cr-2Viktor KraftKulturwissenschaft und NaturwissenschaftRudolf Eisler    
 
THEODOR LIPPS
Naturwissenschaft
und Weltanschauung


"Die Naturwissenschaft geht auf  Naturgesetze.  Naturgesetze sind notwendige Abhängigkeitsbeziehungen zwischen reinen Bedingungen und ihren Erfolgen. Wir können sie auch allgemeine  Tatsachen  nennen. Dann sind sie doch nicht in der erfahrbaren Wirklichkeit vorkommende, also nicht empirische, sondern reine oder  ideale  allgemeine Tatsachen. Eine solche ist etwa das Fallgesetz. Das sagt nicht, wie Körper fallen, sondern wie sie zu fallen  tendieren,  das heißt mit der Weglassung des Anthropomorphismus, der im Wort  tendieren  liegt, wie die Körper fallen würden, wenn die Bedingungen des Fallens rein gegeben wären. Es charakterisiert das reine oder das ideale Fallen, das nirgendwo anders als im  Geist  des  Naturforschers  vorkommt."

Hochansehnliche Versammlung!

Mein erstes Wort muß ein Wort des Dankes sein, daß Sie mir, dem Nichtnaturforscher, erlauben wollen, in dieser auserwählten Versammlung von Naturforschern zu reden. Ich betone dabei das Wort  "Nichtnaturforscher".  Gesetzt, ich hätte sehr viel mehr, als ich es habe versuchen können, von naturwissenschaftlichen Tatsachen Kenntnis genommen und mir darüber meine Gedanken gemacht, so wäre ich darum doch nicht Naturforscher. Es gilt, so denke ich, auf dem Gebiet der Naturforschung eine Regel, die auf dem Gebiet der Philosophie, über das allein ich zu urteilen befugt bin, zweifellos gilt. Dieselbe lautet in ihrer Anwendung auf die Naturforschung: Man ist Naturforscher entweder ganz und gar, das heißt mit allen seinen geistigen Kräften, oder man ist es überhaupt nicht. Und dann wird man gut tun, auch nicht mit irgendeinem autoritativen Anspruch in naturwissenschaftlichen Fragen mitzureden.

Indessen, es ist hier nicht meine Absicht, über irgendwelche, sei es auch die kleinste naturwissenschaftliche Tatsache, von Ihnen zu sprechen, sondern mein Gegenstand ist einzig die große und erstaunliche Tatsache, die den Namen "die Naturwissenschaft" trägt.

Diese Tatsache aber ist ein Gegenstand der philosophischen Betrachtung, so gewiß Naturwissenschaft ein geistiges Tun und alle Wissenschaft vom Geistigen Philosophie ist.

Öfter gehört ist jetzt die Rede, die Aufgabe der Naturwissenschaft sei einzig die zusammenfassende und dadurch vereinfachte Beschreibung von Erscheinungen. Gesetzt, man versteht hier unter dem vieldeutigen und viel mißbrauchten Wort "Erscheinungen" das, was dieses Wort zunächst besagt, das heißt, man meint damit die Spiegelungen der Dinge im individuellen Bewußtsein, die sinnlichen Wahrnehmungsinhalte, die optischen, akustischen usw. Eindrücke oder Bilder, bzw. die Komplexe von solchen, so ist nichts gewisser, als daß sich die Naturwissenschaft in gar keiner Weise mit Erscheinungen befaßt.

Vielleicht meint man, wir könnten ein Wissen im Grunde überhaupt nur von unseren Bewußtseinsinhalten haben. In Wahrheit aber pflegen wir von diesen das allergeringste Wissen zu haben. Alles Wissen setzt ein Beobachten voraus. Aber schon der Mensch des vorwissenschaftlichen Bewußtseins und erst recht der Mann der Naturwissenschaft pflegt nicht Bewußtseinsinhalte zu beobachten - im übrigen eine nicht so einfache Sache wie manche zu meinen scheinen - sondern, was beide zu beobachten pflegen, ist das Wirkliche oder die vom Bewußtsein unabhängige Welt der Dinge.

Und vielleicht begründet man solche vermeintliche erkenntnistheoretische Wahrheiten schließlich durch die Versicherung, das Bewußtsein könne nicht über sich selbst hinaus, so wenig wie ein Mensch über seinen Schatten zu springen vermöge. Indessen dieser Vergleich hinkt nicht bloß, wie es das Recht der Vergleiche ist, sonder er lahmt auf beiden Füßen. Im Denken geht oder greift das Bewußtsein jederzeit über sich hinaus. Es besteht hierin eben das Wesen des Denkens. Denken ist seiner Natur nach eine Wechselbeziehung zwischen dem denkenden Ich und von ihm verschiedenen und ihm transzendenten Gegenständen, insbesondere eine Wechselbeziehung zwischen dem denkenden Ich und einer von ihm unabhängig existierenden Welt der Dinge. Das mag und muß am Ende seltsam erscheinen, wenn man das Bewußtsein an Begriffen mißt, die aus einer anderen Sphäre als der Sphäre der Bewußtseinstatsachen hergenommen sind. Aber man mißt doch zweckmäßigerweise Tatsachen nicht an Begriffen, sondern Begriffe an Tatsachen.

Zunächst freilich kennen wir die Dinge nur so, wie sie uns gegeben sind oder wie sie uns "erscheinen". Das heißt, indem wir in den sinnlichen Wahrnehmungsbildern vom Bewußtsein unabhängige Dinge sehen oder mit dem geistigen Auge aus ihnen herauslesen, fassen wir dieselben zunächst notwendig hinsichtlich ihrer Beschaffenheit in die Sprache der sinnlichen Wahrnehmung.

Aber  beschreibt  nun etwa die Naturwissenschaft die Erscheinungen in diesem neuen Sinn, das heißt, beschreibt sie die  Dinge nur eben so, wie sie erscheinen Natürlich nicht. "Beschreiben" kann man, wofern nicht etwa mit diesem Wort ein verwirrendes Spiel getrieben werden soll, nur das Erfahrene. Aber schon ein so trivialer allgemeiner Satz wie der, daß alle Eichenbäume Eicheln tragen, geht über die Erfahrung hinaus. Richtiger gesagt: das  Denken  oder der denkende Geist geht in einer solchen Erkenntnis über die Erfahrung und zwar unendlich weit, hinaus. Nicht willkürlich, sondern nach einem Gesetz. Und natürlich nach einem Gesetz  eben dieses denkenden Geistes. 

Dieses Gesetz nennt die Logik das Identitätsgesetz. In seiner Anwendung auf das objektiv Wirkliche trägt dasselbe den Namen des Kausalitätsgesetzes.

Das Identitätsgesetz formuliert die Logik mitunter so, daß es nichtssagend scheint. In der Tat behauptet dasselbe das allgemeinste, was ein Gesetz behaupten kann, nämlich Gesetzmäßgkeit überhaupt. Es sagt, daß Gleiches von uns gleiche Denkakte fordert, daß einem Ding nicht denkend ein Prädikat zuerkannt und dasselbe Prädikat dem gleichen Ding auch wiederum aberkannt werden könne. Es besagt, daß das Denken, genauer gesagt, das Urteilen, seiner Natur nach diese in sich einstimmige Sache sei, daß man notwendig konsequent denke, soweit man  denke.  Nichts als eine solche Aussage über die im Wesen des Denkens liegende Gesetzmäßigkeit, Einstimmigkeit und Konsequenz ist das Identitätsgesetz. Und nichts anderes ist das Kausalitätsgesetz.

Es ist in diesem Zusammenhang auch gleichgültig, wie wir das Gesetz, nach dem das Denken über die Erfahrung hinausgeht, nennen mögen. Mögen wir ihm jenen sachlich zutreffenden oder irgendeinen unzutreffenden Namen geben, mögen wir es als ein spezifisch logisches Gesetz anerkennen oder es mit solchen Namen wie "Prinzip der Gewohnheit" oder "Prinzip der Ökonomie des Denkens" belegen, mögen wir in ihm die letzte Tatsache sehen, die es in Wahrheit ist oder mögen wir uns bei einer vermeintlichen Ableitung desselben mehr oder minder anmutig im Kreis drehen, das alles ändert nichts daran, daß es ein Gesetz oder wenn man dieses Wort vermeiden will, eine Eigentümlichkeit des denkenden Geistes ist, vermöge welcher jenes Hinausgehen über die Erfahrung in uns stattfindet. Nichts ist ja gewisser, als daß die  Erfahrung  uns nicht sagen kann, was die uns die  Erfahrung  nun einmal  nicht  sagt.

Mit solchen allgemeinen Sätzen, wie der oben angeführte, begnügt sich aber die Naturwissenschaft nicht. Sondern sie geht auf  Naturgesetze.  Naturgesetze aber sind notwendige Abhängigkeitsbeziehungen zwischen reinen Bedingungen und ihren Erfolgen. Wir können sie auch allgemeine  Tatsachen  nennen. Dann sind sie doch nicht in der erfahrbaren Wirklichkeit vorkommende, also nicht empirische, sondern reine oder  ideale  allgemeine Tatsachen. Eine solche ist etwa das Fallgesetz. Das sagt nicht, wie Körper fallen, sondern wie sie zu fallen "tendieren", das heißt mit der Weglassung des Anthropomorphismus, der im Wort "tendieren" liegt, wie die Körper fallen würden, wenn die Bedingungen des Fallens rein gegeben wären. Es charakterisiert das reine oder das ideale Fallen, das nirgendwo anders als im  Geist  des  Naturforschers  vorkommt.

Als solche ideale Tatsachen können die Naturgesetze nicht einfach aus der Erfahrung abgelesen werden. Sie werden auch nicht etwa durch einfache Verallgemeinerung, durch "Induktion" in diesem oberflächlichen Sinn, aus ihr gewonnen. Sondern sie sind vom denkenden Geist der Wirklichkeit  gegeben Sie sind, wenn man will,  erdacht.  Und sie sind als ideale, allgemeine Komponenten in einen Umkreis erfahrbarer Tatsachen  hineingedacht.  Nicht ohne daß diese dabei gehört würden. Sondern sie sind in die erfahrbare Wirklichkeit hineingedacht, weil diese ein solches Hineindenken  erlaubt.  So sind die Naturgesetze einerseits ganz und gar Sache der Erfahrung, andererseits ganz und gar Sache des denkenden Geistes. Sie sind das Gesetz des Geistes, mit einem in der Erfahrung gegebenen Inhalt erfüllt oder sie sind das in der Erfahrung Gegebene, vom Gesetz des Geistes durchdrungen und damit in die Form der Gesetzmäßigkeit gebracht.

Hiermit ist zugleich gesagt, was das naturwissenschaftliche  Erklären  ist. Es ist das denkende Auflösen eines erfahrbaren Wirklichen in solche vom Geist aus dem Material der Erfahrung geschaffene  konstante ideale Komponenten.  Eine empirische Tatsache "erklären" heißt: dieselbe aus der Wechselbeziehung solcher konstanter idealer Komponenten, zugleich unter der Voraussetzung der an einer bestimmten Stelle der Wirklichkeit vorkommenden determinierenden Umstände geistig entstehen lassen, sie in solcher Weise nachschaffen und für die Zukunft vorausschaffen. Das Erklären ist eine im denkenden Geist stattfindende  Rechnung,  in welche einerseits diese konstanten idealen Komponenten, andererseits die jedesmaligen besonderen Umstände als Faktoren eingehen und aus welcher als Fazit die zu erklärende Tatsache hervorgeht. Es ist ein Schaffen vergleichbar dem Bauen des Baumeisters, der die Bausteine formt, aus ihrer rohen Naturform in die Kunstform bringt und nun die umgeformten Steine verbindet mit  seinem Mörtel  und nach  seinem Gesetz. 

Damit haben wir uns, wie man sieht, weit entfernt von jenem "vereinfachten Beschreiben". Dieses bloß "vereinfachten Beschreiben". Dieses bloße Beschreiben wäre vergleichbar dem Tun des Baumeisters, der sich begnügte, die rohen Bausteine etwa ihrer Größe und ihrer natürlichen Form nach in Haufen zu schichten und Pfähle vor diesen aufzurichten mit Inschriften, wie: Große Steine, kleine Steine; runde Steine, eckige Steine. Die Versicherung gar, die Naturgesetze seien vereinfachte Beschreibungen von Erscheinungen, wäre vergleichbar etwa der Versicherung, die Zollgesetzgebung eines Landes sei die vereinfachte Beschreibung des Verhaltens der Grenzbewohner. Der letztere Vergleich hinkt, sofern ein idealer Grenzbewohner denkbar wäre, der niemals schmuggelte, während niemals ein Körper gefallen ist, wie es das Fallgesetz vorschreibt. Im übrigen hinkt dieser Vergleich natürlich vor allem insofern, als der Gesetzgeber der Naturgesetze nicht der Wille einer übermächtigen Staatsgewalt ist, sondern die Natur des denkenden Geistes.

Wie es zugeht, daß die Naturgesetze, die der Geist nach seinem Gesetz aus dem Material der Erfahrung schafft, durch neue Erfahrungen bestätigt werden, oder wie es geschieht, daß jene "Rechnung", obgleich sie nicht von den Tatsachen, sondern vom denkenden Geist angestellt wird, in ihrem Ergebnis immer wieder mit den Tatsachen zusammentrifft, das freilich ist ein Rätsel. Ja es ist das  große Rätsel.  Gesetzt, die Natur  wäre  in ihrem letzten Grund  der Geist,  ich meine der Geist, in welchem der individuelle Geist, auch des Naturforschers, nur ein Punkt ist, dann freilich, aber auch nur dann, wäre dieses Rätsel  kein  Rätsel mehr.

Von einer "Umformung" der Bausteine, die der Baumeister vornehme, war soeben die Rede. Dieser Umformung entspricht auf dem Gebiet der Naturwissenschaft das  Umdenken,  das heißt das Andersdenken der Dinge, welche zunächst mit den in der Erfahrung unmittelbar gegebenen Bestimmungen ausgestattet sind, das anders  Denken  der  Dinge als sie  erscheinen.  Dieses Umdenken ist eine notwendige Folge der Fassung des Gegebenen in Gesetze oder der Befassung desselben unter das Gesetz des Denkens. Das Gegebene wird umgedacht, bis es sich der Gesetzmäßigkeit des Geistes fügt; es wird umgeformt, bis es als Baustein im Bau der Erkenntnis, den der Geist des Naturforschers aufrichtet, tauglich ist.  So wenig  begnügt sich die Naturwissenschaft damit, Erscheinungen zu  beschreiben. 

Ein solches Umdenken treibt schon das vorwissenschaftliche Bewußtsein. Aber die Naturwissenschaft treibt es methodisch und systematisch.

Achten wir aber auf das Allgemeinste an diesem Umdenken. Dasselbe hat für uns entscheidende Wichtigkeit.

Ich denke hier an die triviale Tatsache, daß das naturwissenschafltiche Umdenken zu einem Ersetzen aller spezifischen sinnlichen Qualitäten, der Farbe, des Tones, des Geruchs, des Geschmackes usw. durch bloße raumzeitliche und Zahlbestimmungen führt. Die Verwandlung des Gegebenen in einen durchgehenden gesetzmäßigen Zusammenhang des Wirklichen  fordert  es so. Jene spezifischen sinnlichen Qualitäten erweisen sich als untauglich zum Aufbau der einheitlichen Welt der naturwissenschaftlichen Weltbetrachtung. Andererseits gibt es keine anderen Bestimmungen als diese raumzeitlichen und Zahlbestimmungen, in welche das Wirkliche bei diesem notwendigen Umdenken von der Naturwissenschaft gefaßt werden könnte. Jede Bestimmung, die wir einem Gegenstand, selbst einem bloßen Phantasiegegenstand, angedeihen lassen wollen, muß dem in der  Erfahrung  Gegebenen entnommen sein. Die Naturwissenschaft aber als Wissenschaft der  sinnlichen  Erfahrung weiß von keinen anderen Bestimmungen als denjenigen, welche der  sinnlichen  Erfahrung entnommen sind. Und diese liefert nun einmal außer jenen sinnlichen Qualitäten nur raumzeitliche und Zahlbestimmungen.

Hier gebrauche ich zum letzten Mal den vieldeutigen Begriff der "Erscheinung". Nichts scheint einleuchtender als der Satz, daß wir das Wirkliche nur kennen können, so wie es uns erscheint. In der Tat ist dieser Satz nicht mehr als eine Tautologie. Aber das "Erscheinen", das hier gemeint ist, ist eben doppelter Art: so wie wir selbst doppelseitige Wesen sind. Und es kann hinzugefügt werden, daß jede Erkenntnistheorie die völlige Durchschauung dieser Doppelseitigkeit und des darin liegenden Gegensatzes zur ersten Voraussetzung hat. Das Ich ist ein doppeltes Auge; nämlich einmal ein sinnliches und zum anderen ein geistiges Auge. Die Welt nun "erscheint" dem sinnlichen Auge, das heißt, sie erscheint uns, als sinnlich wahrnehmenden Wesen, als die farbige und tönende usw., und zugleich als ein regelloses Spiel des Zufalls. Aber diese Erscheinungsweise verneint das Auge des Geistes, das heißt der denkende und die Erscheinungen seinem Gesetz unterwerfende Geist. Er durchdringt die Hülle dieser sinnlichen Erscheinungen. Und jetzt "erscheint"  ihm,  nämlich diesem denkenden Geist oder jenem geistigen Auge, die Welt jenseits dieser Hülle einerseits als die einheitliche und in allgemeine und unverbrüchliche Gesetze gefaßte Welt und andererseits als eine Welt, die, soweit die naturwissenschaftliche Erfahrung eine Bestimmung derselben ermöglicht, nur in Raum-, Zeit- und Zahlbegriffe faßbar ist.

Und jene sinnliche Erscheinungsweise in diese geistige zu übertragen, das nun ist die  Aufgabe der Naturwissenschaft.  Die Naturwissenschaft ist die Darstellung des Wirklichkeitszusammenhangs als eines einheitlichen Systems gesetzmäßiger Abhängigkeitsbeziehungen zwischen räumlichen, zeitlichen und Zahlbestimmungen. Sofern alle diese Bestimmungen Größenbestimmungen sind, dürfen wir auch sagen: Sie ist die Darstellung des Wirklichkeitszusammenhangs als eines Systems gesetzmäßiger Abhängigkeitsbeziehungen zwischen räumlichen, zeitlichen und Zahlgrößen.

Wie weit es freilich der Naturwissenschaft gelingt, diese Übertragung  rein  und  vollständig  zu vollziehen, diese Frage beschäftigt uns hier nicht. Ich rede nicht von der Naturwissenschaft, wie sie zu einer Zeit ist, sondern ich rede von ihrem Ideal oder rede von ihrem notwendigen Ziel.

Raumzeitliche und Zahlbestimmungen sind aber lediglich  formale  Bestimmungen. Insofern ist die  Naturwissenschaft eine lediglich formale, keine "materiale" Wissenschaft. 

In solche formale Bestimmungen  allein  aber kann nichts Wirkliches gefaßt werden. Es bedarf des Hinzutritts qualitativer, inhaltlicher, kurz  "materialer"  Bestimmungen, wenn das Wirkliche als solches von uns soll gedacht werden können. Der Begriff des Wirklichen, sofern er einzig mit jenen formalen Bestimmungen ausgestattet würde, wäre ein  imaginärer  Begriff. Das heißt: ich denke in Wahrheit nichts, wenn ich das Wirkliche lediglich als mit raumzeitlichen Zahlbestimmungen ausgestattet denke.

Ich sage das etwas genauer: Jedes Wirkliche ist ein Begrenztes, von Anderem Unterschiedenes. Nicht aber kann als begrenzt und von Anderem unterschieden gedacht werden, ohne qualitative oder "materiale" Bestimmungen. Das Wort Grenze sagt, daß etwas qualitativ Bestimmtes aufhöre oder zu Ende sei und daß mit diesem Ende der Anfang eines qualitativ Anderen zusammenfalle. Wo nicht, so ist das Wort  Grenze  ein vollkommen leeres Wort. Und die Aufgabe, sie als in der Wirklichkeit vorkommend zu denken, ist unerfüllbar.

Und die Naturwissenschaft redet von  Bewegungen  eines Wirklichen. Aber eine Bewegung, die nicht eine Loslösung eines qualitativ Bestimmten aus einer ebenso qualitativ bestimmten engeren oder weiteren Umgebung und ein Hinüberwandern in eine qualitativ anders bestimmte Umgebung wäre, ist ein Nichts. Durch eine solche Bewegung würde nichts in der Welt verändert. Eine solche Bewegung wäre also in Wahrheit keine Bewegung. Die einzigen Bestimmungen aber, die es für die naturwissenschaftliche Erfahrung neben jenen von ihr ausgeschiedenen sinnlichen Qualitäten gibt, sind nun einmal jene formalen Bestimmungen.

Aber das Wirkliche ist doch nicht ein Imaginäres, sondern eben ein Wirkliches. Und das heißt, wie gesagt, daß es zur Bestimmung desselben qualitativer oder materialer Bestimmungen bedarf.

Hier nun scheint schon der naturwissenschaftliche Begriff der Masse hilfreich in die Bresche zu treten.

Aber was ist die Masse? Diese Frage beantworte ich nur durch ein Entweder-Oder. Masse ist entweder nichts als ein kürzerer Ausdruck für gewisse raumzeitliche oder Zahlbestimmungen; Masse besagt etwa, daß sich eine größere oder geringere Menge von gleichartigen Teilchen des Wirklichen in einem gegebenen Raum zusammenfinden; Masse ist mit anderen Worten die Dichtigkeit der Raumausfüllung durch gleiche Teile des Wirklichen. Oder aber es verhält sich  nicht  so.

Im ersteren Fall nun beläßt es auch der Begriff der Masse beim  imaginären  Charakter des Wirklichen. Im letzteren Fall wird derselbe freilich von diesem Charakter befreit, aber das Wirkliche wird jetzt, nämlich genau soweit, als es als Masse charakterisiert ist, zu einem ansich  Unbekannten  oder zu einem  X Und auch in jenem ersteren Fall bleibt die Frage offen, was denn, das heißt, wie beschaffen, jenes in allen seinen Teilen gleichartige Wirkliche sei. Kurz, wie wir auch den Begriff der Masse wenden mögen, in jedem Fall fügt er zu jenen Erfahrungen entenommenen raumzeitlichen und Zahlbegrifen ein  X. 

Aber, so sagt man vielleicht, die Masse wird doch in der Naturwissenschaft  definiert Und einen Begriff definieren heißt seinen  Sinn  angeben.

Indessen hier müssen wir zwischen zwei Arten von Begriffen streng unterscheiden. Begriffe sind entweder Anschauungsbegriffe, das heißt, sie sind Begriffe von etwas Anschaulichem, oder aber, sie sind bloße Beziehungsbegriffe. Jene ersteren, und nur sie, haben einen Inhalt. Es gibt nun einmal keinen Weg, wie ein Begriff einen Inhalt gewinnen könnte, als die Anschauung. Dabei ist unter der Anschauung jede Art des unmittelbaren Erlebens verstanden, das Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, ebenso wie das Fühlen, z. B. von Lust und Unlust, Streben und Widerstreben, Furcht und Hoffnung.

Dagegen sind die bloßen Beziehungsbegriffe inhaltsleer. Das hindert nicht, daß sie einen Sinn haben. Aber ihr Sinn besteht eben in einer bloßen Beziehung. Der Inhalt jener Anschauungsbegriffe läßt sich nicht durch die Definition erfassen, sondern er wird einzig erfaßt im unmittelbaren Erleben oder im  Anschauen.  Dagegen lassen sich die Beziehungsbegriffe  nur definieren.  Und ihre Definition besteht in der Aufgabe der Beziehung, in welcher das zu Definierende zu  Anderem  steht.

Ich illustriere den Gegensatz der beiden Begriffsarten durch ein einfaches Beispiel. Der total Farbenblinde weiß nichts von Farbe. Der einzige Weg, wie er davon erfahren könnte, wäre das Sehen der Farbe. Das hindert doch nicht, daß der Farbenblinde die Farbe völlig korrekt definiere, z. B. als das, was sein normalsichtiger Nachbar sieht, wenn Ätherwellen von bestimmter Länge das Auge desselben treffen. Damit, scheint es, weiß er  doch,  was Farbe ist;  er sagt  es ja. In Wahrheit aber gibt er mit seinen Worten nur eine Beziehung an, zwischen dem ihm Unbekannten, das er Farbe nennt, einerseits und Ätherwellen und einem normalsichtigen Auge andererseits. Farbe ist für ihn das  X,  das in dieser Beziehung steht. Die Farbe hat durch dieselbe eine bestimmte Stelle in seinem Gedankensystem gewonnen. Aber diese Stelle ist leer. So fixieren Beziehungsbegriffe überhaupt eine Stelle in einem Gedankensystem; aber die Stelle bleibt leer, solange nicht das unmittelbare Erleben oder die Anschauung sie ausfüllt.

Und dies übertragen wir nun auf den Begriff der Masse. Dann müssen wir sagen: Soweit derselbe nicht durch raumzeitliche und Zahlbegriffe unmittelbar und vollständig  ersetzt  werden kann, oder soweit nicht der Satz: "Hier ist eine bestimmte Masse" einfach vertauscht werden kann gegen den Satz: "Hier ist dieses bestimmte räumliche und zeitliche Verhalten dieser bestimmten Anzahl", ist der Begriff der Masse ein Beziehungsbegriff. Das heißt, er ist der Begriff eines  X,  an das und sofern sich an dasselbe eine bestimmte Tatsache gesetzmäßig knüpft oder vom denkenden Geist geknüpft werden muß. Und dabei ist wiederum die Frage, ob diese Tatsache  ihrerseits  völlig aus der unmittelbaren Anschauung heraus bestimmt ist. Soweit dies nicht der Fall ist, ist das Operieren mit dem Begriff der Masse die Feststellung einer Beziehung und genauer einer Abhängigkeitsbeziehung nicht nur zwischen Unbekanntem einerseits und Bekanntem andererseits, sondern einer Abhängigkeitsbeziehung zwischen beiderseits Unbekanntem. Dadurch verliert die Abhängigkeitsbeziehung zwischen Größen ohne Bestimmung desjenigen,  dessen  Größen sie sind.

Bei diesem Sachverhalt nun kann es der Naturforscher belassen. Das heißt, er kann ausdrücklich zugestehen, daß die Naturwissenschaft vom Quale des Wirklichen nichts wisse, weil sie nur die Aufgabe habe, seine Gesetzmäßigkeit zu erkennen und als eine Abhängigkeitsbeziehung zwischen Raum-, Zeit- und Zahlgrößen darzustellen. Es kann aber auch der Naturforscher versuchen, jenes  X  in eine bekannte Größe umzuwandeln.

Dazu bieten sich ihm zunächst zwei Wege dar. Beide aber haben sie das Gemeinsame, illusorischer Natur zu sein; Weisen, wie sich der menschliche Geist über jenes  X,  also über sein Nichtwissen,  hinwegtäuscht. 

Der eine dieser Wege ist der: Die aus der Welt des Wirklichen, so wie es in Wahrheit ist, ausgewiesenen sinnlichen Qualitäten werden doch wieder in die naturwissenschaftliche Welt des räumlichen Daseins und Geschehens hineingedacht.

Wichtiger aber ist uns der andere Weg. Er besteht in der Einführung animistischer oder anthropomorphistischer Begriffe in die Welt der Dinge. Solche Begriffe sind von Haus aus alle die Begriffe der Kraft, des Vermögens, der Fähigkeit, der Tätigkeit, der Arbeit, des Wirkens, des Hervorbringens und Hervorgehens oder Hervorgebrachtwerdens, des Widerstandes, der Spannung und manche andere, die ihnen verwandt sind; und schließlich und vor allem auch der Begriff der Energie. Nichts ist gewisser, als daß dasjenige, was diese Worte meinen, von mir nicht in der sinnlichen Wahrnehmung gefunden, daß es nicht gesehen, gehört, getastet werden kann, sondern daß ich es einzig in mir, als Bestimmtheit meiner selbst oder des Ich vorfinden oder erleben kann. Ich fühle  mich  tätig und fühle in dieser Tätigkeit die Kraft oder Energie derselben, das heißt, ich fühle den Grad der Anspannung oder Intensität dieser meiner Tätigkeit.

Und ich weiß zugleich unmittelbar, daß alle diese Begriffe völlig ihren Sinn verlieren, wenn ich sie auf etwas übertrage, das nicht Ich ist, so etwa, wie wenn ich den Begriff des Temperaturgrades nach CELSIUS auf mathematische Formeln übertragen wollte.

Das hindert nun aber nicht die Bildung eines naturwissenschaftlichen Begriffs der Kraft, der Energie usw. Aber diese unterliegt einer Voraussetzung: Jene Begriffe müssen ihres natürlichen, das heißt jenes psychologischen Inhalts völlig entkleidet werden. Dann bleibt zunächst das leere Wort. Aber diesem kann nun die naturwissenschaftliche Konvention eine Bedeutung geben. Sie kann aus dem inhaltvollen psychologischen  Anschauungs begriff einen inhaltsleeren naturwissenschaftlichen  Beziehungsbegriff machen.

So entsteht etwa der naturwissenschaftliche Begriff der Kraft. "Kraft" ist ür die Naturwissenschaft das  X,  aus dem und sofern aus ihm etwas folgt. Das Wort besagt, daß an eine Stelle im Zusammenhang der Wirklichkeit ein Geschehen vom denkenden Geist notwendig verknüpft wird. Und Gleiches gilt vom Begriff der Energie. Energie überhaupt ist lediglich ein neuer, aber anthropomorphistischer Ausdruck für die allgemeine Tatsache der Gesetzmäßigkeit des Wirklichen. Der Satz: "Dieses Wirkliche schließt ein Quantum von Energie in sich", meint, daß sich an dieses Wirkliche eine bestimmte Gesamtbewegungsgröße gesetzmäßig knüpfe. Und damit bestimmt sich endlich auch der Sinn des Gesetzes von der  Erhaltung  der Energie. Nichts erhält sich in der objektiv wirklichen Welt, wenn, wie man sagt, "die Energie sich erhält". Sondern jenes Gesetz besagt einzig, daß im Geist des Naturforschers eine Größenbestimmung, die er in eine bestimmte gedankliche Kombination oder Rechnung einführt, am Ende der Rechnung  wiederkehrt. 

Aber Worte haben einen Fantasiewert; sie haben Zauberkraft für die Gemüter; und sie bestechen auch den Verstand. Ich erinnere an die bekannte Frage, wie sich die fieberstillende Wirkung des Chinins erkläre. Die Antwort lautet: aus der fieberstillenden  "Kraft"  des Chinins. Dieses Beispiel entlockt uns vielleicht ein Lächeln. Aber wir finden überall Analoga desselben. Auch der Naturforscher meint vielleicht, aus seinen Kräften Tatsachen erklären zu können. Der Name verwandelt sich für ihn in eine vermeintlich bekannte Sache. Und nun spekuliert er vielleicht über diese vermeintliche Sache. Er zieht daraus Konsequenzen. Er berichtet uns etwa davon, was in der "Natur" dieser Kraft liege. Hiermit ist die Naturwissenschaft zur Naturmythologie geworden. Vielleicht nennt man sie auch, weil sie gewiß nicht  Naturwissenschaft  ist, Natur philosophie. 

Und besonders verführerisch scheint in diesem Punkt die "Energie". Auch diesem Wort wird eine vermeintlich bekannte Sache untergeschoben. Die Rechenmünze wird zu einem ansich wertvollen Objekt. Mit einem anderen Bild: Die Energie wird zum Pferd in der Maschine. Sie wird zu dem  einen  Pferd in der  Welt maschine; zu einem den Raum erfüllenden Medium, zu einer Art von universalem Weltwillen, schließlich zur allwaltenden Gottheit. Jetzt wandelt sich die Naturwissenschaft in eine Art von Religion; nicht von der besten Art, weil gegründet auf die verführerische Kraft anthropomorphistischer Worte.

Solche Mythologie, oder, wenn man lieber will, Theologie, treibt man schon in der Rede von der Umwandlung von Energieformen ineinander. Die Fiktion ist, daß dabei etwas, nämlich die vermeintlich wohlbekannte Energie bleibe. In der Tat bleibt etwas, nämlich der Gebrauch eines Wortes.

Und man löst vielleicht vermöge dieses Wortgebrauches Welträtsel; "kurz und gut, so wie man Theriaksbüchsen [Inhalt: Antiserum gegen Schlangengift - wp] öffnet". Man löst z. B. das Rätsel der gesetzmäßigen Wechselbeziehung dessen, was man als physisch bezeichnet, einerseits und des Psychischen oder des Bewußtseinslebens andererseits. Man nennt einfach beides Energie und nennt die Wechselbeziehung der beiden Wandlung physischer in psychische Energie, bzw. umgekehrt. Und gewiß kann man dies ja tun, Aber gesagt ist damit doch nur das Allerbekannteste, nämlich, daß Psychisches und Physisches demselben gesetzmäßigen Wirklichkeitszusammenhang angehören.

Wie wäre es, wenn sich die Naturwissenschaft entschlösse, an die Stelle des Wortes "Energie" ein lautliches Symbol zu setzen, das die völlige Inhaltsleere ihres Begriffs der Energie ausdrücklich anerkennte? Ich würde etwa das Symbol  ε  oder  ω  vorschlagen. Noch besser wäre das Symbol  X.  Um dieses  X  vom  X = Kraft  und eventuell vom  X = Masse  zu unterscheiden, könnten an diese drei  X  verschiedene Indizes angehängt werden.

Soweit die Begriffe der Kraft, Fähigkeit, Energie usw. in der Naturwissenschaft nicht als bloße, in sich selbst inhaltleere Symbole verwendet werden, sondern etwas von dem in sie mit hineingenommen wird, was ihren  ursprünglichen Sinn  ausmacht, sind alle diese Begriffe  vitalistische  Begriffe. Der Vitalismus ist ein versteckter, wenn jene Hineinnahme unbewußt geschieht.

In der Tat kann auch  Leben  nur an einem einzigen Ort in der Welt unmittelbar erfahren oder erlebt werden, nämlich im Ich. Das einzige uns bekannte Leben ist uns gegeben im Lebensgefühl. Und Lebensgefühl ist Selbstgefühl. Ja es ist  das  Selbstgefühl. Das aber ist mit dem Gefühl der Tätigkeit, Kraft, Energie etc. eine und dieselbe Sache. Ich, Bewußtsein, Leben; Tätigkeit, Kraft, Energie; dies alles fällt im letzten Grund in Eines zusammen.

Von so einem versteckten Vitalismus unterscheiden wir aber den anerkannten. Gesetzt, es gelinge dem Naturforscher an einem Punkt der Wirklichkeit nicht, oder noch nicht, die Gesetzmäßigkeit des Wirklichen zu erkennen, und sie in inhaltvolle naturwissenschaftliche Begriffe, das heißt in Raum-, Zeit- und Zahlbegriffe zu fassen, kurz, dieselbe als mechanische Gesetzmäßigkeit darzustellen; es gelinge ihm dies auch nicht, wenn er die der Naturwissenschaft sonst schon geläufigen  X,  die "Masse", die vermeintlich bekannten physikalischen und chemischen "Kräfte", mit hinzunimmt. Dann greift vielleicht der Naturforscher bewußt in die ihm fremde Sphäre des Bewußtseins und denkt bewußt Tatsachen, die nur als Bewußtseinserlebnisse einen Sinn haben, in die Dinge hinein. Und vielleicht meint er, damit eine Lücke ausgefüllt und eine Erklärung gewonnen zu haben.

In Wahrheit ist damit der Naturforscher um eine Jllusion reicher geworden.

Vielleicht denkt er insbesondere in das Naturgeschehen, zum Zweck einer vermeintlichen Erklärung seiner  Zweckmäßigkeit ein  Streben  nach einem Ziel oder eine  Zwecktätigkeit  hinein.

Hierzu ist zu bemerken: Wenn ich, geleitet vom Streben nach einem Ziel, oder wenn ich zwecktätig, meine Glieder bewege, so ist in diesem Gesamtvorgang zweierlei wohl zu unterscheiden. Nämlich das Wollen der Bewegung der Glieder um des Zweckes willen einerseits und das körperliche Geschehen, der physische Vorgang der Bewegung der Glieder, andererseits. Nun meinen wir freilich wohl zu verstehen, wie es zugeht, daß dieser physische Vorgang aus jenem  inneren  Vorgang, dem Streben nach dem Ziel oder dem auf den Zweck gerichteten Wollen,  hervorgehe.  Ja, dieses "Hervorgehen" scheint uns selbstverständlich. Aber wenig Nachdenken sagt uns, daß dabei  eines  stillschweigend vorausgesetzt ist, nämlich ein solcher  zweckmäßiger  körperlicher  Mechanismus,  der meinem Streben oder Wollen erlaubt, das vorgestellt und erstrebte physische Geschehen  nach sich zu ziehen.  Gesetzt, dieser körperliche Mechanismus wäre nicht in Ordnung oder er wäre nicht so zweckmäßig meinem Wollen angepaßt, wie er es normalerweise ist, dann könnte die  innere Tätigkeit,  das heißt, das Streben nach dem Ziel oder das Wollen des Zweckes und das Wollen der Bewegung um des Zweckes willen, ungehindert  weiter  stattfinden; aber es fehlte der  Erfolg. 

Und so genügt es auch nicht, von einem Zielbestreben oder einer Zwecktätigkeit in den  Dingen  zu reden. Sondern es ist außer dem Psychischen, das dabei in die Dinge hineingelegt wird, auch noch ein physikalischer Mechanismus vorausgesetzt, der in sich so zweckmäßig geartet und er so zweckmäßig dem Zweckstreben zugeordnet ist, daß daraus das Erstrebte sich ergeben kann und muß.

Oder wenn wir die Sache von der entgegengesetzten Seite her betrachten: Nicht zufällig oder willkürlich, sondern unter der Voraussetzung eines bestimmten Tatbestandes, eines bestimmt gearteten "Bedürfnisses", wie man vielleicht sagt, tritt das Zweckstreben nach Meinung des Vitalisten auf. Aber wie nun geschieht es, daß gerade  dieses  Zweckstreben auftritt? Ich meine ein solches Zweckstreben, das geeignet ist, indem es sich auswirkt, gerade  dasjenige  physische Geschehen hervorzurufen, das unter den bestimmten Umständen so zweckmäßig erscheint. Woher stammt das höchst zweckmäßige Auftreten dieses und nicht eines beliebigen anderen, vielleicht höchst  unzweckmäßigen  Zweckstrebens?

Es ist deutlich: Man meint durch den Begriff der Zwecktätigkeit die Zwecktätigkeit in der Natur zu erklären. In Wahrheit setzt man dabei die Zweckmäßigkeit in doppelter Gestalt voraus. Man will ein Rätsel lösen und setzt zwei Rätsel an die Stelle.
LITERATUR - Theodor Lipps, Naturwissenschaft und Weltanschauung [Vortrag gehalten auf der 78. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Stuttgart], Heidelberg 1906