cr-2ra-1Paul Sternvon Malottkivon Aster    
 
OSWALD KÜLPE
Die Realisierung
[Ein Beitrag zur Grundlegung
der Realwissenschaften]

[1/2]

"Der Aufgabe, eine Theorie der Realisierung zu liefern, hat sich die Erkenntnistheorie bisher fast ganz entzogen. Das Problem der Außenwelt ist allein berücksichtigt worden, als wenn nicht alle Erfahrungswissenschaften Reales setzen und bestimmen und so ist die Behandlung jenes Problems über die allgemeine Frage nach der Annahme und deren Berechtigung kaum hinausgegangen."

"Überall wo sich ein Gegebenes, Vorgefundenes, kurz eine Erfahrung darbot, mußte das Bedürfnis entstehen, den Reflex der in das Bewußtsein hereinwirkenden Mächte, die reine Tatsächlichkeit, von den besonderen Bedingungen zu trennen, die ihre Auffassung und Vorstellung begleiten."

"Die Gegenstandstheorie ist die Lehre von den für  alle  Gegenstände des Denkens geltenden Bestimmungen, die allgemeine  Erkenntnistheorie  und  Logik  die Lehre von den bei der Erkenntnis und ihrer Darstellung in der Wissenschaft wirksamen und zulässigen Operationen und Methoden."

Vorwort

"Die Geschichte der Philosophie ist die Erzählung einer Menge von Ausflüchten und Verzögerungen, die sich zwischen das Auffassen der Erfahrung und das Hinzudenken der nötigen Ergänzung hineingeschoben haben; und diese Erzählung klingt umso seltsamer, weil das Gefühl, es sei irgendeine Ergänzung unentbehrlich, stets wirksam gewesen ist, um aufzu klären,  was man gehörig aufzu nehmen  sich nicht entschließen konnte."
            - Herbart, Einleitung in die Philosophie, Seite 257


Hiermit übergebe ich der Öffentlichkeit den ersten eines auf vier Bände berechneten Werkes über den in allen Realwissenschaften üblichen Prozeß einer Setzung und Bestimmung von Realitäten. Außer der für alles weitere grundlegenden und programmatischen Einleitung enthält er eine Untersuchung über die Zulässigkeit der allgemeinen Realisierung, d. h. der bloßen Setzung realer Objekte. Dieses Verfahren wird durch eine Zurückweisung der Einwände des Konszientalismus [das Wirkliche als Bewußtseinstatsache - wp] und des objektiven Realismus, die mit Bewußtseinsinhalten oder mit idealen Objekten alle Bedürfnisse der empirischen Erkenntnis bestreiten zu können glauben, ausreichend sichergestellt.

Die zweite Band wird die Aufgabe haben darzulegen, wie die allgemeine Realisierung in den in Betracht kommenden Wissenschaften möglich ist, bzw. welche Gründe oder Kriterien dazu führen. Der dritte Band wird die Auseinandersetzung mit dem Phänomenalismus, der die Bestimmung der Realitäten, die spezielle Realisierung, für unzulässig erklärt und die erkenntnistheoretische Würdigung des Denkens als der Funktion bringen, ohne die es eine Realisierung nicht gäbe. Der letzte Band soll schließlich die besonderen Formen und Kriterien der Bestimmung von Realitäten entwickeln. Da sich der vor vierzehn Jahren konzipierte Grundgedanke und der bald darauf genauer ausgeführte Plan im ersten Entwurf des Ganzen, den ich vor einigen Jahren beenden konnte, bewährt haben, glaubte ich nach wiederholter Durcharbeitung an die Veröffentlichung jetzt herantreten zu dürfen, obwohl ich über die Frist noch nichts bestimmen kann, die bis zur Ausgabe der folgenden Bände verstreichen wird.

Das Interesse an den hier behandelten Problemen reicht in die Zeit meiner ersten philosophischen Studien zurück. TRENDELENBURGs Logische Untersuchungen brachten sie mir ursprünglich nahe, freilich in der unfruchtbaren dialektischen Fassung: wie kommt das Denken zum Sein? Danach erhielt ich eine entscheidende Förderung durch MACH, AVENARIUS und WUNDT, insofern sie den unmittelbaren Ausgangspunkt sowohl für die psychologische wie auch für die naturwissenschaftliche Realisierung in den "Elementen", der "vollen Erfahrung", dem "Vorstellungsobjekt" aufzeigten. Schließlich hat die von ERDMANN, RIEHL und von KRIES ungefähr gleichzeitig vollzogene Unterscheidung von Real- und Idealurteilen einen Anstoß zu der mir grundlegend erscheinenden Gegenüberstellung von Begriff und Objekt gegeben und damit die Bedeutung des Denkens auch zu einem psychologischen Problem werden lassen. Bei der Ausführung aber hat das Verfahren der realwissenschaftlichen Forschung selbst den größten Einfluß geübt. Meine ganze Behandlung der Realisierung soll der Hauptsache nach eine Theorie dieses Forschungsverfahrens und nicht eine kritische Besprechung philosophischer Lehren sein. Diese hat für jene nur die Bahn frei zu machen. Man wird es in Zukunft vermutlich kaum verstehen, daß es eine Zeit gab, in der die Realisierung verkannt und als besondere Methode der Forschung übersehen oder bestritten werden konnte.

Im letzten Grund beruhen die in diesem Band gewürdigten Richtungen des Konszientalismus und des objektiven Idealismus auf einer unberechtigten Verallgemeinerung ihrer Behauptungen oder auf einer unzureichenden Differenzierung der wissenschaftlichen Aufgaben. Damit ist bereits zugestanden, daß unser Verhalten gegen sie nicht ein Vernichtungskrieg, sondern lediglich eine Grenzregulierung ist. Diese aber darf auch hier beanspruchen, ein ehrliches Bündnis an die Stelle der früheren Gegnerschaft gesetzt zu haben. Eine ernsthafte Bemühung um die im Bewußtsein vorgefundenen, ihm gegebenen Tatsachen muß dem Realisten ebenso willkommen sein, wie eine Einsicht in die idealwissenschaftlichen Operationen und Ergebnisse. Von beiden Seiten kann ihm eine Unterstützung und Ergänzung seiner eigenen Tätigkeit zuteil werden. So löst sich aller Streit in ein friedliches Zusammenwirken an verschiedenen Gegenständen auf. Ist der Konszientalismus die Theorie der phänomenologischen, der objektive Idealismus die Theorie der idealwissenschaftlichen Erkenntnis geworden, dann bleibt dem Realismus die besondere Aufgabe, die realwissenschaftliche Erkenntnis verständlich zu machen. Die allgemeine Erkenntnistheorie aber wird dann weder konszientalistisch noch idealistisch noch auch realistisch sein können.



Einleitung

1. Das Problem der Realisierung

Eine der ältesten und wichtigsten Fragen der Philosophie zielt auf das wahrhaft Seiende, das dem Schein und Trug der Sinne, zufälliger Meinung und willkürlicher Setzung entrückt ist. Um dieses Seiende bemühten sich schon die Vorsokratiker, namentlich die Eleaten, und PLATON hat ihm danach tief eindringende Untersuchungen gewidmet. Zu einer sehr praktischen Angelegenheit wurde es für die erwachende Naturwissenschaft der Neuzeit, die ein Kriterium der Körperlichkeit brauchte. Ontologismus, Mystik und Selbstanschauung fanden daneben einen unmittelbaren Weg zu ihm. Überall wo sich ein Gegebenes, Vorgefundenes, kurz eine Erfahrung darbot, mußte das Bedürfnis entstehen, den Reflex der in das Bewußtsein hereinwirkenden Mächte, die reine Tatsächlichkeit, von den besonderen Bedingungen zu trennen, die ihre Auffassung und Vorstellung begleiten. Unter diesem Gesichtspunkt entwickelte sich die Erfahrungswissenschaft, nachdem bereits das Leben eine entsprechende Sonderung nahegelegt und ausgebildet hatte (1).

So treffen wir dann in den heutigen Natur- und Geisteswissenschaften allenthalben Beschreibungen und Theorien von Gegenständen, die ein wahrhaft Seiendes oder Gewesenes sein sollen. Von den Elektronen der Physik und den Himmelskörpern der Astronomie, durch die Elemente der Chemie bis zu den Mineralien, Pflanzen und Tieren der sogenannten beschreibenden Naturwissenschaften führt eine einheitliche und gleichartige Bemühung um Feststellung solcher Gegenstände. Mag auch die Analyse und Vergleichung von Sinneseindrücken überall der Ausgangspunkt dieser Arbeit gewesen sein, zweifellos ist man bei ihnen nicht stehen geblieben, sondern bestrebt gewesen, ein Seiendes zu finden und zu bestimmen, das auch beim Verlöschen der Sinneseindrücke als fortdauernd angesehen werden konnte. In den Geisteswissenschaften verhält es sich nicht anders. Wer Bau und Entwicklung der Sprachen studiert, wer Sitten und mythologische Vorstellungen, Kunst und Recht, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft untersucht, ist gleichfalls auf die eigentliche Natur all dieser Gegenstände, auf ihr wahrhaft Seiendes oder Gewesenes gerichtet. Mag auch der Anteil der Phantasie an der Versenkung in solche Gebilde gelegentlich betont werden, nicht als eine freie, selbständig schaffende, sondern nur als eine nacherlebende, also von gegenständlichen Vorlagen abhängige Betätigung des forschenden Geistes wird sie hier zugelassen. Selbst in der Psychologie, die ja meist als Bewußtseinswissenschaft, als eine Lehre vom unmittelbar Gegebenen behandelt zu werden pflegt, ist der Zug zum wahrhaft Seienden unverkennbar. Sobald man von realpsychischen Vorgängen, von einer Seele und deren Fähigkeiten und Leistungen, ja auch nur von Empfindungen, Vorstellungen und Gefühlen als Elementen des Seelenlebens redet, hat man bereits die Grenze des unmittelbar Vorgefundenen überschritten und ist dazu übergegangen, das Seelenleben als einen für sich seienden Tatbestand aufzufassen und zu bestimmen.

Wir wollen das Verfahren, das man in all diesen Wissenschaften einschlägt, um in der Erfahrung und aus ihr heraus ein wahrhaft Seiendes oder Gewesenes zu erkennen, die  Realisierung  nennen, und den Gegenstand, auf den sie gerichtet ist, das  Reale  oder die  Realität  (2). Der übliche Sprachgebrauch verbindet mit dem Ausdruck  Realisierung  den Gedanken einer Herstellung, eines Tuns und Erzeugens (Realisierung eine Absicht, einer idee, eines Plans und dgl.). Davon soll hier natürlich abgesehen werden. Unser Begriff der Realisierung ist eine Art desjenigen der Erkenntnis. Er bezeichnet ein Forschungsverfahren, bei dem das zu erfassende Reale vorausgesetzt, nicht erst hervorgebracht wird. Nur die Gedanken, in denen wir es darzustellen und zu verstehen suchen, werden erzeugt und gestaltet. Wir reden in diesem Sinn von einer naturwissenschaftlichen, psychologischen, geisteswissenschaftlichen, metaphysischen Realisierung, je nachdem auf welchen Gebieten sich die Erkenntnis von Realitäten vollzieht. Ihre Zulässigkeit und Möglichkeit wird unser Problem sein. Damit stellen wir uns zugleich die Aufgabe, genauer der Methode nachzugehen, die in den verschiedenen Wissenschaften bei der Realisierung befolgt wird. Hier läßt sich sofort eine zweifache Form der letzteren aufführen: die  Setzung  (3), Erfassung, Annahme von Realitäten und deren  Bestimmung,  Wesensangabe, Charakteristik. Jene liegt vor, wenn lediglich das Sein eines Realen, seine Existenz behauptet, diese, wenn über die Beschaffenheit desselben, seine Essenz ausgesagt wird. KANTs Annahme eines Dings-ansich, dessen Wesen uns gänzlich unerkennbar bleibt, ist ein typischer Fall von Realisierung im Sinne einer bloßen Setzung des Realen.

Der Aufgabe, eine Theorie der Realisierung zu liefern, hat sich die Erkenntnistheorie bisher fast ganz entzogen. Das Problem der Außenwelt ist allein berücksichtigt worden, als wenn nicht alle Erfahrungswissenschaften Reales setzen und bestimmen und so ist die Behandlung jenes Problems über die allgemeine Frage nach der Annahme und deren Berechtigung kaum hinausgegangen. Und doch liegt hier eine so bedeutend und fruchtbare Aufgabe für die philosophische Untersuchung vor, wie sie größer und bleibender schwerlich gedacht werden. Das ergibt sich aus der Formulierung der Fragen, die im Problem der Realität enthalten sind:
    1.  Ist eine Setzung von Realem zulässig?  Diese Frage wird von zwei einflußreichen erkenntnistheoretischen Richtungen, dem  Konszientalismus oder Wirklichkeitsstandpunkt  und dem  objektiven Idealismus  verneint. Nach jenem hat sich die Erfahrungswissenschaft auf die im  Bewußtsein  gegebenen Tatsachen, die Sinneseindrücke, Vorstellungen, Gefühle, Gedanken oder das  Wirkliche,  das unmittelbar Gegenwärtige zu beschränken. Jede Überschreitung dieses Gebietes führt in phantastische, spekulative, metaphysische Annahmen. Eine Theorie der Realisierung hat sich daher zunächst mit dem Wirklichkeitsstadpunkt auseinanderzusetzen, der für das Problem der Außenwelt meist die Form des subjektiven Idealismus angenommen hat. Der objektive Idealismus dagegen identifiziert die realen Objekte mit den  idealen  der  Idealwissenschaften  und sucht alle Forschung auf den Typus der letzteren zurückzuführen. Das Denken erweist sich überall schöpferisch und läßt nirgends eine Selbständigkeit von Objekten zu, wie sie der Realismus voraussetzt. Auch mit dieser Richtung haben wir abzurechnen, ehe wir an die positive zweite Frage herantreten können.

    2.  Wie ist eine Setzung von Realem möglich?  Hier sind die Gründe zu erörtern und zu prüfen, die zu einer  allgemeinen  Realisierung, zu der bloßen Annahme eines Realen führen. Als solche Gründe sind  empirische,  rationale und  gemischte  aufgestellt worden. Die empirischen beruhen auf der Annahme, daß bestimmte Erfahrungen, wie z. B. die Eindrücke des Tast- und Muskelsinns, vor anderen als realisierbar zu gelten haben. Die rationalen Gründe machen gewisse Formen und Gesetze des Denkens, der Verstandes- und Vernunfttätigkeit, wie z. B. die sogenannte Transzendenz des Denkens oder die Widerspruchslosigkeit, zum Fundament einer Realisierung. Die gemischten schließlich, die empirische und rationale Momente in sich enthalten, lassen eine Setzung von Realem dadurch entstehen, daß sie bestimmte Erfahrungen mit bestimmten Denkformen verbinden, wie z. B. die Annahme einer Ursache für die Sinneseindrücke. Aus der Kritik dieser Gründe ergibt sich in Verbindung mit einer Würdigung der in den Erfahrungswissenschaften tatsächlich wirksamen Kriterien der Realität, was zur Setzung derselben in den einzelnen Realwissenschaften berechtigt.

    3.  Ist eine Bestimmung von Realem zulässig?  Auch diese Frage hat eine negative Beantwortung erfahren, indem der  Phänomenalismus  sich mit der bloßen Setzung von Realem begnügen zu sollen erklärt. Hiernach muß zwar ein Reales angenommen werden, aber seine Bestimmung, die Angabe seines Wesens ist unmöglich. Diese schon in der antiken Skepsis vertretene, später namentlich von KANT durchgeführt Lehre fordert eine Auseinandersetzung mit ihren Argumenten. Wir dürfen unsere dritte Frage nur bejahen, nachdem wir den Phänomenalismus gewogen und zu leicht befunden haben.

    4.  Wie ist eine Bestimmung von Realem möglich?  Mit dieser Frage ist das letzte Problem unserer Theorie der Realisierung bezeichnet. In ihm münden alle anderen. Die Realwissenschaften bleiben nirgends bei bloßen Setzungen stehen, sie schreiten überall zu Bestimmungen, wenn auch provisorischen oder nur in allgemeiner Fassung aufgestellten weiter. Die Theorie dieser Realisierungen setzt zweierlei voraus: erstens eine  erkenntnistheoretische Würdigung des Denkens  als des Organs, dessen man sich bei ihrer Ausführung zu bedienen hat; zweitens eine Angabe der besonderen  Gründe,  die eine Bestimmung von Realem ermöglichen. Auch hier kann zwischen empirischen, rationalen und gemischten Gründen unterschieden werden. Danach ist den einzelnen  Formen oder Methoden  der Realisierung eine Untersuchung zu widmen und müssen die Grundsätze abgeleitet werden, nach denen sie vorgehen dürfen.
Damit ist das Programm der vorliegenden Arbeit entworfen. Die Durchführung kann nur die Bedeutung eines ersten Versuchs beanspruchen. Es geht über das Vermögen des Einzelnen hinaus, eine vollständige und in allem Wesentlichen unveränderliche Grundlegung der Realwissenschaften durch eine erschöpfende Theorie der Realisierung zu schaffen. Es muß genügen, ein Arbeitsfeld, auf dem viele friedlich nebeneinander tätig sein können, in seiner Größe und Fruchtbarkeit aufgezeigt und zu seiner sorgfältigen Einzelbestellung angeregt zu haben. Als Voraussetzungen, die wir nicht erst zu begründen haben, dürfen wir namentlich folgende anführen. Zunächst eine allgemeine  Gegenstandstheorie d. h. eine Lehre von den für  alle  Gegenstände des Denkens geltenden Bestimmungen. Ferner eine allgemeine  Erkenntnistheorie  und  Logik  als Lehre von den bei der Erkenntnis und ihrer Darstellung in der Wissenschaft wirksamen und zulässigen Operationen und Methoden. Sodann die vorgefundene  Wirklichkeit des Bewußtseins  (4), die Erlebnisse in ihrer vollen und unmittelbaren Tatsächlichkeit und Gegebenheit. Schließlich die  Formal-  oder  Idealwissenschaften,  die von idealen Objekten handelnden Disziplinen, unter denen die Mathematik an erster Stelle steht. Es würde unsere Aufgabe allzusehr belasten, wenn wir diese Voraussetzungen noch erst genauer entwickeln wollten. Dagegen müssen wir eine kurze Übersicht der für unsr Vorhaben in Betracht kommenden Auffassung der erstgenannten Wissenschaften geben, weil wir hier nicht, wie bei der Idealwissenschaft der Mathematik, einfach auf den Konsens der Forscher verweisen dürfen.


2. Gegenstandstheorie, Erkenntnistheorie
und Logik.

Jede Wissenschaft hat eine sachlich und zweckmäßig geordnete Darstellung allgemeingültiger Erkenntnisse zum  Ziel.  Ob diese sich auf allgemeine Gegenstände, wie etwa die Kegelschnitte oder die Begriffe überhaupt, beziehen, oder ob sie sich auf individuelle Gegenstände richten, wie z. B. eine historische Persönlichkeit oder ein bestimmtes Kunstwerk, ist dabei nicht von Bedeutung (5). Damit aber eine solche Zusammenfassung des Wissens möglich wird, bedarf es der  Forschung,  die den Gegenstand erkennt, und der  Darstellung,  die die gewonnene Erkenntnis formuliert. Es gehören deshalb zum Aufbau einer jeden Wissenschaft Methoden der Forschung und Methoden der Darstellung. Die Beobachtung des Astronomen, das Experiment des Physikers, die qualitative und quantitative Analyse des Chemikers, die Konstruktion und Berechnung des Mathematikers, die Quellenkritik und Interpretation des Historikers, die Selbstbeobachtung des Psychologen sind Verfahrensweisen, welche der Erkenntnis der von den entsprechenden Wissenschaften behandelten Gegenstände, also der Forschung, dienen. Begriffsbestimmug und Urteilsbildung, Schlüsse und Beweise, Einteilung und Systematisierung dagegen gehören zur Darstellung des Wissens. Man kann diesen Unterschied auch so ausdrücken, daß man sagt: die Forschung konstituiert den Inhalt, die Darstellung die Form der Wissenschaft. Von hier aus ergibt sich dann die einfache Gegenüberstellung der  Erkenntnistheorie  und der  Logik  als der philosophischen Wissenschaften von den materialen und formalen Voraussetzungen der Einzelwissenschaften (6).

Zwischen den Methoden der Forschung und denen der Darstellung besteht dabei ein wesentlicher Unterschied, insofern jene außerordentlich  differenziert  sind, während diese allenthalben einen verhältnismäßig  gleichartigen  Charakter tragen. Nicht nur pflegen Natur- und Geisteswissenschaften hinsichtlich des in ihnen geübten Untersuchungsverfahrens ganz verschiedene Wege einzuschlagen, sondern auch innerhalb einer jeden von diesen Gruppen hat sich eine Fülle der mannigfaltigsten Methoden ausgebildet, die zur Erkenntnis bestimmter Gegenstände benutzt werden. Ja selbst in ein und derselben Wissenschaft können die Methoden zur Untersuchung der einzelnen Gegenstände, mit denen sie sich beschäftigt, erheblich von einander abweichen. So wendet z. B. die Psychologie ganz andere Verfahrensweise zur Erforschung der Empfindungen an, als zur Einsicht in die Gesetze der Gedächtnistätigkeit oder in den Verlauf einer Willenshandlung. Es darf darum als eine spezielle Aufgabe der einzelnen Wissenschaften selbst angesehen werden, die besonderen, von ihnen angewandten und zweckmäßig befundenen Forschungsmethoden zu entwickeln und zu begründen. Wenn sich daher die Erkenntnistheorie mit den materialen Voraussetzungen der Einzelwissenschaften beschäftigt, so können darunter nur gewisse allgemeine, ganze Gruppen von Einzelwissenschaften gemeinsame Methoden und Grundlagen der Forschung gemeint sein. Eine solche Methode ist die  Realisierung,  die Setzung und Bestimmung von Realitäten, sofern sie in allen Realwissenschaften geübt wird.

Die Methoden der Darstellung dagegen haben in allen Wissenschaften gleichartige Aufgaben zu erfüllen. Sie sollen eine geordnete Folge allgemeingültiger Aussagen ermöglichen und bedienen sich dazu in der Regel derselben Darstellungsmittel, wie sie vornehmlich von der Sprache zur Verfügung gestellt werden. Diese Darstellungsmittel sind  Zeichen d. h. Hinweise auf Gegenstände. Ihre Gegenstände fallen nicht mit denen der Forschung zusammen, indem sie die  gewußten  erforschten, nicht die erst zu untersuchenden, unerkannten Gegenstände sind. In der wissenschaftlichen Redeweise pflegt dieser Unterschied freilich nicht hervorzutreten. Vielmehr wird gewöhnlich von der Beziehung auf das Wissen von den Gegenständen abstrahiert. Nur in den modalen Aussagen tritt die Beziehung auf die Erkenntnis der Gegenstände in einem Urteil über sie deutlich zutage. Man darf aber nicht vergessen, daß diese Beziehung überall die Grundlage einer wissenschaftlichen Darstellng bildet. Damit nun die Zeichen einen eindeutigen Hinweis auf die Gegenstände abgeben können, bedarf es einer  gesetzmäßigen Zuordnung  der Zeichen zu den von ihnen zu bezeichnenden Gegenständen. Durch eine solche Zuordnung wird die Bedeutung des Zeichens konstituiert, werden  Begriffe  geschaffen. Sie bilden die Elemente für die Form einer Wissenschaft, sie sind die elementaren formalen Voraussetzungen derselben. Die Logik erscheint von hier aus als eine Theorie der Begriffe und der durch sie ermöglichten Formen der Darstellung (7).

Die Verschiedenheit der Gegenstände ist es, welche die weitgehenden Unterschiede in den Forschungsmethoden bedingt. Die Gleichartigkeit der Darstellungsmittel und der ihre Zeichennatur begründenden Zuordnung zu Gegenständen ist es, welche den Wissenschaften eine übereinstimmende Darstellungsform verleiht. Auch die Gegenstände erhalten für die Darstellung dadurch einen einheitlichen Charakter, daß sie sämtlich als erkannte Gegenstände zu gelten haben. Wenn es darüber hinaus noch allen Gegenständen gemeinsame Beschaffenheiten gibt, so würde damit die Aufgabe einer allgemeinen Theorie von Gegenständen entstehen. Eine solche  Gegenstandstheorie  müßte die Voraussetzungen für alle besonderen Gegenstände und für alle Wissenschaften von ihnen aufstellen und entwickeln. Einen beachtenswerten Anfang zur Ausführung dieser Disziplin enthält die Logik von BENNO ERDMANN schon seit ihrer ersten Auflage vom Jahr 1892. Die Kategorien des PLATON und ARISTOTELES, der  Stoiker  und PLOTINs, die Ontologie der Scholastik und CHRISTIAN WOLFFs und viele andere Versuche und Lehren der Vorzeit gehören gleichfalls hierher. MEINONGs Gegenstandstheorie (8) trägt einen etwas anderen Charakter, weil sie auf eine apriorische Erkenntnis gewisser Gegenstände und Gegenstandsbeschaffenheiten eingestellt ist.

Es wird hier genügen, auf einige Hauptgesichtspunkte der Gegenstandstheorie hinzuweisen. Alle Gegenstände sind zunächst Gegenstände, d. h. haben einen  Gegenstandscharakter.  Jeder Gegenstand hat ferner eine  Beschaffenheit,  vermöge deren er mit anderen Gegenständen verglichen und zusammengefaßt oder von anderen unterschieden und getrennt werden kann. Zwischen den Gegenständen bestehen sodann  Beziehungen  der Gleichheit, Verschiedenheit, Abhängigkeit, die in den Gegenständen und deren Beschaffenheiten wurzeln. Wir sehen davon ab, daß es Gegenstände verschiedener Ordnung geben kann, je nachdem ob dasjenige, was eine Beschaffenheit oder Beziehung hat, als Gegenstand betrachtet wird, oder diese Beschaffenheit oder Beziehung oder gar noch weitere Derivate als Gegenstände gelten. Die allgemeinsten  Sachverhalte,  die aufgrund dieser Bestimmungen möglich sind, lassen sich als ein  Sein  oder  Bestehen  von Gegenständen, Beschaffenheiten und Beziehungen, als ein  Haben  von Beschaffenheiten und Beziehungen und als ein  Stehen  in Beziehungen bezeichnen.

Zu einer Einteilung der Gegenstände gelangen wir am einfachsten durch eine Analyse der an ein Zeichen gebundenen Bedeutungsrichtungen. Jedes Zeichen kann, wie schon WILHELM von OCKHAM (9) gewußt hat, nach drei Richtungen auf Gegenstände hinweisen. Einmal auf sich selbst, das ist die  grammatische  Bedeutungsrichtung, wie wir sie kurz mit Hinblick auf das wichtigste Darstellungsmittel nennen wollen. Dann auf die Bedeutung oder den Begriff, wodurch die Beziehung des Zeichens auf Gegenstände hergestellt wird, und die wir als  logische  Bedeutungsrichtung bezeichnen. Und Drittens auf ein Objekt, an das aufgrund des Zeichens gedacht werden 
soll, das ist die  objektive  Bedeutungsrichtung. Auf die Schwierigkeiten, welche dieser Analyse aus der Natur gewisser Zeichen, wie z. B. der Konkunktionen, erwachsen, brauchen wir nicht einzugehen, wenn wir uns auf diejenigen Zeichen beschränken, welche die größte Zahl von Bedeutungsrichtungen aufweisen. Auf unbezeichnete Gegenstände aber, die eine besondere Gruppe neben den bezeichneten bilden könnten, haben wir keine Rücksicht zu nehmen, sofern wir die Darstellung als eine wesentliche Seite der Wissenschaft betrachten. Die Objekte unterscheiden wir von den Gegenständen dadurch, daß wir sie eine Art derselben, die durch Ausschluß der Begriffe und Zeichen entsteht, bilden lassen. Welcher Gegenstand durch ein Zeichen angegeben werden soll, ist durch besondere Bestimmungen, die der einen oder der anderen Sphäre angehören, in der Darstellung erkennbar. Das Wort  Mensch  kann ansich sowohl eine grammatische wie auch eine begriffliche oder objektive Bedeutungsrichtung haben. Wenn aber Sätze gebildet werden, wie: der Mensch ist ein Substantivum, der Mensch ist ein Gattungsbegriff, der Mensch denkt, so ist in jeder dieser Aussagen nur eine der drei Bedeutungsrichtungen in Kraft getreten.

Wir erhalten nun für jede dieser drei Arten von Gegenständen  kategoriale  Bstimmungen, die den oben angegebenen entsprechen. So wollen wir die Beschaffenheit der Zeichen als  Kennzeiche n oder Charakter und die Beziehung zwischen ihnen als ein  Verhältnis  benennen. Der Begriff hat  Merkmale  als Beschaffenheiten und steht zu anderen Begriffen in einem  Verhältnis  (wir sind genötigt, dasselbe Wort für die Beziehung der Zeichen und der Begriffe zu gebrauchen, weil wir keine besondere Ausdrücke dafür zur Verfügung haben). Dem Objekt schließlich schreiben wir eine  Eigenschaft  zu und eine  Relation  zu anderen Objekten. Ebenso differenzieren sich die Sachverhalte. Die Seinsart der Begriffe ist  Gelten  (10), die der Objekte das  Dasein.  Für die Zeichen steht hier wiederum kein eigentümlicher Ausdruck zur Verfügung. Man kann von einem  Repräsentativsein  derselben sprechen. Bei der Verwandtschaft der Zeichen mit den realen Objekten kann auch das Dasein von ihnen ausgesagt werden.

Die letzte Wurzel aller Objekte liegt in der  Erfahrung.  Aber freilich, sowohl die Ideal- als auch die Realwissenschaften bleiben nicht bei ihr stehen, sondern gehen nach verschiedenen Richtungen darüber hinas. Dadurch erhalten wir drei Hauptarten von Objekten: die  wirklichen,  die  idealen  und die  realen  Objekte. Die erste Klasse umfaßt die Bewußtseinstatsachen, deren Daseinsart das  Gegebensein  oder  Gegenwärtigsein  ist (11). Die zweite Klasse umfaßt die durch  Abstraktion, Kombination  oder  Modifikation  entstandenen und der Erfahrung gegenüber verselbständigten, starr gewordenen, a priori gesetzten Gegenstände, deren Grundlage aber mehr oder weniger durchsichtig in den Wirklichkeiten des Bewußtseins zu finden ist. Ihre Daseinsart wollen wir in Ermangelung eines besonderen Namens als das  ideale Dasein  bezeichnen. Wir rechnen dabei zu den Idealwissenschaften nicht nur die Mathematik, sondern auch solche Disziplinen, wie die Ethik und Ästhetik, sofern sie sich mit einem reinen und in diesem Sinne idealen ethischen und ästhetischen Verhalten beschäftigen. Die dritte Klasse schließlich umfaßt die Objekte, deren Setzung und Bestimmung uns zum Problem geworden ist. Auch sie werden nur aufgrund des "Gegebenen" angenommen, mit dem sie jedoch in dauernder Abhängigkeitsbeziehung bleiben, und können darum auch als  a posteriori  gesetzt bezeichnet werden. Ihre Daseinsart nennen wir die  Existenz.(12)

Bei der nahen Beziehung, die zwischen wirklichen und realen Objekten besteht, kann auch von einem Gegebensein der realen Objekte geredet werden, sofern sie für ein Bewußtsein da sind, und von einem Existieren der wirklichen, sofern in ihnen Reales enthalten ist. Doch ist die Existenz nicht an die Vergegenwärtigung der realen Objekte gebunden. Vielmehr ist die  Unabhängigkeit  des realen Dasein von der Repräsentation im Bewußtsein, wie wir später sehen werden, eines der Kriterien, die zur Realisierung am Gegebenen führen. Auch das ideale Dasein ist nicht an die Vergegenwärtigung der idealen Objekte gebunden. Die Eigenschaften und Relationen der letzteren bleiben, was sie sind, auch wenn kein Bewußtsein sie denkt oder vorstellt. Sie gleichen darin den Begriffen und ihrer Geltung, für die vornehmlich BOLZANO und HUSSERL diese Unabhängigkeit von einem aktualisierenden Bewußtseinsvorgang dargetan haben. Aber sie unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt von den realen Objekten. Sie haben kein  selbständiges Geschehen,  es ändert sich nichts an ihnen, wenn sie sich selbst überlassen sind. Ihr Dasein ist sozusagen ein statisches, nicht ein dynamisches, wie das der wirklichen und realen Objekte. Sie verhalten sich wie Skelette oder ausgestopfte Tiere, denen kein Leben innewohnt, oder wie Marionetten, mit denen man hantieren muß, wenn sie in Bewegung geraten sollen. So konnte die  Eleaten  und PLATON für ihre idealen Objekte die Unveränderlichkeit behaupten.

Wie wir schon bemerkt haben, besteht eine Verwandtschaft zwischen den Zeichen und den realen Objekten, sofern jene als Gegenstände für sich, unabhängig von ihrer Zeichnnatur, betrachtet werden. Als Lautäußerung oder als Schriftbild, als Geste oder als mimische Bewegung kann das Zeichen zu einem Gegenstand realwissenschaftlicher Untersuchung werden. Nur die eigentliche Zeichenfunktion ist es, die den Zeichen eine Sonderstellung innerhalb der Gegenstände anweist, die sie befähigt, andere Gegenstände zu vertreten oder auf sie hinzudeuten. In diesem Sinne werden sie der Gegenstand einer besonderen Wissenschaft, der  Semiasologie die zum größten Teil noch ein unerfülltes Postulat ist (13).

Auch zwischen den Begriffen und den idealen Objekten besteht eine unverkennbare Verwandtschaft (14), sofern jene aus den usuellen Bedeutungen der Zeichen durch eine genauere Abgrenzung oder Determination entstandene Gegenstände sind. Wir unterscheiden deshalb zweckmäßigerweise zwischen  funktionellen  und  gegenständlichen,  zwischen  unfixierten  und  fixierten  Bedeutungen. Jene sind die im Gebrauch der Zeichen von selbst ausbildenden Zuordnungen zu Gegenständen. Ihre Besonderheit liegt, wie bei den Zeichen, in ihrer Funktion. Sie sind nicht Gegenstände, aber sie bilden die Brücke zu ihnen. Die gegenständlichen und fixierten Bedeutungen dagegen sind eine Klasse der Gegenstände, die aus Bedeutungen in ähnlicher Weise hervorgegangen sind, wie die idealen Objekte aus dem Gegebenen, und deren Seinsart, wie wir bereits bemerkt haben, mit dem idealen Dasein Berührungspunkte aufweist. Immerhin sind sie nach Ursprung, Beschaffenheiten und Beziehungen verschieden voneinander. Daraus erklärt es sich, daß die Wissenschaft von den Bedeutungen und den auf sie gegründete Formen und Methoden der Darstellung, die Logik, eine Ausnahmestellung einnimmt und nicht mit der Mathematik und anderen Idealwissenschaften auf eine Stufe gestellt werden kann (15).

Mit den wirklichen Objekten, mit dem Gegebenen, Vorgefundenen, mit den Bewußtseinstatsachen beschäftigt sich die  deskriptive Psychologie,  auch  Phänomenologie  genannt. Hier wird zwischen Phänomenalem und Realem nicht geschieden, während die erklärenden Psychologie gerade darauf ausgeht, diesen Unterschied zu berücksichtigen und ein psychophysisch oder psychisch Reales herauszuarbeiten, und somit zu den Realwissenschaften gehört.

Der Ausdruck  Realwissenschaft  darf nicht so verstanden werden, als ob ineiner solchen Wissenschaft nur von realen Objekten gehandelt wird. Die praktische  Einteilung der Wissenschaften  ist nicht einfach nach Gegenständen orientiert, sondern dient verschiedenen Gesichtspunkten, wie namentlich STUMPF gezeigt hat (16). Insbesondere muß die Richtung auf reale Objekte von selbst dazu führen, entsprechende Wirklichkeiten hereinzuziehen, da nur von ihnen aus eine Realisierung möglich ist. Man nennt deshalb die Realwissenschaften auch  Erfahrungswissenschaften.  Idealwissenschaftliche Bestimmungen spielen gleichfalls eine große Rolle, wie das Beispiel der mathematischen Naturwissenschaft lehrt. So ist es begreiflich, daß sich die Abgrenzung der wissenschaftlichen Untersuchung nach der Zusammengehörigkeit der Gegenstände in der Forschung richtet und nicht nach den hier aufgestellten Gesichtspunkten reinlich vollzieht. Die Sprachwissenschaft ist teils Zeichenlehre, teils Phänomenologie, teils Ideal-, teils Realwissenschaft und zieht auch die Bedeutungen in den Kreis ihrer Behandlung. Deshalb ist der Begriff der  Realwissenschaft  ein  Abstraktum  oder eine  denominatio a potiori  [Benennung nach der Hauptsache - wp].
LITERATUR - Oswald Külpe, Die Realisierung, Bd. 1, Leipzig 1912
    Anmerkungen
    1) Vgl. meinen Aufsatz "Contribution to the history of the Concept of Reality", Philosophical Review XXI, Seite 1f, 1912. Für diesen Standpunkt sind die Äußerungen von sechs realistischen Denkern im "Journal of Philosophy, Psychology and Scientific Methods", Bd. VII, Seite 393f, die sich über ihre realistischen Grundsätze in der Form kurzer Thesen aussprechen, von Interesse. Überhaupt sind die Tendenzen zur Aufrichtung eines erkenntnistheoretischen Realismus in England und den Vereinigten Staaten zur Zeit größer als in Deutschland. Ich nenne nur das bedeutende Werk von BRADLEY, Appearence and Reality, zweite Auflage, 1897), sowie G. T. LADD, A Theory of Reality, 1899 und die vortrefflich orientierende Abhandlung von G. ST. FULLERTON, The new Realism (Essays Philosophical and Psychological in Honor aof William James, 1908). Das oben zitierte Journal enthält zahlreiche Diskussionen über diesen Gegenstand.
    2) AXEL HÄGERSTRÖM, Das Prinzip der Wissenschaft I, Die Realität, Uppsala 1908, Seite 27) diesem Namen gegeben, indem er darunter eine "logische Bedingung für jedes besondere Wissen" versteht.
    3) Es versteht sich nach dem Obigen von selbst, daß Setzung nicht Erzeugung, sondern Anerkennung eines Seienden bedeutet.
    4) Diese Wirklichkeit kann, im Hinblick auf das Reale, auch als  Erscheinung  oder  Phänomen  bezeichnet werden.
    5) Weil die Bestimmung des Ziels nicht von seiner vollen Erreichbarkeit abhängt und die geordnete Darstellung keineswegs ein deduktives System zu sein braucht. Eine sachliche Ordnung kann aber in einer historischen Wissenschaft einen ganz anderen Charakter tragen, als in der Mathematik oder der exakten Naturwissenschaft. Es ist das Verdienst von WINDELBAND und RICKERT auf diesen Unterschied - wenn auch in anderer Tendenz - nachdrücklich hingewiesen zu haben.
    6) Vgl. BENNO ERDMANN, Logik I, Seite 15f und meine "Einleitung in die Philosophie", fünfte Auflage, Seite 31f.
    7) Diese Auffassung der Logik finde ich jetzt bei FEDERIGO ENRIQUES insofern wieder, als er die logischen Grundsätze als die Bedingungen der Möglichkeit des Gedankenausdrucks, in den Formen der Rede oder in einem System von Zeichen niedergelegt, bezeichnet (Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, hg. von A. Ruge, Artikel  Logik,  1912, Seite 223).
    8) Vgl. namentlich ALEXIUS MEINONG, Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften, 1907. Unsere Auffassung der Gegenstandstheorie berührt sich auch mit der neuen Ordnungslehre von HANS DRIESCH (1912), die als eine Lehre von den kategorialen Bestimmungen angesehen werden kann. Da vorliegende Abhandlung im Plan schon lange und in der Ausführung zum größten Teil bereits abgeschlossen war, so konnte auf diese Beziehungen leider nicht mehr eingegangen werden. Vgl. namentlich "Ordnungslehre", Seite 26, Anm. 2. Dasselbe gilt für REHMKEs "Philosophie als Grundwissenschaft" (1910), die "das Allgemeinste im Gegebenen zu ihrem Gegenstand hat", Seite 40. Zum Begriff des Gegenstandes vgl. CARL STUMPF, Zur Einteilung der Wissenschaften, Abhandlungen der Königl. Preußischen Akademie der Wissenschaften vom Jahr 1906, Berlin 1907, Seite 6f. Über MEINONGs Gegenstandstheorie ebd. Seite 40f.
    9) Vgl. CARL PRANTL, Geschichte der Logik III, Seite 340f. Bei WILHELM von OCKHAM findet sich auch schon die Reduktion der 10 aristotelischen Kategorien auf  substantia, qualitas et respectus  (PRANTL, a. a. O., Seite 372), die gelegentlich auch von ARISTOTELES selbst angegeben worden ist (PRANTL, Bd. I, Seite 190).
    10) Vgl. dazu LEO SSALAGOFF, Der Begriff des Geltens in der modernen Logik, Dissertation, Heidelberg 1910, der darauf hinweist, daß LOTZE das Wort "gelten" zum erstenmal im spezifischen Sinn einer besonderen Seinsart gebraucht hat.
    11) Das Wort Bewußtseinstatsache bezeichnet nicht nur Ausgangsgegenstände der Psychologie, darf also nicht mit dem erscheinenden Psychischen äquipollent [gleichbedeutend - wp] gesetzt werden. Ich habe dafür früher den Namen "Erlebnis" gebraucht (vgl. "Philosophische Studien VII, Seite 394; VIII, Seite 311f) und werde ihn auch hier gelegentlich verwenden. Der Ausdruck "Vorstellungsobjekt", den WUNDT in die Erkenntnistheorie eingeführt hat, um diejenigen Bewußtseinstatsachen zu benennen, die sowohl für die Psychologie als auch für die Naturwissenschaft in Betracht kommen, ist hier zu eng.
    12) Die scharfsinnige Untersuchung von OTTO SELZ, "Existenz als Gegenstandsbestimmtheit", Münchener philosophische Abhandlungen, 1911, Seite 255f) unterscheidet nicht zwischen Dasein und Existenz, zwischen wirklichen und realen Objekten, kann aber sonst als grundlegend betrachtet werden. In seiner Logik des Existenzialbegriffs hat KARL MARBE (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 36, Seite 139f) eine größere Mannigfaltigkeit von Existenzialbegriffen aufgewiesen und dabei die Ansicht vertreten, daß nur existierende Gegenstände als real bezeichnet werden, wobei er in der Realität ein Merkmal erblickt, "das die Philosophen denjenigen Gegenständen beilegen denen sie zugleich großen Wert beilegen" (Seite 192f). Es versteht sich hiernach von selbst, daß wir eine abweichende Auffassung vertreten. Reale Objekte haben für uns die besondere Daseinsart der Existenz. Existieren heißt somit für uns nichts anderes als real sein. Die vulgäre Mannigfaltigkeit der Bedeutungen des Wortes  Existenz  kann uns nicht hindern, einen engeren technischen Begriff mit diesem Namen zu verbinden. Wenn MARBE aus der verschiedenen Bestimmung des Realen zu schließen scheint, daß dieser Ausdruck nur einen Wert bezeichnet, so läßt sich das in Bezug auf unseren Begriff des Realen nicht behaupten. Einen sich mit dem unsrigen viel mehr berührenden spezifischen Begriff der Existenz hat übrigens MARBE in seiner Kritik der ZIEHENschen Erkenntnistheorie vertreten (Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 23, Seite 244). Vgl. auch ADOLF DYROFF, Über den Existenzialbegriff, 1902. - Das Gegebene umfaßt nach uns die wirklichen Objekte, die vollen Erlebnisse, an denen noch keine Scheidung in subjektive und objektive Bestandteile oder Seiten erfolgt ist, ist also mit den "idealen Gegenständen" nicht identisch, die von DÜRR zu einem Erkenntnisakt in Beziehung gesetzt werden. Vgl. seine "Erkenntnistheorie", 1910, Seite 324 und 330, Anm. 3. Einen ganz anderen Begriff des Gegebenen vertritt REHMKE, (a. a. O., Seite 84f), wonach das Gegebene Wirkliches und Nichtwirkliches umfaßt und das Gegebensein des Gegebenen überhaupt das einzige unangreifbar Gewisse für jedes Bewußtsein bedeutet. Vgl. über die verschiedenen Bedeutungen des Gegebenen die klar analysierende Abhandlung von KARL GROOS: Beiträge zu Problem des Gegebenen, Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Bd. 130, Seite 75f.
    13) Die eingehendste historisch und systematische Behandlung der hierher gehörenden Fragen finde ich in der viel zu wenig beachteten "Weltanschauungslehre" von HEINRICH GOMPERZ, Bd. II, 1907
    14) Natürlich können die Begriffe mit Rücksicht auf ihre Aktualisierung auch in die Sphäre der wirklichen Objekte geraten. Dasselbe gilt für die Zeichen als Bewußtseinstatsachen.
    15) Dazu vgl. auch die klärenden Ausführungen von HEINRICH RICKERT, "Das Eine, die Einheit und die Eins",Logos, Bd. 2, Seite 74f), wo besonders das Verhältnis der Logik zur Mathematik behandelt und gezeigt wird, daß man im "Idealen" durchaus Unterschiede zu machen hat. In diesen Betrachtungen werden namentlich der Begriff und das ideale Objekt nach unserer Terminologie einander gegenübergestellt. Wir kommen bei der Besprechung des objektiven Idealismus auf diese Frage zurück.
    16) CARL STUMPF, Zur Einteilung etc., a. a. O.