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AUGUST MESSER
Die "Beziehung auf den
Gegenstand" bei Kant


"Daß eine Außenwelt existiert, ist für den erkenntnistheoretisch Naiven eine Sache so unmittelbarer, instinktiver Überzeugung, daß er geneigt ist, den bloß theoretischen Zweifel daran als Zeichen von Verrücktheit anzusehen."

In seiner Besprechung von COHENs "Logik der reinen Erkenntnis" bemerkt STAUDINGER (Kant-Studien Bd. 8, Seite 10f) über KANT, er vermenge den objektiven und den psychologischen Gesichtspunkt, indem er die erkenntnistheoretische Frage, ob ein Erkenntnismittel allgemein und notwendig für Objekte gelte, und die psychologische, ob es im Gemüt seinen Sitz habe, zusammenwerfe.

Um zu einem Urteil über diesen Satz zu gelangen, wollen wir zunächst versuchen, vom Erkenntnisstandpunkt des naiven Bewußtseins aus zur Problemstellung bei KANT vorzudringen (und zwar mit Beschränkung auf die Erkenntnis der Außenwelt).

Daß eine Außenwelt existiert, ist für den erkenntnistheoretisch Naiven eine Sache so unmittelbarer, instinktiver Überzeugung, daß er geneigt ist, den bloß theoretischen Zweifel daran als Zeichen von Verrücktheit anzusehen. Es wäre auch unzutreffend zu sagen, daß diese seine Gewißheit auf  Erkenntnis  beruhe, sie ist vielmehr  praktischer  Natur: unsere Mitmenschen und die Dinge der Außenwelt sind so wirklich wie Begehren und Verabscheuen, die sie uns einflößen, Lust und Schmerz, die wir durch sie erleben; kurz so wirklich wie wir selbst. Daß wir die Außenwelt "erkennen", kommt im gewöhnlichen Verlauf der Dinge gar nicht zum Bewußtsein: zwischen "Wahrnehmung" und "Gegenstand" wird gar nicht unterschieden; man hat es mit den Dingen nicht durch das Medium von Erkenntnisvorgängen, sondern unmittelbar zu tun. Kommt aber - etwa durch Entdeckung einer Sinnestäuschung, eines Irrtums - die Tatsache der Wahrnehmung und der Erkenntnis als solche zu Bewußtsein, so wird ohne weiteres vorausgesetzt, daß in der Erkenntnis - der richtigen wenigstens - die Außenwelt so aufgefaßt wird, wie sie an sich ist; daß also die farbige und tönende Welt da draußen fertig dasteht und daß der Mensch, der sie wahrnimmt und erkennt, sie einfach in seinem Geist abbildet.

Wird nun der Erkenntnisvorgang genauer untersucht, so ist die erste wichtige Einsicht, die über die Auffassung des unkritischen Bewußtseins herausführt, die, daß wir nur durch die sinnliche Wahrnehmung unmittelbar mit den Gegenständen in Beziehung treten und daß die inhaltlichen Elemente dieser Wahrnehmungen, die  Empfindungen  subjektiver Natur sind, also nicht die Gewähr bieten, daß sie die Eigenschaften der Dinge genau so übermitteln, wie sie an sich sind.

Die nächste kritische Einsicht ist die, daß die zerstreuten und wechselnden Empfindungen für sich und überhaupt keine geordnete Welt von Gegenständen, sondern nur ein Chaos von Eindrücken geben können. STAUDINGER zeigt an einem Beispiel sehr schön, wieviel in der einfachen Wahrnehmung eines Dinges tatsächlich enthalten ist, was über die bloße Empfindung hinausgeht. Der Empfindungskomplex, den wir durch das gestrige und heutige Sehen eines Baumes empfangen haben, besagt nicht, daß hier ein  einziger  Baum ist, der den  zwei  Wahrnehmungsvorstellungen entspricht; daß er an sich selbst zwischen gestern und heute dauerte; daß er an sich selbst zwischen gestern und heute dauerte; daß er existiert auch abgesehen davon, daß er wahrgenommen wird und bleibt, während die Vorstellungen wechseln; daß er selbst räumlich ist und sich an einem Ort im Raum befindet und daß sein Bestehen zeitliche Dauer hat.

Das Merkwürdige aber ist nun dies: während die Inhalte der Sinnesempfindungen uns lediglich die  Eigenschaften  des Baumes übermitteln, von denen auch schon "der wenig erwachte Verstand" erkennt, daß sie nur das  Verhältnis der Dinge zu uns  angehen: sind gerade die eben aufgezählter Momente diejenigen, die  den Gegenstand selbst konstituieren,  und sie sind dabei völlig frei von sinnlicher Empfindung, sie sind uns also nicht durch die Dinge an sich unmittelbar gegeben.

Damit sind wir bis an die kantische Problemstellung gelangt, wir stehen vor der schwierigen Frage:  auf welchem Grund beruth die Beziehung unserer Vorstellung auf den Gegenstand?  - wie sie KANT in seinem bekannten Briefe an HERZ vom 21. Februar 1772 formuliert.

Die Antwort, die die Kritik der reinen Vernunft darauf gibt, läßt sich in möglichster Kürze etwa so fassen: Da die naive Auffassung des Erkennens, wonach das erkennende Subjekt eine unabhängig von ihm bestehende Welt von Dingen an sich einfach abbildet, undurchführbar ist, da die Empfindung, der allein die unmittelbare Vermittlung zwischen dem Subjektiven und den Dingen zugeschrieben werden könnte, nur ein ungeordnetes Material von Eindrücken liefert, so ergibt sich, daß die Welt von räumlich-zeitlichen Dingen und Vorgängen als Gegenstand (Objekt) für uns - nicht als Ding an sich - erst im Geist geschaffen wird, indem das Empfindungsmaterial gemäß den Anschauungsformen und Kategorien verknüpft und geordnet und so durch die oberste synthetische Einheit der Apperzeption zu einer einheitlichen Erkenntnis zusammengefaßt wird, zum Gedanken der "Natur", als "dem Inbegriff der Regeln, unter denen alle Erscheinungen stehen müssen, wenn sie in einer Erfahrung als verknüpft gedacht werden sollen" (Prolegomena).

So ist denn nunmehr die naive Vorstellung vom Erkennen überwunden, sie ist so umgedacht, daß sie mit dem Faktum der wissenschaftlichen Naturerkenntnis widerspruchslos sich zusammenschließt, daß sie dieses Faktum als möglich, als begreiflich erscheinen läßt. Aber wieviel auch von der dem erkennenden Subjekt gegenüberstehenden gegenständlichen Welt als subjektiv-bedingt erkannt worden ist, sie ist damit doch nicht selbst in das Subjekt hinüberverlegt worden; wenn auch die nach naiver Annahme fertig vorhandene Welt von Dingen an sich uns geworden ist zu einem unbestimmten "Etwas überhaupt = X" (Kr. d. r. V.), so ist doch noch darin enthalten das Moment des Nicht-Ich, des Transsubjektiven, des Existierens außer dem Bewußtsein und unabhängig davon. Die naive Auffassung, dei den Gegenstand der Erkenntnis ohne weiteres für das Ding an sich nahm, wird somit geklärt durch Unterscheidung von  zwei  Gegenstandsbegriffen, dem "Ding an sich" und der "Erscheinung". Freilich bezieht sich unsere Erkenntnis von Haus aus auf das Ding an sich, sie zielt auf es, aber sie kann sich ihm nur nähern, indem sie aus dem Empfindungsmaterial nach den ihr immanenten Gesetzen die Erscheinungswelt aufbaut. Das Ding an sich aber, das transzendentale Objekt = X, "welches den äußeren Erscheinungen, imgleichen das, was der innneren Anschauung zugrunde liegt, ist weder Materie, noch ein denkendes Wesen an sich selbst, sondern ein uns unbekannter Grund der Erscheinungen, die den empirischen Begriff von der ersten wie auch der zweiten Art an die Hand geben" (Kr. d. r. V.) So erhält also unsere Erkenntnis, durch das, was in ihr zur Empfindung gehört, Beziehung auf etwas, was außerhalb von uns und abhängig von unserer Erkenntnis und unserer Willkür besteht und ist in diesem Sinne Realität. Aber erst durch die mathematische Behandlung des Räumlichen und Zeitlichen in ihr und die konsequente und systematische Anwendung der Kategorien bzw. der daraus sich ergebenden Grundsätze wird die individuell verschiedene und in sich unsichere Wahrnehmung auf ein allgemeines Bewußtsein bezogen und das überindividuell, d. h. objektiv Gültige herausgearbeitet; in diesem Sinne "schafft" das wissenschaftliche Erkennen seine Objekte, nicht in ihrer Wirklichkeit, ihrer  Realität  überhaupt, aber in ihrer  Objektivität,  insofern das Gesetzmäßige in den Erscheinungen und ihr allumfassender einheitlicher Zusammenhang, den doch die Wissenschaft erst herausstellt, für uns die Objektivität des Seins bedeutet.

Scheiden wir so (mit RIEHL) "Realität" und "Objektivität" am Erkenntnisgegenstand, so ist in der "Realität" das Moment des Nicht-Ich, die Beziehung auf das Ding an sich, erhalten; in der "Objektivität" dagegen die Wirksamkeit der synthetischen Einheit der Apperzeption anerkannt, durch die das Mannigfaltige der Empfindung zur Einheit einer gesetzmäßig geordneten Natur zusammengefaßt wird. Es ist nun allerdings anzuerkennen, daß bei KANT und manchen Kantianern in der Behandlung des Erkenntnisgegenstandes mehr das Moment der Objektivität beachtet worden ist, als das der Realität, ja daß jenes gelegentlich so in den Vordergrund gerückt wird, daß dieses zu verschwinden droht. Recht belehrend ist dafür z. B. eine Stelle aus der "Deduktion der reinen Verstandesbegriffe" (nach der 1. Auflage Kehrbach, Seite 119). da heißt es zunächst: "Wir finden aber, daß unser Gedanke von der Beziehung aller Erkenntnis auf ihren Gegenstand etwas von  Notwendigkeit  bei sich führe, da nämlich dieser als dasjenige angesehen wird, was dagegen ist, daß unsere Erkenntnisse nicht aufs Geratewohl oder beliebig, sondern a priori auf gewisse Weise bestimmt seien." Hier ist doch völlig klar von KANT selbst gesagt - was STAUDINGER  gegen  KANT einwirft - daß wir nicht mittels der "apriorischen Konstruktionsstücke" einfach die Welt zusammenfügen, weil wir ja unsere Gedanken nicht frei verknüpfen, unsere Welt nicht nach Willkür zu bauen vermögen. Nun fährt aber KANT fort: indem sich unsere Erkenntnisse auf einen Gegenstand beziehen sollten, müßten sie auch notwendigerweise in Beziehung auf diesen untereinander übereinstimmen, d. h. "diejenige Einheit haben, welche den Begriff von einem Gegenstand ausmacht". Damit wird geradezu die "Einheit der Vorstellungen" dem "Gegenstand" gleichgesetzt. Gegen eine solche Auffassung aber, die das Zwangsmäßige, das von unserem Ich Unabhängige in der Naturkenntnis nicht beachtet, ist allerdings die Bemerkung STAUDINGERs am Platze: "Einheitlichkeiten  lassen sich, wie jeder gute Roman zeigt, in der mannigfachsten Weise konstruieren. Wenn ich nur die einmal gemachten Annahmen konsequent durchführe, so habe ich der wissenschaftlichen Forderung der Einheitlichkeit genüge getan."

Daß ein solcher Einwand gegen manche Ausfürhungen bei KANT erhoben werden kann, liegt teils an seiner bekannten sorglosen Ausdrucksweise, teils daran, daß für ihn gerade die vereinheitlichende Tätigkeit des Bewußtseins, die die Einheit des Objekts konstituiert, Gegenstand seiner Untersuchung ist; in ihrer Entdeckung besteht ja gerade die große Tat der Vernunftkritik. Das "Ding an sich" und die dadurch garantierte "Realität" der Natur rückt darüber in den Hintergrund. Aber es wird von KANT weder geleugnet oder als zweifelhaft hingestellt, noch auch überhaupt unberücksichtigt gelassen. Es wird zunächst darin anerkannt, daß die  Empfindungen  uns stets als  "gegeben"  bezeichnet werden, d. h. als in ihrer Existenz abhängig von einem vom Subjekt verschiedenen Faktor. Gerade Empfindung ist aber "dasjenige, was eine Wirklichkeit im Raum und der Zeit bezeichnet", sie kann "durch keine Einbildungskraft gedichtet und hervorgebracht werden (Kr. d. r. V.) und so ist auch nur das wirklich, "was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt" (Kr. d. r. V.): Weiter betont KANT, daß das reine Verstandesvermögen, "auf mehrere Gesetze, als die auf, denen eine  Natur überhaupt,  als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit, beruhe, nicht zureiche", um durch bloße Kategorien den Erscheinungen a priori Gesetze vorzuschreiben. "Besondere Gesetze, weil sie empirisch bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon  nicht vollständig  abgeleitet werden, ob sie gleich alle insgesamt unter jenen stehen. Es muß Erfahrung dazu kommen, um die letztere überhaupt kennen zu lernen; von Erfahrung aber überhaupt und dem, was als ein Gegenstand derselben erkannt werden kann, geben allein jene Gesetze a priori die Belehrung" (Kr. d. r. V.)

Endlich ist noch daran zu erinnern, mit welcher Energie sich KANT gegen den Vorwurf wehrt, "daß sein Lehrbegriff alle Dinge der Sinnenwelt in lauter Schein verwandle (Prolegomena) und mit welcher Schärfe er seinen transzendentalen oder kritischen Idealismus vom empirischen des CARTESIUS und dem "mystischen und schwärmerischen" des BERKELEY unterscheidet. (Prolegomena. Vgl. auch Kr. d. r. V.)

Aufgrund der vorstehenden Betrachtungen dürfte es uns nun möglich sein, zu entscheiden, ob KANT wirklich, wie STAUDINGER meint, die psychologische mit der kritischen Betrachtungsweise vermengt und sich dadurch den letzten Abschluß versperrt. STAUDINGER stützt sich besonders auf solche Stellen, in denen KANT die Erscheinungen schlechthin als "Vorstellungen" bezeichnet. Aber mit dieser Bezeichnung will KANT  seinen  Begriff vom Erkenntnisgegenstand der naiven, unkritischen Auffassung, daß Erscheinungen "Dinge an sich" seien, möglichst scharf entgegensetzen. Er ist weit davon entfernt, die äußeren Erscheinungen dadurch als etwas Psychisches erklären, den  Objektgedanken  an Stelle des "Objekts" setzen zu wollen. Gerade das ist ja der Grundgedanke seiner Widerlegung des empirischen Idealismus, daß uns nicht die Bewußtseinsvorgänge, das Psychische, zunächst allein unmittelbar gegeben und die Außenwelt, das Physische, erst  erschlossen  sei, sondern daß beiden dieselbe ursprüngliche und unmittelbare Gewißheit zukommt. Wenn er also die räumlichen Dinge gleichwohl als Vorstellungen bezeichnet, so ist dieser Ausdruck nicht  psychologisch  gemeint, sondern  erkenntnistheoretisch;  es soll dadurch jene subjektive Prägung bezeichnet werden, jene Vergeistigung, die KANT im Gegenstand der Erkenntnis entdeckt hat und in der es begründet ist, daß dieser eben nicht als "Ding an sich" zu bezeichnen ist, sondern als "Erscheinung", als Objekt  für uns;  denn dieser subjektive, geistige Faktor ist trotz seiner Subjektivität, überindividueller, allgemeingültiger Natur; er stellt die immanente Gesetzmäßigkeit des Geistes im Naturerkennen dar und ermöglicht erst die Objektivität des Erkennens.

Wie wenig KANT tatsächlich in die psychologische Betrachtungsweise geht, können wir auch dadurch erkennen, daß wir kurz erwähnen, worin denn der Unterschied dieser von der erkenntnistheoretischen besteht und inwieweit sich KANT dieses Unterschiedes klar bewußt geworden ist. Der Psychologe betrachtet die Vorstellungen lediglich als Bewußtseinsinhalte, die er in ihre Elemente zu zerlegen, in ihrer Abfolge zu beobachten, auf ihre Beziehung zu physiologischen und physikalischen Vorgängen zu untersuchen hat; sie  sind  für ihn nur  da,  sie  bedeuten  ihm aber weiter nichts; die Frage, ob und wie sich eine Vorstellung auf einen Gegenstand bezieht, ist eine durchaus erkenntnistheoretische, gar keine psychologische Frage; die Beziehung auf den Gegenstand ist für den Psychologen lediglich eine weitere Vorstellung, die sich mit einer vorhandenen verknüpfen kann, über deren Sinn und Recht oder Unrecht nachzudenken dem Psychologen als solchem aber gänzlich fern liegt. Wohl aber liegt gerade darin das Problem des Erkenntnistheoretikers. Das hat auch KANT klar erkannt und er hat sich über die Verschiedenheit des psychologischen und des erkenntnistheoretischen Gesichtspunktes mit aller wünschenswerten Deutlichkeit ausgesprochen. Er unterscheidet an einer Stelle (Kr. d. r. V.) die STAUDINGER selbst anführt, die Vorstellungen, sofern sie (für den Psychologen) selbst "Objekte  sind"  und sofern sie (für den Erkenntnistheoretiker) "Objekte  bezeichnen".  Ferner führt er aus (Kr. d. r. V.): "Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt und so genau oder pünktlich sein, wie es will, so bleiben es doch immer nur Vorstellungen, d. h. innere Bestimmungen unseres Gemüts in diesem oder jenem Zeitverhältnis.  Wie kommen wir nun dazu: daß wir diesen Vorstellungen ein Objekt setzen  oder über ihre subjektive Realität, als Modifikationen, ihnen noch ich weiß nicht, was für eine, objektive beilegen. Objektive Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf eine andere Vorstellung (von dem, was man vom Gegenstand nennen wollte) bestehen [so muß nämlich der Psychologe die Sache auffassen!], denn sonst erneuert sich die Frage, wie geht diese Vorstellung wiederum aus sich selbst heraus und bekommt objektive Bedeutung noch über die subjektive, welche ihr als Bestimmung des Gemütszustandes eigen ist?" Die Antwort aber auf die Frage, "was denn  die Beziehung auf einen Gegenstand  unseren Vorstellungen für eine neue Beschaffenheit gebe und welches die Dignität sei, die sie dadurch erhalten" lautet, daß dadurch die Verbindung der Vorstellung auf eine gewisse Art notwendig" gemacht und "sie einer Regel unterworfen" werden. Da aber diese Verbindung und diese Regel im konkreten Fall nicht von unserem Belieben abhängt, auch nicht von den obersten Grundsätzen des Verstandes allein abgeleitet werden kann, so ergibt sich, daß eben hierin das Moment des Transsubjektiven, des Nicht-Ich in der "Vorstellung", sofern sie von KANT mit der "Erscheinung" gleichgesetzt wird, anerkannt ist.

Es können ja zweifellos manche Sätze aus KANT angeführt werden, die, isoliert betrachtet, den Anschein erwecken können, als sei er unvermerkt völlig in die psychologische Betrachtungsweise geraten. Aber wenn die Auffassung in erkenntnistheoretischem Sinne unter Berücksichtig des ganzen Zusammenhangs möglich ist, so ist doch sicherlich diese Interpretation zu wählen. Das wird aber gerade dann besonders geboten sein, wenn die scheinbar psychologischen Stellen, wie die von STAUDINGER herangezogene, in einem Zusammenhang sich befinden, indem sich KANT mit Klarheit und Schärfe über den Unterschied seiner Betrachtungsart von der psychologischen ausspricht und wo er betont, daß er es nicht mit der Vorstellung "als innerer Bestimmung unseres Gemüts", d. h. als bloßem Bewußtseinsinhalt zu tun habe, sondern mit der Vorstellung in ihrer objektiven Bedeutung als Erscheinung, d. h. in ihrer "Beziehung auf einen Gegenstand."

LITERATUR - August Messer, Die "Beziehung auf den Gegenstand" bei Kant, Kant-Studien Bd. 8, Berlin 1903