tb-1Brief an Marcus HerzDas Schöne und die KunstKr. d. r. V. 1781     
 
IMMANUEL KANT
Metaphysische Anfangsgründe
der Naturwissenschaft


"Denn in dieser Absicht [daß bewiesen werden kann, daß die Kategorien, deren sich die Vernunft in all ihrer Erkenntnis bedienen muß, gar keinen anderen Gebrauch, als bloß in Beziehung auf Gegenstände der Erfahrung haben können] ist die Deduktion dann schon  weit genug  geführt, wenn sie zeigt, daß gedachte Kategorien nichts anderes, als bloße Formen der Urteile sind, sofern sie auf Anschauungen (die bei uns immer nur sinnlich sind) angewandt werden, dadurch aber allererst Objekte bekommen und Erkenntnisse werden; weil dies schon hinreicht, das ganze System der eigentlichen Kritik darauf mit völliger Sicherheit zu gründen."

"Es bleibt unwidersprechlich gewiß, daß Erfahrung bloß durch Begriffe möglich, und Begriffe umgekehrt auch in keiner anderen Beziehung, als auf Gegenstände der Erfahrung einer Bedeutung und irgendeines Gebrauchs fähig sind."


Vorrede

Wenn das Wort  Natur  bloß in  formaler  Bedeutung genommen wird, da es das erste innere Prinzip all dessen bedeutet, was zum Dasein eines Dings gehört (1), so kann es so vielerleit Naturwissenschaften geben, als es spezifisch verschiedene Dinge gibt, deren jedes sein eigentümlichs inneres Prinzip der zu seinem Dasein gehörigen Bestimmungen enthalten muß. Sonst wird aber auch Natur in  materieller  Bedeutung genommen, nicht als eine Beschaffenheit, sondern als der Inbegriff aller Dinge, sofern sie  Gegenstände unserer Sinne,  mithin aller Dinge, sofern sie  Gegenstände unserer Sinne,  mithin auch der Erfahrung sein können, worunter also das Ganze aller Erscheinungen, d. h. die Sinnenwelt, mit Ausschließung aller nicht sinnlichen Objekte, verstanden wird. Die Natur, in dieser Bedeutung des Wortes genommen, hat nun, nach der Hauptverschiedenheit unserer Sinne, zwei Hauptteile, deren der eine die Gegenstände  äußerer,  der andere den Gegenstand des  inneren  Sinnes enthält, mithin ist von ihr eine zweifache Naturlehre, die  Körperlehre  und  Seelenlehre  möglich, wovon die erste die  ausgedehnte,  die zweite die  denkende  Natur in Erwägung zieht.

Eine jede Lehre, wenn sie ein  System,  d. h. ein nach Prinzipien geordnetes Ganzes der Erkenntnis sein soll, heißt Wissenschaft, und da jene Prinzipien entweder Grundsätze der  empirischen  oder der  rationalen  Verknüpfung der Erkenntnisse in einem Ganzen sein können, so würde auch die Naturwissenschaft, sie mag nun Körperlehre oder Seelenlehre sein, in  historische  oder  rationale  Naturwissenschaft eingeteilt werden müssen, wenn nur nicht das Wort  Natur  (weil dieses eine Ableitung des mannigfaltigen, zum Dasein der Dinge Gehörigen aus ihrem inneren  Prinzip  bezeichnet) eine Erkenntnis durch Vernunft von ihrem Zusammenhang notwendig macht, sofern sie den Namen von Naturwissenschaft verdienen soll. Daher wird die Naturlehre besser in  historische Naturlehre,  welche nichts, als systematisch geordnete Fakta der Naturdinge enthält (und wiederum aus  Naturbeschreibung,  als einem Klassensystem derselben nach Ähnlichkeiten und  Naturgeschichte,  als einer systematischen Darstellung derselben in verschiedenen Zeiten und Orten, bestehen würde), und  Naturwissenschaft  eingeteilt werden können. Die Naturwissenschaft würde nun wiederum entweder  eigentlich  oder  uneigentlich  sogenannte Naturwissenschaft sein, wovon die erstere ihren Gegenstand gänzlich nach Prinzipien  a priori,  die zweite nach Erfahrungsgesetzen behandelt.

Eigentliche  Wissenschaft kann nur diejenige genannt werden, deren Gewißheit apodiktisch [logisch zwingend, demonstrierbar - wp] ist; Erkenntnis, die bloß empirische Gewißheit enthalten kann, ist ein nur uneigentlich so genanntes  Wissen Dasjenige Ganze der Erkenntnis, was systematisch ist, kann schon darum  Wissenschaft  heißen, und, wenn die Verknüpfung der Erkenntnis in diesem System ein Zusammenhang von Gründen und Folgen ist, sogar  rationale  Wissenschaft. Wenn aber diese Gründe oder Prinzipien in ihr, wie z. B. in der Chemie, doch zuletzt bloß empirisch sind, und die Gesetze, aus denen die gegebenen Fakta durch die Vernunft erklärt werden, bloß Erfahrungsgesetze sind, so führen sie kein Bewußtsein ihrer  Notwendigkeit  bei sich (sind nicht apodiktisch-gewiß), und sodann verdient das Ganze in einem strengen Sinn nicht den Namen einer Wissenschaft, und Chemie sollte daher eher systematische Kunst und nicht Wissenschaft heißen.

Eine rationale Naturlehre verdient also den Namen einer Naturwissenschaft nur dann, wenn die Naturgesetze, die in ihr zugrunde liegen,  a priori  erkannt werden und nicht bloße Erfahrungsgesetze sind. Man nennt eine Naturerkenntnis von der ersteren Art  rein;  die von der zweiten Art aber wird  angewandte  Vernunfterkenntnis genannt. Da das Wort  Natur  schon den Begriff von Gesetzen bei sich führt, dieser aber den Begriff der  Notwendigkeit  aller Bestimmungen eines Dings, die zu seinem Dasein gehören, bei sich führt, so sieht man leicht, warum Naturwissenschaft die Rechtmäßigkeit dieser Benennung nur von einem  reinen  Teil derselben, der nämlich die Prinzipien  a priori  aller übrigen Naturerklärungen enthält, ableiten muß und nur kraft dieses reinen Teils eigentliche Wissenschaft ist, desgleichen daß, nach Forderungen der Vernunft, jede Naturlehre zuletzt auf Naturwissenschaft hinauslaufen und darin enden muß, weil jene Notwendigkeit der Gesetze dem Begriff der Natur unzertrennlich anhängt und daher durchaus eingesehen sein will; daher läßt die vollständigste Erklärung gewisser Erscheinungen aus chemischen Prinzipien noch immer eine Unzufriedenheit zurück, weil man von diesen, als zufälligen Gesetzen, die bloß die Erfahrung gelehrt hat, keine Gründe  a priori  anführen kann.

Alle  eigentliche  Naturwissenschaft bedarf also einen  reinen  Teil, auf dem sich die apodiktische Gewißheit, die die Vernunft in ihr sucht, gründen kann, und weil dieser, seinen Prinzipien nach, im Vergleich mit denen, die nur empirisch sind, ganz ungleichartig ist, so ist es zugleich von der größten Zuträglichkeit, ja der Natur der Sache nach von unerläßlicher Pflicht in Anbetracht der Methode, jenen Teil abgesondert und vom andern ganz unbemengt, soviel als möglich in seiner ganzen Vollständigkeit vorzutragen, damit man genau bestimmen kann, was die Vernunft für sich zu leisten vermag, und wo ihr Vermögen anhebt die Beihilfe der Erfahrungsprinzipien nötig zu haben. Reine Vernunfterkenntnis aus bloßen  Begriffen  heißt reine Philosophie oder Metaphysik; dagegen wird die, welche nur auf der  Konstruktion  der Begriffe, mittels Darstellung des Gegenstandes in einer Anschauung  a priori,  ihre Erkenntnis gründet Mathematik genannt.

Eigentlich  so zu nennende Naturwissenschaft setzt zuerst eine Metaphysik der Natur voraus; denn Gesetze, d. h. Prinzipien der Notwendigkeit dessen, was zum  Dasein  eines Dings gehört, beschäftigen sich mit einem Begriff, der sich nicht konstruieren läßt, weil das Dasein in keiner Anschauung  a priori  dargestellt werden kann. Daher setzt eigentliche Naturwissenschaft Metaphysik der Natur voraus. Dies muß nun zwar jederzeit lauter Prinzipien, die nicht empirisch sind, enthalten (denn darum führt sie eben den Namen einer Metaphysik), aber sie kann doch  entweder  sogar ohne Beziehung auf irgendein bestimmtes Erfahrungsobjekt, mithin unbestimmt in Anbetracht der Natur dieses oder jenes Dinges der Sinnenwelt, von den Gesetzen, die den Begriff einer Natur überhaupt möglich machen, handeln, und dann ist es der  transzendentale  Teil der Metaphysik der Natur;  oder  sie beschäftigt sich mit einer besonderen Natur dieser oder jener Art Dinge, von denen ein emirischer Begriff gegeben ist, doch so, daß außer dem, was in diesem Begriff liegt, kein anderes empirisches Prinzip zur Erkenntnis derselben gebraucht wird, z. B. sie legt den empirischen Begriff einer Materie, oder eines denkenden Wesens zugrunde und sucht den Umfang der Erkenntnis, deren die Vernunft über diese Gegenstände  a priori  fähig ist, und da muß eine solche Wissenschaft noch immer eine Metaphysik der Natur, nämlich der körperlichen oder denkenden Natur heißen, aber es ist dann keine allgemeine, sondern eine  besondere  metaphysische Naturwissenschaft (Physik und Psychologie), in der jene transzendentalen Prinzipien auf die zwei Gattungen der Gegenstände unserer Sinne angewandt werden.

Ich behaupte aber, daß in jeder besonderen Naturlehre nur soviel  eigentliche  Wissenschaft angetroffen werden kann, als darin  Mathematik  anzutreffen ist. Denn nach dem Vorhergehenden erfordert eigentliche Wissenschaft, vornehmlich der Natur, einen reinen Teil, der dem empirischen zugrunde liegt und der auf einer Erkenntnis der Naturdinge  a priori  beruth. Nun heißt etwas  a priori  erkennen, es aus seiner bloßen Möglichkeit erkennen. Die Möglichkeit bestimmter Naturdinge kann aber nicht aus ihren bloßen Begriffen erkannt werden; denn aus diesen kann zwar die Möglichkeit des Gedankens (daß er sich selbst nicht widerspricht), aber nicht des Objekts, als Naturdings, erkannt werden, welches außer dem Gedanken (als existierend) gegeben werden kann. Also wird, um die Möglichkeit bestimmter Naturdinge, mithin um diese  a priori  zu erkennen, noch erfordert, daß die dem Begriff korrespondierende Anschauung  a priori  gegeben wird, d. h. daß der Begriff konstruiert wird. Nun ist die Vernunfterkenntnis durch eine Konstruktion der Begriffe mathematisch. Also mag zwar eine reine Philosophie der Natur überhaupt, d. h. diejenige, die nur das, was den Begriff einer Natur im Allgemeinen ausmacht, untersucht, auch ohne Mathematik möglich sein, aber eine reine Naturlehre über  bestimmte  Naturdinge (Körperlehre und Seelenlehre) ist nur mittels der Mathematik möglich, und da in jeder Naturlehre nur soviel eigentliche Wissenschaft angetroffen wird, als sich darin Erkenntnis  a priori  befindet, so wird Naturlehre nur soviel eigentliche Wissenschaft enthalten, als Mathematik in ihr angewandt werden kann.

Solange also noch für die chemischen Wirkungen der Materien aufeinander kein Begriff ausgefunden wird, der sich konstruieren läßt, d. h. kein Gesetz der Annäherung oder Entfernung der Teile angeben läßt, nach welchem etwa in Proportion ihrer Dichtigkeiten und dgl. ihre Bewegungen samt ihren Folgen sich im Raum  a priori  anschaulich machen und darstellen lassen (eine Forderung, die schwerlich jemals erfüllt werden wird), so kann Chemie nichts mehr, als systematische Kunst oder Experimentallehre, niemals aber eigentliche Wissenschaft werden, weil die Prinzipien derselben bloß empirisch sind und keine Darstellung  a priori  in der Anschauung erlauben, folglich die Grundsätze chemischer Erscheinungen ihrer Möglichkeit nach nicht im mindesten begreiflich machen, weil sie der Anwendung der Mathematik unfähig sind.

Noch weiter aber, als selbst Chemie, muß empirische Seelenlehre jederzeit vom Rang einer eigentlich so zu nennenden Naturwissenschaft entfernt bleiben, weil Mathematik auf die Phänomene des inneren Sinnes und ihre Gesetze nicht anwendbar ist, man müßte denn allein das  Gesetz der Stetigkeit  im Abfluß der inneren Veränderungen desselben in Anschlag bringen wollen, welches aber eine Erweiterung der Erkenntnis sein würde, die sich zu der, welche die Mathematik der Körperlehre verschafft, ungefähr so verhalten würde, wie die Lehre von den Eigenschaften der geraden Linie zur Geometrie. Denn die reine innere Anschauung, in welcher die Seelenerscheinungen konstruiert werden sollen, ist die Zeit, die nur eine Dimension hat. Aber auch nicht einmal als systematische Zergliederungskunst oder Experimentallehre kann sie der Chemie jemals nahe kommen, weil sich in ihr das Mannigfaltige der inneren Beobachtung nur durch eine bloße Gedankenteilung voneinander absondern, nicht aber abgesondert aufbehalten und beliebig wiederum verknüpfen, noch weniger aber ein anderes denkendes Subjekt sich unseren Versuchen, der Absicht angemessen, von uns unterwerfen läßt, und selbst die Beobachtung an sich schon den Zustand des beobachteten Gegenstandes alteriert und verstellt. Sie kann daher niemals etwas mehr als eine historische, und, als solche, so viel mögliche systematische Naturlehre des inneren Sinnes, d. h. eine Naturbeschreibung der Seele, aber nicht Seelenwissenschaft, ja nicht einmal psychologische Experimentallehre werden; welches dann auch die Ursache ist, weswegen wir uns zum Titel dieses Werkes, welches eigentlich die Grundsätze der Körperlehre enthält, dem gewöhnlichen Gebrauch gemäß des allgemeinen Namens der Naturwissenschaft bedient haben, weil ihr diese Benennung im eigentlichen Sinn allein zukommt und also hierdurch keine Zweideutigkeit veranlaßt wird.

Damit aber die Anwendung der Mathematik auf die Körperlehre, die durch sie allen Naturwissenschaft werden kann, möglich wird, so müssen Prinzipien der  Konstruktion  der Begriffe, welche zur Möglichkeit der Materie überhaupt gehören, vorangeschickt werden; mithin wird eine vollständige Zergliederung des Begriffs von einer Materie überhaupt zugrunde gelegt werden müssen, welches ein Geschäft der reinen Philosophie ist, die zu dieser Absicht sich keiner besonderen Erfahrungen, sondern nur dessen, was sie im abgesonderten (obgleich an sich empirischen) Begriff selbst antrifft, in Beziehung auf die reinen Anschauungen im Raum und der Zeit (nach Gesetzen, welche schon dem Begriff der Natur überhaupt wesentlich anhängen), bedient, mithin eine wirkliche  Metaphysik der körperlichen Natur ist. 

Alle Naturphilosophen, welche in ihrem Geschäft mathematisch verfahren wollten, haben sich daher jederzeit (obgleich sich selbst unbewußt), metaphysischer Prinzipien bedient und bedienen müssen, wenn sie sich gleich sonst wider allen Anspruch der Metaphysik auf ihre Wissenschaft feierlich verwahrten. Ohne Zweifel verstanden sie unter der letzteren den Wahn, sich Möglichkeiten nach Belieben auszudenken und mit Begriffen zu spielen, die sich in der Anschauung vielleicht gar nicht darstellen lassen und keine andere Beglaubigung ihrer objektiven Realität haben, als daß sie bloß mit sich selbst nicht im Widerspruch stehen. Alle wahre Metaphysik ist aus dem Wesen des Denkvermögens selbst genommen, und keineswegs darum erdichtet, weil sie nicht von der Erfahrung entlehnt ist, sondern enthält die reinen Handlungen des Denkens, mithin Begriffe und Grundsätze  a priori,  welche das Mannigfaltige  empirischer Vorstellungen  allererst in die gesetzmäßige Verbindung bringt, dadurch es  empirische Erkenntnis,  d. h. Erfahrung werden kann. So konnten also jene mathematischen Physiker metaphysischer Prinzipien gar nicht entbehren, und unter diesen auch nicht solcher, welche den Begriff ihres eigentlichen Gegenstandes, nämlich der Materie,  a priori  zur Anwendung auf äußere Erfahrung tauglich machen, als des Begriffs der Bewegung, der Erfüllung des Raums, der Trägheit usw. Drüber aber bloß empirische Grundsätze gelten zu lassen, hielten sie mit Recht der apodiktischen Gewißheit, die sie ihren Naturgesetzen geben wollten, gar nicht gemäß, daher sie solche lieber postulierten, ohne nach ihren Quellen  a priori  zu forschen.

Es ist aber von der größten Wichtigkeit, zum Vorteil der Wissenschaften ungleichartige Prinzipien voneinander zu scheiden, jede in ein besonderes System zu bringen, damit sie eine Wissenschaft ihrer eigenen Art ausmachen, um dadurch die Ungewißheit zu verhüten, die aus der Vermengung entspringt, da man nicht wohl unterscheiden kann, welcher von beiden teils die Schranken, teils auch die Verirrungen, die sich im Gebrauch derselben zutragen möchten, beizumessen sein dürften. Deswegen habe ich für nötig gehalten, vom reinen Teil der Naturwissenschaft  (physica generalis),  wo metaphysische und mathematische Konstruktionen durcheinander zu laufen pflegen, die ersteren, und mit ihnen zugleich die Prinzipien der Konstruktion dieser Begriffe, also der Möglichkeit einer mathematischen Naturlehre selbst, in einem System darzustellen. Diese Absonderung hat, außer dem schon erwähnten Nutzen, den sie schafft, noch einen besonderen Reize, den die Einheit der Erkenntnis bei sich führt, wenn man verhütet, daß die Grenzen der Wissenschaften nicht ineinanderlaufen, sondern ihre gehörig abgeteilten Felder einnehmen.

Es kann noch zu einem zweiten Anpreisungsgrund dieses Verfahrens dienen, daß in allem, was Metaphysik heißt, die  absolute Vollständigkeit  der Wissenschaften gehofft werden kann, dergleichen man sich in keiner anderen Art von Erkenntnis versprechen darf, mithin ebenso, wie in der Metaphysik der Natur überhaupt, also auch hier die Vollständigkeit der Metaphysik der körperlichen Natur zuversichtlich erwartet werden kann; wovon die Ursache ist, daß in der Metaphysik der Gegenstand nur, wie bloß nach den allgemeinen Gesetzen des Denkens, in anderen Wissenschaften aber, wie er nach  datis  der Anschauung (der reinen sowohl, als auch der empirischen) vorgestellt werden muß, betrachtet wird, da dann jene, weil der Gegenstand in ihr jederzeit mit  allen  notwendigen Gesetzen des Denkens verglichen werden muß, eine  bestimmte  Zahl von Erkenntnissen geben muß, die sich völlig erschöpfen läßt, diese aber, weil sie eine unendliche Mannigfaltigkeit von Anschauungen (reinen oder empirischen), mithin Objekten des Denkens darbieten, niemals zur absoluten Vollständigkeit gelangen, sondern ins Unendlich erweitert werden können; wie reine Mathematik und empirische Naturlehre. Auch glaube ich diese metaphysische Körperlehre so weit, als sie sich immer nur erstreckt, vollständig erschöpft, dadurch aber doch eben kein großes Werk zustande gebracht zu haben.

Das Schema aber zur Vollständigkeit eines metaphysischen Systems, es sei der Natur überhaupt oder der körperlichen Natur insbesondere, ist die Tafel der Kategorien. (2) Denn mehr gibt es nicht reine Verstandesbegriffe, die die Natur der Dinge betreffen können. Unter die vier Klassen derselben, die der  Größe,  der  Qualität,  der  Relation  und endlich der  Modalität,  müssen sich auch alle Bestimmungen des allgemeinen Begriffs einer Materie überhaupt, mithin auch alles, was  a priori  von ihr gedacht, was in der mathematischen Konstruktion dargestellt, oder in der Erfahrung, als bestimmter Gegenstand derselben gegeben werden mag, bringen lassen. Mehr ist hier nicht zu tun, zu entdecken oder hinzusetzen, sondern allenfalls, wo in der Deutlichkeit oder Gründlichkeit gefehlt sein möchte, es besser zu machen.

Der Begriff der  Materie  mußte daher durch alle vier genannten Funktionen der Verstandesbegriffe (in vier Hauptstücken) durchgeführt werden, in deren jedem eine neue Bestimmung desselben hinzukam. Die Grundbestimmung eines Etwas, das ein Gegenstand äußerer Sinne sein soll, mußte Bewegung sein; denn dadurch allein können diese Sinne affziert werden. Auf diese führt auch der Verstand alle übrigen Prädikate der Materie, die zu ihrer Natur gehören, zurück, und so ist die Naturwissenschaft durchgängig eine entweder reine oder angewandte  Bewegungslehre.  Die  metaphysischen  Anfangsgründe der Naturwissenschaft sind also unter  vier  Hauptstücke zu bringen, deren  erstes  die  Bewegung  als ein reines  Quantum,  nach seiner Zusammensetzung, ohne alle Qualität des Beweglichen betrachtet und  Phoronomie  genannt werden kann, das  zweite  sie als zur  Qualität  der Materie gehörig, unter dem Namen einer ursprünglich bewegenden Kraft, in Erwägung zieht und daher  Dynamik  heißt, das  dritte  die Materie mit dieser Qualität durch ihre eigene Bewegung gegeneinander in  Relation  betrachtet und unter dem Namen  Mechanik  vorkommt, das  vierte  aber ihre Bewegung oder Ruhe bloß in Beziehung auf die Vorstellungsart aber ihre Bewegung oder Ruhe bloß in Beziehung auf die Vorstellungsart oder  Modalität,  mithin als Erscheinung äußerer Sinne bestimmt und  Phänomenologie  genannt wird.

Aber außer jener inneren Notwendigkeit, die metaphysischen Anfangsgründe der Körperlehre nicht allein von der Physik, welche empirische Prinzipien braucht, sondern selbst von den rationalen Prämissen derselben, die den Gebrauch der Mathematik in ihr betreffen, abzusondern, ist noch ein äußerer, zwar nur zufälliger, aber gleichwohl wichtiger Grund da, ihre ausführliche Bearbeitung vom allgemeinen System der Metaphysik abzutrennen und sie als ein besonderes Ganzes systematisch darzustellen. Denn wenn es erlaubt ist, die Grenzen einer Wissenschaft nicht bloß nach der Beschaffenheit des Objekts und der spezifischen Erkenntnisart desselben, sondern auch nach dem Zweck, den man mit der Wissenschaft selbst zum anderweitigen Gebrauch vor Augen hat, zu zeichnen, und sich findet, daß Metaphysik so viele Köpfe bisher nicht darum beschäftigt hat und sie ferner beschäftigen wird, um Naturerkenntnisse dadurch zu erweitern (welches viel leichter und sicherer durch Beobachtung, Experiment und Anwendung der Mathematik auf äußere Erscheinungen geschieht), sondern um zur Erkenntnis dessen, was gänzlich über alle Grenzen der Erfahrung hinaus liegt, von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zu gelangen; so gewinnt man in Beförderung dieser Absicht, wenn man sie von einem, zwar aus ihrer Wurzel sprossenden aber doch ihrem regelmäßigen Wuchs nur hinderlichen Sprößlinge befreit, diesen besonders pflanzt, ohne dennoch dessen Abstammung aus jener zu verkennen und sein völliges Gewächst aus dem System der allgemeinen Metaphysik wegzulassen. Dieses tut der Vollständigkeit der letzteren keinen Abbruch und erleichtert doch den gleichförmigen Gang dieser Wissenschaft zu ihrem Zweck, wenn man in allen Fällen, wo man der allgemeinen Körperlehre bedarf, sich nur auf das abgesonderte System derselben berufen darf, ohne jenes größere mit diesem anzuschwellen. Es ist auch in der Tat sehr merkwürdig (kann aber hier nicht ausführlich vor Augen gelegt werden) daß die allgemeine Metaphysik in allen Fällen, wo sie Beispiele (Anschauungen) bedarf, um ihren reinen Verstandesbegriffen Bedeutung zu verschaffen, diese jederzeit aus der allgemeinen Körperlehre, mithin von der Form und den Prinzipien der äußeren Anschauung hernehmen muß, und, wenn diese nicht vollendet darliegen, unter lauter sinnleeren Begriffen unstet und schwankend herumtappt. Daher die bekannten Streitigkeiten, wenigstens die Dunkelheit in den Fragen über die Möglichkeit des Widerstreits der Realitäten, die der intensivien Größe u. a. m., bei welchen der Verstand nur durch Beispiele aus der körperlichen Natur belehrt wird, welches die Bedingungen sind, unter denen jene Begriffe allein objektive Realität, d. h. Bedeutung und Wahrheit haben können. Und so tut eine abgesonderte Metaphysik der körperlichen Natur der  allgemeinen  vortreffliche und unentbehrliche Dienste, indem sie Beispiele (Fälle in concreto) herbeischafft, die Begriffe und Lehrsätze der letzteren (eigentlich der Transzendentalphilosophie) zu realisieren, d. h. einer bloßen Gedankenform Sinn und Bedeutung unterzulegen.

Ich habe in dieser Abhandlung die mathematische Methode, wenngleich nicht mit aller Strenge befolgt (wozu mehr Zeit erforderlich gewesen wäre, als ich darauf zu verwenden hatte), dennoch nachgeahmt, nicht um ihr durch ein Gepräge von Gründlichkeit besseren Eingang zu verschaffen, sondern weil ich glaube, daß ein solches System deren wohl fähig ist und diese Vollkommenhit auch mit der Zeit von geschickterer Hand wohl erlangen kann, wenn durch diesen Entwurf veranlaßt, mathematische Naturforscher es nicht unwichtig finden sollten, den metaphysischen Teil, dessen sie ohnedem nicht entübrigt sein können, in ihrer allgemeinen Physik als einen besonderen Grundteil zu behandeln und mit der mathemaischen Bewegungslehre in Vereinigung zu bringen.

NEWTON sagt in der Vorrede zu seinen mathematischen Grundlehren der Naturwissenschaft (nachdem er angemerkt hatte, daß die Geometrie von den mechanischen Handgriffen, die sie postuliert, nur zweier bedarf, nämlich eine gerade Linie und einen Zirkel zu beschreiben):  die Geometrie ist stolz darauf, daß sie mit so Wenigem, was sie anderwärts hernimmt, so viel zu leisten vermag.  Von der Metaphysik könnte man dagegen sagen:  sie steht bestürzt, daß sie mit so Vielem, als ihr die reine Mathematik darbietet, doch nur so wenig ausrichten kann.  Indessen ist doch dieses Wenige etwas, das selbst die Mathematik in ihrer Anwendung auf Naturwissenschaft unumgänglich braucht, die sich also, da sie hier von der Metaphysik notwendig borgen muß, auch nicht schämen darf, sich mit ihr in Gemeinschaft sehen zu lassen.

LITERATUR: Immanuel Kant, Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Leipzig 1900
    Anmerkungen
    1) Wesen ist das erste innere Prinzip all dessen, was zur Möglichkeit eines Dinges gehört. Daher kann man den geometrischen Figuren (da in ihrem Begriff nichts, was ein Dasein ausdrückt, gedacht wird), nur ein Wesen, nicht aber eine Natur beilegen.
    2) Nicht gegen diese Tafel der reinen Verstandesbegriffe, sondern die daraus gezogenen Schlüsse auf die Grenzbestimmung des ganzen reinen Vernunftvermögens, mithin auch aller Metaphysik, finde ich in der Allgemeinen Litteratur Zeitung (1785), Nr. 295, in der Rezension der  Institutiones Logicae et Metaphysica  des Herrn Professor ULRICH Zweifel, in welchen der tiefforschende Rezensent mit seinem nicht minder prüfenden Verfasser übereinzukommen sich erklärt, und zwar Zweifel, die, weil sie gerade das Hauptfundament meines in der Kritik aufgestellten Systems treffen sollen, Ursache wären, daß dieses in Anbetracht seines Hauptzieles noch lange nicht diejenige apodiktische Überzeugung bei sich führt, welche zur Abnötigung einer uneingeschränkten Annahme erforderlich ist; dieses Hauptfundament sei meine, teils  dort,  teils in den  Prolegomenen  vorgetragene  Deduktion  der reinen Verstandesbegriffe, die aber in dem Teil der Kritik, welcher geade der hellste sein müßte, am meisten dunkel wäre, oder wohl gar sich im Zirkel herumdreht etc. Ich richte meine Beantwortung dieser Einwürfe nur auf den Hauptpunkt derselben, daß nämlich  ohne eine ganz klare und genugtuende Deduktion der Kategorien  das System der Kritik der reinen Vernunft in seinem Fundament wankt. Dagegen behaupte ich, daß für denjenigen, der meine Sätze von der Sinnlichkeit aller unserer Anschauung und der Zulänglichkeit der Tafel der Kategorien, als von den logischen Funktionen in Urteilen überhaupt entlehnter Bestimmungen unseres Bewußtseins, unterschreibt (wie dieses dann der Rezensent tut), das System der Kritik apodiktische Gewißheit bei sich führen muß, weil dieses auf dem Satz erbaut ist,  daß der ganze spekulative Gebrauch unserer Vernunft niemals weiter, als auf Gegenstände möglicher Erfahrung, reicht.  Denn wenn bewiesen werden kann,  daß  die Kategorien, deren sich die Vernunft in all ihrer Erkenntnis bedienen muß, gar keinen anderen Gebrauch, als bloß in Beziehung auf Gegenstände der Erfahrung haben können (dadurch, daß sie in dieser bloß die Form des Denkens möglich machen), so ist die Beantwortung der Frage:  wie  sie solche möglich machen, zwar wichtig genug, um diese Deduktion, wo möglich, zu  vollenden,  aber in Beziehung auf den Hauptzweck des Systems, nämlich die Grenzbestimmung der reinen Vernunft, keineswegs  notwendig,  sondern bloß  verdienstlich.  Denn in dieser Absicht ist die Deduktion dann schon  weit genug  geführt, wenn sie zeigt, daß gedachte Kategorien nichts anderes, als bloße Formen der Urteile sind, sofern sie auf Anschauungen (die bei uns immer nur sinnlich sind) angewandt werden, dadurch aber allererst Objekte bekommen und Erkenntnisse werden; weil dies schon hinreicht, das ganze System der eigentlichen Kritik darauf mit völliger Sicherheit zu gründen. So steht NEWTONs System der allgemeinen Gravitäten fest, obgleich es die Schwierigkeit bei sich führt, daß man nicht erklären kann, wie Anziehung in die Ferne möglich ist; aber  Schwierigkeiten sind nicht Zweifel.  Daß nun jenes Hauptfundament auch ohne vollständige Deduktioin der Kategorien feststeht, beweise ich aus dem Zugestandenen so:
      1.  zugestanden:  daß die Tafel der Kategorien alle reinen Verstandesbegriffe vollständig enthält, und eben so alle formalen Verstandeshandlungen in Urteilen, von welchen sie abgeleitet und auch in nichts unterschieden sind, als daß durch den Verstandesbegriff ein Objekt in Anbetracht der einen oder anderen Funktion der Urteile als  bestimmt  gedacht wird; (z. B. so wird im kategorischen Urteil:  der Stein ist hart,  der  Stein  für Subjekt und  hart  als Prädikat gebraucht, so doch, daß es dem Verstand unbenommen bleibt, die logische Funktion dieser Begriffe umzutauschen und zu sagen: einiges Harte ist ein Stein; dagegen, wenn ich es mir  im Objekt  als  bestimmt  vorstelle, daß der Stein in jeder möglichen Bestimmung eines Gegenstandes, nicht des bloßen Begriffs, nur als Subjekt, die Härte aber nur als Prädikat gedacht werden muß, dieselben logischen Funktionen nun  reine  Verstandesbegriffe von Objekt, nämlich als  Substanz  und  Akzidenz,  werden);
      2.  zugestanden:  daß der Verstand durch seine Natur synthetische Grundsätze  a priori  bei sich führt, durch die er alle Gegenstände, die ihm gegeben werden mögen, jenen Kategorien unterwirft, mithin es auch Anschauungen  a priori  geben muß, welche die zur Anwendung jener reinen Verstandesbegiffe erforderlichen Bedingungen enthalten,  weil ohne Anschauung kein Objekt,  in Anbetracht dessen die logische Funktion als Kategorie bestimmt werden könnte, mithin auch keine Erkenntnis irgendeines Gegenstandes, und also auch ohne reine Anschauung kein Grundsatz, der sie  a priori  in dieser Absicht bestimmt,  stattfindet. 
      3.  zugestanden:  daß diese reinen Anschauungen niemals etwas anderes als bloße Formen der  Erscheinungen  äußerer oder des inneren Sinnes (Raum und Zeit), folglich nur allein der  Gegenstände möglicher Erfahrungen  sein können: - - - so folgt: daß aller Gebrauch der reinen Vernunft niemals auf etwas anders als auf Gegenstände der Erfahrung gehen kann, und, weil in Grundsätzen  a priori  nichts Empirisches die Bedingung sein kann, sie nichts weiter, als Prinzipien der  Möglichkeit der Erfahrung  überhaupt sein können. Dieses allein ist das wahre und hinlängliche Fundament der Grenzbestimmung der reinen Vernunft, aber nicht die Auflösung der Aufgabe:  wie  nun Erfahrung mittels jener Kategorien und nur allein durch dieselben möglich ist. Die letztere Aufgabe, obgleich auch ohne sie das Gebäude feststeht, hat jedoch große Wichtigkeit, und, wie ich es jetzt einsehe, ebenso große Leichtigkeit, da sie beinahe durch einen einzigen Schluß aus der genau bestimmten Definition eines  Urteils  überhaupt (einer Handlung, durch die gegebene Vorstellungen zuerst Erkenntnisse eines Objekts werden), verrichtet werden kann. Die Dunkelheit, die in diesem Teil der Deduktion meinen vorigen Verhandlungen anhängt, und die ich nicht in Abrede stelle, ist dem gewöhnlichen Schicksal des Verstandes im Nachforschen beizumessen, dem der kürzeste Weg gemeinhin nicht der erste ist, den er gewahr wird. Daher ich die nächste Gelegenheit ergreifen werde, diesen Mangel (welcher auch nur die Art der Darstellung, nicht den dort schon richtig angegebenen Erklärungsgrund betrifft), zu ergänzen, ohne daß der scharfsinnige Rezensent in die ihm gewiß selbst unangenehm fallende Notwendigkeit versetzt werden darf, wegen der befremdlichen Einstimmung der Erscheinungen zu den Verstandesgesetzen, ob diese gleich von jenen ganz verschiedene Quelen haben, zu einer prästabilierten Harmonie seine Zuflucht zu nehmen; einem Rettungsmittel, welches weit schlimmer wäre, als das Übel gege das es helfen soll, und das dagegen doch wirklich nichts helfen kann. Denn auf diese kommt doch jene  objektive Notwendigkeit  nicht heraus, welche die reinen Verstandesbegriffe (und die Grundsätze ihrer Anwendung auf Erscheinungen) charakterisiert, z. B. im Begriff der Ursache in Verknüpfung mit der Wirkung, sondern alles bleibt eine bloß  subjektiv-notwendige,  objektiv aber bloß zufällige Zusammenstellung, gerade wie es HUME will, wenn er sie bloße Täuschung aus Gewohnheit nennt. Auch kann kein System in der Welt diese Notwendigkeit wo anders herleiten, als aus den  a priori  zugrunde liegenden Prinzipien der Möglichkeit des  Denkens selbst,  wodurch allein die Erkenntnisse der Objekte, deren Erscheinung uns gegeben ist, d. h. Erfahrung möglich wird, und gesetzt, die Art,  wie  Erfahrung dadurch allererst möglich wird, könnte niemals hinreichend erklärt werden, so bleibt es doch unwidersprechlich gewiß,  daß  sie bloß durch jene Begriffe möglich, und jene Begriffe umgekehrt auch in keiner anderen Beziehung, als auf Gegenstände der Erfahrung einer Bedeutung und irgendeines Gebrauchs fähig sind.