p4-2Wille und MotivDer freie WilleDie Jllusion der Willensfreiheit    
 
OSWALD KÜLPE
Die Lehre vom Willen
in der neueren Psychologie


"Eine Vorstellung brauch nicht notwendig dem Begehren voranzugehen. Wir begehren auch Angenehmes verabscheuen und Unangenehmes. Lust und Unlust wirken sowohl beim Begehren als auch beim Verabscheuen mit. Beide sind gespannte Gemütszustände, die als solche gleichmäßig mit Unlust, deren Ausgleich mit einem Lustgefühl der siegenden Kraft verbunden ist. Daher kann man das Angenehme und Unangenehme nicht als Grund dieser beiden Gemütszustände betrachten, sondern im Begehren nur das Aufstreben einer Vorstellung gegen Hindernisse, wobei das Angenehme als unterstützende Vorstellung wirkt, im Verabscheuen nur das Niederdrücken einer ebenfalls mit anderen verbundenen Vorstellung durch entgegengesetzte mächtigere Vorstellungen sehen."

"Auch der Wille ist Vorstellung und somit Produkt der Vorstellungstätigkeit. Er ist, näher bestimmt, ein Nebenerfolg des Vorstellungsverlaufs, der unter gewissen Umständen den unbewußt arbeitenden Mechanismus des seelischen Geschehens begleitet. In ihm als einem subjektiven Kraftgefühl kündigt sich für unser Bewußtsein seelische Arbeit bestimmter Art an."

"Die Meinung, es entspreche Gefühlen und Strebungen ein damit übereinstimmendes Reales ist widersinnig. Diese Meinung verkennt durchaus, was die innere Wahrnehmung eigentlich lehrt. Gegeben sind uns in derselben nur Inhalte, nicht die erzeugenden Tätigkeiten, und so wenig man Farben oder Tönen eine Wirklichkeit zuschreibt, außerhalb des vorstellenden Bewußtseins, so wenig gebührt Gefühlen und Strebungen außerhalb desselben eine reale Existenz. Sie sind ebenso wie jene Inhalte unserer Wahrnehmung oder was dasselbe heißt, Produkte unserer vorstellenden Tätigkeit."

Einleitung

Alle Wissenschaft nimmt zum Teil ihren Ausgang von der Beobachtung und Erfahrung des gewöhnlichen Lebens, aber sie bleibt nicht in der ihr durch diese vorgezeichneten Richtung und ist oft genötig, an den Begriffen und Erklärungen, Ausdrücken und Urteilen, wie sie den fast ausschließlich praktischen Zwecken der gemeinen Erfahrung genügen, eine bearbeitende Umwandlung zu vollziehen. Diese Nötigung beruth hauptsächlich auf zwei Gründen. Erstlich ist die Sprache des gewöhnlichen Lebens ungenau und vieldeutig, sodann aber hat dasselbe keine Veranlassung, die ihm vorliegenden Erscheinungen auf ihre letzten Bestandteile zurückzuführen. In beiden Beziehungen muß die Wissenschaft strenger verfahren: ihre Terminologie muß klar und präzise, ihre Analyse des Gegebenen vollständig sein. Erkennen wir an, daß das Gegebene stets zusammengesetzter Natur ist, so wird die Aufgabe der Wissenschaft im Wesentlichen gelöst sein, wenn es ihr gelungen ist, die letzten Elemente desselben festzustellen und zu zeigen, in welcher gesetzmäßigen Weise dieselben kooperieren.

Die Erscheinungen unseres Bewußtseins sind die Tatsachen, mit denen sich die Psychologie beschäftigt. Der Rang einer Wissenschaft ist ihr von KANT vor allem deshalb abgesprochen worden, weil sie es nicht zu allgemeingültigen, mathematisch ausdrückbaren Resultaten bringen kann. Wir verdanken HERBART den ersten großen Versuch, ihr diesen Rang zu gewinnen. Sein Unternehmen ist im großen und ganzen als gescheitert zu betrachten, zunächst weil der die Psychologie auf die dem Wechsel am meisten unterworfene und daher am wenigsten allgemeingültige philosophische Disziplin, die Metaphysik, gründete, und dann, weil er Mathematik auf Erscheinungen anwandte, die noch nicht genügend zergliedert, noch nicht in einfachste Vorgänge aufgelöst waren. Wenn die Psychologie heute weiter ist, so wird das in erster Linie der Hilfe zugeschrieben werden dürfen, die ihr das Experiment, die physiologische Forschung und die pathologische Erfahrung geleistet haben. Die experimentelle Psychologie hat die innere Wahrnehmung zu sicheren und kontrollierbaren Aussagen vermocht und vielleicht am meisten dazu beigetragen, die elementaren Bestandteile unseres Bewußtseins und ihre gesetzmäßige Tätigkeit zu erkennen.

Aber dieser Fortschritt, welcher die wissenschaftliche Grundlegung einer empirischen Psychologie möglich gemacht hat, ist fast ausschließlich den Empfindungen und Vorstellungen, nur wenig den Gefühlen und Willensakten zugute gekommen. Gewiß ist das nicht zufällig. Denn oft genug wird die Schwierigkeit hervorgehoben, welche mit der Erforschung der genannten Bewußtseinsvorgänge verknüpft ist. Und zwar ist diese Schwierigkeit beim Willen eine besonders große. Es kann nämlich nie gelingen, einen Willensakt unabhängig vom Willen zum Objekt der Beobachtung zu machen, aus dem einfachen Grund, weil alle Wissenschaft, alle Beobachtung die willkürliche Aufmerksamkeit, die Apperzeption als notwendigen Faktor enthält. In diesem Sinne würde also stets bei der Frage nach dem Willen eine unendliche rückläufige Reihe entstehen. Unvermeidlich ist daher auch die Abhängigkeit unseres Urteils von unserem Willen. Aber diese für alle Wissenschaft geltende Tatsache bildet für die Psychologie kein Hindernis ihrer Untersuchung. Die Lösung des Willensproblems wird ihr dadurch möglich, daß wir auch willenlose Zustände unseres Bewußtseins kennen und durch einen analysierenden Vergleich mit den willkürlichen festzustellen imstande sind, worin der Zuwachs oder die Veränderung besteht, welche Empfindngen oder Vorstellungen oder Gefühle durch den Willen erfahren.

Die Divergenz der Ansichten in der Psychologie ist vielleicht nirgends größer, als bei der Lehre vom Willen. Dasselbe gilt von der Herrschaft, welche die gewöhnliche Erfahrung über diesen Teil der Psychologie noch besitzt. Begriff, Gebiet und Freiheit des Willens sind noch durchaus dem Streit der Parteien oder Schulen unterworfen. Bei diesem Stand der Dinge ist eine historisch-kritische Übersicht der verschiedenen in der modernen Psychologie geäußerten Lehren von besonderem Wert. Ich will im folgenden eine solche zu geben versuchen. Einige Bemerkungen muß ich dem Beginn dieser Arbeit vorausschicken.

Die Absicht, welche mich in erster Linie leitet, ist die Anbahnung einer Verständigung über diesen wichtigen Gegenstand der Psychologie. Ich halte die WUNDTsche Willenstheorie für die wahre und hoffe zu ihrem Verständnis durch die Kritiker anderer und durch die positive Darstellung derselben beizutragen. Ich glaube zeigen zu können, daß alle Fragen, welche andere Lehren offen lassen, und alle Tatsachen, welchen durch dieselben nicht genügt wird, auf dem Standpunkt der WUNDTschen Theorie ihre Beantwortung und Erklärung finden. Außerdem hoffe ich einen Einblick in die Entwicklung der modernen Psychologie, die eine interessante Aufgabe für sich bildet, nebenher eröffnen zu können. Ich werden in meiner Darstellung die kritische Arbeit insofern bevorzugen, als ich mich nicht an die Zeitfolge der psychologischen Schriften binde. Zugleich aber erhebe ich keinen Anspruch auf bibligraphische Vollständigkeit. Es ist mein Bestreben, alle Standpunkte in Bezug auf den Willen zur Geltung kommen zu lassen, um ein möglichst umfassendes Bild von den bisher entwickelten Theorien entwerfen zu können, aber dazu ist die Mitteilung  aller  Anhänger einer Lehre nicht notwendig.

Diese Kombination der Absichten erschwert einigermaßen die Einteilung. Vom kritischen Gesichtspunkt ist eine logische, vom historischen eine chronologische Klassifikation zu wünschen. Da sich beide nur solten vereinigen ließen, so habe ich meist die logische vorgezogen, weil mir die kritische Absicht wertvoller war. Daß ich als  terminus a quo  [für den Anfang - wp] für meine Darstellung die HERBARTsche Psychologie gewählt habe, wird man schwerlich beanstanden. Zwar gibt es Ansätze zu einer empirischen wissenschaftlichen Behandlung der Psychologie auch früher, und das Bestreben sich von der alten Vermögenslehre frei zu machen tritt auch bei einigen Psychologen zu Anfang dieses Jahrhundert und Ende des vorigen deutlich hervor. Aber im Prinzip hat den alten Irrtum doch erst HERBART überwunden, und durch ihn ist der Psycholoie erst jene zentrale Stellung im Kreis der Wissenschaften zugewiesen worden, die sie seither in steigendem Maße eingenommen hat.

Bei der Analyse der komplizierten Phänomene unseres Bewußtseins, wie sie die unmittelbare innere Erfahrung aufweist, sind bisher durch die psychologische Forschung zwei elementare Vorgängein allgemeingültiger Weise festgestellt worden: die Empfindung und das Gefühl. Dem Willen gegenüber ist die Frage, ob auch in ihm ein psychisches Elementarphänomen anzuerkennen ist, noch nicht übereinstimmend beantwortet worden. Wir werden daher unsere Darstellung in zwei größere Abschnitte zerlegen, von denen der erste alle diejenigen Theorien behandeln soll, welche den Willen nur als eine sekundäre oder komplizierte Bewußtseinstatsache begreifen und dieselbe in jene einfachen Vorgänge auflösen oder auf dieselben in Form einer hypothetischen Erklärung zurückführen zu können glauben, während der zweite Abschnitt sich mit denjenigen Lehren beschäftigen wird, welche neben Empfindung und Gefühl noch ein drittes Element psychischen Lebens, den Willen, annehmen. Ich bezeichne diese beiden Hauptgruppen von Theorien als  negative  und  positive  Willenstheorien. Daß hierbei der Name  Wille  keine wesentliche Bedeutung besitzt, ist selbstverständlich. Es begegnen uns in der Literatur verschiedene Ausdrücke für ein solches drittes Element des Bewußtseins. An das Wort "Wille" wird sich meine Darstellung natürlich nicht halten. Da wir mit diesem Namen im gewöhnlichen Sprachgebrauch stets einen im psychologischen Sinn komplizierten Akt bezeichnen, so ist ein besonderer Ausdruck für das elementare Phänomen wünschenswert, und dieser ist begreiflicherweise von den verschiedenen Psychologen verschieden gewählt worden.

Daß ich die eigentlich metaphysischen Willenstheorien von meiner Untersuchung ausschließe, ist bereits im Titel derselben angedeutet. Zum Schluß möchte ich aber noch darauf hinweisen, daß ich mich bei meiner Darstellung der Willensansichten mfast nur auf die Grundlagen beschränkt habe. Diese Abgrenzung des Materials war aus sehr einfachen Rücksichten notwendig, einmal, um der Klarheit und Übersichtlichkeit meiner Arbeit Vorschub zu leisten, und sodann, um den Raum derselben nicht übermäßig zu erweitern. Daß dies ohne Schaden für die Beurteilung der erwähnten Lehren geschehen konnte, glaube ich verbürgen zu dürfen.


A. Die negativen Willenstheorien

Im Allgemeinen kann man in zweierlei Weise den Willen als ein ursprüngliches Phänomen seelischen Lebens ablehnen, vom Standpunkt einer hypothetischen  Erklärung  und vom Standpunkt einer  Analyse  des im Willen gegebenen Bewußtseinsvorgangs. Im ersteren Fall erkennt man zwar an, daß, was wir Wollen oder Begehren oder Streben nennen, ein eigentümliches  Phänomen  des Bewußtseins bildet, das in solcher Qualität unvergleichbar mit Empfindungen oder Vorstellungen oder Gefühlen ist, behauptet aber, daß eine Wirklichkeit und Wirksamkeit im eigentlichen Sinne aus allgemeinen Gründen demselben abgesprochen werden muß. Im zweiten Fall erhält man bereits bei der einfachen empirischen Analyse des Willens Bestandteile, die als Empfindung oder Gefühl uns schon sonst bekannt sind, und läßt sich demgemäß aus diesen elementaren Vorgängen das gesamte Seelenleben zusammensetzen. Wir können diese beiden Richtungen als  relativ negierende  und  absolut negierende  unterscheiden. Beiden gemeinsam ist die Überzeugung, daß ein Wollen, wie es uns im Bewußtsein gegeben zu sein scheint, als Bestandteil einer wissenschaftlichen Erklärung des seelischen Lebens untauglich ist. Bei diesem Sachverhalt kann es sich nun für die Kritik nicht sowohl darum handeln zu zeigen, daß der Wille eine selbständige Bedeutung nicht nur scheinbar, sondern auch wirklich besitzt, also nicht darum, eine positive Willenstheorie gegenüberzustellen, sondern nur darum, zu prüfen, ob die Gründe, welche zu einer solchen Bestimmung des Willens geführt haben, richtig sind, und ob die empirisch gegebenen Tatsachen sich der vorgebrachten Erklärung fügen.


I. Die relativ negierenden Richtungen

Fragen wir nach den Gründen, welche dazu geführt haben, den Willen nur als eine Bewußtseins erscheinung,  als Symbol wirklichen Geschehens zu würdigen, so treten uns ein  metaphysischer  und ein  logischer  entgegen, von denen jener seinen Vertreter in HERBART, dieser in LIPPS gefunden hat. Es liegt das in der Natur der Sache. Gibt man zu, daß rein psychologisch diejenigen Inhalte unseres Bewußtseins, welche wir als Empfindungen und Vorstellungen bezeichnen, und diejenigen, die wir als Strebungen oder Begehrungen in uns erfahren, gleiche Realität besitzen, so kann die Annahme eines tiefgreifenden Unterschiedes in der realen Bedeutung beider Vorgänge nicht der inneren Wahrnehmung, sondern muß anderweitigen Reflexionen ihren Ursprung verdanken. Daß nun von diesen aus auch die innere Wahrnehmung einer schärferen Kontrolle unterworfen wird, ist mehr ein abgeleiteter Versuch der Verifikation, dem natürlich eine eingehende Beachtung zuteil werden muß. Die maßgebenden allgemeinen Reflexionen können aber nur metapyhysischer oder logischer Natur sein, weil allein eine solche in einem theoretischen Sinn den psychologischen Erfahrungen zugrunde gelegt oder übergeordnet werden können.


1. Die metaphysisch begründete Willensauffassung

Wie sehr man schon vor HERBART bemüht war, eine wissenschaftliche Behandlung der Psychologie anzubahnen, zeigen mannigfache Versuche, wie die Erfahrungsseelenlehre von JACOB, die Untersuchungen über das Wesen und Wirken der menschlichen Seele von CHRISTIAN WEISS und anderen. Vergleicht man Ausgangspunkt und Methode dieser Bücher mit der vierbändigen Monographie FEDERs über den menschlichen Willen, so tritt das wissenschaftliche Bedürfnis jener in ein helles Licht. Bei FEDER finden wir keinen Versuch einer Zergliederung der Willenserscheinungen, sondern eine von vorwiegend praktischen Zwecken geleitete breite Beschreibung der Willenshandlungen oder der Tätigkeiten des Begehrungsvermögens. Daß beim Versuch einer wissenschaftlichen Bedürfnissen in einem höheren Maß genügenden psychologischen Arbeit zunächst die Analogie der Naturwissenschaften Methode und Absicht lenkte und vorschrieb, ist begreiflich. Physik und Chemie boten hier wiederum die nächsten Vergleichsmomente dar. Man will die Psychologie in demselben Sinn zu einer Elementarlehre der Seele gestalten, wie Physik und Chemie eine solche der Materie sind. Auch für HERBART ist dieser Gesichtspunkt nicht ohne Bedeutung gewesen. Nur war ihm durch seine Metaphysik ein bestimmter Weg vorgezeichnet. Es konnte sich für ihn nicht darum handeln, Elemente der Seele festzustellen, wie die qualitativ verschiedenen einfachen Elemente der Materie - denn die Seele war nach seiner Metaphysik ein absolut einfaches Wesen und hatte keine Teile - sondern nur darum, das gesetzmäßige Verhalten der als Vorstellungen sich für unser Bewußtsein äußernden Selbsterhaltungen der Seele gegen die von anderen einfachen Wesen erlittenen Störungen in exakter Weise zu ermitteln. Hier bot sich als naturwissenschaftliche Analogie die Statik und Mechanik dar, und so wird HERBARTs Psychologie eine Statik und Mechanik des menschlichen Geistes. Die scharfsinnige Lösung des Ichproblems und die treffende Kritik der Seelenvermögenslehre waren nur Vorbereitungen für die von HERBART selbst als seine eigentliche Leistung auf diesem Gebiet angesehene mathematische Psychologie. Die Ablehnung dieses großartigen Entwurfs wurzelt in der Einsicht, daß die Psychologie unabhängig von metaphysischen Voraussetzungen ihr Erfahrungsgebiet zu bearbeiten, und daß sie vor allem eine genaue Zergliederung des im Bewußtsein Gegebenen anzustellen habe. Der Wert der HERBARTschen Psychologie liegt für uns in den zahlreichen scharfsinnigen Einzelbeobachtungen, die wir in derselben finden. Dadurch sind wir der Bemühung nicht enthoben bei der einzelnen Frage, die uns beschäftigt, Voraussetzungen und Behauptungen, Lehre und Tatsachen aneinander zu messen. Ich will zunächst die Darstellung der Anschauungen HERBARTs, sodann eine Kritik derselben geben.


a. Herbarts Lehre

Als Quelle dienen das kürzere "Lehrbuch zur Psychologie" und "Die Psychologie als Wissenschaft" (Ausgabe von HARTENSTEIN, Bd. V und VI) Daneben werde ich die "Empirische Psychologie" von DROBISCH heranziehen, die bei völliger Übereinstimmung mit HERBART gerade die Willenslehre ausführlicher dargestellt hat. Bei VOLKMANN (Psychologie, 3. Auflage, Bd. II, Seite 397 findet man vollständige Literaturangaben.

Wir haben bei HERBART mit drei uns interessierenden Begriffen zu tun, dem Streben, Begehren und Wollen. Wichtig ist außerdem folgende Behauptung: "Alle einfachen Selbsterhaltungen der Seele müssen gerade so einfach sein, wie sie selbst." (1) Da nun ein angenehmes oder unangenehmes Gefühl und ein sich als Begehren etwa im Bewußtsein äußerndes Streben niemals allein gegeben sind, sondern mit Vorstellungen oder Empfindungen in Verbindung, andererseits aber ein einfacher Ton oder eine reine Farbe für sich unser Bewußtsein erfüllen können, so folgt, daß nur diese, die einfachen Vorstellungen, als einfache Selbsterhaltungen der Seele angesehen werden dürfen. In solchen Selbsterhaltungen ist aber das seelische Geschehen beschlossen. Alles übrige im Bewußtsein Gegebene kann nur mittelbaren oder abgeleiteten Wert besitzen, kann nur ein Ausdruck für Verhältnisse oder für Veränderungen und Übergänge zwischen den Vorstellungen genannt werden.

Sehen wir zu, welches Verhalten der Vorstellungen für uns in Betracht kommt. (2) Wir begegnen zuerst einem  Streben vorzustellen.  Dasselbe fällt unter die Schwelle des Bewußtseins und bedeutet etwa so viel, als das Vermögen vorzustellen in dem gemilderten BENEKE'schen Sinn dieses Wortes oder als der Begriff der Kraft im physikalischen Sprachgebrauch. Jede Vorstellung, die unter die Schwelle des Bewußtseins gesunken ist, wird zu einem Streben vorzustellen. Der allgemeine Sinn, welchen dieses unseren bewußten Zuständen entnommene Wort hier erhalten hat, belehrt uns darüber, daß wir darin kein letztes Willenselement erblicken dürfen. Dies erhellt sich auch aus folgendem. Strebt eine Vorstellunge ins Bewußtsein auf, ohne Hindernisse zu finden, so ergibt das keine Begierde oder Wollung, es heißt dann einfacher: Die Vorstellung steigt auf. Auch hieraus folgt, daß im Ausdruck  Streben vorzustellen  nichts liegt, was etwa auf ein unbewußtes Wollen hin gedeutet werden könnte.

Eine im Bewußtsein steigende, d. h. zu einem größeren Klarheitsgrad gelangende Vorstellung kann nun entweder durch verwandte Empfindungen gehoben oder durch entgegengesetzte gehemmt werden oder Hilfe oder Störung gleichzeitig erfahren. Diese Unterschiede gelten vom wirklichen Vorstellen und können daher nicht unbewußt bleiben. Aber sie sind nicht Gegenstände des Vorstellens, nicht selbst Vorstellungen, sondern nur Arten und Weisen, wie sich das Vorstellen ereignet. Als  Begehren  sind zu bezeicnen die fortlaufenden Übergänge aus einer Gemütslage in die andere, "deren hervorstechendstes Merkmal das Hervortreten einer Vorstellung ist, die sich gegen Hindernisse aufarbeitet und dabei mehr und mehr alle anderen Vorstellungen nach sich bestimmt, indem sie die einen weckt und die anderen zurücktreibt." Denn das Begehren unterscheidet sich eben vom Gefühl und Vorstellen dadurch, "daß es nicht als ein Zustand, sondern nur als eine Bewegung des Gemüts gedacht werden kann; wie daraus klar ist, daß es bei gegebener Gelegenheit sogleich handelnd ausbricht oder, wenn die Gelegenheit fehlt, wenigstens Pläne zum künftigen Handeln hervorruft. Diese Pläne aber sind nichts anderes als zusammengetriebene Vorstellungen, welche sich sämtlich wegen ihrer Verschmelzungen und Komplikationen mit jener aufstrebenden nach ihr richten, ja sich so zusammenfügen müssen, daß aus ihnen keine oder doch die geringstmögliche Hemmung für jene vorherrschende entspringt."

Als den einfachsten, rein psychologischen Grund, aus welchem eine Begierde entstehen kann, bezeichnet HERBART eine Verschmelzungs- oder Komplikationshilfe (3). Es sei  a  mit  α  assoziiert, und es werde nun  a  durch eine gleichartige neue Empfindung oder Wahrnehmung reproduziert, zugleich aber sei im Bewußtsein die dem α entgegengesetzte Vorstellung  β  anwesend. Es wird dann  α  zugleich gehoben und zurückgedrängt, sofern es nun aber gegen die Hemmung wirklich ansteigt, ist es Begierde. Deutlicher wird diese "hervortreten, wenn die dem  a  gleichartige Wahrnehmung sich häufig und schnell nacheinander wiederholt, wodurch jedesmal von Neuem  α  einen Stoß erhält. Noch deutlicher wird die Sache werden, wenn nicht bloß eine, sondern mehrere Komplikationshilfen zusammenwirken." Übrigens ist die Zahl und Beschaffenheit der Vorstellungen für die Energie des Begehrens nicht von Belang. Daraus glaubt HERBART erklären zu können, daß die ältere Psychologie ein besonderes Begehrungsvermögen annahm. Nun kann aber auch eine Begierde das Gemüt anhaltend beschäftigen und sich in einer Reihe von Handlungen zeigen; dies ist nur möglich, wenn sie mit den Reihen von Vorstellungen in Verbindung steht, die sich gerade im Bewußtsein abwickeln.

Die zum Begehren gegensätzliche Gefühlsbewegung ist das  Verabscheuen Beide stehen in Beziehung zu einer Vorstellung, die gegen Hindernisse ankämpft. Aber während dieselbe zugleich der Träger der Begierde ist, so wird die Gesamtheit der gegen eine Empfindung anstrebenden, diese also zurückdrängenden Vorstellungen zum Sitz der Verabscheuung oder Widerstrebung. Die letztere ist also eigentlich auch ein Begehren, das in einem ganzen System zusammenwirkender Vorstellungen liegt, die sich gegen eine einzelne, sie alle drückende Vorstellung in Freiheit zu setzen streben und die damit aus irgendeinem Grund nicht sogleich zustande kommen können. "In der Begierde ist die Vorstellung des begehrten Zustandes zugleich die lebhafteste und die herrschende; im Abscheu ist die einzelne Vorstellung des verabscheuten Gegenstandes klarer, als jede einzelne der gegenwirkenden Vorstellungen; aber alle gegenwirkenden zusammengenommen ergeben ein herrschendes Totalgefühl und bilden eine Gesamtkraft, durch deren Tätigkeit die Gemütslage auf ähnliche Art in einen kontinuierlichen Übergang versetzt wird, wie beim Begehren."

Wenden wir uns nun zum  Wollen.  (4) Dasselbe ist nach HERBART ein Begehren, verbunden mit der Voraussetzung der Erfüllung. "Diese Voraussetzung verknüpft sich mit der Begierde, sobald in ähnlichen Fällen die Anstrengun des Handelns von Erfolg gewesen ist. Denn sodann assoziiert sich gleich mit dem Anfang eine neuen, gleichartigen Handelns die Vorstellung eines Zeitverlaufs, den die Befriedigung der Begierde beschließen wird. Hierbei entsteht ein Blick in die Zukunft, der sich immer mehr erweitert, je mehr Mittel zum Zweck der Mensch voranschicken lernt."

Die  willkürlichen Bewegungen  denkt sich HERBART in einer moderne Ansichten antizipierenden Weise folgendermaßen entstanden. (5) Da der Wille nicht das Geringste von dem weiß, was er in Muskeln oder Nerven eigentlich hervorbringt, so kann der Anstoß zum Handeln nicht ursprünglich von der Seele ausgehen. Aus dem rein organischen Bedürfnis nach Bewegung, wie es sich im Kind zeigt, gehen vielmehr Bewegungen hervor, welche die Seele anfangs mit ihren Gefühlen begleitet. Dadurch entstehen Assoziationen derselben mit den wahrgenommenen Bewegungen. "Wenn nun in der Folge die Vorstellung, die aus einer solchen Wahrnehmung entstand, als Begierde aufstrebt, so regt sich auch das damit komplizierte Gefühl, und diesem gehören als begleitende leibliche Zustände alle diejenigen Ereignisse in den Nerven und Muskeln zu, durch welche die organische Bewegung wirklich bestimmt wird."

Dies sind die Grundzüge der von HERBART selbst entworfenen Willenstheorie. Einige Ergänzungen dürfen wir DROBISCH entnehmen, welcher die Anschauungen seines Meisters in diesem Abschnitt völlig teilt.

DROBISCH erkennt durchaus drei verschiedene Bewußtseinsvorgänge an: Vorstellen, Fühlen und Streben. (6) Er findet jedoch darin, daß Vorstellungen häufig frei sind von Gefühlen und Begehrungen, nicht aber das Umgekehrte stattfindet, eine Andeutung, daß sie hinsichtlich ihres Ursprungs sich wohl nicht so koordiniert verhalten können, wie hinsichtlich ihrer Qualität.

Von besonderer Klarheit ist ferner die Begriffsbestimmung des  Strebens.  (7) "Dasjenige Geschehen in uns, welches sich am unmittelbarsten als Tätigkeit und Kraft darstellt, mag es nun als solche von einem davon genau unterscheidbaren inneren oder äußerlichen Erfolg, der Tat oder Handlung, begleitet sein, oder nur in einem passiven Widerstand bestehen, kann im Allgemeinen als Streben bezeichnet werden." Der Inhalt und die Bedeutung desselben überhaupt "ist Veränderung des gegenwärtigen Zustands des Bewußtseins, sowohl hinsichtlich der Vorstellungen, als der Gefühle oder auch anderer Strebungen." Ein  Begehren  oder  Verabscheuen  aber wird dieses Streben, je nachdem es auf einen künftigen oder gegen den jetzigen Zustand gerichtet ist und hierbei sein Gegenstand als ein anziehender oder abstoßender erscheint.

Daß in dieser empirischen, von HERBARTs Ausführungen sich unterscheidenden Beschreibung der genannten Vorgänge nicht eine andere Theorie des Willens angedeutet ist, wird weiter unten sofort klar werden.

Ferner sucht DROBISCH zu zeigen, daß eine Vorstellung nicht notwendig dem Begehren voranzugehen braucht und daß wir auch Angenehmes verabscheuen und Unangenehmes begehren, Lust und Unlust sowohl beim Begehren als auch beim Verabscheuen mitwirken. Beide sind gespannte Gemütszustände, die als solche gleichmäßig mit Unlust, deren Ausgleich mit einem Lustgefühl der siegenden Kraft verbunden ist. Daher kann man das Angenehme und Unangenehme nicht als Grund dieser beiden Gemütszustände betrachten, sondern im Begehren nur das Aufstreben einer Vorstellung gegen Hindernisse, wobei das Angenehme als unterstützende Vorstellung wirkt, im Verabscheuen nur das Niederdrücken einer ebenfalls mit anderen verbundenen Vorstellung durch entgegengesetzte mächtigere Vorstellungen sehen.

Jedes seines Ziels sich bewußte Begehren kann zum  Wollen  werden, wenn nämlich eine wiederholte Begehrung des Gleichen oder wenigstens Ähnlichen immer Befriedigung gefunden und hieraus eine Gewohnheit das Begehrte zu erlangen gebildet hat, die für alle ähnlichen Fälle eine Erwartung des Erfolgs nach sich zieht. (8) Die Herrschaft des Willens betätigt sich nach außen in der Bewegung und nach innen in der Lenkung des Gedankenlaufs. Bei einer willkürlichen Bewegung ist der begehrte Zweck das Erste; mit ihm müssen assoziiert sein die Vorstellung von der dazu tauglichen Bewegung und die ihr entsprechenden Muskelempfindungen. Diese bringen dann durch Affektion der motorischen Nerven die Bewegung wirklich hervor. Die innere Tätigkeit des Willens gelangt zur Erscheinung in der willkürlichen Aufmerksamkeit und der Reflexion. Jene kann nach außen und innen gerichtet sein. Im ersteren Fall ist sie mit einer Handlung verbunden, die von unseren Vorstellungen aus angeregt wird. Hier so wenig wie im zweiten Fall enthält das begehrte Vorbild genau dasselbe wie die entsprechende Wahrnehmung. Jenes stellt nur einen sehr unbestimmten Umriß dar, der von dieser seine Berichtigung und Ausfüllung erwartet. Der Willensakt bei der Reflexion besteht in der zeitweiligen Wiederholung desjenigen Gegenstandes, über den man reflektiert, indem man ihn mit anderen Vorstellungen in Verbindung bringt. Der Kern eines sich bildenden neuen Gedankenkreises ist immer ein Vorsatz, d. h. ein Wollen von allgemeinen Inhalten, zu dem sich die Ausführung in einzelnen Willensakten verhält, wie der Umfang eines Begriffs zu seinem Inhalt.

Zum Schluß erhalten wir eine Theorie des Strebens, welche deutlich die Gründe angibt, die zu derselben geführt haben (9) Die Tatsachen der wechselnden Aufmerksamkeit, des Kommens und Gehens der Vorstellungen zeigen, daß diese, die immanenten Bewegungen der Seele, ihre verschiedenen Zustände haben, frei und gehemmt sein können. In der Hemmung erleidet aber das Dasein der Vorstellungen keine Veränderung, sondern nimmt nur eine andere Form an, nämlich die des Strebens. Zu einem Bestandteil des Bewußtseins wird das Streben nur dann, wenn die Hemmung ein Gefühl des Druckes hervorruft, d. h. wenn sie vor dem vollständigen Ausgleich des entgegengesetzten Strebens der Vorstellungen erfolgt. Nur das Gleichgewicht derselben kann einen Ruhepunkt darbieten und die damit verbundene Hemmung den verhältnismäßig kleinsten Druck ausüben. Der Zustand der noch unausgeglichenen Vorstellungen bildet eine veränderliche Gemütslage, welche sich in Gefühlen und Begehrungen im Bewußtsein kundgibt. Beide können nicht vorgestellt werden als verschieden von den Vorstellungen: dazu fehlt es ihnen an einem bestimmten vorstellbaren  Was,  an einem Quale. Gleichwohl sind sie tatsächlich im Bewußtsein. Sie müssen sich also als ein mannigfach veränderliches  Wie  des Vorstellens darin befinden. Wodurch weiß ich von meinen Begehrungen? Nehme ich den Akt des Begehrens unmittelbar wahr? Nein, sondern ich  fühle  doch wohl nur den Zustand des Begehrens, unterscheide aber davon noch das Gefühl, das er mit sich führt. Begehren ist das Aufstreben der Vorstellung, deren Inhalt begehrt wird, gegen Hindernisse. Diese Hindernisse sind in einem weiteren Sinn selbst Vorstellungen. Ihr unterliegendes Widerstreben ist das peinliche Gefühl, das mit der Verzögerung der Erreichung des Begehrten stets verbunden ist. Die mit Widerstreben aus dem Bewußtsein weichende Vorstellung gibt die Verabscheuung.


b. Kritik der Herbart'schen Willenstheorie

Für jede Kritik kann es sich meines Erachtens bloß darum handeln, aufgrund eines eingehenden Verständnisses der vorliegenden Anschauungen die etwa vorhandenen tatsächlichen Irrtümer in denselben aufzuweisen. Überall da, wo keine bewußte Unrichtigkeit anzunehmen ist, gibt es keine rein logischen Irrtümer. Es ist heut vielfach üblich im Gedankengang großer Männer, der sie Jahre hindurch beschäftigt hat, innerhalb einiger Stunden klaffende Widersprüche zu finden. Sieht man genauer zu, so verwandeln sich die vermeintlichen Widersprüche in die konsequenten Folgerungen aus Tatsachen, die heute nicht mehr oder in anderer Form anerkannt werden. Von einer sorgsamen Kritik muß eine genaue Kenntnis der tatsächlichen Voraussetzungen und eine durchaus sachliche Behandlung der zu prüfenden Ansichten verlangt werden. Ich hoffe, daß man diese Grundsätze in der vorliegenden Arbeit befolgt sehen wird.

Die Kritik HERBARTs läßt sich zwei Gesichtspunkten unterordnen. Es sind zunächst die allgemeinen und speziellen Gründe zu untersuchen, welche seine Theorie hervorgerufen haben, und sodann die Frage zu erheben, ob dieselbe alle Tatsachen wirklich zu erklären imstande ist.


1) Das Verhältnis der Theorie zu ihrer Begründung

Die allgemeine Grundlage für alle Wissenschaft sieht HERBART in der Metaphysik. Ihre Lehren sind auch für die Psychologie, sofern sie nicht bloß beschreiben, sondern auch erklären will, der maßgebende Ausgangspunkt. Demnach ist die Seele ein einfaches Wesen unter vielen einfachen Wesen. Die Störungen, welche sie von diesen erfährt, veranlassen sie zu einfachen Selbsterhaltungen, den Vorstellungen. Nun scheint es mir ein schwer vollziehbarer Gedanke, daß unter diesen Selbsterhaltungen der einfachen Seele selbst Streit entsteht und ihre gegenseitigen Hemmungen eines Ausgleichs bedürfen. Entweder wird die Einfachheit des Seelenwesens durch die Gegensätzlichkeit ihrer Äußerungen gefährdet, oder die Vorstellungen unterstützen einander sämtlich im Dienst des einen Zwecks der Selbsterhaltung. Ich meine also, nicht die Theorie fordert die Hemmung der Vorstellungen, sondern die Tatsachen des Bewußtseins lehren sie. Das heißt aber soviel als: die Theorie erklärt uns diese Tatsachen nicht.

Sehen wir von dieser allgemeinen Schwierigkeit ab und fragen wir nach der Berechtigung, welche die Annahme hat, daß von allen Bewußtseinszuständen nur die Vorstellungen als solche Selbsterhaltungen gelten dürfen. Der modernen Auffassung liegt es ja viel näher, die Gefühle der Lust und Unlust als Selbsterhaltungen der Seele aufzufassen. Die allgemeine Metaphysik kann darüber nichts bestimmen, sie fordert nur, daß die Selbsterhaltungen ebenso einfach sind, wie die Seele selbst. Also muß es in den Bewußtseinstatsachen begründet liegen, daß nur die Vorstellungen diese Rolle übernehmen können. Hier macht sich der Nachteil einer unvollständigen und ungenauen Zergliederung des Bewußtseins zur Zeit HERBARTs besonders fühlbar. Die Aufgabe kann zunächst nur darin bestehen, das entwickelte Bewußtsein auf seinen Inhalt zu untersuchen. Wir finden in demselben aber weder einfache Vorstellungen noch Gefühle oder Begehrungen isoliert, sondern stets einen größeren oder kleineren Komplex elementarer Vorgänge zu einem Ganzen verbunden. Unserer Abstraktion wird es daher sehr wohl möglich die nicht weiter zerlegbaren Elemente festzustellen, aber sie wird uns nicht zu der Behauptung führen, daß das eine derselben allein unser Bewußtsein erfüllen kann. Für diese Abstraktion gliedern sich zunächst alle diese letzten qualitativ verschiedenartigen Bestandteile in eine lange unterschiedslose Reihe, und es bleibt vorläufig unbestimmt, ob einzelne größere Gruppen aus diesen verschiedenen einfachen Inhalten sich bilden lassen werden.

Ein solcher Fall also, wie HERBART ihn sich denkt, daß eine reine Farbe oder ein einfacher Ton für sich allein unser Bewußtsein erfüllen, existiert nicht. Es liegt hier die Verwechslung des Blickpunktes und Blickfeldes des Bewußtseins vor. Unsere Apperzeption kann allerdings eine einfache Vorstellung hervorheben, aber eine apperzipierte Vorstellung ist nicht der einzige Inhalt des Bewußtseins. Und gerade in einem solchen Fall wird sich leicht ein gewisses Gefühlsmoment, das Interesse, an die so ausgezeichnete Vorstellung knüpfen. Auch der genetische Gesichtspunkt ergibt nichts anderes. Wir sehen vielmehr gegen den Beginn der physischen Entwicklung das Vorstellungsquale hinter Gefühl und Wille durchaus zurücktreten.

Es kann daher von diesem Gesichtspunkt aus eine Bevorzugung der Vorstellungen nicht begründet werden. Daß überhaupt Vorstellungen ohne Gefühle und Begehrungen im Bewußtsein angetroffen werden, ist unwesentlich. Erstens deshalb, weil uns eine einfache Vorstellung allein nie gegeben ist und die Verbindung mit anderen Vorstellungen schon die geforderte Einfachheit aufhebt. Aber auch aus einem allgemeineren Grund. Gesetzt, es seien Gefühl und Begehrung nur die Intermittierende [unterbrechende - wp] Begleitung des Geschehens, wie es sich in den Vorstellungsreihen abspielt, so folgt aus dieser empirischen Beobachtung keineswegs, daß sie keine selbständige Bedeutung beanspruchen dürfen, sondern als bloße Modifikationen der Vorstellungen angesehen werden müssen. Diese Behauptung ist nur dann eine notwendige, wenn bereits feststeht, daß alle seelischen Vorgänge einfacher Natur sein müssen, und nur die Vorstellungen dieser Forderung Genüge leisten. Ferner gehört dazu die Voraussetzung, daß das Bewußtsein eine nur unwesentliche Erscheinung oder Äußerung des seelischen Geschehens darstellt, und daß die in demselben anzutreffende Mannigfaltigkeit an der Einfachheit des seelischen Tuns nichts ändert. Alle diese Annahmen sind aber weder  a priori  zu begründen, noch für den empirischen Standpunkt möglich. Es ist also der einzige Grund, welchen HERBART für die Bevorzugung der Vorstellungen für die Rolle der seelischen Selbsterhaltungen angibt, selbst abgesehen von seinen metaphysischen Grundlagen nicht imstande das Gewünschte zu leisten.

Einen anderen Grund für die ausschließliche Berücksichtigung der Vorstellungen bei der Theorie des seelischen Geschehens hat DROBISCH geltend gemacht. Gefühle und Begehrungen können nicht vorgestellt werden. Wodurch aber weiß ich von ihnen? Ich nehme sie nicht unmittelbar wahr, sondern fühle sie nur. Das kann doch nur heißen: Gefühle fühle ich, Begierden begehre ich, Vorstellungen stelle ich vor. Und das ist doch wohl selbstverständlich. Das Gefühl der Lust kann nicht die Vorstellung des Tisches sein usw. Es liegt dieser Auseinandersetzung gleichfalls eine ungenügende psychologische Analyse zugrunde. Was berechtigt mich, ein vorgestelltes Objekt von einer vorstellenden Tätigkeit zu sondern? Logisch bin ich gewiß zu einer Teilung der in Wahrheit nicht geteilten Vorstellung berechtigt. Aber ich muß mir bewußt bleiben, daß ich nur ein Vorgestelltes vorstelle und vorstellen kann, daß ich also keineswegs zu der Forderung gelangen darf, Gefühle oder Begehrungen vorzustellen. Dann müßte ich auch  blau  oder  grün  fühlen und begehren können. Wenn also nicht bereits in der Theorie feststeht, daß Vorstellungen das eigentliche Geschehen der Seele bilden, so läßt sich aus dem von DROBISCH angegebenen scheinbaren Vorzug derselben jene Theorie nicht begründen. Als ein mannigfach veränderliches Wie des Vorstellens lassen sich Gefühle und Begehrungen deswegen nicht auffassen, weil sie nicht vorgestellt werden können. Verstehen wir unter der unmittelbaren Wahrnehmung nicht das Abstraktum einer vorstellenden Tätigkeit, sondern allgemein die unmittelbare innere Erfahrung, so werden Gefühle und Begehrungenn in dieser sich gleich ursprünglich erweisen, wie die Vorstellungen.

Die Prüfung der Gründe, welche von HERBART und DROBISCH für die rein accessorische [hinzukommende - wp] Bedeutung des Strebens oder Begehrens angeführt werden, hat somit ein negatives Resultat ergeben. Selbst vom Standpunkt der Metaphysik HERBARTs lassen sich die Tatsachen nicht in der entwickelten Weise verwerten und deuten.


2) Das Verhältnis der Theorie zu den Tatsachen

Eine jede Theorie, erwachsen aus einer hypothetischen Annahme, findet ihren natürlichsten Maßstab in den Tatsachen, welche sie erklären soll. Wir fragen daher in zweiter Linie, unabhängig von den soeben angestellten Erwägungen, ob die HERBART'sche Theorie des Willens imstande ist, allen unter diesen Ausdruck zu subsumierenden Bewußtseinstatsachen gerecht zu werden. Auch diese Frage werden wir verneinen müssen.

Ich beginne mit dem an die letzten Erörterungen sich anschließenden Zweifel, ob HERBART uns begreiflich gemacht hat, wie wir von unseren Gefühlen und Begehrungen etwas wissen. Er ist zwar selbst auf diesen Gegenstand nicht eingeganen, aber bei DROBISCH finden wir entsprechende Äußerungen. Nach ihm können wir den Akt des Begehrens weder vorstellen, noch unmittelbar wahrnehmen, sondern nur fühlen. Offenbar muß dieser Ausdruck in einem weiteren als dem sonst üblichen Sinn gebraucht sein, da er bei diesem Fühlen des Begehrens noch das Gefühl unterscheiden läßt, das sich damit verknüpft. Was nun aber dieses Organ der Erfahrung vom Begehren eigentlich sei, bleibt dunkel, eben weil gerade das, was es wohl sein müßte, ausdrücklich geschlossen wird. In der Tat wird uns so unerklärlich, wie wir von dem, was nicht Vorstellung ist, etwas wissen können.

Aber ich lege hierauf kein besonderes Gewicht. Wesentlicher scheint mir ein anderer Punkt. Das Begehren soll dadurch zustande kommen, daß eine Vorstellung gegen Hindernisse aufstrebt. Diese Hindernisse werden durch entgegengesetzte Vorstellungen repräsentiert. Ich glaube, daß hier der Begriff entgegengesetzter Vorstellungen bei genauerer Analyse der Tatsachen zu einem anderen Resultat führen muß, als dem von HERBART gezogenen. Zwei Vorstellungen α und β sind einander entgegengesetzt in einem konträren Sinn. Woher die Hemmung, welche sie gegenseitig ausüben sollen? An und für sich können ja im Bewußtsein mehrere Vorstellungen gleichzeitig vorhanden sein. Die Theorie macht uns nicht verständlich, warum dieselben als solche sich hemmen müssen. Nehmen wir an, es wöre das Vermögen der Seele Vorstellungen zu erzeugen ein beschränktes oder dasselbe besäße eine bestimmte, nicht zu steigernde Intensität. Dann würden sich allerdings die jeweils vorhandenen Vorstellungen insofern hemmen müssen, als keine derselben der ganzen in der Seele verfügbaren Vorstellungsintensität teilhaftig werden könnte. Das hätte dann aber nichts mit ihrem Gegensatz zu tun. Diese Hemmung würde alle Vorstellungen treffen, sofern sie eben nicht kongruent sind. Im Grunde, meine ich, hat HERBART bei der Hemmung einen anderen, gefühlten Sinn im Auge gehabt. Es werden sich nämlich zwei Vorstellungen, von denen die eine lust-, die andere unlusterregend wirkt, in evidentester Weise hemmen. Eine Hemmung zwischen zwei gleichgültigen Empfindungen kommt in keiner Weise zu Bewußtsein, auch dann nicht, wenn die eine steigt, während die andere schon mit voller Klarheit gegeben ist. Damit ist aber der Theorie des Begehrens der Boden entzogen. Ist die Hemmung einer aufstrebenden, d. h. zunächst nur aufsteigenden Vorstellung durch andere im Bewußtsein vorhandene und von ihr verschiedene nur dann von einer Bewußtseinserscheinung begleitet, wenn Gegensätze des Gefühls zwischen beiden obwalten, so sind diese und ebensowenig Begehren und Widerstreben aus bloßen Verhältnissen der Vorstellungen zueinander ableitbar. An diesem Resultat ändert auch die Behauptung von DROBISCH nichts, daß wir Unangenehmes begehren und Angenehmes verabscheuen können. Denn sie entspricht doch in dieser Weise nicht dem Tatbestand. Wir können nicht in demselben Moment dasselbe begehren und verabscheuen, und das liegt in jener Behauptung eigentlich vor. Wohl aber kann eine Vorstellung sinnlich angenehm und intellektuell wertlos oder schlecht erscheinen. Das ist dann keineswegs ein einziger unteilbarer Akt, sondern ein wechselnder Gemütszustand und ein wechselndes Urteil, und so bleibt es bei der Tatsache, daß zum Begehren und Verabscheuen das Verhältnis unangenehmer zu angenehmen Vorstellungen gehört. Die Begierde entsteht nach der Theorie aus dem Aufstreben einer Vorstellung, die begehrt wird, gegen hemmende Vorstellungen, die Verabscheuung aus dem Kampf einer Anzahl von Vorstellungen gegen eine mit Widerstreben weichende. Ich finde nicht, daß hierdurch die in beiden Gemütsbewegungen hervortretenden Unterschiede eine genügende Erklärung erfahren haben. Nehmen wir jenen einfachsten Fall, den HERBART selbst anfhrt: das mit  α  komplizierte  a  tauche im Bewußtsein auf und finde hier  β  vor, welches dem  α  entgegengesetzt ist. Indem nun das durch Komplikationshilfe steigende  α  gegen  β  aufstrebt, entsteht eine Begierde. Warum nicht auch eine Verabscheuung? Wenn  x + a + α  (wo unter  x  die das  a  weckenden Vorstellungen verstanden seien) gegen  β,  das mit Widerstreben weicht, ansteigen, ist die Bedingung für die Verabscheuung nach HERBART gegeben. Ich meine also, daß die Theorie uns nicht glaublich macht, warum wir nicht in demselben Moment begehren und verabscheuen.

Dies führt uns auf den Hauptmangel der HERBART'schen Willenstheorie. Sie vermag die Einheit unseres Wollens, Begehrens, Strebens und der davon abhängigen seelischen Vorgänge nicht zu erklären. Diese Einheitlichkeit ist kein Schein und bedarf der klaren Berücksichtigung in jeder Theorie des geistigen Geschehens. Und am besten erklärt sie sich durch eine einheitliche in unserem Bewußtsein wirksame Funktion. Man mag den Inhalt des Ich noch so kompliziert und noch so wechselnd zu verschiedenen Zeiten finden, man wird die einheitliche Richtung unseres Bewußtseins, wo nicht etwa krankhafte physiologische Veränderungen eine Störung seiner Einheitsfunktion hervorgerufen haben, immer noch als eine daon unabhängige und der Erklärung bedürftige Tatsache anzusehen genötigt sein. Unser Fortschritt in der Behandlung des Ichproblems liegt aber darin, daß wir Inhalt und Einheit als eigentümliche Bestandteile desselben zu sondern wissen. Weder FICHTE noch HERBART haben das erkannt. Bei FICHTE führte die Erfahrungstatsache der Einheitlichkeit, des bleibenden Beziehungspunktes aller Handlungen und Gedanken, zu der Ansicht, daß der Ichbegriff selbst durchaus einfacher Natur sei. HERBART aber sah wohl ein, daß diese Einfachheit eine trügerische war und sich in eine große Mannigfaltigkeit wechselnder Vorstellungen auflösen lasse, verlor jedoch dabei die Einheitlickeit aus dem Auge und vermochte nicht zu erklären, warum wir in jedem Moment des Denkens und Handelns unser Ich als den formal identischen Beziehungspunkt ansehen. Daß beides richtig ist, die Einheitlichkeit und die Vielfältigkeit wechselnder Vorstellungs- und Gefühlsinhalte, diese Einsicht verdanken wir erst der Erkenntnis, daß überall, wo uns jene zum Bewußtsein kommt, eine einheitliche Funktion, der Wille oder die Apperzeption wirksam ist.

Ich gehe nicht weiter auf Einzelnes ein. Es genügt das Gesagte, um das Urteil zu begründen, daß die HERBART'sche Willenstheorie nicht alle von ihr zu erklärenden Tatsachen begreiflich mache. Un das liegt vielleicht an einer gewissen Geringschätzung des im Bewußtsein Gegebenen, ja überhaupt des empirisch Gegebenen, wie sie dem Metaphysiker HERBART anhaftet. Aber die Tatsachen fordern ihr Recht. Und der Psychologe hat auszugehen nicht von einer logischen Konstruktion seines Erfahrungsgebietes, sondern von einer treuen und sorgfältigen Zergliederung des inneren Tatbestandes. HERBARTs Theorie ist unzureichend begründet und erklärt nur unzureichend, was sie erklären soll. Das ändert nichts am Verdienst, welches er sich um die wissenschaftliche Begründung der Psychologie erworben hat und nichts an der dankbaren Anerkennung, welche wir ihm zollen.


2. Die logisch begründete Willenstheorie

Als eine Erneuerung des HERBARTschen Versuchs, die Psychologie, abgesehen von metaphysischen Voraussetzungen, auf ganz selbständiger Grundlage aufzubauen, dürfen die "Grundtatsachen des Seelenlebens" von LIPPS gelten. Lehrreich genug ist daher der Vergleich zwischen beiden. Die allgemeinen Vorstellungen, welche LIPPS bei der Zergliederung des Bewußtseins entwickelt, haben viel Verwandtes, die Theorie des seelischen Geschehens beruth im Wesentlichen auf gleichen Annahmen. Aber der Ausgangspunkt ist ein bewußt empirischer geworden, die genaue Analyse des Gegebenen bildet die eigentliche Aufgabe der Untersuchung, und jene allgemeinen theoretischen Voraussetzungen werden nicht als notwendige metaphysische Ansichten, sondern mehr als ein vorläufiger Gesichtspunkt und als ein bequemer Sprachgebrauch eingeführt. Die Psychologie ist eine Erfahrungswissenschaft geworden, deren Ergebnisse nicht durch eine vorher fertige Metaphysik erst Wert und Deutung erhalten, deren Prinzipien vielmehr, wie diejenigen anderer Einzelwissenschaften, einer metaphysischen Bearbeitung unterzogen werden können. Bemerkenswert erscheint, daß die bloße Bezugnahme auf die unmittelbare innere Erfahrung LIPPS zu ähnlichen prinzipiellen Voraussetzungen geführt hat, wie HERBART, und daß eine leise Mitwirkung derselben bei der Entscheidung einzelner Fragen nicht unterblieben ist.

Ich werde bei der Besprechung der LIPPS'schen Willenstheorie Darstellung und Kritik nicht voneinander trennen, wohl aber zwei Gesichtspunkte unterscheiden, die sich hier zweckmäßig voneinander sondern lassen, die Frage nach dem, was in einem elementarem und komplizierterem Sinn als Wille bezeichnet wird, und die andere nach der Bedeutung und Wirksamkeit desselben innerhalb des seelischen Geschehens. Daß ich diese Willenstheorie eine logisch begründete nenne, hat sein Veranlassung in der Beobachtung, daß ein eigentümlicher logischer Grund bei LIPPS eine wichtige Rolle in der Beurteilung des Willens spielt. Diese logische oder erkenntnistheoretische Überlegung scheint mir das Hauptmotiv zu sein, welches eine eigentliche Kausalität dem Willen abzusprechen und eine bloß symptomatische Bedeutung ihm zuzuschreiben genötigt hat, und außerdem ist diese Begründung vielleicht das wirklich Neue und Selbständige neben HERBARTs Ausführungen.


a. Das Wesen des Willens (10)

Auch bei LIPPS sind es Strebungen, welche in einem einfachen und elementaren Sinn in allen Willenserscheinungen anzutreffen sind. Diese Strebungen aber will er ebensogut als Empfindungen bezeichnen, wie Farben oder Töne. Darin liegt mehr als eine bloße Namensgebung. Denn es soll damit die Dreiheit seelischer Tätigkeiten (Vorstellen, Fühlen, Wollen) abgelehnt werden, die von Alters her in der Psychologie Anerkennung haben. Im Willen ist nach LIPPS, sofern es ein eigentümlicher Bewußtseinsvorgang ist, nichts weiter festzustellen, als ein einfacher Inhalt Strebung, und dieser Inhalt verdient den Namen Empfindung.

Sollen verschiedene seelische Tätigkeiten angenommen werden, so kann der Unterscheidungsgrund nur den Bewußtseinsinhalten selbst entnommen werden. Nun sind allerdings Lust und Strebung untereinander und mit den Vorstellungsinhalten Blau, Sauer, Hart völlig unvergleichlich, aber ebensowohl die letzteren unter sich, und zwar nicht bloß sofern sie verschiedenen Sinnen angehören, sondern auch als verschiedene Qualitäten eines und desselben Sinnes. Es lassen sich trotzdem zwei große Gruppen bilden, von denen die eine die Vorstellung aufgrund äußerer Reize oder die Tätigkeit der Sinnesempfindung überhaupt, die andere Gefühl und Strebung als Rückwirkungen der Seele auf die Empfindungen umfaßt. Und da wir keinen Grund haben, den letzteren den Namen der Empfindung vorzuenthalten, so ist auch hier von Lust- und Strebungsempfindung zu reden. Beide Klassen lassen sich als Tätigkeiten des subjektiven und objektiven Vorstellens unterscheiden. Keine dieser Qualitäten zeigt aber "das zugrunde liegende Wirkliche, wie es ansich ist, d. h. wie es ist, wenn es nicht empfunden, wahrgenommen, überhaupt vorgestellt wird."

Fassen wir zusammen, so ergibt sich: unsere unmittelbare Wahrnehmung weist eine Fülle verschiedenartiger Bewußtseinsinhalte auf, wir dürfen alle diese mit dem Namen der Empfindung belegen, und es lassen sich nur zwei große Gruppen darin unterscheiden, je nachdem wir diese Inhalte auf ein Äußeres oder auf uns selbst beziehen. Ich hebe hervor, daß im Bisherigen die vollkommene Gleichordnung des Strebens, Fühlens und Vorstellens, sofern sie Bewußtseinsinhalte sind - und darauf allein kommt es zunächst an - anerkannt ist. Gleichwohl halte ich die allgemeine Anwendung des Begriffs der Empfindung und Vorstellung für unzweckmäßig und die Unterscheidung in Tätigkeiten des subjektiven und objektiven Vorstellens für unzureichend.

Was den ersten Punkt betriff, so will ich nur auf Einiges hier hinweisen, da ich bereits an anderer Stelle ausführlicher darauf eingegangen bin. Gewiß ist es richtig, daß für die logische Betrachtung des im Bewußtsein Gegebenen sich zunächst eine Füllen von ungleichartigen Inhalten konstatieren läßt. Aber wir haben eine Veranlassung, die Empfindungen der verschiedenen Sinne voneinander zu sondern, weil wir die Entstehung derselben an bestimmte Orte gebunden sehen. Und es erscheint mir nicht zweckmäßig, ohne Grund von einer Terminologie abzugehen, die sich bereits in der Psychologie ein gewisses Heimatrecht erworben hat. Es sei denn, daß darin mehr liegen soll als eine bloße Änderung des Sprachgebrauchs. Zunächst aber wird kein anderes Motiv für seine Benennung von LIPPS angeführt, außer dem schon erwähnten, daß ihm kein bestimmender Grund vorliegt, der ihn von einer allgemeineren Anwendung des Namens, als der bisher üblichen, abhalte. Will man nun durchaus  Empfindung  mit  Bewußtseinsinhalt  überhaupt gebrauchen, so mag man das immerhin tun; man ist dann aber genötigt, für diejenige Gruppe von Inhalten, die von der Psychologie gewöhnlich als Empfindungen bezeichnet werden, einen besonderen Namen einzuführen. LIPPS selbst gibt zu, daß eine solche Gruppe von allen anderen Inhalten abgesondert werden kann. Dann liegt aber die Grundlosigkeit auf Seiten seines Sprachgebrauchs, nicht auf derjenigen des sonst üblichen. Ich meine also, daß der bisherige Begriff der Empfindung ein klarer, auf logisch berechtigter Scheidung beruhender ist und daß wir keine Veranlassung haben denselben aufzugeben.

In zweiter Linie behaupte ich, daß der Tatbestand die Sonderung in Tätigkeiten des subjektiven und objektiven Vorstellens nicht nahelegt. In einem doppelten Sinn habe ich dagegen Bedenken. Ich nehme zuerst an, daß diese Zweiteilung sachlich richtig ist. Dann möchte ich doch die Ausdehnung des psychologischen Sprachgebrauchs, wie sie hier in der Verwendung des Namens  Vorstellen  liegt, beanstanden. Vor allem deshalb, weil diese Ausdehnung zu Mißverständnis und Mißbrauch Anlaß gibt. Denn es mag daraus abgeleitet werden, daß man ebenso, wie man Vorstellungen (im engeren Sinne) vorstellt, auch Gefühle und Willensakte vorstellt. Das ist aber in gleicher Weise ungereimt, wie die aus der entgegengesetzten Behauptung von DROBISCH (11) gezogene Folgerung, daß Gefühle und Strebungen eine nur phänomenale Existenz hätten. Die Begriffe des Vorstellens, Fühlens und Strebens sind korrelat denjenigen der Vorstellung, des Gefühls und der Strebung. Es hat daher keinen Sinn von einem Vorstellen ohne Vorstellung zu sprechen, sowenig wie von einem Fühlen ohne Lust oder Unlust. Trotzdem ist die Unterscheidung spezielle beim Vorstellen eine berechtigte, denn sie beruth auf der Gegenüberstellung von Ich und Nicht-Ich und auf der Beobachtung, daß für das Zustandekommen einer Wahrnehmung  unser  Verhalten neben der Einwirkung äußerer Objekte maßgebend ist. Zu welchem Resultat die Prüfung unseres Verhaltens führt, wird an anderer Stele zu erörtern sein. Die Begriffe des Fühlens und Strebens, abgesehen vom einzelnen wirklichen Gefühls- oder Strebungsinhalt, sind nach Analogie des Vorstellens gebildet, ohne doch den gleichen Grund zu haben. Nun muß aber festgehalten werden, daß Vorstellen für sich ein Abstraktum ist und daß es nur abstrahiert werden kann von Vorstellungen, d. h. jenen Bewußtseinsinhalten, welche sich auf die Empfindungen (im oben bezeichneten engeren Sinn) zurückführen lassen. Dieser Sachverhalt wird dadurch verdeckt, daß man den Begriff des Vorstellens so erweiter, wie es LIPPS tut; es hat dies nur dann einen sachlich berechtigten Sinn, wenn man (aus anderen Gründen) das einzig Wirkliche des geistigen Geschehens im Vorstellen erblickt, also schon eine bestimmte theoretische Hypothese damit verbindet.

Daß aber auch die Unterscheidung von Empfindung und Gefühl (von den Strebungen sehe ich vorläufig ab) auf anderen Tatsachen beruth, als auf der von LIPPS angeführten, erhellt sich aus Folgendem. Es ist bekannt, daß zum Ichbegriff die Vorstellung des eigenen Körpers gehört. Nun werden sinnliche Gefühle ganz ebenso wie Empfindungen des Tast-, Geruchs- und Geschmackssinns in Teilen unseres Körpers lokalisiert, auf diese als ihren Herd bezogen. Es kann also die Unterscheidung des Subjektiven und Objektiven hier nicht zutreffen. Offenbar hat dieselbe bei LIPPS eine andere Bedeutung:
    "Lust- und Strebungsempfindung denken wir uns übereinstimmend nicht unmittelbar durch äußere Reize, sondern erst durch die Art, wie die durch die Reize erzeugten Empfindungen in der Seele wirken, miteinander oder mit dem Seelenganzen in Beziehung treten, zuwege gebracht."
Bei der Prüfung dieses unterscheidenden Merkmals kann es sich natürlich nur um den Vergleich der  sinnlichen Gefühle  und Empfindungen handeln, da ja Phantasie- und Erinnerungsvorstellungen auch nicht durch äußere Reize erzeugt gedacht werden. Und da, meine ich, ist der Sachverhalt in jenem Satz nicht richtig zum Ausdruck gelangt. Ich sagte schon vorhin, daß auch für die Entstehung der bewußten Vorstellungen (der Empfindungskomplexe) unser Verhalten wesentlich ist. In keinem anderen Sinn ist dies bei den sinnlichen Gefühlen der Fall. Äußere Reize erregen Lust und Unlust, wie die Apperzeption des Tisches oder des Akkords, und Lust und Unlust können ausbleiben wie die genannten Vorstellungen trotz Einwirkung der gleichen Reize. Keineswegs liegt also in dieser Tatsache ein Unterscheidungsgrund für Empfindungen und Gefühle. Derselbe scheint mir vielmehr hauptsächlich folgender Erfahrung entnommen zu sein. Die gleichen Reize haben (wenn überhaupt) qualitativ dieselben Empfindungen zur Folge, aber nicht die gleichen sinnlichen Gefühle. Gefühle überhaupt sind weder eine konstante noch eine gleichartige Begleitung der Vorstellungen und weisen damit auf eine besondere, ihnen eigentümliche Gesetzmäßigkeit hin. Die Vorstellung eines bestimmten Tisches ist immer ein bestimmter, qualitativ gleichartiger Empfindungskomplex, aber die gefühlerregende Wirksamkeit desselben ist von Umständen abhängig, die mit dem äußeren Reiz so wenig zu tun haben, wie mit den Empfindungen. Darin ist ein ausreichender Grund für die Unterscheidung der beiden Klassen  Empfindung  und  Gefühl  gegeben, und zwar ein Grund, welcher im Verhalten der Bewußtseinserscheinungen selbst gefunden ist.

LIPPS meint, daß Gefühle und Strebungen näher miteinander verwandt sind, als Empfindungen verschiedener Sinne, und daher eine einzige Klasse subjektiven Vorstellens gegenüber dem objektiven bilden müssen. Keine Strebung ohne einige Lust und Unlust und keine Lust ohne Streben. Aber in diesem Sinne kann ich gewiß auch sagen: kein Streben ohne eine Vorstellung. Damit würde aber der enge Zusammenhang von Gefühl und Strebung durchbrochen werden. Überhaupt ist es doch noch fraglich, ob wirklich jedes Streben Lust oder Unlust und umgekehrt mit sich führt. Ich glaube wenigstens, daß es Fälle gibt, in denen Gefühle angenehmer Art ohne ein Spur von Strebung in unserem Bewußtsein gegeben sind und andererseits die Entstehung eines Strebens an die bloße Vorstellung (allerdings an eine apperzipierte) eines Gegenstandes oder einer Bewegung gebunden erscheint. Und außerdem besteht noch ein wesentlicher Grund, der wohl entscheidend genannt werden kann, weshalb eine Sonderung des Wollens von anderen Bewußtseinserscheinungen vorgenommen werden muß. Der Wille ist diejenige Funktion des Bewußtseins, welche sich mit allen anderen verbinden kann und welche mit keiner verbunden zu sein braucht. Es ist außerdem diejenige Funktion, welche qualitativ gleichartig nur der Intensität nach variabel ist und in verschiedenen Graden mit demselben Vorstellungs- und Gefühlsinhalt sich vereinigt. Dieses Verhalten des Willens unterscheidet ihn deutlich von anderen Inhalten des Bewußtseins.

Dies führt uns auf die Hauptfrage, welche wir der Ansicht von LIPPS über das Wesen des Willens noch entgegenhalten müssen: Ist überhaupt das Eigentümliche desjenigen Bewußtseinsvorgangs, den wir Willen nennen, in den Strebungen oder Strebungsempfindungen richtig zum Ausdruck gebracht? Soll in denselben weiter nichts gesehen werden, als Innervationsempfindungen [Nervengefühle - wp], so dürfte doch damit nur eine Begleiterscheinung, nicht die Natur des Willens bezeichnet sein. Qualitativ gleichartig mit den Innervationsempfindungen sind jedenfalls nach LIPPS die Strebungs- oder Spannungsempfindungen, und sie werden in der Theorie auf gleiche Vorstellungs- bzw. Empfindungsverhältnisse zurückgeführt. (12) Aber der Widerstand, und nur bei Vorhandensein eines solchen entstehen Anstrengungsgefühle, ist weder ein zweifelloser Maßstab für die Stärke des Willens, noch ein notwendiges Zeichen für das Vorhandensein desselben. So ist es schon im gewöhnlichen Sprachgebrauch. Wir werden später andere Kritierien für die Wirksamkeit des Willens kennen lernen.

Das Resultat der bisherigen Erörterungen ist also dies: LIPPS hat uns nicht nachgewiesen, daß die übliche Dreiteilung der Bewußtseinserscheinungen unberechtigt ist, und uns im Wollen nicht dasjenige erkennen gelehrt, was seinen eigentümlichen Inhalt ausmacht.

Nach der Analogie dessen, was in der materiellen Welt als Streben bezeichnet wird, redet LIPPS auch von seelischen Strebungen, d. h. von psychischen Ursachen, die in ihrer Wirkung gehemmt sind, aber sich in Aufhebung der Wirkungen anderer Ursachen als wirksam erweisen. Alles seelische Streben ist  Empfindungs-  und  Vorstellungsstreben.  Seine Leistung besteht in einer negativen Arbeit, in einer Bindung überhaupt verfügbarer seelischer Kraft. Daneben wird zwischen  qualitativem  und  erfahrungsgemäßem  Streben unterschieden. Jenes wird dadurch charakterisiert, es sei das Empfindungs- und Vorstellungsstreben, "das oder soweit es in der Qualität der Vorstellungen oder ihrem qualitativen Verhältnissen zu andern, bzw. zum  allgemeinen seelischen Leben  seinen Grund hat." Erfahrungsgemäße Strebungen dagegen sind solche, "welche oder soweit sie durch den erfahrungsgemäßen Zusammenhang mit anderen, in der Seele bereits lebendigen Vorstellungen oder Empfindungen erzeugt sind." Das qualitative Empfindungsstreben nennt LIPPS das Begehren. Nun fühlen wir  uns aktiv  in jedem Streben, ja dasselbe bildet neben den Gefühlen den eigentlichen Kern unseres Ich, offenbar weil sich in beiden die Beziehungen der seelischen Inhalte zueinander und zum seelischen Gesamtleben dem Bewußtsein unmittelbar ankündigen. (13) Aber so gut der Begriff der Aktivität empirisch erzeugt ist, so sind auch Streben nach und Widerstreben gegen etwas erst in der Erfahrung entstanden. Unmittelbar wissen wir nur vom gleichzeitigen Vorhandensein gewisser Vorstellungsinhalte und Strebungsempfindungen. Das Streben heißt "Streben  nach  einem  a,  wenn wir wissen, daß es in der Verwirklichung des  a  sein Ende findet." Und "wir nennen es  unser  Streben nach  a umso  eher, ein je  umfassenderes  seelisches Streben in der Verwirklichung des  a  sein Ende findet." Da nun aber eine jede solche Verwirklichung eine Befriedigung mit sich führt, so nennen wir  unser  Streben auch dasjenige, dessen Verwirklichung  unsere  Befriedigung erregt oder erregen würde. Dadurch erklärt sich auch das Widerstreben und  unser  Widerstreben. Dasselbe finden wir überall da, wo das Streben mit der Verwirklichung eines  a  sich verstärkt oder verstärken würde, dagegen in Befriedigung überginge, wenn  a  ganz aus dem Bewußtsein verdrängt würde. Den Begriff des Wollens endlich verwendet LIPPS so, daß er den Wunsch, daß etwas sei, und das Begehren zu handeln einschließt, daß er also das Streben nach etwas Möglichem, Erreichbarem bezeichnet.

Unverkennbar zeigen sich die Grundanschauungen HERBARTs in diesen Ausführungen. Ich kann jedoch nicht finden, daß die von LIPPS vorgezogene Nebeneinanderstellung von Streben zum Bewußtsein und Streben im Bewußtsein zur Klärung der Sachlage beiträgt. Mir scheinen HERBART und DROBISCH hierin strenger zu verfahren, indem sie den Begriff des Strebens im allgemeinen Sinn vom Bewußtseinsphänomen gleichen Namens deutlich sondern. In einem Punkt verdient aber die Theorie von LIPPS besonders hervorgehoben zu werden: sie versucht der Hauptschwierigkeit, die wir bei der HERBARTschen Ansicht konstatieren konnten, abzuhelfen. Sie will der Tatsache gerecht werden, daß  wir  uns im Streben oder Wollen aktiv wissen. Aber es ist ihr nicht gelungen, die eigentümliche Verbindung, in welcher das Ich mit dem Willen steht, zu erklären. Diejenige Aktivität, welche die Seele  überhaupt  entwickelt, ist für uns weder eine Bewußtseinstatsache, noch etwas mehr, als eine hypothetische Annahme, und äußert sich ja in allem psychischen Geschehen. So bleibt für die Erklärung des in  unserem  Streben hervortretenden Vorgangs nur die Voraussetzung übrig, daß es die relativ umfassendsten Strebungen sind, d. h. solche, denen das Ganze des seelischen Lebens in höherem Maße zugewandt ist, als anderen. Dieses Ganze besteht aber in Vorstellungen und Vorstellungsdispositionen. So kommt also die LIPPS'sche Ansicht im Grunde auf das Gleiche heraus, wie die von HERBART entwickelte, und es erheben sich dagegen die gleichen Bedenken. In der Tat läßt sich weder das Ich vollständig aus Vorstellungsinhalten ableiten noch bei der Voraussetzung eines solchen Ich das Willensleben erklären. Überall wo wir uns wollend verhalten, fühlen wir uns tätig, selbst beim Kampf der Motive und Zwecke, der Begierden und Entschlüsse. Dieser unmittelbare Zusammenhang allen Wollens mit dem Ich bedarf der Berücksichtigung.


b. Die Bedeutung des Willens (14)

Die Theorie des geistigen Geschehens, wie sie LIPPS entwickelt, weist den unbewußten seelischen Tätigkeiten eine bedeutende Wirksamkeit an. Nach seiner Ansicht ist was im Bewußtsein erscheint nur der unmittelbar wahrnehmbare Reflex dessen, was in der Seele eigentlich geschieht. Beide Tätigkeiten, die im Bewußtsein sich vollziehenden und die unbewußten, bleiben an sich völig unvergleichlich, und nur in Beziehung auf das kausale Verhältnis, welches zwischen ihnen besteht, lassen sich beide als Vorstellungstätigkeiten bezeichnen. Auch der Wille ist Vorstellung und somit Produkt der Vorstellungstätigkeit. Er ist, näher bestimmt, ein Nebenerfolg des Vorstellungsverlaufs, "der unter gewissen Umständen den unbewußt arbeitenden Mechanismus des seelischen Geschehens begleitet." In ihm als einem subjektiven Kraftgefühl kündigt sich für unser Bewußtsein seelische Arbeit bestimmter Art an. Da unsere innere Erfahrung etwas anderes über das Wollen zu lehren scheint und psychologische Theorien ebenfalls abweichend urteilen, so muß diese Anschauung näher begründet werden.

Dieselbe ist nun nicht dahin zu interpretieren, als wäre Gefühl oder Strebung  identisch  mit Vorstellungsverhältnissen. Für unser Bewußtsein, also auch die unmittelbare innere Wahrnehmung sind Lust und Unlust ebenso ursprünglich wie Blau oder Sauer. Der Gedanke kann vielmehr nur der sein, daß die ansich unbewußten Hemmungen oder Unterstützungen, welche die Vorstellungen oder richtiger die ihnen zugrunde liegenden seelischen Erregungen aufeinander ausüben, in unserem Bewußtsein sich als Gefühle oder Strebungen kundgeben. Die Annahme, daß den letzteren noch eine andere, objektive Existenz zukomme, ist weder eine natürliche noch eine richtige. Jenes nicht, weil ja, so gut wie psychische Tatsachen vorhanden sein müssen, die nicht bewußter, wahrnehmbarer Natur sind, auch umgekehrt solche existieren können, deren Dasein ein ausschließlich bewußtes ist. Aber der Gedanke ist auch widersinnig, weil er die Meinung enthält, es entspreche Gefühlen und Strebungen ein damit übereinstimmendes Reales. Diese Meinung verkennt durchaus, was die innere Wahrnehmung eigentlich lehrt. Gegeben sind uns in derselben nur Inhalte, nicht die erzeugenden Tätigkeiten, und so wenig man Farben oder Tönen eine Wirklichkeit zuschreibt, außerhalb des vorstellenden Bewußtseins, so wenig gebührt Gefühlen und Strebungen außerhalb desselben eine reale Existenz. Sie sind ebenso wie jene "Inhalte unserer Wahrnehmung oder was dasselbe heißt, Produkte unserer vorstellenden Tätigkeit."

Diese Ablehnung betrifft eine Meinung, welche doch kaum mehr von Psychologen vertreten wird, die behaupten, daß Gefühl und Wille gleiche Realität besitzen, wie Empfindung und Vorstellung. Ich wüßte auch nicht, wie die Ansicht von LIPPS allein aus den Bewußtseinstatsachen gefolgert werden könnte. Und es scheint mir, als ob das Mißliche einer ungenauen Terminologie sich hier geltend mache. Wir wissen, daß LIPPS Empfindung und Vorstellung als so allgemeine Begriffe verwendet, daß auch Gefühle und Strebungen diesen Namen erhalten. Aber daneben redet er von Vorstellungen und Vorstellungstätigkeiten im engeren Sinn und sieht er demgemäß den Willen als einen bloßen Nebenerfolg des Vorstellungsverlaufs an. Nun, glaube ich, ligt in der allgemeinen Bedeutung des Begriffs  Vorstellung  nichts, was die Realität des Willens unter diejenige der Vorstellungen (im engeren Sinne) herabdrückt. Denn sofern Strebungen auch Empfindungen sind, sofern lassen sich die sie erzeugenden Tätigkeiten auch als vorstellende bezeichnen. Dann haben sie also die gleiche Realität, wie die Empfindungen oder Vorstellungen im erngeren Sinne.

An diesem Resultat wird auch durch die folgenden Erörterungen nichts geändert. LIPPS wendet sich gegen die alte Behauptung, daß der Wille einen Einfluß auf Vorstellungsverlauf und Bewegung hat. Er sucht zuerst nachzuweisen, daß wir etwas nicht Gegebenes nicht wollen und die Richtung der Reproduktion nicht bestimmen können. Auch sei der Wille nicht imstande Vorstellungen festzuhalten, weil die Dauer ihres Vorhandenseins die notwendige Voraussetzung für die Dauer des Wollens bildet und ebensowenig ist er imstande Inhalte zu verdrängen, die vielmehr kraft eigener Stärke oder Schwäche aus dem Bewußtsein weichen oder an die Stelle anderer treten. Das alles kann doch nicht beweisen, was bewiesen werden soll. Denn was für ein Recht habe ich am Bewußtseins ganzen,  das eine im Blickpunkt sich befindende, also volle Aufmerksamkeit erhaltende Vorstellung darbietet, als eigentlich Wirksame ausschließlich dem Vorstellungsmoment zuzuweisen und jenes Bewußtsein der Selbsttätigkeit, welches alles Wollen und alles Willkürliche auszeichnet, für einen bloßen Nebenerfolg zu erachten? Es verhält sich ja nie so, daß mir ein Wollen abgesehen von allem Inhalt gegeben wäre. Wohl aber sind mir Vorstellungen bekannt, die das nicht enthalten, was in den apperzipierten hervortritt. Aus den Tatsachen, welche LIPPS anführt, läßt sich daher kein Schluß auf die Unwirksamkeit des Willens machen. Dieser Schluß ist nur dann natürlich, aber auch wertlos, wenn man den vorgebrachten Beispielen bereits eine bestimmte Ansicht vom Wollen zugrunde legt.

Wichtiger scheint mir daher eine logische Überlegung zu sein, welche von LIPPS zum Beweis seiner Ansicht herangezogen wird. Dieselbe ist, wie ich meine, das Wesentliche an seiner Begründung der bekannten Theorie, und ihr lege ich daher eine besondere Bedeutung bei. (15) "Niemand leugnet, daß das Hervortreten eines Vorstellungsinhaltes  a  ein anderer psychischer Akt ist als die Reproduktion des davon verschiedenen Inhaltes  b,  ebenso die Festhaltung oder Verdrängung eines  c  ein anderer Akt als die Festhaltung oder Verdrängung des davon verschiedenen  d."  Verschiedene Wirkungen verlangen aber verschiedene Ursachen. In den Willensakten bieten sich jedoch solche Verschiedenheiten nicht dar, wie sie all jenen genannten Tatsachen entsprechen müßten. Also muß auch von der Annahme einer Regelung des Vorstellungsverlaufs durch den Willen abgesehen werden. Eine doppelte Auskunft scheint nach LIPPS möglich zu sein: erstens die Meinung, daß die eigentliche Wirksamkeit des Willens ins Unbewußte fällt, damit gibt man für das Bewußtsein zu, was er behauptet, zweitens die Ansicht, daß der gleichartige Wille in notwendiger Weise ergänzend, mitwirkend das Resultat herbeiführen hilft, welches in den angegebenen Beispielen zum Ausdruck gelangt. "Offenbar wäre damit wirklich die Kausalität des Willens gerettet; aber sie wäre nicht in dem Sinne gerettet, wie sie die Behauptung einer Regelung des Vorstellungsverlaufs voraussetzt." An der besonderen Beschaffenheit desselben wäre der Wille dann "völlig unschuldig und von einem Einfluß dem sonstigen psychologischen Mechanismus zum Trotz wäre keine Rede."

Diese Ausführung wäre allerdings beweisend, wenn nicht gerade der letztgenannte Ausweg, der eine zu kurze Ablehnung erfährt, diejenige Meinung wäre, welche allein, soviel mir bekannt ist, noch von Psychologen aufrechterhalten wird. Der Sinn meiner Behauptung, daß der Wille auf den Vorstellungsverlauf Einfluß hat, ist gewiß nicht der, er könne beliebig Vorstellungen  erzeugen.  Aber worin soll denn der Unterscheid liegen zwischen dem bewußten, geordneten Denken und dem träumerischen Wechsel der Vorstellungen, dem ich mich willenlos überlasse, und worin der Unterschied zwischen dem zweckbewußten Handeln und dem halb automatischen, halb reflektorischen Spiel der Glieder? Liegt er in den Vorstellungen, so ist nicht einzusehen, warum sie sich das eine Mal so, das andere Mal anders verhalten. Da sich aber auch in beiden Fällen außer der Steigerung der Vorstellungsintensität oder -klarheit das Bewußtsein einer gewissen Selbsttätigkeit als unterscheidendes Merkmal des vom Willen geleiteten inneren Vorgangs geltend macht, so wird man nicht umhin können auch dieses zu erklären. LIPPS sucht demselben dadurch gerecht zu werden, daß er der Seele, d. h. dem nicht im Bewußtsein gegebenen Träger und Grund desselben eine Aktivität und erzeugende und lenkende Kraft zuschreibt. Aber da wir in dem, was nicht bewußt ist, auch bloße physiologische Prozesse sehen können, also bei dessen Bestimmung den Boden der Erfahrung verlassen, um zu einer metaphysischen Hypothese zu greifen, so verdient gewiß die Zurückführung der Selbsttätigkeit auf eine im Bewußtsein, wie sie selbst, wirksame Funktion den Vorzug.

So zeigt sich auch der Ausgangspunkt jener logischen Betrachtung als ein einer verschiedenen Interpretation fähiger. Das Hervortreten eines Vorstellungsinhaltes  a  ist ein anderer psychischer Akt als die Reproduktion eines davon verschiedenen Inhaltes  b  - das kann soviel heißen als: die Vorstellungen  a  und  b  sind verschieden. Dann ist damit ein Selbstverständliches in weitläufiger Weise ausgedrückt. Oder es soll das Hervortreten im Bewußtsein, also die formale Bedingung für die Erscheinung verschiedener Vorstellungen, gemeint sein, und dann ist dessen qualitative Verschiedenheit auf zwei Fälle zu reduzieren. Die Art, wie sich in unserem Bewußtsein Vorstellung geltend machen, kann eine doppelte sein, je nachdem Aufmerksamkeit ihnen zuteil wird oder nicht. Setzen wir nun den Fall, daß  a  und  b  nacheinander in den Blickpunkt des Bewußtseins eintreten, so ist damit auch schon angedeutet, daß bei aller inhaltlichen Verschiedenheit die Art ihres Erscheinens etwas Gleichartiges besitzt. Ich  will  von  a  zu  b  übergehen, d. h. nicht: ich will  b  erzeugen, sondern ich will  b  in den Blickpunkt meines Bewußtseins erheben. Dies geschieht aus irgendeinem Grund, einem Interesse oder einer vernünftigen Überlegung gemäß, und setzt die Möglichkeit voraus, daß  b  überhaupt für mein Bewußtsein gegeben ist. Dann bleibt doch die Tätigkeit des Willens eine wesentliche und notwendige. Nur muß freilich die ganze Erörterung dieses schwierigen Punktes nicht von dem Glauben geleitet sein, als könnte dieses Bewußtseinselement Wille mehr sein als ein durch Abstraktion aus komplexen Vorgängen gewonnenes Resultat. Aber dasselbe empfiehlt sich durch seine empirische Grundlage, durch seine Fähigkeit, mit monistischen und dualistischen Gedankenkreisen verschiedener Art in Einklang gebracht zu werden, und durch die Einfachheit, mit welcher es sich den Bewußtseinstatsachen einordnen und dieselben begreiflich werden läßt. Hat aber der Wille einen solchen Einfluß auf die Vorstellungen, dann bleibt auch nicht mehr Raum für die Behauptung, er wäre "ein Luxus, den sich das seelische Leben erlaubt".

Die Aktivität ist nicht eine unbewußte, sondern eine bewußte, so können wir endlich sagen, und da sie bewußt ist, so muß sie auch irgendeinen Bewußtseinsvorgang zum Träger haben. Einen solchen hat man gewöhnlich im Willen gefunden, und man hat Recht daran getan. Was weiß ich vom Unbewußten? Mein Bewußtsein ist meine Wirklichkeit, in meinem Bewußtsein erlebe ich Aktivität, und dieses Erlebnis nenne ich Wollen. Das scheint mir so klar, daß ich den Widerspruch nicht aus einer empirischen Beobachtung, sondern aus einer vielleicht unbewußt mitwirkenden hypothetischen Voraussetzung erklären möchte.

So hat auch die LIPPS'sche Willenstheorie diejenige Bedeutung, welche der Wille in unserem Bewußtsein besitzt, nicht zureichend gewürdigt. Ich glaube gezeigt zu haben, daß die hauptsächlich in Folgendem begründet ist. Erstlich ist das Wesen des Willens nicht richtig bestimmt worden. Sodann aber bereitet die Annahme des Willens als einer neben Vorstellung und Gefühl bestehenden einfachen Tatsache eigentümliche Schwierigkeiten der Theorie des geistigen Geschehens. Und diese theoretischen, prinzipiellen Schwierigkeiten sind es wohl im Grunde, welche den Willen für HERBART und LIPPS zu einer  bloßen  Bewußtseinserscheinung machen. Zeigt sich nun aber die Möglichkeit, dem Tatbestand des Bewußtseins in einer Theorie voll entsprechen zu können bei Anerkennung eines in besonderer Weise wirksamen realen Willens, so wird man erst recht die HERBART-LIPPS'sche Ansicht aufzugeben allen Grund haben.
LITERATUR - Oswald Külpe, Die Lehre vom Willen in der neueren Psychologie, Philosophische Studien, Bd. 5, Leipzig 1889
    Anmerkungen
    1) HERBART, Werke, Ausgabe HARTENSTEIN, Band VI, Seite 92
    2) HERBART, Werke V, Seite 520; VI Seite 73f
    3) HERBART, Werke VI, Seite 348 und V Seite 31f.
    4) HERBART, Werke V, Seite 78 und 154
    5) HERBART, Werke V, Seite 37
    6) MORITZ DROBISCH, Empirische Psychologie, 1842, Seite 36f
    7) DROBISCH, Psychologie, Seite 220f. Im Gegensatz hierzu scheint eine Bemerkung HERBARTs zu stehen (VI, Seite 74): "wir können von realen Kräften, Vermögen, Strebungen gar nichts unmittelbar in uns wahrnehmen; und alle Einbildungen der Art, von der rohen Leibeskraft bis zur transzendentalen Freiheit sind nur Beweise, daß es an der Wissenschaft fehlt, die wir hier suchen." Doch erklärt sich dieser Satz völlig aus dem Epitheton [Beifügung - wp] "real", das den Strebungen beigelegt wird. Diejenigen, von denen wir unmittelbar wissen, sind eben nicht real.
    8) DROBISCH, Psychologie, Seite 246f
    9) DROBISCH, a. a. O. Seite 346f
    10) THEODOR LIPPS, Die Grundtatsachen des Seelenlebens, Seite 19f, 594f
    11) LIPPS, a. a. O. Seite 17
    12) LIPPS, a. a. O. Seite 648f
    13) LIPPS, a. a. O. Seite 408
    14) LIPPS, a. a. O. Seite 408
    15) So wird sie z. B. auch von LIPPS in seiner Rezension der WUNDTschen Ethik (Göttinger gelehrte Anzeigen 1888) bei der Besprechung der Willensauffassung in den Vordergrund gestellt.