaren, bzw. demjenigen, dessen Erreichbarkeit eine geringere Sicherheit hat. Ich denke hier zunächst an dasjenige, was den  Umständen  gemäß erreichbar ist. Wir sollen die höchsten Ziele, auch wenn sie noch nicht verwirklicht werden können, doch als letzte Ziele festhalten. Aber wir sollen nicht die Kraft unseres  Wollens  und  Tuns  auf das Unerreichbare  verschwenden.  Es gibt eine Pflicht der Selbstsucht, auf das jenige bewußt zu verzichten, was wir den Umständen gemäß nicht erreichen können. Dazu ist freilich eine Einsicht in die Natur der Umstände, eine Erkenntnis dessen, was unter diesen Umständen möglich ist, vorausgesetzt. Aber auch die Bemühung um eine solche Einsicht und eine solche Erkenntnis gehört zum sittlichen Wollen.

Andererseits ist es nicht weniger Pflicht, daß wir für das unsere Kraft einsetzen, was wir gemäß unserer  Veranlagung  und zufolge der Stellung, die wir nun einmal in der Welt einnehmen, verwirklichen können und auf dasjenige verzichten, was andere besser zu leisten vermögen. Wären die Menschen einander gleich, dann gäbe es eine solche Verpflichtung nicht. Glücklicherweise sind sie ungleich. Und so besteht die Möglichkeit und damit die Pflicht einer Teilung in die sittlichen Aufgaben, der Einordnung der Menschen in ein soziales Ganzes, in welchem jeder an seiner Stelle das, was er am besten vermag, zur Arbeit des Ganzen, zu seiner sittlichen Kulturaufgabe beiträgt.



Ich sagte eingangs, die sittliche Ordnung der Zwecke stellt sich im einzelnen sittlichen Individuum dar als ein Organismus der Zwecke oder als ein System der auf Verwirklichung der Zwecke abzielenden Kräfte. Wir haben jetzt fünf oder sechs Richtungen kennengelernt, in welchen sich diese Ordnung vollzieht. Dieselben sind bezeichnet durch den Gegensatz der unbedingten und der bedingten Zwecke; durch den Gegensatz der umfassenderen und der weniger umfassenderen Zwecke, in einem verschiedenen Sinn dieses Wortes; durch den Gegensatz zwischen Zwecken, die sich zueinander verhalten wie die Voraussetzung zur Folge; durch den Gegensatz der mir persönlich näher liegenden und der mir ferner liegenden Zwecke; schließlich durch den Gegensatz des Erreichbaren und des absolut oder relativ Unerreichbaren, sei es erreichbar bzw. unerreichbar nach Lage der Umstände, oder erreichbar, bzw. unerreichbar nach meiner persönlichen Anlage und meiner Stellung in der Welt.

Ist nun dieser Organismus ein innerlich reibungsloser oder kann er es sein? Das heißt erscheint uns jederzeit, wenn sich verschiedene mögliche Zwecke gegenüberstehen, mit voller Sicherheit einer als der höhere, oder als derjenige, der dem anderen vorgehen muß? Gibt es mit anderen Worten keine für uns, auch unter der Voraussetzung der ernstesten sittlichen Überlegung, unslösbaren sittlichen Konflikte?

Die Antwort muß lauten, daß es solche Konflikte allerdings geben kann. Der sichere Entscheid darüber, was in einem gegebenen Fall das sittlich Richtige ist, kann eine Einsicht erfordern, die die Grenzen möglicher menschlicher Einsicht überschreitet. Jetzt müssen wir noch mehr zugestehen. Wir sahen: Zwecke können höhere sein, weil sie einen größeren Kreis von Menschen umfassen; und Zwecke können andererseits höhere sein, weil sie für einen einzelnen oder für wenige eine  tiefer gehende oder  umfassendere  Bedeutung haben. Wenn nun Zwecke jener und Zwecke dieser Art konkurrieren, welcher Gesichtspunkt soll mir der wichtigere sein?

Dies ist  ein  möglicher Fall. Es ist aber unnötig, weitere Fälle auszuspinnen. Ein vollkommenes Wesen, das in alle Dinge eine vollkommene Einsicht besäße, dem jederzeit klar vor Augen stände, welche Bedeutung die Verwirklichung eines Zweckes für den sittlichen Gesamtbestand der Welt besitzt, ein solches Wesen würde in jedem Fall sicher abzuwägen und das absolut Richtige zu finden vermögen. Aber wir sind keine solchen vollkommenen Wesen. Wir bleiben demnach der Möglichkeit des unlösbaren sittlichen Zweifels, also des sittlichen Irrtums ausgesetzt; ebensogut und aus dem gleichen Grund, wie wir trotz ernsthafter  wissenschaftlicher  Bemühung nicht dem Zweifel und Irrtum auf dem Gebiet der  Verstandeserkenntnis  entgehen.

Dies wäre übler als es ist, wenn die Handlungen oder die einzelnen Willensentscheide der eigentliche Gegenstand der sittlichen Beurteilung wären. Aber wir wissen, so ist es nicht. Sondern das eigentlich sittlich Wertvolle oder Unwerte ist der gesamte Mensch, die Gesinnung. Und das Gute der Gesinnung besteht nicht darin, daß wir das Rechte  treffen,  sondern darin, daß wir es ernsthaft und ehrlich  wollen.  Irren wir trotzdem, und sehen dies ein, so werden wir den Irrtum beklagen; aber unser Gewissen spricht uns frei. Das Höchste, was vom Menschen gefordert werden kann, ist die  volle Gewissenhaftigkeit. 
LITERATUR - Theodor Lipps, Die ethischen Grundfragen, Hamburg und Leipzig 1905