p-4Grundlagen der ÄsthetikEin Beitrag zur Gefühlslehre    
 
OSWALD KÜLPE
Wirklichkeitsstandpunkt,
Realismus und Phänomenalismus


"Wir alle denken realistisch von Jugend auf, d. h. nehmen an, daß die Dinge außer uns ebenso wie wir selbst mehr sind, als das, was im Bewußtsein gerade gegeben ist und bestimmen mit mehr oder weniger Sicherheit das Wesen dieser Realitäten."

"Das  Problem der Realität  kann man etwa so formulieren: wie und mit welchem Recht läßt sich etwas denken, das nicht zur Bewußtseinswirklichkeit gehört und gehören kann?"

"Der Begriff einer vom Denken unabhängig existierenden Realität ist ein sich selbst  widersprechender.  Indem man sie denkt, ist sie eben nicht mehr vom Denken abhängig."

"Man versuche nur irgendein Gesetz der Physik oder Chemie oder irgendeinen Tatbestand der Geschichte streng vom Wirklichkeitsstandpunkt aus, also nur mit Rücksicht auf Bewußtseinsinhalte, darzustellen und man wird alsbald finden, daß das höchst umständlich, wenn nicht gar unmöglich ist. Man wird daher den Realwissenschaften im Interesse der Ökonomie empfehlen müssen, wenigstens so zu reden, als wenn es Realitäten gäbe."

1. Man pflegt die Wissenschaften in  Formal-  und in  Realwissenschaften  einzuteilen. Jene, zu denen Logik und Mathematik gehören, arbeiten mit selbsterzeugten Gebilden. Die Zahlen und Figuren der Mathematik werden von uns gesetzt, konstruiert und bestimmt. Innerhalb der Realwissenschaften dagegen, zu denen die Natur- und die Geisteswissenschaften zu rechnen sind, hat man es mit vorgefundenen Gegenständen zu tun. Außenwelt, Innenwelt, geschichtliche Ereignisse sind gegebene Tatsachen, die sich irgendwie dem Bewußtsein des Erkennenden aufdrängen. Hier ist der Forscher an eine räumliche und zeitliche Ordnung in der Koexistenz und in der Sukzession der Erscheinungen gebunden, hier ist seine Erkenntnis nicht die logische Arbeit an willkürlich abgegrenzten und aufeinander bezogenen Objekten, sondern von Beschaffenheiten und Veränderungen abhängig, die jenseits seiner Machtsphäre liegen. Dieser Unterschied ergibt ein besonderes erkenntnistheoretisches Problem. Wir fragen nämlich, ob und inwieweit die Realwissenschaften berechtigt sind, über das, was von den vorgefundenen, gegebenen Tatsachen in der unmittelbaren Erfahrung hervortritt, hinauszugehen, ob sie  Realitäten  setzen und bestimmen dürfen, die mit der  Wirklichkeit des Bewußtseins,  mit den Empfindungen, Vorstellungen, Gefühlen, Gedanken nicht zusammenfallen. Wir fragen also nach dem Gegenstand der Realwissenschaften, nach der Möglichkeit von Realitäten. Bei den Formalwissenschaften ist die Frage nach ihren Gegenständen im allgemeinen unschwer zu beantworten. Diese entstehen nämlich durch unsere eigene Wahl und Festsetzung und enthalten darum auch nur die von uns ihnen beigelegten oder (wenn es sich um Abstrakta aus der Erfahrung handelt) ihnen belassenen Beschaffenheiten. Die Bewußtseinserscheinungen der Wirklichkeit aber treten uns wie eine selbständige Welt entgegen, die wir nach Art und Gesetzlichkeit nur insofern kennen, als wir sie studiert und untersucht haben. Ist es erlaubt, ihnen Reales zugrunde zu legen und dieses Reale als den eigentlichen Gegenstand der Erkenntnis zu betrachten? Auf diese Frage antwortet der  Wirklichkeitsstandpunkt  oder  Konszientalismus  verneinend: für ihn ist der Gegenstand der Realwissenschaften das im Bewußtsein Gegebene, die "wirklichen" Empfindungen und Gefühle; für ihn ist somit einzige Aufgabe der Realwissenschaften, Zusammenhänge und Beziehungen zwischen diesen Elementen des vorgefundenen Tatbestandes zu ermitteln. Dagegen meint der  Realismus,  eigentliches Objekt dieser Wissenschaften sei nicht das Wirkliche, sondern die sich darin offenbarende Realität, eine reale Außenwelt, eine reale Innenwelt, die realen historischen Begebenheiten. Der  Phänomenalismus  endlich nimmt einen vermittelnden Standpunkt ein, indem er erklärt, daß es zwar ein Reales, ein Ding an sich, einen Träger jener selbständigen Gesetzlichkeit des Vorgefundenen gebe, daß wir aber nur die Phänomene, die Bewußtseinserscheinungen erkennen können.

2. Der älteste von diesen Standpunkten ist zweifellos der  Realismus.  Wir alle denken realistisch von Jugend auf, d. h. nehmen an, daß die Dinge außer uns ebenso wie wir selbst mehr sind, als das, was im Bewußtsein gerade gegeben ist und bestimmen mit mehr oder weniger Sicherheit das Wesen dieser Realitäten. Zumeist unterscheiden wir sie nicht grundsätzlich in ihrer qualitativen Beschaffenheit von den auf sie bezogenen Bewußtseinserscheinungen, sondern betrachten die Dinge einfach als die Originale, die von unseren Empfindungen abgebildet werden. Wir halten somit die Gegenstände selbst für rot und grün, für hell und dunkel, laut und leise, rauh und glatt, süß und bitter. Diese Ansicht des  naiven  Realismus hat in der Bildertheorie der griechischen Philosophen, wonach unsere Sinnesorgane durch Bilder erzeugt werden, die aus Teilchen der Objekte hervorgegangen sind, ihren Ausdruck gefunden. Eine solche Annahme hing mit dem Grundsatz zusammen, daß Gleiches nur das Gleiche erkennen und bewirken könne. Es mußten darum die Vorstellungen den Dingen und diese den Vorstellungen gleichartig sein. Am naiven Realismus halten wir  praktisch  immer noch fest, obgleich er theoretisch widerlegt worden ist, sowie wir auch von Auf- und Untergang der Sonne reden, obwohl wir seit KOPERNIKUS wissen, daß die Erde sich um die Sonne bewegt. Der Hauptgrund dafür ist wohl darin zu suchen, daß für uns im Verkehr des Lebens nur die Erscheinung, nicht aber in davon verschiedenes, bloß denkbares Wesen in Betracht kommt. Über das, was wir sehen und hören, riechen und schmecken, läßt sich eine für die praktischen Bedürfnisse ausreichende Verständigung relativ leicht erzielen, während die wissenschaftliche oder metaphysische Bestimmung von Realitäten weder allgemein bekannt, noch völlig abgeschlossen und sichergestellt ist. Zur Orientierung in und zum Genuß an der uns umgebenden Welt ist die unserer Sprache aufgeprägte Redeweise des naiven Realismus zweifellos die bequemste und einfachste. Dieser Standpunkt wird dagegen in bezug auf die  Innenwelt,  unsere eigene sowohl als auch die fremde, anderen Lebewesen zugeschriebene, nicht eingenommen. Wir tragen kein Bedenken, uns einen Charakter, ein Talent, einen irgendwie gearteten Verstand und dgl. zuzuerkennen und gehen damit über die Bewußtseinswirklichkeit weit hinaus. Wenn wir zum Ich auch den Körper, den sichtbaren und berührbaren rechnen und diesem gegenüber, wie bei einem sonstigen Stück der Außenwelt, naiv realistisch urteilen, so sind wir doch keineswegs geneigt, uns mit ihm zu identifizieren. Vollends ist bei einer Beseelung anderer Leiber als des unsrigen und bei einer Bestimmung geschichtlicher Tatsachen schon in der gewöhnlichen Anschauungs- und Redeweise vom naiven, Erscheinung und Wesen für gleichartig haltenden Realismus nicht mehr zu sprechen.

3. Die Selbständigkeit des Vorgefundenen, die Eigenart des Tatsächlichen, Gegebenen ist überall der Grund für die Setzung von Realitäten. Insbesondere lassen sich für die Annahme einer realen  Außenwelt  folgende Momente geltend machen:

a) Der Unterschied zwischen der  Sinneswahrnehmung  einerseits, der Erinnerung und Einbildung andererseits. Jene drängt sich auf, läßt sich nicht beliebig und willkürlich ändern, hat eine normalerweise sonst nicht herstellbare Stärke und Lebhaftigkeit, unterliegt in ihrem Kommen und Gehen, in ihrem Verlauf und in ihrer Verbindung mit anderen Wahrnehmungen von uns unabhängigen Regeln und Bedingungen, ist an die Funktion der Außenwerke unseres Körpers, der Sinnesorgane, an eine gewisse Stellung und Bewegung unserer Glieder gebunden und wird durch die Umstände, wie Beleuchtung, Umgebung, Entfernung beeinflußt, welche bei der Erinnerung oder Einbildung keine Rolle spielen. Diese Eigentümlichkeit der Sinneswahrnehmung findet ihre einfache Erklärung in der Annahme von realen Gegenständen und Vorgängen, von denen wir durch unsere Sinne erfahren.

b) Die Tatsache, daß die so häufigen  Wahrnehmungspausen  für die Entstehung und die Beschaffenheit der Wahrnehmungen keine Bedeutung zu haben brauchen. Nach vielen Jahren der Abwesenheit kehre ich in meine alte Heimat zurück. Ich selbst bin ein ganz anderer geworden, anders in meinem Denken, Fühlen und Wollen, aber hier grüßen mich Berg und Tal, Fluß und Wald, Haus und Hof wie sonst, als lägen nicht Jahre, sondern bloß Stunden zwischen dem Einst und dem Jetzt. In kleinerem Maßstabe erleben wir solche Fälle an jedem Tag. Namentlich bildet die Nacht, der Schlaf einen derartigen Einschnitt im Ablauf unserer Wahrnehmungen. Der Konszientalist JOHN STUART MILL hat diesem Tatbestand dadurch Rechnung zu tragen versucht, daß er von einer beharrenden Möglichkeit (permanent possibility) der Wahrnehmung sprach. Aber  wie  es möglich ist, daß die gleiche Wahrnehmung unter Umständen wiederkehren kann, die von uns und unserer subjektiv veränderten Disposition und Stimmung der Hauptsache nach gänzlich unabhängig sind, ist ja eben das Problem, das der Realist durch die Annahme von fortbestehenden, während der Wahrnehmungspausen sich erhaltenden Dingen zu lösen sucht. Andererseits können diese Pausen auch das entgegengesetzte Resultat haben. Derselbe Ort, an dem ich noch vor kurzem bestimmte Eindrücke gewann, überrascht mich nun durch große Wandlungen; Brände können Altes zerstört, menschlicher Fleiß Neues errichtet haben. So wenig ich in jenen Fällen an der Konstanz, so wenig bin ich in diesen Fällen an der Umgestaltung der Wahrnehmungsbilder beteiligt. Vielmehr liegt ein selbständiges Geschehen vor, das der Realist an die Wirksamkeit realer Dinge außerhalb seines Bewußtseins geknüpft denkt.

c) Die  gesetzmäßigen  Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den wahrgenommenen Inhalten. Die räumlichen Verhältnisse und Eigenschaften z. B., wie Entfernung und Lage, Größe, Gestalt und Bewegung, ebenso wie die zeitlichen, als da sind Dauer und Sukzession, Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit, sind und bleiben etwas Gegebenes, von unserer Erwartung, unserem Wissen, unserer Erfahrung Unabhängiges. Die Ordnung der Himmelserscheinungen und der irdischen Vorgänge und Dinge können wir aus uns selbst nicht ableiten und wir betrachten daher als deren Träger reale Gegenstände.

d) Die  Möglichkeit einer Voraussage  von Ereignissen. Das Zusammentreffen unserer Folgerungen aus bisher gewonnener Einsicht in den Ablauf der Wahrnehmungen mit späteren tatsächlich auftretenden, bestätigenden Beobachtungen, ohne daß wir eingegriffen haben, läßt sich am einfachsten erklären, wenn wir eine reale, selbständigen Gesetzen folgende Welt annehmen, deren Wirkungen sich erkennen und berechnen lassen.

4. Von der hierdurch nahe gelegten Setzung von Realitäten gelangt man zum  kritischen  Realismus, indem man sich durch besondere Erwägungen von der Unhaltbarkeit des naiven überzeugt. Ein solcher kritischer Realismus wird schon bei den  Vorsokratikern  angetroffen, die bereits durchweg das Wesen der Dinge im Unterschied von ihrer Erscheinung bestimmen. Wer in Wasser, Luft oder Feuer, in dem Einen, Seienden oder in zahllosen Atomen und leerem Raum die Realität sieht, darf sicherlich nicht mehr naiver Realist genannt werden. Nur das  Widerspruchslose  hat Anspruch auf das Prädikat der Existenz, wie die  Eleaten  und nach ihnen viele Metaphysiker bis auf BRADLEY meinen. Die erscheinende Welt aber ist mit Widersprüchen behaftet und stelle sich somit als ein Nichtseiendes dar. DEMOKRIT formuliert ausdrücklich das  Prinzip  der Subjektivität der Sinnesqualitäten, wonach die Dinge süß und Bitter, warm und kalt und farbig zu sein scheinen, tatsächlich aber nur Atome und leerer Raum sind. Auch PLATON und ARISTOTELES, auch die  Stoiker  und  Epirkureer,  sowie die  Neuplatoniker  sind kritische Realisten gewesen, nicht minder die Philosophen des Mittelalters und der Neuzeit in Verbindung mit der modernen Wissenschaft. Zwar haben sie alle für die Außenwelt und die Innenwelt sehr verschiedene Realitäten eingesetzt, aber daß es derartiges über die Bewußtseinswirklichkeit hinaus geben müsse und daß man es nicht mit den Wahrnehmungsqualitäten behaftet denken dürfe, darüber hat kein Streit und Zweifel obwaltet. Erst in der englischen Philosophie des 18. Jahrhunderts wird der Realismus überhaupt in Frage gestellt. Aber auch noch gegenwärtig ist der kritische Realismus neben dem Phänomenalismus in den Kreisen der Einzelwissenschaft und der Philosophie die herrschende Anschauung.

5. Die Gründe, die uns veranlassen, den naiven Realismus aufzugeben, sind hauptsächlich folgende:

a) Trotz der im Großen und Ganzen bestehenden Übereinstimmung der Individuen hinsichtlich ihrer Sinneseindrücke vom nämlichen Gegenstand, gibt es zahlreiche gröbere und feinere  Abweichungen,  wie die totale und partielle Farbenblindheit, Tontaubheit, die Unterschiede in der Sehschärfe, in der Feinheit des Gehörs, welche zeigen, daß unsere Sinneswahrnehmung von subjektiven Faktoren in einem viel zu hohen Maße abhängig ist, als daß wir ihre Beschaffenheit ohne weiteres den Dingen selbst als deren Merkmal zuschreiben dürften. Sonst müßte das gleiche, d. h. denselben Ort zu einer bestimmten Zeit einnehmende Ding einander entgegengesetzte Eigenschaften haben.

b) Auf ein ähnliches Resultat für die Tatsache der  Relativität  unserer Sinneswahrnehmung. Was dem einen kalt, erscheint dem andern warm, was der eine für groß hält, spricht der andere als klein an, eine Bewegung kann diesem rasch, jenem langsam vorkommen. Und nicht nur verschiedene Individuen verhalten sich in ihren Empfindungen und Urteilen über dasselbe Objekt verschieden, auch eine einzige Person kann verschiedene Eindrücke davon erhalten und es je nachdem hell oder dunkel, laut oder leise, hart oder weich, süß oder bitter finden. Wollte man alle solche gegensätzlichen Bestimmungen auf das Objekt selbst beziehen, so käme man zu lauter einander widersprechenden Urteilen über dieses.

c) Unser Eindruck von einem Gegenstand hängt erfahrungsgemäß von allerlei  Umständen  ab, bei denen nicht einzusehen ist, wie sie das Ding selbst verändern und beeinflußen sollen. Im Dunkeln erscheint es uns anders, als im Hellen, sein perspektivisches Bild wandelt sich mit der Stellung, die wir zu ihm einnehmen und mit der Entfernung, die uns von ihm trennt. Einen schwächeren Ton hören wir nicht, wenn gleichzeitig andere starke Geräusche einwirken und die Sterne werden unsichtbar, wenn die Sonne uns scheint.

d) Welche Beschaffenheit hat ferner der Gegenstand während der  Wahrnehmungspausen?  ist er braun oder grün, auch wenn niemand ihn sieht; tönt, schmeckt und riecht er, auch wenn niemand ihn hört oder genießt? Es empfiehlt sich offenbar nicht, den Objekten die sinnlichen Qualitäten zuzuschreiben, die nur durch den Kontakt mit Sinnesorganen und auffassenden Individuen erfahrungsgemäß entstehen.

e) die Tatsachen der  Reiz- und Unterschiedsschwelle  zeigen, daß unsere Wahrnehmung keine ausreichende Quelle für die Erkenntnis der Gegenstände ist. Ein Licht muß eine gewisse Stärke, einen Helligkeitsunterschied eine gewisse Größe haben, damit wir sie überhaupt merken. Unterhalb solcher "ebenmerklichen" Reize und Reizunterschiede gibt es demnach solche, die unserer Wahrnehmung entgehen. Also kann diese nicht den Gegenständen, auf die sie sich richtet, gleichartig sein.

f) Das bewaffnete Auge und Ohr sieht und hört bekanntlich mehr, als das unbewaffnete. Die  Hilfsmittel  des Hörrohrs, Fernrohrs, Mikroskops usw. lehren uns, daß die Dinge mehr enthalten, als die normale Sinneswahrnehmung offenbart.

g) Naturforscher und Psychologen sind bemüht, bei ihren Untersuchungen die  Beobachtungsfehler  auszuschließen, die in konstante und zufällige unterschieden zu werden pflegen. Die letzteren zeigen sich namentlich in unregelmäßigen Schwankungen unserer Angaben über das Wahrgenommene. Maß, Zahl und Gewicht werden angewandt, um die Dinge und Vorgänge zuverlässig bestimmen zu können. Unsere einfache, schlichte Wahrnehmung aber gilt nicht als irgendein sicherer Ausdruck für das reale Verhalten.

6. Es liegt in der Natur der Sache, daß ein Realismus, der in fortgesetzter Untersuchung und Arbeit von den Mängeln und Unvollkommenheiten der Wahrnehmung frei zu werden sich bestrebt, als ein  entwicklungsfähiger  und  -bedürftiger  Standpunkt anzusehen ist, dessen Ziel mit dem Ziel aller wissenschaftlichen Erkenntnis zusammenfällt, d. h. in einer unbestimmbaren fernen Zukunft liegt. Aller Abschluß kann hiernach für die Bestimmung des Realen einen nur provisorischen Charakter tragen. Man darf sich daher nicht darüber wundern, daß der naturwissenschaftliche ebenso wie der geisteswissenschaftliche Realismus eine reiche Geschichte wechselnder Hypothesen und Theorien aufzuweisen haben und daß vollends der metaphysische Realismus sich in verschiedenartigen Versuchen und Systemen ergeht. Dagegen darf wohl die Frage aufgeworfen werden, ob es sich denn verlohne, derartigen Spekulatonen über Transzendentes nachzuhängen, deren Grenzenlosigkeit mit ihrer Unsicherheit rivalisiert und ob man denn überhaupt berechtigt sei, über die Bewußtseinswirklichkeit hinauszugreifen, die doch den Vorzug des unbestreitbar Gewissen habe. Damit erreichen wir den Standpunkt des  Konszientalismus.  Zur ersten entschiedenen Ausbildung gelangte dieser bei BERKELEY, der ihn aber nur der Außenwelt gegenüber vertrat und dessen Lehre man daher als  subjektiven Idealismus  bezeichnet. Die Körper sind nach ihm nichts anderes, als unsere Wahrnehmungen, der Apfel z. B. ein Komplex von Gesichts-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastempfindungen. Eine Materie sich als Trägerin dieser Empfindungen oder als deren transzendente Ursache zu denken ist unmöglich oder verwickelt in Widersprüche. Das Sein der Dinge besteht in ihrem Wahrgenommenwerden,  esse = percipi.  Psychologisch dagegen war er ein Realist, der nicht nur die einzelnen geistigen Akte auf eine Seelensubstanz bezog, sondern auch eine Vielheit von Geistern annahm. Um aber die oben geschilderte Unabhängigkeit der Sinneswahrnehmungen von unserer Willkür erklären zu können, meinte er, Gott als deren Ursache ansehen zu sollen. Er hat seinen Idealismus besonders eingehend und eindringlich in den drei Dialogen zwischen HYLAS und PHILONOUS (1713, deutsch von Richter 1901) dargelegt. Den Konszientalismus vollendete sein großer Nachfolger HUME, indem er auch den psychologischen Realismus aufhob und die Seele ebenso wie den Körper zu einem bloßen "Bündel von Perzeptionen" machte. Daneben hat er mit besonderem Nachdruck und Geschick die realistischen Begriffe der Substanz und der Kausalität auf Elemente und Gesetze der Bewußtseinswirklichkeit zurückgeführt. Damit verlor die Ursache den Charakter einer erzeugenden Kraft, die Beziehung zur Wirkung die Eigenschaft einer objektiv notwendigen Verknüpfung, die Substanz hörte auf, ein reales Wesen zu sein, das der regelmäßigen Koexistenz von Empfindungen zugrunde liege. Dieser Konszientalismus hat bei von SCHUBERT-SOLDERN die Form des  Solipsismus  angenommen, welcher nur das Bewußtsein des Erkennenden (solus ipse) als erkennbare Wirklichkeit betrachtet. Ich kann, so lehrt er, in keiner Weise, weder dem Inhalt noch der Beziehung nach, über mich hinaus. Alles, was hinter dem Bewußtsein befindlich sein soll, gehört zu ihm. Ein Transzendentes annehmen bedeutet nichts anderes, als den Mund aufmachen und das, was man nicht hineinbekommen hat, schlucken, aber trotzdem nachher ein besonderes Gefühl der Sättigung beurkunden. Dieser philosophische Standpunkt erscheint ihm nicht als eine Theorie, sondern als eine selbstevidente und des Beweises gar nicht bedürftige Tatsache.

7. Von diesem subjektiven Idealismus und Solipsismus unterscheidet sich ein  objektiver  Idealismus dadurch, daß er nicht das persönliche Bewußtsein und Ich des Erkennenden zum Ausgangspunkt nimmt, sondern ein allgemeines Ich bzw. Bewußtsein voraussetzt. So stellte JOHANN GOTTLIEB FICHTE den Begriff eines absoluten Ich auf, der als Grundbegriff der gesamten "Wissenschaftslehre", der theoretischen und der praktischen Philosophie, zu gelten hatte. Dieses Ich setzt erst dem teilbaren (d. h. subjektiven, persönlichen, individuellen) Ich ein teilbares Nicht-Ich (die Außenwelt) entgegen und zwar vermöge einer produktiven, unbewußten Einbildungskraft, die der sittlichen Forderung nach zweckmäßigen Gegenständen des sittlichen Wollens und Handelns dient. Dieses sich in ein Ich und ein Nicht-Ich differenzierende Absolute wurde bei SCHELLING zur absoluten Identität oder Indifferenz, bei HEGEL zur absoluten Idee. Gegenwärtig vertritt die  immanente  Philosophie' von SCHUPPE, KAUFFMANN u. a. einen ähnlichen Standpunkt, den sie als erkenntnistheoretischen Monismus, auch wohl als Bewußtseinsmonismus bezeichnet. Demnach ist alles Seiende ein Bewußt-Seiendes, es gibt kein Sein, das nicht gedacht, gewußt würde und kein Denken, bzw. Wissen, das nicht eine Seiendes dächte bzw. wüßte. Aber innerhalb dessen, was man Bewußtsein nennt, gibt es ein allgemenes oder abstraktes und ein individuelles oder konkretes Bewußtsein. Jenes ist das allen Individuen gemeinsame, dem auch eine für alle geltende Wirklichkeit als objektive, von den einzelnen Subjekten unabhängige Welt entspricht, bestimmt durch die Prädikate, die dem allgemeinen Bewußtsein entstammen. Zum konkreten Bewußtsein dagegen wird alles das gerechnet, was den einzelnen Subjekten eigentümlich und daher auch so vielmal vorhanden ist, als es Subjekte gibt. Zu dieser Richtung des Konszientalismus ist auch der  Empiriokritizismus  von AVENARIUS und seiner Schule zu zählen, dem ERNST MACH und HANS CORNELIUS nahe stehen. AVENARIUS spricht von einer  Prinzipialkoordination  als ursprünglichem Tatbestand aller Erkenntnis. Das Ich findet sich einer Umgebung gegenüber und es gibt demnach kein Objekt ohne ein Subjekt. Auch für MACH sind Ich und Nicht-Ich nur abstrakte Zusammenhänge, die wir nach bestimmten Gesichtspunkten aus den gleichen Elementen, den Empfindungen aufbauen. Reflektieren wir auf deren Abhängigkeit von unserem eigenen Leib, so haben wir es mit subjektiven, psychischen, reflektieren wir dagegen auf deren selbständige Abhängigkeitsbeziehungen zueinander, so haben wir es mit objektiven, physischen Tatsachen zu tun. Die Außenwelt ist nach CORNELIUS nichts anderes, als die eigene Gesetzlichkeit der Wahrnehmungsinhalte. Von einer Realität jenseits des Bewußtseinszusammenhangs, der Prinzipialkoordination, der Empfindungen, ist hier überall nicht die Rede. In besonders anziehender Form hat in der Gegenwart HENRY BERGSON den Wirklichkeitssstandpunkt ausgeprägt, indem er alle begrifflichen Fassungen der Wirklichkeit für unvermögend erklärt, deren volles Sein und Wesen darzustellen und die unmittelbare Anschauung, das ursprüngliche Erleben und Nacherleben als die einzige Methode ansieht, die uns das Ansich der Welt aufzeigen kann. Aber freilich: hier ist der Wirklichkeitsstandpunkt zugleich zum Realismus, zu einer realistischen Metaphysik geworden.

8. Die Gründe, die der Konszientalismus im allgemeinen gegen den Realismus ausspielt, knüpfen an das  Problem der Realität  an, das man etwa so formulieren kann: wie und mit welchem Recht läßt sich etwas denken, das nicht zur Bewußtseinswirklichkeit gehört und gehören kann? Denken lassen sich Gegenstände, die zur Bewußtseinswirklichkeit gehören, bzw. gehören können, wie Gefühle, Überlegungen, Vorstellung und dgl., weil sie auch unabhängig vom Denken erlebt werden. Wesentlich anders steht die Sache beim Denken von Realitäten. Hier ist zunächst die Schwierigkeit zu berücksichtigen, daß sich jenseits der Bewußtseinswirklichkeit auch  Fiktionen  beliebiger Art, wie z. B. ein absolut starrer Körper, ein  perpetuum mobile,  ein absolut vollkommener und glücklicher Endzustand der Menschheit, ein Schlaraffenland und dgl. denken lassen. Darum bedarf es hier einer  Kriterienlehre,  die das Reale vom bloß Fiktiven zu unterscheiden gestattet. Sodann aber ist mit der bloßen Tatsächlichkeit solchen Denkens hier noch nicht das  Recht  erwiesen, die Gegenstände desselben als jenseits der Bewußtseinswirklichkeit bestehende Realitäten anzusehen. Ein solches Recht wird ja geraden vom Konszientalismus bestritten. Darum ist es erforderlich, die Gründe kennen zu lernen, die vom Wirklichkeitsstandpunkt gegen das Recht der Transzendenz geltend gemacht werden und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sofern bei diesen Gründen nicht sowohl die Bestimmung, als vielmehr die bloße Annahme von Realitäten in Frage steht, wird ihre Diskussion nicht nur dem Realismus, sondern auch dem Phänomenalismus zugute kommen. Von den im folgenden aufgeführten fünf Argumenten hat namentlich das erste eine solche allgemeinere, den Realismus im engeren Sinne nicht berührende Bedeutung.

a) Der Begriff einer vom Denken unabhängig existierenden Realität ist ein sich selbst  widersprechender.  Indem man sie denkt, ist sie eben nicht mehr vom Denken unabhängig. Da nun das Denken zur Bewußtseinswirklichkeit gehört, bzw. gehören kann, so kommt man über diese auch mit der Realität nicht hinaus.

b) Denken läßt sich  tatsächlich  nur, was zur Bewußtseinswirklichkeit gehört, d. h. Denken und Vorstellen sind nicht verschieden voneinander. Ein solcher empirisch-psychologischer Gesichtspunkt liegt dem BERKELEYschen Idealismus zugrunde, der eine außenweltliche Realität materieller Substanzen auch aus dem Grunde ablehnt, weil sie unvorstellbar ist.

c) Das Ideal der Wissenschaft ist die volle  Gewißheit,  die Allgemeingültigkeit ihrer Ergebnisse. Dieses Ideal kann nur erreicht werden, wenn man alles Hypothetische, Problematische, Ungewisse ausscheidet. Nun ist für die Realwissenschaften das unmittelbar im Bewußtsein Gegebene das einzig Gewisse. Was darüber im Sinne einer Ergänzung oder Änderung hinausgeht, ist unsichere Spekulation, gewagte Vermutung. Darum ist alle Transzendenz im Interesse der Allgemeingültigkeit zu vermeiden und die Wissenschaft auf die Aufgabe zu beschränken, daß sie das Bewußtseinswirkliche darstellen, in Gedanken nach bilden soll.

d) Ein anderes Ideal der Wissenschaft ist die größtmögliche  Zweckmäßigkeit  und Einfachheit der Darstellungsmittel. Dieses Ideal wird erreicht, wenn man alle überflüssigen Annahmen unterläßt. Das Grundgesetz der Wissenschaft ist von diesem Gesichtspunkt aus das Prinzip der Ökonomie. Die Annahme von Realitäten ist demnach als entbehrliche Zutat metaphysischer Herkunft preiszugeben.

e) Alle Begriffe sind aufgrund von Bewußtseinswirklichem, von  Erlebnissen gebildet  und sind darum auch nur auf solche sinngemäß anwendbar. Darum können die realwissenschaftlichen Begriffe einer Materie, einer Seele und dgl. nur durch ihre Beziehung auf Tatsachen des Bewußtseins eine verständliche und anzuerkennende Bedeutung erlangen.

9. Eine Prüfung der Beweiskraft dieser Argumente wird das erste,  logische,  ohne sonderliche Mühe entkräften können. Der  Begriff  eines ungedachten Dings an sich ist gewiß ein Widerspruch, weil alle Begriffe Gedanken und nur durch das Denken mögliche Gegenstände desselben sind. Aber das Ding an sich selbst kann nicht im Widerspruch mit dem Begriff eines solchen stehen. Zu jenem gehört das Gedachtwerden, das "Gegenstand eines Denkens sein" nicht als eine es bestimmende Eigenschaft hinzu. Außerdem aber bedeutet das Gedachtwerden nicht eine  Abhängigkeit  vom Denken. Folglich liegt darin, daß ich eine Realität denke, die von meinem Denken unabhängig ist, kein Selbstwiderspruch. Daß aber alle gedachten Gegenstände  nur  etwas Gedachtes und damit ein Bewußtseinswirkliches seien, kann nicht bewiesen werden. Dem widerspricht unter anderem auch die Tatsache, daß, wo wir sonst innerhalb der Bewußtseinswirklichkeit Gelegenheit haben, das Verhältnis des Gedankens zu seinem Gegenstand zu beobachten (z. B. bei Gefühlen, Willensakten, die wir denken), der Gegenstand sehr wohl vom Denken unabhängig bestehen kann. Es darf somit aus der bloßen Behauptung, daß etwas gedacht wird, nicht geschlossen werden, daß es  nur  ein Gedanke sei.

Das  empirische  Argument, daß sich nur denken lasse, was zur Bewußtseinswirklichkeit gehöre oder gehören könne, entspricht nicht den Tatsachen. Denn die Gegenstände des Denkens umfassen einen viel größeren Bereich, als den durch die Erlebnisse unseres Bewußtseins umschriebenen Kreis von Objekten. Nicht nur lassen sich Begriffe denken, d. h. logisch fixierte Bedeutungen von Zeichen, sondern innerhalb der Klasse der "Objekte" haben wir neben den "wirklichen" die idealen und die realen Objekte zu unterscheiden. Weder die Begriffe noch die letzten beiden Arten von Objekten sind aber anschaulicher, vorstellbarer Natur. Man kann darum sicherlich das Unanschauliche, Unvorstellbare denken und es besteht ein unmittelbares Meinen von Objekten, die nicht zur Bewußtseinswirklichkeit gehören. Mögen darum Materie, Energie, Seele sich nicht vorstellen lassen, so können sie doch gedacht werden und zwar nicht nur als Begriffe, sondern auch als Objekte dieser Namen.

10. Das  formale  Argument aus der Allgemeingültigkeit der Wissenschaft übersieht, daß von den unmittelbar gegenwärtigen Bewußtseinsinhalten, für die allein eine volle empirische Gewißheit in Anspruch genommen werden kann, überhaupt keine Wissenschaft möglich ist. Denn diese Inhalte sind rein subjektiv, die Aussagen darüber entziehen sich also jeder eigentlichen Kontrolle ihrer Richtigkeit und sie wechseln mit der Gegenwart im unaufhaltsamen Strom des Geschehens, lassen sich nicht fixieren und einer dauernden, bzw. wiederholten Untersuchung unterziehen. Man nimmt daher regelmäßig fremde Beobachtungen zu den eigenen und frühere zu den jetzigen hinzu, um die Wissenschaft vom zufälligen Subjekt und zufälligen Moment der Erkenntnis unabhängig zu machen. Damit aber hat man den Boden des Realismus bereits betreten. Außerdem aber ist es ein, wie die wissenschaftliche Forschung zeigt, ungerechtfertigtes Vorurteil, daß die Aussagen über die unmittelbar gegenwärtigen Empfindungen schlechthin zuverlässig seien. Weder traut die Naturwissenschaft ohne weiteres einer solchen Angabe über momentan Erlebtes, noch die Psychologie.

Will sodann der Konszientalismus im Sinne seines  teleologischen  Arguments dartun, daß der Realismus überflüssige Annahmen in die Wissenschaft bringe, die gegen das Prinzip der Ökonomie des Denkens verstoßen, so ist dagegen zu erklären, daß zum mindesten eine realistische Ausdrucksweise weit einfacher, bequemer und zweckmäßiger erscheint, als eine konszientalistische. Man versuche nur irgendein Gesetz der Physik oder Chemie oder irgendeinen Tatbestand der Geschichte streng vom Wirklichkeitsstandpunkt aus, also nur mit Rücksicht auf Bewußtseinsinhalte, darzustellen und man wird alsbald finden, daß das höchst umständlich, wenn nicht gar unmöglich ist. Man wird daher den Realwissenschaften im Interesse der Ökonomie empfehlen müssen, wenigstens so zu reden, als wenn es Realitäten gäbe.

Das  genetische  Argument endlich enthält zwei unbewiesene und unzutreffende Voraussetzungen. Zunächst die, daß alle Gedanken aus Empfindungen oder Vorstellungen hervorgegangen seien und dann die andere, daß die Herkunft eines Gedankens über seinen Anwendungsbereich entscheide. Selbst wenn es richtig wäre, daß wir die Gegenstände unseres Denkens ursprünglich nur der sinnlichen Erfahrung entnehmen, würde daraus noch nicht folgen, daß es überhaupt keine anderen Gegenstände geben könne.

11. Mit dieser Widerlegung der Argumente gegen den Realismus ist natürlich nur dessen  Möglichkeit  dargetan. Aber unberührt von ihnen sind die Tatsachen geblieben, die den naiven und kritischen Realismus begründet haben und auf sie gestützt darf er den Rang einer  wahrscheinlichen Hypothese  für sich beanspruchen. Nun besteht jedoch ein beträchtlicher Unterschied zwischen der Setzung und der Bestimmung von Realitäten. Jene kann sehr sicher, diese sehr zweifelhaft sein. Tatsächlich sind die Realwissenschaften zwar einig hinsichtlich der Annahme  existierender  Realitäten, aber ihre Lehren über deren  Essenz  gehen auseinander und sind größeren Wandlungen unterworfen. Da liegt es nahe, sich auf den Vermittlungsstandpunkt des  Phänomenalismus  zu stellen, alle Bestimmung von Realitäten abzulehnen und nur an deren Setzung festzuhalten. Diese schon von den  Skeptiker des Altertums vertretene und in der Neuzeit namentlich von KANT begründete Lehre betrachtet das in der Erfahrung Gegebene als  Erscheinung,  als einen Hinweis auf Reales, auf  Dinge an sich.  Die im Raum sich ausdehnende Welt der äußeren Erfahrung ist demnach ebenso wie die in der Zeit ablaufende Welt der inneren Erfahrung nicht die Welt, wie sie an sich ist, sondern wie sie uns, den Erkennenden erscheint. Denn die Anschauungsformen Raum und Zeit, die "reinen" Anschauungen, die "transzendentalen" Bedingungen der sinnlichen Erkenntnis, stammen nicht selbst aus der Erfahrung, sondern sind im Gemüt bereit liegende, den Stoff, die Empfindungen, gestaltende und ordnende Hilfsmittel, über die wir als Erkennende verfügen, die wir an die Erfahrung heranbringen. Wie die Seele und die Außenwelt  unabhängig von Raum und Zeit,  also "an sich" wären, vermögen wir nicht zu sagen. Denn auch die Bearbeitung, die der Verstand an der Anschauung vornimmt, befreit sie nicht von den subjektiven Faktoren, sie fügt vielmehr noch weitere hinzu. Die Begriffe und Urteile nämlich, in welche wir hier unsere Erkenntnis fassen, indem wir ein Ding zur Substanz, einen Vorgang zur Ursache machen, von einem oder von vielen Objekten reden, hier eine Möglichkeit, dort eine Notwendigkeit behaupten, alle diese logischen Operationen gehen selbst wieder auf einen ursprünglichen Besitz des erkennenden Geistes zurück, bilden ein  a priori,  das wir der Erfahrung nicht entnehmen können. Empirische Realität kommt den so bestimmten, geformten Erscheinungen freilich zu, aber die Dinge an sich bleiben unerkennbar. Sie sind Noumena, die einer intellektuellen Anschauung, nicht unserer sinnlichen, zugänglich sein möchten, ein Grenzbegriff, der die Anmaßung des naiven Realismus einschränkt.

12. Nach dieser Lehre KANTs sind die "Erscheinungen", auf die sich unsere Erkenntnis soll beschränken müssen, nicht mit der Bewußtseinswirklichkeit der Konszientalisten identisch. Denn zu ihnen gehören nicht nur die Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen, die in räumlicher, bzw. zeitlicher Ordnung gegeben sind, sondern auch die bloß gedachten materiellen Substanzen, kausal verbundenen Ereignisse, in Wechselwirkung miteinander stehenden Wesen. Der Phänomenalismus räumt also jenen unmittelbaren Inhalten des Bewußtseins keinen Vorrang ein vor den durch begriffliche Arbeit aus ihnen hervorgegangenen Bestimmungen, deren Objekte trotz der transzendentalen Idealität der dabei zur Anwendung gelangten Kategorien doch auf empirische Realität mit demselben Recht Anspruch erheben dürfen, wie die von den transzendentalen Anschauungsformen erfaßten und geordneten Wahrnehmungsinhalte. Darum wird der Phänomenalismus von der Widerlegung der konszientalistischen Argumente nicht getroffen. So hat der Realismus, wie es scheint, allen Grund, den Phänomenalismus anzuerkennen. Aber auch der Wirklichkeitsstandpunkt kann gegen das transzendente Minimum eines Dings an sich nichts ausrichten, nachdem der vermeintliche Widerspruch in diesem Begriff aufgehoben ist. Wie sollte auch ein derartiger Grenzbegriff der sonst herrschenden Übereinstimmung zwischen beiden Richtungen Eintrag tun können, da er doch lediglich dazu bestimmt ist, die Grenzen der Erkenntnis durch die Angabe eines unerkennbaren Gegenstandes zu charakterisieren? So haben sich denn viele Philosophen der neuesten Zeit, nicht nur die NEUKANTIANER, für den Phänomenalismus erklärt, der die berechtigten Tendenzen des Realismus und des Wirklichkeitsstandpunkte in sich zu vereinigen scheint. Die  Agnostiker  wie HERBERT SPENCER, ein Logiker, wie BENNO ERDMANN, ja selbst mancher Konszientalist, MACH und MILL nicht ausgenommen, sind als Vertreter eines Phänomenalismus zu betrachten, mag auch dessen besondere Färbung bei KANT von ihnen mehr oder weniger erheblich modifiziert worden sein. Im Gedanken oder Zugeständnis eines unerkennbaren Dinges an sich, das nur gesetzt oder gefordert werden kann, würde man das einzige wesentliche Merkmal dieser Richtung zu erblicken haben.

13. In der Tat wird man dieser Grundidee des Phänomenalismus schon deshalb den  Vorzug vor dem konszientalistischen Bekenntnis  einräumen müssen, weil sie die Gefahr des letzteren vermeidet, in eine dogmatische Behauptung auszuarten und sich somit als die vorsichtigere und weitherzigere Auffassung vom Gegenstand der Realwissenschaften empfiehlt. Es kann sich daher für die schließliche Entscheidung über das hier diskutierte Problem nur noch darum handeln, zwischen dem Phänomenalismus, der jede Bestimmung von Realitäten im Sinne von Dingen an sich für unmöglich hält und dem kritischen Realismus, der sie anstrebt, die Wahl zu treffen. Folgende Überlegung dürfte geeignet sein, diese Wahl zu erleichtern. In bezug auf den  Fortschritt  im Gebiet der Realwissenschaften führt der phänomenalistische Standpunkt zu der einem Skeptizismus nicht unähnlichen Vorstellung, daß man dem Realen selbst ewig gleich fern bleibe und alle Forschung und Untersuchung im Grunde nur ein Drehen und Wenden der Erscheinungen bedeute. Das Ziel aller Arbeit in diesen Gebieten ist demnach im besten Falle eine vollständige Einsicht in das Wesen der Phänomene. Der kritische Realismus kennt ein anderes Ziel und ermöglicht eine befriedigendere Auffassung vom Fortschritt unseres Wissens. Und fragen wir nun, warum denn eigentlich die Dinge an sich  a priori  für unbestimmbar gehalten werden, so werden wir auf den trübenden Einfluß der subjektiven Faktoren hingewiesen, die unabänderlich und unberechenbar die reale Welt verhüllen. Dem gegenüber hat schon EDUARD von HARTMANN einen  transzendentalen  Realismus ausgebildet, nach dem gerade unsere Kategorien, wie die der Zahl, der Kausalität und andere selbst ein reales Verhalten zum Ausdruck bringen. Sind die Dinge an sich beim Zustandekommen des Stoffs unserer Erkenntnis, der Wahrnehmungsinhalte beteiligt, so müssen sie unter den Gesichtspunkt von Ursachen fallen. Verschiedene Wirkungen müssen aber verschiedenen Ursachen entsprechen und so eröffnet sich durch die Annahme einer "transzendenten" Kausalität die Möglichkeit, über das Reale selbst nähere Bestimmungen zu treffen. Somit wird man dem Phänomenalismus nicht den Einwand ersparen können, daß er von vornherein von einem  dogmatischen Vorurteil  beherrscht ist, indem er ohne Beweis - denn wie sollte ein Beweis dafür angetreten werden? - annimmt, daß unsere Erkenntnisformen, insbesondere das Denken, notwendig einen verhüllenden Einfluß auf die Erkenntnis des Realen ausüben und sich niemals von einer geringeren zu einer größeren, von einer unrichtigeren zu einer richtigeren Einsicht in das Wesen der Dinge erheben können. Nicht jedes Gefäß braucht ja den Stoff zu ändern, der in ihm aufgefangen wird. In unserem Denken haben wir ein so anpassungsfähiges Werkzeug, daß es mit seiner Hilfe wenigstens sollte gelingen dürfen, eine tiefere, vollständigere und richtigere Erkenntnis des Realen zu erringen. (1)

14. Beseitigt man nun das bezeichnete Vorurteil, indem man ein wachsendes Wissen von Realitäten für möglich hält, so ist der kritische Realismus das  Resultat  unserer Erwägungen. Nicht im ersten Anlauf, wie der naive Realismus meinte, ist das Wesen der Welt zu erfassen, sondern in unendlicher Arbeit nähern wir uns diesem Ziel. Dann gilt auch der phänomenalistische Gedanke von der Unerkennbarkeit der Dinge an sich für jeden bestimmten Zeitpunkt wissenschaftlicher Forschung, insofern das Ziel selbst ein tatsächlich unerreichtes Ideal bildet. Für jeden solchen Zeitpunkt aber das Fazit zu ziehen, ist eine realwissenschaftliche Metaphysik im Anschluß an die Einzelforschung berufen. Sie ist von diesem Gesichtspunkt aus die provisorische Vollendung der Natur- und der Geisteswissenschaften, die wenigstens in den Grundzügen das Ziel antizipiert, das diese in unablässiger Untersuchung erstreben. Auch dem Wirklichkeitsstandpunkt wird in solchem Zusammenhang sein relatives Recht. Denn für die Erkenntnis der Dinge sind wir zunächst auf die Bewußtseinswirklichkeit, die Wahrnehmungen, dier Erscheinungen angewiesen. Aufgrund ihres Verhaltens deuten und bestimmen wir das Reale, gestalten wir die Begriffe von einer Außenwelt, einer Innenwelt, einer realen Vergangenheit. So erweist sich der kritische Realismus als der umfassendste Standpunkt, der sich in keine dogmatischen Grenzen einschließt, der weder die Setzung noch die Bestimmung von Realitäten, die ihrer Natur nach bloß gedacht werden können, als  a priori  unmöglich bestreitet und damit zugleich die höchste und förderlichste Idee von der Aufgabe der Realwissenschaften vertritt. Indem wir uns diesen Standpunkt zu eigen machen, sind wir in der Lage, den im folgenden zu erörternden metaphysischen Richtungen ein positives Interesse zu widmen. Sie sind nicht  en bloc  abzulehnen, weil und sofern sie metaphysische Richtungen sind, sondern verdienen eine über den historischen Bericht hinausgehende Prüfung.
LITERATUR - Oswald Külpe, Einleitung in die Philosophie, Leipzig 1910
    Anmerkungen
    1) Vergleiche darüber meine Schrift über Immanuel Kant, 2. Auflage 1908