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WILHELM KOCHS
Beiträge zur physiologischen
Erklärung der Suggestivwirkungen


"Die Frage ist nun: Kann eine Vorstellung - eine psychische Tätigkeit und ein daraus resultierender psychischer Zustand - auf das körperliche Befinden wirken, insbesondere aber ein krankhaftes Befinden günstig beeinflußen?"

"Kummer und Leid gilt seit langem als Hauptursache krebsartiger Geschwülste; wenn wir auch heute ein lokales Trauma oder gar eine Infektion als entscheidend vielfach annehmen, so scheint doch in der Mehrzahl der Fälle durch die genannten seelischen Einflüße das Feld vorbereitet zu sein." "Der Kampf ums Dasein ist heftig und schwer geworden. Viele Menschen jagen Phantomen nach, ohne sich über den reellen Wert derselben klar zu sein, seien es nun Titel, Würden oder Anhäufung von Geld. Eine fortwährende nervöse Unruhe ist das Zeitübel, welches noch täglich zunimmt und immer weitere Kreise erfaßt."

Über die Wirklichkeit der Suggestivwirkungen und den Wert einer darauf fußenden Suggestivtherapie sind die Ansichten sehr geteilt und es hat den Anschein, als wenn durch die vielfachen über dieses Thema in Gelehrten- und Laienkreisen, sowie in der Fach und politischen Presse stattfindenden Auseinandersetzungen die Gegensätze sich weiter verschärften. In dem von einem mystischen Nebel noch immer eingehüllten Gebiet der hypnotischen Phänomene ist viel Rauch, der verfliegen wird, daß aber das Feuer nochmals erlösche, scheint sehr unwahrscheinlich. Jeder Fortschritt, jedes Neue in der menschlichen Erkenntnis ist von abenteuerlichen Auswüchsen begleitet gewesen. Die Suggestibilität im wachen wie im hypnotischen Zustand birgt für den Menschen, der bisher auf seinem eigenen freien Willen so überaus stolz war, etwas tief verletzendes. Eine sachgemäße, ruhige Erörterung ist auf diesem Gebiet schwerer zu erzielen, wie auf irgendeinem anderen.

Durch Versuche und Krankengeschichten dürften sich die Gegner kaum weiter überzeugen lassen. Manche Darstellungen leiden dazu offenbar an viel zu geringer Kritik der Beobachter, wodurch mit Recht die Zweifel der Gegner nur noch größer werden. Zur Hebung der Streitigkeiten ist es demnach wohl angezeigt, den Versuch zu machen, gestützt auf allbekannte physiologische Tatsachen, allgemein die Möglichkeit der körperlichen Suggestivwirkungen und einer Suggestivtherapie für gewisse krankhafte Zustände darzutun.

Wenn jemand einem anderen Menschen etwas suggerieren - einreden will - so sucht derselbe in diesem eine Vorstellung durch eine zweckentsprechende Behauptung zu erwecken, die so lebhaft ist, daß die Versuchsperson sie für reell hält. Die Frage ist nun: Kann eine Vorstellung - eine psychische Tätigkeit und ein daraus resultierender psychischer Zustand - auf das körperliche Befinden wirken, insbesondere aber ein krankhaftes Befinden günstig beeinflußen?

Wenn wir die Wirkung eines Medikamentes auf einen krankhaften Zustand feststellen wollen, untersuchen wir heutzutage zuerst, ob die Substanz auf den gesunden Organismus irgendwelche Wirkungen ausübt. Um von psychischer Tätigkeit eine Heilwirkung bei krankhaften Zuständen des Körpers hoffen zu können, müssen wir demnach zunächst fragen: Kann die uns ihrem Wesen nach vollkommen unbekannte psychische Tätigkeit auf den normalen Körper verändernd einwirken? Kann geistige Tätigkeit, deren Arbeitsgröße wir in keiner Weise bis jetzt messen können, die wir nicht einfach als mechanische oder chemische Tätigkeit im Innern des Gehirns auffassen können, von der wir eigentlich nicht einmal genau den Ort kennen, wo sie im Einzelnen stattfindet, in entfernten Körperteilen die anatomischen und physiologischen Verhältnisse alterieren?

Die Erfolge der mechanischen und chemischen Auffassung des Lebens sind auf allen Gebieten der Medizin so überraschend gewesen, daß man nur befriedigt ist, wenn als Ursache einer Erkrankung ein sichtbares oder greifbares körperliches Agens erwiesen ist. Viele recht wirksame Substanzen sind aufgefunden, welche zweifellos physiologische Vorgänge ändern, Krankheitsprozesse beeinflußen können. Wir kennen Substanzen, welche in minimaler Menge nicht nur heftige Störungen der physiologischen Tätigkeit des Körpers bewirken, sondern auch die psychische Tätigkeit ganz spezifisch beeinflußen. Für gewöhnlich glauben wir aber bei der Behandlung körperlicher Krankheiten, uns um die psychische Tätigkeit nicht besonders kümmern zu müssen. Heilwirkungen erwarten wir nur von physikalsichen und chemischen Eingriffen auf den kranken Körper. Die Wirkung der Digitalis [Fingerhut, wp] und des Chinin usw. ist so sicher, daß wir von diesen Mitteln allein die Heilwirkung erwarten, ohne die doch immer nebenher gehende psychische Beeinflußung zu berücksichtigen. Für viele Infektionskrankheiten ist der spezifische Krankheitserreger in Gestalt von Mikro-Organismen gefunden, ohne, daß wir bis jetzt dieselben innerhalb des lebenden Menschen durch chemische Mittel gehörig bekämpfen können. Mit Ausnahme der Milzbrandinfektion ist keine mit absoluter Sicherheit experimentell ausführbar. Diese Verschiedenheit der Individuen kann nur darin begründet sein, daß nicht alle gleichermaßn einen guten Nährboden für den betreffenden Krankheitserreger abgeben. Allgemein geglaubt wird aber, daß die Schädigungen, die der Körper durch geistige Tätigkeit im Übermaß oder in einseitiger Weise z. B. durch Kummer und Sorge erfährt, zu Ansteckungen geneigt machen. Noch in der Mitte dieses Jahrhunderts wurde von den Ärzten die Erzeugung körperlicher Krankheiten durch geistige Tätigkeit als zweifellos erachtet und dieser Ätiologie [Lehre von der Ursache von Krankheiten, wp] vieler Krankheiten mit Recht eine größere Wichtigkeit wie heute zuerkannt.

Mehrfache Beispiele finden sich in dem lehrreichen Werk von OTTOMAR DOMRICH: Die psychischen Zustände, ihre organische Vermittlung und ihre Wirkung in Erzeugung körperlicher Krankheiten.

Der durch Willenstätigkeit ausgelöste Impuls durcheilt die Nerven heftiger als irgendein künstlicher Reiz und ist imstande im Endorgan den stärksten Effekt hervorzurufen. Darüber wird wohl keine Meinungsverschiedenheit bestehen.

Willkürliche Muskelkontraktionen können Zerstörungen der Sehnen oder selbst Knochenbrüche veranlassen. Ob jemand imstande ist, durch seinen Willen so lange die Atmung zu unterlassen, bis er erstickt ist, dürfte schwer zu entscheiden sein. Daß aber der Wille imstande ist, die Entleerung der Blase und des Darmes in krankmachender Weise hinauszuschieben, wird wohl niemand bezweifeln.

Geistige Tätigkeit, selbst einfache Vorstellungen, haben fast immer körperliche Vorgänge im Gefolge. Umgekehrt sind manche komplizierte Bewegungen ohne Willensimpuls an einfache Vorstellungen geknüpft, z. B. Gähnen, Lachen, Seufzen. Bei den Affekten sind die begleitenden Bewegungen und Gefühle weder gewollt, noch ist ein besonderer Zweck dabei ersichtlich. Sie zeigen aber deutlich, daß der psychische Vorgang heftige körperliche Wirkungn, vasomotorische Störungen, Hitze und Kälte über den ganzen Körper verbreiten kann. Psychische Reize können sogar solche Organe erheblich beeinflußen, die dem Willen ganz entzogen sind, wie Herz, Nieren und Darm.

Die mit lebhaften Vorstellungen verbundenen Reflexe können bei häufiger Wiederholung nicht allein krankmachen, sondern auch zum Tod führen und es dürften sich in den meisten Fällen alle medikamentösen Ereignisse gegen so entstandene Leiden als machtlos erweisen, vielmehr eine Herstellung [Genesung, wp], wenn überhaupt, nur durch Beseitigung der eigentlichen Ursache der Gemütsbewegung möglich sein.

Vorstellungen ekeliger Gegenstände rufen leicht besonders bei Wiederholungen Brechreiz, Appetitlosigkeit und Verdauungsstörungen mit ihren Folgen, Gelbsucht, Verstopfung, usw. hervor. Diese alterieren ihrerseits wieder die Psyche und ein schwer zerstörbarer circulus vitiosus [Teufelskreis, wp] ist vollendet. Heftige, andauernde Erregungszustände, die sogenannten Leidenschaften, schädigen die stärkste Konstitution in typischer Weise. Bekannt ist, daß Trauer, Gram, Kummer und die diesen nahe verwandte, ihnen folgende Sorge auf die vegetativen Verrichtungen des Körpers bald sehr nachteilig einwirken. Die Nahrungsaufnahme ist vermindert, die Assimilation des wirklich genossenen leidet; wahrscheinlich sind auch die Sekrete des Darmes und der Drüsen qualitativ und quantitativ verändert. Alle äußeren Teile sind blaß, ihre feineren Gefäßchen blutarm, in allen Organen sinkt die Ernährung und damit sinkt die Widerstandskraft gegen äußere Einflüße. Am raschesten verschwindet das Fett, welches bei der durch die psychische Störung bewirktn mangelhaftn Stoffaufnahme zuerst verbraucht wird. Dann werden die lockeren, jüngeren Zellgewebsgebilde und die parenchymatösen [die Innereien betreffend, wp] Flüssigkeiten verbraucht - der von Kummer gebeugte Körper trocknet aus. GALEN empfiehlt daher warme Bäder als Gegenmittel gegen die nachteiligen Wirkungen des Grames, weil sie den Affekt abkürzen. Schließlich werden selbst Muskeln und Drüsen angegriffen. Gram ist der Krebs der Schönheit. Der Mensch magert mehr und mehr ab, schrumpft zusammen und unterliegt schließlich der langsam verzehrenden Wirkung. Er stirbt am sogenannten gebrochenen Herzen.

Kummer und Leid gilt seit langem als Hauptursache krebsartiger Geschwülste; wenn wir auch heute ein lokales Trauma oder gar eine Infektion als entscheidend vielfach annehmen, so scheint doch in der Mehrzahl der Fälle durch die genannten seelischen Einflüße das Feld vorbereitet zu sein.

DESCURET sagt in: "la mèdicine des passions etc.", Paris 1846, daß von 100 krebsartigen Tumoren sich 90 dem Prinzip einer Leidenschaft von moralischer Niedergeschlagenheit verdanken.

Die heftige Wirkung trauriger Stimmungen gibt sich auch in dem vielfach beobachteten, oft in einer Nacht stattfindenden, grau werden der Haare kund.

Ein ausgezeichnetes Beispiel, wie durch einen psychischen Vorgang eine Drüsensekretion sofort in Gang kommen kann, ist das Weinen. Nur der Mensch weint bei Gemütsbewegungen. Wahres Weinen findet nur auf Vorstellungen und gemütshafte Erregungen statt. Körperlicher Schmerz ruft für sich nie Weinen; sondern nur stöhnen, wimmern, schreien oder heulen hervor. Kinder weinen sogar im Schlaf bei traurigen Traumvorstellungen.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß im Befinden eines normalen Menschen durch seine eigene psychische Tätigkeit große Störungen, ja sogar auf die Dauer der Tod herbeigeführt werden kann. Ist aber jemand mit angeborenen oder irgendwie erworbenen krankhaften Dispositionen behaftet, wird durch psychische Einflüsse oft die bloße Anlage rasch zur wirklichen Krankheit ausgebildet. Findet sich am Körper ein schwaches oder krankes Organ, so geht die Wirkung der Leidenschaften vorzugsweise nach diesem. Dem Lungenkranken wird ein Ärger einen Hustenanfall hervorrufen, dem Herzkranken herzklopfen, einem Darmleidenden Diarrhoe. Bei hysterischen wird ein Krampfanfall ausgelöst.

Am geringsten sind die Beeinflussungen der einzelnen Organe in der Sorge, da aber Sorgen meist auf Umständen beruhen, die nicht leicht sofort zu beseitigen sind, erweisen sich Sorgen für den Endeffekt, gründliche Schädigung der Gesundheit in der Praxis am verhängnisvollsten.

In der Furcht nehmen die Alterationen [Verschlimmerung, wp] der Organe an Ausdehnung und Intensität zu, während sie in der Angst die größte Stärke erreichen und meist nicht sehr lange ohne ernste Störungen ertragen werden.

In den genannten Zuständen wird zuerst die Herztätigkeit gesteigert, man fühlt das Herz schlagen, die Furcht macht es klopfen und die raschen ungestümen Kontraktionen machen die Brust erschüttern. Dabei ist oft die Atmung verlangsamt und oberflächlich, z. B. wenn jemand sich leise im Dunkeln bewegt, aus Furcht entdeckt zu werden. Man glaubt deshalb gewiss nicht mit Unrecht, daß Menschen, welche oft selbst aus rein moralischen Gründen Angstgefühle haben, leicht schließlich eine echte Herzkrankheit bekommen.

Nicht alle Menschen werden durch äußere Einflüsse in gleicher Weise psychisch erregt. Die Erfahrung lehrt nun, daß diejenigen, welche von Natur furchtsam sind, infolge der bei jedem kleinen Anlaß stattfindenden Aufregung ihren Körper durch die immer fehlerhafter werdende Zusammensetzung der Säfte so schwächen, daß sie bei Epidemien zuerst erkranken, während z. B. die barmherzigen Schwestern infolge ihrer gänzlichen Furchtlosigkeit vor dem Tod sehr selten von ansteckenden Krankheiten befallen werden.

Vielleicht ist es nützlich, die Vorgänge bei einzelnen Arten der Affekte etwas näher zu betrachten.

Der Ärger, ein niederer Grad des Zorns, wirkt sehr schädlich, wenn der Mensch ihn nicht auslassen kann, ihn nicht durch Bewegung der Glieder oder mindestens der Sprachorgane gewissermaßen nach außen ableiten kann.

Der Zorn pflegt mehr oder weniger heftige Kopfkongestionen [Blutandrang zum Kopf hin, wp] hervorzurufen, welche Zerreißungen kleiner oder geschwächter Gefäße veranlassen können. Geht der Affekt schnell vorüber, so pflegt außer einer Ermüdung der Muskeln und einer, einige Tage dauernden, gesteigerten Reizbarkeit, sowie Beschleunigung der Herztätigkeit, selten etwas mehr zurück zu bleiben. Bei vollem Magen bewirken Zornanwandlungen häufig Erbrechen, fast immer Appetitlosigkeit. Beim Ärger gehen die unwillkürlichen Reflexe wegen der Unterdrückung der äußeren Bewegungen, die den Zorn schnell verrauchen lassen und der langsamen Einwirkung während längerer Zeit mehr in den inneren Organen vonstatten. Die Sekretionen werden bekanntermaßen verändert. Ärger und Überlaufen der Galle ist im Volksmund unzertrennlich. Wer sich stark geärgert hat und das nagende, wühlende Gefühl in der Magengrube und Lebergegend, die nachfolgende Übelkeit, den schmerzhaften Druck, den galligbitteren Geschmack oder gar Erbrechen, Verdauungsstörung und Durchfall kennengelernt hat, hält den Volksausdruck nicht mehr für ein bloßes Märchen.

Bezüglich der Alteration der Sekretionen durch heftige Gemütsbewegungen sei noch an die wohl zweifellos richtige Beobachtung erinnert, daß speziell Ärger auf die Milch stillender Frauen einwirkt und dieselbe in einer für den Säugling nachteiligen Weise verändern kann. Die ursächlichen Bedingungen und der Vorgang selbst sind zwar für unsere heutigen physiologischen Kenntnisse ziemlich unerklärlich.

Aus den angeführten recht erheblichen Einwirkungen psychischer Tätigkeit auf das körperliche Befinden dürfte wohl hervorgehen, daß in unseren Tagen diese Art Gesundheitsschädigung sehr häufig ist. Der Kampf ums Dasein ist heftig und schwer geworden. Viele Menschen jagen Phantomen nach, ohne sich über den reellen Wert derselben klar zu sein, seien es nun Titel, Würden oder Anhäufung von Geld. Eine fortwährende nervöse Unruhe ist das Zeitübel, welches noch täglich zunimmt und immer weitere Kreise erfaßt. Die Zerstörungen, welche übertriebener Ehrgeiz oder Erwerbstrieb im Befinden vieler anrichten, zeigen sich nur zu deutlich im schnellen Verbrauch [Konsum, wp] der Menschen in den Zentren des geistigen und materiellen Verkehrs.

Wenn nun feststeht, daß der Urgrund einer großen Zahl von Erkrankungen in der gesteigerten geistigen Tätigkeit und dadurch bedingten, andauernden krankhaften psychischen Reizzuständen zu suchen ist, fragt sich, ob denn durch Suggestion, durch Einreden die Ursache aufgehoben oder abgeschwächt werden kann.

Wird zugegeben, daß man durch entsprechende Rede jemandes Sinnesart beeinflußen kann und das wird wohl sicher sein, wird man auch wenigstens für die Zeit der Anwesenheit des Arztes zugestehen müssen, daß derselbe das Gemüt des Patienten in zweckentsprechender Weise beeinflußen kann. Die Heilwirkung eines richtigen Eingriffes in die psychische Tätigkeit wird noch wahrscheinlicher, wenn wir den Begriff der Krankheit in unserem heutigen Sinne näher präzisieren.

Anatomie und Psychologie haben gelehrt, daß der Zellenstaat unseres Körpers ein Ganzes ist, begründet auf dem Prinzip der Arbeitsteilung. Sobald an einer Stelle nicht die normale Arbeit geleistet wird, treten mhr oder minder große Störungen im ganzen Organismus auf. Der oberflächlichen Beobachtung früherer Zeiten erschienen gewisse störende Symptome einer sogenannten Krankheit als die Krankheit selbst; gegen sie kämpfte man an. So war die Wassersucht eine Krankheit. Heute ist sie Folgeerscheinung verschiedener Prozesse. Wir suchen die anormalen Vorgänge, welche die Ursache der Wassersucht sind, zur Norm zurückzuführen. Zuweilen gelingt uns dieses indem wir schädliche Einflüsse beseitigen und die noch vorhandene vis medicatrix naturae [Heilkraft der Natur, wp] zur Geltung kommen kann. Wenn im Zellenstaat unseres Körpers alles normal verläuft, fühlen wir unseren Körper nicht, wir werden nicht genötigt, an einzelne Teile besonders zu denken, es macht sich keiner bemerkbar, wir fühlen uns behaglich, sind dazu angetan unsere Aufmerksamkeit der Außenwelt zu widmen, körperlich und geistig tätig zu sein; von unserem eigenen Körper merken wir so wenig, daß wir uns selbst ganz vergessen.

Nach einiger Zeit machen sich aber Hunger, Durst und Ermüdung bemerkbar. Schließlich werden wir durch diese unangenehmen Gefühle gereizt und von der Außenwelt abgelenkt. Den hungrigen Magen oder den ermüdeten Muskel kann man wohl nicht krank nennen, sie stören aber unsere geistige Tätigkeit und machen uns auch geistig mehr oder minder arbeitsunfähig. Jeder weiß nun, daß durch den Willen dieser Zustand der Erschlaffung längere Zeit wirksam bekämpft werden kann. Wenn der eigene Wille des Einzelnen nicht mehr ausreicht, kann noch das Beispiel anderer oder ein von außen herantretendes, auf den Geist wirkendes Ereignis weitere Kräfte schaffen.

Eine von langem beschwerlichem Marsch ermüdete Truppe, welche, von Hunger und Durst gequält, still daher schreitet, wird durch plötzliches Zusammentreffen mit dem Feind in wenigen Augenblicken verändert. Der Mann sieht nach den Augen seiner Führer, an ihrem Blick richtet er sich auf, ihre Zuversicht überträgt sich, wie umgekehrt ihre Mutlosigkeit, auf die ganze Truppe. Die Beeinflußung, welche plötzlich den körperlichen Zustand ändert, die Leistungsfähigkeit vergrößert, ist nicht materieller Art, sondern geht vom Gehirn des einzelnen aus, in welchem durch sinnliche Wahrnehmung eine neue Vorstellungs- und Gedankenreihe gebildet wird. Die Spannkräfte, welche jetzt in lebendige Kraft umgesetzt werden, waren vorher auch aufgespeichert in den Zellen vorhanden, aber es fehlte die auslösende Kraft. Innerhalb ddes Gehirnes finden offenbar gewaltige Reizverstärkungen und ebenso gewaltige Reizhemmungen statt. Reizwellen können sich subsumieren und können sich entgegenarbeiten.

Die Kräfte sind im Gehirn des einzelnen vorhanden, aber er gebraucht sie nicht von selbst ohne Antrieb von außen. Der Anstoß von außen ist aber immateriell. Denn nicht die Kraft der Luftwellen, welche das Ohr treffen oder die Wirkung der Lichtwellen, welche das Auge treffen, sondern die daraus resultierende Vorstellungsweise bewirken in unserem Fall die neue Kraftleistung der ermüdeten Truppe. Heftige Schalle und Lichtreize an sich, ohne den spezifischen durch sich vermittelten Gedanken des Entscheidungskampfes würden die müde Truppe erst recht schnell erschöpft haben.

Betrachten wir noch den umgekehrten Fall. Am Anfang eines Feldzuges marschiert früh morgens in bester Verfassung eine Truppe dem Feind entgegen, voll Erwartung, wie der erste Zusammenstoß ausfallen möge und die Leute und jungen Offiziere brennen vor Begierde, den alten Ruhm des Regimentes, der durch die vor ihren Augen befindlichen Ehrenzeichen der höheren Vorgesetzten immer wieder zu Bewußtsein gebracht wird, zu erneuern, um auch dekoriert zu werden. Plötzlich trifft eine Meldung ein, den Vormarsch zu sistieren [abzubrechen, wp], da ein anderer Truppenkörper am Vorabend eine empfindliche Niederlage erlitten hat. Kein Zweifel, daß da plötzlich die Kräfte sinken, die ganze Verfassung eine andere wird. Nur die Willensenergie der Vorgesetzten und die der Truppe anerzogene Disziplin wird äußerlich die Mannschaften nicht verändern, aber durch nichts wird sich im Innern des Willensstärksten der Eindruck ganz verwischen lassen. Unwillkürlich wird die böse Nachricht immer wieder zu Bewußtsein kommen.

 Durch psychische Tätigkeit können also Kräfte freigemacht werden, welche in vielen Teilen des Körpers Leistungen bewirken, die kaum auf andere Weise zu erreichen wären.

Man kann vielleicht sagen, eine müde Truppe läßt sich auch durch Kaffee, Wein oder sonst ein zweckmäßiges Reizmittel wieder heben. Im gewissen Sinne ist das richtig und die Erschöpfung, wird vielleicht schließlich geringer sein. Augenblicklich ist aber jedenfalls die Vorstellung des Entscheidungskampfes zur Entfaltung der Kräfte die stärkere und praktisch erfolgreichere.

Über die Einwirkung auf einzelne Körperteile durch psychische Tätigkeit äußert sich DOMRICH wie folgt:
    "Wenden wir einer beschränkten Stelle der Haut unsere Aufmerksamkeit einige Zeit lang ungeteilt zu, so treten an derselben nicht bloß Empfindungen, sondern nach kürzerer oder längerer Zeit auch Veränderungen der Blutverteilung ein. Versuche, welche ich selbst wiederholt an mir angestellt habe, ergeben mir das Resultat, daß die betreffende Stelle anfangs etwas blasser, dann aber röter wurde, worauf ziemlich lange eine zuckende brennende Empfindung zurückbleibt, die selbst noch anzuhalten pflegte, nachdem jenen Teilen Haut die Aufmerksamkeit längst entzogen war. Leise Zuckungen in den Muskeln treten auch ein, wenn man daran denkt."
Ferner:
    "Auf diesem Weg können Veränderungen in den Kapillaren bedingt werden, welche natürlich bei längerem Bestehen die Ernährungsverhältnisse der betreffenden Teile modifizieren müssen. Daraus erklärt sich der Einfluß der Phantasie auf die Heilung kleiner Bildungsfehler wie Warzen, Hautflecke, Überbeine und dergleichen."
Schließlich möchte ich noch einige Sätze aus dem Werk von IMMANUEL KANT "Von der Macht des Gemütes durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein", (herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von C. W. HUFELAND, Berlin 1872), anführen, welche wohl die Möglichkeit und Nützlichkeit zielbewußter Suggestionen, speziell auch der Autosuggestionen über allen Zweifel stellen.
    KANT sagt: "Ich habe wegen meiner flachen und engen Brust, die für die Bewegung des Herzens und der Lunge wenig Spielraum läßt, eine natürliche Anlage zur Hypochondrie, welche in früheren Jahren bis an den Überdruss des Lebens grenzte. Aber die Überzeugung, daß die Ursache dieser Herzbeklemmung vielleicht bloß mechanisch und nicht zu heben sei, brachte es bald dahin, daß ich mich gar nicht an sie kehrte und während ich mich in der Brust beklommen fühlte, im Kopf doch Ruhe und Heiterkeit herrschte, die sich auch in der Gesellschaft nicht nach abwechselnden Launen (wie hypochondrische pflegen), sondern absichtlich und natürlich mitzuteilen nicht ermangelte. Und da man des Lebens mehr froh wird durch das, was man im freien Gebrauch desselben tut, als was man genießt, so können Geistesarbeiten eine andere Art von befördertem Lebensgefühl den Hemmungen entgegensetzen, welche bloß den Körper angehen. Die Beklemmung ist mir geblieben, denn ihre Ursache liegt iun meinm körperlichen Bau, aber über ihren Einfluß auf meine Gedanken und Handlungen bin ich Meister geworden, durch Abwendung der Aufmerksamkeit von diesem Gefühl, als ob es mich gar nichts anginge."
An anderer Stelle im Kapitel "vom krankhaften Gefühl aus der Unzeit im Denken" gibt KANT eine, speziell heutzutage, für viele beherzigenswerte Lehre.
    "Einem Gelehrten ist das Denken ein Nahrungsmittel, ohne welches, wenn er wach und allein ist, er nicht leben kann; jenes mag nun im Lernen (Bücherlesen) oder im Ausdenken, Nachsinnen und Erfinden bestehen. Aber beim Essen oder Ghen sich zugleich angestrengt mit einem bestimmten Gedanken beschäftigen, Kopf und Maen oder Kopf und Füße mit zwei Arbeiten zugleich belästigen, davon bringt das eine Hypochondrie, das andere Schwindel hervor. Um aber dieses krankhaften Zustandes durch Diät Meister zu sein, wird nichts weiter erfordert, als die mechanische Bewegung des Magens oder der Füße mit der geistigen des Denkens wechseln zu lassen und während dieser (der Restauration gewidmeten) Zeit das absichtliche Denken zu hemmen und dem (dem mechanischen ähnlichen) freien Spiel der Einbildungskraft Lauf zu lassen; wozu aber bei einem Studierenden ein allgemein gefaßter und fester Vorsatz der Diät im Denken erfordert wird. Es finden sich krankhafte Gefühle ein, wenn man bei einer Mahlzeit ohne Gesellschaft sich zugleich mit Bücherlesen oder Nachdenken beschäftigt, weil die Lebenskraft durch Kopfarbeit vom Magen, den man belästigt, abgeleitet wird. Ebenso wenn dieses Nachdenken mit der krafterschöpfenden Arbeit der Füße (beim Promenieren) verbunden wird."
Alle Tätigkeiten des Nervensystems hinterlassen nach ihrem Geschehen eine abgeschwächte Schwingung in dem ganzen berührten Komplex, die man Gedächtnisbild nennen kann. Die besprochenen Einwirkungen werden daher stets länger andauern und können demnach in entfernten Organen allmählich stoffliche Veränderungen bewirken. Die Tatsache des Gedächtnisses zwingt uns überhaupt zu der Annahme, daß Nerventätigkeiten eine Art stoffliche Spur in Form einer Änderung des Molekularzustandes hinterlassen.

Wenn dieses im Zentralorgan der Fall sein muß, dann wird sicherlich in dem bei Reizung sichtbare Tätigkeit zeigenden Endorganen stets eine derartige Spur zurückbleiben müssen. Selbst wenn die von der geleisteten Arbeit unzertrennlichen Stoffwechselprodukte sofort weggeschafft werden, ohne eine reizende oder lähmende Tätigkeit zu entfalten, wird im Bau des betreffenden Endorganes eine nicht sofort ausgefüllte stoffliche Lücke entstehen müssen. Wie dem nun auch sei, eine mehr oder minder große Änderung der physiologischen Verhältnisse des Endorganes findet durch den Impuls von den Nerven aus jedenfalls statt.

Die angeführten physiologischen Tatsachen, welche wohl kaum in einem wesentlichen Punkt bezweifelbar sind, machen es doch für jeden der dieselben überdenkt, höchst wahrscheinlich, daß man durch psychische Beeinflußung manche krankhaften körperlichen Zustände ändern kann. Inwieweit das möglich ist und wie im einzelnen Fall vorgegangen werden muß, kann nur durch weitere Fortschritte der physiologischen Psychologie und vielfältige, sorgfältige, kritische Beobachtung ermittelt werden. Ist einmal ein ganz sicheres Fundament von Tatsachen gelegt, dann wird der Aufbau der ganzen Methode, welche selbstverständlich in Verbindung mit allen medizinischen Kenntnissen unter Benutzung aller medikamentösen und sonstigen Hilfsmittel erfolgen muß, sich allmählich, aber sicher vollziehen.
LITERATUR - Wilhelm Kochs, Beiträge zur physiologischen Erklärung der Suggestivwirkungen, Zeitschrift für Hypnose, Berlin 1893