tb-1Der WiderspruchAugust MesserDer Streit um das Ding ansich     
 
FRANZ STAUDINGER
Cohens Logik der
reinen Erkenntnis

[1/2]

"Wir ... zeigen, daß Cohens Fehler aus einem gemeinsamen Quell entspringen, daraus nämlich, daß er das grundlegendste erkenntniskritische Problem, das  der Beziehung auf den Gegenstand  ebensowenig wie seine empiristischen und psychologischen Gegner und ebensowenig wie Kant in seiner Schärfe erfaßt hat."

"Der Zweck ist das ewige Fragezeichen des Gewissens. Eine Vollendung der Totalität gibt es hier nicht."

"In der Natur, auf die sich Wissenschaft bezieht, ist aber ein Faktor, der aller reinen Theorie zu spotten scheint, der Empfindungsfaktor und das Denken geht seines wissenschaftlichen Charakters verloren, wenn es ihn nicht bewältigen kann. Dazu sind die kritischen Kategorien bestimmt."

"Wenn Cohen auch einmal darauf hinweist, daß der Stoff des Denkens nicht der Urstoff des Bewußtseins ist, das sieht er klar. Aber daß auch der  Inhalt  eines Begriffs als solcher rein psychologisch ist, das sieht er nicht."

 
Der Altmeister des Neukantianismus, HERMANN COHEN in Marburg hat jüngst nach langer Pause den ersten Band eines neuen Werkes erscheinen lassen. "System der Philosophie, Erster Teil, Logik der reinen Erkenntnis" (Berlin 1902). Es soll also noch ein zweiter Teil folgen; und zwar soll dieser, wie die Vorrede zum ersten Teil sagt, systematische, sachliche und historische Ergänzungen, sowie Auseinandersetzungen mit den Zeitgenossen unter den Männern von Fach wie unter den wissenschaftlichen Forschern bringen. Der vorliegende erste Teil enthält nämlich fast nur Auseinandersetzungen mit den Forschern bis KANT. Seine Absicht ist, "die Gesetze und Regeln des Vernunftgebrauchs" nicht nur in formaler Hinsicht, sondern "in seinem ganzen Umfang und in seiner Einheitlichkeit" zu geben und sich zwar auch auf "alle Richtungen der Kultur", zuvörderst aber auf Wissenschaft zu beziehen.

Das Werk ist dazu angetan, sowohl bei Freunden wie bei Gegnern der alten methodischen Denkrichtung COHENs Überraschung hervorzurufen. Denn es schiebt einen Gedanken, der früher so gleichsam als selbstverständlich nebenher lief, der aber an einigen Stellen fast als quantité négligeable [vernachlässigbare Größe, wp] behandelt wurde, wuchtig in den Ausgangs- und Mittelpunkt der Erörterung, die Lehre vom  Ursprung  der reinen Begriffe; ein anderer Gedanke dagegen, der früher als wesentlich, ja als maßgeblich erschien, die Lehre vom  grundlegenden Wert  und vom  Geltungswert  dieser Begriffe tritt heute nicht bloß in eine gleiche Linie neben den anderen Gesichtspunkt, sondern fast hinter ihn zurück; ja es erscheint so, als sollte der Geltungswert durch den reinen Ursprung aus der Idee erst begründet und gewährleistet werden. "Durch die Idee erst erlangt das Reine seinen methodischen Wert." (Seite 6)

Nun müssen wir gleich zu Beginn bekennen, daß uns COHENs Lehrart bisher gerade dadurch wert und bedeutsam vor allen anderen erschienen ist, daß sie sich um die Herkunft der reinen Formen nicht viel kümmerte und das Hauptgewicht darauf legte, daß er sie in  reiner  Abstraktion als  notwendige Grundlagen  des wissenschaftlichen Denkens analysierte. Es wurde gezeigt, daß sie insofern  allerdings a priori unserer wissenschaftlichen Erfahrung zugrunde liegen müssen,  wenn diese methodisch und ihres Verfahrens bewußt fortschreiten soll. Aber nicht darauf, daß die Elemente der Wissenschaft Urelemente des Bewußtseins, sondern umgekehrt darauf, daß "die Elemente des erkennenden Bewußtseins hinreichend und notwendig seien, das Faktum der Wissenschaft zu begründen", lag noch in der zweiten Auflage von KANTs Theorie der Erfahrung (1) der Hauptnachdruck. Ihre Notwendigkeit als Grundlage und ihre Leistung "als Hebel und Wertmesser der Erfahrung" war der Hauptmaßstab. Daß COHEN freilich die Frage nach dem Ursprung des a priori so unbesehen nach KANTs Art beantwortete, bildete für mich schon längst einen Stein des Anstoßes.

Nun aber tritt der "Ursprung" aus der Idee im neuen Werk in den vordersten Vordergrund und zwar als der Zauberquell, welchem die Schätze der Erkenntnis entströmen. Von der "Idee" wird abgeleitet; im Nichts, im Unendlichkleinen wird das "Sein" entdeckt. Ganz unerwartet war ja die Entwicklung nach dieser Richtung hin schon nach dem Werkchen über das Prinzip der Infinitesimalrechnung nicht. Dennoch war das neue Werk für mich erstaunlich. Der ganze Ausgangspunkt der ihm geläufigen Methodik erschien hier verändert. Statt Festklammerung an die Erfahrung und Ausgang von ihr hieß es Festklammerung an die Idee und Ausgang von ihr zur Wissenschaft. Was mir bei KANT stets als Fehler erschien, ist Mittelpunkt des Systems geworden.

Unsere Stellungnahme zu COHEN muß damit freilich geändert werden. Wir müssen zunächst in  methodischer  Hinsicht den Standpunkt KANTs behaupten, der trotz allem von der Analyse der gemeinen Erfahrung, der Sinneswahrnehmung ausgeht, die in ihr vorhandenen Konstruktionsstücke aufsucht und von den hier gefundenen Synthesen aus zur Erkenntnis im eigentlichen Sinne fortschreitet. (2) Die Analyse der Wahrnehmung bildet für uns, wie für KANT die methodische Grundlage zur Auffindung des a priori.

Sodann aber müssen wir dieses Apriori selbst einmal des näheren beleuchten. In der "Theorie der Erfahrung" hat COHEN in scharfsinniger Weise drei Bedeutungen des Apriori unterschieden, die man kurz als das Apriori des  Ursprungs,  das Apriori der  Grundlage  und das Apriori der  Geltung  bezeichnen könnte. Dem Ursprung nach soll das Apriori "im Gemüt gegeben" sein, wie KANT sagt, als Grundlage ist es ein Bestandstück, das notwendigerweise schon aller Naturwahrnehmung zugrunde liegt, der Geltung nach ermöglicht es jene notwendigen und allgemeinen Folgerungen der Mathematik und mathematischen Naturwissenschaft.

Hinsichtlich der beiden letzteren Bedeutungen ist das Apriori ein wissenschaftlich zweifelloses Fundament der Erkenntnis. Und gerade COHEN gebührt das unbestreitbare Verdienst, diese Bedeutungen des Apriori besonders betont und damit das Verständnis für KANTs wissenschaftliche Leistungen in ganz hervorragender Weise gefördert zu haben. - In der erstgenannten Bedeutung aber trägt das Apriorie eine Zweideutigkeit in sich. Daß es als Erkenntnisbestandteil auch Bewußtseinsbestandteil ist, versteht sich von selbst; aber es fragt sich, ob es zum einen bloß für das Bewußtsein  gelte  und zum anderen, ob es autochton [an Ort und Stelle - wp] aus dem Bewußtsein  erzeugt  ist. Beides hat KANT bejaht, weil er die psychologische Analyse nicht sorgsam von der objektiven Analyse sonderte. Damit aber, daß das Apriori notwendige Grundlage der Erkenntnis ist, ist noch keineswegs gesagt, daß es im Geist erzeugt wird. Diese Behauptung, die auch NATORP sehr scharf mit den Worten formuliert, die apriorischen Konstruktionsstücke seien "bis zu den letzten Bestandteilen eigene Erzeugnisse des Denkens" (3) ist zumindest verfrüht.

Von zwei Gesichtspunkten aus müssen wir also COHENs Aufstellungen bestreiten, von dem der Methode der Ableitung und von dem der Bedeutung des Apriori. Wir müssen zu diesem Zweck zeigen, daß COHENs Fehler aus einem gemeinsamen Quell entspringen, daraus nämlich, daß er das grundlegendste erkenntniskritische Problem, das  der Beziehung auf den Gegenstand  ebensowenig wie seine empiristischen und psychologischen Gegner und ebensowenig wie KANT in seiner Schärfe erfaßt hat.

Ehe wir freilich an diese Aufgabe herantreten, müssen wir den Hauptinhalt von COHENs Werk skizzieren.

Von der "Idee" ausgehend, durch die die "Reinheit" ihren "methodischen Charakter" erhält, formuliert COHEN (Seite 17) die Sätze: "Das Denken der Logik ist das Denken der Wissenschaft". "Die Frage des Zusammenhangs der Wissenschaften ist die Frage des Zusammenhangs der Methoden". Da nun aber alle Wissenschaften mit dem Denken operieren und dieses in manchen noch unbestimmt zutage tritt, so läßt sich die Schwierigkeit nur überwinden, wenn wir eine Wissenschaft zugrunde legen, in der das Denken bestimmt ist. "Als solche Wissenschaft hat sich die mathematische Naturwissenschaft herausgestellt". Sie legt COHEN darum zugrunde.

Deren Grundvoraussetzungen bestehen in gewissen Grundformen des Denkens, den Urteilen; in denen gewisse Grundmittel des in Frage stehenden Gegenstandes, die Kategorien hervortreten. Hier hat nun COHEN einen vortrefflichen Gedanken zum Ausdruck gebracht, daß nämlich die Einteilung der Urteile, die er, wie KANT, in vier Gruppen von je dreien gliedert, künstlich ist und kein selbständiges Interesse beansprucht (Seite 342). Die Urteile dienen nur zur Auffindung der Kategorien, sie sind "das Bett der Kategorien", von denen mehrere in einer Urteilsart stecken können, wie auch dieselbe Kategorie in mehreren Urteilsarten vorkommen kann (Seite 47). "So wird die Urteilsform wieder flüssig und urbar gemacht" (Seite 46) und das ist notwendig wegen des Fortschritts der Wissenschaften, die stets neue Probleme bringt und damit "neue Voraussetzungen, neue Kategorien erforderlich macht" (Seite 342f).

Die vier Unterklassen, die COHEN einteilt, nennt er die der Denkgesetze, der Mathematik, der mathematischen Naturwissenschaft und der Methodik. In ihnen erscheinen:
    1. Die Urteile des Ursprungs, der Identität und des Widerspruchs;

    2. die der Realität, der Mehrheit und der Allheit;

    3. die der Substanz, des Gesetzes und des Begriffs;

    4. die der Möglichkeit, der Wirklichkeit und der Notwendigkeit.
In den Urteilen der Identität und des Widerspruchs werden die Denkgesetze der formalen Logik behandelt; ihnen wird aber als Vor-Urteil das des Ursprungs vorausgeschickt, das schon auf das Urteil der Realität vordeuten den Ursprpung des Etwas aus dem Nichts behauptet, in deren Zusammenhang sich das Prinzip der Kontinuität geltend machen soll.

Im Urteil der Realität wird dann diese Ableitung des Etwas aus dem Nichts als Prinzip der Infinitesimalrechnung bezeichnet. "Der Grund des Endlichen sei unendlich klein". Hier hat das Endliche seinen Ursprung (Seite 114), seine Realität, deren Fundament die Kategorie der Zahl bildet.

Diese Zahl aber muß merkwürdigerweise erst durch "Hinzufügung" Mehrheit werden mittels der Kategorie der Zeit, die COHEN ebenso wie den Raum aus einer Anschauungsform zur Denkform umgestaltet. Ihr Hauptgebiet ist die Zukunft, von wo aus sie das vergangene sozusagen nachholt, die Gegenwart aber wird in Beziehung zum Beisammen, zum Raum gebracht.

Dieser tritt im Urteil der Allheit auf, das als Vollendung der unendlichen Reihe bezeichnet wird. Die Allheit erzeugt den Inhalt; das Innen, der Gehalt ist - der Raum, dessen Bestimmung das Beisammen ist. Die Integralrechnung stellt dessen Bestimmung als Zweck dar.

Die Substanz erscheint, obwohl naturwissenschaftliche Kategorie, zunächst mathematisch. Sie ist das  x  der Gleichung (Seite 190). Indem aber  x  für  y  eingesetzt wird, wird Veränderung, die die Geometrie zur Bewegung entwickelt, dann Verhältnis von Raum und Zeit, das ihr Beisammen auflöst. Da ist nun die Substanz die Kategorie der Erhaltung in der Bewegung. Die Kategorien durchdringen sich, darauf beruth der Inhalt (Seite 201) und weiterhin die Materie.

Wie im folgenden Urteil Gesetz, Kausalität, Kraft, Funktion in gegenseitiger Abhängigkeit entwickelt werden und die "Substanz in der Bewegung" als "Problem der Naturwissenschaft" bezeichnet wird, müssen wir, als zu weitführend, übergehen. Ebenso können wir nur andeuten, daß im folgenden Urteil die Einheit des Gegenstandes, das Problem des LEbens und dessen Einheit aufgesucht und vor allem der Gedanke des Systems ausgeführt wir. "Die Kategorie des Begriffs wird Kategorie des Gegenstandes; und die neue Einheit fordert die Kategorie des Systems." Das  System der Natur  wird das eigentliche Problem des Begriffs. Hier erscheinen die Kategorien des Individuums und des Zwecks - der das ewige Fragezeichen des Gewissens ist -. Eine Vollendung der Totalität gibt es hier nicht. (Seite 326)

Mit diesem Urteil sind wir über die mathematischen Urteil ganz hinausgegangen. Die Naturwissenschaft allgemein ist der Gegenstand geworden, nicht bloß die mathematische. In der Natur, auf sich diese Wissenschaft bezieht, ist aber ein Faktor, der aller reinen Theorie zu spotten scheint, der Empfindungsfaktor; und das Denken geht seines wissenschaftlichen Charakters verloren, wenn es ihn nicht bewältigen kann" (Seite 346). Dazu sind die kritischen Kategorien bestimmt.

Im Urteil der  Möglichkeit  ist zunächst die vage Denkmöglichkeit, von der aus einem Zusammenhang begründeten Möglichkeit zu scheiden, der dann drittens die Hauptfunktion der Möglichkeit, die Hypothese beitritt. "Es ist möglich", heißt: es ermöglicht neue Erkenntnis. In der  Wirklichkeit  tritt dann die Empfindung mit ihren Ansprüchen heran. Aber, wenn COHEN diese auch anerkennt, sogar selbst einmal hervorhebt, daß für DARWIN zuweilen die Farbe ein unterscheidendes Merkmal (also doch ein "Erkenntnismittel") sei, so ist dieses Erkenntnismittel doch nicht  rein.  (Empfindungsinhalte lassen sich ja, gleichviel weshalb, niemals scharf abstrahieren und sondern.) Wir haben es aber nur mit reiner Erkenntnis zu tun. Für die wird die Empfindung erst rein, wenn sie als Bewegung (Schwingung) gefaßt und in  Größen  ausgedrückt ist. "Ein abstraktes Sein verleiht dem konkreten erst seinen Wert." - Im Urteil der  Notwendigkeit  endlich wird dem Begriff der Notwendigkeit  für  eine Folgerung der andere Begriff der notwendigen Folgerung  aus  einer Grundlage gegenübergestellt. "Die Notwendigkeit ist der Leitbegriff der Forschung innerhalb der durch die Kausalität der Funktion konstituierten Wissenschaft" (Seite 446), die "Notwendigkeit des Beweises" (Seite 451), des Zusammenhangs im Beweis.

Diese Verkettung der Gedanken, wodurch der Satz erst Sprache wird, ist in den drei Schlußformen enthalten, in denen sich der Zusammenhang des Allgemeinen und Einzelnen durch das Besondere, den Mittelbegriff, vollzieht. Der kategorische Schluß stellt uns das allgemeine Bild und Vorbild des Schlusses dar; es bildet die Grundlage für den hypothetischen Schluß, der die Deduktion, die Synthesen der mathematischen Naturwissenschaft enthält und für den disjunktiven, der die Systematik bildet. Der Ausschluß (Entweder - oder) in letzterem ist nur Mittel, um den Zusammenschluß der Elemente zu erzielen.

Am Ende wird, neben nochmaliger starker Betonung der Ursprungsidee, der Gedanke aufgestellt, daß die Wissenschaft in ihrem dunklen Drang sich zwar des rechten Weges nicht immer bewußt gewesen, ihn aber doch im wesentlichen gewandelt sei. Aufgabe der Logik sei es, ihn bewußt zu machen. -

Dem letzten stimmen wir völlig zu. Denn erst, wenn er bewußt ist, kann er auch wieder fruchtbar werden für die Wissenschaft. Und daß die Männer der exakten Wissenschaften das empfinden, sieht man daraus, daß sie sich in steigendem Maße wieder den philosophischen Problemen zuwenden, um von hier aus Klarheit über ihre letzten Grundvoraussetzungen zu gewinnen. Diese Klarheit kann die Philosopie erst gewährleisten, wenn sie selbst auf zweifellos sicheren Grundlagen Fuß gefaßt hat. Dazu hat nun COHENs Buch im Einzelnen manches beigetragen; im ganzen aber müssen wir einen solchen Anspruch leider bestreiten. Wir werden zeigen müssen, wie er, besonders zu Anfang, logische und psychologische Elemente vermengt und wie wenig er schon hier der Grundfrage der Philosophie, der Beziehung auf den Gegenstand, nachgeht. In den späteren Erörterungen kommen wir öfters auf festeren Boden; und wenn auch die Art der Darstellung dem Verstehen ganz ungewöhnliche Schwierigkeiten bietet, wenn auch manches erst an einem anderen Ort klar wird, als wo es abgehandelt ist und wenn endlich auch gar manche Einzelheiten meinem Verstehen auch bei wiederholter Lektüre trotzten, so wird doch der Hauptgedanke später immer klarer. Die Seiten 341 - 348, die der Leser vor aller Einleitung lesen möge, bieten z. B. mehr Aufklärung, als lange vorhergehende Erörterungen. Was dann über die kritischen Kategorien und das Schlußverfahren gesagt ist, scheint uns so manche treffliche Anregung zu geben.

Aber wir sind heute verdammt, mehr zu kritisieren, als zustimmend zu erläutern. Denn das Ganze gilt vor dem Einzelnen. So lassen wir auch kritisierend unwesentliche Einzelfragen beiseite, wie die, wie "Gegenwart" zum "Raum" kommt, wie das Individuum  reine  Kategorie werden kann, warum die Korrelation Mittel-Zweck so beanstandet wird. "Wir wollen zur Hauptsache gehen und hier zunächst den Begriff der reinen Erkenntnis, soweit wir mit COHEN gehen können, darlegen, ebenso die Unterschiede kritischer und empirischer sowie psychologischer Methode darlegen und dann an die Kritik seiner Grundaufstellung herantreten.

Auf die Frage, was reine Erkenntnis sei, antwortet COHEN: "Das Denken der Wissenschaft." (Seite 17) Also nicht die besonderen Gegenstände der Wissenschaften, sondern die Arten und Grundlagen, die  Methoden  ihres Denkens, sollen selbst zum Gegenstand neuer Forschung gemacht werden. Der "Inbegriff der Mittel und Methoden", welche die Objektivität der Erkenntnis herstellen, so könnten wir im Anschluß an COHENs Buch über "Kants Theorie der Erfahrung" (2. Aufl., Seite 142) sagen, ist die reine Erkenntnis.

Diese Erkenntnis ist abstrakt. Auch COHEN gebraucht dieses Wort in seinem neuen Buch oft. Aber wenn wir sagen, "abstrakt", so ruft das unerbittlich die Frage auf: abstrahiert wovon? Das Verfahren, wodurch der Geist diese reinen Erkenntnismittel erzeugt, besteht dann darin, daß er sie von irgendetwas abstrahiert. Irgendetwas! Was ist das? Wo ist dieser  Gegenstand

Aber wir können diese Frage vielleicht noch etwas zurückstellen und, wenn auch mit dem Bedenken, daß uns ohne ihre Beantwortung das Fundament fehlt, einmal die andere Frage stellen: Abstrahiert  wozu?  COHEN antwortet: Zur Konstituierung der Wissenschaft. Und so lang und soweit nur diese Frage in Betracht kommt, stehen wir nach wie vor auf seiner Seite.

Wir tun das gegenüber  der Empirie,  ob sie nun auf induktivem oder auf genetischem Weg die apriorischen Formen zu entdecken unternimmt. Genetische Erklärung und Induktion haben ihre bedeutsamen Aufgaben erst dann zu erfüllen, wenn die kritische Grundlage gelegt oder doch vorausgesetzt ist. Dieser selbst gegenüber sind sie machtlos und operieren, ohne es zu merken, bereits mit denjenigen Abstraktionen, die sie erst auffinden zu wollen behaupten. JOHN STUART MILL hat gesagt: "Wer die große Frage löst, warum in einzelnen Fällen  ein  einziges Beispiel zu einer vollständigen Induktion ausreicht", während in anderen Myriaden übereinstimmender Fälle einen so kleinen Schritt zur "Feststellung eines allgemeinen Urteils tun", der versteht mehr von der Philosophie der Logik, als der erste Weise des Altertums." (4) Damit hat er den Bankrott der Empirie auf diesem Gebiet selbst angezeigt, ebenso wie seine Unkenntnis des Mannes, der die Aufgabe bereits im wesentlichen schon längst gelöst hatte. COHEN ist es freilich erst gewesen, der uns gerade diese Bedeutung KANTs nachdrücklich vor Augen gestellt hat. Und das soll ihm unvergessen bleiben.

Sodann aber stehen wir ganz auf COHENs Seite in der Frage der Beziehung zwischen Psychologie und Erkenntniskritik. Ganz auf seiner Seite, ist hier zuviel gesagt. Hier behaupten wir, hat er selbst den entscheidenden Gesichtspunkt, den er im wesentlichen so klar erfaßt hat, nicht ebenso klar durchzuführen gewußt, weniger noch, als KANT selbst.

Der Grundunterschied liegt, soweit ihn COHEN erkannt hat, nicht im Material, sondern im Gesichtspunkt. "Das Denken als Erkennen ist (Seite 21) zwar Vorgang des Bewußtseins", also ein Vorgang psychologischer Art, aber die Erkenntniskritik hat ihn nicht  als solchen  zu behandeln. Der ins Auge zu fassende  Gegenstand  ist nicht die Psyche, in der unsere gesamten Vorstellungen beisammen sind und in bestimmter Weise verknüpft werden. Der Gegenstand ist vielmehr ganz allgemein der Zielpunkt, in Bezug auf den unser Denken  gültige  Urteile zu fällen den Anspruch macht. "Es kmmt auf die Schärfe des Gesichtspunktes an, um die Selbständigkeit beider Wege rein und sicher zu behaupten."

Es ist hier genau so, wie etwa beim physikalischen oder chemischen Experiment, wo die objektiven Bedingungen des Zusammenhangs, der das Resultat  notwendig  ergeben  muß  und die subjektive Richtigkeit und Sicherheit des Experimentierens doch auch unterschieden werden: Das  richtige  Experimentieren muß sich freilich schließlich mit dem objektiv notwendigen Gang decken. Aber letzterer gibt doch ersterem die Begründung, nicht umgekehrt.

In einer anderen Beziehung freilich ist die psychische Tätigkeit ebenso Voraussetzung und Grundlage der Logik, wie das Experimentieren die Voraussetzung und Grundlage der Entdecktung von neuen Methoden der Physik und Chemie ist. Aber wie es keinem Chemiker oder Physiker einfallen wird, aus diesem Versuchen und Erproben als solchem den  Beweis  für die objektive Gültigkeit einer neuen Methode hervorzuholen, sondern einzig aus der Beziehung der Vorgänge selber zum Ergebnis: so sollte man auch in der Seelentätigkeit nichts als die Operationsvoraussetzung sehen, aber keine objektive Gültigkeit für die methodischen Grundvoraussetzungen daraus herleiten wollen.

Soweit COHEN diese Richtlinien festhält, bekennen wir uns nach wie vor zu ihm. Aber eben darum bedauern wir sagen zu müssen: Er hält sie heute weniger fest als ehedem. War er schon damals von der gemeinen Erfahrung, von der KANT ausgeht, schon etwas früh und, wie uns jetzt scheinen will, unvermittelt zur wissenschaftlichen Erfahrung vorgerückt, so ist er nun gänzlich losgelöst. Im Denken als solchem soll alles zu finden sein. Wenn er auch einmal darauf hinweist, daß der Stoff des Denkens nicht der Urstoff des Bewußtseins ist, das sieht COHEN klar. Aber daß auch der  Inhalt  eines Begriffs als solcher rein psychologisch ist, das sieht er nicht. Aus dem Inhalt eines Begriffs als solchem ist noch  gar kein  Merkmal für sein Anrecht auf wissenschaftliche Geltung zu entnehmen. Diese  Geltung  besteht nur in der  Beziehung dieses Inhalts  auf etwas, was nicht, wenigstens nicht dieses betreffenden Begriffes Inhalt ist. Diese Nichtunterscheidung, auf die nachher genauer einzugehen ist, bewirkt schon bei KANT Vermengungen des objektiven und des psychologischen Gesichtspunktes. Daß KANT die unter ganz verschiedenen Gesichtspunkten stehenden Fragen zusammenwirft, ob ein Erkenntnismittel "allgemein und notwendig" für Objekte  gilt  und ob es "im Gemüt", also psychologisch "seinen Sitz hat", ist ein Beispiel dafür.

Hier folgt aber COHEN ganz KANTs Beispiel. Auf Seite 28 steht der erkenntniskritische Satz: Das Denken soll das Sein  entdecken;  und Seite 49 der metaphysisch-psychologische Satz: Das Denken  erschafft  die Grundlagen des Seines. Seite 67f stehen die beiden Urteile als gleichbedeutend: "Nur das Denken selbst kann erzeugen, was als Sein gelten darf" und: "Dem Denken darf nur dasjenige als gegeben gelten, was es selbst aufzufinden vermag." Dort ist der Gesichtspunkt psychologisch, hier objektiv.

COHEN empfindet ja selbst (Seite 49) die Paradoxie, die in der Forderung liegt, das Denken solle seinen Stoff selbst erzeugen und sucht sie mit dem Hinweis darauf zu beseitigen, daß der Stoff des Denkens nicht Urstoff des Bewußtseins sei. Man könnte erwidern, das im Denken  Erzeugte  wäre dann doch "Urstoff", da dieses ja nicht von einem anderen Urstoff abgenommen werden sein soll. Aber die Hauptsache ist, daß COHEN bloß jene sachliche Paradoxie merkt, nicht aber, daß hier auch eine methodische Verschiebung des Gesichtspunktes vorliegt. Wenn davon geredet wird, daß das Denken seinen Stoff erzeugt, so ist doch, wie man das "Erzeugen" auch deutet,  nur  von der Seelentätigkeit die Rede, keinesfalls aber von der Frage, was der Inhalt des Denkens als Grundlage und Folgerung  für den Gegenstand  bedeutet. Der psychologische, sogar psychologisch-metaphysische Gesichtspunkt ist über den erkenntniskritischen hinausgewachsen.

Die Beziehung auf den Gegenstand das ist eigentlich der einzig kritische Gesichtspunkt. Die Frage: Welche Bestandteile sind notwendig, um etwas als Gegenstand bezeichnen zu können, ist die kritische Grundfrage. Ich erinnere mich noch, welches Licht gerade COHEN ihm seinerzeit beigemessen hatte, als er betonte: Es kümmert uns gar nicht, ob angeboren oder nicht.  "Was wir zur Herstellung der synthetischen Einheit notwendig brauchen, diese notwendigen Konstruktionsstücke nennen wir a priori."(5) Das war das erlösende Wort; alles andere erschien nebensächlich. Diesen, den einzig möglichen kritischen Gesichtspunkt nun folgerecht bis zuende durcharbeiten, mußte die Losung sein.

Aber nun hat sich bei COHEN das Nebensächliche als Hauptsache vorgedrängt und die einstige, in obigen Worten wenigstens angedeutete Hauptsache ist fast vergessen. Das psychologische Moment gewinnt grundlegende Bedeutung, die Beziehung auf den Gegenstand verschwimmt.

Das zeigt sich schon in COHENs Behandlung der formal-logischen Elemente, der Identität und des Widerspruchs. Wenn wir fragen, was Identität ist, so ergibt sich, wenn wir obigen Gesichtspunkt einheitlicher Beziehung auf den Gegenstand festhalten, fast von selbst die Antwort: Identität ist die Beziehung mehrerer getrennter Inhalte auf  einen  Gegenstand. Ob diese Inhalte gleich oder verschieden sind, ist nebensächlich für die Definition. Die Momente: Weiß, weiß, weiß auf dasselbe Papier oder auf den Begriff  weiß  bezogen, die Gedanken Seite, Ecke, Winkel auf dasselbe Dreieck bezogen, die Vorstellungen "Irminsäule", "Weserübergang", "Sachsen" auf KARLs des Großen Sachsenkrieg bezogen, sind stets in Bezug auf ihren jeweiligen  Gegenstand  identisch bezogen. (6)

COHEN selbst aber, obwohl er gegen bloß psychologische Identität polemisiert und die Bildung  a  ist  gleich a  für keine rechte Identität erklärt, sucht die Identität darin, daß  a  als  a  bejaht und  festgehalten  wird. Festgehalten muß das  a  freilich werden; aber das ist  bloß  eine psychologische Tat. Also eine selbstverständliche  psychologische  Vorbedingung zur Identitätsbeziehung wird zur Identitätsbeziehung selbst. Die Identität wird dadurch aber nicht zur Tautologie, sondern  leere  Tautologie.

Nicht viel besser geht es mit dem Satz des Widerspruchs, auf den wir aber nicht weiter eingehen wollen. Bemerken müssen wir nur, daß, gerade nach COHENs oben genanntem Prinzip, hier nocht die Lehre von der Analyse (Heraushebung der in Bezug auf einen Identitätspunkt vereinigten Bestimmungen) und der Abstraktion (der gänzlichen Abtrennung von Bestimmungen unter Bezieung auf eine neue, eine begriffliche Einheit) abgehandelt werden müßten. Wir erwähnen das, weil diese Begriffe bei der Kritik von COHENs Entwicklung des Zahlbegriffs notwendig werden.

Die  Zahl an deren Besprechung wir also herantreten, entsteht nach COHEN im Urteil der Realität. "Der Grund des Endlichen ist unendlich klein" (Seite 105). "Im Unsinnlichen hat das Sinnliche seinen Ursprung" (Seite 114) Die "Kontinuität", der "stetige Zusammenhang" dieser infinitesimalen Elemente ist "Realität": und die darin enthaltene "Einheit", die "den Grund", "das Fundament" bildet, ergibt die "Zahl als Kategorie" (Seite 116f). Und diese "Sonderung wird zur Hinzufügung", zur Mehrheit in einer "neuen Kategorie - der Zeit" (Seite 127).

Diese Ableitung scheint uns freilich dem Ausgangspunkt gemäß zu sein, aber den tatsächlichen Sachverhalt auf den Kopf zu stellen. Der einst von COHEN befürworteten Methode dürfte es gemäßer sein, die Rätsel der Infinitesimalrechnung von denjenigen Grundlagen aus zu lösen, die selber  klar  sind. Daß die Ableitung des Endlichen aus dem Unendlichkleinen klar erfaßbar ist, wird COHEN doch selbst nicht behaupten wollen. So dürfte denn der Mann, der dem Philosophen des Unbewußten seine Erklärung des Hellen aus dem Dunklen so scharf vorwirft, hier nicht desgleichen tun.

Nun aber soll gar die Zahl als Zahl aus dem Infinitesimalen  abgeleitet  werden. Aber wir haben doch schon früher Zahlen abgeleitet, lange bevor man an die Infinitesimalrechnung dachte; und sodann, was wichtiger ist: in der Infinitesimalrechnung wird ein neues Verhältnis vom  Verhältnis schon vorhandener  Zahlen  abgeleitet  und nicht umgekehrt. Daß aber das Abgeleitete der Ursprung dessen ist, wovon abgeleitet wird, ist doch nicht anzunehmen.

Der Infinitesimalbegriff ruht auf einem besonderen Verhältnisbegriff: der Funktion. Man will hier nicht etwa ein Verhältnis zweier gegebener Größen unter sich finden, sondern das Größenverhältnis einer  anderen  Relation, die die Eigenschaft hat, daß sich mit jeder Änderung in jenem ersten Verhältnis, auch diese neue Relation in streng gesetzmäßiger Weise ändert. Ein solches Funktionsverhältnis, wie es etwa zwischen einer Kurve und ihrer Tangente besteht, wird nun aber im Prinzip dadurch gefunden, daß man von einer zunächst fehlerhaften Beziehung ausgeht, diesen Fehler immer kleiner werden läßt und so einen  Grenzwert  erreicht, bei dem der Fehler verschwindet. Ganz ähnlich, wie wenn man die Zahl  π,  durch Polygone von immer kleineren Seiten annähernd erreichen und dann denken kann, der durch dieses Verfahren implizierte Fehler muß wegfallen, sobald die Seite = 0 wird.

Es ist also eine Denkmethode, ein Operationsprozeß, der durch ein in gesetzmäßiger Abfolge gedachtes Verkleinerungsverfahren schließlich ein Verhältnis 0/0 herstellt, in dem sich die bloße Funktion,  abgesehen  von den  besonderen  Größenverhältnisse, kundgibt.

Das Wesentliche ist dabei zum einem, daß der  Ausgangspunkt  das ganz gewöhnliche Zahlverhältnis ist, zum anderen, daß ein besonderes Denkverfahren von diesem zum neuen Verhältnis  hinüberführt . Damit ist schon bewiesen, daß die Rückschlüsse, die vom nun erreichten Ergebnis aus möglich sind, nicht autochton im "Unendlichkleinen" bzw. dessen Idee wurzeln, sondern selber zurückzuführen sind auf jenen gesetzmäßigen abstraktiven Prozeß, aus dem der "Grenzwert" hervorgegangen ist. Dieser Prozeß ist hier nicht etwa als genetischer Ursprung beiseite zu schieben. In ihm wurzelt vielmehr die Überzeugungskraft für die  Gültigkeit  der neuen Ableitung.

COHENs Gedanke, aus der Idee des Unendlichkleinen die Zahl erzeugen zu wollen, ist also schon von hier aus zu beanstanden. Einige Mathematiker, wie VERONESE, sollen ja freilich ähnlich spekuliert haben. Aber die Mehrheit der Mathematiker hat sich entschieden dagegen gewandt und wie WEIERSTRASS, den Satz vertreten, daß  alle  Größen und alle Operationen mit ihnen auf ganze Zahlen und Operationen mit diesen zurückzuführen sind.'

Ebensowenig wird es angängig sein, sich für eine solche Ableitung auf GRASSMANN und seine Schule zu berufen, der ja allerdings und wie wir glauben, ganz richtig unterscheidet zwischen Wissenschaften, die sich auf ein Sein beziehen und solchen, die ihre Wahrheit nur in der Übereinstimmung des Denkprozesses unter sich haben. (Ausdehnungslehre 1844). Nur hätte er die reine und angewandte Mathematik klarer unterscheiden sollen. Sobald man diese Unterscheidung macht, kann man logisch nichts gegen eine "Ausdehnungslehre" sagen, die, im Grunde von dem  absieht,  was wir realiter "Ausdehnung" nennen müssen, welche vielmehr "die sinnlichen Anschauungen der Geometrie zu allgemeinen logischen Begriffen erweitert und vergeistigt". "Alle Grundsätze, welche  Raumanschauungen  (das in der Natur "gegebene"), ausdrücken, fallen da eben weg." (Ausdehnungslehre 1862 und ENGEL, Werke, Bd. II, Seite 4f)

Aber COHENs Gedanke ist nicht bloß deshalb abzuweisen, weil er den relativen Endpunkt eines Verfahrens, der nun wieder relativer Ausgangspunkt für neue Verfahrensweisen wird, zum absoluten Ursprungsort macht, sondern vor allem deshalb, weil er auf diesem Wege nicht etwa bloß den Ursprung, sondern auch den  Inhalt  des Verfahrens entdecken will:  die Zahl als Realität. 

Solches Entspringen ist kein klares, logisch nachweisbares Ableiten aus bestimmten abstraktiven Faktoren und deren gesetzmäßiger Verbindung, sondern eine Entstehung ontologischer Art, aus einem dunklen Ungrund hergeleitet. Diese Realitäten sind dann tatsächlich keine Abstrakta, für die sie doch COHEN mehrfach ansieht; sie sehen kleinen dinglichen Realitäten zum Verwechseln ähnlich. Ein Etwas, das tatsächlich aus dem Nichts wurde, ist ein mythologisches Geschöpf und erhält nicht bloß eine Realität, sondern ein, wenn auch unsichtbares  Dasein.  Die gute alte methodische Scheidung COHENs zwischen genetischem und logischem Ursprung ist da völlig verwischt.

Ferner muß eine Vermengung erwähnt werden, in welcher die schon berührte Nichtunterscheidung zwischen Inhalt und Gegenstand eines Gedankens deutlich zutage tritt.  Die Zahl  wird von COHEN als kontinuierlich vom Nichts zum Etwas entstehend gedacht. Die Zahl aber gibt tatsächlich  niemals  Kontinuität, sondern stets nur Diskontinuität. Kontinuität  kann  nur etwa  das Gezählte  haben. Die Zahl selbst ist nur  Diskretion  auch wenn sie den denkbar kleinsten Bruch darstellt. Auch das  Verfahren  der Reihenbildung oder der Eingrenzung auf Grenzwerte ist  nie  kontinuierlich, sondern geht sozusagen in irgendwelchen rhythmischen Intervallen vor sich. Wenn hier eine Kontinuität "gedacht" wird, so ist es keineswegs eine Kontinuität im  Inhalt  der Gedankenmomente, sondern in Beug auf deren  Gegenstand.  Wir können die tatsächlichen Intervalle der Zahl auf einen  Gegenstand bezogen  denken, der als solcher keine Intervalle hat. So z. B. auf eine Linie, einen Zeitabschnitt - kurz auf Zeit und Raum. Warum freilich Zeit und Raum selbst, die wir nur durch die Diskretionen von Intervallen zu fassen vermögen, trotzdem selbst als kontinuierlich anzusehen sind, das erfordert eine andere Untersuchung.

Ferner aber hat die  Zeit,  mit der COHEN - wie KANT - die Zahl in Beziehung bringen, objektiv notwendig mit dieser nichts zu schaffen, nicht mehr als mit allem, was gezählt werden kann. Psychologisch freilich zählen wir  in der  Zeit, wie wir in der Zeit denken und leben. Aber was von  objektiver Zeit  in der Zahlabstraktion vorhanden sein sollte, ist unfindbar.

LITERATUR - Franz Staudinger, Cohens Logik der reinen Erkenntnis und die Logik der Wahrnehmung, Kant-Studien Bd. 8 , Berlin 1903
    Anmerkungen
    1) Vgl. z. B. COHEN, Logik der reinen Erkenntnis I, Seite 77, 124, 198, 222 und sonst sehr oft.
    2) Kritik der reinen Vernunft, § 10, Anfang, 2. Ausgabe, Seite 102f, wo von der "blinden obwohl unentbehrlichen Funktion" der Synthesis die Rede ist, die die Elemente, die zu Erkenntnissen führen, sammelt. Diese unwillkürliche "Synthesis auf Begriffe zu bringen", ist Verstandesarbeit, die uns erst "Erkenntnis in eigentlicher Bedeutung gibt". - Also die Grundlage der Erkenntnis ist diejenige Synthesis, die wir Wahrnehmung nennen. Vgl. auch die "Analogien der Erfahrung".
    3) PAUL NATORP, Sozialpädagogik, Seite 26
    4) JOHN STUART MILL, Logik, 1. Buch, dritte Auflage (SCHIEL), Seite 371
    5) HERMANN COHEN, Kants Theorie der Erfahrung, 1. Auflage, Seite 104
    6) Die Identitätsfrage gerade nach COHENs Grundmethode zu bearbeiten versuchte ich in einer, wegen anderweitiger Arbeit nicht zum vollen Abschluß gelangten Artikelserie "Identität und Apriori" in Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie XIII, 1889. Vgl. auch Sigwart, Logik I, § 14.