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FRANZ STAUDINGER
Der Widerspruch
[in theoretischer und praktischer Bedeutung]

"Schon wenn ich sage: Dies ist der nämliche Gedanke, den ich vorhin hatte, stelle ich nicht etwa im strengen Sinn mein jetziges Denken, den jetzigen psychologischen Akt, als den nämlichen hin, wie den vorhergehenden. Vielmehr muß der Inhalt jedes einzelnen Bewußtseinsaktes auch als neuer Inhalt angesehen werden. Was meine ich denn nun, wenn ich dennoch sage, die beiden unterschiedlichen Denkakte enthalten den nämlichen Gedanken? Ich beziehe offenbar den zeitlich verschiedenen Inhalt beider auf dieselbe Einheit. Beide Denkakte  bedeuten  dasselbe, obwohl sie nicht dasselbe  sind." 

"Einzelne besonders hervorstechende und für einen bestimmten Gegenstand eigenartige Separatvorstellungen werden bewußt oder unbewußt zu Vertretern des Gesamtgegenstandes. So vertritt uns der bloße Anblick eines vierbeinigen behaarten Landtieres sofort den Gesamtbegriff eines Säugetiers, eine charakterisische Tonfolge ein ganzes Musikstück oder der Anfang eines Gesamgsbuchliedes das ganze Lied. Ja, sogar zum Objekt als solchem ganz beziehungslose Vorstellungen wie Worte und Schriftzeichen können in Bezug auf dasselbe eine Vertretungsgeltung und somit Vertretungsidentität erhalten".


I.

1. Zuvörderst haben wir die Frage zu erledigen, was ein Widerspruch seiner inneren Natur nach ist. Das Verfahren, welches wir zur Beantwortung derselben einschlagen, ist zunächst nicht das der Induktion, welche die gemeinsamen Merkmale einer zahllosen Tatsachenreihe aufsammelt und klassifiziert, sondern es ist das der Analyse. Wir haben zu verfahren, wie der Chemiker verfährt, wenn er einen Stoff rein darstellen will. Das, was den Widerspruch ausmacht, ist von allem Beiwerk abzuscheiden und für sich darzustellen. Hierzu können verschiedenartige Beispiele gleich dienlich sein. Und wie der Chemiker erst dann, wenn er genau festgestellt hat, was etwa unter Sauerstoff zu verstehen ist, induzierend vorgehen und die Verbindungen aufsuchen kann, in denen Sauerstoff vorkommt, so können auch wir erst nach der Lösung jener ersten Aufgabe die Stellung klarlegen, die der Widerspruch in den verschiedenen Formen des Geisteslebens einnimmt.

Immerhin aber müssen wir, sobald wir etwas suchen, schon im Voraus wenigstens eine allgemeine Vorstellung von dem haben, was wir suchen, sonst hängt es vom Zufall ab, was wir finden. Die allgemeine Vorstellung vom Widerspruch sagt nun, es widerspreche sich etwas, was nicht vereinbar sei, aber doch vereint werden soll, oder trotz seiner Unvereinbarkeit als vereint vorgestellt wird. Von diesem allgemeinen Begriff ausgehend, wenden wir uns zur Analyse einiger Beispiel.

Ein in der alten Logik häufig angeführtes Beispiel eines Widerspruches ist das vom viereckigen Zirkel. Worin liegt hierbei die Unvereinbarkeit? In den Vorstellungen von "viereckig" und "Zirkel" liegt dieselbe nicht; denn beide können recht wohl als zusammen verbunden vorgestellt werden, wie im umgeschriebenen oder eingeschriebenen Kreis. In der Wortverbindung als solcher liegt ebenfalls keine Unvereinbarkeit; denn  viereckig  läßt sich in eine grammatisch unanfechtbare Wortverbindung mit  Zirkel  bringen. Der Widerspruch soll aber im  Begriff  "viereckiger Zirkel" liegen. Viereckig soll als Eigenschaft des Zirkels gedacht werden, und da dies nicht angeht, so sei ein Widerspruch vorhanden. - Da möchten wir nochmals fragen, wo denn hier der Widerspruch liegt. Einen Zirkel, der außerhalb der Lautverbindung die Eigenschaft viereckig hätte, kennen wir allerdings nicht. Es ist uns aber auch noch nie eingefallen, in der konkreten Vorstellung die Eigenschaft viereckig mit dem Zirkel zu verbinden, also einen  Begriff  "viereckiger Zirkel" zu schaffen. Der Widerspruch muß folglich woanders liegen. Er kann nur in der Beziehung der Wortverbindung auf die konkrete Vorstellung zu finden sein. Wenn ich mit dem Wort Zirkel die Vorstellung einer viereckigen Figur verbunden hätte und ich bemerkte nun, daß Andere dieses Wort mit einer kreisrunden in Beziehung bringen, so finde ich einen tatsächlichen Widerspruch in mir vor. Derselbe bestände darin, daß ich, gewohnt das Wort  Zirkel  auf ein Viereck zu beziehen, nun das  nämliche  Wort auf eine runde Figur bezogen sähe. Abgesehen von diesem Fall, der bei Elementarschülern vorkommen kann, ist kein Widerspruch, der unser wirkliches Vorstellen beträfe, in diesem Beispiel zu entdecken. Das Beispiel ist, wie so manche in der früheren Logik, ein sinnleeres Wortgeflecht, das uns über die wahre Natur einer von der Psyche innerlich wahrgenommenen und empfundenen Unvereinbarkeit keinen Aufschluß zu gewähren vermag.

Nehmen wir daher statt der Beispiele aus der Logik einige die dem gewöhnlichen konkreten Leben entstammen.

Jedem ist es wohl begegnet, daß er eine Zahlenreihe mehrmals addierte und bei der zweiten Addition ein anderes Ergebnis erhielt, wie bei der ersten. Dies kann nicht stimmen, sagen wir da. Wir sind nur befriedigt, wenn jedesmal die gleiche Summe herauskommt. Jedem sind auch sicherlich schon Fälle wie der folgende vorgekommen: An einer gegenüberstehenden Mauer sehe ich eine schwarze glänzende Platte. "Hier ist wohl eine dunkle Porzellan- oder Glasscherbe eingemauer!" denke ich flüchtig. Nach ein paar Sekunden wendet sich mein Blick unwillkürlich wieder an dieselbe Stelle, und ich sehe eine glänzend weiße Platte. Wem Ähnliches begegnet ist, der wird bemerkt haben, wie man sie, und sei die Sache noch so unbedeutend, verdutzt und angetrieben fühlt, den "wahren Sachverhalt" festzustellen.

Hier liegen wahrhafte, in der Psyche selbst lebendige Widersprüche vor, und diese Beispiele, so alltäglich sie sind, werden uns darum auch wohl leichter und genauer in das Wesen des Widerspruchs Einblick verschaffen als die nichtssagenden Beispiele vom viereckigen Zirkel, vom Gelehrten der nicht ungelehrt ist und dgl.

Es ist ganz offenbar, daß das Ergebnis der Addition mich nicht etwa bloß darum beunruhigt und unzufrieden läßt, weil das zweite Mal ein anderes Ergebnis zutage tritt, wie das erste Mal. Wenn beide Additionen sich auf verschiedene Zahlenreihen bezogen, oder wenn zwischen den beiden Additionen Änderungen in der alten Zahlenreihe stattgefunden hätten, von denen ich wüßte, so würde mir dies nur als Verschiedenheit, nicht als Unvereinbarkeit vorkommen. Ebensowenig wird es mir unvereinbar erscheinen, wenn ich hier eine weiße, dort eine schwarze Platte sehe, oder wenn ich weiß, daß die Platte, die vorhin schwarz war, in der Zwischenzeit weiß angestrichen ist, oder daß eine auf der einen Seite weiße, auf der anderen Seite schwarze Platte nicht, sondern vor der Mauer an einem Faden aufgehängt und etwa vom Wind gedreht worden ist.

Die Unvereinbarkeit hatte also in den obigen Fällen ihren Grund einzig darin, daß verschiedene Bestimmungen bzw. Vorstellungen  auf den nämlichen Beziehungsort  bezogen waren. Wie in diesem, so ist es aber, so viel wir sehen können, in allen Fällen, worin ein Widerspruch ins Bewußtsein tritt. So widerspricht die Emanationstheorie der Undulationstheorie, weil der nämliche Vorgang des Leuchtens nicht vollgültig aus einer und zugleich vollgültig aus einer anderen Bewegungsart hervorgehen kann. Die Lehre vom Opfer des Intellekts widerspricht der Lehre von der Freiheit der Überzeugung, weil der nämliche Beziehungsort für beide, der menschliche Geist, sich nicht zwei verschiedenen Doktrinen über dieselbe Sache unterwerfen kann. Ein Mittel zu einem Zweck, das einen anderen Zweck desselben Subjekts vereiteln muß, widerspricht dem letzteren, weil das Wollen jenes Mittels und das Wollen des zweiten Zweckes nicht im nämlichen Willen zu vereinigen sind. Ja selbst in dem schlechten Beispiel vom viereckigen Zirkel ist der tatsächliche Widerspruch nur darin gelegen, daß ein Wort, das einer ganz bestimmten Beziehung vorbehalten ist, nicht eine andere als diese einmal festgesetzte Beziehung erhalten kann, ohne daß seine bisherige Bedeutung verändert oder vernichtet wird.

Der Boden des Widerspruchs ist also, wie auch Andere schon erwähnt haben, die Identität. Der Widerspruch steht der Identität nicht als gleichwertiger Gegensatz gegenüber, wie es die später zu betrachtende gemeine logische Formel will, sondern er ist eine bloße Folge oder, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, eine Wirkung des Identitätsbewußtseins.

Nun müssen wir freilich wissen, was Identität und Identitätsbewußtsein ist. Auch hier läßt uns die gemeine Logik mit ihrem  A = A  gründlich im Stich. Das Nämliche ist das Nämliche! Das scheint so überaus selbstverständlich; und doch birgt diese Frage, was denn nun dieses Nämliche sei, und wie wir dazu kommen etwas als das Nämliche anzusehen, die tiefsten und schwerwiegendsten erkenntnistheoretischen Probleme. Ich habe über einige derselben bereits an einem anderen Ort gehandelt (1), kann mich darum hier kurz fassen.

Jeder, der davon redet, daß ein Ding, ein Gedanke, eine Tatsache die nämliche sei, scheidet sie dadurch freilich von anderen davon verschiedenen ab. Allein damit, daß er sagt, sie seien die nämlichen, denkt er doch mehr, als im bloßen Unterscheiden eines Dings oder Gedankes enthalten ist. "Das Nämliche sein" besagt ihm allemal: "Das Nämliche  mit etwas anderem  sein". Ich sage oder denke stets: Dies ist der nämliche Satz, den ich neulich las, der nämliche Berg, den ich vorhin schaute, die nämliche Sonne, die vor Jahrtausenden schien, das nämliche Licht, das einerseits wärmt und andererseits leuchte und dgl. mehr. Schon wenn ich sage: Dies ist der nämliche Gedanke, den ich vorhin hatte, stelle ich nicht etwa im strengen Sinn mein jetziges Denken, den jetzigen psychologischen Akt als den nämlichen hin, wie den vorhergehenden. "Vielmehr muß vor aller Theorie der Inhalt jedes einzelnen Bewußtseinsaktes auch als neuer Inhalt angesehen werden." (2) Was meine ich denn nun, wenn ich dennoch sage, die beiden unterschiedlichen Denkakte enthalten den nämlichen Gedanken? Ich beziehe offenbar den zeitlich verschiedenen Inhalt beider auf dieselbe Einheit. Beide Denkakte  bedeuten  dasselbe, obwohl sie nicht dasselbe  sind.  Ich sehe z. B. in zwei nicht aufeinanderfolgenden Augenblicken einen hellen Schein und beziehe beide auf dasselbe Licht. Offenbar sind hier nicht meine beiden zeitlich getrennten Sinnesempfindungen das Nämliche; nur der  Gegenstand,  auf den ich sie beziehe, wird von mir als der nämliche angesehen. Wenn ich zweimal zu verschiedenen Zeiten an ein früheres Erlebnis denke, so erkläre ich nicht die verschiedenen psychischen Denkakte, sondern jenes Ereignis, worauf sie sich als auf ihren Gegenstand beziehen, für das nämliche. Daß wir im ersten der beiden genannten Fälle über das Individualbewußtsein hinausgegriffen und dem Gegenstand, dem Licht selber eine Dauer von der ersten bis zur zweiten Wahrnehmung, zwischen denenes das nämliche geblieben sei, beilegen, ist ein Problem für sich. Was uns hier berührt, ist einzig der Gegennsatz zwischen der Mehrfachheit der Bewußtseinsakte und der Einheit des Gegenstandes, die trotzdem durch dieselben gedacht wird.

Identität ist danach eine einheitliche Beziehung durch unterschiedene Bewußtseinshandlungen.

Eine zweite Frage ist, was unsere Psyche dazu veranlaßt, gewisse Bewußtseinsakte auf die nämlichen, anderen auf verschiedene Gegenstände sich beziehen zu lassen. Die Antwort hierauf ist: Die  Gleichheit d. h. die für das Bewußtsein  ununterscheidbare  Gleichheit der Inhalte jener Bewußtseinsakte. Wir sahen bereits an mehreren Beispielen, daß wir es widerspruchsvoll finden, verschiedene Inhalte auf die nämlichen Gegenstände zu beziehen. Umgekehrt werden wir stets das, was uns in jeder Hinsicht als gleich erscheint, auch auf die nämlichen Gegenstände beziehen. Man lege jemanden, der ein Buch liest, in den Pausen der Lektüre auf einmal ein anderes aber ununterscheidbares gleiches hin, und er wird der festen Überzeugung sein, daß er jedesmal das nämliche in der Hand hat. Auf der anderen Seite werden wir ursprünglicher und natürlicherweise verschiedene Inhalte stets auf verschiedene Gegenstände beziehen. Die weiße Platte, die ich anstelle der schwarzen sah, brachte in mir nur darum einen Widerspruch hervor, weil der Gedanke herrschte: beide Vorstellungen können nicht in derselben Hinsicht auf denselben Gegenstand gehen.

Es ist also ein ursprüngliches, unser Bewußtsein beherrschendes Gesetz vorhanden, wonach wir ununterscheidbar gleiche Inhalte stets auf die nämlichen, verschiedene Inhalte stets auf verschiedene Gegenstände beziehen müssen. Dieses Grundgesetz des Bewußtseins ist es, welches im Gegensatz zum logischen "Satz der Identität" das  "Gesetz der Identität"  heißen sollte. Wie dasselbe mit der Kausalität zusammenhängt, das müssen wir uns, mit Ausnahme einer alsbald folgenden Bemerkung, zu erörtern versagen.

Gegen die obige Aufstellung könnte man nun einwenden, daß wir doch tatsächlich gar vielfach verschiedene Inhalte auf das Nämliche und gleiche Inhalt auf Verschiedenes beziehen. Auf das nämliche Licht beziehen wir die ganz verschiedenen Empfindungen von Helligkeit und Wärme, und auf der anderen Seite weisen wir das ununterscheidbar gleiche Blau einmal dem Himmel, ein anderes Mal etwa der Campanula [Glockenblume - wp] zu.

Hier sind zwei scheinbar einschränkende Momente zu beachten. Erstens müssen wir die strenge Identität, wonach die gleichen Inhalte unnachsichtig auf Gleiches bezogen werden, von der Identität des  Zusammenhangs  trennen. Den Ton, den ich einmal mit einer Glocke in Beziehung gesetzt habe, werde ich, solange ich keine andere Quelle dafür kenne, unabweisbar mit der Glocke verbinden. Wenn sich aber bereits Vorstellungszusammenhänge auf einem hier nicht zu erörterndem Weg gebildet haben, so beziehe ich freilich Verschiedenes auf denselben Zusammenhang, und oftmals Inhaltsgleiches auf verschiedene Zusammenhänge. Wenn wir Helligkeit und Wärme auf das nämliche Licht beziehen, so sagen wir nichts anderes, als daß beide in einem  Zusammenhang  stehen. Daß wir manche Zusammenhänge wie Fuß und Spitze des Berges, Anfang und Ende eines Ereignisses räumlich und zeitlich näher bestmmen, über die Natur des obigen Zusammenhangs aber im Dunklen sind, tut hier nichts zur Sache. Das Blau der Glockenblume würden wir andererseits unweigerlich, ebenso wie die gleichen Töne auf dieselbe Glocke, mit anderen gleichen Blauempfindungen auf dieselben Gegenstände beziehen, wenn uns dieselben ebenso formlos oder wenn sie in gleicher Form ins Bewußtsein träten. Das Blau der Glockenblume ist aber schon in der Wahrnehmung unzertrennlich mit einer Form verknüpft, die uns zwingt, dasselbe auf einen anderen Gegenstand beziehen, als das Blau etwa des Himmels.

Das zweite, unseren Satz der Identität scheinbar einschränkende Moment liegt darin verborgen, daß wir tatsächlich oft verschiedene Inhalte zu verschiedenen Zeiten nicht bloß auf denselben Zusammenhang, sondern auf denselben Ort im strengsten Sinn beziehen. Wenn wir in unserem Beispiel von der schwarzen und weißen Platte an derselben Mauerstelle stutzig werden, weil uns zugemutet wird, denselben Punkt eben schwarz und gleich darauf als weiß anzusehen, so hört dieses Widerstreben des Bewußtseins sofort auf, sobald wir bemerkt oder erfahren haben, es habe jemand in der Zwischenzeit die Platte angestrichen, oder eine bewegliche Platte sei vom Wind gedreht worden. Es ist hier also die Vorstellung der  Kausalität welche es ermöglicht, Verschiedenes zu verschiedenen Zeiten auf denselben Ort zu beziehen. Ganz im Gegensatz zu HERBART, der im Begriff der Kausalität einen Widerspruch finden will, stellt sich uns dieser vielmehr als ein Auflösungsmittel desjenigen Widerspruchs vor, der anderfalls in der Beziehung von verschiedenen Inhalten auf den nämlichen Ort (Raumort oder Zusammenhang) bestände. Es wäre uns gänzlich unmöglich, das heute braun, morgen weiß aussehende Gebirge als das Nämliche anzusehen, sofern uns nicht die Vorstellung, ein derzeit gefallener Schnee habe die Änderung bewirkt, die Auflösung gäbe.

Aus diesem Grund können wir die Vorstellungen des bewölkten und heiteren, des taghellen und nächtlichen Himmels dennoch auf denselben Himmel beziehen. Die Kausalität läßt von den Verschiedenheiten abstrahieren, um den unverändert gebliebenen Rest der verschiedenartigen Vorstellungen dem nämlichen Objekt zuzuweisen.

Soweit ist und bleibt trotz mehrerer scheinbarer Gegeninstanzen der Satz bestehen, daß wir genötigt sind, das ununterscheidbar Gleiche in verschiedenen Erkenntnisakten auf das nämliche Objekt zu beziehen, Verschiedenes aber entweder auf verschiedene Objekte zu beziehen, oder auf Kausalität zurückzuführen, womit ja ebenfalls ein anderer Beziehungsort ins Auge gefaßt wird.

Ob hierbei der Beziehungsort psychisch oder logisch oder äußerlich räumlich ist, bleibt sich völlig gleich. Ob ich mich in einem jetzigen und gestrigen Gedanken auf ein früheres seelisches Erlebnis, auf einen logischen Satz, eine mathematische Formel, eine früher gesehene Gegend, ein in beiden Augenblicken gegenwärtiges Gemäld beziehe, ist in der von uns ins Auge gefaßten Hinsicht einerlei. Es handelt sich bloß darum, daß wir uns der Gleichheit der Inhalte, soviel uns psychisch möglich ist, sicher bewußt bleiben, sowie daß wir den Beziehungsort, auf den derselbe das erstemal gerichtet war, auch die folgenden Male fest im Auge behalten.

Dieser Unterschied zwischen verschiedenen seelischen Vorgängen und deren einheitlichen Beziehungsort ist also bei der Identität vor allem bedeutsam. Jede Vorstellung hat nun zwar als Vorstellung ihren Gegenstand, und kann selbst wieder Gegenstand neuer Vorstellungen werden. Damit aber, daß eine Vorstellung sich auf eine vorhergehende als ihren Gegenstand richtet, ist sie mit dieser noch lange nicht identisch. Mein jetziger Gedanke an ein gestriges Gespräch nimmt Letzteres einfach als Objekt. Denke ich aber mindestens zweimal an dieses Gespräch, dann erst erscheint es als identisches Objekt, als identisch nämlich  für  die beiden Gedanken, die sich darauf beziehen.

Die Identität ist somit ein Begriff, der keine rein logische, sondern daneben eine durchaus psychologische Seite hat. Schält man die letztere los, so erhält man als logischen Rest die bloße Tautologie: Das Nämliche ist das Nämliche! oder: Ein Objekt ist ein Objekt, und der Satz der Identität verliert jede angebbare Bedeutung. Erst dann, wenn man die psychische Seite hinzunimmt, wonach der logische Gedanke der Identität durch die Tatsache der Beziehung verschiedener psychischer Akte auf die Einheit eines Gegenstandes hervorgerufen wird, hat man einen genügenden Schlüssel zur weiteren Verfolgung des Identitätsproblems.

Diese Ausführung zu bringen ist nun hier nicht der Ort. Wir deuten darum nur Folgendes an. Auf der Grundlage der strengen Identität der Inhalte erhebt sich auf eine a. a. O. näher ausgeführte Weise zunächst die Identität der Beziehung. Diese ist z. B. vorhanden, wenn ich jetzt an ein Erlebnis denke, das mich gestern ärgerte. Der identische Beziehungspunkt ist hier das Erlebnis; der Ärger von gestern und der heutige Gedanke an das Erlebnis sind vielleicht inhaltlich verschieden.  Gleich  ist nur die Beziehung auf dasselbe Erlebnis.

Dasselbe Verfahren findet bei der Identität des Zusammenhangs statt. "Schwarz", "hart", "rund", "schwer" usw. beziehe ich zwar auf die nämliche eiserne Kugel, allein jede dieser Separatvorstellungen hat ihren besonderen Ort an diesem Zusammenhang. Die Beziehung aller auf den Zusammenhang selbst ist keine strenge Identität, sondern nur Beziehungsidentität.

Aus dieser Beziehungsidentität geht dann weiter die Identität der Vertretung hervor, indem einzelne besonders hervorstechende und für einen bestimmten Gegenstand eigenartige Separatvorstellungen bewußt oder unbewußt zu Vertretern des Gesamtgegenstandes werden. So vertritt uns der bloße Anblick eines vierbeinigen behaarten Landtieres sofort den Gesamtbegriff eines Säugetiers, eine charakterisische Tonfolge ein ganzes Musikstück, der Anfang eines Gesamgsbuchliedes das ganze Lied. Ja, sogar zum Objekt als solchem ganz beziehungslose Vorstellungen wie Worte und Schriftzeichen können in Bezug auf dasselbe eine Vertretungsgeltung und somit Vertretungsidentität erhalten.

Somit bleibt bei aller Identität nur das  eine  ständig gleich: Die Beziehung auf den Gegenstand. Ist ursprünglich die Ununterscheidbarkeit von Inhalten der erste Grund für eine identische Beziehung, so hört dies auf, sobald  die Beziehungen einmal festgestellt sind,  und es bleibt allgemein nur die Beziehungsgleichheit der in den einzelnen Bewußtseinsakten vorhandenen Inhalte übrig, die uns schließlich die ursprüngliche Grundlage des Identitätsbewußtseins ganz zu verdecken droht. Immerhin aber bleiben die Forderungen bestehen: die Beziehung des Verschiedenen auf den nämlichen Ort muß bereits auf der Grundlage der ursprünglichen Identität festgestellt worden sein und sodann auf das Strengste festgehalten werden.

Überall  da  nun, wo dies nicht geschieht, entsteht Widerspruch, sei es, daß derselbe als Irrtum verborgen bleibt, oder als Widerstreit ins Bewußtsein tritt. Der ursprüngliche, von uns vornehmlich ins Auge zu fassende Widerspruch aber muß da entstehen, wo uns zugemutet wird, ungleiche Inhalte identisch zu beziehen, oder wo uns zu Bewußtsein kommt, daß wir eine solche Beziehung bereits vollzogen haben. Unsere Beispiele von der schwarzen und weißen Platte an derselben Mauerstelle und der zweifachen Summe derselben Zahlenreihe belegen beides. Im ersten Fall widersetzt sich das Bewußtsein sofort entschieden der durch den Augenschein gestellten Zumutung, die weiße Farbe mit der schwarzen völlig identisch zu beziehen. Im zweiten Fall kann es vorkommen, daß ich das erste Ergebnis der Addition vergessen habe, wenn die zweite Addition mit ihrem verschiedenen Ergebnis stattfindet. Ich benutze dann beide Ergebnisse zu ihren Zwecken und gewahre vielleicht erst später den Sachverhalt. Das aber ist gewiß, daß, sobald ich gewahr werde, daß ich verschiedene Inhalte als identisch bezogen habe, sofort das Bewußtsein des Widerspruchs da ist, und daß das Einheitsbedürfnis des Bewußtseins dazu treibt, denselben aufzulösen.

Mit diesem Widerspruch ist nun aber diejenige Unvereinbarkeit nicht zu vermengen, welche sich auf das Beisammensein empirischer Vorstellungenn in einem  Zusammenhang  bezieht. Welche Verbindungen in dieser Hinsicht unverträglich sind, läßt sich nicht unmittelbar aus dem Identitätsbewußtsein heraus angeben. Daß Federn mit einem Vogel verträglich, mit einem Säugetier unverträglich sind, ist nur aus den besonderen Bedingungen der betreffenden Zusammenhänge, vielleicht gar nicht anders als rein induktiv zu erkennen. (3) Der eigentliche Widerspruch dagegen findet stets nur auf dem Boden der Identität statt und ist von diesem Boden aus sofort, ohne empirische Sondererwägungen bewußt, sobald die tatsächliche Verschiedenheit zweier streng identisch bezogener Inhalte ins Bewußtsein tritt.

Wie nun der Widerspruch ursprünglich auf der strengen Identitätsbeziehung ruht, d. h. die Unstatthaftigkeit, die Inhalte verschiedener Vorstellungen auf denselben Ort zu beziehen nachweist, so ruht er auch weiterhin auf den anderen Phasen der Identitätsbeziehung. Wo nicht der Inhalt selber auf einen Ort bezogen wird, da kann auch der Widerspruch nicht auf der Gleichheit des Inhaltes fußen. Wenn ich Licht und Wärme auf dasselbe Feuer beziehe, so kann, nachdem diese Verbindung einmal aufgrund anderer - freilich auch die Identität verwendender - Erwägungen als gültig anerkannt ist, kein Widerspruch hervortreten, der sich auf den Inhalt bezöge. Wohl aber könnte ein Widerspruch der Beziehungen derart eintreten, daß ich ein zweites Mal da, wo ich Wärmestrahlen empfinde, nach einem Licht suche, von dem sie herkommen. Hier läge aber der Fehler, bzw. der Widerspruch darin, daß ich mich auf die Identität eines Gesetzes beziehe, nach dem überall da, wo Wärme ist, auch Licht sein muß. Immerhin liegt auch diesem Widerspruch die psychische Tendenz, das Gleiche identisch zu beziehen, zugrunde. Wie häufig derartige Beziehungswidersprüche vorkommen, kann man aus den massenhaften falschen Analogieschlüssen, die wir ziehen, z. B. den Schlüssen auf das  propter hoc  [deswegen - wp] aus dem  post hoc  [danach - wp], ersehen.

Die der Vertretungsidentität entsprechenden Widersprüche ruhen auf demselben Boden. Die vertretenden Vorstellungen, Worte oder Zeichen werden nicht bloß, wie sie strengerweise dürften, auf diejenigen Vorstellungen bezogen, für die sie einmal festgesetzt sind. Sie werden auf anderes übertragen, und nun geschieht es, daß die ursprünglich durch sie bezeichneten Vorstellungen ebenfalls auf diese neuen Orte mitübertragen und als gültig hierfür angesehen werden, bis eine genauere innere oder äußere Analyse deren Unvereinbarkeit mit diesen neuen Orten zeigt.

Überall also trägt der Widerspruch im Grunde denselben Charakter, und wir können ihn darum allgemein als die  Identifizierung divergenter Gegenstandsbeziehungen  bezeichnen.

2. Zeigen wir nun, wie sich unser auf dem Boden psychischer Tatsachen entwickelter Begriff vom Widerspruch zum "Satz vom Widerspruch" in der hergebrachten Logik verhält, und führen wir Hand in Hand damit unseren Begriff weiter aus.

Daß der Satz der Identität in der alten Logik an dem Grundmangel leidet, daß die Beziehung der Mehrfachheit  psychischer  Akte zur gedachten  (logischen)  Einheit vernachlässigt wird, haben wir erwähnt. Ganz das Gleiche ist nun auch beim Widerspruch der Fall. Losgelöst von seiner psychischen Grundlage und als rein logischer Satz verwendet kommt gerade das, was ihn als Widerspruch charakterisiert, die identische Beziehung von Divergentem, nicht zum Ausdruck. Dafür tritt aber ein anderes Element hinzu, welches erst eine Folgeerscheinung des Widerspruchs ist, die Verneinung. Indem diese sich in die Formulierung desselben eindrängt, verschiebt und verwischt sie den richtigen Begriff des Widerspruchs vollständig.

Versuchen wir dies nun an ein paar Auseinandersetzungen zu erhärten.

Der Satz des Widerspruches pflegt entweder als identische Beziehung eines bejahenden und verneinenden Urteils oder als Gegensatz zwischen der Bestimmung eines Gegenstandes und deren Verneinung aufgefaßt zu werden.

Das erste geschieht bei ARISTOTELES. Dessen Satz lautet: "Es ist unmöglich, daß dasselbe demselben in derselben Beziehung zukommt und nicht zukommt." "Zugleicht (hama) ist, nebenbei bemerkt, hier schwerlich ausschließlich als Gleichzeitigkeit zu fassen, sondern ebenso als Gleichörtlichkeit, Gleichheit der Verbindungen, kurz es zielt auf die Einheit des Beziehungsortes, den mehrere Urteilsakte ins Auge fassen. Die Polemik KANTs gegen dieses Wort dürfte also, wie auch SIGWART bemerkt, ein Schlag ins Wasser sein. - Das zweite geschieht bei KANT, der den Widerspruch aus dem Urteil in den Begriff selbst verlegt. "Keinem Subjekt kann ein Prädikat zukommen, welches ihm widerspricht." Hier ist also nicht der Gegensatz zweier Urteile über einen Gegenstand, sondern der Gegensatz eines Urteils zu einem bereits bestimmten Subjekt. SIGWART macht hier wieder mit Recht darauf aufmerksam, daß ein Widerspruch nur dann vorliegt, wenn ein anderes Urteil in Bezug auf das Subjekt bereits vorausgesetzt ist. Nur darum, weil ich bereits geurteilt habe, der Mann sei gelehrt, kann ich in einem anderen Urteil nicht sagen, der Mann sei ungelehrt. Die Fassung KANTs steht also in dieser Hinsicht hinter der des ARISTOTELES zurück. Bei letzterem ist das Bewußtsein wach, daß nicht Urteil und Begriff, sondern die Inhalte zweier Urteile = zweier Beziehungen auf den nämlichen Gegenstand einander widersprechen.

Bei beiden aber ist, wie besonders aus den Beispielen hervorgeht,  eines  gleich. Sie fassen beide den Widerspruch als Verhältnis einer Position zu deren Verneinung, und diesen Markschaden [grundsätzlicher Fehler - wp] haben auch SIGWART, WUNDT u. a., die der alten Logik erfolgreich zuleibe gerückt sind, nicht bemerkt. So sagt SIGWART geradezu, der Satz des Widerspruchs drücke Wesen und Bedeutung der Verneinung aus, und auch WUNDT ist hier - trotz einiger Differenzen in hier nicht zu erörternden Punkten - darin mit ihm einig, daß er den Satz "A ist nicht gleich non A" zu einer allgemeinen Formel der Verneinung werden läßt.

Dieser Auffassung ist auch KANTs Beispiel, ein gelehrter Mensch sei nicht ungelehrt, sehr günstig. "Gelehrt" und "ungelehrt" sind Gegensätze, welche die ganze Skala einer Reihe ausfüllen, und es ist offenbar, daß derjenige, welcher nicht gelehrt ist, ungelehrt ist. Aber auch zugegeben, es liege in diesem Satz ein wirklicher Widerspruch der Vorstellungen, gesetzt also, man könne wirklich versuchen, gelehrt und ungelehrt auf dasselbe Objekt zu beziehen: so bliebe dieses "Verhältnis einer Position zu deren Verneinung" immerhin ein Spezialfall unter den Widersprüchen, und zwar ein solcher, der in Wirklichkeit sehr selten vorkommt. Wir werden später auf einen derartigen, den sich KANT selbst hat zuschulden kommen lassen, hinweisen.

Obiges Beispiel enthält jedoch ebensowenig, wie das vom viereckigen Zirkel, einen wirklichen Widerspruch, d. h. einen solchen, der außerhalb der Wortverbindung bestände. Ein wirklicher Widerspruch könnte nur dann eintreten, wenn ein Beurteiler nach der Summe von Erkenntnissen, die er an jenem Mann hochschätzt, sagte: "Der Mann ist gelehrt", und wenn ein Zweiter, der mancherlei an ihm vermißt, dagegen urteilte: "Er ist ungelehrt." Dann wäre der wahre Beziehungsort aber nicht der Mann, sondern der Begriff gelehrt, und es müßte, um ihn zu lösen, festgestellt werden, ob die Kenntnisse, über die der Mann verfügt, zum Begriff "gelehrt" ausreichen.

Sind es also hier schon nicht der Begriff und die Verneinung desselben, welche den Widerspruch in Bezug auf ihren Gegenstand konstituieren, sondern eine inhaltlich weitere und eine inhaltlich engere Vorstellung  in Bezug auf  den Begriff: so tritt der positive Charakter des Widerspruchs in unseren früheren Beispielen noch weit deutlicher hervor. Ein Widerspruch wie der, daß in einer Rechnung das gesuchte Ergebnis  = a  und in derselben Hinsicht zugleich  = b  sein soll, hat als solcher mit der Verneinung gar nichts zu schaffen. Er ist nicht durch den Gegensatz eines positiven Urteils zu seiner Verneinung, sondern durch die zugemutete Beziehung zweier positiver aber inhaltlich verschiedener Bestimmungen auf den nämlichen Gegenstand bedingt. Die Verneinung hat also mit dem Widerspruch selber nichts oder nur ausnahmsweise etwas zu schaffen. Dennoch aber steht sie in engstem Zusammenhang mit ihm. Wir sagten oben, daß der Widerspruch das Bewußtsein zu einer Auflösung drängt. Diese Auflösung kann nun von zweierlei Art sein. Entweder kann die eine Beziehung als richtig bekannt werden. Damit wird die zweite abgewiesen, d. h. sie wird verneint. Oder für die zweite Beziehung kann ein anderer Beziehungsort erkannt werden; dann wird sie von jenem ersten ebenfalls verneint, allein es bleibt unausgemacht, ob die allein übrig bleibende Beziehung gültig sei. In jedem Fall ist der gerade  vorliegende  Widerspruch durch die Abweisung der einen Beziehung  aufgehoben. 

Weit entfernt also, daß der Widerspruch Wesen und Bedeutung einer Verneinung ausdrückt, drückt vielmehr die Verneinung die erfolgte Auflösung eines Widerspruches aus. Wenn ich weiß, daß einem Gegenstand eine Bestimmung zukommt, so ist keine Rede mehr davon, deren Negation auf den Gegenstand zu beziehen, und wenn ich dieselbe verneint habe, so ist eine positive Beziehung derselben eben damit abgewiesen. Sobald ich  weiß,  daß eine Bestimmung einem  Gegenstand  widerspricht (KANTs Auffassung), so widerspricht sie schon nicht mehr, denn ich weiß ebendamit, daß sie ihm nicht zukommt, und habe dies mittels der Verneinung ausgedrückt. Die Verneinung ist der getötete Widerspruch, und wenn man nun nochmals sagt, die verneinte Bestimmung könne nicht mit der bejahten zusammenbestehen, so schlägt man den toten Mann nochmals tot.

Aus dieser Feststellung ergibt sich auch einfach, was der logische Ort der Verneinung ist: nichts anderes als die Beziehung. Die sprachliche Form darf uns hier gar nicht bekümmern. Wo dieselbe die  Beziehung  durch eine Kopula ausdrückt, da wird die Kopula verneint. Wenn umgekehrt "nicht schön" soviel wie häßlich bedeutet, so haben wir dem Sinn nach gar kein negatives, sondern ein durchaus positives Urteil vor uns.

Daraus ergibt sich weiter die Anwendung der Verneinung. Wir gebrauchen sie eben da, wo es gilt, eine mögliche oder vorhandene widersprechende Bestimmungen abzuweisen. Ob dieselbe dem Gegenstand bloß fehlt, oder ob sie durch eine gegensätzliche Bestimmung zurückgestoßen wird, macht dabei keinen wesentlichen Unterschied. Denn auch da, wo ein Prädikat "fehlt", wie man zu sagen pflegt, bemerkt man dies nur durch den positiven Gegensatz zweier Vorstellungen. Ich würde niemals dazu kommen zu sagen: "Diese Blume riecht nicht", wenn ich nicht bereits die Vorstellung eines Geruches auf sie bezöge und sie in Erwartung desselben an die Nase hielte. Das Bewußtsein hat bereits die Empfindung des Geruchs voraus vorgestellt, und in dieser psychischen Lage führen ihm die Geruchsorgane nur die gewöhnliche Gemeinempfindung, d. h. einen positiv andern als den in der Erwartung vorgestellten Inhalt zu. Dieser Gegensatz allein berechtigt zur Abweisung der Bestimmung "riechen". Ohne denselben könnte ich die Verneinung nie aussprechen; das Nichtwahrnehmen ls solches berechtigt hierzu in keiner Weise. Ich kann nicht behaupten: es gibt keine Vernunftwesen in anders als die unseren organisierten Leibern. (Ob ich das entgegengesetzte Urteil auch nur als möglich aussprechen darf, darüber später.) In den verneinenden Urteilen besteht also kein wesentlicher Unterschied. Darum möchten wir auch WUNDTs Unterscheidung von negativ prädizierenden Urteilen und verneinenden Trennungsurteilen nicht zustimmen. Die negativ prädizierenden sind entweder dem Sinn nach positiv (Die Orange ist nicht behaart), oder sie fallen unter obigen Begriff (Pilze enthalten kein Chlorphyll). Die verneinenden Trennungsurteile aber beziehen sich entweder auf die Richtigstellung eines falsch angewendeten Wortes, oder sie sind, wie das Beispielt: "Ein nicht grünes Tier ist eine Wasserkröte", geradezu falsch, denn "Wasserkröte" ist nicht die Bestimmung von "nicht-grünes Tier". "Die Wasserkröte ist nicht grün" fällt dagegen völlig in unsere Gesamtrubrik. Beispiele, wie das von SIGWART angeführte: "Holz ist nicht Eisen", gehören nur ihrem eigentlichen Sinn, nicht ihrer Wortform nach in eine logischen Untersuchung. Dessen eigentlicher Sinn besagt aber nur, daß man Holz nicht behandeln soll, als wäre es so fest wie Eisen. Wo ein bloßer Wortscherz beabsichtigt ist, da hat die Logik nichts zu tun. In einem ernsten Sinn werde ich nur da verneinen, wo die Befürchtung oder die Tatsache einer widerspruchsvollen Beziehung vorliegt. Es wird, wie SIGWART gut bemerkt, niemandem einfallen zu sagen: Die Algebra ist grün; es wird also kein Grund vorligen, diese Gedankenverbindung zu verneinen.

Gerade diese letztere Tatsache, daß ich eine Verneinung nur dann ausspreche, wenn eine entsprechende Bejahung zu befürchten ist, beweist nochmals klärlich, daß der Widerspruch als solcher mit der Verneinung noch gar nichts zu tun hat, daß vielmehr die Verneinung die Folge, bzw. die Auflösung des Widerspruchs, und als solche besonders zu behandeln ist. Weil die Logik dieses Verhältnis, durch ihre Mißachtung der psychologischen Faktoren verleitet, übersah, laufen ihre Sätze von Identität und Widerspruch, nach der launigen Persiflage des  Wandsbecker Boten  darauf hinaus, zu beweise, daß ein Student ein Student und kein Rhinozeros ist.

3. Identität und Widerspruch sind, das ist unser wichtigstes Ergebnis, ihrem ursprünglichen Wesen nach keine *objektiven Begriffe, sondern psychische Erkenntnisgesetze. Psychische Erkenntnisgesetze! Das will sagen: sie sind nicht Gesetze des objektiven Erkenntnisinhaltes, sondern des subjektiven Erkennens. Sie drücken die Art aus, wie sich unsere Psyche der objektiven Erkenntnis gegenüber verhält. (4)

Darum drücken sie zweierlei aus: einen Gegensatz zwischen einem subjektiv Tatsächlichen und einem objektiv Wahren; und einen Trieb oder eine Nötigung, wie man es nennen will, aus dem psychisch Tatsächlichen zu etwas hinüberzuschreiten, was mehr als psychisch Tatsächlich ist. Diese beiden Momente müssen wir vor der Lösung unserer Aufgabe ins Auge fassen, und den Zusammenhang zeigen, in welchem die Gesetzlichkeit der Psyche mit dem Gesetz einer Objektivität steht, das über das subjektiv psychologische hinausgreift.

Suchen wir zunächst den noch so wenig begriffenen Gegensatz zwischen subjektiver Tatsächlichkeit und einer von der Psyche selbst gestellten Forderung einer davon verschiedenen objektiven Tatsächlichkeit verständlich zu machen. Ein Beispiel aus der gewöhnlichen Erfahrung wird das einleiten.

Ich höre z. B., während ich in meinem Zimmer beschäftigt bin, während ich in meinem Zimmer beschäftigt bin, draußen ein Rollen gleich dem eines Donners. Natürlich ist mein Gedanke sofort: es donnert. Nun trete ich ans Fenster und sehe nichts als klaren blauen Himmel. Es kann also doch kein Donner gewesen sein. Allein nun tritt mit Notwendigkeit die Frage auf: "Was war es dann?" Wir sind nicht damit zufrieden, daß wir jenes Geräusch hörten, sondern wollen etwas über diese Tatsache hinaus haben. Zwar kann nichts, was wir hinzufügen möchten, die Tatsache, daß wir jenes Geräusch hörten, daß es diesen ganz bestimmten, undefinierbaren Charakter trug, verändern. Diese psychische Tatsache bleibt Tatsache. Auch der Zusammenhang, in dem wir es hörten, bleibt tatsächlich derselben. Wir hörten es, als wir da oder dort standen, gerade nachdem wir einen ganz bestimmten Gedanken gehabt hatten. All dies bleibt tatsächlich dasselbe, was auch hinzukommen mag. Dennoch aber fordern wir mehr, wenn wir fragen: Was war das für ein Geräusch? und wir verlangen in der Antwort eine Anknüpfung dieses Geräusches, welche mit der dargelegten Tatsachenreihe als solcher gar nichts zu tun hat, eine Anknüpfung an einen dieser Tatsachenreihe ganz fremden objektiven Zusammenhang.

Diese im Grunde selbstverständliche Unterscheidung zwischen der subjektiven Tatsächlichkeit der Vorstellungen als solcher, und einer wunderbarerweise stets geforderten, vielfach davon abweichenden objektiven Tatsächlichkeit wird von einer heute weitverbreiteten philosophischen Richtung, dem sogenannten Positivismus, in ihrer Bedeutung ganz verkannt, und damit wird der tiefgreifende Unterschied zwischen Wahrheit und Tatsächlichkeit völlig verwischt. So sagt beispielsweise einer der extremsten Positivisten, SCHUBERT von SOLDERN (15), der die Welt als einen Zusammenhang von Bewußtseinsdaten erklären will: "Soweit etwas gedacht ist, ist es wahr." Die Wahrheit aber ist nicht abgeschlossen, weil "jede neu hinzukommende Tatsache, jeder neu hinzukommende Denkakt, die jetzige Denkbarkeit undenkbar machen können." Eine völligere Vermengung der psychischen Tatsächlichkeit des Vorstellens und der erkenntniskritischen Tatsächlichkeit eines objektiven Sachverhalts ist wohl kaum zu erdenken. Ein paar Fragen schon müßten das Unhaltbare solcher Aufstellungen zeigen. Hebt denn wirklich ein neuer Gedanke einen vorigen auf? Bleibt der vorige nicht tatsächlich der, der er war, auch wenn der neue Gedanke entgegengesetzt sein sollte? Und was ist an diesem entgegengesetzt? Sein Inhalt? Das kann nicht sein, denn sein Inhalt besteht zu seiner Zeit ja ebenso tatsächlich, wie der des ersten Gedankens zur damaligen Zeit. Keiner hebt den andern auf. Wenn aber Tatsächlichkeit und Wahrheit dasselbe wären, so müßte entweder mein neuer Gedanke den alten  völlig  aufheben, d. h. ich müßte also den alten Gedanken vermöge des neuen gar nicht mehr denken können; oder beide blieben nebeneinander wahr. Daß ich einen früheren Gedanken, obwohl mit dem Bewußtsein seiner Irrigkeit, nochmals denken kann, beweist doch wohl, daß die Frage nach der Wahrheit nicht mit dem Hinweis auf die Tatsächlichkeit des Gedachtwerdens beantwortet sein kann, daß sich hier ein Problem auftut, das man, so wunderbar es ist, festhalten muß, und nicht verwischen darf. Wer das Buch über einem Rätsel zuklappt, hat das Rätsel damit nicht gelöst; und wenn wir auch ebenfalls Letzeres hier nicht versuchen, so haben wir doch durch die Feststellung und Beleuchtung des Rätsels wenigstens seine Lösung vorzubereiten.

Auch LAAS, wohl einer der umsichtigsten Philosophen positivistischer Richtung, vermag diesen Gedanken nicht klar zu erfassen. Er sagt (6): "Das Allerrealste ist und bleibt für jeden Einzelnen die festgegründete, selbstevidente Tatsächlichkeit des in jedem Augenblick im Bewußtsein Gegenwärtigen." Wir fragen notwendig, was "das Allerrealste" bedeuten soll. Soll es die Tatsache bezeichnen, daß der gegenwärtige Inhalt wirklich und gewiß der gegenwärtige Inhalt ist? Dann ist der Satz eine bloße Tautologie. Das wird ja keine Theorie bestreiten, daß die eben in meiner Psyche gegenwärtigen Vorstellungen in ihr eben das Allertatsächlichste sind. Allein LAAS meint dies auch gar nicht, er setzt nämlich hinzu: "im reifen Leben gewiß jederzeit ein kaum noch auflösbares Geflecht von reinen Tatsachen und assoziativen sowie apperzipierenden Erinnerungen, Phantasien und Kategorien (aus Tatsachen und Bedürfnissen hervorgewachsenen Entwicklungsprodukten): Alles in den teils gegebenen, teils gedachten Gegensatz von Ich und Nicht-Ich eingespannt." Also liegt nach LAAS in "das Allerrealste" eine Verknüpfung gegenwärtiger Inhalte mit den Inhalten anderer Lebensmomente. Welcher Art aber diese sein müssen, um dasjenige Allerrealste, das wir  wahr  nennen, zu enthalten, ist eben die Frage. Diese hat LAAS mit seiner Aufstellung völlig verwischt.

Wie verschieden die bloße Tatsächlichkeit der Bewußtseinsakte von der Wahrheit ist, können ein paar Beispiele zeigen. Wenn ich eben eine Gedankenreihe ablaufen lasse, die mir ein  früheres Ereignis  vorstellt, so ist fraglos diese Gedankenreihe tatsächlich, und somit nach der Bestimmung von LAAS etwas Allerrealstes. Nach dieser Realität aber fragen wir in der Regel gar nicht, ja wir denken nicht einmal an sie, wenn wir nach der Wahrheit der betreffenden Gedankenreihe fragen. Wir sehen vielmehr bewußt oder unbewußt völlig von ihr ab und richten den Blick auf eine ganz andere Realität derselben, die über ihren Charakter als gegenwärtige Vorstellungsreihe völlig hinausgreift. Wir fragen nämlich danach, ob ihr - freilich gegenwärtiger - Inhalt auch wirklich das vergangene Ereignis vorstellig macht, auf welches sie abzielt, ob sie dasselbe so vorstellt, wie es tatsächlich ablief, als es gegenwärtig war. Und wenn wir, um ein anderes Beispiel anzuführen, zwei oder mehrere zeitlich getrennte Vorstellungen auf das nämliche Licht beziehen, so haben wir, wenn wir diese Vorstellungen für wahr erklären, keineswegs die Tatsache im Auge, daß wir mehrere Male die gleichen Lichtempfindungen bzw. Vorstellungen hatten, und daß die späteren Akte den Gedanken an den nämlichen Gegenstand mit sich führten. Wir haben vielmehr die Überzeugung, daß dieselben sich  mit Recht  auf den nämlichen Gegenstand bezogen. Wir erklären den Gedanken dessen, der das vertauschte Buch liest, und immer das nämliche Buch in der Hand zu haben meint, für falsch, obwohl sich dessen Gedanke dem psychischen Vorgang nach in gar nichts von dem unterscheidet, vermöge dessen wir ein und dasselbe Licht mit Recht vorstellen. Wenn wir trotzdem sagen, daß wir hier das Wahre, jenes dort das Falsche denken, so kann diese Frage unmöglich aus der Tatsächlichkeit des psychischen Inhaltes heraus beantwortet werden. Sie greift vielmehr über diese Tatsächlichkeit gänzlich hinaus, sieht nicht bloß vom psychischen Vorstellen ganz ab, sondern erklärt, das dadurch Vorgestellte wäre selbst dann, wenn es gar nicht vorgestellt worden wäre, tatsächlich. So wäre und bliebe ein früheres Ereignis tatsächlich, auch wenn es niemals von einem Geist vorgestellt würde. Der subjektiven Tatsächlichkeit des Vorstellens stellt somit das Bewußtsein eine objektive Tatsächlichkeit des Seins oder Geschehens gegenüber, die durch Ersteres in keiner Weise bedingt wird, wohl aber dieses bedingen muß, wenn es wahr genannt werden soll. Die Beziehungen des subjektiven Vorstellens sind somit nicht wahr vermöge ihrer eigenen, sondern nur vermöge der dadurch vorgestellten objektiven Tatsächlichkeit.

Diese letztere aber ist, und das muß betont werden, niemals im gegenwärtigen Vorstellen als solchem enthalten. Wenn ich einen meiner früheren Gedanken vorstelle, so ist derselbe als solcher nicht gegenwärtig, und kann es nie werden. Das gegenwärtige Bewußtsein greift über sich und seinen gegenwärtigen Inhalt hinaus, indem es das gestern Gegenwärtige zum Objekt des heutigen Gedankens macht. Und wenn ich das Licht, das ich eben wahrnehme, und das, welches zu existieren fortfuhr, während meine Vorstellungen gar nicht mit ihm beschäftigt waren, ja vielleicht gar keine Wahrnehmung desselben erhalten konnten, so greife ich nicht bloß über mein gegenwärtiges, sondern über mein gesamtes subjektives Bewußtsein hinaus, erkläre einen Gedanken für wahr, dessen Gegenstand doch eben nach der Aussage jenes Gedankens gar nicht in meinem Bewußtsein, noch sein konnte.

Dieses Übergreifen des subjektiv tatsächlichen Vorstellens auf eine Objektreihe, die als von Ersterem unabhängig tatsächlich vorgestellt wird, mag man nun unbegreiflich, man mag sie ein Wunder nennen, man mag - was wir nicht tun - an der Auflösung dieses Rätsels verzweifeln: Eines sollte man jedenfalls nicht tun; man sollte das Rätsel nicht dadurch aus der Welt schaffen wollen, daß man es übersieht und leugnet. Man muß, gerade wenn man Tatsachenphilosophie treibt, vor allem auch der befremdlichen Tatsache ins Auge schauen, daß die Frage nach der Wahrheit weder in der subjektiven Tatsächlichkeit als solcher, noch auch in einer etwaigen transzendenten Tatsächlichkeit als solcher, sondern in der übergreifenden Beziehung des subjektiven Vorstellens auf eine jenseits desselben gelegene Tatsächlichkeit liegt. Wir müssen einsehen, daß dieser Gedanke uns im gemeinen Leben wie in der Wissenschaft allenthalben beherrscht, daß die Beziehung auf den Gegenstand in keiner Weise in die subjektive Tatsächlichkeit des Vorstellens und einen Gegensatz von Ich und Nicht-Ich innerhalb derselben aufgelöst werden kann, und daß eine Leugnung jenes Umstandes einen mehr als protagoreischen Verzicht auf alle Wahrheit bedeutet.

Allein dieses Übergreifen über das Gegenwärtige und rein Individuelle auf etwas Allgemeingültiges, "Wahres" findet, man möge sich dieses Übergreifen sowie das Wahre selber erklären, wie man will,  in der Psyche  statt. Das individuelle Vorstellen ist es eben, welches über sich und seinen gegenwärtigen Inhalt hinausgreift. Das Ich fühlt sich, wie schon mehrfach gesagt wurde, beengt, beunruhigt, wenn es den objektiv ahren Zusammenhang nicht finden kann, es ist von Unbehagen erfaßt, wenn es im Widerspruch gewahr wird, daß es unrichtig bezogen hat. Wir verspüren einen Drang zur Änderung unserer Vorstellungsverbindungen, und wollen, daß diese der objektiven Forderung angemessen verknüpft werden. Da tritt die Frage auf, was unser Ich veranlassen mag, eine solche Forderung zu stellen, bzw. sich einer solchen in ihm selbst gestellten Forderung zu unterwerfen.

Diese Frage nötigt uns, das Ich, diese allbekannteste und doch geheimnisvollste der Bewußtseinstatsachen von mehreren Seiten aus zu beleuchten.

Der Zusammenhang unseres Bewußtseins, oder die Einheit des Bewußtseins hat, je nachdem man sie von diesem oder jenem Gesichtspunkt aus betrachtet, ein ganz verschiedenes Aussehen. Wie man den Wald, oberflächlich betrachtet, als eine bloß zusammenstehende Gruppe von Bäumen, mittels der Reflexion aber als eine Menge organischer Gebilde, die aus dem gleichen zusammenhängenden Erdreich ihre Nahrung ziehen, ansehen kann; so kann auch das Bewußtsein einerseits als eine Reihe von psychischen Erscheinungen, andererseits als eine durch die Einheit einer stetigen Beziehung zusammengehaltene Bewußtseinskette, d. h. als Inhaber einer gesetzmäßig geordneten objektiven Vorstellungswelt betrachtet werden.

Vom ersten dieser Standpunkte erblicken wir nichts als eine ständige Aufeinanderfolge einzelner Vorstellungen, unzertrennlich vereinigt mit einem Auf- und Abwogen von Gefühlen und Bestrebungen mancherlei Art. Manche dieser Vorstellungen haben keinerlei ersichtlichen Zusammenhang, andere bilden Gruppen und Zusammenhänge gleich den Ästen und Zweigen eines Baumes, ja manche stellen, miteinander vereint gedacht, das Bild einer bunten, mannigfaltigen Welt, manche eine systematisch geordnete Kette, wieder andere ein launiges Gewebe aus willkürlichen Verbindungen jener anderen Gedankenketten und Vorstellungsbilder dar. Dabei wechseln diese Gruppen wie die Bilder eines Kaleidsokops; die Zusammenhänge erweitern und verengen, verbinden und trennen sich, verändern ihre Ordnung nach den verschiedensten Richtungen. Ja ganze Reihen und Gruppen verschwinden, wie um anderen, die sich an ihrer Stelle aufbauen, Platz zu machen.

So betrachtet ist das Spiel der bewußten Erscheinungen einem Spiel von Wellen gleich, die einander folgen, sich kreuzen und verschlingen, stärken und schwächen, bald höher und klarer gesondert, bald unmerklicher und verworrener auf der Oberfläche eines Wassers tanzen. Und der Geist, das Ich, das Bewußtsein selbst ist nichts als der stete Zusammenhang der Erscheinungen auf der Oberfläche einer dunklen, unbekannten Wasserflut.

Ganz anders nimmt sich das Bild des Bewußtseins aus, wenn wir wie oben, das Spiel der Vorstellungen gleichsam von außen her betrachten, sondern wenn wir das stetige lebendige Band schauen, das alle diese Vorstellungen zusammenbindet. Zwar erblicken wir von hier aus auch jene Flut von Vorstellungen, die nacheinander und durcheinander treiben. Allein es tritt uns dabei ein Moment entgegen, das in dieser Weise bei keinem äußeren Gegenstand gefunden wird: die Tatsache, daß sich in jedem Augenblick  ein lebendiges gegenwärtiges Bewußtsein  auf die vorangegangenen Vorstellungen bezieht, diese ebenfalls als die seinigen betrachtet, und damit die frühere und gegenwärtige Lebendigkeit selbst in eine Einheit zusammenschließt. Das jetzige Bewußtsein ist dasjenige, welches die Einheit knüpft, und in dem Moment, in dem es sie knüpft, auch schon der Vergangenheit angehört. Es ist das ursprüngliche, unfassbare Bewußtsein, unfassbar wie die Gegenwart selbst, die wir immer nur im Reflex der Vergangenheit vorstellen können. Oder vielmehr, es ist dasjenige Bewußtsein, welches fortwährend seine Inhalte objektivierend und an andere anknüpfend sich stets selber als vergangen mitobjektiviert, und sich als gegenwärtig diesem Vergangenen einerseits entgegensetzt, andererseits als Eins mit ihm anerkennt. Es produziert das Zeitbewußtsein, indem es die unfaßbare Gegenwart vereint. Es produziert weiterhin das Selbstbewußtsein. Denn indem es sich ständig in all seinem Vorstellen auf vergangene Vorstellungen beziehen muß, schaut es implizit sich selber in seiner Vergangenheit an, und es bedarf nur einer, freilich erst spät und meist unklar vollzogenen Abstraktion, um zum Bewußtsein seiner selbst, zur Vorstellung "Ich" zu kommen. Diese Ichvorstellung ist somit nicht ein bloßes Objekt, welches angeschaut wird, auch nicht ein bloßes Subjekt, welches anschaute, sondern eine Einheit von Subjekt-Objekt, erzeugt durch die stete Beziehung des gegenwärtigen Bewußtseins auf eine frühere Lebendigkeit.

Allein zu dieser implizit stattfindenden steten Beziehung auf sich selbst in seinem früheren Vorstellen kann das Ich doch eben nur darum gelangen, weil es Vorstelungen hat. Und diese Vorstellungen beziehen sich  ihrem Inhalt nach  ursprünglich nicht auf das Ich als Objekt. Eine gesonderte objektive Beziehung auf Letzteres kann eben erst nach dem Entstehen des eigentlichen Selbstbewußtseins stattfinden. Die ursprüngliche und auch die späterhin vorwiegende Objektbeziehung geht auf Gegenstände, die nicht im Ich liegend gedacht werden. Eine andere Objektwelt ist das ständige Korrelat des subjektiven Vorstellens, eine Welt, die wir, sofern wir unser Vorstellen bloß als seelischen Akt betrachten, insgesamt  in uns  haben, die wir aber als Beziehungsort dieser seelischen Akte betrachtet, außer uns vorstellen, und von der das Ich, sofern es selbst als Objekt betrachtet wird, mit all seinen Vorstellungen nur einen verschwindenden Raum einnimmt.

In dieser Beziehung der Psyche zu einer innerlich oder äußerlich objektiven Tatsächlichkeit tut sich nun ein Problem auf, das seiner völligen Lösung noch harrt, der Gegensatz zwischen der Zerstreutheit und der Subjektivität des Vorstellens selbst und der von unserem Belieben unabhängigen Gesetzmäßigkeit des dadurch Vorgestellten. Einige unserer Vorstellungen werden, obgleich sie zum Ich gehören, als Phantasien, Irrtümer, und dgl. gleichsam völlig beiseite geworfen, obwohl sie dadurch nicht aus der Einheit des Ich entfernt werden können. Andere erachten wir als wahr, aber trotzdem tritt das Vorstellen in ganz anderem Rahmen, in einer ganze anderen Ordnung auf, als das dadurch Vorgestellte. Eine grüne Farbe führt meinen Geist auf eine Wiese, diese Vorstellung auf die Zeit, da ich dort mit einem Freund Schlittschuh lief, dies wiederum auf den Gedanken an Amerika, wohin er verreist ist, usw. Und bei alledem stelle ich in diesem so hin- und herfahrenden Vorstellen eine Ordnung, einen Zusammenhang vor, in dem alle jene Vorstellungen in durchaus fester Weise ihren Ort, ihre Zeit, ihren ursächlichen Zusammenhang zu beanspruchen haben, einen Zusammenhang, in welchem auch unsere eigenen ganz abweichenden Gedankenbahnen, ja unsere Irrtümer und Phantasien eine zeitlich, räumlich und ursächlich bestimmte Stelle haben, auch wenn wir dieselbe nicht immer zu erkennen imstande sind.

Die Frage, woher die Psyche die Befugnis nimmt, sich mit dem Anspruch der Wahrheit auf einen solchen Zusammenhang zu beziehen, ist das große Rätsel der Erkenntniskritik. In jedem Fall aber liegt die Tatsache vor, daß dies geschieht, und es ist unzweifelhaft, daß das Ich einerseits in seinem Vorstellen diesen Zusammenhang, obwohl es ihn als außer ihm liegend ansehen muß, doch subjektiv denkt und gleichsam hervorbringt, und daß es andererseits seine persönliche Einheit nur behaupten kann, falls es sich den Gesetzen dieses Zusammenhanges unterwirft.

In ersterer Hinsicht ist es klar, daß ohne die individuelle Einheit des Bewußtseins, ohne daß wir uns auf vergangene Vorstellungen als die unseren beziehen, ohne daß wir sie als gleich oder ungleich ansehen, uns der früheren Beziehungen derselben erinnern können, niemals ein Bewußtsein eines objektiven Zusammenhang aufträte. Nicht so einleuchtend scheint die Tatsache, daß umgekehrt die subjektive Einheit des Ich nicht ohne die objektive möglich wäre. Und doch ist dem so. Denn das ist doch wohl anerkannt, daß sich der Mensch früher auf Objekte als auf sein eigenes Ich bezieht. Die Beziehung auf die eigenen Vorstellungen läuft implizit nebenher, und es dauert lange, bis dieselbe gesondert zum Bewußtsein "Ich" erwächst. In demselbenn Bewußtseinsakt, in welchem ich sage, die Sonne sei die  nämliche,  welche gestern leuchtete, beziehe ich mich nur dadurch auf vergangenes Bewußtsein, daß ich mich auf die objektive Einheit "Sonne" beziehe. Darin, daß ich sie für die nämliche erkläre, erkläre ich, wenn auch nicht in einem gesonderten Vorstellen, daß ich sie schon einmal vorgestellt habe. Und ohne daß ich jenes täte und tun müßte, würde ich nie dazu kommen, letztere Tatsache zu einem gesonderten Bewußtsein zu erheben, also zu Vorstellung eines Ich zu kommen. Dies ist meines Erachtens auch der leitende Grundgedanke in KANTs "Widerlegung des Idealismus". Die subjektive Einheit des Bewußtseins ist nur unter der Voraussetzung irgendeiner objektiven möglich.

Ist nun aber einerseits die persönliche Einheit des Bewußtseins notwendig, um Objekte zu erkennen, andererseits aber die Beziehung desselben auf eine gegenständliche Einheit unerläßlich, um die persönliche Einheit zu wahren, so ist hiermit der Weg gezeigt, auf dem die Brücke zwischen der Objektivität und Subjektivität gefunden werden kann, und es ist die Möglichkeit gegeben, die eigentümliche Tatsache zu erklären, daß die Vorstellungen eine Beziehung haben, die von ihrer psychischen Verknüpfung unabhängig ist, die sich auf eine objektive Einheit richtet, welche gleichsam als feste eindeutige Norm dem subjektiven Spiel der Vorstellungen gegenübersteht. Es ist vor allem, was unsere vorliegende Aufgabe angeht, die Erklärung dessen möglich macht, daß die subjektive Bewußtseinseinheit sich durch Widersprüche gestört, und angetrieben fühlt, einen objektiv gesetzmäßigen Zusammenhang herzustellen. Letzterer Aufgabe sollen unsere letzten beiden Abschnitte zu genügen suchen.

LITERATUR - Franz Staudinger, Der Widerspruch in theoretischer und praktischer Bedeutung, Philosophische Monatshefte, Bd. 25, Heidelberg 1889
    Anmerkungen
    1) STAUDINGER, Identität und Apriori, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 1889. - Vgl. NATORP, Einleitung in die Psychologie nach kritischer Methode, Freiburg 1888, Seite 41f.
    2) NATORP, Einleitung usw. a. a. O.; vgl. auch u. a. SIGWART, Logik I, Seite 82 und öfter
    3) Vgl. SIGWART, Logik I, Seite 134f. Derselbe nennt nur "Widerstreit", was wir hier  Unvereinbarkeit  nennen.
    4) Wir scheiden also, was wir, um Mißverständnisse zu vermeiden, nochmals betonen wollen: 1. zwischen den bloß subjektiven Vorstellungen (Phantasien, Irrtümern), 2. dem logischen, wissenschaftlichen Verfahren, vermöge dessen wir uns der objektiven Erkenntnis bemächtigen, bzw. den psychischen Erkenntnisgesetzen, die dieses Verfahren bedingten, 3. dem Ergebnis dieses Erkenntnisprozesses, dem objektiven Erkenntniszusammenhang selbst. Das zweite und dritte zu vermengen, halten wir für methodisch ungeeignet, weil leicht irreführend.
    5) RICHARD von SCHUBERT-SOLDERN, Grundlagen einer Erkenntnistheorie, Leipzig 1884, Seite 184
    6) ERNST LAAS, Idealismus und Positivismus III, Seite 137