tb-1ra-2Der Streit um das Ding an sichKants Dinge an sichDie Dinge an sich    
 
MARCUS JACOB MONRAD
Das Ding an sich als Noumenon
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"Was wir nun bei Kant als das eigentlich Große und Epochemachende finden, das, wodurch er den Eingang zur tieferen klassischen Philosophie dieses Jahrhunderts bildet, ist eben, daß er das klare Bewußtsein von der Erscheinungswelt als Erscheinung ausgesprochen und dadurch wenigstens indirekt auf ein tiefer als alle Erfahrung liegendes Ansichseiendes und eigentlich Wahres hingewiesen habe."

I.

Das Ding an sich  bei KANT, das er als unerkennbar den Erscheinungen, als dem allein der menschlichen Erkenntnis zugänglichen, entgegengesetzt hat, ist in der nachfolgenden Philosophie sehr berühmt - oder vielmehr möchte man sagen: berüchtigt - gewesen. Man hat es mehrmals als ein  caput mortuum  [wertloses Überbleibsel - wp] des Denkens bezeichnet und ich selbst habe in früheren Schriften und Vorlesungen flott genug das kantische Ding an sich - nämlich in seiner abstrakten Bestimmungslosigkeit festgehalten - als ein  Unding,  ja als einen  Ungedanken  betrachtet.

Allein genauer zugesehen, ist diese Abstraktion als solche (und der darauf beruhende Gegensatz) nicht bloß auf dem kantischen Standpunkt und nach seinen Voraussetzungen vollkommen motiviert und berechtigt, sondern ein in der ganzen menschlichen Gedankenentwicklung bedeutungsvolles Moment, ja eigentlich ein Schlüssel zu aller höheren Betrachtung des Daseins. Denn alle Religion und im Grunde alle Philosophie beruth darauf, nicht an dieser uns zunächst umgebenden, dem sinnlichen Bewußtsein räumlich und zeitlich erscheinenden Welt als dem an sich Wahren haften zu bleiben, sondern immer darüber oder dahinter ein an und in sich Wahres, Unveränderliches, wie dies auch sonst gedacht werden mag, wenigstens zu ahnen und zu suchen.

Wir erinnern, daß KANT, auf der Schwelle des ausgehenden Jahrhunderts, wenigstens mit dem einen Fuß in dem damals vorherrschenden Empirismus steht, der die traditionelle dogmatische Metaphysik abgeschüttelt hatte, aber schon in konsequenter Auflösugn begriffen war, indem der HUMEsche Skeptizismus, von der Erfahrung selbst ausgehend, derselben am Ende alle allgemeine, objektive Wahrheit absprechen zu müssen glaubte. Um nun die menschliche Erkenntnis nicht gänzlich dem Skeptizismus (oder "dogmatischen Idealismus") preiszugeben, untersuchte KANT das subjektive Erkenntnisvermögen und fand in diesem selbst gewisse Grundformen und Grundsätze, die alle Erfahrung notwendig bedingen und deshalb für alle Erfahrungsobjekte als solche maßgebend sind und denselben Ordnung und Zusammenhang verleihen. Alles, was vom Objekt als allgemein und notwendig angenommen wird, alle apriorischen Gesetze und "synthetischen Urteile" haben, nach dieser "vernunft-kritischen" Ansicht, ihre Gewährleistung nur darin, daß ohne ihre Voraussetzung Erfahrung überhaupt unmöglich wäre und ihre Geltung ist folglich auch auf das Gebiet der Erfahrung ausschließlich beschränkt.

Es steht dabei für KANT fest, daß, was erfahren wird, als solches nur Erscheinung ist. Das ist und bleibt auch richtig und wahr; Erfahrung und Erscheinung sind korrelate Begriffe. Es erhellt sich auch von selbst, daß das Erscheinen und Erfahrenwerden als solches notwendig vom erfahrenden Subjekt abhängig und bedingt ist. Wir können nur das erfahren, wofür wir empfänglich sind; was uns erscheinen soll, muß zu uns in unserer Sprache rede; was am Ding sonst sein mag, bleibt unserer Erfahrung verborgen. Der Laut erscheint nur dem, der Ohren, das Licht nur dem, der Augen hat. Daß überhaupt das Objekt der Erfahrung als solches notwendig subjektiven Bedingungen unterworfen ist und nur in den im subjektiven Auffassungsvermögen liegenden Formen dem Subjekt erscheinen kann, darin müssen wir KANT vollständig Recht geben.

Daraus folgt aber weiter, daß, insofern das subjektive Auffassungsvermögen ausschließlich partikulärer Natur sein sollte, das Objekt in derselben partikulären Art erscheinen müßte und es würde uns gehen, wie jenem unterirdischen Volk bei NILS KLIM, das ovale Augen hatte und dem daher die Sonne ebenfalls als oval erscheinen mußte. Das scheint auch der Gedankengang einiger moderner Mathematiker und Physiker zu sein, die von einer vierten Dimension reden und meinen, daß wir Menschen uns nur deshalb von einer solchen keine Vorstellung machen können, weil unser eigener Körper nur drei Dimensionen hat und falls wir etwa nur zwei Dimensionen hätten, also Flächenwesen wären, uns alle Dinge nur als Flächen erscheinen würden.

Die Konsequenz würde hier aber notwendig zum  sophistischen  Satz führen, daß alles nur ist, wie es dem einzelnen Subjekt nach seiner individuellen Anlage erscheint. Nur wenn etwa das subjektive Auffassungsvermögen allgemeiner und freier Natur wäre, könnte das wahre Seiende, so wie es ist, sich darin spiegeln. Davon später.

Jene sophistische oder skeptische Konsequenz will KANT freilich dadurch vermeiden, daß er nicht ein individuell angelegtes, sondern überhaupt ein erfahrendes Subjekt nur als solches vor Augen hat und die Bedingungen, die das Objekt der Erfahrung bestimmen werden, sind lediglich solche, die überhaupt Erfahrung möglich machen, die also, wie wir uns ausdrücken möchten, aus dem Begriff der Erfahrung abzuleiten sind. Aber das erfahrende Subjekt ist als solches noch nicht das wahrhaft allgemeine, freie, ansich-seiende, sondern steht gerade durch die Erfahrung in  äußerlichem Verhältnis  zu seinem Äußeren, erfährt also das Objekt als ein Äußeres, im äußeren Verhältnis zu ihm Stehendes, nicht die Sache, wie sie an sich, sondern wie sie für das Subjekt und ihre dem Subjekt zugekehrte und der subjektiven Aufnahme sich anbequemende Außenseite ist, mit einem Wort: die  Erscheinung.  Das gilt auch von der sogenannten inneren Erfahrung; denn wir  erfahren  auch von unserem eigenen Inneren nur, was uns davon erscheint. Ja selbst hier - wiewohl in diesem Fall die Erscheinung dem Ansich gewissermaßen näher zu liegen scheinen kann, insofern das Subjekt und das Objekt dasselbe und die Erscheinung selbst eine innere ist - ist doch eine (sogar fälschende) Anbequemung nicht ausgeschlossen, indem die innere Erfahrung vielfach von augenblicklicher Stimmung und zufälligen Verhältnissen abhängig ist und so ein tieferes, wahrhaft ansichseiendes Äußeres voraussetzt. Doch das lassen wir hier auf sich beruhen.

Was wir nun bei KANT als das eigentlich Große und Epochemachende finden, das, wodurch er den Eingang zur tieferen klassischen Philosophie dieses Jahrhunderts bildet, ist eben, daß er das klare Bewußtsein von der Erscheinungswelt als Erscheinung ausgesprochen und dadurch wenigstens indirekt auf ein tiefer als alle Erfahrung liegendes Ansichseiendes und eigentlich Wahres hingewiesen habe. Gerade auf diesem Punkt kann eine höhere Erkenntnis der eigentlichen Wahrheit einsetzen; wie gesagt, hat Religion - auch, kann man sagen, alle wahre Sittlichkeit - hier ihre Anknüpfung, welches Letztere schon KANT auf seine Weise eingesehen hat.

Allein auch hier ist KANT auf der Schwelle stehen geblieben. Nämlich anstatt, nach der erkannten Unzulänglichkeit der Erfahrung als zur eigentlichen Wahrheit führender Erkenntnisquelle, eine tiefere Erkenntnis des Ansich zu suchen, hat er dieses Letztere als transzendent, alle Erkenntnis übersteigend, liegen lassen, sich schließlich wiederum an die Erfahrung und die Erscheinung gewandt und das Apriorische nicht als in sich begründet, sondern lediglich als Bedingung einer möglichen Erfahrung, also eigentlich als Hilfshypothese gelten lassen wollen. Auch in der Beziehung auf Religion und Moralität muß eine ähnliche Hilfshypothese praktischen Dienst leisten.

Indessen, wie die Überschreitung dieser eigentlich schmalen transzendental-kritischen Schwelle notwendig in der Natur der Sache liegt, so fehlen schon bei KANT nicht Spuren, die auf eine solche Überschreitung hinweisen, wenigstens deren Möglichkeit andeuten, ja selbst unwillkürliche Antriebe dazu enthalten.

KANT erkennt ausdrücklich, daß die Erscheinung notwendig ein  Erscheinendes  voraussetzt: "Es wäre ungereimt, daß Erscheinung ohne etwas wäre, das da erscheint." Es ist ein verwandter Gedanke, der bei HERBERT SPENCER so ausgedrückt ist, daß das Relative - und nach ihm allein Erkennbare - nicht sein könnte, wenn nicht ein Absolutes wäre. Man muß sich nur dessen weiter bewußt werden, daß jenes von der Erscheinung notwendig vorauszusetzende Etwas der Erscheinung wirklich zugrunde liegt, in derselben gegenwärtig und gerade  das darin Erscheinende  ist, daß also das Ansichseiende, Wirkliche, das einerseits als solches nicht Erscheinung ist, nicht erscheint, andererseits doch Erscheinendes ist und, jedenfalls mittelbar durch die Erscheinung, erscheint. Ja, man wird sagen können, daß es eben im Begriff des Ansichseienden liegt zu erscheinen, in die Erscheinung hervorzutreten - was unten genauer erörtert werden soll. Auf gleiche Weise verhält es sich ja so, daß das Unveränderliche, mit sich Identische, ohne welches keine Veränderung stattfinden könnte, gerade das ist (wie paradox das auch klingen mag), was sich in der Veränderung verändert, wie es gleichfalls im Begriff des Unveränderlichen (Unendlichen, Ewigen liegt), in die Endlichkeit und die Veränderung einzutreten und sich darin und dadurch zu betätigen.

Daß man beim kantischen Ding an sich nicht in der schroff abgeschnittenen Abstraktion und Negation stehen bleiben kann, sondern daß es wenigstens in positive Beziehung zur Erscheinung gesetzt werden muß, ist schon von mehreren Seiten anerkannt worden. So will SCHOPENHAUER das Ding an sich als einen - freilich blinden, unvernünftigen - Willen zur Erscheinung auffassen. Dem posthumen SCHELLING ist es ein göttlicher willkürlicher Wille, der dem apriorischen Kategoriengefleht Fülle und Bewegung einhaucht und so die erscheinende wirkliche Welt hervorruft. HERBERT SPENCER sieht in seinem Absoluten eine übernatürliche - nicht weiter zu bestimmtende - Macht (power), die das erscheinende, natürliche Dasein beherrsche.

Aber eine weit prägnantere und zutreffendere Bezeichnung hat KANT selbst dem Ding an sich gegeben, indem er, statt dieser nicht eben glücklichen Benennung, das Wort  Noumenon  - möchten fast sagen: durch glückliche Divination [Eingebung, wp] - dafür angewandt hat.

Wir fragen nicht danach, was KANT selbst etwa dabei zunächst gemeint hat, ob er das Noumenon vielleicht nur als formellen, negativen Gegensatz zur Erscheinungen (Phaenomenon) genommen wissen wollte. Wir schreiben hier nicht Geschichte und wollen uns nur zu Bewußtsein bringen, was im Begriff von einem Noumenon  an sich  liegt und wie weit das von der ansichseienden Wahrheit und Wirklichkeit des erscheinenden Daseins richtig ausgesagt werden kann.

Es ist bekannt, daß KANT in der ersten Auflage seiner Kritiker der reinen Vernunft die Bemerkung gemacht hat, das Ding an sich, von dessen Was und Wie man nicht wisse, können möglicherweise - nichts sei dagegen - mit dem denkenden Subjekt homogen oder identisch sein, eine Bemerkung, die er in der zweiten und den folgenden Auflagen gestrichen hat. Es ist nicht unsere Absicht, den alten, seiner Zeit vorzüglich zwischen ÜBERWEG und MICHELET geführten Streit über den Grund dieser Auslassung, ob darin eine Veränderung des Standpunktes liege oder nicht, hier wieder aufzufrischen: jedenfalls will es uns scheinen, daß auf einem rein kritischen Standpunkg, wo vom Ding an sich nichts Bestimmtes ausgesagt werden konnte, die Einräumung einer bloß möglichen Vorstellung von keiner wissenschaftlichen Bedeutung war (wie auch kein weiterer Gebrauch davon gemacht wurde) und in der wissenschaftlichen Darstellung füglich ausgelassen werden konnte, worin man eine spätere Verleugnung der früher eingeräumten Möglichkeit zu sehen keinen Grund hat. Eine andere Sache würde es sein, falls jene Identität des Dinges an sich mit dem erkennenden Subjekt nicht nur als mögliche Vorstellung, sondern als notwendiger Gedanke aufzuweisen wäre; allein soweit war ohne Zweifel KANT, wenigstens mit klarem Bewußtsein, nie gekommen; wiewohl in der gewählten Benennung eine unwillkürliche Hindeutung in dieser Richtung liegen dürfte, welches wir hier weiter verfolgen werden.


II.

Noumenon  heißt  Gedachtes  oder genauer  Gedachtwerdendes.  Dem Denken entspricht als Gegenstand natürlich das  Denkbare  (noeton).

Was ist nun eigentlich  denkbar  und was wird wirklich  gedacht? 

Wir müssen gleich hervorheben, daß das Denken nicht, wie häufig geschieht, mit der Vorstellung verwechselt werden darf. Die Vorstellung ist bloß partikulär und subjektiv und das vorstellende Subjekt ist als solches das unmittelbar einzelne, von individueller, ja augenblicklicher Lage und Stimmung abhängig. Es ist zufällig, ob der Vorstellung ein Objektives entspricht; man kann sich eine Sache so und auch anders vorstellen, das hängt vom Zufall oder von Willkür ab; man kann sich Entgegengesetztes als gleich möglich vorstellen und ist sich oft bewußt, daß eine Vorstellung ganz ohne objektive Geltung und nur eine innere Bildung, ein Geschöpf der Einbildungskraft sei. Dem  Denken  aber als solchem schreiben wir notwendig Objektivität und allgemeine Gültigkeit zu. Was wir wirklich denken, können wir nicht anders denken. Das denkende Subjekt ist als solches das freie, allgemeine, sich allen partikulären und zufälligen Neigungen, Stimmungen, Einflüssen enthebende. Das Vermögen des Denkens, das, was in uns wirklich denkt, ist die  Vernunft,  dieses wahre Allgemeine, das nicht im Einzelnen eingeschlossen und ausschließlich wohnt, sondern ihn mit jedem Vernunftwesen, ja allen vernünftigen Wesen innig vereint. Wer denkt - und vernünftig denkt, was eigentlich dasselbe ist - denkt nicht ausschließlich für sich, in seinem eigenen Namen, sondern wesentlich für alle, im Namen aller vernünftig denkenden Wesen, als Vertreter der allgemeinen Vernunft und was er denkt, denkt er als allgemeingültige Wahrheit. Wirklich und in Wahrheit denken und Wirkliches, Wahres denken, sind an sich identische Begriffe.

Man wende nicht ein, daß das erscheinende menschliche Denken oft irrig ist und Falsches enthält. Denn das will eigentlich nur sagen, daß sein solches "Denken" ein unvollkommenes, seinen Begrif nicht erreichendes und das heißt wieder: kein wirkliches, sondern von beigemischter Vorstellung verunreinigtes und verunstaltetes Denken ist, daß man also eigentlich nicht so sehr  denkt,  als vielmehr  zu denken sich vorstellt.  Das menschlich Unvollkommene, das Irrige und Falsche liegt nur in der Vorstellung und der Erscheinung des Denkens, nicht im Denken selbst, im Denken an sich. Wie nun aber überhaupt unter jeder Erscheinung ein wirkliches Ansich zugrunde liegt, gibt es auch einen Irrtum, in welchem sich keine Wahrheit verbirgt.

Denn des Menschen wahres Wesen ist immer Vernunft und vernünftiges, wahres - wenn gleich so oft und vielfach durch trügerische Erscheinung gehemmtes und verdunkeltes - Denken. Daß nun der einzelne Mensch sich in den Besitz seines wahren Wesens zu setzen, sich gleichsam hinter den Schleier der Erscheinung zu stellen und seinen Gedanken Wahrheit zuzutrauen wagt, kann man  Glauben  nennen und insofern ist Glaube und Glauben in aller Wahrheitserkenntnis eines endlichen Wesens wenigstens unbewußt mitwirkend, wie auch umgekehrt jeder Glaube, ja jedes Fürwahrhalten der alltäglichsten Tatsache darauf beruth, daß sich das individuelle Subjekt über sich selbst als solches hinaussetzt und in Einheit mit der allgemeinen, objektiven Wahrheit findet. Und dazu, als zu seinem wahren Wesen, muß sich jeder Menschengeist zu erheben suchen.

Ganz unstatthaft ist - um dies beiläufig zu bemerken - die Ansicht derer, ausschließlich auf gewissen Gebieten, wo das, sonst vermeintlich auf sich beruhende, Denken und Wissen nicht hinzureichen scheint, einen Glauben als erbettelte Ergänzung herbeiziehen und dem Wissen äußerlich mechanisch hinzufügen wollen, da vielmehr, wie gesagt, in allem Denken und Wissen der Glaube innig eingeschlossen ist. Wir können von den Skeptikern lernen, daß sogar dem logischen Denkprozeß, geschweige der sinnlichen Erfahrung  geglaubt  werden muß, wenn nicht das Ganze in ein leeres Spiel der Einbildung sich auflösen und keine Gewißheit, keine Überzeugung möglich sein soll.

Es muß uns nach dem Vorigen feststehen - und wir können das nicht genug wiederholen und erhärten - daß das wahre, wirkliche Denken, das  Denken an sich,  das dem erscheinenden Denken immer als Wesen und Aufgabe  vorliegt,  stets nur das Wahre und Wirkliche,  Ansichseiende  als aller Erscheinung tiefsten Grund innersten Kern denken muß.

Umgekehrt ist es auch nur das wahre Ansichseiende, welches wirklich denkbar ist und vom wahren Denken wirklich gedacht wird. Auch die Erscheinung wird hier als das, was sie wirklich ist, nämlich als Erscheinung einer tiefer liegenden Wirklichkeit gedacht.

Reflektieren wir ferner darüber, daß das wahre Denken nur das vernünftige ist und immer vernünftig denkt, so wird sich ergeben, daß auch sein Gegenstand, das Ansichseiende, notwendig als vernünftig gedacht werden muß, nur als vernünftig wirklich denkbar ist. Wir müssen uns wiederum vergegenwärtigen, was Vernunft und vernünftiges Denken eigentlich heißt. Wie der vernünftig Denkende als solcher nicht ein vereinzeltes, losgerissenes, von zufälligen Anlagen und Umständen bestimmtes, sondern mit der allgemeinen Vernunft in klarem Zusammenhang stehendes und dadurch wesentlich bestimmtes Subjekt ist, so muß sein Gegenstand auch nicht als vereinzelter, losgerissener, sondern als allgemeiner und in Zusammenhang mit der allgemeinen Vernunft aufgefaßt werden und wird nur so wirklich gedacht. Ein vereinzelter, abgerissener Gedanke ist kein Gedanke, sondern höchstens eine Vorstellung. Man denkt immer Allgemeines und in Allgemeinheiten, sucht immer das Einzelne unter einen  Begriff  zu fassen. Und ein jeder Begriff steht im vernünftigen Denken wieder nicht abgerissen und vereinzelt für sich da - so weit wird etwa der abstrakte  Verstand  reichen - sondern mit höheren Begriffen und zuletzt mit der höchsten Einheit alles Denkens (und Seins) in Verbindung, muß sich darin als organisches Glied einfügen. Wir sind uns zwar dieses höchsten, durchgängigen Zusammenhangs unserer Begriffe nicht immer bewußt, weil unser faktisches Denken nicht bis zu seiner äußersten Konsequenzen durchgeführt wird; aber dieser Zusammenhang wird doch stets unwillkürlich vorausgesetzt und ein jeder Gedanke, der sich nicht damit vertragen will, wird von unserem Denken, sobald wir zu dieser Einsicht gelangen, als unmöglich verworfen. Das Identitäts-Prinzip und der Satz des Widerspruchs gilt uns daher mit Recht als das erste Denkgesetz.

Dieses Denkgesetz wenden wir auch auf das Objekt des Denkens, das Ansichseiende, notwendig an; was sich widerspricht, kann nicht wirklich sein, kann nicht als wirklich seiend gedacht werden. Das Denken würde mit sich selbst in Widerspruch geraten, wenn es Widersprechendes denken könnte, es sei denn, daß sich der Widerspruch tiefer in Einheit aufhöbe. Der Widerspruch, wo er stattzufinden scheint, muß der Erscheinung als solcher, nicht dem Ansichseienden angehören.

KANT sucht auch sorgfältig sein Ding an sich von Widerspruch freizuhalten und setzt, wie bekannt, seine berühmten Antinomien lieber in die Vernunft, welche Ideen und Gesetze, die eigentlich nur Erscheinungen gelten, unrechtmäßig auf Dinge an sich anwende. Man hat daher über seine "Zärtlichkeit" für das Ding an sich und ungerechte Strenge gegen die Vernunft, die die Schuld aller Widersprüche trage, gescherzt. Aber jene "Zärtlichkeit" beruthe darauf, daß KANT selbst sein Ding an sich unwillkürlich als unter einem Vernunftgesetz stehend und insofern als vernünftig betrachtet (denn was sollte sonst hindern, daß es sich widerspräche?), wie auch sein Subjekt der möglichen Erfahrung, wie gesagt, ein allgemeines, gedachtes und die Bedingungen derselben gleicherweise allgemeine, vernunftbestimmte sind. Dagegen wäre eine solche "Vernunft", die unauflösliche Widersprüche in sich trüge und besonders im abstrakten Gegensatz von Erscheinung und wahrem Wesen haften bliebe, gerade nicht die wahre, ansichseiende Vernunft, sondern jedenfalls nur eine unvollkommene Erscheinung derselben.

Daß also der wahre Gegenstand dem wahren Denken entsprechen muß (während das gegenseitige Nichtentsprechen auf der einen oder vielmehr auf beiden Seiten Unvollkommenheit und Unwahrheit verrät), ist nur dadurch möglich, daß das Wahre, Ansichseiende (das Noumenon) als selbst vernünftig, vernünftiger Gedanke - oder sagen wir gleich: als vernünftiges Denken - gedacht werde. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, daß das, was gedacht wird, immer nur Gedanken, Erzeugnisse des Denkens, sind: nur insoweit die Dinge wesentlich als Gedanken enthaltend aufgefaßt und auf Begriffe zurückgeführt werden, werden sie wirklich gedacht. Und diese Gedanken selbst werden als solche nicht als tote, abgeschnittene Resultate, sondern nur in ihrem lebendigen Entstehen und Sicherzeugen, ja zuletzt in ihrem Ausgehen von der absoluten Idee oder Vernunft, also als Denken gefaßt, so daß das vollkommene Denken zuletzt und wesentlich nur sich selber denkt, wie ARISTOTELES sagt. Denn nur so erreicht der vernünftige Gedanke seinen Begriff, nur so kann er als vernünftiger Gedanke vernünftig gedacht werden.

Das Noumenon wird also nach seinem wahren Begriff zugleich ein  nooun  und eine  noesis  sein - oder man könnte das  noumenon  als Medium und reflexiv  (Sichdenkendes)  nehmen.

Dieses Ziel wird freilich in der Erscheinungswelt und im erscheinenden Denken nur unvollkommen und annäherungsweise erreicht. Die Dinge sind unvollkommen und wir sind unvollkommen. Jedenfalls werden uns die Dinge einzelnweise und äußerlich in einer harten und dunklen Rinde der Äußerlichkeit eingehüllt gegeben, unter welcher sich der in ihnen liegende Gedanke verbirgt und von unserem Nachdenken nur mi Mühe ins Bewußtsein hervorgezogen und gewissermaßen flüssig gemacht wird. Und der subjektive Gedanke, in welchen sich bei uns nach und nach der erfahrene Gegenstand umsetzt, ist selbst von zufälliger Beobachtung und individueller Beschränkung eingeengt und verunreinigt, trägt er dazu als abstrakt ein gewisses Gepräge der Unwirklichkeit und enthält im besten Fall nur gleichsam einen Schattenriss der eigentlichen Wahrheit. Doch arbeitet sich die Entwicklung immer schrittweise der Vervollkommnung entgegen. Im Großen und Ganzen werden die uns umgebenden Dinge (zum großen Teil durch menschliche Arbeit) rationeller, durchsichtiger, gedankenmäßiger und die menschlichen Gedanken vertiefen und verallgemeinern sich, nehmen an wirklicher Einsicht und Kraft sich zu objektivieren zu. Was insbesondere das subjektive Gedankenleben betrifft, so kann ein jeder bei sich bemerken, daß, je tiefer seine Erkenntnis in das Wesen einer Sache eindringt, umso durchsichtiger und selbstverständlicher ihm dieses Wesen wird und zuletzt als sein eigener aus ihm selbst entwickelter und in sich begründeter Gedanke erscheint.

Aus diesen oft unendlich kleinen Zuwächsen - gleichsam Differenzialen - der vernünftigen Erkenntnis muß der Begriff des vollendeten, wahren Denkens integriert werden.

Das wahre Ansich der Dinge, das hinter den Erscheinungen gesucht wird, kann also nicht etwa als ein totes, abstraktes, nur Seiendes gedacht werden - so wird es eben nicht  gedacht  - sondern als ein Noumenon und als solches ein  nooun  oder  nous,  ein System von lebendigen Gedanken, die sich aus einem höchsten, einheitlichen Prinzip, einer absoluten Idee oder Vernunft, welche alles in allem sich selber denkt, hervorbringen. Das muß, sagen wir, so gedacht werden, denn das liegt gerade im Begriff des Gedachtwerdens, welches zuletzt nur als ein Denken denkbar ist. Dies mag etwas abstrus-dialektisch klingen; aber es muß auch einleuchtend sein, daß nichts in Wahrheit denkbar ist, als was dem Denken gleichartig, dem Begriff des Denkens und den darin liegenden logischen Gesetzen gemäß ist.

Mit einem Wort:  das wahre Ding an sich als Noumenon ist die wahre (subjektive wie objektive) denkende Vernunft. 

Von diesem Noumenon, dem gedachten Denken, ist nun genauer zu sagen, daß es am Ende nicht eigentlich  hinter,  sondern in die Erscheinungen als deren innerste Substanz und Seele zu setzen ist. Es hinter den Erscheinungen zu suchen, gehört noch der unvollkommenen Auffassung und der Abstraktion an, die ihre (zeitweilige) Bedeutung haben mag, aber zuletzt aufzuheben ist. Die Erscheinung kann als solche nicht für sich und geschieden sein; sie muß notwendig  Erscheinung von einem Etwas  sein, das in ihr erscheint; und dieses in der Erscheinung erscheinende, an sich seiende Etwas ist nun eben, wie wir gesehen haben, die  Idee,  der wahre sich denkende Gedanke. Und im Begriff des Letzteren liegt es wiederum, nicht abstrakt in sich eingeschlossen zu bleiben, sondern zu  erscheinen,  aus sich in die Erscheinung herauszutreten und durch diese zu sich zurückzukehren. Der denkende Gedanke ist nämlich nicht als tote, abstrakte Identität, sondern als lebendige Entwicklung, genauer als Sichentwickelndes, zu denken; er muß daher in sich Unterschiede setzen und sich namentlich von sich dadurch unterscheiden, daß er ein Objekt oder Objekte sich gegenüberstellt und darin - in dieser momentanen Verendlichung -  sich  erscheint, indem er sein Objekt oder Objekte als von ihm gesetzte und darin also sich selbst erkennt, zu sich zurückkehrt.

Daß dies die Natur und das Wesen des wahren lebendigen Denkens ist, können wir selbst aus unserem erscheinenden Denken wenigstens annäherungsweise entnehmen. Wir werden uns erst dadurch unseres Denkens bewußt, daß wir aus einer uns entgegentretenden Erscheinung den darin liegenden Gedanken zu fassen suchen, welcher sich aber erst dann als ein wirklicher Gedanke zeigt, erst dann von uns wirklich gedacht wird, wenn wir denselben als unseren eigenen, in unserem Denken sich entwickelnden Gedanken erkennen. Gewöhnlich ist es nur das durch dieses Arbeiten an fremden Objekten, die es sich nach und nach anzueignen gesucht, erstarkte und gereifte Denken, welches vermögen wird in sich selbst herabzusteigen und in seinen Gedanken ganz bei sich selbst zu sein. Vom menschlichen Denken ist nun das zu abstrahieren, daß diesem, als endlichem, ein Objekt zuerst äußerlich gegeben wird und es nur sozusagen durch Abschälen einer dunklen, trennenden Rinde der Äußerlichkeit zu den Gedanken als den seinigen, zu sich selbst gelangen kann. Dem Denken an sich, dem durchaus freien, unendlich, wird das Objekt, in welchem es sich erscheint, nicht von außen gegeben, sondern, als von ihm selbst gesetzt, von Haus aus sein eigener Gedanke sein, worin es mühelos und sozusagen augenblicklich sich selbst erkennt, es sich selbst ist. Dem wahren, freien Denken ist die Erscheinung und das Sichäußerlichsein nur ein Momentanes und sich unmittelbar Aufhebendes - wie es ja  im Grunde  allem, auch dem endlichen, Denken ist, welches, selbst wenn es an etwas anderes denkt, an diesem anderen doch wesentlich sich selbst, seine eigenen Gedanken denkt, nur daß hier die Erscheinung eine gewisse Härte und Konsistenz zu haben scheint und nur nach und nach - und nie vollständig - aufgehoben wird.
LITERATUR - Marcus Jacob Monrad, Das Ding an sich als Noumenon, Archiv für systematische Philosophie, Bd. IX, Berlin 1897