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MORITZ WILHELM DROBISCH
L o g i k
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"Die formale Logik hat es nur mit Begriffen,
nicht mit realen Gegenständen zu tun."

Vorrede zur zweiten Auflage

Nachdem die erste Auflage dieser Schrift völlig vergriffen ist, erscheint die zweite in so wesentlich anderer Gestalt, daß daraus fast ein neues Buch geworden ist. Zwar sind sich Geist und Charakter des ganzen gleich geblieben, aber Form, Inhalt und Umfang haben Veränderungen erfahren, über deren Motive ich Freunden und Gegnern Rechenschaft schuldig bin. Eigenes Nachdenken und sorgfältige Prüfung der Ansichten anderer haben an dieser Neugestaltung gemeinsamen Anteil und wenn auch die letzteren meistens mehr anregend als bestimmend auf mich einwirkten, so verdanke ich ihnen doch manche Belehrung.

Behalten hat das Buch vor allem anderen den Charakter einer  formalen  Logik. Die Einwürfe, welche TRENDELENBURG in seinen gründlichen und mit Recht vielseitig anerkannten "logischen Untersuchungen" gegen die Zulässigkeit der formalen Logik vorgebracht hat, konnten mich nicht von der Notwendigkeit überzeugen, diese Grundansicht aufzugeben und mit einer anderen zu vertauschen. Es ist dabei der Tadel, welcher die Ausführung einzelner Partien betrifft, von den Einwendungen gegen die ganze Idee der formalen Logik zu unterscheiden. Was jenen Tadel des Einzelnen angeht, so ist in dem Buche selbst an den gehörigen Stellen teils durch Entgegnung, teils durch faktische Verbesserungen, soweit als möglich, auf ihn Rücksicht genommen worden. Zur Rechtfertigung der Grundidee aber mögen außer dem, was die Einleitung darüber enthält, noch einige gegen TRENDELENBURGs Ausstellungen insbesondere gerichtete Worte hier an der Stelle sein.

TRENDELENBURG sagt von der formalen Logik, "sie wolle den Begriff, das Urteil, den Schluß allein aus der auf sich bezogenen Tätigkeit des Denkens verstehen, sie trenne daher das Denken vom Gegenstand, wie etwa den aufnehmenden Spiegel vom einfallenden Lichtstrahl", (1) dies sei aber bedenklich, da das Gesetz der Reflexon nicht vom Spiegel allein bedingt werde. Das ist nicht richtig. Die formale Logikformale Logik setzt  nicht ein reines  Denken voraus und unternimmt es nicht, die Formen eines solchen  in abstracto  zu zergliedern oder zu entwickeln; ihre Voraussetzung ist vielmehr das  konkrete,  mit dem Erkennen verschmolzene Denken, aus welchem sie ihre Grundformen durch Abstraktion gewinnt, diese dann aber nach Gesetzen, die sich aus der Betrachtung ihrer Verhältnisse ergeben, miteinander verknüpft und dadurch zu  abgeleiteten  Formen gelant. Formen  ohne  Inhalt kennt sie nicht, sondern nur solche, die vom  besonderen  Inhalt, der sie erfüllen mag,  unabhängig  sind und für die also der Inhalt, dessen sie nie ganz entbehren können,  unbestimmt  und  zufällig  bleibt. Die Grundformen des Denkens werden auf ähnliche Weise gewonnen wie die Grundformen der Geometrie, die auch nur die Reste sind, welche die Abstraktion von den physikalischen und chemischen Eigenschaften der sinnlich wahrgenommenen Körper übrig läßt. Das Vorstellen eines leeren körperlichen Raumes ist schon eine der sinnlichen Anschauung und ihrer gedächtnismäßigen Reproduktion fremde Abstraktion, die geometrische Fläche erfordert eine zweite, die Linie, der Punkt eine dritte und vierte Abstraktion. In ähnlicher Weise kommt die Logik zum Begriff, seinen Merkmalen und Beziehungen. Wie aber die Geometrie sich weder mit der Auffindung der Grundformen begnügt, noch mit der Klassifikation der erfahrungsmäßigen Körperformen beschäftigt, sondern durch Kombination der ersteren zu ideellen Konstruktionen gelangt, in denen sie zwar zum Teil das Wirkliche, Gegebene rekonstruiert, zum Teil aber auf Gestaltungen kommt, die in der uns bekannten sinnlichen Welt wie Fremdlinge erscheinen, - so verfährt in ganz ähnlicher Weise die Logik in den Lehren von den Urteilen und Schlüssen, den Einteilungen und Beweisen mit den Grundformen der Begriffe, wobei sie sich nur von der Übereinstimmung der Gedankenformen untereinander, des Denkens mit seinen eigenen Grundsätzen leiten läßt.  Diese  Übereinstimmung ist die alleinige  logische  Wahrheit und es ist unrichtig, wenn TRENDELENBURG sagt, die formale Logik "pflege die Wahrheit als die Übereinstimmung des Gedankens mit dem Gegenstand zu erklären". (2) Sie kann wohl diese Erklärung zur Unterscheidung der  formalen  Wahrheit von der  metaphysischen  oder  transzendentalen  anführen, aber sie kann und wird diese Erklärung nie für die der logischen, d. i. formalen Wahrheit ausgeben. Mit der echten Definition überschreitet sie aber auch ihr Gebiet nicht.

Es läßt sich indessen nicht in Abrede stellen, daß, besonders seit KANT, die Logik diesen empirischen Ursprung ihrer ersten Anfänge verleugnet hat und daraus ein Bestreben entstanden ist, Denken und Erkennen  von vornherein  auseinander zu halten. Auch die erste Auflage dieser Schrift neigt sich noch dieser Ansicht zu, mit deren Beseitigung jedoch keineswegs die formale Logik zusammenbricht. Diese Ansicht wurzelt zunächst in KANTs Lehre vom Erkennen  a priori,  die aber wieder mit LEIBNIZ' und DESCARTES' "angeborenen Vorstellungen" im Zusammenhang steht. Die Unterscheidung zwischen Erkenntnis  a priori  und  a posteriori  im Sinne der neueren Philosophie ist eine wohlbegründete. Das Allgemeine und Notwendige ist in der Tat kein Ergebnis der Erfahrung, sondern des Denkens, d. i. derjenigen Verknüpfung der Begriffe, welche der Beschaffenheit und den Verhältnissen des in ihnen Gedachten gemäß ist. Aber daraus läßt sich nicht mehr folgern, als daß eben diese  Verknüpfung  von der Erfahrung unabhängig ist; eine Erschleichung muß es genannt werden, wenn man dasselbe auch auf die Begriffe selbst,  vor  ihrer Verknüpfung, übertragen will. Es gibt nur notwendige Urteile und Schlüsse, aber keine notwendigen Begriffe. Aus der Tatsache, daß es allgemeine und notwendige Urteile gibt, lassen sich daher nicht angeborene, der Erfahrung vorausgehende Vorstellungen deduzieren. KANT vermeidet zwar diesen Ausdruck, will aber Raum, Zeit und die Kategorien als Erkenntnisformen  a priori,  als notwendige Bedingungen der Erfahrung, als solche, ohne welche diese unmöglich sein würde, anerkannt wissen. Seine Behauptung stützt sich darauf, daß sich solche Formen im Denken von ihrem materiellen Inhalt entleeren, nicht aber gänzlich hinwegdenken lassen; er bemerkt jedoch nicht, daß bei dieser Entleerung bloße  Abstraktionen  übrig bleiben, keine  einfachen  und  bestimmten  Verhältnisse, daß eine  reine  Form, eine Form ohne  alle  Materie vorzustellen ebenso unmöglich ist, wie eine Materie ohne alle Form, daß aber, wo, wie in den geometrischen Anschauungen,  bestimmte  Formen übrig bleiben, die Entfernung des Inhaltes keine vollständige Entziehung desselben, sondern nur Aufhebung seiner Besonderheit ist. Die Abstraktion kann im wirklichen Vorstellen nicht weiter gehen als bis zur Unabhängigkeit der Form von jeder  bestimmten  Materie. Aber dieser steht eine Unabhängigkeit der Materie von einer bestimmten Form gegenüber. Man würde also hieraus ebensogut wie reine Formen auch reine Materien  a priori  anzunehmen berechtigt sein. In Wahrheit aber ist das eine so fehlerhaft wie das andere, denn Materie und Form stehen überall in untrennbarer Wechselbeziehung, jede von beiden fordert die andere. Unverkennbar hat auf KANT die falsch ausgelegte Tatsache der reinen Mathematik einen verführenden Einfluß ausgeübt. Der Inhalt ihrer Grundbegriffe und Grundsätze ist so einfach und leichtverständlich, so sehr Gemeingut, daß er in der Tat wie ein Angeborenes erscheint, das man nicht zu lernen, sondern auf das man sich nur zu besinnen braucht. Es ist jedoch nicht  ganz  so; der Anfänger fügt sich nicht ohne einiges Widerstreben, wenn ihm zugemutet wird, die Fläche ohne Dicke, die Linie ohne Dicke und Breite zu denken, denn diese Vorstellungsweise ist ihm neu und fremd. Wenn aber die Axiome in der Tat unmittelbare Evidenz haben, so bewähren sie sich dadurch eben als  Tatsachen  der Anschauung, denen  faktische,  assertorische [als gültig behauptet - wp] nicht apodiktische [logisch zwingende, demonstrierbare - wp] Geltung zukommt. Eine  psychologische  Notwendigkeit muß freilich vorhanden sein, infolge deren wir uns  allgemein subjektiv  keine anderen Vorstellungen machen können, aber diese ist nicht mit  logischer  Notwendigkeit zu verwechseln, die auf dem  Widerspruch  beruth, auf den das Andersdenken führt. Auch muß wohl beachtet werden, daß die  reine  Mathematik sich allmählich Teile der angewandten zueignet. Da es sonst nur reine Arithmetik und Geometrie gab, ist in neuerer Zeit eine reine Mechanik hinzugekommen, nachdem es gelungen war, nicht nur den Begriff der Bewegung, sondern auch den der Kraft in so abstrakter und doch quantitativ bestimmbarer Weise zu fassen, daß sich aus Zusammensetzungen von Kräften, ebensogut wie aus denen von Zahlen und Linien, allgemeine und notwendige, von der Erfahrung unabhängige Folgerungen ziehen lassen. - Eine ähnliche Bewandtnis wie mit der reinen Mathematik hat es nun auch mit der reinen Logik. Sie ist ganz gewiß eine demonstrative Wissenschaft, muß aber gleichwohl ihre ersten Anfänge aus Erfahrungstatsachen schöpfen und, ehe sie progressiv zu Begriffsverknüpfungen schreiten kann, erst regressiv die zu verknüpfenden Elemente aus jenen Tatsachen abstrahieren. Ein Gefühl von der Notwendigkeit dieses doppelten Verfahrens in der Begründung und Entwicklung der Logik liegt unverkennbar FRIES' Unterscheidung einer  anthropologischen  Logik von der  philosophischen  zugrunde; nur ist es dabei ganz falsch, der letzteren eine psychologische (anthropologische) Grundlage geben zu wollen und zu meinen, daß ihr mit der Zergliederung der Operationen des Anschauens und Denkens, der Erinnerung und Phantasie usw. gedient sei. Dergleichen psychologische Untersuchungen bleiben für die Logik ganz unfruchtbar. Wohl aber sind die allgemeinsten Formen der  inneren und äußeren Erfahrung  der Boden, aus dem sie ihre abstrakten Grundbestimmungen zu ziehen hat, in ähnlicher Weise wie auch die Metaphysik (im Geiste HERBARTs behandelt) von dieser Erfahrungsbasis, als dem  Erkenntnisgrund  der durch die Spekulation zu findenden Realgründe, ausgeht. In dieser Weise ist nun in der vorliegenden Bearbeitung der Eingang zur Logik angebahnt worden. Es wird durch diese empirische Begründung eine höhere spekulative Auffassung keineswegs abgeschnitten, so wenig als die Mathematik dadurch, daß sie Raum, Zeit, Bewegung usw. als gegeben betrachtet, tieferen metaphysischen Untersuchungen über diese ihre Voraussetzungen in den Weg tritt. Die Bedeutung auch der Formen des Denkens für das absolute Sein und Wissen wird nur die Metaphysik feststellen können. Zur konkreten Erscheinung aber kommen sie in der Erfahrung; und durch Betrachtung der allgemeinsten Erkenntnisformen, der Vielheit der Dinge, ihrer Beschaffenheiten und Beziehungen gewinnt man den natürlichsten Anfang der Logik. Bei diesem Verfahren wird weder das Denken vom Erkennen gewaltsam losgerissen, noch vorzeitig von der Spekulation abhängig gemacht.

Es gehört zu TRENDELENBURGs Verdiensten um die Logik, daß er sie an ihren geschichtlichen Ursprung erinnert und diesen durch seine  Elementa logices Aristotelicae  auf äußerst zweckmäßige Weise vergegenwärtigt hat. Hiermit steht im nahen Zusammenhang die von ihm erörterte Frage, ob die formale Logik berechtigt sei, sich vorzugsweise die aristotelische zu nennen. Diese Frage würde eine mehr als bloß historische Bedeutung haben, wenn die formale Logik auf so schwachen Füßen stände, daß sie wirklich nötig hätte, "sich durch einen großen Namen zu schützen." Aber abgesehen davon scheint jene Frage nicht einmal mit Grund verneint werden zu können. "Die formale Logik", sagt TRENDELENBURG (3), "setzt den Begriff mit seinen Merkmalen als fertig voraus und folgert aus dem Gegebenen; ARISTOTELES ist in den schwierigsten Partien gerade damit beschäftigt, wie der richtige Begriff gebildet werde." Der formalen Logik geschieht hier Unrecht. Denn wenn sie im Urteil die Form der Entstehung des Begriffs findet und durch die Definition ihn aus seinen Elementen zusammensetzen lehrt, so beschäftigt sie sich doch wohl mit der richtigen Bildung der Begriffe. Sie würde selbst, wie F. LOTT gezeigt hat, (4) nicht aufhören formale zu sein, wenn sie, zu ARISTOTELES zurückkehrend, statt vom Begriff, vom Urteil aus ihre Entwicklung beginnen wollte. Den Begriff als Vorstellung muß sie freilich als gegeben betrachten, auch kann sie Gattungen und Arten usw. nicht machen, sondern nur finden, aber gilt nicht dasselbe von der aristotelischen Logik? - Wenn TRENDELENBURG ferner daran erinnert (5), daß ARISTOTELES in der Metaphysik das Prinzip der Identität in einer nicht bloß logischen Bedeutung nimmt, so dann aber selbst hinzufügt, daß derselben ihm in den logischen Schriften die subjektive Form gebe: "dasselbe lasse sich nicht zugleich bejahen und verneinen", an der KANT nur noch die Zeitbestimmung "zugleich" zu tadeln finde, so bezeugt das eben, daß ARISTOTELES diesem Prinzip in der Logik einen  formalen  Ausdruck zu geben bemüht war, wenn er es auch nicht für ein ausschließliches Eigentum der Logik ansah. - Entschieden formaler Natur ist endlich die Syllogistik des ARISTOTELES, die einzig und allein auf dem Prinzip des Enthalten- oder Nichtenthaltenseins der  termini  ineinander, also auf dem  dictum de omni et nullo  [Der Satz von allem und keinem. - wp] beruth, so daß hier die moderne Behandlung (wenigstens in den kategorisch analytischen Schlüssen) mit jener ältesten im Wesentlichen völlig übereinstimmt. Wenn nun aber, wie TWESTEN bemerkt (6), "es klar und anerkannt ist, daß die Syllogistik der Hauptteil der logischen Schriften des ARISTOTELES, alles andere aber nur ihretwegen da ist und als Grundlage oder Anwendung mit ihr in Verbindung steht", so würde die formale Logik schon um ihrer Übereinstimmung mit der Kernlehre der aristotelischen berechtigt sein, sich in der Hauptsache als identisch mit ihr zu betrachten. Zwar sagt TRENDELENBURG, daß ARISTOTELES auch das Wesen des Syllogismus keineswegs in ein bloß formales Verhältnis der Merkmale gesetzt habe, da nach ihm dem Mittelbegriff des wahren Syllogismus der Grund der Sache entspreche (7). Mir scheint jedoch ARISTOTELES gerade das Umgekehrte auszusprechen, nämlich, daß jeder Grund der Mittelbegriff eines Schlusses sei, womit also nicht dem Formalen eine reale Bedeutung beigelegt, sondern das Reale auf ein Formales zurückgeführt wird. - Selbst daß "bei ARISTOTELES der Begriff die Ursache des Dinges in sich aufnehmen und seine Klarheit gleichsam die Klarheit der schaffenden Natur sein und aus denjenigen Begriffen definiert werden soll, die in der Ordnung der Natur vorangegen", zieht keine unübersteigliche Scheidewand zwischen der aristotelischen und formalen Logik, welche letztere die genetische Definition, die Begriffsdeduktion nicht aus ihrem Bereich verweist und nur bisher über den analytischen die synthetischen formalen Verhältnisse zu unbeachtet gelassen hat. - Ich kann mich nach allem diesem nicht davon überzeugen, daß es der formalen Logik nicht zustehen sollte, ARISTOTELES ihren Stammvater zu nennen. Ohne zu bestreiten, daß die Scheidung des Formalen vom Realen bei ihm noch nicht streng durchgeführt ist, läßt sich doch das Streben nach dieser Scheidung nicht verkennen. Es muß dagegen andererseits allerdings zugestanden werden, daß KANT das Denken vom Erkennen in einer Weise abgesondert wissen wollte, die sich nicht konsequent durchführen läßt. Aber mit dem Aufgeben dieser übertriebenen Forderung gibt man nicht die formale Logik auf, da sie sich gar wohl von Vermischung mit der Metaphysik wie von völliger Beziehungslosigkeit zu ihr gleich entfernt halten und in dieser Stellung sicher behaupten kann.

Auf dieser Mittellinie bewegt sich nun die vorliegende neue Bearbeitung, die sich im übrigen von der ersten Auflage hauptsächlich noch in folgenden Punkten unterscheidet. Es schien mir ratsam, in der Einleitung die Stellung der Logik zur Philosophie überhaupt ganz unberührt zu lassen. Die Logik selbst bedarf zu ihrer Begründung der Erörterung des Begriffs und der Einteilung der Philosophie nicht, für das Interesse dieser letzteren kann aber durch eine kurze trockene Auseinandersetzung nur ungenügend gesorgt werden. Dagegen habe ich in den Anmerkungen öfter Gelegenheit genommen, auf die tiefer liegenden Probleme aufmerksam zu machen, deren Lösung der Metaphysik überlassen bleiben muß; ich glaube, daß dadurch der Anregung zum philosophischen Denken besser gedient wird, als durch allgemein gehaltene Erklärungen ohne weitere Anwendung.

Unter die wichtigsten Erweiterungen dieser neuen Auflage glaube ich die nähere Untersuchung der synthetischen Begriffsverhältnisse zählen zu dürfen, die hier wohl zum ersten Male in dieser Weise versucht worden ist. Es hat sich dabei ergeben, daß das formale Verhältnis der Bedingung zum Bedingten dem der Gattung zur Art völlig parallel läuft. Hierdurch erhalten nun auch sowohl die kategorischen als auch die hypothetischen Urteile eine ihre dem Unterschied der analytischen und synthetischen Begriffsverhältnisse entsprechende natürliche Bedeutung, jene als Aussagen von Beschaffenheiten, diese von Beziehungen. Es sondert sich ferner aufgrund dieses Unterschiedes die Deduktion der Begriffe von ihrer Definition schärfer ab, es fällt ein helleres Licht auf die Lehre von den Beweisen, es treten endlich dadurch auch die heuristischen Methoden, als Anwendungen des Verhältnisses der Abhängigkeit der Folgen von ihren Voraussetzungen, in eine selbständige Stellung. - Die Theorie der Schlüsse habe ich mich bestrebt zu vereinfachen, ohne der Gründlichkeit etwas zu vergeben. Wenn auch die Schlußmodi nicht alle gleiche Wichtigkeit und Anwendbarkeit haben, so gehört es doch schlechterdings zu den strengwissenschaftlichen Erfordernissen, die möglichen Formen des Schließens vollständig zu entwickeln, weil sich erst, nachdem eine erschöpfende Übersicht gewonnen ist, daran eine Kritik ihrer größeren oder geringeren Brauchbarkeit knüpfen läßt. Vornehm tuende Geringschätzung solcher Untersuchungen ist völlig gleichbedeutend mit Oberflächlichkeit, der eben die Logik auf alle Weise entgegenarbeiten soll.

Die Bedeutung der Logik für die Wissenschaft jeder Art, die Unentbehrlichkeit ihrer Lehren für ein klares geordnete, konsequentes und auf den Grund gehendes Denken wird in der Lehre von den systematischen Formen, die Hilfe, die sie selbst der Forschung gewährt, in der Lehre von den heuristischen Formen wenigstens in allgemeinen Umrissen erkennbar sein. Der logisch-mathematische Anhang hat einige Zusätze erhalten, wogegen manches, was mehr bloße mathematische Spekulation als logisch bedeutsam schien, in Wegfall gekommen, anderes in die Anmerkungen zu den Paragraphen aufgenommen worden ist. Zum Weggelassenen gehört auch die Ausführung aller möglichen Schlußketten. Es war wohl einmal nötig zu zeigen, daß die Zahl ihrer Formen eine begrenzte, völlig bestimmbare ist, es bedurfte aber nicht der Wiederholung dieser Nachweisung, da jedem einigermaßen Geübten die Ausführungt leicht fallen wird. - Solche Kürzugen waren nötig, wenn das Buch einen mäßigen Umfang behalten und Raum zu erläuternden Anmerkungen und Beispielen gewonnen werden sollte. Auch diese gehören zu den Vermehrungen der zweiten Auflage und werden sie zum Selbststudium geeigneter machen als die erste, in der sie sparsamer vorkamen und von manchen Beurteilern vermißt worden sind. Wenn hierbei Mathematik und Naturwissenschaften, wie schon der Titel dieser Schrift andeutet, vorzugsweise benutzt wurden, so findet dies seine Rechtfertigung ebensosehr in der logischen Musterhaftigkeit dieser Wissenschaften, wie in der hohen Bedeutung, die sie nicht erst durch ihre Anwendungen gewinnen, sondern schon insofern besitzen, als sie die vollkommensten Versuche des menschlichen Geistes sind, zu wahrer Erkenntnis zu gelangen.

Mögen diese Veränderungen, wie dem Verfasser, so auch anderen als Verbesserungen erscheinen und möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt dazu beitragen, eine Wissenschaft zu verbreiten, die häufiger genannt als gründlich gekannt wird, deren Vernachlässigung aber oft, selbst bei umfassender Gelehrsamkeit, reicher Ideenfülle, glänzendem Stil und hinreissender Beredtsamkeit, als Mangel an wissenschaftlicher Ausbildung sich zur Schau stellt.



Vorrede zur dritten Auflage

Die vorliegende dritte Auflage unterscheidet sich von der vorhergehenden zwar nicht in gleichem Maße wie diese von der ersten, aber doch mehr als der nur wenig vergrößerte Umfang und die im Ganzen beibehaltene systematische Gliederung bei nur oberflächlicher Vergleichung zu erkennen gibt. Zuerst bin ich darauf bedacht gewesen, die Grenzen der  formalen  Logik, die es nur mit Begriffen, nicht mit realen Gegenständen zu tun hat, strenger einzuhalten, ohne deshalb in die Beschränkung zurückzufallen, die unvermeidlich ist, wenn man alle synthetischen Elemente von der Logik ausschließt. Was ich in meiner Abhandlung "Über logische Analysis und Synthesis" (8) als eine notwendige Verbesserung der früheren Darstellung der synthetischen Begriffsformen erkannt hatte, ist daher hier berücksichtigt und danach der erste Abschnitt des ersten Teils wesentlich umgestaltet worden. Ob hierdurch die Verständigung mit TRENDELENBURG (9) gewachsen oder wieder etwas in Abnahme geraten ist, bleibe dahingestellt. So angenehm mir das erstere sein würde, so müßte doch jedenfalls der Wunsch nach Einigung sich der wissenschaftlichen Überzeugung unterordnen. - Von dieser Veränderung konnte auch der zweite Abschnitt nicht unberührt bleiben, in welchem nunmehr Beschaffenheits- und Beziehungsurteile die Stellung einnehmen, die früher den analytischen und synthetischen Urteilen zugewiesen war. Als dritter Abschnitt sind, aus den in der Anmerkung zu § 64 angegebenen Gründen, die Folgerungen von den Schlüssen abgezweigt, auch anders angeordnet und durch einige Paragraphen vervollständigt worden. Die Theorie der Schlüsse, jetzt der vierte Abschnitt, ist dieselbe geblieben und hat nur bei den Schlußketten (§ 110 und 111) einige Zusätze erhalten, zu denen der aristotelische SORITES aufforderte. Im ersten Abschnitt des zweiten Teils ist die Lehre von den Erklärungen etwas verändert, insbesondere die frühere Unterscheidung der Namen- und Sacherklärungen zurückgenommen und mit der gebräuchlicheren vertauscht. Die Deduktion der Begriffe, in zwei Paragraphen zusammengezogen,  folgt  jetzt der Lehre von den Beweisen. Im zweiten Abschnitt von den heuristischen Formen ist die für die Naturwissenschaften so wichtige Lehre von der Induktion und Analogie und dem, was sich weiter daran knüpft, ausführlicher und eingehender behandelt. Der Anhang endlich ist, ein paar Anmerkungen und die gedrängtere Fassung des letzten Aufsatzes abgerechnet, unverändert geblieben.

Dies sind jedoch nur die allgemeinsten Eigentümlichkeiten dieser neuen Auflage. Im Einzelnen ist durch die Verbesserung des Ausdrucks in den Paragraphen, durch Ausdehnung der erläuternden Anmerkungen und eine Vermehrung der Beispiele soviel hinzugekommen, daß das Ganze wohl als eine neue Bearbeitung wird gelten können. Passende Beispiele sind für ein, vorzüglich zum Selbststudium bestimmtes Lehrbuch der Logik von nicht geringer Wichtigkeit. Denn wenn auch Beispiele nicht beweisen, sondern nur erläutern, so leisten sie doch in der Logik, bei gehöriger Mannigfaltigkeit und Auswahl, ähnlich gute Dienste wie die Figur in der Geometrie, wenn sie denkend betrachtet wird; sie weisen am Besonderen und Einzelnen das Allgemeine auf und zeigen die Bedeutsamkeit der allgemeinen Denkgesetze für jede Art der Erkenntnis. Der gänzliche Mangel an Beispielen in vielen Lehrbüchern, die Magerkeit und Trivialität derselben in anderen haben wesentlich dazu beigetragen, das Ansehen der Logik zu schwächen und ihr Studium als ein nutzloses in Verruf zu bringen.

Zum Schluß sei es verstattet, noch einmal auf den formalen Charakter der Logik zurückzukommen. Ihn zu verteidigen, scheint jetzt kaum noch nötig, nachdem er von Männern, die auf ganz anderen philosophischen Standpunkten als wir stehen, wie ULRICI (10), ÜBERWERG (11) und neuerdings ZELLER (12), anerkannt worden ist. Selbst TRENDELENBURG, wenn er auch noch in der zweiten Auflage seiner logischen Untersuchungen gegen die formale Logik polemisiert, meint doch vorzugsweise diejenige Fassung, die sie bei KANT und seinen Nachfolgern, sowie bei TWESTEN und HERBART und in der ersten Auflage dieses Lehrbuchs erhalten hatte. Zwar hat es andererseits PRANTL in seiner sonst sehr verdienstlichen Geschichte der Logik an maßlosen Ausfällen gegen die formale Logik und ihre Vertreter nicht fehlen lassen und sie wie eine geistlose Ausartung der aristotelischen behandelt. Doch BRANDIS hat, sowohl schon früher als später (13), ruhig und gründlich nachgewiesen, daß selbst bei ARISTOTELES die formalen Elemente nicht zu verkennen sind, daß namentlich seine Behandlung der Syllogistik rein formal ist und er hat die Überzeugung ausgesprochen, daß ARISTOTELES sich nicht geweigert haben würde, manches, was der neueren formalen Logik sowohl in der Weise als in der Erweiterung der Untersuchungen eigentümlich ist, anzuerkennen. Auch ZELLER, indem er bemerkt (14), daß ARISTOTELES mit der Logik nicht eine vollständige und gleichmäßige Darstellung der gesamten Denktätigkeit, sondern zunächst nur eine Untersuchung über die  Formen  und  Gesetze der wissenschaftlichen Beweisführung  beabsichtigt habe, bezeugt wesentlich dasselbe.

Dagegen ist es aber eine, sowohl vom letzteren als den vorgenannten Logikern und anderen festgehaltene und verteidigte Ansicht, daß die Logik von der  Theorie  der Erkenntnis nicht getrennt werden dürfe. (15) Es kommt hierbei darauf an, was man unter einer solchen Theorie versteht. Da sie von der Metaphysik unterschieden wird, so ist die Beantwortung von Fragen, wie die: ob die Dinge selbst uns erkennbar sind, ob der Raum, die Zeit, die Kategorien auch für die Dinge oder nur für uns Bedeutung haben, ob es angeborene Vorstellungen gibt und dgl. mehr, von einer solchen Theorie ausgeschlossen. Auch über das Wesen der Seele und darüber, ob sie die Vermögen hat, die ihr die ältere Psychologie zuschreibt oder ob ihre Tätigkeitsformen auf andere Weise zu erklären sind, soll nichts entschieden werden. Dann aber bleibt nur eine  Zergliederung  der Erkenntnis als eines  Phänomens  des Bewußtseins übrig, wobei jedoch die empirisch-realistische Voraussetzung von Dingen außerhalb des erkennenden Subjekts nicht zu umgehen ist, daher die gemeine Weltansicht, wenigstens provisorisch, als wahr angenommen wird. Ob nun das eine  Theorie  genannt zu werden verdient, möchte ich bezweifeln, obwohl der Name ansich gleichgültig ist; jedenfalls ist die  Einsicht  in die Natur unseres Erkennens, die dadurch gewonnen wird, eine sehr mäßige und nicht sehr tiefe. Daß nun aber die Einleitung in die Logik von einer solchen Analyse der gemeinen Erkenntnis auszugehen hat, damit bin ich bis auf einen gewissen Punkt einverstanden. Das Denken ist ein wesentlicher Faktor der Erkenntnis und die elementarsten Formen des Begriffs und Urteils sind mit der Erkenntnis  gegeben nicht willkürlich erdacht. Aber in der Ausbildung, Entwicklung und Verknüpfung dieser Elemente geht das logische Denken selbständig und ohne Seitenblicke auf die Erfahrung seinen eigenen Weg, gelangt zu komplizierteren und reichhaltigeren Formen und erweitert durch  Anwendung  dieser Formen auf die unmittelbaren Tatsachen der Wahrnehmung und des Bewußtseins die Erkenntnis ins Unbegrenzte. Jeder mehr als bloß äußerliche Zusammenhang der Phänomene setzt das Denken voraus. Nicht nur die allgemeinen Gesetze derselben, sondern auch die Abhängigkeit von den Ursachen, deren notwendige Folgen sie sind, erkennt nur das Denken; denn nur in ihm gehört alles Allgemeine und Notwendige an. Das Denken muß also zwar zuerst vom Erkennen gesondert, dann aber selbständig ausgebildet und zuletzt wieder mit dem Erkennen in Verbindung gebracht werden. Ob aber den allgemeinen und notwendigen Formen des Denkens, denen sich tatsächlich die Erscheinungen fügen, noch über diese hinaus eine reale Bedeutung zukommt, ob sie das Wesen der Dinge oder Beziehungen zwischen den Dingen ausdrücken oder sich gar in ihnen Evolutionen des Absoluten abspiegeln, darüber kann nicht eine bescheidene analytisch-empirische Erkenntnislehre, sondern nur die Metaphysik Aufschluß geben, die aber wiederum, um den Rückweg zum Gegebenen nicht zu verlieren, ohne den leitenden Faden der formalen Logik nicht einen Schritt in das dunkle Labyrinth der transzendenten Spekulation wagen kann. ARISTOTELES hat das scharf erkannt und schuf sich darum in der Logik, als Propädeutik der Philosophie, erst ein Werkzeug für die spekulative Erkenntnis. Mehr von der Erkenntnislehre in die Einleitung zur Logik aufzunehmen, als nötig ist, um für die eigentliche Aufgabe derselben die Data zu gewinnen, sie mit den Lehren von Raum, Zeit und Kategorien und den darüber schwebenden Streitigkeiten oder mit einem Abriss der Geschichte der Spekulation zu belasten, das mag sich vielleicht rechtfertigen lassen, wenn damit eine Einleitung nicht bloß in die Logik, sondern in die Philosophie überhaupt bezweckt wird; die Logik als Wissenschaft aber wird dadurch nicht gefördert. Freuen wir uns, daß es allgemeingültige Denkgesetze gibt, über die kein Streit ist und die ihre Gewißheit nicht der Erkenntnistheorie und nicht der Metaphysik, sondern nur dem Denken über das Denken verdanken. Verwickeln wir die einfachen und klaren Lehren der Logik nicht in noch unausgetragene Kontroversen, sondern benutzen wir sie vielmehr so viel wie möglich, um anderwärts das noch Schwankende zu stützen und das Dunkle aufzuhellen.
LITERATUR - Moritz Wilhelm Drobisch, Logik - nach ihren einfachsten Verhältnissen mit Rücksicht auf Mathematik und Naturwissenschaft, Leipzig 1863
    Anmerkungen
    1) ADOLF von TRENDELENBURG, Logische Untersuchungen I, Seite 4f
    2) TRENDELENBURG, a. a. O., Seite 6
    3) TRENDELENBURG, a. a. O., Seite 18
    4) FRANZ KARL LOTT in seiner scharfsinnigen Abhandlung: Zur Logik, Göttingen 1845
    5) TRENDELENBURG, a. a. O., Seite 19
    6) KARL TWESTEN, Logik, Seite 4
    7) TRENDELENBURG, a. a. O. Seite 19
    8) MORITZ WILHELM DROBISCH, Über logische Analysis und Synthesis, Fichtes Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, Neue Folge Bd. 31
    9) TRENDELENBURG, Logische Untersuchungen I, 2. Auflage, Seite VII
    10) HERMANN ULRICI, System der Logik, Leipzig 1852; Kompendium der Logik, Leipzig 1860
    11) FRIEDRICH ÜBERWEG, System der Logik, und Geschichte der logischen Lehren, Bonn 1857; ein besonders in historischer Beziehung schätzbares Werk.
    12) EDUARD ZELLER, Über Bedeutung und Aufgabe der Erkenntnistheorie, Heidelberg 1862 13) CHRISTIAN AUGUST BRANDIS, Handbuch der Geschichte der griechisch-römischen Philosophie II, 2, a, Seite 373f, vgl. III, 1, Seite 12f
    14) EDUARD ZELLER, Die Philosophie der Griechen in ihrer geschichtlichen Entwicklung II, 2. Auflage, 2, Seite 130f
    15) ÜBERWEG definiert sogar die Logik als "die Wissenschaft von den normativen Gesetzen oder Idealgesetzen der  menschlichen Erkenntnis."