tb-1Über die verschiedenen Phasen der Kantischen Lehre vom Ding-an-sich    
 
RICHARD KRONER
Kritizismus und
erkenntnistheoretische Resignation


"Wie kann die empirische Wirklichkeit die einzig wahre Wirklichkeit sein, da ja die Vernunft, sobald sie diese Wirklichkeit zu denken versucht, in unlösliche, unvermeidliche Widersprüche gerät! Führt uns aus diesen Wirrnissen nicht gerade der geniale Ausweg der kritischen Lehre heraus, der die empirische Wirklichkeit zur Erscheinungswelt herabdrückt, der Subjektivität der Formen dieser Erscheinungswelt die Schuld gibt an jenen Widersprüchen und hinsichtlich der Erkenntnis der widerspruchslosen Welt der Dinge-ansich Resignation predigt?"

Man meint heute in weiten Kreisen, die wesentlichste Tat der Kantischen Philosophie bestehe darin, daß sie gezeigt habe, die Probleme der dogmatischen Metaphysik seien unlösbar, da unser Erkennen an die subjektiven Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes gebunden und die Welt, wie sie an sich selbst sei, unserem Begreifen deshalb verschlossen bleiben müsse. Sobald das Denken die Welt als ein gegebenes Ganzes zu erfassen versuche, gerate es in vernunftnotwendige Widersprüche, die sich nur lösen lassen durch die Einsicht, daß wir es immer nur mit einer Erscheinungswelt zu tun haben, die allein Gegenstand unserer Erfahrung sei, daß wir aber auf eine Erkenntnis der wahren Welt der Dinge-ansich verzichten müssen. Diese große erkenntnistheoretische Resignation sei das letzte Wort des Kritizismus.

Ich beabsichtige hier nicht in eine KANT-Interpretation einzutreten und lasse vielmehr den historischen KANT, der, aus jener dogmatischen Metaphysik selbst herausgewachsen, immerhin so gefühlt haben mag, gänzlich beiseite. Ich frage nur: trifft diese Auffassung des Kritizismus in der Tat seinen tiefsten Sinn? Ist sie auch nur konsequent gedacht?

In großen Umrissen ist der Gedankengang der kritischen Philosophie folgender: die metaphysischen Systeme versuchten das Ansich der Welt in Begriffen auszusprechen; sie vergaßen jedoch dabei, daß die so geschaffene begriffliche Welt den Stempel der Begriffe ansich trug, daß aber die Zuversicht auf eine prästabilisierte Harmonie zwischen den Begriffen und dem Ansich, das es zu erkennen galt, eine naive, a priori unbegründete Annahme war, die der Prüfung bedurfte. Die Kritik der reinen Vernunft bedeutet diese Prüfung. Sie fiel zuungunsten des Dogmas aus. Es erwies sich, daß unsere Begriffe nur für die uns zugängliche Welt der Erfahrung Gültigkeit besitzen, aber nicht darüber hinaus. Die Wirklichkeit ist getragen von den Formen unserer empirischen Begriffe - das ist der eine Gedanke; die Formen unserer Begriffe aber können nur gelten für diese erfahrbare Wirklichkeit - das ist der andere Gedanke. Die Begrifflichkeit der erkennbaren und die ausschließliche Erkennbarkeit der begrifflichen Wirklichkeit sind so die beiden einander ergänzenden Hauptstücke der Kantischen Philosophie. In diesem Doppelgedanken aber liegt der Keim zu zwei möglichen Folgerungen. Entweder wir schließen: da unsere Begriffe nur die uns erfahrbare Welt zu erkennen vermögen, so bleibt das Ansich der Dinge zwar ein richtig gebildeter, aber gänzlich problematischer und leerer Begriff. Die Spannung zwischen dem metaphysischen Urgrund und uns Erkennenden bleibt bestehen, aber eine Wissenschaft von diesem Urgrund ist unmöglich. In den Worten RIEHLs: die Kritik der reinen Vernunft bejaht das Metaphysische, sie verneint die Metaphysik. Oder aber wir schließen: da alle erkennbare Wirklichkeit begrifflich ist, eine andere Wirklichkeit uns aber nirgends gegeben ist, noch gegeben werden kann, so ist der Begriff von einer solchen ein Unbegriff, denn der Begriff Wirklichkeit gewinnt erst Sinn, wenn wir ihn auf die gegebene Wirklichkeit anwenden. Nichts zwingt uns, eine andere als diese logisch zu postulieren. Auf dem Boden der Transzendentalphilosophie wird der Begriff der Wirklichkeit zu einer logischen Form oder zu einem absoluten theoretischen Wert.

Aber man wird hierauf erwidern: wenn auch der Begriff einer transzendenten Wirklichkeit zu verwerfen ist, so bleibt doch noch immer der den logischen Formen gegenüberstehende Inhalt als unauflöslicher, unbegriffener Rest zurück und in ihm fände das Erkennen eine absolute Grenze. Allein nur wer in diesem Inhalt eine den Seinswissenschaften prinzipiell entzogene Realität erblickt oder doch wenigstens meint, daß in ihm das an sich unerkennbare Jenseits der Sinnenwelt durch sie hindurchschimmere, für wen also dieser Inhalt gewissermaßen einen Torso des Dings-ansich darstellt - nur der wird in der Irrationalität einen Grund für die philosophische Resignation sehen. Diese Auffassung aber ist von Grund aus verfehlt. Das Irrationale ist für die kritische Philosophie ein durch logische Analyse gefundenes Moment in den Erfahrungsbegriffen. Es bezeichnet daher die Grenze für jede deduktive Wirklichkeitswissenschaft. Für die Philosophie aber bietet es kein unlösbares Problem, bedeutet es nicht eine leere Stelle im System, die zur Resignation zwänge. Vielmehr wird das Problem der Irrationalität durch die erkenntnistheoretische Analyse, die im Wirklichkeitsinhalt das spezifisch Unbegriffliche fixiert und diesen Begriff eindeutig festlegt, gerade vollständig gelöst. Denn die theoretische Philosophie will ja nicht den Wirklichkeitsinhalt erkennen, ihre spezifische Aufgabe liegt vielmehr in der richtigen Definition und Verknüpfung der Begriffe. Es ist das Kriterium des metaphysischen Denkens, diese Aufgabe zu verkennen und den Seinswissenschaften ins Handwerk zu pfuschen. So wollte die dogmatische Metaphysik vor KANT in ihren Begriffen unmittelbar das Unbegriffliche restlos begreifen. Sie nahm damit dem Begriff seine Eigenart, warf seine logische Seele wie eine Schale weg und glaubte im Kern die Wirklichkeit zurückzubehalten. So mußte der Begriff untergehen, damit die Wirklichkeit an seiner Stelle auferstände. Umgekehrt machte es die nachkantische Metaphysik, die das Eigenwesen des Begriffs und seine Unzerstörbarkeit erkannt hatte: am Ende ihrer Spekulation mußte die Wirklichkeit untergehen, damit der Begriff an ihrer Stelle auferstände. Vor beiden Extremen haben wir uns zu hüten. Aber darin liegt kein Verzicht, kein Anlaß zur Resignation. Denn die Überwindung des irrationalen Inhalts durch philosophische Begriffe kann nur denen wünschenswert erscheinen, die den philosophischen, d. h. aber wertwissenschaftlichen Gesichtspunkt mit dem seinswissenschaftlichen fälschlich vertauschen. Ist einmal der Trug jener Auffassung, die in der Erfahrungswelt eine Erscheinungswelt erblickt, von Grund auf durchschaut, so liegt kein wissenschaftliches Bedürfnis mehr vor, den Wirklichkeitsinhalt anders erkennen und begreifen zu wollen als in der Weise der Erfahrungswissenschaften. Für die Philosophie bleibt nach der Aufhebung jener irrigen Vorstellung, als sei der irrationale Inhalt "subjektiven" Formen gegenüber das eigentlich transzendente, keine unlösbare Aufgabe mehr zurück.

Aber, wird man einwenden: Wie kann die empirische Wirklichkeit die einzig wahre Wirklichkeit sein, da ja die Vernunft, sobald sie diese Wirklichkeit zu denken versucht, in unlösliche, unvermeidliche Widersprüche gerät! Führt uns aus diesen Wirrnissen nicht gerade der geniale Ausweg der kritischen Lehre heraus, der die empirische Wirklichkeit zur Erscheinungswelt herabdrückt, der Subjektivität der Formen dieser Erscheinungswelt die Schuld gibt an jenen Widersprüchen und hinsichtlich der Erkenntnis der widerspruchslosen Welt der Dinge-ansich Resignation predigt? Hier wenigstens, wird man sagen, erkenne die kritische Philosophie absolute Grenzen des Erkennens an. Diese Auffassung ist jedoch ebenso falsch wie die andere, die im Ding-ansich-Begriff die Lösung des Irrationalitätsproblems sieht. Sie ist ebenso befangen in der vorkantischen metaphysischen Fragestellung. Der wahre Geist des Kritizismus sträubt sich gegen diese Verflachung des Gedankens der Subjektivität. Die kritische Subjektivität besteht lediglich in der Zurückführung aller Objektivität auf logische Formwerte. Das Zauberwort  Erscheinungswelt  schließt das Geheimnis der Antinomien nicht auf. Zunächst vergißt derjenige, der in der Widerspruchslosigkeit ein Kriterium für die Welt der Dinge-ansich postuliert, daß die Widerspruchslosigkeit nichts anderes bedeuten kann, als die Verwirklichung eines absoluten logischen Wertes, daß durch ein solches Postulat also die vermeintliche wahre Welt im Sinne des Kritizismus gerade zur subjektiven gemacht wird. Man muß die ganze Kritik der reinen Vernunft vergessen haben und wieder in die dogmatische Begriffswelt mit ihrer ontologischen Umdeutung der  vérités éternelles  [ewigen Wahrheiten - wp] zurückgefallen sein, um eine solche Interpretation der kritischen Philosophie für richtig zu halten. Nein, der Schlüssel zum Antinomienproblem liegt nicht im Begriff der Erscheinungswelt. Wenn man sich an die von KANT behauptete Unentfliehbarkeit und Vernunftnotwendigkeit der Antinomien klammert und daraus den ebenso unumgänglichen Schluß auf die Notwendigkeit einer erkenntnistheoretischen Resignation zieht, so übersieht man ein Moment der Kantischen Lehre, das gerade das wichtigste und das positive ist: daß KANT nicht nur die Vernunftnotwendigkeit der Antinomien behauptet hat, sondern daß er auch die Begriffe geprägt hat, deren höhere Einsicht gerade die Widersprüche zu lösen, die Vernunft mit sich selbst auszusöhnen und das Problem der Antinomien aus der Welt zu schaffen bestimmt ist. Diese höhere Einsicht bietet uns den echten Schlüssel zur Auflösung des Antinomienproblems und diese Auflösung weiß nicht von einer Konstatierung der Grenzen unserer Erkenntnis. Durch sie wird nicht die Welt unserer Erfahrung zur Erscheinungswelt degradiert, hinter der unerkennbar sich die wahre Welt der Dinge-ansich verbirgt, sondern degradiert wird die mit sich selbst uneins gewordene Vernunft zu einer Vernunft zweiten Grades, zu einer in erfahrungswissenschaftlichen Begriffen befangenen Denkart. Zieht ja doch die kritische Philosophie gerade die widerstreitenden Zeugen der irrenden Vernunft vor ihren höheren Richterstuhl! Erkennt sie ja doch in sich selbst eine Instanz an über jener in notwendigen Widersprüchen verstrickten Erkenntnisart! So weit entfernt ist sie zu resignieren, so weit entfernt Grenzen des Erkennens aufzurichten, daß sie vielmehr alle bisherige Erkenntnis als begrenzt und beschränkt erweist und ihrerseits ein neues Erkenntnisgebiet entdeckt.

Welcher Art ist das Organ, das der Kritizismus noch über die Vernunft erhebt? Welches ist die begriffliche Struktur des von ihm neu erschlossenen Gebietes? Antwort auf diese Fragen gibt auch hier wieder nur die durch die Verwandlung der Seinsprobleme in Wertprobleme sich charakterisierende Methode der Transzendentalphilosophie. Suchen wir nicht mehr nach transzendenten Wirklichkeiten, sondern nach absoluten Werten, so rückt das Verständnis für die logische Verschiedenheit und Eigenart der theoretischen Formwerte in den Mittelpunkt der Untersuchung und das Verlangen, der fragliche Begriff einer widerspruchslosen Welt müsse der Begriff irgendeiner Wirklichkeit sein, verliert seinen Sinn. Nicht die Wirklichkeit an und für sich ist dann der Inbegriff des logisch Wertvollen, sondern das Reich der absoluten logischen Werte umfaßt dann unter sich auch die Formen der Wirklichkeit. Die kritische Auflösung der Antinomien ist aber nichts anderes als die Erkenntnis der Verschiedenheit und der Eigenart einerseits der Formwerte empirischer Wirklichkeitsbegriffe, sogenannter Ideen. Die "höhere Einsicht" dieser kritischen Begriffe liegt darin, daß sich in ihrem Licht die Antinomie als eine Verwischung und Grenzüberschreitung logisch verschieden gearteter Formwerte enthüllt. Die Welt als Totalität und gleichzeitig als empirischer Gegenstand gedacht und behandelt - das ist das Objekt der unentfliehbaren Widersprüche. Die kritische Philosophie entdeckt den wahren Formwert der Welt als Totalität im Begriff der Idee, der Aufgabe, des regulativen Prinzips. Durch diesen Begriff wird die Antinomie aufgehoben, die Widerspruchslosigkeit der Vernunft wiederhergestellt. Aber nicht auf Kosten der Unerkennbarkeit einer Welt von Dingen-ansich, sondern aufgrund der Ersetzung des Wirklichkeitscharakters dieser Welt durch ihren Wertcharakter. Und wieder ist mit der Fixierung dieses Wertcharakters, mit der begrifflichen Erkenntnis des Wesens einer Idee alles geschehen, was die Philosophie zur Lösung ihrer Probleme nur immer fordern kann. Deshalb ist es auch ein Irrtum, in dieser Lösung nur eine Verschiebung des Problems zu sehen. Die Idee der Alleinherrschaft der Kausalität in der Welt als Begriff einer unvollendbaren Aufgabe für die Erfahrungswissenschaft oder die Idee der Freiheit als der Begriff eines absoluten Wertes der praktischen Vernunft sind nicht etwa wegen der Unvollendbarkeit jener Aufgabe oder der nur moralischen Begründbarkeit dieses Wertes als Surrogate anzusehen mangels einer wirklichen Erkenntnis dieser Gegenstände. Die Idee der unvollendbaren Aufgabe ist nicht selbst eine solche unvollendbare Aufgabe, d. h. ein ewiges Problem für die Philosophie, so wenig der undeduzierbare Wirklichkeitsinhalt noch einen problematischen Kern birgt, nachdem sein Begriff erkenntnistheoretisch bestimmt ist. Die Erkenntnis der Idee der Freiheit als eines moralischen Postulates bedeutet nur demjenigen einen Verzicht, der diesem Postulat mit den Mitteln der Erfahrungswissenschaft Realität verschaffen möchte und im stillen meint, ein höherer Verstand würde  erkennen  können, daß wir, insofern wir Dinge-ansich sind, auch Freiheit wie eine theoretisch feststellbare Eigenschaft besitzen. Wer aber so denkt, denkt recht unkritisch. Denn das gerade behauptet die kritische Philosophie, daß der Gegenstand der philosophischen Erkenntnis Werte seien, die höhere Dignität besitzen als jede Wirklichkeit. Wer mit der kritischen Erkenntnis der Ideen als einer Erkenntnisart überhaupt unzufrieden ist, in ihr die Resignation zum Prinzip gemacht wähnt, der glaubt noch immer an eine dogmatische Metaphysik, die, zwar für uns unmöglich, so dich für einen höheren Verstand die ganze Wahrheit birgt. Wir aber glauben gerade, daß der Kritizismus den Verzicht auf eine solche Metaphysik gelehrt hat - nicht, weil unser Begreifen für sie nicht ausreicht, sondern weil die Idee einer solchen Metaphysik sich auf unzulängliche, unkritische Begriffe stützt. Der Kritizismus hat an die Stelle dieser Metaphysik eine neue Erkenntnis gesetzt, die, weit davon entfernt Grenzen des Erkennens zu statuieren, vielmehr den Reichtum unserer Denkmöglichkeiten unendlich vermehrt hat.


DISKUSSION

- STAUDINGER erklärt sich, ohne auf die übrigen Aufstellungen einzugehen, entschieden gegen die Verdrängung des Seinsbegriffs durch den unbestimmten Wertbegriff und betont, daß neben dem Begriff der einheitlichen Verbindung der Daten  zugleich  die  Beziehung  auf ein "ist" (unter Korrektur von KANT selbst) herauszuarbeiten sei.

- JULIUS EBBINGHAUS: Der Herr Vortragende hat richtig festgestellt, daß es innerhalb der Kantischen Philosophie keinen Sinn hat, die Unerkennbarkeit des Irrationalen als eine Beschränkung des Erkennens anzusehen. Es wäre aber vielmehr zu fragen, ob der  positive Inhalt  des Kantischen Systems,  die Kategorien selbst,  nicht unbestreitbar mit der Marke der Endlichkeit und Irrationalität gebrandmarkt sind. Daß dem wirklich so ist, erhellt sich aus dem Progreß in die zeitliche Unendlichkeit, in den alle kritische Philosophie das Erkennen unvermeidlich stürzen muß. Die Wahrheit bleibt ein Jenseits, kann nicht zur Gegenwart kommen und läßt das Erkennen schlechterdings außerhalb ihrer selbst. Damit ist auf die wahre Unendlichkeit Verzicht getan; der Kritizismus resigniert. - Den Begriff des  Wertes  aber für eine Überwindung der Resignation zu halten, ist eine Täuschung, die durch eine Betrachtung des  Inhaltes  dieses Begriffs leicht aufgewiesen werden kann.  Der Wertbegriff als der Begriff eines unendlich Gesollten ist selbst die Resignation.  Die Wirklichkeit aber ist die  Gegenwart  der Vernunft und die Realität eines jeden Steines spottet der Ohnmacht solcher abstrakter Jenseitigkeiten. -

- HÖNIGSWALD: Der Begriff der transzendenten Wirklichkeit involviert noch keine Resignation. Er tut es nur, wenn man Kritizismus mit Skepsis verwechselt. Man kann am historischen Begriff des Dings-ansich festhalten, ohne zu resignieren. Der Kritizismus ist die Lehre von den objektiven Bedingungen der Erkennbarkeit von Dingen; daher ist es für ihn gänzlich unmotiviert, auch nur zu fragen, wie ein Ding beschaffen ist, sofern es jenen Bedingungen nicht genügt. Ding-ansich bedeutet unter der Voraussetzung einer wahrhaft  kritischen  Fragestellung also noch  nicht  Resignation.

- SSYNOPALOFF meint, daß der Wertbegriff keineswegs die Transzendenz auflösen könne. Die Transzendenz bleibt immer bestehen, da die Werte wiederum ins unendliche die Erkenntnis postulieren. Die Werte werden in den Kategorien erfaßt und somit bleibt das Transzendentale in diesem Erfassen nur in den Kategorien und die Transzendenz wird nicht aufgehoben. Die gänzliche Auflösung des Transzendenten kann nur in einer Verwandlung der Werte in die Begriffe gesucht werden.

- Frl. TUMARKIN (Bern): Mit dem Vortragenden glaube ich, daß der Kritizismus keine erkenntnistheoretische Resignation zu bedeuten braucht; ich glaube aber, daß eine solche von jeder Resignation freie Auffassung des Kritizismus sich nur ergibt, wenn wir die alle Gegenstände der Erfahrung umfassende Welt der Erscheinung für die Auffassung des Kritizismus sich nur ergibt, wenn wir die alle Gegenstände der Erfahrung umfassende Welt der Erscheinung für die einzige reale Welt halten und dieser gegenüber das Kantische Ding-ansich nur auf Werte und praktische Ideale beziehen. Ohne das Ausscheiden des Dings-ansich aus dem theoretischen Zusammenhang der Kantischen Philosophie können wir den Kritizismus von der dogmatischen Metaphysik nicht frei machen.
LITERATUR - Richard Kroner, Kritizismus und erkenntnistheoretische Resignation, Bericht über den III. Internationalen Kongress für Philosophie, hg. von Theodor Elsenhans, Heidelberg 1909