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SIMON BRYSZ
Das Ding ansich
[2/4]

"Der Raum und die Zeit, die nicht nur Formen der Anschauung, sondern selbst Anschauungen sind, wären unmöglich ohne eine synthetische Apprehension. Dieser Gedanke ist der Grundstein der Deduktion und  Kant  konnte mit Recht auf ihn stolz sein, indem er darauf hinwies, daß es bisher keinem Philosophen eingefallen ist, die Einbildungskraft als notwendiges Ingredienz der Wahrnehmung zu betrachten, weil man glaubte, die Sinne lieferten uns nicht allein Eindrücke, sondern setzten solche auch sogar zusammen. Niemand vor  Kant  hat es gesehen, daß die Sinne nicht verbinden (auch nicht die sinnlichen Elemente), und darin besteht seine bedeutsame Entdeckung."

"In seiner Kritik der kantischen Lehre sagt  Schopenhauer:  Nachdem er Raum und Zeit isoliert abgehandelt, dann diese ganze Raum und Zeit füllende Welt der Anschauung, in der wir leben und sind, abgefertigt hat mit den nichtssagenden Worten:  der empirische Inhalt der Anschauung wird uns gegeben  - gelangt er sofort mit einem Sprung zur logischen Grundlage seiner Philosophie, aber nicht bloß wie die reine und nur formale Anschauung a priori, sondern auch wie ihr Gehalt, die empirische Anschauung ins Bewußtsein kommt, hätte nun untersucht werden müssen."

"Kants  Aufgabe war die kritische Grenzbestimmung unserer Erkenntnis, die Beantwortung der Frage, wie synthetische Urteile a priori möglich sind; zu diesem Zweck mußte er zeigen, daß der Verstand kein Vermögen der Anschauung ist. Sein Geschäft ist lediglich die Synthesis, die Verbindung des Mannigfaltigen. Wie aber dieses Mannigfaltige selbst ins Bewußtsein kommt, das lag gar nicht im Bereich seines wissenschaftlichen Interesses."

"Die Sinnesempfindung als solche ist ein ärmliches Ding, ein lokales, spezifisches, subjektives Gefühl, welches nicht von Anschauung enthalten kann. Diese Empfindung, wenn sie auch später durch einen besonderen Akt des Verstandes als von außen herrührend angesehen wird, unterscheidet sich in nichta von den inneren Empfindungen unseres Leibes. Erst wenn der Verstand in Tätigkeit gerät und sein Gesetz der Kausalität in Anwendung bringt, geht eine mächtige Verwandlung vor sich: aus den ärmlichen subjektiven Empfindungen wird objektive Anschauung der herrlichen Außenwelt."



Wie kommt objektivgültige Anschauung zustande?

Es braucht kaum bemerkt zu werden, daß für KANT die psychologische Seite der Anschauung nicht in Betracht kommen darf. Ihm kommt es immer darauf an, erkenntnistheoretisch zu untersuchen, welcher Grad von Gültigkeit der jeweiligen Anschauung zuzuschreiben ist. Wir werden deshalb mit KANT nicht fragen dürfen,  "wie in einem denkenden Subjekt überhaupt eine äußere Anschauung,  nämlich die des Raumes (eine Erfüllung desselben, Gestalt und Bewegung)  möglich ist?"  Denn abgesehen davon, daß diese Fragestellung eine psychologisch-genetische wäre, so ist doch nach KANT "auf diese Frage keinem Menschen möglich, eine Antwort zu finden und man kann diese Lücke unseres Wissens niemals ausfüllen." (1)

Wir setzen also diese Fähigkeit anzuschauen voraus und fragen nach der Gültigkeit erstens der reinen, zweitens der empirischen Anschauung.

Die erste dieser Fragen bietet nun keine besondere Schwierigkeit. Wir brauchen nur die allgemein bekannte Lehre der transzendentalen Ästhetik in kurzen Worten wiederzugeben. Der Raum und die Zeit sind keine den Dingen selbst inhärierenden Eigenschaften. Räumlich und zeitlich sind die Erfahrungsobjekte deshalb, weil wir so beschaffen sind, daß wir die ansich raum- und zeitlosen Dinge nur so und nicht anders wahrnehmen können. Daraus ergibt sich die Gültigkeit dieser Anschauungsweise, denn alles Äußere muß räumlich und zeitlich, alles Innere zeitlich sein. Die Übereinstimmung der Anschauung mit dem Angeschauten ist aber dadurch gegeben, daß wir es lediglich mit unseren Erscheinungen zu tun haben und nicht zu fragen brauchen, ob sie den Dingen selbst adäquat sind; diese letzteren gehen uns nichts an. Wir fragen nach der Übereinstimmung unserer Begriffe von der Erscheinung mit ihr selbst, nicht mit dem transzendentalen Objekt, das sie hervorruft. Wir bekommen so zwar nur eine "empirische Wahrheit"; aber die formalen Bedingungen dieser Wahrheit beruhen auf einem sicheren Prinzip, nämlich der apriorischen Subjektivität der Anschauungsformen Raum und Zeit. Aus dieser Subjektivität läßt sich nun ferner die Apodiktizität [Gewißheit - wp] derjenigen Wissenschaften erklären, die ihre Elemente in diesen Formen konstruieren (Geometrie durch die Apriorität des Raumes, Arithmetik durch diejenige der Zeit). (2)

Es muß jedoch hervorgehoben werden - was oft übersehen worden ist - daß Raum und Zeit allein noch nicht imstande sind, eine fertige Anschauung hervorzubringen. Gleich am Anfang der transzendentalen Ästhetik deutet KANT an, daß Raum und Zeit lediglich das sind, "worin sich die Empfindungen allein ordnen und in gewisse Formen  gestellt werden können." (3) Der Raum ist die "Vorstellung einer bloßen Möglichkeit des Beisammenseins". (4) Diese Einschränkung der Bedeutung der Anschauungsformen für die Anschauung, die naturgemäß in der transzendentalen Ästhetik nur angedeutet werden konnte, wird nachher in beiden Deduktionen weiter ausgeführt:
    "Weil daher jede Erscheinung ein Mannigfaltiges enthält, mithin verschiedene Wahrnehmungen im Gemüt an sich zerstreut und einzeln angetroffen werden, so ist eine Verbindung derselben nötig, welche sie in dem Sinne selbst nicht haben können." (5)
Ja, der Raum und die Zeit, die nicht nur Formen der Anschauung, sondern selbst Anschauungen sind (6), (der erste muß in der Geometrie als Gegenstand vorgestellt werden), wären unmöglich ohne eine synthetische Apprehension [Auffassung einer Vorstellung - wp]. (7) Dieser Gedanke ist der Grundstein der Deduktion und KANT konnte mit Recht auf ihn stolz sein, indem er darauf hinwies, daß es bisher keinem Philosophen eingefallen ist, die Einbildungskraft als notwendiges Ingredienz der Wahrnehmung zu betrachten, "weil man glaubte, die Sinne lieferten uns nicht allein Eindrücke, sondern setzten solch auch sogar zusammen." (8)

Schwieriger gestaltet sich die Frage nach der empirischen Anschauung, wenn wir die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen irgendwie ableiten wollen. Die Frage würde dann lauten: Wie ist die Anschauung des Mannigfaltigen möglich? Anschauung überhaupt ist durch die Apriorität von Raum und Zeit ermöglicht worden. Ist aber die bunte, unermeßliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen in ihren Qualitäten und Formen ebenfalls subjektiven Ursprungs? Dies wird von KANT verneint: Das Mannigfaltige der Anschauungen wird a posteriori gegeben, im Gegensatz zu Raum und Zeit, die apriori gegeben werden. Wie ist aber diese Anschauung möglich? Der Raum, der hier hauptsächlich in Betracht käme, ermöglicht uns nur eine räumliche Anschauung  überhaupt anders ausgedrückt, durch ihn sehen wir die äußeren Dinge räumlich. Vermögen wir aber durch ihn die unendliche Mannigfaltigkeit der räumlichen Gestalten - um von den qualitativen Formen gar nicht zu reden - irgendwie zu begreifen? KANT erwidert darauf: "die unermeßliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen" kann nicht "aus der reinen Form der sinnlichen Anschauung hinlänglich begriffen werden"; es müssen bloß "die Erscheinungen, ungeachtet der Verschiedenheit ihrer empirischen Form, dennoch jederzeit den Bedingungen der reinen Form der Sinnlichkeit gemäß sein." (9)

Diese Lücke in der Lehre von der empirischen Anschauung, die KANT durch die Unmöglichkeit ihrer Ausfüllung rechtfertigt, ist vielfach angegriffen worden, jedoch nicht immer und vor allem nicht in allen Punkten mit Recht. Wir wollen am Beispiel der Kritik SCHOPENHAUERs untersuchen, in welcher Form dieser Vorwurf berechtigt ist.

In seiner Kritik der kantischen Lehre sagt SCHOPENHAUER:
    "Nachdem er [Kant] Raum und Zeit isoliert abgehandelt, dann diese ganze Raum und Zeit füllende Welt der Anschauung, in der wir leben und sind, abgefertigt hat mit den nichtssagenden Worten: der empirische Inhalt der Anschauung wird uns  gegeben  - gelangt er sofort mit einem Sprung zur logischen Grundlage seiner Philosophie, zur Tafel der Urteile." (10)

    "Nicht bloß wie die reine und nur formale Anschauung a priori, sondern auch wie ihr Gehalt, die empirische Anschauung ins Bewußtsein kommt, hätte nun untersucht werden müssen." (11)
Es ist nun zu überlegen, ob KANT mit der Erklärung, das Empirische der Anschauung werde uns a posteriori  gegeben nicht bereits angedeutet hat, daß bei dieser Aposteriorität des Empirischen die Erörterung der Art seines Entstehens im Bewußtsein nicht in die Kritik der reinen Vernunft hineingehört. KANTs Aufgabe ist die kritische Grenzbestimmung unserer Erkenntnis, die Beantwortung der Frage, wie synthetische Urteile a priori möglich sind; zu diesem Zweck mußte er zeigen, daß der Verstand kein Vermögen der Anschauung ist. Sein Geschäft ist lediglich die Synthesis, die Verbindung des Mannigfaltigen. Wie aber dieses Mannigfaltige selbst ins Bewußtsein kommt, das lag gar nicht im Bereich seines wissenschaftlichen Interesses. Ganz anders verhält es sich bei SCHOPENHAUER. Ihm ist es nicht um die erkenntnistheoretische Frage der Gültigkeit unserer Erkenntnis, sondern um die metaphysische Frage nach dem Sein der Außenwelt zu tun. Und da sein Idealismus erforderlich machte, daß alles womöglich auf die Spontaneität unseres Verstandes zurückgeführt werden kann, so mußte dem Verstand auch das Vermögen anzuschauen zugeschrieben werden, um das gegebene ungeordnete Material so einfach wie möglich darzustellen. Wir werden deshalb sowohl den Einwurf wie seine Stichhaltigkeit der kantischen Lehre gegenüber nur dann richtig einschätzen können, wenn wir SCHOPENHAUERs eigene Theorie der empirischen Anschauung, wie er sie im Satz vom Grunde § 21 auseinandersetzt, mit einigen Worten charakterisieren.

Bedingt durch den idealistischen Zug von SCHOPENHAUERs Metaphysik, ist diese Lehre eine Theorie der Intellektualität der empirischen Anschauung. Die Sinnesempfindung als solche ist ein ärmliches Ding, ein lokales, spezifisches, subjektives Gefühl, welches nicht von Anschauung enthalten kann. Diese Empfindung, wenn sie auch später durch einen besonderen Akt des Verstandes als von außen herrührend angesehen wird, unterscheidet sich in nichts von den inneren Empfindungen unseres Leibes. Erst wenn der Verstand in Tätigkeit gerät und sein Gesetz der Kausalität in Anwendung bringt, geht eine mächtige Verwandlung vor sich: aus den ärmlichen subjektiven Empfindungen wird objektive Anschauung der herrlichen Außenwelt. - So gefaßt, ist diese Lehre nur eine Modifikation der kantischen Theorie der Anschauung. Auch bei KANT ist die Anschauung intellektuell, jedoch in ganz anderer Weise. Es wurde schon oben hervorgehoben, daß auch für KANT Raum und Zeit allein nicht genügen, um Anschauung hervorzubringen. Sie sind das, was macht, daß das Mannigfaltige in gewissen Verhältnissen geordnet werden  kann.  Zur Hervorbringung einer Anschauung bedarf es der Spontaneität unseres Verstandes. Der Hauptunterschied besteht jedoch in folgenden zwei Momenten. Für KANT sind es die Kategorien, die das Mannigfaltige verbinden, und erst durch sie kann selbst der Raum als solcher zur Vorstellung werden. SCHOPENHAUER dagegen behauptet, Raum und Zeit seien  Kontinua,  also ursprünglich gar nicht getrennt. Da sie Formen der Anschauung sind, wird alles, was in ihnen erscheint, schon von Anfang an als Kontinuum auftreten und bedarf keiner Verbindung seitens des Verstandes. Der weitaus wichtigere Unterschied ist jedoch der: bei KANT wird das Mannigfaltige, der stoffliche Gehalt der Anschauung, von einem  Ding außerhalb von uns gegeben der Verstand kann nur die Form schaffen und schaut selbst nichts an. Dagegen muß SCHOPENHAUER gemäß seinem Prinzip: "Kein Objekt ohne Subjekt" alles auf  innere  Empfindung zurückführen. Die Materialität der Erscheinungen beruth also lediglich auf der Kategorie der Kausalität (der einzigen, die SCHOPENHAUER gelten läßt), da das Wesen der Materie im Wirken besteht, sie also durch und durch Kausalität ist. Auch alle empirischen Eigenschaften der Dinge laufen auf diese Wirksamkeit zurück und sind nur nähere Bestimmungen der Kausalität. Auf dieser erkenntnistheoretischen Grundlage baut SCHOPENHAUER im einzelnen seine Theorie der empirischen Anschauung auf und zeigt, wie der Verstand aus dem rohen Stoff der Empfindungen mit Hilfe der apriorischen Formen: Raum, Zeit und Kausalität, die unerschöpflich reiche, vielgestaltete anschauliche Welt zustande bringt.

Der objektiven Anschauung dienen eigentlich nur zwei Sinne: das Getast und das Gesicht; die anderen Sinne bleiben subjektiv. Drücke ich mit der Hand gegen den Tisch, so liegt in dieser Empfindung noch nicht die Vorstellungen des Zusammenhangs der Teile dieser Masse. Erst wenn mein Verstand von der Empfindung zur Ursache übergeht, konstruiert er sich einen Körper, der die Eigenschaft der Solidität, Undurchdringlichkeit und Stärke hat. Beim Gesicht ist die Tätigkeit des Verstandes indem er die Empfindung in Anschauung umwandelt, eine viel mannigfaltigere. Der rohe Stoff dieses Sinnes ist eine Empfindung auf der Retina, welche gleich ist dem Anblick einer Palette mit vielerlei bunten Fabren, Klecksen, die sich bei der Einwirkung des Verstandes zu einem reichen Bild umwandeln. Das erste, was der Verstand tut ist, daß er das Bild umkehrt. Sodann macht er das zweifach empfundene (durch jedes Auge besonders Gesehene) zu einem einfachen Bild. Drittens konstruiert er aus bloßen Flächen dreidimensionale Körper. Viertens erkennt er die Entfernung der Objekte vom Auge. Dies alles geschieht nicht durch physiologische Ursachen, sondern auf einem rein intellektuellen Weg und ist das Werk des Verstandes, der mittels der Kausalität die Empfindung auf ihre Ursachen bezieht und auf diese Weise die Anschauung zustande bringt.

Es ist unleugbar, daß diese Theorie der empirischen Anschauung tatsächlich eine notwendige Ergänzung der kantischen Lehre von der Anschauung bedeutet. Ob jedoch der von SCHOPENHAUER eingeschlagene Weg der richtige ist, ist eine andere Frage. KANT hatte behauptet, Raum, Zeit und Kategorien sind für die Erscheinungen ordnende Prinzipien.  Wie  der zu ordnende Stoff vor dem Eingreifen der apriorischen Formen beschaffen sein muß, hat KANT nicht erörtert. Das darzutun hat SCHOPENHAUER unternommen. Nachdem KANT diese Frage offen gelassen hatte, konnte man entweder annehmen, daß das Material bereits vom Ding-ansich in einer gewissen, wenn auch nur intelligiblen, Affinität geliefert wird. Die Formen, die uns zu Gebote stehen, haben dann diese Ordnung nur in eine empirische umzuwandeln. Oder aber es lag nicht fern - und die kantische Erkenntnistheorie drängte es oft geradezu auf - anzunehmen, daß uns der Stoff in einem völlig chaotischen Zustand gegeben wird und daß die Ordnung das ursprüngliche Werk von Raum, Zeit und Kategorien ist. Diese Formen müssen somit schöpferische Prinzipien sein, d. h. sie schaffen überhaupt erst Verhältnisse unter den Erscheinungen und geben ihnen Leben. Mit anderen Worten: die Frage ist: handelt es sich beim Ordnen der Erscheinungen nur um eine Übertragung einer Ordnung in die andere, gleich der Aufgabe eines Bildhauers, der ein Gemälde in eine Marmor-Statue umzuwandeln hat, oder hat es dieser Bildhauer nur mit einem Marmorblock ohne jede Form zu tun, den er schöpferisch gestalten muß? - Daß diese Frage vom strengsten kritischen Standpunkt aus berechtigt ist, unterliegt keinem Zweifel. Denn bei ihrer Beantwortung braucht man nicht an das Ding-ansich heranzutreten, um über seine Eigenschaften etwas vorauszusagen, sondern muß nur die Funktionen der apriorischen Formen genau bestimmen, um zu wissen, was nach Abzug der Wirkung dieser Formen noch übrig bleibt, d. h. wie dann der ungeordnete Stoff beschaffen sein muß. Wir haben es also hier unstreitig mit einer Lücke zu tun und müssen untersuchen, erstens: warum sie KANT offen gelassen hat, zweitens: welche Folgen daraus für das System selbst entstehen.

So wünschenswert aber und notwendig eine deutliche Äußerung KANTs über die Beschaffenheit des Stoffes vor dem Eingreifen der apriorischen Formen gewesen wäre, so klar ist es doch andererseits, daß eine solche Theorie, wie sie SCHOPENHAUER aufstellt, von KANT nicht gelehrt werden konnte. Denn was zunächst den Grundgedanken betrifft, so konnte KANT bei dem realistischen Charakter seiner Denkweise unmöglich die Materialität der Erscheinungen auf ein lediglich subjektives Prinzip zurückführen. Zweitens scheint eine Erörterung der besonderen Funktionen unseres Intellekts beim Gestalten der Mannigfaltigkeit überhaupt nicht im Bereich seines wissenschaftlichen Interesses gelegen zu haben. Schließlich war die Ausgestaltung, welche die Theorie bei SCHOPENHAUER erfahren hatte, eine physiologisch-psychologische und gehörte deshalb nicht in eine Kritik der reinen Vernunft. Die Methode der Kritik ist eine transzendentale, wo jede psychologische Untersuchung vermieden werden sollte, weil eine solche nach KANTs Auffassung keine objektive Gültigkeit beanspruchen darf. Er selbst beanspruchte für diejenigen Teile der transzendentalen Deduktion (erste Auflage), die die "subjektiven" oder "psychologischen" Momente enthalten, keine Allgemeingültigkeit. (12) Wäre es möglich, eine transzendentale Deduktion der einzelnen Gestaltungen der Materie und ihrer qualitativen Verschiedenheit zu geben, d. h. wäre unsere Sinnlichkeit so beschaffen, daß, wenn wir uns alle Inhalte wegdächten, dann nicht nur Raum und Zeit, sondern all die unendlich vielen einzelnen Formen und Qualitäten übrig bleiben, so würden wir schließen, daß uns ebenso wie Raum und Zeit, so auch diese Formen a priori gegeben sind, und könnten dann wohl erklären, wie diese Mannigfaltigkeit zustande kommt. Wenn dem aber nicht so ist, so hat KANT zunächst Recht, wenn er lehrt, daß die empirisch und formal bestimmte Mannigfaltigkeit im Gegensatz zu Raum und Zeit von außen gegeben werden muß. Freilich nicht in dem Sinne gegeben, daß wir sie nur rezeptiv zu empfinden hätten. Kein Gegebenwerden ohne tätige Wirkung unserer Spontaneität. Gegeben ist der Stoff, der nur diese bestimmten und keine anderen Formen annehmen kann; aber wir verarbeiten nur das Mannigfaltige, wir produzieren es nicht.

Eine transzendentale Deduktion der mannigfaltigen Formen der empirischen Anschauung zu geben, ist somit durch die Natur dieser Formen ausgeschlossen; die Kritik hat deshalb diese Lücke offengelassen; denn sie hat es nur "mit der Erkenntnisart von Gegenständen zu tun, sofern diese a priori möglich sein soll". Es braucht aber kaum bemerkt zu werden, daß Naturphilosophie und Psychologie (für die objektive und subjektive Seite des Problems) die hier offen gelassene Lücke ausfüllen können, ohne daß sie mit der kantischen Lehre in Konflikt zu geraten brauchen. Man kann die Scheidung von Ding-ansich und Erscheinung aufrechterhalten und z. B. mit Hilfe einer mechanischen Naturauffassung und etwa eines Entwicklungsprinzips den objektiven Bestand der mannigfachen Qualitäten und der entstandenen Formen zu erklären suchen; während Psychologie und Physiologie - wiederum in Übereinstimmung mit den kantischen Voraussetzungen - zu beschreiben hätten, wie die Anschauung dieser Mannigfaltigkeit subjektiv zustande kommt.

Wir werden also nicht, wie SCHOPENHAUER es tut, KANT zum Vorwurf machen, daß er keine vollständige Theorie der empirischen Anschauung gegeben hat, denn "KANT wollte nur eine Kritik des reinen, nicht eine Theorie des empirischen Verstandes geben". (13) Es ist vielmehr die Frage, ob bei dieser Beschaffenheit der empirischen Formen für das System selbst nicht eine Schwierigkeit entsteht.

In der Vorrede zur zweiten Auflage und öfters, besonders aber in der zweiten Deduktion sagt KANT:
    "Nun sind nur zwei Wege, auf welchen eine  notwendige  Übereinstimmung der Erfahrung mit den Begriffen von ihren Gegenständen gedacht werden kann: entweder die Erfahrung macht die Begriffe, oder die Begriffe machen die Erfahrung, möglich." (14)
Unter Begriff versteht KANT hier sowohl die Formen der Anschauung wie die Kategorien. Nun sieht sich KANT gezwungen, den zweiten Weg einzuschlagen, den er ein System der Epigenesis [nachträgliche Entstehung - wp] der reinen Vernunft nennt. In der transzendentalen Ästhetik hatte er gezeigt, daß Raum und Zeit Formen a priori unserer Sinnlichkeit sind. Sie machen die Anschauung überhaupt erst möglich, daher auch die Übereinstimmung der räumlichen Gegenstände mit der angeschauten Form, weil diese gar nicht einmal räumlich sind, wenn sie nicht angeschaut werden. Die Mathematik, die in der Geometrie räumliche Größen, und in der Arithmetik die zeitliche Aufeinanderfolge behandelt, kann sich daher ihre Objekte konstruieren und wird von ihnen objektiv gültige Erkenntnis haben. Sie wird dadurch nicht erst begründet; denn "es geht die Geometrie ihren sicheren Schritt ohne daß sie sich von der Philosophie einen Beglaubigungsschein erbitten darf." (15) Es ist aber klar (oder sollte zumindest klar sein), wo die Mathematik ihre objektive Gültigkeit her hat: sie kann sich nämlich ihre Begriffe sowohl der Quantität, wie der Qualität nach (im engeren Sinne - der geometrischen Figuren) konstruieren. Können aber auch die mannigfachen Formen der empirischen Anschauung aus reinen Anschauungsformen begriffen werden? Wir haben gesehen, daß KANT diese Frage verneint. Wir kommt also - um mit SCHOPENHAUER zu reden, der dieses Problem gesehen hat - wie kommt die empirische Anschauung ins Bewußtsein; wie entsteht die Erkenntnis dieser ganzen, für uns so realen Welt? Die Leistung der transzendentalen Ästhetik in Bezug auf die besonderen Formen der Erscheinungen besteht nur darin, daß wir von ihnen a priori sagen können: jede Erscheinung wird notwendig räumlich oder zeitlich bestimmt sein. Wie wir aber von der Räumlichkeit überhaupt zum einfachsten räumlichen  Bild  gelangen, darüber gibt sie uns gar keinen Aufschluß. Wären die mannigfachen Formen von uns aus zu erklären, so könnten wir sagen, daß unsere Anschauung sie möglich macht, ja wir hätten dann von ihnen eine apodiktische [logisch zwingende, demonstrierbare - wp]Erkenntnis, weil die Begriffe - hier die Anschauungen - die Gegenstände möglich machen würden. Dann müßten sie sich allerdings von den Dingen so wenig wegdenken lassen, wie ihre allgemeinsten Formen, Raum und Zeit. Nun ist aber das Mannigfaltige der äußeren Anschauung a posteriori gegeben. Die Mannigfaltigkeit ihrer Formen müßte also auf die verschiedenartige Einwirkung der Substrate, der Dinge-ansich, zurückgeführt werden, wenn anders wie die Erscheinungen nicht geradezu erzeugen. Wie kann KANT daher dann noch sagen, daß sich "der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens" (16) richten muß. Ist nicht vielmehr abzuwarten, in welcher Weise das von uns völlig unabhängige Ding-ansich uns affizieren wird?

Indessen läßt sich auch diese Schwierigkeit bis auf einen Rest lösen. Mit der Konstatierung der Unmöglichkeit, die mannigfaltigen Formen aus der reinen Form abzuleiten, wird die Lehre KANTs von der Revolution der Denkart nicht widerlegt, sondern nur in ihrer Tragweite eingeschränkt. Und das veranlaßt uns, den wahren Sinn der Grundlage seiner Erkenntnistheorie genauer zu bestimmen. Allgemein wurde und wird vielfach noch heute KANTs Lehre dahin verstanden, daß nach ihr ein Wissen überhaupt nur dann möglich ist, wenn sich die Gegenstände nach den Begriffen richten; man glaubte, daß nur dieser eine Weg zur Erkenntnis führt. (17) In Wahrheit gibt es aber für KANT  zwei  Wege: sowohl wenn die Begriffe die Gegenstände, wie auch wenn die Gegenstände die Begriffe möglich machen, ist Erkenntnis vorhanden. Beides ist möglich, und beides ist der Fall. Nur ist die erste eine Erkenntnis a priori und deshalb objektiv gültig. Die andere ist von der Erfahrung abgeleitet und zufällig. Die Notwendigkeit, die die Verstandesbegriffe bei sich führen, und die besondere, einzigartige Beschaffenheit der Anschauungsformen Raum und Zeit, zwangen KANT zu der Annahme, daß sie a priori, von aller Erfahrung unabhängige Formen sind, und daß ihre Übereinstimmung mit der Erfahrung daher rührt, daß diese Begriffe die Erfahrung allererst möglich machen. Aber neben diesen Prinzipien, die Erfahrung überhaupt ermöglichen, gibt es eine unendliche Fülle von Begriffen und Anschauungen, nämlich der Einzeldinge, die von der Erfahrung abstrahiert sind und deshalb mit ihr übereinstimmen, weil die Gegenstände diese Begriffe möglich machen. In der Vorrede zur zweiten Auflage werden gerade die Wissenschaften, die sich auf empirische Prinzipien gründen, unter anderen die chemischen Experimente STAHLs als diejenigen bezeichnet, die den Heersweg der Wissenschaften getroffen haben. Die Tatsache, daß man bei diesen Fragen auf die Belehrung der Natur angewiesen ist, hindert nicht, die Anwendung der - wenn auch nur  empirischen  - Prinzipien derart anzustellen, daß man an die Natur herangeht "nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf  die  Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt." (18)

Daß unsere Auffassung richtig ist, geht ganz deutlich aus dem bekannten Brief an HERZ hervor:
    "Auf welchem Grund beruth die Beziehung desjenigen, was man in uns Vorstellung nennt, auf den Gegenstand? (19) Enthält die Vorstellung nur die Art, wie das Subjekt vom Gegenstand affiziert wird, so ist es leicht einzusehen, wie er diesem als eine Wirkung seiner Ursache gemäß sei und wie diese Bestimmung unseres Gemüts etwas  vorstellen,  d. h. einen Gegenstand haben kann. Die passiven oder sinnlichen Vorstellungen haben also eine begreifliche Beziehung auf Gegenstände ... Ebenso wenn das, was in uns Vorstellung heißt, in Anbetracht des Objekts aktiv wäre, d. h. wenn dadurch selbst der Gegenstand hervorgebracht würde ... so würde auch die Konformität desselben mit den Objekten verstanden werden können. Es ist daher die Möglichkeit  sowohl des intellectus archetypi  [urbildlicher Verstand - wp] ... als des  intellectus ectypi  [heraushebender Verstand - wp],  der die Data seiner logischen Behandlung aus der sinnlichen Anschauung der Sachen schöpft  zumindest  verständlich." (20)
Hier wird also ganz deutlich gesagt, daß Erkenntnis zustande kommen kann, auch wenn die Dinge die Begriffe möglich machen. Man kann daher sagen, daß mit Ausnahme der Verstandesbegriffe (und der sogenannten Prädikabilien, die von ihnen abgeleitet werden können), und der Formen unserer Sinnlichkeit, die keine empirische Ableitung vertragen, alle unsere Begriffe von der Erfahrung geschöpft sind.

Der Grund der Mißdeutung, als ob KANT nur den  einen  Weg, auf dem die Begriffe die Gegenstände ermöglichen, als allein Erkenntnis möglich machend anerkannt hätte, liegt auf der Hand. Überall da, wo KANT von seiner kopernikanischen Revolution der Denkart spricht, speziell in der Vorrede zur zweiten Auflage (21), kommt nur dieser eine Weg zum Ausdruck. KANT handelt immer nur von seinen apriorischen Verstandesbegriffen, weil ihm das andere kein Problem ist.
    "Die Möglichkeit synthetischer Sätze a posteriori, d. h. solcher, welche aus der Erfahrung geschöpft werden - bedarf keiner besonderen Erklärung; denn Erfahrung ist selbst nichts anderes, als eine kontinuierliche Zusammensetzung ... der Wahrnehmungen". (22)
Hingegen mußte er den skeptischen Bedenken HUMEs gegenüber immer von Neuem betonen, daß die Verstandesbegriffe, speziell die Kategorie der Kausalität nicht von der Erfahrung abstrahiert werden können. Man beachtete deshalb nicht, daß KANT an vielen Stellen die Tragweite der Kategorien nach  beiden  Seiten hin eingeschränkt hat. So wie sie einerseits nur zu einem empirischen, nicht aber zu einem transzendentalen Gebrauch tauglich sind, so ermöglichen sie andererseits nur Erfahrung überhaupt, Gesetzmäßigkeit überhaupt und Dinge überhaupt. In allen besonderen Fällen ist es der Gegenstand, der den Begriff möglich macht, so daß dieser sich nach jenem richtet.

Hierfür läßt sich eine ganze Reihe von Belegen anführen. So sagt KANT, daß empirische Begriffe sich auf empirische Anschauungen gründen; ferner, wir können
    "unseren Begriff, den wir uns von einem Objekt der Anschauung machen, durch neue Prädikate, die die Anschauung selbst darbietet, in der Erfahrung synthetisch erweitern."
Dieses Urteil ist "aber nur a posteriori und empirisch gewiß". (23)
    "Daß ich über einen gegebenen Begriff meiner Erkenntnis erweitern kann, lehrt mich die tägliche Erfahrung meiner Kenntnisse durch die sich immer vergrößerende Erfahrung." (24) "Die Naturerscheinungen" sind Gegenstände, "die uns  unabhängig von unseren Begriffen  gegeben werden, zu denen also der Schlüssel nicht in uns und unserem reinen Denken, sondern außerhalb von uns liegt." (25)
Ferner spricht KANT von einer Deduktion, welche die Art anzeigt, wie Begriffe durch Erfahrung und Reflexion über dieselbe erworben werden und hebt rühmlich hervor, daß LOCKE ein solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntniskraft, um von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen Begriffen zu steigen, in die Wege geleitet hat. (26)

Noch deutlicher als aus allen diesen Stellen, geht die Einteilung der Begriffe nach ihrem Ursprung aus folgenden Reflexionen hervor:
    "Alle Begriffe sind entweder  Urbilder,  welche Gründe von den Bestimmungen, die den Objekten zukommen und wodurch das Objekt unter allen möglichen bestimmt wird, oder es sind  Nachbilder,  welche Folgen von den Bestimmungen der Dinge sind." (27)

    "Wir haben zweierlei Arten von Begriffen: solche, die durch die Gegenwart der Sache in uns entstehen können, oder diejenigen, wodurch der Verstand das Verhältnis dieser Begriffe zu den Gesetzen seines eigenen Denkens sich vorstellt. Zu den letzteren gehört der Begriff des Grundes, der Möglichkeit, des Daseins. Daher die Grundsätze über jene objektiv, die über diese subjektiv sind." (28)

    "Einige Begriffe sind von der Empfindung abstrahiert; andere bloß vom Gesetz des Verstandes, die abstrahierten Begriffe zu vergleichen, zu verbinden oder zu trennen. Der letzteren Ursprung liegt im Verstand, der ersteren im Sinn. Alle Begriffe solcher Art heißen reine Verstandesbegriffe." (29)
Wir sehen also, wie wir die "kopernikanische Drehung" zu verstehen haben. Indessen ist noch fraglich, ob die Systematisierung, die wir soeben vorgenommen haben und die hinsichtlich der Begriffe - nach all dem, was wir angeführt haben - über allen Zweifel erhaben ist, auch für unser spezielles Problem vom Ursprung der besonderen Anschauungsformen von Bedeutung ist. Hinsichtlich der Empfindung können wir mit Bestimmtheit sagen, wo sie hingehört: "Die  Qualität  der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a priori gar nicht vorgestellt werden (z. B. Farben, Geschmack usw." (30) Wenn wir aber an die Kr. d. r. V. mit folgender Frage herantreten: sind die besonderen Formen der anschaulichen Welt als Folgen der Differenziertheit der Dinge-ansich oder als selbständige Modifikationen des Raums anzusehen? so bekommen wir keine genügend klare Antwort. Die von uns zu Anfang angeführte Einschränkung: "die unermeßliche Mannigfaltigkeit der Erscheinungen" kann nicht "aus der reinen Form der sinnlichen Anschauung hinlänglich begriffen werden", gibt uns keinen genauen Aufschluß darüber, was unter dem Ausdruck "Mannigfaltigkeit" gemeint ist: versteht KANT darunter nur die Empfindung, oder auch die räumlichen Gestalten? Daß wir trotz der Wahrscheinlichkeit der letzten Deutung, Anlaß haben, daran zu zweifeln, wird sich bald zeigen. Der obige Satz enthält außerdem eine Einschränkung, die im Wort "hinlänglich" zum Ausdruck kommt. Sie läßt vermuten, daß KANT selbst unsere Frage nicht scharf genug ins Auge gefaßt und nicht genau bestimmt hat, was dem Ding-ansich und was der reinen Form als modifizierender Tätigkeit zuzuschreiben ist.

Zu diesen Vermutungen gibt folgende Äußerung KANTs Anlaß:
    "Es sind nur zwei Fälle möglich" - heißt es - "unter denen synthetische Vorstellungen und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich aufeinander notwendigerweise beziehen und gleichsam einander begegnen können. Entweder, wenn der Gegenstand die Vorstellung oder diese den Gegenstand allein möglich macht. Ist das Erstere, so ist diese Beziehung nur empirisch, und die Vorstellung ist niemals a priori möglich. Und dies ist der Fall mit Erscheinungen in Anbetracht dessen, was an ihnen zur Empfindung gehört." (31) Hier tritt die Systematisierung der Erfahrungselemente nach ihrem Ursprung klar zutage. Es wird ausdrücklich betont, daß in Anbetracht der Empfindung der Gegenstand die Vorstellung möglich macht. Wir wissen aber, wie eng der Begriff der Empfindung bei KANT gefaßt ist; dazu gehört wohl alles, was LOCKE sekundäre Qualitäten genannt hat. Ob aber unter diesen Begriff auch die räumlichen Modifikationen der empirischen Anschauung mitzuzählen sind, dafür läßt sich in der ganzen Kritik kein Beleg finden. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Die Gestalt wird als etwas Apriorisches der aposteriorischen Empfindung entgegengestellt:

    "Wenn ich von der Vorstellung eines Körpers das ... was davon zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw. absondere, so bleibt mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori auch ohne wirklichen Gegenstand ... als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüt stattfindet." (32)
Ist aber diese genetische Definition der Gestalt richtig, so taucht die Schwierigkeit von Neuem auf. Denn wenn die Gestalten reinen Anschauungen sind, so müßte gezeigt werden, wie sie vom Raum, als allgemeinster Form der äußeren Sinnlichkeit, abgeleitet werden können. Zeigt sich aber, daß dies unmöglich ist, so ist dies nicht eine Lücke, sondern ein Beweis für die Aposteriorität der räumlichen Mannigfaltigkeit, denn der Beweis für die Apriorität der Formen, der Sinnlichkeit wurde und konnte nur für Raum und Zeit geliefert werden, nicht aber für die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit ihrer figürlichen Entfaltung. Es scheint jedoch, daß KANTs schwankende Stellung zur Bestimmung des Ursprungs der Gestalt darauf zurückzuführen ist, daß ihm die geometrischen Konstruktionen vorgeschwebt haben, diese sind wirklich a priori; nicht aber konnte er dies von der Gestalt der konkreten Dinge behaupten. Wir haben allen Grund, nach der Art, wie sich KANT die Dinge-ansich gedacht haben muß, anzunehmen, daß er die Mannigfaltigkeit der räumlichen Gestalten der empirischen Anschauung, in derselben Weise wie dasjenige, was er zur Empfindung zählt, den bestimmenden Gründen an den Dingen-ansich zugeschrieben haben muß und nicht etwa der schöpferischen Tätigkeit der apriorischen Formen der Sinnlichkeit. (33)

Die weitere Frage, ob KANT mit diesem Zugeständnis dem Resultat der transzendentalen Ästhetik Abbruch tut, scheint mir, sofern es nur die Gestalt der Erscheinung betrifft, verneinend beantwortet werden zu können. Wir können zwar die besonderen Figuren der Erscheinungen nicht nach unserem Gefallen gestalten, wir müssen vielmehr abwarten, in welcher Weise das von uns völlig unabhängige Ding ansich uns affizieren und die determinierte Figur uns darbieten wird; wir können aber trotzdem von dieser Erscheinung "vieles a priori aussagen", weil die allgemeine Form, nämlich der Raum, in dem allein sie erscheinen kann, eine apriorische subjektive Form ist, somit auch für die besondere Erscheinung seine Eigenschaften bewahrt, sie gleichsam in seine Form hineinzwingt und ihr dieselbe aufdrängt. Infolgedessen wird jede Erscheinung trotz der Besonderheit ihrer Gestalt dieser allgemeinen Form des Raumes entsprechen müssen. Sie wird dreidimensional sein und alle Axiome der Geometrie, die vom Raum überhaupt gelten, werden sich auch an ihr bewahrheiten; und wenn sie derart gestaltet ist, daß ihre Figur sich auf eine mathematische Formel bringen läßt, so werden all die Regeln von ihr ausgesagt werden können, die von einer entsprechend konstruierten Figur der Geometrie gelten. Denn es ist ein und derselbe Raum, mit dem wir in der Geometrie operieren, und in den sich die Erscheinungen kleiden müssen; beide Male ist er nur die Form der äußeren Sinnlichkeit.

Ganz anders steht es mit der Frage nach dem Ursprung der Bewegung. Die Beantwortung dieser Frage kann für die KANTs Erkenntnistheorie nicht gleichgültig sein. Die Bewegung der Erscheinungen läßt sich ebenfalls nicht aus der Form des Raumes ableiten, sondern muß auf bestimmende Gründe in den Dingen-ansich zurückgeführt werden, und zwar so, daß für jede Bewegung ein besonders bestimmter "Zustand" - ich muß mich in Ermangelung eines entsprechenderen, dieses phänomorphen Ausdrucks bedienen - im Ding ansich vorauszusetzen sein wird. Abgesehen davon, daß dies bei der Zeitlosigkeit und Unveränderlichkeit der Dinge-ansich nicht gut denkbar ist (was aber schließlich auf die Beschränktheit und Einseitigkeit unseres Erkenntnisvermögens zurückgeführt werden könnte), so taucht doch die Frage auf, wie kommt es, daß die Verhältnisse, die durch diese determinierte Bewegung unter den Erscheinungen geschaffen werden, mit unserer Erkenntnis dieser Verhältnisse übereinstimmen? Hiermit jedoch kommen wir auf das Problem der empirischen Gesetze, das erst bei der Untersuchung der Tragweite der Apriorität der Kategorien erörtert werden kann.

Wir wollen also folgendes feststellen:
    1. Der Mangel einer Deduktion des Inhaltes der Anschauung in KANTs kritischem Werk ist nicht, wie SCHOPENHAUER meint, eine Folge der vermeintlichen Verwirrung von Anschauung und Denken. Vielmehr hat die Beschaffenheit dieses Inhaltes es nicht gestattet, eine derartige Deduktion in eine Kritik der reinen Vernunft aufzunehmen. Daß es aber trotzdem wünschenswert wäre, daß KANT sich deutlicher über den Charakter des ungeordneten Materials ausgesprochen ätte, unterliegt keinem Zweifel.

    2. Die Tatsache der Aposteriorität des Mannigfaltigen der empirischen Anschauung, dem die Gestalt einzuordnen ist, schränkt die Tragweite der "kopernikanischen Drehung" zwar auf ihr richtiges Maß ein, widerlegt sie aber nicht.

    3. Das Resultat der transzendentalen Ästhetik wird durch die festgestellte Beschaffenheit des Mannigfaltigen, sofern Empfindung und Gestalt in Betracht kommen, nicht beeinträchtigt. Hingegen bietet der Begriff der Bewegung Schwierigkeiten, die aber die Ästhetik nicht antasten, denn sie gehören zum Problem der Möglichkeit empirischer Gesetze.
Es sei noch hervorgehoben, daß ähnlich wie SCHOPENHAUER auch LOTZE eine Ableitung der Mannigfaltigkeit vermißt. Er zieht aber daraus die entgegengesetzte Konsequenz. Er meint:
    "Die Unzulänglichkeit dieser Ansicht lag darin, daß sie dem Geist zwar die Anschauung des Raums als angeborenen Besitz zuschrieb, aber nicht versuchte, die Benutzung dieses Besitzes zu erklären. Wir haben nicht nur eine Anschauung des leeren Raumes, sondern eine räumliche Anschauung der inhaltvollen Welt, und es war nachzuweisen, wie in jener leeren Form, die wir dem Wirklichen der Erfahrung entgegenbringen, dieses Wirkliche seine bestimmten Plätze ein- und seine bestimmten Gestalten annimmt. Die Lösung dieser Aufgabe war unmöglich ohne die Voraussetzung, daß zwischen den Dingen selbst mannigfache Beziehungen bestehen, deren eigentümliche Unterschiede und Bedeutungen sich durch entsprechende Formen räumlicher Beziehungen abbilden oder in die Sprache des Raumes übersetzen lassen." (34)
Noch deutlicher heißt es an anderer Stelle:
    "Es ist ganz unzulässig, sowie namentlich die populären Darstellungen aus seiner [Kants] Schule förmlich in diesen Gedanken schwelgten, die Dinge ansich als völlig fremdartig den Formen zu fassen, in denen sie uns doch erscheinen sollen; für die bestimmten Orte, Gestalten und Bewegungen, welche wir die Erscheinungen im Raum einnehmen, behaupten oder ausführen sehen, ohne sie nach unserem Gefallen ändern zu können, muß es Bestimmungsgründe im Reich der Dinge-ansich geben." (35)
Ebenso erblicken LAAS und BERGMANN in diesem Umstand eine Schwierigkeit für die Erkenntnistheorie KANTs. BERGMANN meint:
    "Man kann nur annehmen, daß die bestimmte räumliche und zeitliche Verbindung, in welcher der Verstand die Impressionen vorfindet ihm keine Wahl läßt, in welcher Ordnung er sie zusammenfassen will, damit sie der Forderung einer durchgängigen Regelung entsprechen." (36)
Ähnlich schon vorher LAAS:
    "Wie groß in Wirklichkeit Raum- und Zeitlängen, wie intensiv Qualitäten angesetzt werden müssen, das ist doch wohl auch eine Frage, welche Objektivität und gesetzlich geordnete Erfahrung angeht, ebenso angeht, wie die, welches die objektive Abfolge der Erscheinungen ist. Dieselbe wird in der Theorie der Bedingungen der Erfahrung nirgends erörtert. Mag sein, daß diese Bedingungen, kantisch geredet, a posteriori sind und das materiale betreffen: aber so ist ja wohl auch sofort deutlich, daß ohne Mitberücksichtigung dieser Seite der Erfahrung diese nicht aufzubauen war. Hätte KANT auf sie eingehender acht gehabt, so wäre es ihm vielleicht doch rationaler erschienen, aus den Materialien die Formen zu deduzieren." (37)
Aber die angeführten Denker verquicken das Problem der Mannigfaltigkeit mit der Frage der Synthesis dieser Mannigfaltigkeit, Fragen, die wie wir gesehen haben, getrennt behandelt werden müssen.
LITERATUR - Simon Brysz, Das Ding ansich und die empirische Anschauung in Kants Philosophie, Halle a. d. Saale 1913
    Anmerkungen
    1) Kr. d. r. V., A - Seite 393.
    2) Ob wirklich durch die bloße Tatsache, daß der allgemeine Raum und die allgemeine Zeit in dem Sinne a priori sind, daß ohne sie gar keine Anschauung möglich wäre, auch diejenige Apriorität, durch welche sie apodiktisch gültige Sätze möglich machen, gesichert ist, soll als zu unserer Frage nicht gehörig, nicht untersucht werden.
    3) Kr. d. r. V., Seite 34
    4) Kr. d. r. V., A - Seite 374
    5) Kr. d. r. V., A - Seite 120
    6) vgl. Kr. d. r. V., Seite 136 Anm. und 161 Anm.
    7) vgl. Kr. d. r. V., A - Seite 100
    8) Kr. d. r. V., A - Seite 120. Man denke hier an die CONDILLAC'sche Fiktion. Daß HOBBES mit seiner Behauptung, daß zur Wahrnehmung Gedächtnis gehört, dieser Entdeckung KANTs keineswegs vorgegriffen hat (vgl. dagegen RIEHL, Kritizismus I, Seite 508 Anm.), geht daraus hervor, daß KANT hier von der produktiven Einbildungskraft redet, HOBBES aber nur die reproduktive des Gedächtnisses gekannt hat. Niemand vor KANT hat es gesehen, daß die Sinne nicht verbinden (auch nicht die sinnlichen Elemente), und darin besteht seine bedeutsame Entdeckung. Man vgl. auch Kr. d. r. V., Seite 152, wo der Unterschied zwischen der produktiven und der reproduktiven Einbildungskraft ganz scharf hervorgehoben ist.
    9) Kr. d. r. V., A - Seite 127
    10) SCHOPENHAUER, Werke I, Ausgabe GRIESEBACH, Seite 549
    11) SCHOPENHAUER, ebd. Seite 551
    12) siehe Vorrede 1, III. Vgl. auch RIEHL, a. a. O., Seite 503f
    13) SCHOPENHAUER, a. a. O., Seite 446
    14) Kr. d. r. V., Seite 166
    15) Kr. d. r. V. Seite 120. Vgl. auch Prolegomena § 40 Anfang: "Reine Mathematik und reine Naturwissenschaft hätten zum Zweck ihrer eigenen Sicherheit und Gewißheit keiner derartigen Deduktion bedurft ..."
    16) Vorrede 2, Seite XVII
    17) Diese Mißdeutung, deren Grund viel tiefer liegen mag als in einer oberflächlichen Interpretation, war einer der bedeutendsten Faktoren zur Ausbildung des nachkantischen Idealismus.
    18) Vorrede 2, Seite XIIf
    19) Diese Frage ist etwas mißverständlich ausgedrückt und ist nicht identisch mit der Frage nach der "Beziehung auf den Gegenstand" in der Analytik, die erläutert wird durch folgenden Satz: "Wie kommen wir dazu, daß wir ... Vorstellungen, ein Objekt setzen, oder über ihre subjektive Realität ... ihnen noch ... eine objektive beilegen" (Kr. d. r. V. Seite 242). Hier handelt es sich hauptsächlich um die  Übereinstimmung  der Erkenntnis mit ihrem Gegenstand, die Beziehungsfrage ist zwar darin mit enthalten, sie ist jedoch Nebensache.
    20) Brief an Marcus Herz vom 21.2. 1772
    21) Vorrede 2, Seite XVIf
    22) Prolegomena
    23) Daselbst.
    24) Werke IV, HARTENSTEIN, Seite 57
    25) Kr. d. r. V., Seite 508
    26) Kr. d. r. V., Seite 118f
    27) Reflexion, a. a. O., Nr. 966
    28) Reflexion, a. a. O., Nr. 536
    29) Reflexionen, a. a. O., Nr. 513
    30) Kr. d. r. V., Seite 217
    31) Kr. d. r. V., Seite 124f
    32) Kr. d. r. V., Seite 35
    33) Man vgl. Reflexion Nr. 658. "Die Figur ist  Qualität,  darin lassen sich noch Räume unterscheiden."
    34) LOTZE, Mikrokosmus, zweite Auflage, Seite 496
    35) LOTZE, Metaphysik, zweite Auflage, Seite 202
    36) JULIUS BERGMANN, Sein und Erkennen, Seite 91. Man vgl. auch "Geschichte der Philosophie II", Seite 63
    37) ERNST LAAS, Idealismus und Positivismus III, Seite 483