tb-2Die EleatenDie eleatische SchuleZur Psychologie der Frage     
 
RICHARD WAHLE
Metaphysik und Geschichte der Philosophie

"Die Alten sprachen in komplexer Weise vom Fluß aller Dinge, von der allgemeinen Genesis, von der Unähnlichkeit der Dinge mit ihren Begriffen. Sie dachten etwa daran, wie könne ein Individuum jetzt klug, jetzt besonnen, frisch und matt, sagen wir, in Assimilation und Sekretion der Stoffe begriffen und doch immer  dasselbe  Individuum sein?"

"Ein Ding, das als phänomenale Materie gedacht und homogen sein soll,  kann  nicht mit etwas Immateriellem, wie es Kraft ist,  verbunden  sein und kann nicht gleichzeitig in lauter  heterogenen  Zuständen befindlich sein; folglich kann tätige Veränderung, wahrhaftes Wirken nicht bei diesem Unding sein. Wahrhaftes Wirken der Materie - wie sie eben erscheint, als was wir sie eben Materie nennen - ist ganz unmöglich."

"Eine  philosophische Schule glaubte nicht an den bloßen Schein, sie hielt das Veränderliche für wirklich: die pyhtagoreische. Durch ihre Idee des begrenzenden und formierenden Prinzips, des quantitativ, zählhaft bestimmenden Prinzips war ihr scheinbar das feste Terrain gegeben, von dem aus sie ruhig auf das wirkliche Wogen des Veränderlichen blicken konnte."

Begänne ich jetzt diese kleine Abhandlung auch mit den schönsten Komplimenten an die Darsteller der griechischen Philosophie und würden diese dann doch bemerken, daß ich ihre Darstellung nicht zu der meinigen machen möchte, so würde ich wenig Liebe ernten und gar in den Verdacht der Heuchelei fallen. Drum will ich es kurz sagen, die Expositionen des  griechischen  Philosophierens von HERAKLIT bis ARISTOTELES scheinen mir nicht ganz geeignet, die in demselben waltende rational-genetische Kontinuität zu Bewußtsein, zur Empfindung zu bringen. Und die folgende Darstellung, deren Autorschaft ganz gleichgültig, die nur die einzig richtige sein will, die gegenüber den bezüglichen gewaltigen philosophisch-historischen Arbeiten nur Komplement [Ergänzung, wp] sein soll, bittet um die Auszeichnung, in ihrer Kürze als wahre Charakteristik jenes großen Denkprozesses angesehen und seinen Schilderungen zugrunde gelegt zu werden.

Das Bedürfnis nach Metaphysik ist heutzutage gleich Null und das sogenannte philosophische Interesse hat sich Fragen anderer Art zugewendet. Vielleicht geschah die Abwendung, weil man glaubte, an der Lösung der ontologischen Fragen verzweifeln zu müssen; aber man dürfte doch - so scheint es - nicht eher ruhen, als bis sie wenigstens in einer klaren allgemein akzeptierten Formel  erledigt  sind. Über die uns erscheinende Materie, ihre Verbindung mit Kraft und Bewegung, über das Entstehen der Empfindung aus bewegter Gehirnmaterie hört man nur kurzweg, leichthin - das seien Rätsel. Es läßt sich aber so leicht zeigen, daß jeder dieser Begriffe nicht Rätsel, sondern Unmöglichkeiten enthalte. Materie - als dieses durch und durch Ausgedehnte und Feste - kann absolut mit nichts anderem als Ausgedehntem und Festem verbunden sein und ist daher von allem was nicht ist, wie sie, also von Kraft, von Vorstellung ausgeschlossen. Um die Beziehungen solcher Begriffe schlangen sich  einst  Probleme und Spekulationen; wenn man aber es in diesen Dingen es nicht einmal bis zu einem Interesse daran gebracht hat, das wenigstens Schwierigkeiten darin fände - wie will man die Alten zutreffend darstellen, welche von diesen Problemen bis ins Innerste und aufs Äußerste erschüttert wurden!

Es soll nun ein spezielles Problem in einer Form, welche uns durch die heutige Wissenschaft plausibel ist, vorgelegt werden; es ist dasselbe, welches in vollkommen analoger Form PARMENIDES und PLATO gefangen hielt; es werden sich uns die Lösungsdirektiven sofort ergeben und es werden vor unserem Auge die Standpunkte der alten Denker als notwendige Denkpositionen hervorwachsen.

Die Alten sprachen in komplexer Weise vom Fluß aller Dinge, von der allgemeinen Genesis, von der Unähnlichkeit der Dinge mit ihren Begriffen. Sie dachten etwa daran, wie könne ein Individuum jetzt klug, jetzt besonnen, frisch und matt, sagen wir, in Assimilation und Sekretion der Stoffe begriffen und doch immer  dasselbe  Individuum sein? Nun, so nehmen  wir  an, wir seien in der wissenschaftlichen Analyse der Welt schon weiter, wir sehen schon den Molekülhaufen, der einen Keim z. B. einer Pflanze bildet und sehen schon, wie rein nach mechanischen Gesetzen ein ihm verwandtes Molekül aus seiner Umgebung herangezogen wird und lösen weiter so das Individuum in seinem Medium, mit beider beständigem Fluktuieren, in lauter Attraktionsgruppen auf. Dann bleibt doch noch - wie wir gleich sehen werden - das alte Problem! Wie kann ein Ding dieses Ding und doch ein sich änderndes sein? Zwei Atome, die bisher Ruhe oder irgendeine Geschwindigkeit hatten, setzen sich mit beschleunigter Geschwindigkeit gegeneinander in Bewegung. Dann wird dabei jedes Atom in seinem Zustand ein ganz anderes, als es früher war. Ein fliegendes Geschoß ist etwas ganz anderes geworden, als es in Ruhe war. Ja, das um seinen Mittelpunkt rotierende homogene Kugelatom ist in sich, in jedem seiner Punkte vom ruhenden Mittelpunkt aus längs des Radius ein anderes.

Was ist die Lösung dieses ewig brennenden Problems? Ohne meine Meinung hier weiter zu begründen, scheint mir die richtige Antwort darauf: ein Ding, das als phänomenale Materie gedacht und homogen sein soll,  kann  nicht mit etwas Immateriellem, wie es Kraft ist,  verbunden  sein und kann nicht gleichzeitig in lauter  heterogenen  Zuständen befindlich sein; folglich kann tätige Veränderung, wahrhaftes Wirken nicht bei diesem Unding sein. Wahrhaftes Wirken der Materie - wie sie eben erscheint, als was wir sie eben Materie nennen - ist ganz unmöglich. Und weiter folgt: Eine wahrhafte Wirkung, wobei  Eines  wirkte und sich dabei doch immer veränderte, ist ganz undenkbar.

So dachte ja auch HERBART, bevor er sich zu seinen unglücklichen positiven Konstruktionen hinreißen ließ.

Würde uns aber PARMENIDES so reden hören, so würde er - scheint mir - glauben, wir reden von seinen Meinungen. Genau nun verhält es sich mit diesen so.

HERAKLIT hatte gelehrt: In ganz exakter Weise, nicht nur beiläufig und mit rednerischem Pathos gesprochen, existiert nichts als die Veränderung, nichts ist bleibend als der Wechsel, jedes Ding verändert sich im kleinsten Zeitmoment; es ist nur "Werden". Darauf PARMENIDES: Nein, nichts als Wechsel, nichts als Veränderung - das ist unmöglich. Sagst Du nicht selbst, das  Ding  verändere  sich?  Muß es also beim Ändern nicht "ein Eigenes" haben? Ja, es muß auch ein Bleibendes sein!  Es ist "sein".  Schon wenn man an etwas denken will und es begreifen, muß es ein Seiendes, nicht Fließendes, sondern Stehendes sein: denn der  Begriff  ist auch etwas Ruhendes, nicht Zerfließendes, Stabiles.  Darum ist Sein und Denken dasselbe.  Und im Moment, wo ich im Denken etwas festhalte, ist bewiesen, daß es ein Stabiles gibt und nicht nur lauter sich Veränderndes. Es gibt also unbedingt auch Nicht-werdendes, Seiendes, Beharrendes, Konstantes. Aber fuhr er bedenklich und trübe fort, so wie wir oben sprachen: Ein Seiendes, das sich verändert, müßte beim Verändern sein Sein erhalten und sich doch dabei immer aufgeben. Es müßte etwas sein, damit an ihm Veränderung vor sich gehe; verändert es sich aber stetig, dann kann es nie etwas sein. So ist die Veränderung am Bleibenden ein Unding und es ist entweder gar nichts oder  nur Seiendes.  (Und wenn nur Seiendes - dann gewiß in der Form der einen in sich ruhenden Kugel.) Alle Veränderung kann nur Täuschung, Schein sein.

Bevor wir den Gedanken an dieses Problem weiterschreiten sehen, betrachten wir nur die zwei Geister, die ihre Meister so völlig verstanden: KRATYLOS und ZENO. Jener sagte, es sei auch im unendlich kleinen Zeitmoment kein "sein"; wir können  nie  ein Ding erhaschen. Und dieser wendete die allgemeinen Skrupel gegen die Veränderung auf die Bewegung an, zeigte, daß auch dort im "sich bewegen" ein Bleibendes sein müßte und doch nicht sein könne. Ewig wird er auch darin recht haben, daß wir durch Raum- und Zeitvorstellungen weder die Bewegung, - noch überhaupt eine Veränderung und ein Wirken - werden denken können.

Zurück zu PARMENIDES. Er hatte die Veränderung und die ganze Sinnenwelt für Schein erklärt. Das paßte den Sophisten; PROTAGORAS nahm die Idee vielleicht an und geistreich hämisch sagte er vielleicht: Seht, der Mensch ist ja schließlich das Maß der Dinge und unser "Sein" ist eben nichts anderes, als dieser Schein und der ist auch genug, um ein "Sein" zu bilden.

Und ähnlich müssen wir sagen, ist auch unsere Sinnenwelt nicht das wahrhaft Wirksame, kann sie es auch nicht sein, so ist sie doch wahrhaft da und als  Produkt  wenigstens wahrhaft.

In solcher Weise war das Denken gefangen von der Idee der Täuschung, ohne sich zu sagen, daß diese doch zwei wahre Prinzipien postuliere: Das Täuschende und das Getäuschte.

Aber  eine  philosophische Schule glaubte nicht an den bloßen Schein, sie hielt das Veränderliche für wirklich: die pyhtagoreische. Durch ihre Idee des begrenzenden und formierenden Prinzips, des quantitativ, zählhaft bestimmenden Prinzips war ihr scheinbar das feste Terrain gegeben, von dem aus sie ruhig auf das wirkliche Wogen des Veränderlichen blicken konnte. In dieser Ruhe aber und in ihrem Reich der Harmonie blieb sie, ohne scharfen Ansporn das parmenideische Problem durchzuarbeiten. Zwei Prinzipien hochzuhalten lehrte sie aber den PLATON. (Der Pythagoreer PHILOLAOS vielleicht, so wie SOKRATES ist zu den Stammvätern PLATONs zu zählen.) Es ist Eines, ein Festes, bleibend Umrissenes, Regulierendes und es ist ein wirkliches Werden. Mit diesen Grundsätzen ging PLATON nochmals das parmenideische Problem durch und er sagte sich, wenn  sich  wirklich  etwas  verändern soll, so muß ein Halt, ein Bleibendes sein - soweit hat PARMENIDES recht, aber es darf dann nicht in den Strudel des Veränderns gezogen werden, sonst hörte es selber auf zu sein; es müßte also ein Bleibendes in der Veränderung für die Kontinuität des Dings sorgen und müßte nur gleichzeitig  außerhalb, fern  der Veränderung stehen um nicht an der Veränderung zu leiden - so entgehe ich der parmenideischen Konsequenz, daß gar keine Veränderung sein könne. Das Ding im kontinuierlichen heraklitischen Wechsel muß ein Formprinzip haben, durch welches es möglich ist, daß seine Veränderung in Bezug auf ein in der Existenz Erhaltenes vor sich geht und dieses Formprinzip darf nicht im Ding sein, sonst würde es vom ewigen Fluß weggeschwemmt. So erwächst die "Idee" als das  seinem Ding ferne Formprinzip.  Anfangs meinte PLATON, diese Idee könne nur definiert werden durch den  Begriff  des Dings, der ja eben das im Wechsel Bleibendes, das fixierte angibt und gleichzeitig die Gattung, zu der es gehört, bestimmt.

Genauso hatte ja PARMENIDES gesagt: Denken - Begriff - und Sein ist dasselb. Dann aber stellte er sich die Idee als ein rein quantitativ wirkendes Formprinzip vor. Immer aber muß es fern vom fluktuierenden Ding sein.

Und dieser Teil der Lehre ist so wenig mystisch, so wenig eine  Utopie,  daß vielmehr der kritische Philosophe sie sich zu eigen machen muß! Ja, das wahrhaft wirkende Prinzip muß, wenn es nicht durch Kontakt mit dem Materiellen zur gleichen Unmöglichkeit der Wirksamkeit kommen soll, von diesem absolut  ausgeschlossen  sein. Die Idee des Abgetrennten ist richtig; daß wir die übrige Ideenlehre nicht für akzeptabel halten, brauchen wir kaum zu sagen.

PLATON kam durchaus nicht von psychologischer Seite her, durch die Frage der Abstraktion, zur Ideenlehre; sondern von ontologischer Seite her. SOKRATES glaubte, wir könnten durch Abstraktion zu Begriffen gelangen; PLATON meinte im Gegenteil, daß wir in der Erfahrung immer so begriffswidrige Dinge wie z. B. lauter ungenaue Kreise etc. fänden, sodaß wir auf diese Art nie zu deren Begriffen gekommen wären. Und er verfiel auf genau dasselbe Auskunftsmittel wie KANT für seine allgemeinen und notwendigen Positionen, nämlich auf das  a priori,  auf ein Wissen vor der Erfahrung und die dadurch bedingte Anamnese.

In der Darstellung der Platonischen Ideen muß man sofort anführen, wie nach ihm ein Ding und seine Veränderung begründet wird. Zum Beispiel ein Weib bleibe bei zunehmendem Alter schön; das kann nur so konstruiert werden, daß die Idee des Weibes und der Schönheit bleibend ein Gestaltbares fern von ihnen in Form erhalten, daß dieses von der Idee der Jugend aber nach einer Zeit zurückgezogen wird und daß dieses Weib endlich nicht die wahre, ganze Schönheit darstelle, da sich ja auch andere Ideen an ihr beteiligen. Und zweitens ist sofort zu sagen, daß, da die Ideen fern sein müssen, der Bedarf nach einem vermittelnden Prinzip sich rege machen wird. Die Weltseele darf in den Darstellungen der Lehre PLATONs nicht hinterdrein nachhinken, respektive es ist für sie bei der Systemkonstruktion sofort der Platz zu reservieren. Die Fragen über ihre Beschaffenheit sowie über die des Gestaltbaren, ob es Materie oder Raum sei, sind natürlich nur positiv-historisch zu behandeln, nachdem der Tenor der Hauptlehre durch einen Blick auf jenes ontologische Problem, auf welches sie sich eben unverkennbar bezieht, festgestellt ist.

Wie vielen Schwierigkeiten diese platonische Ideeninfluenz begegnen muß, das wußte niemand besser, als der scharfsinnige Kritiker ARISTOTELES. Er war alles, nur kein philosophisches Genie. Er packte die platonische Lehre an und suchte sie zu verbessern. Die Abgetrenntheit der Formprinzipien schien ihm das Hauptgebrechen und er glaubte dieses zu beheben, indem er die Formprinzipien in das Veränderliche hineinrückte. Die Form ist nach ihm in den Dingen und sie ist die Ursache ihrer Gestalt, und immanente Formen sind die Ursachen der Veränderung. (So ist z. B. ein Modell, um welches man eine plastische Masse gießt, die Form der neuen Gestalt und die Ursache der Form.) Auf diese Weise glaubte ARISTOTELES vortrefflich die Schwierigkeiten des abgetrennten Formprinzips umgangen zu haben - aber leider hatte er nur PLATONs Lehre, in der fertigen Gestalt scharf ins Auge gefaßt, aber für das metaphysische Bedürfnis, dem sie entquollen war, hatte er kein Auge. Und PARMENIDES hätte ihm mit Recht gesat:  Nein, innerhalb  des Veränderlichen kann sich das präzisiere Prinzip der Veränderung niemals erhalten - damit fällt diese Lehre.

Aus dem metaphysischen Problem des Form- und Veränderungsprinzips wurde später unter den Auspizien [Vogelschau - wp] des ARISTOTELES ein logisch-grammatikalisches über das Verhältnis des Abstraktums zu seinem Konkreten. ARISTOTELES ging logisch subtil vor und unterschied Form, Ursache, Materie, aber metaphysisch, sachlich förderte er die Einsicht in ihre Beziehungen nicht mehr als die alten Hylozoisten, [Anhänger der Lehre von der Selbstbewegung der Materie - wp] die einfach kraftbegabte Materie angenommen hatten, wie es auch die Denken nach ARISTOTELES wieder taten.

Wenn man etwa glaubt, man könne sich heutzutage mittels der Form "das Gesetz ist im Atom" dem ARISTOTELES anschließen, so kann man sicher sein, ebenso falsch, formalistisch und gedankenleer vorgegangen zu sein, wie jener. Lächerlich geradezu ist es auch zu sagen, der Stoff ist  seiner Natur nach  bewegt. Denn seiner erscheinenden Natur nach ist der Stoff nur das Ausgedehnte eventuell Harte und das Bewegtsein ist doch etwas anderes, als das Ausgedehntsein und daher kann nicht jenes seinem Sein, seiner Natur nach, ein anderes sein. Das wäre, wie wenn man sagen wollte, das Weiße sei seiner Natur nach süß. Daß aber Materie mit Bewegung immer  verbunden  sei - kann man auch nicht  durchdenken,  denn mit der räumlich sich erstreckenden Materie kann - insofern wir sie eben  so  in unser  Denken  fassen - nur wieder Räumliches verbunden sein. Man muß sich vielmehr klar sein, daß wir wohl freilich immer von Ewigkeit zu Ewigkeit nur rotierende Materie zu sehen bekommen könnten, daß aber dieser Vorgang nicht nur undurchdenkbar ist, sondern falls dies wirklich seine ganze, veritable Natur wäre, unmöglich, einfach widersinnig ist und daß hinter ihm die wahrhaft wirkenden Faktoren stehen müssen. Um ihn herum aber schlichen die Spekulationen des PARMENIDES und PLATONs und erfüllen uns mit Rührung über ihre verzweifelnden und wehmütigenden Träumereien.

Dem ARISTOTELES aber, nachdem er unfruchtbar an der in ihren Triebfedern ungewürdigten Konzeption des PLATON über das Bleibende, Beharrlich herumgearbeitet hatte, erging es wie es vielen ergeht, welche sich, wenn auch tadelnd in die Formen eines anderen vertieften: er nahm des PLATON Formen an. Des ARISTOTELES Gott ist so abgetrennt von der Welt, wie die Ideen PLATONs. Und wenn nach ARISTOTELES eine Form wieder die Materie für eine andere Form sein soll, so ist damit die Schwierigkeit der platonischen Abtrennung der Ideen noch überboten.

Die griechische Metaphysik steht aber ganz im Bannkreis des PARMENIDES.

Diese Abhandlung (1) ist allerdings so unklug, ausdrücklich den Anspruch geltend zu machen, den doch eigentlich jede Arbeit erhebt, nämlich zur einzigen Richtschnur in ihrem Gebiet dienen zu sollen. Man kann in der Entwicklung der Philosophie von HERAKLIT bis ARISTOTELES noch viele Motive außer dem Empfindungsmotiv der Substitution der Theologie durch eine freie Weltanschauung finden - aber das treibende rationale scheint mir das hier aufgezeigte zu sein. Und so wie man einen Flußlauf durch Beziehung auf allerhand landschaftliche Objekte oder Gleichnisse beschreiben kann, die absolut richtige Beschreibung aber die mittels der Punkte der Windrose ist, so scheint mir auch die hier vorgebrachte Bloßlegung des Ganges der griechischen Spekulation die absolute. Dies aber nicht deshalb, weil meine Wenigkeit selbstliebend und starrköpfig ist, sondern weil ich mit HEGEL, wenn auch in anderer Modalität wie er, glaube, daß die ontologischen Probleme sich selber ihre Denker erzwingen und daß es, zwar in leichter, zufälliger historischer Verkleidung und leicht betroffen von zufälliger historischer Auslese, eine logisch-ontologisch prästabilisierte Aufrollung und Abschließung der Probleme gegeben hat.

LITERATUR - Richard Wahle, Metaphysik und Geschichte der Philosophie, Archiv für Philosophie, Neue Folge, Band X, 1. Heft, Berlin 1897
    Anmerkungen
    1) Es werde mir nicht verübelt, wenn ich auch auf "Das Ganze der Philosophie", Wien/Leipzig 1894 und "Geschichte der Entwicklung der Philosophie", Wien/Leipzig 1895 hinzuweisen mir erlaube. Auch die neue Psychologie im ersteren Werk empfehle ich, wenn ich auch weiter auf Zitiertwerden verzichte, zur geneigten Verwendung.