tb-1H. HöffdingF. MauthnerD. I. SlobinWindelbandA. MesserS. Exner     
 
IMMANUEL KANT
Was heißt: Sich im Denken orientieren?

"Nehmt an, was Euch nach sorgfältiger und aufrichtiger Prüfung am glaubwürdigsten erscheint, es mögen nun Fakta, es mögen Vernunftgründe sein; nur streitet der Vernunft nicht das, was sie zum höchsten Gut auf Erden macht, nämlich das Vorrecht ab, der letzte Probierstein der Wahrheit zu sein. Widrigenfalls werdet Ihr, dieser Freiheit unwürdig, sie auch sicherlich einbüßen und dieses Unglück noch dazu dem übrigen, schuldlosen Teil über den Hals ziehen, der sonst wohl gesinnt gewesen wäre, sich seiner Freiheit  gesetzmäßig;  und dadurch auch zweckmäßig zum Weltbesten zu bedienen!"

Wir mögen unsere Begriffe noch so hoch anlegen und dabei noch so sehr von der Sinnlichkeit abstrahieren, so hängen ihnen doch noch immer  bildliche;  Vorstellungen an, deren eigentliche Bestimmung es ist, sie, die sonst nicht von der Erfahrung abgeleitet sind, zum  Erfahrungsgebrauch;  tauglich zu machen. Denn wie wollten wir auch unseren Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn ihnen nicht irgendeine Anschauung (weclhe zuletzt immer ein Beispiel aus irgendeiner möglichen Erfahrung sein muß) untergelegt würde? Wenn wir hernach von dieser konkreten Verstandeshandlung die Beimischung des *Bildes, zuerst der zufälligen *Wahrnehmung durch Sinne, dann sogar die reine sinnliche Anschauung überhaupt weglassen: so bleibt jener reine Verstandesbegriff übrig, dessen Umfang nun erweitert ist und eine Regel des Denkens überhaupt enthält. Auf solche Weise ist selbst die allgemeine Logik zustande gekommen; und manche  heuristische;  Methode zu denken liegt im Erfahrungsgebrauch unseres Verstandes und der Vernunft vielleicht noch verborgen, welche, wenn wir sie behutsam aus jener Erfahrung herauszuziehen verständen, die Philosophie wohl mit mancher nützlichen Maxime selbst im abstrakten Denken bereichern könnte.

Von dieser Art ist der Grundsatz, zu dem sich der selige *MENDELSSOHN, so viel ich weiß, nur in seinen letzten Schriften (den  Morgenstunden,;  Seite 164-65 und dem Brief an  Lessings Freunde,;  Seite 33 und 67) ausdrücklich bekannte; nämlich die Maxime der Notwendigkeit, im spekulativen Gebrauch der Vernunft (welchem er sonst in Anbetracht der Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände sehr viel, sogar bis zur Evidenz der Demonstration, zutraute) durch ein gewisses Leistungsmittel, welches er bald den  Gemeinsinn;  (Morgenstunden), bald die  gesunde Vernung,;  bald den  schlichten Menschenverstand;  (an Lessings Freunde) nannte, sich zu  orientieren.;  Wer hätte denken sollen, daß dieses Geständnis nicht allein seiner vorteilhaften Meinung von der Macht des  spekulativen;  Vernunftgebrauchs in Sachen der Theologie so verderblich werden sollte (was in der Tat unvermeidlich war); sondern daß selbst die gemeine gesunde Vernunft bei der Zweideutigkeit, worin er die Ausübung dieses Vermögens im Gegensatz mit der Spekulation ließ, in Gefahr geraten würde, zum Grundsatz der Schwärmerei und der gänzlichen Entthronung der Vernunft zu dienen? Und doch geschah diese in der MENDELSSOHN- und JACOBIschen Streitigkeit vornehmlich durch die nicht unbedeutenden Schlüsse des scharfsinnigen Verfassers der  Resultate (1); wiewohl ich keinem von beiden die Absicht, eine so verderbliche Denkungsart in Gang zu bringen, beilegen will, sondern des letzteren Unternehmung lieber als  argumentum ad hominem;  [persönlicher Grund - wp] ansehe, dessen man sich zur bloßen Gegenwehr zu bedienen wohl berechtigt ist, um die Blöße, die der Gegner gibt, zu dessen Nachteil zu benutzen. Andererseits werde ich zeigen: daß es in der Tat  bloß;  die Vernunft, nicht ein vorgeblicher geheimer Wahrheitssinn, keine überschwengliche Anschauung unter dem Namen des Glaubens, worauf Tradition oder Offenbarung ohne Einstimmung der Vernunft gepropft werden kann, sondern, wie MENDELSSOHN standhaft und mit gerechtem Eifer behauptete, bloß die eigentliche reine Menschenvernunft ist, wodurch er es nötig fand und anpries, sich zu orientieren; obwohl freilich hierbei der hohe Anspruch des spekulativen Vermögens derselben, vornehmlich ihr allein gebietendes Ansehen (durch Demonstration) wegfallen und ihr, so fern sie spekulativ ist, nichts weiter als das Geschäft der Reinigung des gemeinen *Vernunftbegriffs von Widersprüchen und die Verteidigung gegen ihre  eigenen;  sophistischen Angriffe auf die Maximen einer gesunden Vernunft übrig gelassen werden muß. - Der erweiterte und genauer bestimmte Begriff des  Sichorientierens;  kann uns behilflich sein, die Maxime der gesunden Vernunft in ihren Bearbeitungen zur Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände deutlich darzustellen.

Sich  orientieren;  heißt in der eigentlichen Bedeutung des Wortes: aus einer gegebenen Weltgegend (in deren vier wir den Horizont einteilen) die übrigen, namentlich den  Aufgang;  zu finden. Sehe ich nun die Sonne am Himmel und weiß, daß es nun die Mittagszeit ist, so weiß ich Süden, Westen, Norden und Osten zu finden. Zu diesem Zweck bedarf ich aber durchaus das Gefühl eines Unterschiedes an meinem eigenen  Subjekt,;  nämlich der rechten und linken Hand. Ich nenne es ein  *Gefühl:;  weil diese zwei Seiten äußerlich in der Anschauung keinen merklichen Unterschied zeigen. Ohne dieses Vermögen: in der Beschreibung eines Zirkels, ohne an ihm irgendeine Verschiedenheit der Gegenstände zu bedürfen, doch die Bewegung von der Linken zur Rechten von der in entgegengesetzter Richtung zu unterscheiden und dadurch eine Verschiedenheit in der Lage der Gegenstände  a priori;  zu bestimmen, würde ich nicht wissen, ob ich den Westen dem Südpunkt des Horizonts zur Rechten oder zur Linken setzen und so den Kreis durch Norden und Osten bis wieder zum Süden vollenden sollte. Also orientiere ich mich  geographisch;  bei allen objektiven Datis am Himmel doch nur durch einen  subjektiven;  Unterscheidungsgrund; und wenn ich in einem Tag durch eine Wunder alle Sternbilder zwar übrigens dieselbe Gestalt und eben dieselbe Stellung gegeneinander behielten, nur daß die Richtung derselben, die sonst östlich war, jetzt westlich geworden wäre, so würde in der nächsten sternhellen Nacht zwar kein menschliches Auge die geringste Veränerung bemerken, und selbst der Astronom, wenn er bloß auf das, was er sieht, und nicht zugleich, was er fühlt, acht gäbe, würde sich unvermeidlich  desorientieren.;  So aber kommt ihm ganz natürlich das zwar durch die Natur angelegte, aber durch öftere Ausübung gewohnte Unterscheidungsvermögen durch das Gefühl der rechten und linken Hand zu Hilfe; und er wird, wenn er nur den Polarstern ins Auge nimmt, nicht allein die vorgegangene Veränderung bemerken, sondern sich auch ungeachtet derselben  orientieren;  können.

Diesen geographischen Begriff des Verfahrens sich zu orientieren kann ich nun erweitern und darunter verstehen: sich in einem gegebenen Raum überhaupt, mithin bloß  mathematisch;  orientieren. Im Finstern orientiere ich mich in einem mir bekannten Zimmer, wenn ich nur einen einzigen Gegenstand, dessen Stelle ich im Gedächtnis habe, anfassen kann. Aber hier hilft mir offenbar nichts als das Bestimmungsvermögen der Lagen nach einem  subjektiven;  Unterscheidungsgrund: denn die Objekte, deren Stelle ich finden soll, sehe ich gar nicht; und hätte jemand mir zum Spaß alle Gegenstände zwar in derselben Ordnung untereinander, aber links gesetzt, was vorher rechts war, so würde ich mich in einem Zimmer, wo sonst alle Wände ganz gleich wären, gar nicht finden können. So aber orientiere ich mich bald durch das bloße Gefühl eines Unterschiedes meiner zwei Seiten, der rechten und der linken. Eben das geschieht, wenn ich zur Nachtzeit auf mir sonst bekannten Straßen, in denen ich jetzt kein Haus unterscheide, gehen und mich gehörig wenden soll.

Schließlich kann ich diesen Begrif noch mehr erweitern, da er dann in dem Vermögen bestände, sich nicht bloß im Raum, d. h. mathematisch, sondern überhaupt  im *Denken, d. h. logisch,;  zu orientieren. Man kann nach der Analogie leicht erraten, daß dies ein Geschäft der reinen Vernunft sein wird, ihren Gebrauch zu lenken, wenn sie, von bekannten Gegenständen (der *Erfahrung) ausgehend, sich über alle Grenzen der Erfahrung erweitern will und ganz und gar kein Objekt der *Anschauung, sondern bloß Raum für dieselbe findet; da sie alsdann gar nicht mehr imstande ist, nach *objektiven Gründen der Erkenntnis, sondern lediglich nach einem subjektiven Unterscheidungsgrund in der Bestimmung ihres eigenen Urteilsvermögens ihre Urteile unter eine bestimmte Maxime zu bringen (2). Dieses subjektive Mittel, das alsdann noch übrig bleibt, ist kein anderes, als das Gefühl des der Vernunft eigenen Bedürfnisses. Man kann vor allem Irrtum gesichert bleiben, wenn man sich da nicht unterfängt zu urteilen, wo man nicht so viel weiß, als zu einem bestimmenden Urteil erforderlich ist. Also ist Unwissenheit ansich die Ursache zwar der Schranken, aber nicht der Irrtümer in unserer *Erkenntnis. Aber wo es nicht so willkürlich ist, ob man über etwas bestimmt urteilen will oder nicht, wo ein wirkliches  *Bedürfnis;  und wohl gar ein solches, welches der Vernunft ansich anhängt, das Urteilen notwendig macht, und gleichwohl einen Mangel des Wissens in Anbetracht der zu einem Urteil erforderlichen Stücke uns einschränkt: da ist eine Maxime nötig, wonach wir unser Urteil fällen; denn die Vernunft will einmal befriedigt sein. Wenn dann vorher schon ausgemacht ist, daß es hier keine Anschauung vom Objekt, nicht einmal etwas mit diesem Gleichartiges geben kann, wodurch wir unseren erweiterten Begriffen den ihnen angemessenen Gegenstand darstellen und diese also ihrer realen Möglichkeit wegen sichern könnten: so wird für uns nichts weiter zu tun übrig sein, als zuerst den Begriff, mit welchem wir uns über alle mögliche Erfahrung hinaus wagen wollen, wohl zu prüfen, ob er auch von Widersprüchen frei ist; und dann zumindest das  Verhältnis;  des Gegenstandes zu den Gegenständen der Erfahrung unter reine Verstandesbegriffe zu bringen, wodurch wir ihn noch gar nicht versinnlichen, aber doch etwas Übersinnliches zumindest tauglich zum Erfahrungsgebrauch unserer Vernunft denken; denn ohne diese Vorsicht würden wir von einem solchen Begriff gar keinen Gebrauch machen können, sondern schwärmen, anstatt zu denken.

Allein hierdurch, nämlich durch den bloßen Begriff, ist doch noch nichts in Anbetracht der Existenz dieses *Gegenstandes und der wirklichen Verknüpfung desselben mit der Welt (dem Inbegriff aller Gegenstände möglicher Erfahrung) ausgerichtet. Nun aber tritt das  Recht des *Bedürfnisses;  der Vernunft ein, als eines subjektiven Grundes etwas vorauszusetzen und *anzunehmen, was sie durch *objektive Gründe zu wissen sich nicht anmaßen darf; und folglich sich im Denken, im unermeßliche und für uns mit dicker Nacht erfüllten Raum des übersinnlichen, lediglich durch ihr eigenes Bedürfnis zu  orientieren.; 

Es läßt sich manches Übersinnliche denken (denn Gegenstände der Sinne füllen doch nicht das ganze Feld aller Möglichkeit aus), wo die Vernunft gleichwohl kein Bedürfnis fühlt, sich bis zu demselben zu erweitern, viel weniger dessen Dasein anzunehmen. Die Vernunft findet an Ursachen in der Welt, welche sich den Sinnen offenbaren (oder zumindest von derselben Art sind, als die, so sich ihnen offenbaren), Beschäftigung genug, um nicht den Einfluß reiner geistiger Naturwesen zu der Zweck nötig zu haben, deren Annahme vielmehr ihrem Gebrauch nachteilig sein würde. Denn da wir von den Gesetzen, nach welchen solche Wesen wirken mögen, nichts, von jenen aber, nämlich den Gegenständen der Sinne, vieles wissen, zumindest noch zu erfahren hoffen können: so würde durch eine solche Voraussetzung dem Gebrauch der Vernunft vielmehr Abbruch geschehen. Es ist also gar kein Bedürfnis, es ist vielmehr bloßer Vorwitz, der auf nichts als Träumerei hinausläuf, danach zu forschen oder mit Hirngespinsten der Art zu spielen. Ganz anders ist es mit dem Begriff von einem ersten  Urwesen,;  als oberster Intelligenz und zugleich als dem höchsten Gut, bewandt. Denn nicht allein, daß unsere Vernunft schon ein Bedürfnis fühlt, den  Begriff;  des Uneingeschränkten dem Begriff alles Eingeschränkten, mithin aller anderen Dinge (3) zum Grund zu legen; so geht dieses Bedürfnis auch auf die Voraussetzung des  Daseins;  desselben, ohne welche sie sich von der Zufälligkeit der Existenz der Dinge in der Welt, am wenigsten aber von der Zweckmäßigkeit und Ordnung, die man in so bewunderungswürdigem Grad (im Kleinen, weil es uns nahe ist, noch mehr wie im Großen) allenthalben antrifft, gar keinen befriedigenden Grund angeben kann. Ohne einen verständigen Urheber anzunehmen, läßt sich, ohne in lauter Ungereimtheiten zu verfallen, zumindest  kein verständlicher;  Grund davon angeben; und obgleich wir die Unmöglichkeit einer solchen Zweckmäßigkeit ohne eine erste  verständige Ursache;  nicht  beweisen;  können (denn dann hätten wir hinreichende objektive Gründe dieser Behauptung und bedürften es nicht, uns auf den subjektiven zu berufen): so bleibt bei diesem Mangel der Einsicht doch ein genugsamer subjektiver Grund der  Annahme;  derselben darin, daß die Vernunft es  bedarf:;  etwas, was ihr verständlich ist, vorauszusetzen, um diese *gegebene Erscheinung daraus zu erklären, da alles, womit sie sonst nur einen Begriff verbinden kann, diesem Bedürfnis nicht abhilft.

Man kann aber das Bedürfnis der Vernunft als zweifach ansehen:  erstens;  in ihrem  theoretischen, zweitens;  in ihrem  praktischen;  Gebrauch. Das erste Bedürfnis habe ich eben angeführt; aber man sieht wohl, daß es nur bedingt ist, d. h. wir müssen die Existenz Gottes annehmen, wenn wir über die ersten Ursachen alles Zufälligen vornehmlich in der Ordnung der wirklich in der Welt gelegten Zwecke  urteilen wollen.;  Weit wichtiger ist das Bedürfnis der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauch, weil es unbedingt ist, und wir die Existenz Gottes vorauszusetzen dann nicht bloß genötigt werden, wenn wir urteilen  wollen,;  sondern weil wir  urteilen müssen.;  Denn der reine praktische Gebrauch der Vernunft besteht in der Vorschrift der moralischen Gesetze. Sie führen aber alle auf die Idee des  höchsten Gutes,;  was in der Welt möglich ist, sofern es allein durch  Freiheit;  möglich ist: die  Sittlichkeit;;  von der anderen Seite auch auf das, was nicht bloß auf menschliche Freiheit, sondern auch auf die  Natur;  ankommt, nämlich auf die größte  *Glückseligkeit,;  sofern sie in Proportionen der ersten ausgeteilt ist. Nun  bedarf;  die Vernunft, ein solches  abhängiges;  höchstes Gut und zum Zweck desselben eine oberste Intelligenz als höchstes  unabhängiges;  Gut anzunehmen: zwar nicht um davon das verbindende Ansehen der moralischen Gesetze, oder die Triebfeder zu ihrer Beobachtung abzuleiten (denn sie würden keinen moralischen Wert haben, wenn ihr Beweggrund von etwas anderem, als vom Gesetz allein, das für sich apodiktisch [logisch zwingend, demonstrierbar - wp] gewiß ist, abgeleitet würde); sondern nur um dem Begriff vom höchsten Gut eine objektive Realität zu geben, d. h. zu verhindern, daß es mitsamt der ganzen Sittlichkeit nicht bloß für ein bloßes Ideal gehalten wird, wenn dasjenige nirgendwo existiert, dessen Idee die Moralität unzertrennlich begleitet.

Es ist also nicht  Erkenntnis,;  sondern gefühltes (4)  Bedürfnis;  der Vernunft, wodurch sich MENDELSSOHN (ohne sein Wissen) im spekulativen Denken orientierte. Und da dieses Leitungsmittel nicht ein objektives Prinzip (d. h. eine Maxime) des ihr durch ihre Schranken allein erlaubten Gebrauchs, ein Folgesatz des Bedürfnisses, ist und  für sich allein;  den ganzen Bestimmungsgrund unseres Urteils über das Dasein des höchsten Wesens ausmacht, von dem es nur ein zufälliger Gebrauch ist sich in den spekulativen Versuchen über denselben Gegenstand zu orientieren: so fehlte er hierin allerdings, daß er dieser Spekulation dennoch so viel Vermögen zutraute, für sich allein auf dem Weg der Demonstration alles auszurichten. Die Notwendigkeit des ersteren Mittels konnte nur stattfinden, wenn die Unzulänglichkeit des letzteren völlig zugestanden war: ein Geständnis, zu welchem ihn seine Scharfsinnigkeit doch zuletzt würde gebracht haben, wenn mit einer längeren Lebensdauer ihm auch die den Jugendjahren mehr eigene Gewandtheit des Geistes, alte, gewohnte Denkungsart nach Veränderung des Zustandes der Wissenschaften leicht umzuändern, wäre vergönnt gewesen. Indessen bleibt ihm doch das Verdienst, daß er darauf bestand: den letzten Probierstein der Zulässigkeit eines Urteils hier wie allerwärts nirgend, als  allein in der Vernunft;  zu suchen, sie mochte nun durch Einsicht oder bloßes Bedürfnis und die Maxime ihrer eigenen Zuträglichkeit in der Wahl ihrer Sätze geleitet werden. Er nannte die Vernunft in ihrem letzteren Gebrauch die gemeine Menschenvernunft; denn dieser ist ihr eigenes Interesse jederzeit zuerst vor Augen, man muß jedoch aus dem natürlichen Geleis schon herausgetreten sein, um jenes zu vergessen und müßig unter Begriffen in objektiver Rücksicht zu spähen, um bloß sein Wissen, es mag nötig sein oder nicht, zu erweitern.

Da aber der Ausdruck:  Ausspruch der gesunden Vernunft;  in der vorliegenden Frage immer noch zweideutig ist und entweder, wie ihn selbst MENDELSSOHN mißverstand, für ein Urteil aus  Vernunfteinsicht,;  oder, wie ihn der Verfasser der Resultate zu nehmen scheint, ein Urteil aus  Vernunfteingebung;  genommen werden kann: so wird nötig sein, dieser Quelle der Beurteilung eine andere Benennung zu geben, und keine ist ihr angewiesener, als die eines  Vernunftglaubens.;  Ein jeder Glaube, selbst der historische muß zwar  vernünftig;  sein (denn der letzte Probierstein der Wahrheit ist immer die Vernunft); allein ein Vernunftglaube ist der, welcher sich auf keine anderen Data gründet als die, die in der  reinen;  Vernunft enthalten sind. Aller  *Glaube;  ist nun ein subjektiv zureichendes, objektiv aber  mit Bewußtsein;  unzureichendes Fürwahrhalten; also wird der dem  *Wissen;  entgegengesetzt. Andererseits, wenn aus objektiven, obwohl mit Bewußtsein unzureichenden, Gründen etwas für wahr gehalten, mithin bloß  gemeint;  wird: so kann dieses  Meinen;  doch durch eine allmähliche Ergänzung in derselben Art von Gründen schließlich ein *Wissen werden. Dagegen wenn die Gründe des Fürwahrhaltens ihrer Art nach gar nicht objektiv gültig sind, so kann der Glaube durch keinen Gebrauch der Vernunft jemals ein Wissen werden. Der historische Glaube z. B. vom Tod eines großen Mannes, den einige Briefe berichten,  kann ein Wissen werden,;  wenn die Obrigkeit des Orts denselben, sein Begräbnis, Testament usw. meldet. Daß daher etwas historisch bloß auf Zeugnisse für wahr gehalten, d. h. geglaubt wird, z. B. daß eine Stadt Rom in der Welt ist, und doch derjenige, der niemals da gewesen ist, sagen kann:  ich weiß,;  und nicht bloß:  ich glaube,;  es existiert ein Rom, das steht ganz wohl beisammen. Dagegen kann der reine  Vernunftglaube;  durch alle natürlichen Data der Vernunft und Erfahrung niemals in ein  Wissen;  verwandelt werden, weil der Grund des Führwahrhaltens hier bloß subjektiv, nämlich ein notwendiges Bedürfnis der Vernunft, ist (und, solange wir Menschen sind, immer bleiben wird), das Dasein eines höchsten Wesens nur  vorauszusetzen,;  nicht zu demonstrieren. Dieses Bedürfnis der Vernunft zu ihrem sie befriedigenden  theoretischen;  Gebrauch würde nichts anderes als eine reine  Vernunfthypothese;  sein, d. h. eine Meinung, die aus subjektiven Gründen zum Fürwahrhalten zureichend wäre: darum, weil man gegebene  Wirkungen zu erklären;  niemals einen anderen als diesen Grund erwarten kann, und die Vernunft doch eines Erklärungsgrundes bedarf. Dagegen der  Vernunftglaube,;  der auf dem Bedürfnis ihres Gebrauchs in  praktischer;  Absicht beruth, ein  Postulat;  der Vernunft heißen könnte: nicht als ob es eine Einsicht wäre, welche aller logischen Forderung zur Gewißheit Genüge täte, sondern weil dieses Fürwahrhalten (wenn im Menschen alles nur moralisch gut bestellt ist) dem Grad nach keinem Wissen nachsteht (5), obgleich es der Art nach davon völlig unterschieden ist.

Ein reiner Vernunftglaube ist also der Wegweise oder Kompaß, wodurch der spekulative Denker sich auf seinen Vernunftstreifereien im Feld übersinnlicher Gegenstände orientieren, der Mensch von gemeiner, doch (moralisch) gesunder Vernunft aber seinen Weg sowohl in theoretischer wie auch in praktischer Absicht dem ganzen Zweck seiner Bestimmung völlig angemessen vorzeichnen kann; und dieser Vernunftglaube ist es auch, der jedem anderen Glauben, ja jeder Offenbarung zugrunde gelegt werden muß.

Der  Begriff;  von Gott und selbst die Überzeugung von seinem  Dasein;  kann nur allein der Vernunft angetroffen werden, von ihr allein ausgehen und weder durch eine Umgebung, noch durch eine erteilte Nachricht von noch so großer Autorität zuerst in uns kommen. Widerfährt mir eine unmittelbare Anschauung von einer solchen Art, als sie mir die Natur, so weit ich sie kenne, gar nicht liefern kann: so muß doch ein Begriff von Gott zur Richtschnur dienen, ob diese Erscheinung auch mit all dem übereinstimmt, was zum Charakteristischen einer Gottheit erforderlich ist. Obgleich ich nun gar nicht einsehe, wie es möglich ist, daß irgendeine Erscheinung dasjenige auch nur der Qualität nach darstellt, was sich immer nur denken, niemals aber *anschauen läßt: so ist doch zumindest so viel klar, daß, um nur zu urteilen, ob das Gott ist, was mir erscheint, was auf mein Gefühl innerlich oder äußerlich wirkt, ich ihn an meinen Vernunftbegriff von *Gott halten und danach prüfen muß, nicht ob er diesem adäquat ist, sondern bloß ob er ihm nicht widerspricht. Ebenso: wenn auch bei allem, wodurch er sich mir unmittelbar entdeckt, nichts angetroffen wird, was jenem Begriff widerspricht: so würde dennoch diese Erscheinung, Anschauung, unmittelbare Offenbarung oder wie man sonst eine solche Darstellung nennen will, das Dasein eines Wesens niemals beweisen, dessen Begriff (wenn er nicht unsicher bestimmt und daher der Beimischung alles möglichen *Wahnes unterworfen werden soll)  Unendlichkeit;  der Größe nach zur Unterscheidung von allem Geschöpf fordert, welchem Begriff aber gar keine Erfahrung oder Anschauung adäquat sein, mithin auch niemals das Dasein eines solchen Wesens unzweideutig beweisen kann. Vom Dasein des höchsten Wesens kann also niemand durch irgendeine Anschauung  zuerst;  überzeugt werden; der Vernunftglaube muß vorhergehen, und alsdann könnten allenfalls gewisse Erscheinungen oder Eröffnungen Anlaß zur Untersuchung geben, ob wir das, was zu uns spricht oder sich uns darstellt, wohl befugt sind *für eine Gottheit zu halten*, und nach Befinden jenen *Glauben bestätigen.

Wenn also der Vernunft in Sachen, welche übersinnliche Gegenstände betreffen, als das Dasein Gottes und die künftige Welt, das ihr zustehende Recht  zuerst;  zu sprechen bestritten wird: so ist aller Schwärmerei, Aberglauben, ja selbst der Atheisterei eine weite Pforte geöffnet. Und doch scheint in der JACOBIschen und MENDELSSOHNschen Streitigkeit alles auf diesen Umsturz, ich weiß nicht reht, ob bloß der  Vernunfteinsicht;  und des Wissens (durch vermeintliche Stärke in der Spekulation), oder auch sogar des  Vernunftglaubens,;  und dagegen auf die Errichtung eines anderen Glaubens, den sich ein jeder nach seinem Belieben machen kann, angelegt. Man sollte beinahe auf das letztere schließen, wenn man den  spinozistischen;  Begriff von Gott als den einzigen mit allen Grundsätzen der Vernunft stimmigen (6) und dennoch verwerflichen Begriff aufgestellt sieht. Denn ob es sich gleich mit dem Vernunftglauben ganz wohl verträgt, einzuräumen: daß eine spekulative Vernunft selbst nicht einmal die  Möglichkeit;  eines Wesens, wie wir uns Gott denken müssen, einzusehen imstande ist: so kann es doch mit gar keinem Glauben und überall mit keinem Fürwahrhalten eines Daseins zusammen bestehen, daß Vernunft gar die  Unmöglichkeit;  eines Gegenstandes einsehen und dennoch aus anderen Quellen die Wirklichkeit desselben erkennen könnte.

Männer von Geistesfähigkeiten und von erweiterten Gesinnungen! Ich verehre Eure Talente und liebe Euer Menschengefühl. Aber habt Ihr auch wohl überlegt, was Ihr tut, und wo es mit Euren Angriffen auf die Vernunft hinaus will? Ohne Zweifel wollt Ihr, daß die  Freiheit zu denken;  ungekränkt erhalten wird; denn ohne diese würde es selbst mit Euren freien Schwüngen des Genies bald ein Ende haben. Wir wollen sehen, was aus dieser Denkfreiheit natürlicherweise werden müßte, wenn ein solches Verfahren, als Ihr beginnt, überhand nimmt.

Der Freiheit zu denken ist erstens der  bürgerliche Zwang;  entgegengesetzt. Zwar sagt man: die Freiheit zu  sprechen;  oder zu  schreiben;  kann uns zwar durch obere Gewalt, aber die Freiheit zu  denken;  durch sie gar nicht genommen werden. Allein wieviel und mit welcher Richtigkeit würden wir wohl  denken,;  wenn wir nicht gleichsam in Gemeinschaft mit anderen, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken  mitteilen,;  dächten! Also kann man wohl sagen, daß diejenige äußere Gewalt, welche die Freiheit, seine Gedanken öffentlich  mitzuteilen,;  den Menschen entreißt, ihnen auch die Freiheit zu  denken;  nimmt: das einzige Kleinod, das uns bei allen bürgerlichen Lasten noch übrig bleibt, und wodurch allein gegen alle Übel dieses Zustandes noch Rat geschafft werden kann.

Zweitens;  wird die Freiheit zu denken auch in der Bedeutung genommen, daß ihr der * Gewissenszwang;  entgegengesetzt ist; wo ohne alle äußere Gewalt in Sachen der Religion sich Bürger über andere zu Vormündern aufwerfen und statt Argument durch vorgeschriebene, mit ängstlicher Furcht vor der  Gefahr; einer eigenen Untersuchung  begleitete Glaubensformeln alle Prüfung der Vernunft durch frühen Eindruck auf die Gemüter zu verbannen wissen.

Drittens;  bedeutet auch Freiheit im Denken die Unterwerfung der Vernunft unter keine anderen Gesetze als:  die sie sich selbst gibt;;  und ihr Gegenteil ist die Maxime eines  gesetzlosen Gebrauchs;  der Vernunft (um dadurch, wie das Genie wähnt, weiter zu sehen, als unter der Einschränkung durch Gesetze). Die Folge davon ist natürlicherweise diese: daß, wenn die Vernunft dem Gesetz nicht unterworfen sein will, das sie sich selbst gibt, sie sich unter das Joch der *Gesetze beugen muß, die ihr ein anderer gibt; denn ohne irgendein Gesetz kann gar nichts, selbst nicht der größte Unsinn sein Spiel lange treiben. Also ist die unvermeidliche Folge der  erklärten;  Gesetzlosigkeit im Denken (einer Befreiung von den Einschränkungen durch die Vernunft) diese: daß die Freiheit zu denken zuletzt dadurch eingebüßt und, weil nicht etwa ein Unglück, sondern wahrer Übermut daran schuld ist, im eigentlichen Sinn des Wortes  verscherzt;  wird.

Der Gang der Dinge ist ungefähr dieser. Zuerst gefällt sich das  Genie;  sehr in seinem kühnen Schwung, da es den Faden, woran es sonst die Vernunft lenkte, abgestreift hat. Es bezaubert bald auch Andere durch *Machtsprüche und große Erwartungen und scheint sich selbst nunmehr auf einen Thron gesetzt zu haben, den eine langsame, schwerfällige Vernunft so schlecht zierte; wobei es gleichwohl immer die Sprache derselben führt. Die alsdann angenommene Maxime der Ungültigkeit einer zu oberst gesetzgebenden Vernunft nennen wir gemeine Menschen Schwärmerei; jene Günstlinge der gütigen Natur aber  Erleuchtung.;  Weil indessen bald eine Sprachverwirrung unter diesen selbst entspringen muß, indem, da Vernunft allein für jedermann gültig gebieten kann, jetzt jeder seiner Eingebung folgt: so müssen zuletzt aus inneren Eingebungen durch äußere Zeugnisse bewährte Fakta, aus Traditionen, die anfänglich selbst gewählt waren, mit der Zeit  aufgedrungene;  Urkunden, mit einem Wort die gänzliche Unterwerfung der Vernunft unter Fakta, d. h. der  Aberglaube,;  entspringen, weil dieser sich doch wenigstens in eine  gesetzliche;  Form und dadurch in einen Ruhestand bringen läßt.

Weil gleichwohl die menschliche Vernunft immer noch nach Freiheit strebt: so muß, wenn sie einmal die Fesseln zerbricht, ihr erster Gebrauch einer lange entwöhnten Freiheit in Mißbrauch und ein vermessenes Zutrauen auf Unabhängigkeit ihres Vermögens von aller Einschränkung ausarten, in eine Überredung von der Alleinherrschaft der spekulativen Vernunft, die nichts annimmt, als was sich durch * objektive;  Gründe und eine dogmatische Überzeugung rechtfertigen kann, alles übrige aber kühn wegleugnet. Die Maxime der Unabhängigkeit der Vernunft von ihrem  eigenen Bedürfnis;  (Verzicht auf einen Vernunftglauben) heißt nun  Unglaube:;  nicht ein historischer; denn den kann man sich gar nicht als vorsetzlich, mithin auch nicht als zurechnungsfähig denken (weil jeder einem Faktum, welches nur hinreichend bewährt ist, ebensogut als einer mathematischen Demonstration glauben muß, er mag wollen oder nicht); sondern eine  Vernunftglaube,;  ein mißlicher Zustand des menschlichen Gemüts, der den moralischen Gesetzen zuerst alle Kraft der Triebfedern auf das Herz, mit der Zeit sogar ihnen selbst alle *Autorität benimmt und die Denkungsart veranlaßt, die man  Freigeisterei;  nennt, d. h. den Grundsatz, gar keine *Pflicht mehr zu erkennen. Hier mengt sich nun die Obrigkeit ins Spiel, damit nicht selbst bürgerliche Angelegenheiten in die größte Unordnung komen; und da das behendeste und doch nachdrücklichste Mittel ihr gerade das Beste ist, so hebt sie die Freiheit zu denken gar auf und unterwirft dieses gleich anderen Gewerben den Landesverordnungen. Und so zerstört die Freiheit im *Denken, wenn sie sogar unabhängig von Gesetzen der Vernunft verfahren will, schließlich sich selbst.

Freunde des Menschengeschlechts und dessen, was ihm am heiligsten ist! Nehmt an, was Euch nach sorgfältiger und aufrichtiger Prüfung am glaubwürdigsten erscheint, es mögen nun Fakta, es mögen Vernunftgründe sein; nur streitet der Vernunft nicht das, was sie zum höchsten Gut auf Erden macht, nämlich das Vorrecht ab, der letzte Probierstein der Wahrheit (7) zu sein. Widrigenfalls werdet Ihr, dieser Freiheit unwürdig, sie auch sicherlich einbüßen und dieses Unglück noch dazu dem übrigen, schuldlosen Teil über den Hals ziehen, der sonst wohl gesinnt gewesen wäre, sich seiner Freiheit  gesetzmäßig;  und dadurch auch zweckmäßig zum Weltbesten zu bedienen!

LITERATUR: Immanuel Kant, Werke, Bd. VIII, Abhandlungen nach 1781, Berlin und Leipzig 1923
    Anmerkungen
    1) F. H. JACOBI, Briefe über die Lehre des Spinoza, Breslau 1785. - JACOBI gegen MENDELSSOHNs Beschuldigung betreffend die Briefe über die Lehre des Spinoza, Leipzig 1786. - Die  Resultat;  der Jacobischen und Mendelssohnschen Philosophie, kritisch untersucht von einem Freiwilligen, ebd.
    2) Sich im *Denken überhaupt  orientieren,;  heißt also: sich bei der Unzulänglichkeit der objektiven Prinzipien der Vernunft im Fürwahrhalten nach einem subjektiven Prinzip derselben bestimmen.
    3) Da die Vernunft zur Möglichkeit aller Dinge *Realität als *gegeben vorauszusetzen bedarf und die Verschiedenheit der Dinge durch ihnen anhängende Negationen nur als Schranken betrachtet: so sieht sie sich genötigt, eine einzige Möglichkeit, nämlich des des uneingeschränkten Wesens, als ursprünglich zum Grund zu legen, alle anderen aber als abgeleitet zu betrachten. Da auch die durchgängige Möglichkeit eines jeden Dings durchaus im Ganzen aller Existenz angetroffen werden muß, zumindest der Grundsatz der durchgängigen Bestimmung die Unterscheidung des Möglichen vom Wirklichen unserer Vernunft nur auf solche Art möglich macht: so finden wir einen subjektiven Grund der Notwendigkeit, d. h. ein Bedürfnis unserer Vernunft selbst, aller Möglichkeit das Dasein eines allerrealsten (höchsten) Wesens zum Grund zu legen. So entspringt nun der  Cartesianische;  Beweis vom Dasein Gottes indem subjektive Gründe etwas für den Gebrauch der Vernunft (der im Grunde immer nur ein Erfahrungsgebrauch bleibt) vorauszusetzen für objektiv - mithin  Bedürfnis für Einsicht - gehalten werden. So ist es mit diesem, so ist es mit allen Beweisen des würdigen MENDELSSOHN in seinen  Morgenstunden;  bewandt. Sie leisten nichts zum Zweck einer Demonstration. Darum sind sie aber keineswegs unnütz. Denn nicht zu erwähnen, welchen schönen Anlaß diese überaus scharfsinnigen Entwicklungen der subjektiven Bedingungen des Gebrauchs unserer Vernunft zur vollständigen Erkenntnis dieses unseres Vermögens geben, als zu welchem Zweck sie bleibende Beispiele sind: so ist das Fürwahrhalten aus subjektiven Gründen des Gebrauchs der Vernunft, wenn uns objektive mangeln und wir dennoch zu urteilen genötigt sind, immer noch von großer Wichtigkeit; nur müssen wir das, was nur abgenötigte  Voraussetzung;  ist, nicht für  freie Einsicht;  ausgeben, um dem Gegner, mit dem wir uns aufs  Dogmatisieren;  eingelassen haben, nicht ohne Not Schwächen darzubieten, deren er sich zu unserem Nachteil bedienen kann. MENDELSSOHN dachte wohl nicht daran, daß das  Dogmatisieren;  mit der reinen Vernunft im Feld des Übersinnlichen der gerade Weg zur philosophischen Schwärmerei ist, und daß nur Kritik eben desselben Vernunftvermögens diesem Übel gründlich abhelfen kann. Zwar kann die Disziplin der scholastischen Methode (der  Wolffischen;  z. B., die er darum auch anriet), da alle Begriffe durch *Definitionen bestimmt und alle Schritte durch Grundsätze gerechtfertigt werden müssen, diesen Unfug wirklich eine Zeit lang hemmen, aber keineswegs gänzlich abhalten. Denn mit welchem Recht will man der Vernunft, der es einmal in jenem Feld seinem eigenen Geständnis nach so wohl gelungen ist, verwehren, in eben demselben noch weiter zu gehen? und wo ist dann die Grenze, wo sie stehen bleiben muß?
    4) Die Vernunft fühlt nicht; sie sieht ihren Mangel ein und wirkt durch den  Erkenntnistrieb;  das Gefühl des Bedürfnisses. Es ist hiermit, wie mit dem moralischen Gefühl bewandt, welches kein moralisches Gesetz verursacht, denn dieses entspringt gänzlich aus der Vernunft; sondern durch moralische Gesetze, mithin durch die Vernunft verursacht oder gewirkt wird, indem der rege und doch freie Wille bestimmter Gründe bedarf.
    5) Zur  Festigkeit;  des Glaubens gehört das Bewußtsein seiner  Unveränderlichkeit.;  Nun kann ich völlig gewiß sein, daß mir niemand den Satz:  Es ist ein Gott;  wird widerlegen können; denn wo will er diese Einsicht hernehmen? Also ist es mit dem Vernunftglauben nicht so, wie mit dem historischen bewandt, bei dem es immer noch möglich ist, daß Beweise zum Gegenteil aufgefunden würden, und wo man sich immer noch vorbehalten muß, seine Meinung zu ändern, wenn sich unsere Kenntnis der Sachen erweitern sollte.
    6) Es ist kaum zu begreifen, wie gedachte Gelehrte in der  *Kritik der reinen Vernunft*;  Vorschub zum Spinozismus finden konnten. Die Kritik beschneidet dem Dogmatismus gänzlich die Flügel in Anbetracht der Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände, und der Spinozismus ist hierin so dogmatisch, daß er sogar mit dem Mathematiker in Anbetracht der Strenge des Beweises wetteifert. Die Kritik beweist: daß die Tafel der reinen Verstandesbegriffe alle Materialien des reinen Denkens enthalten muß; der Spinozismus spricht von Gedanken, die doch selbst denken, und also von einem Akzidens, das doch zugleich für sich als Subjekt existiert: ein Begriff, der sich im menschlichen Verstand gar nicht findet und sich auch in ihn nicht bringen läßt. Die Kritik zeigt: es reicht noch lange nicht zur Behauptung der Möglichkeit eines selbst gedachten Wesens zu, daß in seinem Begriff nichts Widersprechendes ist (wiewohl es alsdann nötigenfalls allerdings erlaubt bleibt, diese Möglichkeit anzunehmen); der Spinozismus gibt aber vor, die Unmöglichkeit eines Wesens einzusehen, dessen Idee aus lauter reinen Verstandesbegriffen besteht, wovon man nur alle Bedingungen der Sinnlichkeit abgesondert hat, worin also niemals ein Widerspruch angetroffen werden kann, und vermag doch diese über alle Grenzen gehende Anmaßung durch gar nichts zu unterstützen. Eben um dieser willen führt der Spinozismus gerade zur Schwärmerei. Dagegen gibt es kein einziges sicheres Mittel alle Schwärmerei mit der Wurzel auszurotten, als jene Grenzbestimmung des reinen Vernunftvermögens. - Ebenso findet ein anderer Gelehrter in der "Kritik der reinen Vernunft" eine  *Skepsis,;  obgleich die Kritik eben darauf hinausgeht, etwas Gewisses und Bestimmtes in Anbetracht des Umfangs unserer Erkenntnis a priori festzusetzen. Imgleichen eine  Dialektik;  in den kritischen Untersuchungen, welche doch darauf angelegt sind, die unvermeidliche Dialektik, womit die allerwärts dogmatisch geführte reine Vernunft sich selbst verfängt und verwickelt, aufzulösen und auf immer zu vertilgen. Die Neuplatoniker, die sich Eklektiker nannten, weil sie ihre eigenen Grillen allenthalben in älteren Autoren zu finden wußten, wenn sie solche vorher hineingetragen hatten, verfuhren gerade ebenso; es geschieht also insofern nichts Neues unter der Sonne.
    7)  Selbstdenken;  heißt den obersten Probierstein der Wahrheit in sich selbst (d. h. in seiner eigenen Vernunft) suchen; und die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die  *Aufklärung.;  Dazu gehört nun eben so viel nicht, als sich diejenigen einbilden, welche die Aufklärung in  Kenntnisse;  setzen: da sie vielmehr ein negativer Grundsatz im Gebrauch seines Erkenntnisvermögens ist, und öfter der, so an Kenntnissen überaus reicht ist, im Gebrauch derselben am wenigsten aufgeklärt ist. Sich seiner eigenen Vernunft bedienen, will nichts weiter sagen, als bei all dem, was man annehmen soll, sich selbst fragen: ob man es wohl tunlich findet, den Grund, warum man etwas annimmt oder auch die Regel, die aus dem, was man annimmt, folgt, zum allgemeinen Grundsatz seines Vernunftgebrauchs zu machen. Diese Probe kann ein jeder mit sich selbst anstellen; und er wird Aberglauben und Schwärmerei bei dieser Prüfung alsbald verschwinden sehen, wenn er gleich bei weitem die Kenntnisse nicht hat, beide aus objektiven Gründen zu widerlegen. Denn er bedient sich bloß der Maxime der  Selbsterhaltung;  der Vernunft. Aufklärung in  einzelnen Subjekten;  durch *Erziehung zu gründen, ist also gar leicht; man muß nur früh anfangen, die jungen Köpfe zu dieser Reflexion zu gewöhnen. Ein  Zeitalter;  aber aufzuklären, ist sehr langwierig; denn es finden sich viele äußere Hindernisse, welche jene Erziehungsart teils verbieten, teils erschweren.