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MORITZ WILHELM DROBISCH
Kants Dinge an sich
und sein Erfahrungsbegriff

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"Es folgt natürlicherweise aus dem Begriff einer Erscheinung überhaupt, daß ihr etwas entsprechen müsse, was an sich nicht Erscheinung ist, weil Erscheinung nicht für sich selbst und außer unserer Vorstellung sein kann, mithin, wo nicht ein beständiger Zirkel herauskommen soll, das Wort Erscheinung schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare Vorstellung zwar sinnlich ist, was aber an sich selbst auch ohne diese Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit (worauf sich die Form unserer Anschauung gründet) Etwas, d. i. ein von Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein muß. - Hieraus entspringt nun der Begriff eines Noumenon, der aber gar  nicht  positiv und eine  bestimmte Erkenntnis  von einem Dinge, sondern  nur das Denken von Etwas überhaupt  bedeutet, bei welchem ich von aller Form der sinnlichen Anschauung abstahiere."

"Die Dinge erscheinen uns aber nicht, wie sie an sich selbst sind, sondern nur insofern, als sie den Stoff der Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung, die Empfindungen, in uns erregen, also auf unseres Sinnlichkeit  wirken.  Sie werden also notwendigerweise als die  Ursachen  der Empfindungen  gedacht.  Aber dieses Denken ist  kein Erkennen,  daß sie  wirklich  existieren; denn da müßte noch eine Anschauung von dem,  was  sie sind, hinzukommen. Da uns eine solche Anschauung nicht gegeben ist, so ist auch eine  gültige  Anwendung der Kategorien überhaupt, mithin auch der der Ursache, also eine solche, die zu einer Erkenntnis führte, unmöglich. Gleichwohl ist der Verstand vollkommen berechtigt, sich die Dinge als Ursachen der Erscheinungen zu  denken;  aber er darf sich nicht anmaßen, dieses  Denken  für eine  Erkenntnis  auszugeben, daß die Dinge  wirklich  die Ursachen der Empfindungen sind. Freilich verzichtete Kant damit zugleich gänzlich auf die Beantwortung der Frage  woher  dann eigentlich die Sinnlichkeit die ihr gegebenen Empfindungen empfängt."

Vorwort

Die nachfolgenden Blätter beschäftigen sich zuvörderst mit der Beantwortung der Frage, welche Bedeutung KANT in Bezug auf seine Erkenntnistheorie den Dingen an sich beigelegt hat. Das Ergebnis der Untersuchung ist, daß sie ihm zwar notwendige Voraussetzungen unseres Denkens sind, ihre wirkliche Existenz sich aber weder behaupten noch schlechthin leugnen läßt, mithin problematisch bleibt. Sie sind demnach zwar Grenzbestimmungen, nicht aber Grundsteine von KANTs Erkenntnistheorie. Zur Feststellung dieses Resultats mußten entgegengesetzte Ansichten rühmlichst bekannter Interpreten KANTs bestritten werden.

Der zweite hier erörterte Gegenstand ist KANTs Erfahrungsbegriff. Bekanntlich war seine Absicht darauf gerichtet, darzutun, daß aller Verstandesgebrauch nur dann zu wahrer Erkenntnis führen könne, wenn er sich die Begreiflichkeit der Erfahrung zum Ziel setzt. Aber KANT schoß über dieses Ziel hinaus, indem wie die Analyse seines Begriffs von der Erfahrung zeigt, ihm diese unter der Hand zu einem  Produkt  wurde, das der Verstand mittels der unter seiner Herrschaft stehenden figürlichen Einbildungskraft aus dem ihm gegebenen Material der Empfindungen  sich schafft.  KANT kam damit einem Idealismus überaus nahe, der noch einen Schritt weiter geht und nicht bloß die Form, sondern auch den Stoff der Gegenstände der Erfahrung auf die schöpferische Selbsttätigkeit des denkenden Subjekts zurückzuführen unternimmt. Daß KANT einen solchen Idealismus für "ein gänzlich unhaltbares System" hielt, unterliegt, nach seiner im Jahre 1799 veröffentlichten Erklärung über FICHTEs Wissenschaftslehre, keinem Zweifel. Aber er vermochte nicht den Widerspruch zu beseitigen, indem seine persönliche realistischere Überzeugung mit den Konsequenzen seines Erfahrungsbegriffs stand. Denn es entging ihm, daß an den Gegenständen der sinnlichen Wahrnehmung nicht bloß die Empfindungen, sondern auch  die bestimmten unabänderlichen Formen der empirischen Anschauung,  die räumlichen und zeitlichen Konfigurationen der Empfindungen,  uns gegeben  sind, wir sie diesen letzteren  nicht vorschreiben können.  Dieser ungelöste Widerspruch war es, der  nach  KANT einerseits seinen formalen Idealismus in einen materialen umwandelte, andererseits aber auch zu dem Versuch führte, das realistische Element im ersteren fester und im Sinne KANTs zu begründen.

Wenn der Name des Verfassers dieser Abhandlung als der eines alten Herbartianers bekannt ist, so möge dies nicht Anlaß zu dem Vorurteil geben, als werde hier KANT doch nur aus einem ihm fremden Standpunkt betrachtet und beurteilt werden. Der Leser wird sich vielmehr bald vom Gegenteil überzeugen. Und wenn einige Stellen allerdings an HERBART erinnern, so darf nicht vergessen werden, daß dieser selbst, wenigstens im weiteren Sinne des Wortes, einen Kantianer nannte.



1. Die transzendentale Ästhetik, dieser Grundstein von KANTs Erkenntnistheorie, nahm als zugestanden an, daß  Dinge  unabhängig von unserem sinnlichen Wahrnehmen und Vorstellen  wirklich existieren  und bestritt nur, daß wir  durch unsere Sinnlichkeit  befähigt seien zu erkennen,  wie sie an sich selbst  beschaffen sein mögen. Sie unternahm den Nachweis, daß die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung (der inneren wie der äußeren) nur subjektiv bedingte  Erscheinungen  sind, daß sie nur das darstellen, was die Dinge  für uns,  d. h. für unser menschliches Vermögen zu empfinden und anschaulich vorzustellen sind. Es blieb jedoch die Frage übrig, ob der  Verstand  durch sein Denken befähigt sei, diese Schranke unseres sinnlichen Erkenntnisvermögens zu durchbrechen und die Dinge, wie sie  an sich selbst  sind, zu erkennen.

Die transzendentale Analytik verneinte das und unternahm es zu beweisen, daß die dem Verstand ursprünglich innewohnenden Stammbegriffe (die Kategorien) nicht weiter reichen als, die  Gesetzmäßigkeit  der Erscheinungen durch Denken über das durch die Sinnlichkeit  Gegebene  zu erkennen. Nun hatte zwar die transzendentale Ästhetik das Gegebene auf die unsere Sinnlichkeit affizierenden Dinge zurückgeführt. Da sie aber das Gegebene nur in den rohen Stoff der Erscheinungen (die Empfindungen) setzte, dagegen die räumliche und zeitliche  Gestaltung  dieses Stoffes zu Gegenständen der Wahrnehmung (empirischen Anschauungen) den Formen der Sinnlichkeit und der produktiven Einbildungskraft und die Fassung dieser Gegenstände in Objektbegriffe der Spontaneität des, auch die Einbildungskrat hinsichtlich ihrer Formen bestimmenden Verstandes zuschrieb, so traten die Dinge mehr und mehr in den Hintergrund und wurde ihre Existenz  problematisch.  Zwar war KANT, wie es scheint, persönlich von ihrer Existenz fest überzeugt; denn er versicherte ja im Anhang zu den Prolegomenen sehr nachdrücklich, daß es ihm nie in den Sinn gekommen sei, an der Existenz der "Sachen" zu zweifeln. Ob aber darunter die Dinge an sich zu verstehen sind, muß weiterer Untersuchung vorbehalten bleiben. Tatsache ist jedenfalls, daß die strenge Konsequenz seiner Erklärung des Ursprungs der Erscheinungen ihn so oft ins Schwanken bringt, daß er nahe dran ist, seinen transzendentalen Idealismus, der doch zwischen extremen Formen des Idealismus und Realismus vermitteln sollte, in einen  rein subjektiven  umzubilden, in welchem das empfindende, anschauende und denkende Subjekt nicht allein die anschaulichen Formen und Gesetze der Erscheinungen, sondern auch den Stoff derselben produziert.

2. Das Verhältnis des transzendentalen Idealismus zum Realismus und anderen Formen des Idealismus hat KANT bei Gelegenheit seiner Kritik des vierten Paralogismus der reinen Vernunft in der  ersten  Auflage seines Hauptwerks eingehend auseinandergesetzt. Er bemerkt da zuerst (Seite 368f), daß wir mit Recht behaupteten, nur das, was in uns selbst ist, könne unmittelbar wahrgenommen werden und meine eigene Existenz allein könne der Gegenstand einer bloßen Wahrnehmung sein; daher sei das Dasein eines wirklichen Gegenstandes außer mir (in der intellektuellen Bedeutung des Worts) (1) niemals geradezu in der Wahrnehmung gegeben, sondern könne nur als äußere Ursache derselben hinzugedacht, mithin geschlossen werden. Der Schluß von einer gegebenen Wirkung auf eine bestimmte Ursache sei aber jederzeit unsicher, weil die Wirkung aus mehr als einer Ursache enstprungen sein könne. Demnach bleibe es  zweifelhaft,  ob hier die Ursache  innerlich  oder  äußerlich  sei, ob also alle sogenannten äußeren Wahrnehmungen nicht ein  bloßes Spiel des inneren Sinnes  seien oder ob sie sich auf äußere wirkliche Gegenstände beziehen. - Dies ist das, was KANT unter  empirischem Idealismus  versteht, später (Seite 377) den  skeptischen  nennt und dem  dogmatischen  gegenüberstellt, der das Dasein der Materie (der Gegenstände im Raum) nicht bloß bezweifelt, sondern leugnet. - Seinen  transzendentalen  Idealisms charakterisiert er hier als den Lehrbegriff, nach welchem wir alle Erscheinungen insgesamt als bloße Vorstellungen und nicht als Dinge an sich selbst ansehen und demgemäß Zeit und Raum nur sinnliche Formen unserer Anschauung, nicht aber für sich gegebene Bestimmungen oder Bedingungen der Objekte, als Dinge an sich selbst, sind.

Diesem  Idealismus ist der  transzendentale Realismus  entgegengesetzt, der Zeit und Raum als etwas an sich (unabhängig von unserer Sinnlichkeit) Gegebenes ansieht. Derselbe stellt sich also äußere Erscheinungen (wenn man ihre Wirklichkeit einräumt) als Dinge an sich vor, die unabhängig von unserer Sinnlichkeit existieren, folglich auch nach reinen Verstandesbegriffen außer uns sind. - Der  empirische Realismus  dagegen, sagt KANT, oder, wie man ihn auch nenne, der  Dualismus  räume die Existenz der Materie ein, ohne aus dem bloßen Selbstbewußtsein herauszugehen und etwas mehr als die Gewißheit der Vorstellungen in mir, mithin das cogito ergo sum [Ich denke, also bin ich. - wp] anzunehmen. Denn weil er die Materie und sogar ihre innere Möglichkeit bloß für Erscheinung gelten lasse, die von unserer Sinnlichkeit abgetrennt, nichts seien, so sei die Materie für den empirischen Realismus nur eine Art von Vorstellungen (eine Anschauung), welche äußerlich heißen, nicht als ob sie sich auf an sich selbst äußere Gegenstände bezögen, sondern weil sie Wahrnehmungen auf den Raum beziehen. -  Demnach könne der transzendentale Idealist ganz wohl empirischer Realist  sein.

3. Andererseits dagegen - so fährt KANT fort - komme der transzendentale Realismus notwendig in Verlegenheit und sehe sich genötigt, dem empirischen Idealismus Platzu einzuräumen, weil er die Gegenstände äußerer Sinne für etwas von den Sinnen selbst Unterschiedenes und bloße Erscheinungen für selbständige Wesen ansehe, die sich außer uns befinden; da dann freilich, bei unserem besten Bewußtsein unserer Vorstellungen von diesen Dingen, noch lange nicht gewiß sei,  daß, wenn die Vorstellung existiert, auch der ihr korrespondierende Gegenstand existiere.  Dies scheint so verstanden werden zu müssen. Der transzendentale Realist hält zwar die Gegenstände im Raum für Dinge an sich, d. h. für wirklich außer uns (unabhängig von uns) existierende Dinge; aber er gibt zu, daß wir ihre Beschaffenheit doch nur durch ihre Wirkung auf unseren äußeren Sinn, vermöge welcher sie Anschauungen, also Vorstellungen in uns hervorrufen, kennen lernen. Nun ist uns zwar die Existenz  in  uns von diesen Vorstellungen unmittelbar gewiß; aber daraus folgt nicht ohne weiteres, daß auch ihnen entsprechende Dinge unabhängig von uns existieren. Der transzendentale Realist besinnt sich also, daß, da er zugibt, sein Wissen von den Dingen nur ihrer Einwirkung auf seinen äußeren Sinn zu verdanken, der Schluß von der Wirkung auf die Ursache aber unsicher ist, doch zuletzt die Existenz der Dinge außer uns  zweifelhaft  bleibt und sieht sich somit, wie KANT sagt, genötigt, dem empirischen Idealismus Platz einzuräumen.

Der transzendente Realismus in seiner reinen Form, der die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung für die Dinge selbst hält, ist die  gemeine, naive, aber gedankenlose  Weltansicht. Er wurde aber schon von LOCKE, nach dem Vorgang der Naturwissenschaften,  modifiziert.  Denn dieser unterschied nicht allein zwischen primären (wirklichen) und sekundären (bloß scheinbaren) Eigenschaften der Körper und erklärte, wie schon ANDRE lange vor ihm, die Empfindungen für Affektionen unserer Sinne, die mit den sie verursachenden Vorgängen in den Körpern außer uns nicht die mindeste Ähnlichkeit hätten; sondern er legte auch dem Verstand die Fähigkeit bei, mittels unserer Vorstellungen von räumlichen und zeitlichen Formen und Verhältnissen, denen er allerdings eine nicht bloß subjektive Bedeutung zugestand, sich über Gestalt, Größe, Lage und Bewegung der nicht mehr den Sinnen zugänglichen Teile der Körper und hierdurch über die  wahren  Beschaffenheiten und veränderlichen Zustände der letzteren, welche den in die Sinne fallenden nur  scheinbaren korrespondieren, richtige Begriffe  zu bilden. Man wird  diesen  Realismus den  naturwissenschaftlichen  nennen können.

4. Bei der innigen Verbindung, in welche KANT seinen transzendentalen Idealismus mit dem empirischen Realismus bringt, ist es von großer Wichtigkeit, sich klar zu machen, was er hier unter dem  Realen  versteht. Er sagt hierüber (Kr. d. r. V., 1. Auflage, Seite 373f) folgendes:
    "Raum und Zeit sind zwar Vorstellungen a priori, welche uns als Formen unserer sinnlichen Anschauung beiwohnen, ehe noch ein wirklicher Gegenstand unsere Sinne durch Empfindung bestimmt hat, um ihn unter jenen innerlichen Verhältnissen vorzustellen. Allein dieses Materielle oder Reale, dieses Etwas, was im Raum angeschaut werden soll, setzt notwendig  Wahrnehmung  voraus und kann unabhängig von dieser, welche die  Wirklichkeit  von etwas im Raum anzeigt, durch keine Einbildungskraft gedacht und hervorgebracht werden.  Empfindung  ist also dasjenige, was eine Wirklichkeit im Raum bezeichnet, nachdem sie auf die eine oder die andere Art der sinnlichen Anschauung bezogen wird. ... Mag man nun die Empfindungen Lust und Schmerz oder auch die äußeren, als Farbe, Wärme etc. nehmen, so ist Wahrnehmung dasjenige, wodurch der Stoff, um Gegenstände der sinnlichen Anschauung zu denken, zuerst  gegeben  sein muß. ... Alle äußere Wahrnehmung beweist unmittelbar etwas Wirkliches im Raum oder  ist  vielmehr  das Wirkliche selbst  und insofern  ist also der empirische Realismus außer Zweifel,  d. h. es korrespondiert unseren äußeren Anschauungen etwas Wirkliches im Raum. Freilich ist der Raum selbst mit allen seinen Erscheinungen, als Vorstellungen nur in mir, aber in diesem Raum ist doch gleichwohl das  Reale  oder der Stoff aller Gegenstände unserer Anschauung wirklich und  unabhängig  von aller Erdichtung gegeben."
Durch diese Verbindung mit dem empirischen Realismus macht KANT seinen transzendentalen Idealismus von der Frage nach der Existenz der Dinge an sich ganz unabhängig. Es ist durch die Unterscheidung des Empfindens vom bloßen  Vorstellen,  ohne daß das Gegebensein der Empfindungen als eine Wirkung von Dingen aufgefaßt und von der Wirkung auf ihre Ursache geschlossen wird, der Gedanke beseitigt, "daß alle sogenannte äußere Wahrnehmungen ein bloßes Spiel unseres inneren Sinnes", ein Produkt unserer Einbildungskraft seien.

5. Dies bestätigen weiter auch folgende Stellen. Ebendaselbst Seite 372 heißt es:
    "Nun  kann man zwar einräumen,  daß von unseren äußeren Anschauungen  etwas,  was im  transzendentalen  Verstand  außer  uns sein mag, die Ursache sei,  aber dieses ist nicht der Gegenstand, den wir unter den Vorstellungen der Materie und körperlichen Dinge verstehen; denn diese sind lediglich Erscheinungen, d. h. bloße Vorstellungen, die sich jederzeit nur  in uns  befinden und deren Wirklichkeit auf dem unmittelbaren Bewußtsein ebenso wie das Bewußtsein unserer eigenen Gedanken beruth. Der  transzendentale Gegenstand  ist sowohl in Ansehung der inneren als auch der äußeren Anschauung" (das transzendentale Subjekt sowohl wie das Objekt)  "gleich unbekannt.  Von  ihm ist aber auch nicht die Rede,  sondern vom  empirischen,  welcher alsdann ein äußerer heißt, wenn er im Raum und ein innerer, wenn er lediglich in Zeitverhältnissen vorgestellt wird. Raum aber und Zeit sind beide nur in uns anzutreffen."
Es darf hierbei jedoch nicht übersehen werden, daß nach dem Vorstehenden den  empirischen  Anschauungen vermöge ihres Empfindungsinhaltes  Realität  zukommt, den  reinen  Anschauungen dagegen nur  Idealität.  - Ferner lesen wir Seite 379f:
    "Das transzendentale Objekt, welches den äußeren Erscheinungen, ebenso das, was der inneren Anschauung zugrunde liegt, ist weder Materie noch ein denkendes Wesen an sich selbst, sondern  ein uns unbekannter Grund der Erscheinungen,  die den empirischen Begriff von der ersten sowohl als der zweiten Art an die Hand geben."
Endlich sagt KANT in Bezug auf die "berüchtigte Frage, wie in einem denkenden Subjekt überhaupt äußere Anschauung, nämlich die des Raums (einer Erfüllung desselben, Bewegung) möglich sei", Seite 393 folgendes:
    "Auf diese Frage ist es aber keinem Menshen möglich, eine Antwort zu finden und man kann diese Lücke unseres Wissens niemals ausfüllen, sondern nur dadurch bezeichnen, daß man die äußeren Erscheinungen einem  transzendentalen Gegenstand zuschreibt,  welcher die  Ursache  dieser Vorstellungen ist, den wir aber  gar nicht kennen,  noch jemals einigen Begriff von ihm bekommen werden. In allen Aufgaben, die im Feld der Erfahrung vorkommen mögen, behandeln wir jene Erscheinungen als Dinge an sich selbst, ohne uns um den ersten Grund ihrer Möglichkeit (als Erscheinungen) zu bekümmern. Gehen wir aber über deren Grenze hinaus, so wird der Begriff eines transzendentalen Gegenstandes notwendig."
Man sieht, wie KANT hier überall die Dinge an sich beiseite schiebt und sie nur als Lückenbüßer gelten läßt, gleichwohl aber die Notwendigkeit ihres Begriffs betont.

6. Diese Notwendigkeit beruth zunächst auf dem Begriff der  Rezeptivität,  die KANT mit der Sinnlichkeit in Bezug auf die Empfindungen zuerkannt hatte und die ihn nötigte, sich darüber näher zu erklären,  woher  die Sinnlichkeit die Empfindungen empfange. Zwar hatte er sie schon in der Einleitung zur transzendentalen Ästhetik als "Wirkungen der Gegenstände auf unsere Vorstellungsfähigkeit, indem sie unser Gemüt affizieren" bezeichnet. Aber man wird wohl nicht fehlgreifen (zumal da er auf der ersten Seite der zweiten Auflage der Kritik von Gegenständen spricht, "die unsere Sinne rühren"), wenn man annimmt, daß er seinen Lesern hier nicht zugemutet habe, schon an transzendentale Gegenstände zu denken, sondern darunter die empirischen Verstanden hat, welche die gemeine Meinung für selbständige Dinge hält. Erst nachdem die transendentale Ästhetik diese Meinung wiederlegt hatte, konnte die Frage aufgeworfen werden, welche Gegenstände denn mit recht den Namen von Dingen beanspruchen dürfen. KANT erklärt sich aber hierüber in sehr ungleicher Weise. Wir führen als Beleg zuerst folgende Stelle aus dem sechsten Abschnitt der Antinomie d. r. V. an; wo er sagt (2):
    "Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine Rezeptivität, auf gewisse Weise mit Vorstellungen affiziert zu werden, deren Verhältnis zueinander eine reine Anschauung des Raums und der Zeit ist und welche, sofern sie in diesem Verhältnis (dem Raum und der Zeit) nach Gesetzen der Einheit der Erfahrung verknüpft und bestimmt sind,  Gegenstände  heißen. Die  nicht sinnliche Ursache  dieser Vorstellungen ist uns  gänzlich  unbekannt und diese können wir nicht als Objekt anschauen. ... Indessen können wir die bloß  intelligible  Ursache der Erscheinungen überhaupt das  transzendentale  Objekt nennen, bloß damit wir etwas haben, was der Sinnlichkeit als einer Rezeptivität korrespondiert." 
Hier wird dem transzendentalen Objekt kaum mehr als eine bloß nominale und höchstens nur die konzeptuale Bedeutung eines  Gedankendings  zugestanden. Nichtsdestoweniger lautet die Fortsetzung der Rede:
    "Diesem transzendentalen Objekt können wir allen Umfang und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen zuschreiben und sagen:  daß es vor aller Erfahrung an sich selbst gegeben sei." 
Es leuchtet von selbst ein, daß dieses Objekt nicht in demselben Sinne wie die Empfindungen als  gegeben  bezeichnet werden kann. Ist es aber vor aller Erfahrung gegeben, so ist es apriorischen Ursprungs. Und in der Tat ist es nur  eine denknotwendige Voraussetzung des Begriffs der Rezeptivität,  ohne welche dieser ganz sinnlos sein würde. Ein wirkliches Dasein, eine  selbständige,  von unserem Denken  unabhängige  Existenz dieses Objekts kann aber daraus nicht gefolgert werden.

7. Wir finden eine Bestätigung dieses Ergebnisses im Abschnitt der Analytik, der "von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und Noumena" handelt. KANT sagt da (3):
    "Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch enthält, der auch, als eine Begrenzung gegebener Begriffe, mit anderen Erkenntnissen zusammenhängt, dessen objektive Realität aber auf keine Weise erkannt werden kann. Der Begriff des  Noumenon,  d. i. eines Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern nur als Ding an sich selbst (lediglich durch reinen Verstand) gedacht werden soll, ist gar nicht widersprechend: denn man kann von den Sinnlichkeit doch nicht behaupten, daß sie die einzig mögliche Art der Anschauung sei. Ferner ist dieser Begriff notwendig, um die sinnliche Anschauung nicht über die Dinge an sich selbst auszudehnen und also, um die objektive Gültigkeit der sinnlichen Erkenntnis einzuschränken (denn das Übrige, worauf jene nicht reicht, heißen eben darum Noumena, damit man dadurch anzeige, jene Erkenntnisse können ihr Gebiet nicht über alles, was de Verstand denkt, erstrecken). Am Ende ist aber doch die Möglichkeit solcher Noumenorum gar nicht einzusehen und der Umfang außer der Sphäre der Erscheinungen ist (für uns) leer, d. i. wir haben einen Verstand, der sich  problematisch  weiter erstreckt, aber keine Anschauung, ja nicht einmal den Begriff von einer möglichen Anschauung, wodurch uns außer dem Felde der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben und der Verstand  assertorisch  [als gültig behauptet - wp] gebraucht werden könne. Der Begriff eines Noumenon ist also bloß ein  Grenzbegriff,  um die Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken und also nur von negativem Gebrauch. Er ist aber gleichwohl nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen, ohne doch etwas Positives außer dem Umfang derselben setzen zu können."
Da nun hier der Begriff des Noumenon definiert wird als der eines Dinges, welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern nur als ein Ding an sich gedacht werden soll, so ist auch  das Ding an sich ein Grenzbegriff,  der zwar nicht erdichtet, sondern eine notwendige Voraussetzung unseres Denkens ist, dem aber deshalb noch nicht  objektive Realität,  d. h. eine von unserem Denken unabhängige Existenz zukommt und der daher hinsichtlich seiner Gültigkeit ein  problematischer  Begriff bleibt.

8. Noch deutlicher tritt dies im "Anhang, von der Amphibolie [Mehrdeutigkeit, wp] der Reflexionsbegriffe" an folgender Stelle (4) hervor. Es heißt da:
    "Das Denken ist zwar an sich kein Produkt der Sinne und sofern auch nicht durch sie eingeschränkt, aber darum nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauch, ohne Beitritt der Sinnlichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist. Man kann auch das Noumenon nicht ein solches Objekt nennen; denn dieses bedeutet eben den problematischen Begriff von einem Gegenstand für eine ganz andere Anschauung" (die intellektuelle) "und einen ganz anderen Verstand als den unsrigen (einen intuitiven), "der mithin selbst ein Problem ist. Der Begriff des Noumenon ist also nicht der Begriff von einem Objekt, sondern die unvermeidlich mit der Sinnlichkeit zusammenhängende Aufgabe (Frage),  "ob es nicht von jener ihrer Anschauung ganz unabhängige Gegenstände geben möge,  welch Frage nur  unbestimmt  beantwortet werden kann, nämlich: daß, weil die sinnliche Anschauung nicht auf alle Dinge ohne Unterschied geht,  für welche und andere Gegenstände Platz übrig bleibe,  sie also nicht schlechthin abgeleugnet, in Ermangelung eines bestimmten Begriffs aber (da keine Kategorie dazu tauglich ist) auch nicht  als Gegenstände für unseren Verstand behauptet werden können." 
Nach diesen Vorbemerkungen fährt KANT nun fort:
    " Der Verstand begrenzt demnoch die Sinnlichkeit,  ohne  sein eigenes Feld zu  erweitern  und indem er jene warnt, daß sie sich nicht vermesse, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Erscheinungen, so  denkt  er sich einen Gegenstand, aber nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinungen (mithin nicht selbst Erscheinung) ist und  weder  als Größe noch als Realität, noch als Substanz etc. gedacht werden kann  (weil diese Begriffe immer sinnliche Eigenschaften fordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen), wovon also uns  völlig  unbekannt bleibt, ob es in uns oder auch außer uns anzutreffen sei;  ob es mit der Sinnlichkeit aufgehoben werden, oder, wenn wir jene wegnehmen, noch übrig bleiben würde. Wollen wir dieses Objekt Noumenon nennen, darum, weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so steht uns dies frei. Da wir aber keinen von unseren Verstandesbegriffen darauf anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer und dient zu weiter nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntnis zu bezeichnen und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch mögliche Erfahrung noch durch reinen Verstand ausfüllen können."
9. Hieraus erhellt sich nun mit voller Klarheit, daß KANT und zwar nicht allein in der ersten, sondern auch in der zweiten Auflage der Kritik d. r. V., die Dinge an sich zwar für eine unabweislich notwendige Voraussetzung unseres Denkens erklärte, zugleich aber auch zeigt, daß und warum sich ihre objektive Realität, ihre von unserem Denken unabhängige selbständige Existenz weder leugnen noch behaupten lasse, folglich  zweifelhaft bleibe.  Und wenn er obendrein hinzusetzt, es sei völlig unbekannt, ob das transzendentale Objekt als Ursache der Erscheinungen (er durfte genauer nur sagen: des Empfindungsstoffes derselben) in uns oder auch außer uns anzutreffen sei, so ist die strenge Konsequenz dieser Prämissen ein  skeptischer Idealismus,  der, da er zwar nicht das Dasein der Gegenstände im Raum (extra nos), wohl aber die Existenz der Dinge an sich (prater nos) für zweifelhaft erklärt, weit über  denjenigen  skeptischen Idealismus hinausgeht, den er durch den von ihm für unbestreitbar erklärten empirischen Realismus als hinlänglich widerlegt betrachtet.

In einen unlösbaren Widerspruch schien KANT aber schon seinen Zeitgenossen und unter ihnen wohl zuerst FRIEDRICH HEINRICH JACOBI (5) sich zu verwickeln, indem er an der zuerst angeführten Stelle sagte:
    "der Verstand denke sich einen Gegenstand, aber bloß als transzendentales Objekt, das die  Ursache  der Erscheinungen sei und weder als Größe noch als Realität noch als Substand etc. gedacht werden könne, weil diese Begriffe immer  sinnliche  Eigenschaften fordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen."
Denn hier schien KANT ganz übersehen zu haben, daß unter dem etcetera doch auch die Kategorie der Ursache inbegriffen ist. In einem Zug schien er zu sagen, daß sich der Verstand das transzendentale Objekt als Ursache denke, jedoch (vermöge der Deduktion der Kategorien) dazu keineswegs berechtigt sei, folglich  dieses gedachte Objekt in Wahrheit nicht die Ursache der Erscheinungen sein könne.  Ein so schroffer und auf der Hand liegender Widerspruch wäre nun freilich bei einem so scharfen und bedächtigen Denker wie KANT unerhört.

10. Indessen liegt hier, wie mir dünkt, kein wirklicher, sondern nur ein scheinbarer Widerspruch KANTs mit sich selbst vor, der sich durch seine Unterscheidung zwischen  Erkennen  und  Denken  löst. Erkenntnis überhaupt bezieht sich entweder unmittelbar oder (wie alle Erkenntnis a priori) mittelbar, auf einen Gegenstand. Dieser kann entweder bloß ein Produkt der Einbildungskraft (eine reine Anschauung) oder ein wirklicher, d. h. durch sinnliche Wahrnehmung (empirische Anschauung) gegebener sein. Die Erkenntnis eines wirklichen Gegenstandes betrifft ferner teils sein Dasein (existentia) teils seine  Beschaffenheit  (essentia). Nacht KANTs Begriff von Erkenntnis ist aber das eine mit dem anderen untrennbar verbunden. Es gibt für ihne keine Erkenntnis,  daß  etwas ist, wenn nicht eine Anschauung hinzukommt von dem,  was  es ist. Die Überzeugung vom bloßen Dasein eines Gegenstandes, ohne ein Wissen, wie er beschaffen ist, gilt ihm nicht für ein Erkennen, sondern nur für ein  Denken dem es ganz an einem Gegenstand fehlt. Hierüber spricht er sich in der Vorrede der  zweiten  Auflage der Kritik (Seite XXVI) sehr deutlich aus. Nachdem er daselbst auseinandergesetzt hat, daß durch seine Lehren über Zeit und Raum, als Formen unserer Sinnlichkeit und über die allein zulässige Anwendung der Verstandesbegriffe auf empirische Anschauungen bewiesen werde, daß
    "wir von keinem Dinge an sich selbst, sondern nur, sofern es Objekt der sinnlichen Anschauung ist, d. i. als Erscheinung, Erkenntnis haben können,"
fährt er also fort:
    "Gleichwohl wird, was wohl gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir ebendieselben Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn auch  nicht erkennen,  doch wenigstens müssen  denken können.  Denn sonst würde der ungereimte Satz daraus folgen,  daß Erscheinung ohne etwas wäre, was da erscheint!"  (6)
Erläuternd fügt er in einer Anmerkung noch hinzu:
    "Einen Gegenstand  erkennen,  dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit oder a priori durch Vernunft) beweisen könne. Aber  denken  kann ich, was ich will, wenn ich mir nur nicht widerspreche, d. i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegriff aller Möglichkeiten diesem auch ein Objekt korrespondiere oder nicht."
Im vorliegenden Fall ist nun zwar das Denken von den Dingen an sich selbst nicht ein bloß mögliches, sondern ein  notwendiges,  da es ja ungereimt wäre, Erscheinungen zu denken, ohne etwas, was da erscheint. Die Dinge erscheinen uns aber nicht, wie sie an sich selbst sind, sondern nur insofern, als sie den Stoff der Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung, die Empfindungen, in uns erregen, also auf unseres Sinnlichkeit  wirken.  Sie werden also notwendigerweise als die  Ursachen  der Empfindungen  gedacht.  Aber dieses Denken ist  kein Erkennen,  daß sie  wirklich  existieren; denn da müßte (nach KANTs Erkenntnisbegriff) noch eine Anschauung von dem,  was  sie sind, hinzukommen. Da uns eine solche Anschauung nicht gegeben ist, so ist auch eine  gültige  Anwendung der Kategorien überhaupt, mithin auch der der Ursache, also eine solche, die zu einer Erkenntnis führte, unmöglich. Gleichwohl ist der Verstand vollkommen berechtigt, sich die Dinge als Ursachen der Erscheinungen zu  denken;  aber er darf sich nicht anmaßen, dieses  Denken  für eine  Erkenntnis  auszugeben, daß die Dinge  wirklich  die Ursachen der Empfindungen sind. Freilich verzichtete KANT damit zugleich gänzlich auf die Beantwortung der Frage  woher  dann eigentlich die Sinnlichkeit die ihr gegebenen Empfindungen empfängt.

11. Auf ganz andere Weise hat neuerdings BENNO ERDMANN (7) KANT von der Anklage, an der angeführten Stelle mit sich selbst in Widerspruch geraten zu sein, loszusprechen versucht. Nach ihm soll KANT nämlich, als er sagte, der Verstand denke sich einen Gegenstand, aber bloß als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung sein, jedoch nach keiner der Kategorien gedacht werden könne, unter der Ursache  nicht die Kategorie  der Kausalität, sondern den erst in der Dialektik eingeführten Begriff der  Kausalität durch Freiheit  verstanden haben und aus  diesem  Grund enthalte jene anstößige Stelle gar keinen Widerspruch. (8) - Es ist zuvörderst nicht unbedenklich, daß KANT, wie ERDMANN (Seite LIII) selbst bemerkt, weder in der transzendentalen Ästethik noch in der Analytik (wo doch an der zuvor angeführten Stelle die Möglichkeit eines Mißverständnisses so überaus nahe lag) auch nur mit einem Wort andeutet, daß hier an eine andere Art der Kausalität als die der Kategorie zu denken sei, auf die er aber erst in der Dialektik kommen werden. Er würde dadurch mit einem Schlag den Vorwurf eines so auffälligen Widerspruchs abgewiesen haben.

Erst in der dritten Antinomie wird "der Kausalität nach Gesetzen der Natur" die "Kausalität durch Freiheit" gegenübergestellt und die transzendentale Freiheit definiert als "die absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen, die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen." Es wird nun bewiesen, einerseits, daß eine Kausalität durch Freiheit anzunehmen notwendig ist, andererseits aber, daß alles in der Welt lediglich nach Gesetzen der Natur geschicht und es keine Freiheit gibt. Da beiden Beweisen volle Gültigkeit beigelegt wird, so entsteht ein Widerstreit der Vernunft mit sich selbst, den zu schlichten die Aufgabe ist. Dies geschieht durch eine Distinktion. in der Welt der Erscheinungen, der Natur, erfolgt nämlich alles was geschicht einzig und allein nach der Kategorie der Kausalität, welche stets eine Erscheinung mit einer vorangegangenen anderen verknüpft, worauf erstere nach einer Regel folgt. Auf dem Feld der Erscheinungen ist also für eine Kausalität durch Freiheit schlechterdings kein Platz. Da wir aber Dinge an sich, als Ursachen der Erscheinungen wenigstens  denken  können müssen und dieses Denken sogar ein notwendiges ist, so kann,  wenn  es eine Kausalität durch Freiheit gibt, sie nur diesen intelligiblen Dingen als Eigenschaft zugewiesen werden.
LITERATUR - Moritz Wilhelm Drobisch, Kants Dinge an sich und sein Erfahrungsbegriff, Hamburg und Leipzig 1885
    Anmerkungen
    1) KANT bemerkt (1. Auflage der Kritik, Seite 373), daß der Ausdruck "außer uns" eine nicht zu vermeidende Zweideutigkeit enthalte, indem er "bald etwas bedeute, was als Ding an sich selbst, von uns verschieden existiert, bald bloß zur äußeren Erfahrung gehört." Er will daher die Dinge außer uns in der letzteren Bedeutung, um sie von Gegenständen, "die im transzendentalen Sinne so heißen" zu unterscheiden, "geradezu Dinge nennen, die im Raum anzutreffen sind." LICHTENBERG (Vermischte Schriften, Ausgabe 1844, Seite 84f) schlägt vor, die letzteren als Dinge  extra nos  [Dinge im Raum, wp], die ersteren als Dinge  praeter nos  [Dinge an sich, wp] zu bezeichnen.
    2) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage, Seite 494, 2. Auflage Seite 522
    3) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage, Seite 254, 2. Auflage Seite 310
    4) KANT, Kritik der reinen Vernunft, 1. Auflage, Seite 287, 2. Auflage Seite 343
    5) JACOBI in seiner Abhandlung: Über den transzendentalen Idealisms, Werke II, Seite 301f
    6) Auch schon in der  ersten  Auflage der Kritik (im Abschnitt über Phaenomena und Noumena, Seite 251f) besagt folgende Stelle ganz dasselbe. "Es folgt natürlicherweise aus dem Begriff einer Erscheinung überhaupt, daß ihr etwas entsprechen müsse, was an sich nicht Erscheinung ist, weil Erscheinung nicht für sich selbst und außer unserer Vorstellung sein kann, mithin, wo nicht ein beständiger Zirkel herauskommen soll, das Wort Erscheinung schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare Vorstellung zwar sinnlich ist, was aber an sich selbst auch ohne diese Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit (worauf sich die Form unserer Anschauung gründet) Etwas, d. i. ein von Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein muß. - Hieraus entspringt nun der Begriff eines Noumenon, der aber gar  nicht  positiv und eine  bestimmte Erkenntnis  von einem Dinge, sondern  nur das Denken von Etwas überhaupt  bedeutet, bei welchem ich von aller Form der sinnlichen Anschauung abstrahiere."
    7) In der Einleitung zu seiner kritischen Ausgabe von KANTs Prolegomenen (Leipzig 1878), Seite LIII und LXIV; vgl. desselben Autors Schrift: Kants Kritizismus in der ersten und zweiten Auflage seiner Kritik der reinen Vernunft (Leipzig 1878).
    8) Auch KUNO FISCHER vertritt in seiner Kritik der Kantischen Philosophie (München 1883, Seite 24f) entschieden dieselbe Ansicht.