p-4 tb-1BegriffsbildungErfahrung und DenkenMenschliche Gewißheit    
 
JOHANNES VOLKELT
Erfundene Empfindungen

"Was wir beim gewöhnlichen absichtslosen Sehen in der Augengegend spüren, ist ein dunkles, konfuses Gemisch von leisen Lage-, Spannungs- und Bewegungsempfindungen, das sich etwa wie ein Nebelfleck in unserem Bewußtsein ausnimmt. Ja sehr oft, besonders wenn sich, während wir sehen, unsere Aufmerksamkeit auf eine nicht dem jeweiligen Sehfeld angehörige Vorstellung, z. B. auf eine Gehörsempfindung oder ein Phantasiebild konzentriert, begleitet nicht einmal dieser undeutliche Empfindungsnebel das Sehen, sondern es sind dann, ganz ohne die Empfindung des Sehens selber, sofort die gesehenen Objekte für uns da."

"Meine Absicht ist zu zeigen, daß die Lokalzeichen nicht im Sinne wirklicher Empfindungen genommen werden dürfen und daß daher die verschiedenen Theorien an diesem Punkt eine Änderung erfahren müssen."

"Wer nicht ganz anders woher weiß, daß er Muskeln besitzt und daß diese von den motorischen Regionen der Großhirnrinde aus erregt werden, würde dies durch seine Empfindungen niemals erfahren."

WUNDT rügt in seiner Logik (I, Seite 39) bei Gelegenheit der gewöhnlichen Lehre von der Begriffsbildung die Neigung der Psychologen, logischen Forderungen zuliebe psychologische Gebilde zu konstruieren, die niemals in unserem Bewußtsein anzutreffen sind. Er hat dabei die Ansicht im Sinn, daß die Begriffe in unserem Bewußtsein von gewissen unbestimmten, verworrenen Gesamtvorstellungen oder von vage wechselnden einzelnen Vorstellungen regelmäßig begleitet seien. Wer in seinem Bewußtsein unbefangen Umschau hält, wird ihm darin Recht geben müssen, daß derartige Gebilde in unserem Bewußtsein überhaupt nicht existieren, daß sich uns der Begriff vielmehr stets an eine stellvertretende Einzelvorstellung knüpfe.

Man sollte nun denken, daß das Gebiet der Empfindungen dem Erfinden von Bewußtseinsvorgängen so gut wie gar keine Gelegenheit bieten könne. Lassen sich doch die räumlichen Wahrnehmungen, die Farben-, Tonempfindungen usw. ohne Zweifel viel leichter und sicherer unterscheiden und festhalten, als die Vorgänge in unserem inneren Vorstellen. Und dennoch geschieht es auch im Bereich der Empfindungen, trotz ihres Vorzugs an Beobachtbarkeit, keineswegs selten, daß Vorgänge, von denen es unbezweifelbar feststeht, daß wir sie nicht empfinden und überhaupt nicht in unserem Bewußtsein antreffen, als wirkliche Empfindungen ausgegeben werden. Und es ist, wie mir scheint, gerade die moderne, sich ihres exakten Verfahrens in vielen Beziehungen mit Recht rühmende Psychologie, welche zu solchen Unterschiebungen neigt. Ich mußte oft staunen, welche bestimmte und dabei äußerst subtile Unterscheidungen in unseren Empfindungen gegeben sein sollen, wo diese doch der unbefangenen Beobachtung entweder ein reines Nichts oder ein unbestimmtes Dunkel aufweisen. Fast überall aber werden diese Empfindungen im Dienst der psychophysischen (1) Erklärung gewisser komplizierter Sinneswahrnehmungen gemacht.

So tritt uns ganz vorzüglich in den Erörterungen über die  Entstehung des räumlichen Sehens  ein Gebiet entgegen, wo absolut Unempfundenes für wirkliche Empfindung erklärt wird. Halten wir uns zunächst an LOTZE. Nach seiner Ansicht erschafft die Seele alle räumlichen Konstellationen mit Hilfe eines Systems abgestufter qualitativer Kennzeichen: der sogenannten Lokalzeichen. Diese bestehen vor allem in den durch die Augenmuskeln in Folge der verschiedenen Lichtreize vollzogenen Drehungen des Auges. Genauer gesprochen jedoch, sieht LOTZE nicht in diesen Bewegungen selbst, sondern in den ihnen enstprechenden  Bewegungsgefühlen  die zur Konstruktion des Sehfeldes unentbehrlichen Lokalzeichen. Der Wahrnehmung einer jeden räumlichen Konfiguration sollen bestimmt unterscheidbare, quantitativ gedeutete Bewegungsgefühle entsprechen (Metaphysik, 1879, Seite 554f).

Ähnlich, nur komplizierter sind die Theorien von HELMHOLTZ und WUNDT und so treten denn auch die unempfindbaren Empfindungen in reicherem Maße auf. Beide nehmen zur Erklärung der Gesichtsvorstellungen erstlich  Innervationsgefühle  [Erregung eines Organs oder Gewebes durch Nerven - wp]) an. HELMHOLTZ sagt: "Wir fühlen den Grad der Innervation, die wir den Augenmuskelnerven zufließen lassen" (Physiologische Optik, Seite 797). Und ebenso besteht nach WUNDT der eine Faktor beim Zustandekommen der Gesichtsvorstellungen in den vom Zentralorgan ausgehenden, lediglich intensiv abgestuften Innervationsempfindungen (Psychologie II, 2. Auflage, Seite 162f und 176f). Dazu kommen nun bei beiden noch  peripherische Sinnesempfindungen.  HELMHOLTZ nimmt an, daß jeder Stelle der gereizten Netzhaut ein gewisses Zeichen entspreche und ausdrücklich will er diese "Lokalzeichen, durch welche wir die Reizung der vom Licht des Objektpunktes  A  gereizten beiden Netzhautstellen von der Reizung aller anderen Netzhautstellen unterscheiden können", "als Momente in der Empfindung" angesehen wissen (a. a. O., Seiten 530 und 797). Genauer noch bestimmt WUNDT diesen zweiten Faktor. Seiner Ansicht nach bestehen die qualitativ veränderlichen peripherischen Sinnesempfindungen aus den den jeweiligen Stellungen des Auges entsprechenden Muskel. und Tastempfindungen und den Lokalzeichen der Netzhaut im engeren Sinne, worunter er gewisse lokale Färbungen der Lichtempfindungen der Netzhaut und der Muskel- und Tastempfindungen versteht (a. a. O.). Es liegt außerhalb meines Zweckes, auszuführen, wie WUNDT durch eine Synthese beider Faktoren das räumliche Sehen entspringen läßt.

Wird denn nun aber wirklich unser Sehen von auch nur einigermaßen deutlich unterscheidbaren Bewegungs-, und Innervations- und anderen Empfindungen begleitet? Was wir beim gewöhnlichen absichtslosen Sehen in der Augengegend spüren, ist ein dunkles, konfuses Gemisch von leisen Lage-, Spannungs- und Bewegungsempfindungen, das sich etwa wie ein Nebelfleck in unserem Bewußtsein ausnimmt. Ja sehr oft, besonders wenn sich, während wir sehen, unsere Aufmerksamkeit auf eine nicht dem jeweiligen Sehfeld angehörige Vorstellung, z. B. auf eine Gehörsempfindung oder ein Phantasiebild konzentriert, begleitet nicht einmal dieser undeutliche Empfindungsnebel das Sehen, sondern es sind dann, ganz ohne die Empfindung des Sehens selber, sofort die gesehenen Objekte für uns da. Übrigens selbst wenn wir mit Absicht und Nachdruck sehen, wie z. B. beim Schätzen von Größen, ist es ein ganz verworrenes Schwanken von Empfindungen, was wir in der Augengegend spüren.

Fast ist es störend für das Gefühl, gegenüber so umsichtig und sorgfältig geführten Untersuchungen schwierigster Art nichts weiter zu tun, als mit dem leichten Einwand hervorzutreten, daß es eben solche Empfindungen  einfach nicht gibt,  wie sie jene Theorien, welche die allmähliche Entwicklung des räumlichen Sehens - und mit vollem Recht - im Anschluß an die in den Sinnesapparaten gegebenen Bedingungen zu verstehen suchen, postulieren zu müssen glauben. Allein diese Tatsache läßt sich nun einmal nicht wegleugnen und muß daher jenen Theorien in Erinnerung gebracht werden. Die genannten und viele andere Forscher vergessen, daß der Begriff "Empfindung" schlechterdings alle Bedeutung verliert, wenn das Merkmal des Bewußtseins fehlt und daß daher nur dasjenige als menschliche Empfindung behauptet werden darf, wovon das menschliche Bewußtseins Zeugnis ablegt. Was ich, trotz angestrengtester Aufmerksamkeit, in meinem Bewußtsein nicht bemerke, ist eben nicht meine Empfindung. So ist es denn auch ein verkehrtes Unternehmen, gewisse Empfindungen in unserem Bewußtsein als notwendig oder wahrscheinlich  beweisen  oder sie  hypothetisch  annehmen zu wollen und doch trifft man in den verschiedenen Darstellungen der Lokalisationstheorie auf zahlreiche Wendungen, welche gewisse Empfindungen als notwendiges, wahrscheinliches oder wenigstens mögliches Ergebnis einer Ableitung hinstellen- Was kann aber alles Beweisen helfen, wenn mich mein Bewußtsein eben einfach nichts von einer derartigen Empfindung spüren läßt? Und wie kann eine Empfindung als wahrscheinlich oder möglich hingestellt werden, da uns doch unser Bewußtsein die Empfindungen, um die es sich handelt, in untrüglicher Weise entweder zeigt oder nicht zeigt?

Es wäre vergeblich, den Ausweg zu wählen, daß jene Bewegungsempfindungen (ich will der Kürze halber von den übrigen absehen) in unser Sehresultat eingeschmolzen seien und dabei eine Veränderung, wie sie bei der chemischen Mischung vorkommt, erlitten haben, so daß ihre Einzelbeschaffenheit unkenntlich geworden sei. Denn wenn, woran ich nicht zweifle, die Gesichtswahrnehmungen aus einfacheren Faktoren zusammengesetzt sind, so dürfte man doch diese durch Analyse gewonnenen Elemente nur dann als unsere Empfindungen bezeichnen, wenn sie in dieser Form, in welcher sie herausanalysiert wurden, als Empfindungen in unserem Bewußtsein angetroffen würden. Haben diese Elemente  in eben ihrer elementaren Form  nirgends in uns ein Empfindungsdasein, sondern immer nur in der veränderten Form, die sie in der Verschmelzung oder Synthese angenommen haben, so darf man natürlich diese elementaren Faktoren selber auch nicht als Empfindungen bezeichnen.

Ebensowenig wäre es erlaubt, zu sagen, daß jene elementaren Empfindungen auf der Entwicklungsstufe des Kindes, wo es das Sehen lernt, wirklich vorkommen, dann aber, wenn dieser Prozeß, infolge von Übung, die gewöhnliche, im Unbewußtwerden von früher bewußten Gliedern bestehende Abkürzung erfährt, aus dem Bewußtsein fast ganz verschwinden. Denn hierbei würde dasjenige Bewußtseinsglied, das den  Anfang  des Prozesses bildet und ihm die  Anhaltspunkte  zu seinem weiteren Verlauf gibt (nämlich die bewußte Kunde von den Bewegungen des Auges usw.), dem Bewußtsein verloren gehen, während bei jenen Abkürzungen von psychophysischen Prozessen durch Übung und Gewohnheit immer nur  Mittelglieder  aus dem Bewußtsein ausscheiden. Wenn der Prozeß des Gehens, Greifens, Lesens, Klavierspielens seine Abkürzung erfährt, so werden von derselben niemals das Empfinden des Bodens, das Wahrnehmen des zu greifenden Gegenstandes, die Buchstaben- und Notenbilder getroffen. Wenn diese Anfangsglieder, welche die Anhaltspunkte für den weiteren Verlauf der Prozesse abgeben, dem Bewußtsein verloren gingen, so würde der ganze Vorgang unmöglich werden. Soll es daher für das Zustandekommen des räumlichen Sehens beim Kind unerläßlich sein, daß es von den verschiedenen Lokalzeichen der Netzhaut und Augenmuskeln bewußte Kunde erhält, so müßte dies auch für alle weiteren Entwicklungsstadien und bei allen etwa vorkommeden Abkürzungen des räumlichen Sehens ein unentbehrliches Glied bleiben. Den Prozeß einmal an dieses Glied als seine Bedingung knüpfen und dann doch dieses ins Unbestimmte und ganz Unbewußte herabsinken zu lassen, dies würde mit der Zumutung gleichbedeutend sein, daß jemand, dem alle Buchstaben zu einem schwankenden Nebel zusammenrinnen, deutlich lesen solle.

Selbstverständlich können und wollen diese Bemerkungen die Theorien von der psychophysischen Entwicklung des räumlichen Sehens nicht umstoßen. Auch für den Standpunkt, der in der räumlichen Anschauung eine apriorische Betätigungsrichtung des Bewußtseins erblickt, besitzen die verschiedenen empiristischen Theorien einen hohen sachlichen Wert. Denn auch die aprioristische Ansicht wird verständigerweise zugeben müssen, daß die  Ausgestaltung  des Sehraumes sich im engsten Anschluß an die physiologischen Bedingungen des Sehens entwickle. Meine Absicht ist lediglich, zu zeigen, daß die Lokalzeichen nicht im Sinne wirklicher Empfindungen genommen werden dürfen und daß daher die verschiedenen Theorien an diesem Punkt eine Änderung erfahren müssen. Ob man an die Stelle wirklicher Empfindungen bloße Nervenerregungen oder unbewußt psychische Analogien von Empfindungen oder sonst etwas zu setzen haben werde, habe ich hier nicht zu entscheiden. Ohne Frage entstehen durch das Aufgeben dieser so bequem und naturgemäß erscheinenden Empfindungshilfen neue Schwierigkeiten; der Zusammenhang zwischen dem zweckmäßigen komplizierten Resultat, wie es in der Gestaltung unseres Sehfeldes vorliegt und den dem Bewußtsein zur Konstruktion desselben zu Gebote stehenden Faktoren wird noch mehr ins Dunkel gerückt.

Als ein zweites Gebiet, auf welchem es häufig vorkommt, daß Empfindungen, die nirgends angetroffen werden, in unser Bewußtsein gewissermaßen hineinbewiesen werden, stellen sich die verschiedenen Theorien der Entstehung des  Tastraumes  dar. Ich will nur einen einzigen Punkt herausgreifen. Auch hier werden gewisse "Lokalzeichen" zur Erklärung herangezogen. Jeder Hautstelle soll, ganz abgesehen von der durch den äußeren Eindruck bedingten wechselnden Qualität des Empfindens, eine bestimmte lokale Färbung des Empfindens zukommen, durch die sich jede Hautstelle von allen übrigen unterscheidet. Diese qualitativ bestimmten Empfindungen, die an sich noch nichts Räumliches haben, sollen dem Bewußtsein die hauptsächlichsten Anhaltspunkte zur Entwerfung des Tastraumes darbieten (WUNDT, Psychologie II, Seite 25f). Indessen muß allem Scharfsinn gegenüber die Tatsache konstatiert werden, daß es derartige unräumliche, je nach der Hautstelle qualitativ verschiedene Empfindungen, die zu dem durch den äußeren Reiz gegebenen Inhalt der Tastempfindungen hinzukommen sollen, in unserem Bewußtsein einfach nicht gibt. Wo anders aber sollten diese Empfindungen existieren? Auch hier ist es vergeblich, sich durch den Hinweis darauf decken zu wollen, daß diese Lokalzeichen mit den übrigen bei diesem Prozeß mitwirkenden Empfindungen so untrennbar verschmolzen seien, daß sie für uns unerkennbar werden. Denn besteht zugestandenermaßen ihre Bedeutung darin, daß nach Maßgabe der Empfindung von ihnen die Raumanschauung entstehen soll, so müßten sie eben, wenn auch noch so vorübergehend, als bemerkbare Empfindungen in unserem Bewußtsein gegenwärtig sein. (2)

Als ein drittes Gebiet, wo häufig Empfindungen erfunden werden, weist die moderne Psychologie die Behandlung der Frage auf, welche psychischen Vorgänge unsere  Körperbewegungen  begleiten. Wenn ich vom Willensimpuls, der jeder willkürlichen Bewegung vorangeht, jedoch nicht in den Bereich der Empfindung fällt, absehe, so ist es zweierlei, was das Zustandekommen jeder Bewegung begleitet:
    1) die Empfindung einer gewissen Anstrengung, Anspannung, Energie, die sich im bewegten Glied lokalisiert und

    2) damit auf das Engste und fast ununterscheidbar verknüpft, die Empfindung der Bewegung selbst.
Jene können wir als  Kraftempfindung,  diese als  Bewegungsempfindung  im engeren Sinn bezeichnen. Besonders die letztere stellt sich uns als ein schwer zu analysierendes, dumpfes, verschwommenes Ganzes dar, doch können wir daran folgende Seiten mit voller Sicherheit unterscheiden: die schwer zu beschreibende Empfindung des bewegten Gliedes selbst, die Empfindung des Umfanges, der Richtung und der Geschwindigkeit der Bewegung. Keinesfalls aber haben wir dabei von der zentralen Erregung der zu den Muskeln des Gliedes verlaufenden Nerven, noch auch von peripherischen Nervenvorgängen im Muskel selbst, noch überhaupt vom Muskel auch nur die leiseste Spur von Empfindung. Wer nicht ganz anders woher weiß, daß er Muskeln besitzt und daß diese von den motorischen Regionen der Großhirnrinde aus erregt werden, würde dies durch seine Empfindungen niemals erfahren. Ebensowenig, wie ich die Luftschwingungen höre oder die Wellen des Äthers sehe, empfinde ich die zentrale motorische Innervation oder die Muskelvorgänge.

Es ist demnach zumindest mißverständlich, wenn die Empfindungen, welche die Bewegung begleiten, als  Innervations-  oder  Muskelempfindungen  bezeichnet werden; denn es wird dadurch leicht der Schein erregt, als ob Innvervationsvorgänge oder Muskelerregungen in derselben Weise Objekt des Empfindens wären wie Töne oder Farben. Ohne Frage ist es ein wichtiger Gegenstand der psychophysischen Forschung, zu bestimmen, ob die zur Bewegung gehörigen Empfindungen direkt durch zentrale Innervation oder durch sensible Muskelnerven oder durch die Tastnerven oder durch ein Zusammenwirken zweier oder aller drei Ursachen erregt werden und meine Bemerkungen sollen und können diesen Untersuchungen, wie wir sie bei Psychologen (am ausführlichsten bei WUNDT, Psychologie I, Seite 369f; II, Seite 16f) und Physiologen finden, in keiner Weise entgegentreten. Man hat sich nur bewußt zu bleiben, daß diese Untersuchungen das Gebiet des Empfindens überschreiten, indem sie die nicht zur Empfindung gelangenden physiologischen Erreger jener Empfindungen betreffen. Dieser Sachverhalt aber scheint mir durch solche Benennungen wie Innervations- und Muskelempfindungen verdunkelt zu werden.

Es sind indessen diese Benennungen nicht bloß mißverständlich, sondern es wird mit ihnen zuweilen wirklich der Sinn verknüpft, als ob Innervations- oder Muskelvorgänge als solche empfunden würden. Und selbst äußerst vorsichtige Denker halten sich von dieser Unterschiebung nicht frei. In der Auseinandersetzung die z. B. WILHELM VOLKMANN, der sonst das dem Empfinden als solchem Zukommende und die physiologischen Vorgänge aufs Feinste auseinanderzuhalten weiß, von der Muskelempfindung gibt, findet sich der Satz, daß der Muskel Objekt der Muskelempfindung sei (Psychologie I, Seite 291). Nach HELMHOLTZ "nehmen wir die Spannung der Muskeln wahr"; die Spannung der Muskeln soll "deutlich fühlbar" sein (a. a. O. Seite 599). Genau gesprochen  deuten  wir unsere Anstrengungsgefühle auf Muskelspannungen, weil wir  anderswoher  wissen, daß wir Muskeln haben und diese durch die motorischen Nerven eine Kontradiktion erfahren. Es ist in jenen Ausdrücken eine ähnliche Unterschiebung enthalten, als wenn ich sagen wollte, daß ich mittels der Temperaturempfindung den Ofen spüre. Auch WUNDT spricht einige Male so, als ob wir das, worauf wir infolge unseres physiologischen Wissens die Bewegungsgefühle beziehen, unmittelbar fühlten. Wenn er z. B. sagt, daß bei einer Bewegung unseres Körpers die Vorstellung der intendierten Anstrengung "unmittelbar in der Innervationsempfindung ihr Maß habe" (a. a. O. II, Seite 18), so scheint es doch, als ob wir außer dem Anstrengungsgefühl auch die Innervation selbst spürten. Auch scheint es mir unstatthaft, die physiologische Unterscheidung der Bewegungsgefühle je nach ihrer zentralen oder in den sensiblen Muskelnerven stattfindenden Erregung auch nur in der Weise psychologisch zu verwerten, daß man eine  lediglich intensiv abgestufte  Kraftempfindung (aus zentraler Innervation hervorgehend) und eine  qualitativ abgestufte  Kontraktionsempfindung (mit peripherischem Ursprung) unterscheidet (WUNDT, a. a. O. I, Seite 370, 376; II, Seite 28, 164, 177). Diese Zerlegung der Bewegungsempfindung im weitesten Sinne in eine qualitativ gleichförmige und eine qualitativ abgestufte Gefühlsart scheint mit selbst bei aufmerksamster Beobachtung nirgends in der inneren Erfahrung gegeben zu sein.

Auch aus anderen Gebieten der Lehre von den Empfindungen und Wahrnehmungen könnte ich Belege von unempfindbaren Empfindungen bringen. Doch ich will es genug sein lassen und nur noch auf ein besonders auffallendes Beispiel hinweisen. Im Buch von S. STRICKER, "Studien über die Assoziation der Vorstellungen" (Wien 1883) werden die  Worte  - und er versteht darunter sowohl die gesprochenen, als auch die stillgedachten - als "Vorstellungen von jene Nervenimpulsen, welche wir zu den Sprechmuskeln senden müssen, um die Worte wirklich zu sprechen", definiert und diese Definition wird so streng genommen, daß das Reproduzieren von Gehörsvorstellungen als etwas zum Hervorbringen der Worte nötiges geradezu geleugnet wird. Im Gegensatz hierzu lehrt jeden das eigene Bewußtsein, daß beim stillen Denken von Worten wir auch nicht die leiseste Andeutung von begleitenden Tast- und Bewegungsempfindungen der Sprachwerkzeuge oder von einem auf dieselben gerichteten Willen spüren (es sei denn, daß das stille Denken sich schon dem halblauten Sprechen nähert), sondern daß wir dabei ausschließlich das akustische Wortbild gegenwärtig haben. Dieses letztere wird man aber doch wohl, wenn man nicht auf jedes psychologische Verstehen verzichten will, als "reproduziert" ansehen müssen, wozu natürlich nicht, wie STRICKER seltsamerweise anzunehmen scheint, ein genaues Erinnern an die Stimme, von der ich das betreffende Wort gehört habe, nötig ist. Der Prozeß des lauten Sprechens ist viel komplizierter und es ist nicht meine Aufgabe, ihn hier zu analysieren. Soviel jedoch ist ohne weiteres klar, daß die Empfindungen in der Gegend der Sprachwerkzeuge, auf welche Stricker ein so großes Gewicht legt, beim lauten Sprechen als bloße leise, höchst unbestimmte Begleiterscheinungen auftreten. Was ich beim Aussprechen eines Wortes im Blickpunkt der Aufmerksamkeit habe, ist etwas ganz anderes. Wenn jemand auf einen Tisch hinweist und mich auffordert, den Namen dieses Gegenstandes auszusprechen, so wird, indem ich das Wort "Tisch" ausspreche, im Zentrum meiner Aufmerksamkeit wohl nichts anderes vor sich gehen, als zunächst die innere Vorstellung des (reproduzierten) akustischen Wortbildes "Tisch" und unmittelbar hierauf, ja damit fast zusammenfallend die Gehörswahrnehmung des von meinen Sprachwerkzeugen verwirklichten Wortbildes; außerdem wird sich darin wohl nur noch die Absicht des Sprechenwollens überhaupt, ohne jede spezialisierte Direktion nach den Sprechmuskeln hin, entdecken lassen. Dagegen spielen sich jene dunklen Tast- und Bewegungsempfindungen in der Mundhöhlengegend sozusagen am Rande des Bewußtseins ab. Die nach den einzelnen Sprachorganen gehenden Nervenimpulse selbst fallen gänzlich außerhalb eines Bewußtseins überhaupt. So wird also in jener Definition STRICKERs der wesentlichste Bewußtseinsvorgang ignoriert und unter Anlehnung an eine dunkle, ja in der einen Hälfte der zu definierenden Erscheinungen (beim stillen Denken der Worte) gänzlich fehlende Begleitempfindung, ein exklusiv physiologischer Vorgang für den eigentlichen Bewußtseinsvorgang erklärt.

Zum Schluß will ich auf eine mit der besprochenen Neigung der modernen Psychologie eng zusammenhängende Erscheinung hindeuten. Häufig nämlich geschieht es, daß nicht gerade Empfindungen erfunden, wohl aber rein physiologische oder physikalische Maßstäbe mit dem Anspruch an das Empfinden gelegt werden, daß sich dieses in seiner Eigentümlichkeit nach jenen zu richten habe. Ich erinnere z. B. an die Lehre von den sogenannten  Grundfarben.  Wenn die Farben im eigentlichen Sinne, also die Farbempfindugnen, auf Rot, Grün und Violett als Grundfarben, (HELMHOLTZ sagt geradezu "Grundempfindungen" a. a. O. Seite 291) zurückgeführt werden, so ist damit in die Farbempfindung ein Maßstab hineingetragen, dem von dieser geradezu widersprochen wird. Für das Empfinden macht Grün und Violett in unbezweifelbarer Weise den Eindruck des Zusammengesetzten, Gemischten, während dem gegenüber Gelb und Blau als einfach und rein empfunden werden, mag auch die Physik über die objektiven Substrate dieser Farben und die Mischungsergebnisse derselben zu einem ganz anderen Resultat kommen. Für die Empfindugn hat es überhaupt keinen Sinn, die Farben auf gewisse Grundfarben in der Weise der Physik d. h. so reduzieren zu wollen, daß aus Verschmelzung oder Mischung der Grundempfindungen die übrigen Farbenempfindungen hervorgehen sollen. Für das Empfinden ist jede Farbe eine besondere, schlechtweg fertige Qualität. Hierher gehört es auch, daß manche Psychologen und Physiologen Weiß und Schwarz nicht als besondere, den Abstufungen des Farbenspektrums ebenbürtige Empfindungsqualitäten, sondern für bloße Intensitätsunterschiede gelten lassen wollen. Auch hier läßt man den physikalischen Umstand, daß dem Schwarz und Weiß keine besondere Wellenlänge entspricht, für die Beurteilung des eine ganz andere Sprache redenden Empfindens maßgebend sein.

Käme die Erhebung von schlechtweg Unempfundenen zu vermeintlichen Empfindungen nur hie und da als bloße Unbedachtsamkeit vor, so wäre es kleinlich, davon in einem besonderen Aufsatz zu sprechen. So verhält es sich aber nicht; wir haben es vielmehr mit einer weit verbreiteten Erscheinung zu tun, die zudem mit dem berechtigten und erfolgreichen Streben der modernen Psychologie, das Empfindungsleben auf die einfachsten Elemente zurückzuführen und in seiner komplizierten physiologischen Bedingtheit zu erkennen, eng zusammenhängt. Durch das Bestreben, die Empfindungen aus ihren physiologischen Veranlassungen zu verstehen, wird begreiflicherweise der Wunsch erzeugt, daß sich jene nach den physiologischen Tatsachen und den Postulaten der psychophysischen Analyse möglichst richten mögen und da findet sich nur zu leicht jene Verwechslung ein, die eine Menge nicht empfundener Vorgänge in der dunkleren, unbestimmteren Region des Empfindens sich abspielen zu sehen glaubt. Erleichtert aber wird diese Verwechslung noch durch die in der modernen Psychologie sehr verbreitete Unterschätzung der Methode der direkten Beobachtung der Bewußtseinsvorgänge.

LITERATUR - Johannes Volkelt, Erfundene Empfindungen, Philosophische Monatshefte 19, Leipzig 1883
    Anmerkungen
    1) Ich nenne hier der Kürze halber alle psychologischen Erörterungen über den Zusammenhang der seelischen Phänomene mit ihren besonderen physiologischen Bedingungen "psychophysisch".
    2) Hier noch ein Beleg für die weite Verbreitung der besprochenen Erscheinung in der gegenwärtigen Psychologie und Physiologie der Sinne. Um sich den "Ortssinn der Haut" zu erklären, nimmt BERNSTEIN an, daß das Gehirn aus der Erfahrung, die es sich erworben hat, sehr genau weiß, von welcher Hautstelle eine Erregung herkommt, wenn sie durch eine bestimmte Nervenfaser anlangt und deshalb die ganze Empfindung an diejenige Hautstelle versetzt, welche gereizt worden ist (Die fünf Sinne des Menschen, Leipzig 1875, Seite 22). Nach dieser Ansicht müßte uns unser Bewußtsein 1) unlokalisierte Tasterregungen, 2) ein Gefühl von der Zugehörigkeit derselben zu den zentralen Nervenendigungen, durch die sie uns zugeführt werden, 3) ein Gefühl von der Zugehörigkeit dieser Nervenendigungen zu den verschiedenen Hautbezirken, und 4) ein Versetzen jener unlokalisierten Empfindungen nach den entsprechenden Hautstellen hin aufweisen. Von einem derartigen Prozeß ist aber in unserem Bewußtsein auch nicht die leiseste Spur zu entdecken und doch könnte er nach der Darstellung BERNSTEINs nigendwo anders seinen Ort haben. Wir empfinden  sofort,  ohne irgendwelchen bewußten Herstellungsprozeß, die fertigen, lokalisierten Tasteindrücke.