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FRIEDRICH EDUARD BENEKE
Kant und die
philosophische Aufgabe unserer Zeit

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"Infolge besonderer Konjunkturen kann eine falsche Gedankenverknüpfung für einen gewissen Zeitraum sich aller Geister so bemächtigt haben, daß sie jeden Versuch zu ihrer Prüfung sogleich herrisch unterdrückt; und die Geschichte der Wissenschaften zeigt der Beispiele nur zu viele, daß ganz unbegründete Behauptungen Jahrzehnte, ja Jahrhunderte lang allgemein als unerschütterliche Wahrheiten gepriesen worden sind."

Einleitung

Für die philosophische Wahrheit, wie im Grunde für jede andere, gibt es  äußerlich  nur  ein  Kriterium: die  allgemeine Einstimmung,  die Evidenz, mit der sie  jeden zwingt  zu ihrer Anerkennung, welcher sie, bei angemessener Vorbildung, unparteiisch prüfend in sich nachkonstruiert. Es kommt also nur darauf an, eine allgemeine unparteiische Prüfung für eine neue Lehre zu erhalten: und wir werden eines vollgültigen Urteils über dieselbe gewiß sein können. Freilich wird hierzu die Beistimmung der denkenden Köpfe einer bestimmten Zeit, eines einzelnen Volkes noch nicht genügen: denn infolge besonderer Konjunkturen kann eine falsche Gedankenverknüpfung für einen gewissen Zeitraum so aller Geister sich bemächtigt haben, daß sie jeden Versuch zu ihrer Prüfung sogleich herrisch unterdrückt; und die Geschichte der Wissenschaften zeigt der Beispiele nur zu viele, daß ganz unbegründete Behauptungen Jahrzehnte, ja Jahrhunderte lang allgemein als unerschütterliche Wahrheiten gepriesen worden sind. Aber die Zukunft hat, als höhere Instanz, diesen Urteilsspruch vernichtet, hat das Prunkende von seiner angemaßten Höhe herabgestürzt und in seiner Ärmlichkeit hingestellt, so wie auch auf der anderen Seite nicht selten dem ungerecht Zurückgesetzten und Verachteten einen Thron der Ehre bereitet.

Wenn je ein philosophischer Forscher, so war gewiß KANT fest überzeugt, daß seine Ansichten auf die soeben bezeichnete Art sich bewähren würden. Mit den stärksten Ausdrücken spricht er wiederholt in seinen Schriften das Vertrauen aus, daß durch seine Kritik für alle Zukunft die Grenzen des menschlichen Erkennens unveränderlich festgestellt, dem ebenso verderblichen als anstößigen Wechsel der philosophischen Systeme für immer ein Ende gemacht und so die Philosophen würden in den Stand gesetzt werden, einstimmig und ohne wieder von Neuem den Grund ihres Gebäudes einzureißen, auf dem einmal unerschütterlich gelegten Grund fest und für alle menschlichen Verhältnisse heilbringend fortzubauen. "Es kann, wie mich dünkt (sagt er in der Vorrede zur  ersten  Ausgabe seiner "Kritik der reinen Vernunft") dem Leser zu nicht geringer Anlockung dienen, seine Bemühungen mit der des Verfassers zu vereinigen, wenn er die Aussicht hat, ein großes und wichtiges Werk nach dem vorgelegten Entwurf  ganz  und doch dauerhaft zu vollführen. Nun ist Metaphysik, nach den Begriffen, die wir hier davon geben werden, die einzige aller Wissenschaften, die sich eine solche  Vollendung  - und zwar in kurzer Zeit - und mit nur weniger, aber vereinigter Bemühung, versprechen darf, so daß  nichts für die Nachkommenschaft übrig bleibt,  als in der didaktischen Manier Alles nach ihren Absichten einzurichten,  ohne darum den Inhalt im mindesten vermehren zu können." (1)

Wir fragen: ist dem kantischen System jene  unparteiische Prüfung  zuteil geworden? - Nachdem dasselbe eine kurze Zeit hindurch wenig beachtet worden war, sehen wir es von einer großen Anzahl talentvoller Denker mit einem vielleicht nur zu rauschenden Jubel empfangen; und wenn auch dieser bald verhallte oder vielmehr allmählich in entgegengesetzte Tonweisen überging, so hat es doch bis in die neuesten Zeiten bei uns und bei allen philosophisch gebildeten Völkern nicht an solchen gefehlt, welche dieses System, ohne irgend dagegen eingenommen zu sein, ja mit augenscheinlicher Vorliebe zum Gegenstand ihres angestrengten Studiumgs gemacht haben. Wohlan denn: hat es jenen Zwang ausgeübt, hat es die  allgemeine Einstimmung  wirklich erworben? - KANT wollte dem Wechsel der Systeme für immer ein Ende machen. Aber nie sind dieselben einander schneller, ja mit einer so Schwindel erregenden Eile gefolgt, als gerade in den letzten vier Jahrzehnten; nie hat eine größere Anzahl von verschiedenen, ja zum Teil im vollsten Gegensatz stehenden Systemen nebeneinander überzeugte Anhänger und leidenschaftliche Verteidiger gefunden. KANT wollte die Schranken des menschlichen Erkennens für alle Zukunft unveränderlich feststellen; und man kann in der Tat fragen, in welchem nur einigermaßen aufgeklärten Zeitalter diese nach allen Seiten hin und leichtsinniger von den Philosophen überschritten worden seien, als seit dem Erscheinen der Kritik der reinen Vernunft? Und was die Verwunderung zur höchsten Spitze steigern muß: alle diese, im vollsten Gegensatz mit der Grundtendenz des kantischen stehenden Systeme haben sich für dessen wahre und echte Nachfolger ausgegeben, haben nichts weiter tun wollen, als auf dem Grund fortbauen, welcher von KANT gelegt war und haben wirklich das von ihm besessene Szepter und Reich, wenn auch freilich an Untertanen sehr vermindert, in direkter Linie unter sich bis zum neuesten Systemstifter fortgepflanzt.

Es ist also keinem Zweifel unterworfen, daß das kantische System sich als  ungeeignet  erwiesen habe, durch den Zwang zur Einstimmung als allgemeingültiges sich zu bewähren. Woher aber dieses - bei der genialen Kraft, bei der Besonnenheit und Umsicht, mit welcher KANT an sein großes Unternehmen gegangen ist? - Die Beantwortung dieser Frage ist zugleich vom höchsten  praktischen  Interesse. Was KANT erstrebte, den Streit und Wechsel der Systeme für immer zu beenden und unveränderlich die philosophische Erkenntnis zu begründen, das erstrebte von jeher jeder wahre philosophische Forscher und das soll jeder philosophische Forscher auch in Zukunft erstreben. Ist es also nicht von der höchsten Wichtigkeit, uns Rechenschaft abzulegen über die Ursachen dieses so ungünstigen und unerwarteten Erfolges, damit wir bei unseren eigenen Bestrebungen vermeiden können, was das mit so vieler Zuversicht des Gelingens angefangene kantische Unternehmen vereitelt hat? - Gewiß, allein unter dieser Bedingung dürfen wir von unserer eigenen Tätigkeit einen günstigeren Erfolg hoffen.

Freilich wird gerade jetzt wieder mehr als jemals diese Hoffnung von fast allen denjenigen, welche nicht einem besonderen philosophischen System zugetan sind, als eine törichte belächelt. Mehr als jemals hört man wieder behaupten, die Philosophie werde und müsse nun einmal immer der Hut sein, welchen jede Zeit und jedes Volk nach seinem Geschmack zustutze. Es sei keine Rettung für dieselbe aus der kreisenden Bewegung, welche immer wieder von Neuem nach unten kehre, was oben gewesen sei und umgekehrt; weshalb man denn auch dem Studium der Philosophie höchstens einen  formellen  Wert beilegen könne, als Übung der Kräfte, als geistige Gymnastik, aber keineswegs in Hinsicht ihres Inhaltes oder in Hinsicht der Erkenntnisse, welche wir durch sie gewönnen. Diese Ansichten sind jetzt bei uns so allgemein verbreitet, daß sogar das Fortgehen dieser Schwankungen der Philosophie ins Unendlich von mehreren unter unseren philosophischen Denkern als notwendig deduziert worden ist. Und in der Tat, darf man jemandem diese Ansicht verargen, wenn er einen Blick tut auf unsere nächste Vergangenheit: wo von jedem neuen System das Ende der philosophischen Irrfahrten versprochen und dann doch dem neuen System das neuere und diesem wieder das neueste gefolgt ist: so oft, daß wahrlich eine mehr als kindlich gutmütige Leichtgläubigkeit dazu gehörte, auch jetzt noch dergleichen Versprechungen Glauben zu schenken. Überdies haben wir das beneidenswerte Beispiel der Naturwissenschaften vor uns, wo das einmal gewonnene Kapital, ohne Verminderung und indem ihm täglich ein neuer Gewinn zuwächst, von einem Forscher auf den anderen übertragen wird: wo jede Entdeckung sogleich von einem Ende der gebildeten Welt bis zum anderen verkündigt wird und so schon nach wenigen Monaten vielleicht hundert Meilen von ihrem Geburtsort selbst wieder befruchtend wirkt für die Erwerbung einer höheren Erkenntnis oder für eine Wohlstand und Freude verbreitende Anwendung auf das Leben.

Bei genauerer Betrachtung aber werden wir gerade aus dieser, auf den ersten Blick so demütigenden Vergleichung Hoffnung schöpfen können, daß die Philosophie dennoch zu einer allgemein gültigen und allgemein anerkannten Wissenschaft sich ausbilden werde. Man blicke zurück auf die ferner liegende Vergangenheit. Was war die bewährteste unter den Naturwissenschaften, die Astronomie, vor KOPERNIKUS und KEPLER? Was anders, als ein System von Vermutungen und Träumereien, dem andere Systeme von Vermutungen und Träumereien zur Seite standen und folgten, von denen sich keines als das alleingültige bewähren konnte und zwischen welchen als der zweifelnde Beobachter gerade ebenso ungewiß hin und her schwanken mußte, wie jetzt zwischen unseren philosophischen Systemen. Oder will man Beispiele aus neueren Zeiten: so betrachte man die Physik noch vor zwei Jahrhunderten, die Chemie vor der Austreibung des Phlogistons und der Entdeckung der einfachen Luftarten. Hat man nicht ebenso hierhin und dorthin und unzählige Male falsch gegriffen? hat man nicht ebenso vom Stein der Weisen und vom Goldmachen gedichtet und geschwärmt, wie man jetzt leider noch von  einem  höchsten Prinzip der Philosophie und einer Ableitung alles Seienden aus dem absolut Leeren oder dem Nichts dichtet und schwärmt? - Und dennoch sind Physik und Chemie jetzt fest begründete Wissenschaften, über deren weiteren Ausbau man allerdings hier und dort uneinig sein kann, bei denen aber niemand daran denkt, daß es nötig sein könnte, den Grund wieder aufzureißen und von Neuem zu legen. Es zeugt also von Kurzsichtigkeit, wenn man in Hinsicht der Entwicklung der Philosophie ohne weiteres von dem, was  geschehen  ist, auf dasjenige schließen will, was  in alle Zukunft geschehen werde.  Die Natur der menschlichen Erkenntnis bringt es mit sich, daß sie zur Wahrheit erst durch den Irrtum gelangen kann und daß dem Erkennen ein Raten und Schwärmen vorangehen muß. Nicht anders war es auch in den jetzt zu allgemeiner Anerkennung ausgebildeten Wissenschaften. Aber jede Wissenschaft hat ihre Zeit, wo sie aus diesem Zustand des Schwankens in den der Stetigkeit übergeht. Infolge der Klarheit und Bestimmtheit, so wie der Beschränktheit des zu verarbeitenden Erkenntnisstoffes, mußte dieser Übergang am frühesten für die Mathematik eintreten; für die Astronomie um ein Jahrhundert früher, als für die Physik, welcher dann erst nach einer neuen Zwischenzeit die Chemie folgen konnte. Und wenn sich nun auch allerdings in der Natur des zu verarbeitenden Stoffes und in den Entwicklungsverhältnissen manche Gründe aufzeigen lassen, weshalb die Philosophie die  letzte  von allen sein mußte: so möchte doch schwerlich bewiesen werden können, daß dieselbe nie die Gestaltung erhalten werden, wodurch sie erst eigentlich eine  Wissenschaft  werden, ja erst dasjenige erreichen wird, was wir für die gemeinste Erkenntnis unnachläßlich in Anspruch nehmen.

Die Gewinnung des Zieles also, welches KANT vergebens erstrebte, ist keineswegs unmöglich und eine klare Rechenschaft über die Fehler, durch welche dieser sich dieselbe versperrt hat, wird für unsere eigenen Forschungen überaus fruchtbar werden können. Für diese Rechenschaft aber scheint gerade jetzt die angemessene Zeit gekommen zu sein. Ein  halbes Jahrhundert  ist in diesem Jahr verflossen, seitdem die "Kritik der reinen Vernunft" zuerst an das Licht trat. Die leidenschaftliche Aufregung der Geister dafür und dagegen ist verstummt. Auf der einen seite haben KANTs Ansichten eine weit verbreiteet und ehrenvolle Anerkennung, selbst im Ausland, gefunden; auf der anderen gibt es vielleicht keinen einzigen reinen Kantianer mehr. Vielfache Anwendungen hat man von seinen Prinzipien auf die übrigen Wissenschaften und auf das Leben gemacht; eine große Anzahl anderer Systeme sind daraus hervorgegangen und es scheint also in jeder Beziehung jetzt eine vorurteilsfreie und tiefer dringende Würdigung desselben, sowohl an und aus sich selber, als nach seinen Früchten, möglich geworden zu sein.

Die Aufgabe zu einer solchen Prüfung ist aber umso dringender, da, infolge der Herrschaft der kantischen und der aus diesen hervorgegangenen Philosopheme, eine völlige Spaltung eingetreten ist in Hinsicht der philosophischen Forschungen zwischen uns und allen anderen Völkern. Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts sehen wir alle Völker, wie in den übrigen Wissenschaften, so auch hier miteinander arbeiten. Was LOCKE und BERKELEY, was SHAFTESBURY, HUTCHESON, ADAM SMITH und HUME in England, was BONNET und CONDILLAC in Frankreich geleistet, ist sogleich auch in Deutschland zu einem lebendigen Keim und die Grundsätze von LEIBNIZ und WOLFF in anderen Ländern mit Achtung aufgenommen und weiter verarbeitet worden. Auch jetzt noch findet sich das gleiche Verhältnis zwischen den übrigen philosophisch gebildeten Völkern. Die Lehren der Schottischen Schule stehen in Frankreich und in Italien in großem Ansehen; die Schriften von LAROMIGUIERE, TRACY und COUSIN kennt und prüft man in Italien und in England und die neuesten italienischen philosophischen Schriftsteller werden in Frankreich mit Achtung genannt.  Nur wir Deutsche  sind ausgeschieden aus diesem Verband und wie durch unübersteigliche Schranken von allen übrigen Völkern getrennt. Während  wir  diese (wunderlich genug, wenn wir auf ihre früheren Leistungen und besonders auf die der englischen Philosophen zurückblicken) für von allem wahren philosophischen Geist entblößt erklären, betrachten sie uns als Schwärmer: als in dem Maße von gestaltlosen Nebelgebilden und zugleich von bemitleidenswertem Dünkel befangen, daß wir kaum dann und wann einen trüben Blick auf die wirkliche Welt hier unten zu tun imstande seien und vor deren Geisteserzeugnissen daher jeder sich hüten müsse, welcher als Mensch mit Menschen leben und über ihre Natur und Verhältnisse klare Begriffe und Urteile bilden wolle. Haben  Einzelne  über diese verdammenden Aussprüche und die durch dieselben gezogenen Schranken sich hinweggesetzt, so sind sie eben  einzeln  geblieben; und so wie bei anderen Völkern von unseren Systemen gar nicht oder nur mit Verachtung geredet wird, so sind bei uns, die wir in anderen Beziehungen mit Recht den Ruhm behaupten, die Großhändler der Gelehrsamkeit zu sein, seit drei Jahrzehnten nur dunkle und unbestimmte Gerüchte umhergegangen von demjenigen, was von ausländischen Forschern für die Philosophie geleistet worden ist. Wie schnell wir auch fremde naturwissenschaftliche Entdeckungen auf unseren Boden verpflanzen, wie rein und lebendig aufregend auch die Lyra anderer Völker zu uns herüberklingt: seit zwanzig, vielleicht seit dreißig Jahren ist fast keine Übertragung, ja keine ausführliche Beurteilung eines ausländischen philosophischen Werkes bei uns erschienen. Umso ungestörter können wir ja in süßer Selbstbespiegelung und Selbstgefälligkeit mit unseren Formeln spielen!

Es liegt am Tage, daß dieses Verhältnis dem Fortschreiten und dem Ansehen der Philosophie eben nicht förderlich sein kann. Schon blicken Naturforscher, Geschäftsmänner, kurz alle, die mit dem Leben in unmittelbarem Verkehr stehen, mit Verachtung auf die Wissenschaft, in welcher sie, wäre das Verhältnis das richtige, den tiefsten Aufschluß für alles dasjenige suchen und finden sollten, was den ernster Denkenden unter ihnen zum Problem werden kann. Und wir können ihnen nicht Unrecht geben. Denn ist es nicht die Grundbedingung für alle Philosophie, daß sie dasjenige bestimmter auspräge und klar hinstelle, was die Natur und das Leben uns schwankend, verworren und unklar geben? Wie also dürfen wir es jenen verargen, wenn sie sich verachtend von einer Lehre abwenden, welche die angestrengtesten Bemühungen höchstens mit einem gewissen eitlen Ruhm, daß man begreife, was andere nicht begreifen, sonst aber nur mit noch größerer Unklarheit und mit Besorgnis erregender Verwirrung der Begriffe lohnt? Und wie lange wird jener Ruhm noch Stich halten? In Frankreich und England mag man allenfalls noch glauben, ganz Deutschland treibe nichts als Metaphysik (2); auch mögen die paar Dutzend Köpfe, welche hier und dort eine Schule bilden, indem sie nichts anderes als ihre eigenen Schriften und einander lesen, immerhin sich einbilden, daß die ganze Welt nur mit ihnen beschäftigt sei. Aber der unbefangene Beobachter wird sich nicht täuschen. Die Aktien der Philosophie stehen bei uns jetzt niedriger, als irgendwo anders und es ist mehr als je, wenn nicht bald ein  deus ex machina  [Gott aus der Maschine - wp] erscheint, ein völliger Bankrott zu befürchten. Seit zwanzig Jahren schon hat keine ausschließlich für Philosophie bestimmte Zeitschrift über die ersten Hefte hinaus ihr Leben fristen können; fast nie erscheint in einer anderen Zeitschrift eine philosophische Abhandlung und ist es ja gelungen, noch einmal hier oder dort etwas dergleichen einzuschwärzen, so wird es ungelesen zur Seite gelegt. In philosophischen Werken (deren Zahl sich immer mehr und mehr vermindert) werden höchstens die Schriften derjenigen Schulen angeführt, zu welcher der Verfasser gehört; alles andere ist für diesen nicht da; und schon ist es so weit gekommen, daß gar keine Polemik mehr möglich ist zwischen den einander entgegenstehenden Parteien. Jeder gemeinsame Anknüpfungspunkt ist für dieselben verloren gegangen; was dem einen weiß ist, ist dem andern schwarz, von den ersten Grundbegriffen und Sätzen an; die Sprache der einen Schule ist der anderen absolut unverständlich und bald wird es dahin gekommen sein, daß jeder nur mit sich selber redet.

Es ist also höchste Zeit, daß wir endlich einmal zur Selbsterkenntnis kommen über das Unwesen, welches so lange schon bei uns mit dem Höchsten und Heiligsten getrieben wird unter dem Vorwand, das innere Wesen aller Dinge in seiner reinsten Wahrheit darzustellen. Wollen wir uns aber nicht der Gefahr aussetzen, daß das an der einen Stelle geheilte Geschwür an einer anderen unmso gefährlicher wieder aufbreche, so müssen wir unsere Kritik nicht auf eine der Tochter- odre Enkel-Philosophien, sondern auf die kantische Philosophie selber richten, um womöglich in dieser die Grundwurzel des Übels zu entdecken und den Strom, welcher Deutschland mit einer intellektuellen Barbarei zu überschwemmen droht, an der Quelle zu verstopfen. Wir werden daher in der ersten Abteilung unserer Betrachtungen die Grundtendenzen der Kantischen Kritik und die Ursachen ihres Mißlingens, in der zweiten den hierdurch bedingten Charakter der späteren deutschen Systeme in allgemeinen Umrissen darstellen, in der dritten endlich auf unsere Gegenwart und die von dieser aus zu erwartende Zukunft einige Blicke werfen.
LITERATUR - Friedrich Eduard Beneke, Kant und die philosophische Aufgabe unserer Zeit, eine Jubeldenkschrift auf die Kritik der reinen Vernunft, Berlin/Posen/Bromberg 1832
    Anmerkungen
    1) Seite XIII. Man vgl. auch die nächstfolgenden Seiten und, unter mehreren anderen Stellen, die "Prolegomena zu einer jeden (!) künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können", Seite 190
    2) Frau von Stael: "In Deutschland reicht der philosophische Geist viel weiter, als in irgend einem anderen Land; nichts hält ihn auf und selbst der Mangel an politischem Leben, wie nachteilig er auch der Masse ist, gibt den Denkern nur umso mehr Freiheit. Aber eine unermeßliche Kluft trennt die Geister der ersten und der zweiten Ordnung, weil für die Menschen, die sich nicht zur Höhe der umfassendsten Konzeptionen erheben, weder ein Interesse noch ein Gegenstand der Tätigkeit vorhanden ist.  Wer sich in Deutschland nicht mit dem Universum befaßt, hat nichts zu tun."