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IMMANUEL KANT
Vorrede zur zweiten Auflage
der Kr. d. r. V.


"Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt; die Grenze der Logik aber ist dadurch genau bestimmt, daß sie eine Wissenschaft ist, welche nichts als die  formalen  Regeln allen Denkens ausführlich darlegt und streng beweist. Weit schwerer mußte es natürlicherweise für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloß mit sich selbst, sondern auch mit Objekten zu schaffen hat."

"Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnisse müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie  a priori  etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnisse erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten."

Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäft gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft geht oder nicht, das läßt sich bald aus dem Erfolg beurteilen. Wenn sie nach viel gemachten Anstalten und Zurüstungen, sobald es zum Zweck kommt, ins Stocken gerät, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und einen anderen Gang einschlagen muß; oder wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen Mitarbeit in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht verfolgt werden soll, einhellig zu machen: so kann man immer überzeugt sein, daß ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen ist, und es ist schon ein Verdienst um die Vernunft, diesen Weg womöglich ausfindig zu machen, sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne Überlegung vorher genommenen Zweck enthalten war.

Daß die  Logik  diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her gegangen ist, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit ARISTOTELES keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung einiger entbehrlicher Subtilitäten oder eine deutlichere Bestimmung des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will, welches aber mehr zur Eleganz als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört. Merkwürdig ist noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können, und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint. Denn, wenn einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten, daß sie teils  psychologische  Kapitel von den verschiedenen Erkenntniskräften (der Einbildungskraft, dem Witz), teils  metaphysische  über den Ursprung der Erkenntnis oder der verschiedenen Art der Gewißheit nach Verschiedenheit der Objekte (dem Idealismus, Skeptizismus usw.), teils  anthropologische  von Vorurteilen (den Ursachen derselben und Gegenmitteln) hineinschoben, so rührt diese von ihrer Unkunde der eigentümlichen Natur dieser Wissenschaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen ineinander laufen läßt; die Grenze der Logik aber ist dadurch genau bestimmt, daß sie eine Wissenschaft ist, welche nichts als die formalen Regeln allen Denkens (es mag  a priori  oder empirische sein, einen Ursprung oder Objekt haben, was es wolle, in unserem Gemüt zufällige oder natürliche Hindernisse antreffen) ausführlich darlegt und streng beweist.

Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vorteil hat sie bloß ihrer Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden ist, von allen Objekten der Erkenntnis und ihrem Unterschied zu abstrahieren, und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter als sich selbst und seiner Form zu tun hat. Weit schwerer mußte es natürlicherweise für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen, wenn sie nicht bloß mit sich selbst, sondern auch mit Objekten zu schaffen hat; daher jene auch als Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der Wissenschaften ausmacht, und wenn von Kenntnissen die Rede ist, man zwar eine Logik zur Beurteilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung derselben in eigentlich und objektiv sogenannten Wissenschaften suchen muß.

Sofern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas  a priori  erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der anderweitig gegeben werden muß) bloß zu  bestimmen,  oder ihn auch  wirklich zu machen.  Die erste ist  theoretische,  die andere  praktische Erkenntnis  der Vernunft. Von beiden muß der  reine  Teil, so viel oder so wenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft gänzlich  a priori  ihr Objekt bestimmt, vorher allein vorgetragen werden, und dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht vermengt werden; denn es gibt eine üble Wirtschaft, wenn man blindlings ausgibt, was einkommt, ohne nachher, wenn jene ins Stocken gerät, unterscheiden zu können, welcher Teil der Einnahme den Aufwand tragen kann und von welchem man denselben beschneiden muß.

Mathematik  und  Physik  sind die beiden theoretischen Erkenntnisse der Vernunft, welche ihre  Objekte a priori  bestimmen sollen, die erstere ganz rein, die zweite zumindest zum Teil rein, dann aber auch nach Maßgabe anderer Erkenntnisquellen als der der Vernunft.

Die  Mathematik  ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte der menschlichen Vernunft reicht, im bewunderungswürdigen Volk der Griechen den sicheren Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man darf nicht denken, daß es ihr so leicht geworden ist wie der Logik, wo die Vernunft es nur mit sich selbst zu tun hat, jenen königlichen Weg zu treffen oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, daß es lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Ägyptern) beim Herumtappen geblieben ist, und diese Umänderung einer  Revolution  zuzuschreiben ist, die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes in seinem Versuch zustande brachte, von welchem an die Bahn, die man nehmen mußte, nicht mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang einer Wissenschaft für alle Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen und vorgezeichnet war. Die Geschichte dieser Revolution der Denkart, welche viel wichtiger war als die Entdeckung des Weges um das berühmte Vorgebirge, und des Glücklichen, der sie zustande brachte, ist uns nicht aufbehalten. Doch beweist die Sage, welche DIOGENES der Laertier uns überliefert, der von den kleinsten, und nach dem gemeinen Urteil gar nicht einmal eines Beweises benötigten Elementen der geometrischen Demonstrationen den angeblichen Erfinder nennt, daß das Andenken der Veränderung, die durch die erste Spur der Entdeckung dieses neuen Weges bewirkt wurde, den Mathematikern äußerst wichtig geschienen haben muß, und dadurch unvergeßlich geworden ist. Dem ersten, der den  gleichschenkligen Triangel  demonstrierte (er mag nun THALES oder wie man will geheißen haben), dem ging ein Licht auf; denn er fand, daß er nicht dem, was er in der Figur sah, oder auch dem bloßen Begriff derselben nachspüren und gleichsam davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch das, was er nach Begriffen selbst  a priori  hineindachte und darstellte (durch Konstruktion), hervorbringen muß, und daß er, um sicher etwas  a priori  zu wissen, der Sache nichts beilegen muß, als was aus dem notwendig folgt, was er seinem Begriff gemäßt selbst in sie gelegt hat.

Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den Heeresweg der Wissenschaft traf; denn es sind nur etwa anderthalb Jahrhunderte, daß der Vorschlag des sinnreichen BACO von VERULAM diese Entdeckung teils veranlaßte, teils, da man bereits auf der Spur derselben war, mehr belebte, welche eben sowohl nur durch eine schnell vorgegangene Revolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will hier nur die Naturwissenschaft, sofern sie auf  empirische  Prinzipien gegründet ist, in Erwägung ziehen. (1)

Als GALILEI seine Kugeln die schiefe Ebene mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen oder TORRICELLI die Luft ein Gewicht, was er sich im Voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gedacht hatte, tragen ließ oder in noch späterer Zeit STAHL Metalle in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und wiedergab, so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen muß, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitband gängeln lassen muß; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plan gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetz zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar die Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfall zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hierdruch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viele Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war.

Der  Metaphysik,  einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis, die sich gänzlich über eine Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch bloße Begriffe (nicht wie die Mathematik durch die Anwendung derselben auf die Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, ist das Schicksal bisher noch so günstig gewesen, daß sie den sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte, obgleich sie älter ist als alle übrigen, und bleiben würde, wenngleich die übrigen insgesamt im Schlund einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen werden sollten. Denn in ihr gerät die Vernunft kontinuierlich ins Stocken, selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt, (wie sie sich anmaßt)  a priori  einsehen will. In ihr muß man unzählige Male den weg zurück tun, weil man findet, daß er dahin nicht führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint, seine Kräfte im Spiegelgefecht zu üben, au dem noch niemals irgendein Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf einen Sieg einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, daß ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen und, was das Schlimmste ist, unter bloßen Begriffen gewesen ist.

Woran liegt es nun, daß hier noch kein anderer Weg der Wissenschaft hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn die Natur unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht bloß verläßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am Ende betrügt! Oder ist er bisher nur verfehlt: welche Anzeige können wir benutzen, um bei erneutem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als andere vor uns gewesen sind?

Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, die durch eine auf einmal zustande gebrachte Revolution das geworden sind, was sie jetzt sind, wären merkwürdig genug, um dem wesentlichen Stück der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden ist, nachzusinnen und ihnen, soviel ihre Analogie als Vernunfterkenntnisse mit der Metaphysik verstattet, hierin zumindest zum Versuch nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnisse müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie  a priori  etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnisse erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserer Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben  a priori  zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso als mit dem ersten Gedanken des KOPERNIKUS bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahme, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die  Anschauung  der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man  a priori  von ihr etwas wissen kann; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit des Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse werden sollen, nicht stehen bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgendetwas als Gegenstand beziehen und diesen durch jene bestimmen muß, so kann ich entweder annehmen, die  Begriffe,  wodurch ich diese Bestimmung zustande bringe, richten sich auch nach dem Gegenstnad, und dann bin ich wiederum in derselben Verlegenheit wegen der Art, wie ich  a priori  hiervon etwas wissen kann; oder ich nehme an, die Gegenstände oder, welches einerlei ist, die  Erfahrung,  in welcher sie allein (als gegebene Gegenstände) erkannt werden, richtet sich nach diesen Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere Auskunft, weil Erfahrung selbst eine Erkenntnisart ist, die Verstand erfordert, dessen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben werden, mithin  a priori  voraussetzen muß, welche in Begriffen  a priori  ausgedrückt wird, nach denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung notwendig richten und mit ihnen übereinstimmen müssen. Was Gegenstände betrifft, sofern sie bloß durch Vernunft und zwar notwendig gedacht, die aber (so zumindest wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in der Erfahrung gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken (denn denken müssen sie sich doch lassen) hernach einen herrlichen Probierstein desjenigen abgeben, was wir als die veränderte Methode der Denkungsart annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das  a priori  erkennen, was wir selbst in sie legen (2).

Dieser Versucht gelingt nach Wunsch und verspricht der Metaphysik in ihrem ersten Teil, da sie sich nämlich mit Begriffen  a priori  beschäftigt, davon die korrespondierenden Gegenstände in der Erfahrung jenen angemessen gegeben werden können, den sicheren Gang einer Wissenschaft. Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die Möglichkeit einer Erkenntnis  a priori  ganz wohl erklären, und, was noch mehr ist, die Gesetze, welche  a priori  der Natur als dem Inbegriff der Gegenstände der Erfahrung zugrunde liegen, mit ihren genugtuenden Beweisen versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrensart unmöglich war. Aber es ergibt sich aus dieser Deduktion unseres Vermögens  a priori  zu erkennen im ersten Teil der Metaphysik ein befremdliches und dem ganzen Zweck derselben, der den zweiten Teil beschäftigt, dem Anschein nach sehr nachteiliges Resultat, nämlich daß wir mit ihm nie über die Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen können, was doch gerade die wesentlichste Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin liegt eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntnis  a priori,  daß sie nämlich nur auf Erscheinungen geht, die Sache ansich dagegen zwar als für sich wirklich, aber von uns unerkannt liegen läßt. Denn das, was uns notwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen hinaus zu gehen treibt, ist das  Unbedingte,  welches die Vernunft in den Dingen ansich notwendig mit allem Recht zu allem Bedingten, und dadurch die Reihe der Bedingungen als vollendet verlangt. Findet sih nun, wenn man annimmt, unsere Erfahrungserkenntnis richtet sich nach den Gegenständen als Dingen-ansich, daß das Unbedingte  ohne Widerspruch gar nicht gedacht  werden kann; dagegen wenn man annimmt, unsere Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden, richtet sich nicht nach diesen als Dingen ansich, sondern diese Gegenstände vielmehr als Erscheinungen richten sich nach unserer Vorstellungsart,  der Widerspruch wegfällt;  und daß folglich das Unbedingte nicht an Dingen, sofern wie sie kennen (sie uns gegeben werden), wohl aber an ihnen, sofern wir sie nicht kennen, als Sachen ansich angetroffen werden muß: so zeigt sich, daß, was wir anfangs nur zum Versuch annahmen, begründet ist. (3) Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der spekulativen Vernunft alles Fortkommen in diesem Feld des Übersinnlichen abgesprochen worden, zu versuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen Erkenntnis Data finden, jenen transzendenten Vernunftbegriff des Unbedingten zu bestimmen, und auf solche Weise dem Wunsch der Metaphysik gemäß über die Grenze aller möglichen Erfahrung hinaus mit unserer, aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntnis  a priori  zu gelangen. Und bei einem solchen Verfahren hat uns die spekulative Vernunft zu einer solchen Erweiterung immer doch wenigstens Platz verschafft, wenngleich sie ihn leer lassen mußte, und es bleibt uns also noch unbenommen, ja wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, ihn durch praktische Data derselben, wenn wir können, auszufüllen. (4)

In jenem Versuch, das biherige Verfahren der Metaphysik umzuändern, und dadurch, daß wir nach dem Beispiel der Geometer und Naturforscher eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, [ihr den sicheren Gang einer Wissenschaft zu geben - B. E.], besteht nun das Geschäft dieser Kritik der reinen spekulativen Vernunft. Sie ist ein Traktat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst; aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben, sowohl in Anbetracht ihrer Grenzen als auch des ganzen inneren Gliederbaus derselben. Denn das hat die reine spekulative Vernunft Eigentümliches an sich, daß sie ihr eigenes Vermögen nach Verschiedenheit der Art, wie sie sich Objekte zum Denken wählt, ausmessen, und auch selbst die mancherlei Arten, sich Aufgaben vorzulegen, vollständig vorzählen und so den ganzen Grundriß zu einem System der Metaphysik verzeichnen kann und soll; weil, was das erste betrifft, in der Erkenntnis  a priori  den Objekten nichts beigelegt werden kann, als was das denkende Subjekt aus sich selbst hernimmt, und, was das zweite anlangt, sie in Anbetracht der Erkenntnisprinzipien eine ganz abgesonderte, für sich bestehende Einheit ist, in welcher ein jedes Glied, wie in einem organisierten Körper, um aller anderen und alle um eines willen da sind, und kein Prinzip mit Sicherheit in  einer  Beziehung genommen werden kann, ohne es zugleich in der  durchgängigen  Beziehung zum ganzen reinen Vernunftgebrauch untersucht zu haben. Dafür aber hat auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner anderen Vernunftwissenschaft, die es mit Objekten zu tun hat (denn die  Logik  beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt), zuteil werden kann, daß wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht wurde, sie das ganze Feld der für sie gehörigen Erkenntnisse völlig befassen und also ihr Werk vollenden und für die Nachwelt als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl zum Gebrauch niederlegen kann, weil sie es bloß mit Prinzipien und den Einschränkungen ihres Gebrauchs zu tun hat, welche durch jene selbst bestimmt werden. Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher als Grundwissenschaft auch verbunden, und von ihr muß gesagt werden können:  nil actum reputans, si quid superesset agendum  [Nichts galt ihm als getan, solange noch etwas zu tun blieb. - wp]

Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der Nachkommenschaft mit einer solchen Kritik geläuterten, dadurch aber auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu hinterlassen gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses Werks wahrzunehmen glauben, daß der Nutzen davon doch nur  negativ  ist, uns nämlich mit der spekulativen Vernunft niemals über die Erfahrungsgrenze hinaus zu wagen, und das ist auch in der Tat ihr erster Nutzen. Dieser aber wird alsbald  positiv,  wenn man inne wird, daß die Grundsätze, mit denen sich eine spekulative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt, in der Tat nicht  Erweiterung,  sondern, wenn man sie näher betrachtet, eine  Verengung  unseres Vernunftgebrauches zum unausbleiblichen Erfolg haben, indem sie wirklich die Grenzen der Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, über alles zu erweitern und so den reinen (praktischen) Vernunftgebrauch gar zu verdrängen drohen. Daher ist eine Kritik, welche die erstere einschränkt, zwar insofern  negativ,  aber, indem sie dadurch zugleich ein Hindernis ist, welches den letzteren Gebrauch einschränkt oder gar zu vernichten droht, aufhebt, in der Tat von  positivem  und sehr wichtigem Nutzen, sobald man überzeugt wird, daß es einen schlechterdings notwendigen praktischen Gebrauch der reinen Vernunft (den moralischen) gibt, in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit erweitert, dazu sie zwar von der spekulativen keiner Beihilfe bedarf, dennoch aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muß, um nicht in Widerspruch mit sich selbst zu geraten. Diesem Dienst der Kritik den  positiven  Nutzen abzusprechen, wären ebenso viel als sagen, daß die Polizei keinen positiven Nutzen schafft, weil ihr Hauptgeschäft doch nur ist, der Gewalttätigkeit, welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben, einen Riegel vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben kann. Daß Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, daß wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur Erkenntnis der Dinge haben, als so fern diesen Begriffen korrespondierende Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstand als Ding ansich, sondern nur sofern er Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d. h. als Erscheinung Erkenntnis haben können, wird im analytischen Teil der Kritik bewiesen; woraus dann freilich die Einschränkung aller nur möglichen spekulativen Erkenntnis der Vernunft auf bloße Gegenstände der  Erfahrung  folgt. Gleichwohl wird, was wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben Gegenstände auch als Dinge-ansich, wenngleich nicht  erkennen,  so doch wenigstens müssen  denken  können. (5) Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen, daß eine Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint. Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik notwendig gemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung von eben denselben als Dingen ansich wäre gar nicht gemacht, so müßte der Grundsatz der Kausalität und mithin der Naturmechanismus in Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen, d. h. nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu geraten, weil ich die Seele in beiden Sätzen in  eben derselben Bedeutung,  nämlich als Ding überhaupt (als Sache ansich) genommen habe, und ohne vorhergehende Kritik auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat, da sie das Objekt in  zweierlei Bedeutung  nehmen lehrt, nämlich als Erscheinung oder als Ding-ansich; wenn die Deduktion ihrer Verstandesbegriffe richtig ist, mithin auch der Grundsatz der Kausalität nur auf Dinge im ersten Sinn genommen, nämlich sofern sie Gegenstände der Erfahrung sind, geht, da dieselben aber nach der zweiten Bedeutung ihm nicht unterworfen sind, so wird eben derselbe Wille in der Erscheinung (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetz notwendig gemäß und sofern  nicht frei,  und doch andererseits als einem Ding-ansich angehörig jenem nicht unterworfen, mithin als  frei  gedacht, ohne daß hierbei ein Widerspruch entsteht. Obgleich ich nun meine Seele, von der letzteren Seite betrachtet, durch keine spekulative Vernunft (noch weniger durch empirische Beobachtung), mithin auch nicht die Freiheit als Eigenschaft eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinneswelt zuschreibe,  erkennen  kann, darum weil ich ein solches seiner Existenz nach, und doch nicht in der Zeit bestimmt erkennen müßte (welches, weil ich meinem Begriff keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist), so kann ich mir doch die Freiheit  denken,  d. h. die Vorstellung davon enthält wenigstens keinen Widerspruch in sich, wenn unsere kritische Unterscheidung beider (der sinnlichen und der intellektuellen) Vorstellungsarten und die davon herrührende Einschränkung der reinen Verstandesbegriffe, mithin auch der aus ihnen fließenden Grundsätze stattfindet. Gesetzt nun, die Moral setzt notwendig Freiheit (im strengsten Sinn) als Eigenschaft unseres Willens voraus, indem sie praktische, in unserer Vernunft liegende ursprüngliche Grundsätze als  Data  derselben  a priori  anführt, die ohne Voraussetzung der Freiheit schlechterdings unmöglich wären, die spekulative Vernunft aber hätte bewiesen, daß diese sich gar nicht denken läßt, so muß notwendig jene Voraussetzung, nämlich die moralische, derjenigen weichen, deren Gegenteil einen offenbaren Widerspruch enthält, folglich  Freiheit  und mit ihr Sittlichkeit (denn deren Gegenteil enthält keinen Widerspruch, wenn nicht schon Freiheit vorausgesetzt wird) dem  Naturmechanismus  den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral nichts weiter brauche, als daß Freiheit sich nur nicht selbst widerspricht und sich also doch zumindest denken läßt, ohne nötig zu haben sie weiter einzusehen, daß sie also dem Naturmechanismus eben derselben Handlung (in anderer Beziehung genommen) gar kein Hindernis in den Weg legt: so behauptet die Lehre von der Sittlichkeit ihren Platz und die Naturlehre auch den ihrigen, welches aber nicht stattgefunden hätte, wenn nicht die Kritik uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissenheit in Anbetracht der Dinge-ansich selbst belehrt und alles, was wir theoretisch  erkennen  können, auf bloße Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben diese Erörterung des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der reinen Vernunft läßt sich in Anbetracht des Begriffs von  Gott  und der  einfachen Natur  unserer  Seele  zeigen, die ich aber der Kürze halber vorbeigehe. Ich kann also  Gott, Freiheit  und  Unsterblichkeit  zum Zweck des notwendigen praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal  annehmen,  wenn ich nicht der spekulativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher Einsichten  benehme,  weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, solcher Grundsätze bedienen muß, die, indem sie in der Tat bloß auf Gegenstände möglicher Erfahrung reichen, wenngleich sie wohl auf das angewandt werden, was nicht ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, wirklich dieses jederzeit in Erscheinung verwandeln und so alle  praktische Erweiterung  der reinen Vernunft für unmöglich erklären. Ich mußte also das  Wissen  aufheben, um zum  Glauben  Platz zu bekommen, denn der Dogmatismus der Metaphysik, d. h. das Vorurteilt, in ihr ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist. - Wenn es also mit einer nach Maßgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefaßten systematischen Metaphysik eben nicht schwer sein kann, der Nachkommenschaft ein Vermächtnis zu hinterlassen, so ist die kein für gering zu achtendes Geschenk; man mag nun bloß auf die Kultur der Vernunft durch den sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt in Vergleichung mit dem grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen derselben ohne Kritik sehen, oder auch auf eine bessere Zeitanwendung einer wißbegierigen Jugend, die beim gewöhnlichen Dogmatismus so früh und so viel Aufmunterung bekommt, über Dinge, von denen sie nichts versteht und darin sie, so wie niemand in der Welt, auch nie etwas einsehen wird, bequem zu vernünfteln, oder gar auf die Erfindung neuer Gedanken und Meinungen auszugehen und so die Erlernung gründlicher Wissenschaften zu verabsäumen; am meisten aber, wenn man den unschätzbaren Vorteil in Anschlag bringt, wenn man den unschätzbaren Vorteil in Anschlag bringt, allen Einwürfen wider die Sittlichkeit und Religion auf  sokratische  Art, nämlich durch den klarsten Beweis der Unwissenheit der Gegner auf alle künftige Zeit ein Ende zu machen. Denn irgendeine Metaphysik ist immer in der Welt gewesen und wird auch wohl weiter, mit ihr aber auch eine Dialektik der reinen Vernunft, weil sie ihr natürlich ist, darin anzutreffen sein. Es ist also die erste und wichtigste Angelegenheit der Philosophie, ein für allemal ihr dadurch, daß man die Quelle der Irrtümer verstopft, allen nachteiligen Einfluß zu benehmen.

Bei dieser wichtigen Veränderung im Feld der Wissenschaften und dem  Verlust,  den spekulative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten Besitz erleiden muß, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen menschlichen Angelegenheit und dem Nutzen, den die Welt bisher aus den Lehren der reinen Vernunft zog, in demselben vorteilhaften Zustand als es jemals war, und der Verlust trifft nur das  Monopol der Schulen,  keineswegs aber das  Interesse der Menschen.  Ich frage den unbiegsamsten Dogmatiker, ob der Beweis von der Fortdauer unserer Seele nach dem Tod aus der Einfachheit der Substanz, ob der von der Freiheit des Willens gegen den allgemeinen Mechanismus durch die subtilen, wenn auch ohnmächtigen Unterscheidungen subjektiver und objektiver praktischer Notwendigkeit, oder ob der vom Dasein Gottes aus dem Begriff eines allerrealsten Wesens (der Zufälligekeit des Veränderlichen und der Notwendigkeit eines ersten Bewegers), nachdem sie von den Schulen ausgingen, jemals haben bis zum Publikum gelangen und auf dessen Überzeugung den mindesten Einfluß haben können? Ist dieses nun nicht geschehen, und kann es auch wegen der Untauglichkeit des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler Spekulation niemals erwartet werden; hat vielmehr, was das erstere betrifft, die jedem Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das Zeitliche (als zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich) nie zufrieden gestellt werden zu können, die Hoffnung eines  künftigen Lebens,  in Anbetracht des zweiten die bloße klare Darstellung der Pflichten im Gegensatz aller Ansprüche der Neigungen das Bewußtsein der  Freiheit,  und schließlich, was das dritte anlangt, die herrliche Ordnung, Schönheit und Fürsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, allein den Glauben an einen weisen und großen  Welturheber,  die sich auf das Publikum verbreitende Überzeugung, sofern sie auf Vernunftgründen beruth, ganz allein bewirken müssen: so bleibt ja nicht allein dieser Besitz ungestört, sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch an Ansehen, daß die Schulen nunmehr belehrt werden, sich keine höhere und ausgebreitetere Einsicht in einem Punkt anzumaßen, der die allgemeine menschliche Angelegenheit betrifft, als derjenige ist, zu der die große (für uns achtungswürdigste) Menge auh eben so leicht gelangen kann, und sich also auf die Kultur dieser allgemein faßlichen und in moralischer Absicht hinreichenden Beweisgründe allein einzuschränken. Die Veränderung betrifft also bloß die arroganten Ansprüche der Schulen, die sich gern hierin (wie sonst mit Recht in vielen anderen Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum nur den Gebrauch mitteilen, den Schlüssel derselben aber für sich behalten  (quod mecum nescit, solus vult scire videri)  [Was er genausowenig weiß wie ich, wünscht er sich doch zu wissen. - wp]. Gleichwohl ist doch auch für einen billigeren Anspruch des spekulativen Philosophen gesorgt. Er bleibt immer ausschließlich Depositär einer dem Publikum ohne dessen Wissen nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nötig es zu sein; weil, so wenig dem Volk die fein gesponnenen Argumente für nützliche Wahrheiten in den Kopf wollen, ebensowenig kommen ihm auch die ebenso subtilen Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil die Schule so wie jeder sich zur Spekulation erhebende Mensch unvermeidlich in beide gerät, jene dazu verbunden ist, durch eine gründliche Untersuchung der Rechte der spekulativen Vernunft ein für allemal dem Skandal vorzubeugen, das über kurz oder lang selbst dem Volk aus den Streitigkeiten aufstoßen muß, in welche sich Metaphysiker (und als solche schließlich auch wohl Geistliche) ohne Kritik unausbleiblich verwickeln und die selbst nachher ihre Lehren verfälschen. Durch diese kann nur allein dem  Materialismus,  Fatalismus, Atheismus, dem freigeisterischen  Unglauben,  der  Schwärmerei  und dem  Aberglauben,  die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem  Idealismus  und  Skeptizismus,  die mehr den Schulen gefährlich sind und schwerlich ins Publikum übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden. Wenn Regierungen sich ja mit Angelegenheiten der Gelehrten zu befassen gut finden, so würde es ihrer weisen Fürsorge für Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemäßer sein, die Freiheit einer solchen Kritik zu begünstigen, wodurch die Vernunftbearbeitungen allein auf einen festen Fuß gebracht werden können, als den lächerlichen Despotismus der Schulen zu unterstützen, welche über öffentliche Gefahr ein lautes Geschrei erheben, wenn man ihre Spinnweben zerreißt, von denen doch das Publikum niemals Notiz genommen hat und deren Verlust es also auch nie fühlen kann.

Die Kritik ist nicht dem  dogmatischen Verfahren  der Vernunft in ihrer reinen Erkenntnis als Wissenschaft entgegengesetzt (denn diese muß jederzeit dogmatisch, d. h. aus sicheren Prinzipien, d. h. der Anmaßung, mit einer reinen Erkenntnis aus Begriffen (der philosophischen) nach Prinzipien, so wie sie die Vernunft längst im Gebrauch hat, ohne Erkundigung der Art und des Rechts, wodurch sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen. Dogmatismus ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft  ohne vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens.  Diese Entgegensetzung soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit unter dem angemaßten Namen der Popularität, oder wohl gar dem Skeptizismus, der mit der ganzen Metaphysik kurzen Prozeß macht, das Wort reden; vielmehr ist die Kritik die notwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung einer gründlichen Metaphysik als Wissenschaft, die notwendig dogmatisch und nach der strengsten Forderung systematisch, mithin schulgerecht (nicht populär) ausgeführt werden muß; denn diese Forderung an sie, da sie sich anheischig macht, gänzlich  a priori,  mithin zu völliger Befriedigung der spekulativen Vernunft ihr Geschäft auszuführen, ist unnachläßlich. In der Ausführung also des Plans, den die Kritik vorschreibt, d. h. im künftigen System der Metaphysik müssen wir dereinst der strengen Methode des berühmten WOLFF, des größten unter allen dogmatischen Philosophen folgen, der zuerst das Beispiel gab (und durch dieses Beispiel der Urheber des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland wurde), wie durch die gesetzmäßige Feststellung der Prinzipien, eine deutliche Bestimmung der Begriffe, die versuchte Strenge der Beweise, Verhütung kühner Sprünge in Folgerungen der sichere Gang der Wissenschaft zu nehmen ist, der auch eben darum eine solche, als Metaphysik ist, in diesen Stand zu versetzen vorzüglich geschickt war, wenn es ihm beigefallen wäre, durch eine Kritik des Organs, nämlich der reinen Vernunft selbst, sich das Feld vorher zu bereiten, ein Mangel, der nicht sowohl ihm als vielmehr der dogmatischen Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist, und darüber die Philosophen seiner sowohl als aller vorigen Zeiten einander nichts vorzuwerfen haben. Diejenigen, welche seine Lehrart und doch zugleich auch das Verfahren der Kritik der reinen Vernunft verwerfen, können nichts anderes im Sinn haben, als die Fesseln der  Wissenschaft  gar abzuwerfen, Arbeit in Spiel, Gewißheit in Meinung und Philosophie in Philodoxie zu verwandeln.

Was diese zweite Auflage betrifft,  so habe ich, wie billig, die Gelegenheit derselben nicht vorbeilassen wollen, um den Schwierigkeiten und der Dunkelheit so viel wie möglich abzuhelfen, woraus manche Mißdeutungen entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen Männern, vielleicht nicht ohne meine Schuld, in der Beurteilung dieses Buches aufgestoßen sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, desgleichen der Form sowohl als auch der Vollständigkeit des Plans habe ich nichts zu ändern gefunden; welches teils der langen Prüfung, der ich sie unterworfen hatte, ehe ich sie dem Publikum vorlegte, teils der Beschaffenheit der Sache selbst, nämlich der Natur einer reinen spekulativen Vernunft beizumessen ist, die einen wahren Gliederbau enthält, worin alles Organ ist, nämlich alles um eines willen und ein jedes einzelne um aller willen, mithin jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sei sie ein Fehler (Irrtum) oder Mangel, sich im Gebrauch unausbleiblich verraten muß. In dieser Unveränderlichkeit wird sich dieses System, wie ich hoffe, auch fernerhin behaupten. Nicht Eigendünkel, sondern bloß die Evidenz, welche das Experiment der Gleichheit des Resultats im Ausgang von dem mindesten Elementen bis zum Ganzen der reinen Vernunft und im Rückgang vom Ganzen (denn auch dieses ist für sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen gegeben) zu jedem Teil bewirkt, indem der Versuch, auch nur den kleinsten Teil abzuändern, sofort Widersprüche, nicht bloß des Systems, sondern der allgemeinen Menschenvernunft herbeiführt, berechtigt mich zu diesem Vertrauen. Allein in der  Darstellung  ist noch viel zu tun, und hierin habe ich mit dieser Auflage Verbesserungen versucht, welche teils dem Mißverständnis der Ästhetik, vornehmlich dem im Begriff der Zeit, teils der Dunkelheit der Deduktion der Verstandesbegriffe, teils dem vermeintlichen Mangel einer genugsamen Evidenz in den Beweisen der Grundsätze des reinen Verstandes, teils endlich der Mißdeutung der der rationalen Psychologie vorgerückten Paralogismen abhelfen sollen. Bis hierher (nämlich nur bis zum Ende des ersten Hauptstücks der transzendentalen Dialektik) und weiter nicht erstrecken sich meine Abänderungen der Darstellungsart, (6) weil die Zeit zu kurz und mir in Anbetracht des übrigen auch kein Mißverstand sachkundiger und unparteiischer Prüfer vorgekommen war, welche, auch ohne daß ich sie mit dem ihnen gebührenden Lob nennen darf, die Rücksicht, die ich auf ihre Erinnerungen genommen habe, schon von selbst an ihren Stellen antreffen werden. Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Verlust für den Leser verbunden, der nicht zu verhüten war, ohne das Buch gar zu voluminös zu machen, nämlich daß Verschiedenes, was zwar nicht wesentlich zur Vollständigkeit des Ganzen gehört, mancher leser aber doch ungern missen möchte, indem es sonst in anderer Absicht brauchbar sein kann, hat weggelassen oder abgekürzt vorgetragen werden müssen, um meiner, wie ich hoffe, jetzt faßlicheren Darstellung Platz zu machen, die im Grunde in Anbetracht der Sätze und selbst ihrer Beweisgründe schlechterdings nichts verändert, aber doch in der Methode des Vortrages hin und wieder so von der vorigen abgeht, daß sie durch Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen ließ. Dieser kleine Verlust, der ohnehin nach Belieben durch eine Vergleichung mit der ersten Auflage ersetzt werden kann, wird durch die größere Faßlichkeit, wie ich hoffe, überwiegend ersetzt. Ich habe in verschiedenen öffentlichen Schriften (teils bei Gelegenheit der Rezension mancher Bücher, teils in besonderen Abhandlungen) mit dankbarem Vergnügen wahrgenommen, daß der Geist der Gründlichkeit in Deutschland nicht erstorben ist, sondern nur durch den Modeton einer geniemäßigen Freiheit im Denken auf kurze zeit überschrieen wurde, und daß die dornigen Pfade der Kritik, die zu einer schulgerechten, aber als solche allein dauerhaften und daher höchst notwendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, mutige und helle Köpfe nicht gehindert haben, sich derselben zu bemeistern: Diesen verdienten Männern, die mit der Gründlichkeit der Einsiicht noch das Talent einer lichtvollen Darstellung (dessen ich mir eben nicht bewußt bin) so glücklich verbinden, überlasse ich meine Ansehung der letzteren hin und wieder etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu vollenden; denn widerlegt zu werden ist in diesem Fall keine Gefahr, wohl aber nicht verstanden zu werden. Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten von nun an nicht einlassen, obgleich ich auf alle Winke, sei es von Freunden oder Gegnern, sorgfältig achten werde, um sie in der künftigen Ausführung des Systems dieser Propädeutik gemäß zu benutzen. Da ich während dieser Arbeiten schon ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin (in diesem Monat in vierundsechzigste Jahr), so muß ich, wenn ich meinen Plan, die Metaphysik der Natur sowohl als auch der Sitten als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik der spekulativen sowohl als auch der praktischen Vernunft zu liefern, ausführen will, mit der Zeit sparsam verfahren, und die Aufhellung sowohl der in diesem Werk anfangs kaum vermeidlichen Dunkelheiten als die Verteidigung des Ganzen von den verdienten Männern, die es sich zu eigen gemacht haben, erwarten. An einzelnen Stellen läßt sich jeder philosophische Vortrag zwacken (denn er kann nicht so gepanzert auftreten, wie der mathematische), indessen daß doch der Gliederbau des Systems, als Einheit betrachtet, dabei nicht die mindeste Gefahr läuft, zu dessen Übersicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewandtheit des Geistes, noch wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen kommt, Lust besitzen. Auch scheinbare Widersprüche lassen sich, wenn man einzelne Stellen, aus ihrem Zusammenhang gerissen, gegeneinander vergleicht, in jeder, vornehmlich als freie Rede fortgehenden Schrift ausklauben, die in den Augen dessen, der sich auf fremde Beurteilung verläßt, ein nachteiliges Licht auf diese werfen, demjenigen aber, der sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind. Indessen, wenn eine Theorie in sich Bestand hat, so dienen Wirkung und Gegenwirkung, die ihr anfänglich große Gefahr drohten, mit der Zeit nur dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen, und wenn sich Männer von Unparteilichkeit, Einsicht und wahrer Popularität damit beschäftigen, ihr in kurzer Zeit auch die erforderliche Eleganz zu verschaffen.

Königsberg, im Aprilmonat 1787 I. Kant.

LITERATUR: Immanuel Kant, Vorrede zur zweiten Auflage der Kr. d. r. V., B. Erdmann-Ausgabe, Hamburg und Leipzig 1889
    Anmerkungen
    1) Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der Experimentalmethode, deren erste Anfänge auch nich wohl bekannt sind.
    2) Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht also darin, die Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen,  was sich durch ein Experiment bestätigen oder widerlegen läßt.  Nun läßt sich zur Prüfung der Sätze der reinen Vernunft, vornehmlich wenn sie über alle Grenzen möglicher Erfahrung hinaus gewagt werden, kein Experiment mit ihren  Objekten  machen (wie in der Naturwissenschaft); also wird es nur mit  Begriffen  und  Grundsätzen,  die wir  a priori  annehmen, tunlich sein, indem man sie nämlich so einrichtet, daß dieselben Gegenstände  einerseits  als Gegenstände der Sinne und des Verstandes für die Erfahrung,  andererseits  aber doch als Gegenstände, die man bloß denkt, allenfalls für die isolierte und über die Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin von zwei verschiedenen Seiten betrachtet werden können. Findet es sich nun, daß, wenn man die Dinge aus jenem doppelten Gesichtspunkt betrachtet, eine Einstimmung mit dem Prinzip der reinen Vernunft stattfindet, bei einerlei Gesichtspunkt aber ein unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich selbst entspringt, so entscheidet das Experiment für die Richtigkeit jener Unterscheidung.
    3) Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der  Chemiker,  welches sie manchmal den Versuch der  Reduktion, im allgemeinen aber das synthetische Verfahren  nennen, viel Ähnliches. Die  Analysis  des  Metaphysikers  schied die reine Erkenntnis  a priori  in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich die der Dinge als Erscheinungen und dann der Dinge ansich. Die  Dialektik  verbindet beide wiederum zur  Einhelligkeit  mit der notwendigen Vernunftidee des  Unbedingten  und findet, daß diese Einhelligkeit niemals anders, als durch jene Unterscheidung herauskommt, welche also die wahre ist.
    4) So verschaffen die Zentralgesetze der Bewegungen der Himmelskörper dem, was KOPERNIKUS anfänglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte Gewißheit, und bewiesen zugleich die unsichtbare den Weltbau verbindende Kraft (von NEWTONs  Anziehung),  welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der erstere es nicht gewagt hätte, auf eine widersinnige aber doch wahre Art, die beobachteten Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede die in der  Kritik  vorgetragene, jener Hypothese analoge Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf, obgleich sie in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen von Raum und Zeit und den Elementarbegriffen des Verstandes nicht hypothetisch, sondern apodiktisch [logisch zwingend, demonstrierbar - wp] bewiesen wird, um nur die ersten Versuche einer solchen Umänderung, welche allemal hypothetisch sind, bemerkbar zu machen.
    5) Einen Gegenstand  erkennen,  dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit oder  a priori  durch Vernunft) beweisen kann. Aber  denken  kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht selbst widerspreche, d. h. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke ist, auch wenn ich nicht dafür stehen kann, ob im Inbegriff aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korrespondiert oder nicht. Um einen solchen Begriff aber objektive Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht in theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann auch in praktischen liegen.
    6) Eigentliche Vermehrung, aber doch nur in der Beweisart, könnte ich nur die nennen, die ich durch eine neue Widerlegung des psychologischen  Idealismus  und einen strengen (wie ich glaube auch einzig möglichen) Beweis von der objektiven Realität der äußeren Anschauung Seite 275 gemacht habe. Der Idealismus mag in Anbetracht der wesentlichen Zwecke der Metaphysikfür noch so unschuldig gehalten werden (was er in der Tat nicht ist), so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unseren inneren Sinn her haben) bloß auf  Glauben  annehmen zu müssen, und, wenn es jemand einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können. Weil sich in den Ausdrücken des Beweises von der dritten Zeile bis zur sechsten einige Dunkelheit findet, so bitte ich diese Periode umzuändern:  "Dieses Beharrliche aber kann nicht eine Anschauung in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe meines Daseins, die in mir angetroffen werden können, sind Vorstellungen und bedürfen als solche selbst ein von ihnen unterschiedenes Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben, mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden kann."  Man wird gegen diesen Beweis vermutlich sagen: ich bin mir doch nur dessen, was in mir ist, d. h. meiner  Vorstellung  äußerer Dinge unmittelbar bewußt; folglich bleibt es immer noch unausgemacht, ob etwas ihr Korrespondierendes außer mir ist oder nicht. Allein ich bin mir  meines Daseins in der Zeit  (folglich auch der Bestimmtbarkeit desselben in dieser) durch eine innere  Erfahrung  bewußt, und dieses ist mehr als bloß mir meiner Vorstellung bewußt zu sein, doch aber einerlei mit dem  empirischen Bewußtsein meines Daseins,  welches nur durch die Beziehung auf etwas, was mit meiner Existenzverbunden  außer mir ist,  bestimmbar ist. Dieses Bewußtseins meines Daseins in der Zeit ist also mit dem Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir identisch verbunden, und es ist also Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches das Äußere mit meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft; denn der äußere Sinn ist schon ansich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirkliches außer mir, und die Realität desselben, zum Unterschied von der Einbildung, beruth nur darauf, daß er mit der inneren Erfahrung selbst als die Bedingung der Möglichkeit derselben unzertrennlich verbunden wird, was hier geschieht. Wenn ich mit dem  intellektuellen Bewußtsein  meines Daseins in der Vorstellung  "Ich bin",  welche alle meine Urteile und Verstandeshandlungen begleitet, zugleich eine Bestimmung meines Daseins durch  intellektuelle Anschauung  verbinden könnte, so wäre zu derselben das Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir nicht notwendig gehörig. Da nun aber jenes intellektuelle Bewußtsein zwar vorangeht, aber die innere Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich und an eine Zeitbedingung gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin die innere Erfahrung selbst, von etwas Beharrlichem, welches in mir nicht ist, folglich nur in etwas außer mir, wogegen ich mich in Relation betrachten muß, abhängt: so ist die Realität des äußeren Sinnes mit der des inneren zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt notwendig verbunden, d. h. ich bin mir ebenso sicher bewußt, daß es Dinge außerhalb von mir gibt, die sich auf meinen Sinn beziehen, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst in der Zeit bestimmt existiere. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich Objekte außer mir korrespondieren, und die also zum äußeren  Sinn  gehören, welchem sie und nicht der Einbildungskraft zuzuschreiben sind, muß nach den Regeln, nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst innere) von Einbildung unterschieden wird, in jedem besonderen Fall ausgemacht werden, wobei der Satz, daß es wirklich äußere Erfahrung gibt, immer zugrunde liegt. Man kann hierzu noch die Anmerkung fügen: die Vorstellung von etwas  Beharrlichem  im Dasein ist nicht einerlei mit der  beharrlichen Vorstellung;  denn diese kann sehr wandelbar und wechselnd sein wie alle unsere und selbst die Vorstellung der Materie, und bezieht sich doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von allen meinen Vorstellungen unterschiedenes und äußeres Ding sein muß, dessen Existenz in der  Bestimmung  meines eigenen Daseins notwendig mit eingeschlossen wird und mit derselben nur eine einzige Erfahrung ausmacht, die nicht einmal innerlich stattfinden würde, wenn sie nicht (zum Teil) zugleich äußerlich wäre. Das "Wie" läßt sich hier ebensowenig weiter erklären, weil wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken, dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervorbringt.