cr-2B. ErdmannK. F. StäudlinKantS. BryszE. FranzO. Ziegler    
 

JULIUS BAUMANN
Kant ein Skeptiker?

"Es gibt keine Gewißheit, ob die Sinneseindrücke vom Objekt entspringen oder durch ein schöpferisches Vermögen unseres Geistes hervorgebracht werden oder sich vom Urheber unseres Daseins ableiten oder sonst eine unbekannte Ursache haben. Realität ist nichts als eine lebhafte Vorstellung, verbunden mit einem gegenwärtigen Eindruck; sie beruth auf einem Glauben."

"Ursache und Substanz sind so nach  Kant  apriorische Begriffe, aber aus sich leer. Wo findet er aber reale Erkenntnis? Die Fähigkeit (Rezeptivität) Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt ihm Sinnlichkeit. Mittels der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben. Auf andere Weise als durch die Sinnlichkeit kann uns kein Gegenstand gegeben sein."

"Das Haus ist gar kein Ding ansich, sondern nur eine Erscheinung, d. h. Vorstellung, deren transzendentaler Gegenstand unbekannt ist. Denn wir haben es doch nur mit unseren Vorstellungen zu tun; wie die Dinge ansich (ohne Sinne sich auf unsere Vorstellungen, dadurch sie uns affizieren) sein mögen, ist gänzlich außer unserer Erkenntnissphäre. Aber auch wenn uns die Sinne etwas bloß vorstellen, wie es erscheint, so muß dieses Etwas doch ansich ein Ding und ein Gegenstand einer nichtsinnlichen Anschauung, d. h. des Verstandes sein, d. h. es muß eine Erkenntnis möglich sein, darin keine Sinnlichkeit angetroffen wird, und welche allein schlechthin objektive Realität hat, dadurch uns nämlich Gegenstände gegeben werden, wie sie sind, dahingegen der empirische Gebrauch unseres Verstandes Dinge nur erkennt, wie sie erscheinen."

"Was darf denn als sicher gewonnenes Gut betrachtet werden, wenn das Erworbene wieder verloren gehen kann? Wir sichert uns gegen die trostlose Besorgnis, daß aller Umfang unseres Wissens nur eine Täuschung ist und der Mensch nie weiter kommen kann, als zum Wechsel der Täuschung? Kritik ist der einzige allgemeine Gewinn aller wissenschaftlichen Untersuchung."

Wer ist ein Skeptiker? Ein Skeptiker ist MONTAIGNE.
    "Wie wollen wir beweisen, daß unsere Sinnesvorstellungen mit den Gegenständen übereinstimmen? Um diese Übereinstimmung zu konstatieren, müßten wir eine Kenntnis der Dinge unabhängig von den Sinnesvorstellungen haben, die wir nicht haben, und hätten wir sie etwa im Verstand, so würde sich wieder fragen lassen, woher uns das Wissen von der Richtigkeit des Verstandes kommt."
Ein Skeptiker ist BAYLE. Nach ihm ist die Vernunft stark im Aufzeigen des Falschen, schwach in der positiven Erkenntnis der Wahrheit. Nicht einmal das Dasein der Körperwelt ist beweisbar. Die sekundären Qualitäten (Farben, Töne usw.) sind nicht real; warum sollten es Bewegung und Ausdehnung mehr sein? Warum sollte etwas nicht ausgedehnt und bewegt erscheinen, ohne so etwas wirklich an sich zu haben? Wenn uns Gott in den sekundären Qualitäten täuschen kann und darf, warum nicht auch bei Ausdehnung und Bewegung?

HUME ist ein Skeptiker. Nach ihm kann man sich nichts denken, was man nicht vorher gefühlt (empfunden) hat, sei es durch den äußeren oder inneren Sinn. Ursache und Wirkung sind bloß die gewohnheitsmäßige Aufeinanderfolge von (Empfindungs-)Tatsachen, bloße Ideenassoziation. Auch die Substanz ist Ideenassoziation, nämlich die Sammlung mehrer Eigenschaften, die immer zusammen wahrgenommen werden. Ursache und Wirkung besagt eine Verknüpfung von Tatsachen; von jeder Tatsache ist das Gegenteil möglich und kann mit derselben Leichtigkeit vorgestellt werden, wie die Wirklichkeit selbst, z. B. die Sonne wird morgen aufgehen und sie wird nicht aufgehen. Eine Erkenntnis der Relation von Ursache und Wirkung ist somit durch Schlüsse  a priori  unerreichbar.  Adam  zum ersten Mal vor Wasser und Feuer gestellt, kann aus Flüssigkeit und Durchsichtigkeit, aus Wärme und Licht nicht ermessen, daß jenes ihn ersticken, dieses ihn verzehren kann. Ursache und Wirkung sind somit zwei Tatsachen, deren Verknüpfung ganz willkürlich ist, d. h. ohne Beobachtung würden wir nie sagen können, die und die Tatsachen werden die und die Folgen bewirken. Daß der Billardstab durch den Stoß die Billardkugel bewegt, mußte aus Erfahrung gelernt weren. Im Eindruck der Sinne ist nichts von einem inneren Band zwischen den Tatsachen vorhanden.  Ursache  ist somit eine Idee, welche sich aus der Wiederholung derselben Tatsachen als voraufgehend und nachfolgend bildet, sie entspringt aus Gewohnheit, d. h. aus der durch wiederholte Eindrücke entstandenen Neigung,  b  nach  a  zu erwarten.

Gibt es äußere Dinge? Der Geist hat nie etwas anderes präsent als seine Wahrnehmungen; die Erfahrung von einer Verknüpfung derselben mit Objekten kann er nicht machen. Eine solche Verknüpfung ist daher zweifelhaft. Es gibt keine Gewißheit, ob die Sinneseindrücke vom Objekt entspringen oder durch ein schöpferisches Vermögen unseres Geistes hervorgebracht werden oder sich vom Urheber unseres Daseins ableiten oder sonst eine unbekannte Ursache haben. Realität ist nichts als eine lebhafte Vorstellung, verbunden mit einem gegenwärtigen Eindruck; sie beruth auf einem Glauben.

Unsere Ideen reichen nicht weiter als unsere Erfahrungen; wir haben aber keine Erfahrung von göttlichen Attributen und Wirksamkeiten. Reale Ursache und Wirkung ist stets bloß eine Verknüpfung zweier sinnlicher Tatsachen. So kommt man also nie über das Sinnliche hinaus zum Übersinnlichen. Der Gedanke einer Nichtexistenz Gottes schließt keinen Widerspruch ein. Beständige Erfahrung lehrt uns die Naturgesetze. Soweit HUME.

Skeptiker sind AENESIDEMUS und seine Schule, in welchen der antike Skeptizismus gipfelt: Alles Wissen ist relativ, zeigt nie die Dinge-ansich, sondern in ihrer Bedingtheit durch die menschliche, bzw. tierische Organisation.

Praktisch folgten die antiken Skeptiker der Gewohnheit. Nach AENESIDEMUS behält die Aufeinanderfolge der Erscheinungen, was mit anderen zusammen, vor anderen, nach anderen war. Daraus lassen sich die für das Leben nützlichen Künste herleiten. So sehr sich die Schule die Bestreitung von Gottesbeweisen durch KARNEADES aneignete, so war ihnen, praktisch, Frömmigkeit ein Lebensgut.

Religiöse Wendung ist bei MONTAIGNE; die Offenbarung Gottes allein gibt uns Ruhe und Gewißheit.

Ebenso bei BAYLE: Nicht in der Vernunft, sondern in der Offenbarung und der Erleuchtung der Gnade kann Gewißheit gewonnen werden.

Nach HUME läßt sich ein Wunder nicht beweisen. Konstante Erfahrung lehrt uns die Naturgesetze; ein Wunder stände somit wie  eine  Erfahrung gegen Millionen, dadurch verliert es alle Glaubwürdigkeit, es ist stets glaubwürdiger, daß ein sogenanntes Wunder eine Täuschung war. Erfahrung ist die Quelle unserer Vernunft, in der Erfahrung zeigt sich keine Vergeltung, also haben wir auch keinen Grund sie anzunehmen. Erfahrung zeigt uns nur das Zusammensein von Leib und Seele, also bietet sie einen Grund gegen Unsterblichkeit. All das ist gegen eine Vernunftreligion gesagt; die positive Religion des Christentums gründet sich nach HUME nicht auf Vernunft, sondern auf den Glauben, d. h. auf ein fortwährendes Wunder in jedem Einzelnen, das ihn bestimmt, das anzunehmen, was der Gewohnheit und Erfahrung am meisten entgegen ist.

HUME will den Skeptizismus milde wenden: Man soll von demselben angeleitet werden, seine Unternehmung auf Gegestände zu richten, wie sie sich am besten für die engen Fähigkeiten des menschlichen Verstandes eignen. Kein Dogmatiker leugnet, daß es im Hinblick auf alles Wissen unlösbare Schwierigkeiten gibt, kein Skeptiker, daß wir trotz dieser Schwierigkeiten der absoluten Notwendigkeit unterworfen sind, zu denken, zu glauben, zu schließen und selbst häufig mit Sicherheit zuzustimmen. Der Skeptiker besteht aus Gewohnheit und Neigung mehr auf den Schwierigkeiten, der Dogmatiker aus denselben Gründen mehr auf ihrer Notwendigkeit.

Die Moral gründet HUME auf moralische Empfindungen, die teils unmittelbare Neigung, teils natürlicher Instinkt sind, wie  Liebe  zu den Kindern, Dankbarkeit gegen Wohltäter, Mitleid mit Unglücklichen, teils und überwiegend Empfindung von Verpflichtung, wenn wir die Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft ansehen, die ohne Gerechtigkeit, Treue usw. unmöglich erhalten werden kann. Alles, was zum Glück der Gesellschaft beiträgt, empfiehlt sich daher unserer Billigung und unserem guten Willen, auch ohne Beziehung auf unser Ich.

In der Moral läßt HUME seinen Skeptizismus zurücktreten, er meint bloß, man könne auf Augenblicke an seinen so einfachen Prinzipien irre werden.

Nach dieser Orientierung unter den Skeptikern wenden wir uns der Frage zu, ob KANT in seinem originalsten Werk, der "Kritik der reinen Vernunft" von 1781, ein Skeptiker ist.

In der Vorrede (Seite IX) erklärt KANT:
    "In dieser Art von Betrachtungen ist es auf keine Weise erlaubt, zu  meinen,  und alles, was darin einer Hypothese nur ähnlich sieht, ist verbotene Ware, - denn das kündigt eine jede Erkenntnis, die  a priori  feststehen soll, selbst an, daß sie für schlechthin notwendig gehalten sein will."
Was mit Notwendigkeit gemeinst ist, wird Seite 2 so deutlicher: "Solche allgemeine Erkenntnisse nun, die zugleich den Charakter der inneren Notwendigkeit haben", d. h. der sie denkt, denkt sie so und ist sich bewußt, sie gar nicht anders denken zu können (noch auch es nur zu wünschen). - Nach Seite 1 bearbeitet der Verstand den rohen Stoff der sinnlichen Empfindungen", mit beiden ist KANT zufrieden. Aber über die Erfahrung hinaus scheint ihm die Sache bedenklich. Seite 3:
    "Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den Boden der Erfahrung verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnisse, die man besitzt, ohne zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man nicht kennt, man sofort ein Gebäude errichten wird, ohne der Grundlagen derselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein, daß man also die Frage würde schon längst würde aufgeworfen haben, wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen  a priori  kommen kann, und welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen."
Allgemeine und notwendige Erkenntnisse und Grundsätze bieten sich dar, aber man kennt ihren Ursprung nicht.

Fest steht KANT, daß apriorische Begriffe und Grundsätze nicht aus der Erfahrung sein können; denn die gibt nie strenge Allgemeinheit, sondern nur komparative (bis jetzt oder in so und so vielen Fällen war es so), und gibt keine Notwendigkeit, d. h. Undenkbarkeit des Gegenteils, sondern nur Wirklichkeit. Das a priori, welches LEIBNIZ gegen LOCKE geltend machte, soll zwar nicht bezweifelt, aber in seiner Anwendung auf die Erfahrung beschränkt werden.

Es lag nahe (und war z. B. von CRUSIUS geschehen), solche Sätze für unmittelbar gewiß zu halten. Dagegen erklärt sich KANT Seite 233:
    "(Postulieren im Sinne wie: einen Satz für unmittelbar gewiß ohne Rechtfertigung oder Beweis auszugeben), wenn wir das bei synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein mögen, einräumen sollten, daß man ihnen ohne Deduktion auf das bloße Ansehen ihres eigenen Anspruchs den unbedingten Beifall anheften dürfte, so ist alle Kritik der Vernunft verloren, und da es an dreisten Anmaßungen fehlt, deren sich auch der gemeine Glaube, der aber kein Kreditiv ist, nicht weigert, so wird unser Verstand jedem Wahn offen stehen, ohne daß er seinen Beifall den Ansprüchen versagen kann, welche obgleich unberechtigtermaßen doch mit eben demselben Ton der Zuversicht als wirkliche Axiome zugelassen zu werden verlangen."
Ein (warnendes) Beispiel solchen Gebrauchs synthetischer (über die im Subjekt liegenden Merkmale hinausgehender) Sätze a priori gibt hier KANT nicht, es ist aber anzunehmen, daß ihm der Begriff der Ursache vorschwebt, der nach ihm synthetisch  a priori  ist, und doch nur in der Erfahrung gebraucht werden darf. Nach Seite 90 heißt  Ursache 
    "auf etwas  A  wird etwas ganz Verschiedenes,  B,  nach einer Regel gesetzt. - Es ist a priori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen enthalten sollten. Es ist deshalb a priori zweifelhaft, ob ein solcher Begriff nicht etwa ganz leer ist und überall unter den Erscheinungen keinen Gegenstand antrifft."

    Seite 171: "Denn daß eine Ursache möglich ist, welche den Zustand der Dinge verändert, d. h. sie zum Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes bestimmt, davon gibt uns der Verstand a priori gar keine Eröffnung."

    Seite 206-7: "Wie überhaupt etwas verändert werden kann, wie es möglich ist, daß auf einen Zustand in einem Zeitpunkt ein entgegengesetzter in einem anderen folgen kann, davon haben wir a priori nicht den mindesten Begriff."
Verstand ist KANT nur logisch, bei dem Satz  a ist b, b ist c,  sehe ich innerlich ein, daß  a  auch  c  ist, aber das innere Band zwischen Ursache und Wirkung sehe ich im reinen Denken nicht so (HUME).

Seite 221: "Aus einem Begriff  Substanz  oder  Kausalität  kann ich nie erkennen, daß so ein Ding möglich ist." Wie sehr das Logische (formallogische) hier waltet, ist augenfällig, denn daß  verschiedenartige  Substanzen aufeinander wirken sollten, wäre nach KANT ein schwieriger Gedanke.
    Seite 396: "Denn alle Schwierigkeiten, welche die Verbindung der denkenden Natur mit der Materie betreffen, entspringen ohne Ausnahme lediglich einer erschlichenen dualistischen Vorstellung, daß Materie als solche nicht Erscheinung, d. h. eine bloße Vorstellung des Gemüts, der ein unbekannter Gegenstand entspricht, sondern der Gegenstand ansich sei, wie er außerhalb von uns und unabhängig von aller Sinnlichkeit existiert."

    Seite 494: "Die nichtsinnliche Ursache der Vorstellungen ist uns unbekannt, und diese können wir daher nicht als Objekt anschauen."

    Seite 635: "Wie ich von etwas, das da ist, zu etwas ganz davon Verschiedenem (genannt Ursache) übergehen kann, bleibt ohne mögliche Erfahung ohne alle Rechtfertigung."

    Seite 636: "Der Grundsatz der Kausalität, der nur innerhalb des Feldes der Erscheinungen gilt, und außerhalb derselben ohne Gebrauch, ja selbst ohne Bedeutung ist."
Das  a priori  ist so KANT ein Idee, d. h. nach Seite 750
    "eine Sache, über deren Idee er (der Behauptende) allein brütet, um aus ihr etwas mehr als eine Idee, nämlich die Wirklichkeit des Gegenstandes (wirklicher oder möglicher Erfahrung) herauszubekommen."
Aus dem bloßen Begriff der Ursache: wenn  a  ist, so ist ein davon ganz verschiedenes  b,  kann ich nichts machen, denn ich sehe innerlich nicht ein, wie das zugehen kann. Ebenso ist es nach KANT mit dem bloßen Begriff der Substanz = was nur als Subjekt, nicht mehr als Prädikat eines anderen gedacht wird, denn das sagt über das Innere eines Gegenstandes nichts aus. Das Ich, in diesem Sinne  Substanz  genannt, ist dies bloß formallogisch (Seite 355).

Ursache und Substanz sind so nach KANT apriorische Begriffe, aber aus sich leer. Wo findet er aber reale Erkenntnis? Nach Seite 19 heißt die Fähigkeit (Rezeptivität) Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, Sinnlichkeit. Mittels der Sinnlichkeit also "werden uns Gegenstände gegeben." - Auf andere Weise als durch die Sinnlichkeit kann uns kein Gegenstand gegeben sein.
    Seite 375: "Das Reale der Anschauung kann man nicht a priori erdenken."

    Seite 15: Zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis, die vielleicht aus einer gemeinsamen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns ein Gegenstand gegeben, durch den zweiten aber gedacht wird."
Bei der Sinnlichkeit wird reine und empirische unterschieden.
    Seite 20/21: "So wenn wir von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt, als Substanz, Kraft, Teilbarkeit usw., imgleichen was dann zur Empfindung gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe usw. wegtun, so bleibt nun aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die  a priori  auch ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne und Empfindung als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüt stattfindet."

    "Der Wohlgeschmack des Weines gehört nicht zu den objektiven Bestimmungen, so gar als Erscheinung betrachtet, sondern zur besonderen Beschaffenheit des Sinnes am Subjekt, das ihn genießt; die Farben sind nicht Beschaffenheiten der Körper, deren Anschauung sie anhängen, sondern nur Modifikationen des Sinnes des Gesichts, welcher vom Licht auf gewisse Weise affiziert wird."
Hiernach sind nicht bloß die sekundären Qualitäten (Geschmack, Farben, Töne, Wärme, Kälte) subjektiv, sondern auch Ausdehnung, Gestalt, auf welche man nach Indizien der Erfahrung die sekundären zurückführen zu müssen. Undurchdringlichkeit rechnet KANT zu den sekundären Qualitäten, sie war als  solididy  bei LOCKE primär, ebenso Bewegung und Zahl. KANT rechnet Bewegung als a posteriori [im Nachhinein - wp] sekundär: (Seite 41: "ein Raum, ansich betrachtet, ist nichts Bewegliches, daher die Bewegung empirisch), Zahl als a priori subjektiv. Ausdehnung und Gestalt gehören nach KANT zur reinen Anschauung, die a priori auch ohne wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung als eine bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüt stattfindet. Daß man in der bloßen Vorstellung rämliche Gestalten entwerfen kann, mag KANT ursprünglich darauf geführt haben, die mathematischen Eigenschaften ganz a priori zu denken. Gegen die Herleitung der räumlichen Anschauung aus den Erfahrungsdingen selbst bemerkt er Seite 26/27:
    "Weder absolute noch relative Bestimmungen können vor dem Dasein der Dinge, welchen sie zukommen, mithin a priori angeschaut werden."
Dies ist ganz richtig  in concreto, - ob z. B. ein Gegenstand dreieckig oder rund ist, aber nicht  in abstracto;  gerade wie eine Ursache nach KANT ein Begriff a priori ist, seine bestimmte Anwendung aber in der Erfahrung doch stattfindet. Nachdem so alles, was wir von einem Körper aussagen, teils für a priori subjektiv (Substanz, Gestalt), teils für a posteriori subjektiv erklärt ist, fragt sich, woher dieses  a posteriori  stammt. KANT spricht von "Affiziertwerden der Sinnlichkeit, als auf welche Art allein uns Gegenstände gegeben werden." Der Körper ist bloß Erscheinung.
    Seite 44: "Die Vorstellung eines Körpers in der Anschauung enthält gar nichts, was einem Gegenstand ansich zukommen könnte."

    Vorher Seite 42 heißt es: "Wir kennen nichts als unsere Art (die Gegenstände ansich) wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, wenn auch jedem Menschen zukommen muß."

    Seite 51: "Unsere Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als sinnlich sein kann, d. h. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen affiziert werden."
Dieses Affiziertwerden schließt als Leiden eine Wirkung ein und eben damit eine Ursache, und zwar eben die des Dinges ansich. Nach Seite 101:
    "sind Erscheinungen nicht Dinge ansich, sondern das bloße Spiel unserer Vorstellungen, die am Ende auf Bestimmungen des inneren Seins hinauslaufen."

    Seite 104: "Ein der Erfahrung korrespondierender, mithin auch davon verschiedener Gegenstand muß nur als etwas überhaupt = X gedacht werden, weil wir außer unserer Erkenntnis doch nichts haben, welches wir dieser Erkenntnis als korrespondierend entgegensetzen könnten."

    Seite 190: "Das Haus ist gar kein Ding ansich, sondern nur eine Erscheinung, d. h. Vorstellung, deren transzendentaler Gegenstand unbekannt ist."

    Seite 190: "Denn wir haben es doch nur mit unseren Vorstellungen zu tun; wie die Dinge ansich (ohne Sinne sich auf unsere Vorstellungen, dadurch sie uns affizieren) sein mögen, ist gänzlich außer unserer Erkenntnissphäre."

    Seite 249: "Denn wenn uns die Sinne etwas bloß vorstellen, wie es erscheint, so muß dieses Etwas doch auch ansich ein Ding und ein Gegenstand einer nichtsinnlichen Anschauung, d. h. des Verstandes sein, d. h. es muß eine Erkenntnis möglich sein, darin keine Sinnlichkeit angetroffen wird, und welche allein schlechthin objektive Realität hat, dadurch uns nämlich Gegenstände gegeben werden, wie sie sind, dahingegen der empirische Gebrauch unseres Verstandes Dinge nur erkennt, wie sie erscheinen."

    Seite 251: "Es folg auch natürlicherweise aus dem Begriff der Erscheinung überhaupt, daß ihr etwas entsprechen muß, was nicht ansich Erscheinung ist, weil Erscheinung nichts für sich selbst und außerhalb unserer Vorstellungsart sein kann, mithin wo nicht ein beständiger Zirkel herauskommen soll, das Wort  Erscheinung  schon eine Beziehung auf etwas anzeigt, dessen unmittelbare Vorstellung sinnlich ist, was ansich und ohne diese Beschaffenheit unserer Sinnlichkeit (worauf sich die Form unserer Anschauung gründet) ein von der Sinnlichkeit unabhängiger Gegenstand sein muß."
Die Sinne sind nötig.
    Seite 277: "Wir können nichts verstehen, als was ein unseren Worten Korrespondierendes in der Anschauung mit sich führt."

    Seite 287: "Das Denken ist zwar ansich kein Produkt der Sinne und sofern durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum nicht sofort von eigenem und reinem Gebrauch, ohne Beitritt der Sinnlichkeit, weil es alsdann ohne Objekt ist."

    Seite 292: "Wenn das Licht nich den Sinnen gegeben wurde, so kann man sich auch keine Finsternis, und wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen wurden, keinen Raum vorstellen."

    Seite 277: "Klagen, daß man das Innere der Dinge gar nicht einsehe, wollen, daß man ohne Sinne doch Dinge erkennen, mithin anschauen kann, folglich, daß wir ein von der menschlichen nicht bloß dem Grad, sondern sogar der Anschauung und Art nach gänzlich verschiedenes Erkenntnisvermögen haben, also nicht menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht angeben können, ob sie einmal möglich sein können, viel weniger, wie sie beschaffen sind."
Bei allen diesen Betrachtungen liegt stets das skeptische Argument zugrunde: - wir kennen ja nur unsere Vorstellungen, diese sind eben darum nicht die Dinge selber, während doch bloß folgt: nun müssen wir zusehen, ob aus unseren Vorstellungen sich nicht doch etwas für eine Erkenntnis der Dinge ergibt. Daß es Dinge ansich gibt, hatte auch die antike Skepsis nie bezweifelt, nur für unerkennbar erklärt. Indem KANT die Empfindungen  a posteriori  auf ein Affiziertwerden zurückführt, setzt er die Dinge ansich als Ursachen, die Empfindungen als Wirkungen, wendet also den Begriff der Ursache auf Dinge-ansich an. Wenn er daneben auch zum Begriff der Erscheinungen Dinge-ansich als Beziehungspunkte denkt, so hat dies denselben Sinn; denn die Erscheinungen sind eben die aposteriorischen Vorstellungen. Er geht also aus seinem skeptischen Argument, wir erkennen nicht Dinge, sondern Vorstellungen, in der Tat heraus, der Begriff der  Ursache  und  Substanz  läßt nach ihm ganz offen, ob es etwas der Art gibt; auch über aposteriorische Empfindungen hinaus gibt es nach ihm Dinge ansich (Substanzen), und diese wirken als Ursachen auf unser "Gemüt" (das Psychische in uns).

In seinen Darlegungen über die Erscheinungen entfernt sich KANT ganz von der modernen Naturwissenschaft (GALILEI, NEWTON). Diese setzt zunächst die Wahrnehmungsvorstellungen auch als Wahrnehmungsdinge an, welche die Ursachen der Wahrnehmungen sind, und sieht dann zu, ob sich in den Wahrnehmungen selbst Aufforderungen zur Modifikation dieser Auffassung darbieten. Da auch im Dunkeln durch einen Stoß auf das Auge Lichtempfindungen in uns entstehen, so hält sie es für denkbar, daß das Licht objektiv in Bewegungen quantitativer Teilchen besteht, welche auf das Auge treffen. Was bei Licht nur Möglichkeit ist, wird beim Ton als allgemeine Wirklichkeit erwiesen; denn objektiv sind hier Bewegungen (Schwingungen) von  Körpern  und dadurch entstehende Schwingungen der Luft, die auf das Trommelfell übertragen nicht als Schwingungen, sondern als Töne empfunden werden. Danach denkt die Naturwissenschaft Bewegungen quantitativer Teilchen als das Konstitutive der Materie (Ausdehnung + Widerstan). Diese primären Qualitäten liegen auch bei den sekundären als das eigentlich Wirkende zugrunde. Nochmals über die primären Qualitäten hinauszugehen, liegt in den Beobachtungen selber kein Grund vor. Wer da sagt: ja, wer kann wissen, ob nicht, was uns Anlaß gibt, es für eine primäre Qualität zu halten, ansich ganz was anderes ist, zeigt dadurch nur an, daß er die bloß logische Möglichkeit (leere Denkbarkeit) schon für Wissenschaft hält, welcher Annahme alle ernste Wissenschaft, die auch zu etwas geführt hat, sich entgegenstemmt.

Wie KANT dazu kam, die Naturwissenschaft NEWTONs zu verlassen, wird uns die nähere Darlegung seiner Stellung zur Frage der äußeren Dinge zeigen. Ihm ist die skeptische Denkweise in Bezug auf äußere Dinge sympathisch.
    Seite 368: "Ich kann also äußere Dinge eigentlich nicht wahrnehmen, sondern nur aus meinen inneren Wahrnehmungen auf ihr Dasein schließen, wozu etwas Äußeres die nächste Ursache ist. Nun ist aber der Schluß von der gegebenen Wirkung aus mehr als einer Ursache jederzeit unsicher, weil die Wirkung aus mehr als einer Ursache entspringen kann. Danach bleibt die Beziehung der Wahrnehmung auf ihre Ursache jederzeit zweifelhaft, ob dieselbe innerlich oder äußerlich ist, ob alle sogenannten äußeren Wahrnehmungen nicht ein bloßes Spiel unseres inneren Sinnes sind, oder ob sie sich auf äußere wirkliche Gegenstände als ihre Ursache beziehen. Wenigstens ist das Dasein der letzteren nur erschlossen. - Der Gegenstand des inneren Sinnes wird unmittelbar wahrgenommen (ich selbst mit allen meinen Vorstellungen) und die Existenz desselben leidet gar keinen Zweifel."

    Seite 378: "Denn man kann doch außer sich nicht empfinden, sondern nur in sich selbst, und das ganze Selbstbewußtsein liefert daher nichts als lediglich unsere eigenen Bestimmungen."
Diese Betrachtungen KANTs sind bindend nur bei einer skeptischen Neigung. Es ist ganz richtig, daß Wahrnehmungen unsere Bewußtseinszustände sind, aber eben Bewußtseinszustände mit der Bewußtseinseigentümlichkeit, auf äußere Dinge bezogen zu werden. Man kann sich dies nur deutlich machen als Schluß von einer Wirkung auf die Ursache. Dieser soll als Schluß von der Wirkung auf eine bestimmte Ursache nach KANT jederzeit unsicher sein, weil die Wirkung aus mehr als einer Ursache entspringen kann. Das ist aber nur in vielen Fällen so, es gibt auch andere, in welchen Ursache und Wirkung ausschließlich einander bedingen: steigt das Thermometer, so ist es wärmer geworden. Bei den äußeren Dingen ist das ursprüngliche Erlebnis die Wahrnehmung der Eltern oder deren Vertreter. An die Unabhängigkeit derselben nach ihrer innerlichen und äußeren Seite werden Kinder nicht zweifeln, auch später nicht. Daran, daß Beleidigungen von einem Wesen ausgehen, das uns beleidigen wollte, oder nicht darauf achtete, es zu vermeiden, und daß eine Wunde, die uns dabei etwa zugefügt wurde, noch immer nicht heilen will, bezweifelt niemand als Vorgang, der auch außerhalb unseres Bewußtseins vorgeht. Es gibt also Gedanken in uns von etwas Äußerem, die zwar ansich immer Gedanken bleiben, aber gerade in dem, was sich auf Äußeres in ihm bezieht, durch gedankliche Folgerungen aus ihnen sich in den Empfindungen bewähren lassen (Verifikation). So wird der skeptische Idealismus zu einem bloßen Spiel abstrakter Möglichkeiten, und wenn er sich gar zum Solipsismus zuspitzen wollte, zur einleuchtenden Absurdität, denn danach müßten die Eltern erst existieren, wenn das Kind sie denkt und dgl. KANT folgert aus seiner Sympathie für den skeptischen Idealismus anders. Seite 378 fährt er fort:
    "Also nötigt uns der skeptische Idealismus, die einzige Zuflucht, die uns übrig bleibt, nämlich die Idealität der Erscheinungen zu ergreifen, welche wir in der transzendentalen Ästhetik unabhängig von diesen Folgen, die wir damals nicht voraussehen konnten, dargetan haben."
KANT folgert dort:
    "Raum und Zeit als apriorische Anschauungen sind Gesetze unserer (sinnlichen) Auffassung, nun können wir nicht Gesetze unserer sinnlichen Auffassung zu Gesetzen der Dinge selber machen, also sind sie den Dingen abzusprechen."
Hier liegt aber eine Übereilung vor, die eben von seiner skeptischen Neigung abhängt. Es folgt nur, daß Gesetze unserer Auffassung nicht sofort zu Gesetzen der Dinge-ansich gemacht werden können, sondern man erst näher zusehen muß. wie es in einem bestimmten Fall steht. Das war es ja, was HUME bei ihm bewirkt hatte, nämlich die Frage: ist das  a priori  aus sich ohne nähere Rechtfertigung eine Wahrheitsnorm? Die Bejahung dieser Frage schließt im Hintergrund die Vorwegnahme einer philosophischen Theologie ein, die KANT mit HUME eine Ursache auf immanenten Gebrauch (regelmäßige Aufeinanderfolge von Erscheinungen) einschränkend, theoretisch ablehnte. Er nahm das  a priori  als menschlich-subjektiv und sprach Raum und Zeit, eben weil es Gesetze menschlicher Auffassung sind, den Dingen ansich ab. Seine Gründe für das a priori von Raum und Zeit sind jedoch nicht haltbar. Beide werden nie als Ganze, als Einheit vorgestellt, sondern nur als gleichartig in sich, was sich aus der Erfahrung ergibt.  Außer  heißt außer einem Etwas, das selbst dem ersten Außer gegenüber ein Äußeres ist, und das kann ich im bloßen Vorstellen fortsetzen ohne Ende. Diese Fähigkeit der idealisierenden Abstraktion ist natürlich etwas, was über eine Wahrnehmung hinaus, aber doch nur im Anschluß an diese möglich ist; ohne die Wahrnehmung räumlicher Erscheinungen würden wir ja nach KANT selbst nie eine Raumvorstellung bilden.

KANT fährt Seite 379 fort:
    "Das transzendentale Objekt, welches den äußeren Erscheinungen zugrunde liegt, ist weder eine Materie noch ein denkendes Wesen ansich, sondern ein uns unbekannter Grund der Erscheinungen, die den ganzen Begriff von der ersten sowohl als der zweiten Art an die Hand geben."

    Seite 383: "Materie bedeutet also nicht eine vom Gegenstand des inneren Sinnes (Seele) so ganz verschiede und heterogene Art von Substanzen, sondern nur die Ungleichartigkeit der Erscheinungen von Gegenständen (die uns ansich unbekannt sind), deren Vorstellungen wir äußere nennen, im Vergleich zu denen, die wir zum inneren Sinn rechnen, obgleich sie ebensowohl bloß zum denkenden Subjekt, wie alle übrigen Gedanken gehören, nur daß sie das Täuschende ansich haben, daß, da sie Gegenstände im Raum vorstellen, sich gleichsam von der Seele ablösen und außer ihr zu schweben scheinen, da doch selbst der Raum, darin sie angeschaut werden, nichts ist als eine Vorstellung, deren Gegenbild in derselben Qualität außerhalb der Seele gar nicht angetroffen werden kann."
Es ist eine Zauberwelt, welche uns KANT zumutet; Raum und Zeit  in abstracto  nicht nur, sondern auch  in concreto  sind nichts als Vorstellungen, die wir aber doch auf einen Grund hin deuten, d. h. wir bringen sie nicht willkürlich hervor, sondern daß wir jetzt einen roten Körper sehen, jetzt einen grünen, hat seinen Grund unabhängig von uns, ebenso daß ich jetzt heiter bin oder zur Tätigkeit aufgelegt, jetzt nicht, aber dieser Grund ist ganz unbekannt. Ich darf nicht einmal schließen: der Grund der Vorstellung roter Körper ist in sich anders als der Grund der Vorstellung  grün,  denn dann würde ich ja von einem transzendentalen Gegenstand etwas aussagen. KANT entzieht denselben sogar der Logik, wie dies gleich bei der Leugnung der Veränderung als Ding-ansich bei der Seele hervorgehen wird.

Daß es Dinge-ansich gibt, hat KANT, wie oben dargelegt, in verschiedenen Wendungen immer wieder hervorgehoben. Gelegentlich hat er sich aber auch skeptisch darüber geäußert.
    Seite 288: "wovon (Ding ansich) also allgemein unbekannt ist, ob es in uns oder außerhalb von uns anzutreffen ist, ob es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben oder, wenn wir jene wegnehmen, noch übrig bleiben würde."
Wem fällt dabei nicht die Stelle HUMEs ein:
    "es gibt keine Gewißheit, ob die Sinneseindrücke unmittelbar vom Objekt entspringen, oder durch ein schöpferisches Vermögen unseres Geistes hervorgebracht werden, oder vom Urheber unseres Daseins hervorgebracht werden, oder sonst eine unbekannte Ursache haben."
Den Dingen-ansich spricht KANT nicht bloß Raum, sondern auch Zeit und die Veränderung ab.
    Seite 492: "Die Zeit kann keine Bestimmung irgendeines Dings ansich sein."
Da bleibt doch nichts übrig als eine Art Ewigkeit, ein  nunc stans  [zeitloses Jetzt - wp], ihnen zuzuschreiben.
    Seite 27: "Wenn ich selbst oder ein anderes Wesen mich ohne diese Bestimmung der Sinnlichkeit (Zeit) anschauen könnte, so würden eben dieselben Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen, eine Erkenntnis geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin auch der Veränderung gar nicht vorkommen."
Bestimmungen also, die einander widersprechen (warm, kalt, hell, dunkel, Freude, Schmerz, Tugend, Laster usw.), würden zugleich in ihrem Ding-ansich-Charakter noch da sein, und nicht nacheinander. Es müßte das Widersprüche,  a  und  non-a,  in einem ergeben, also logisch Undenkbares.

Als einstiger Leibnizianer ist KANT geneigt, dieselben Dinge ansich für Geist und Körper denkbar zu halten. Seite 358 schreibt er:
    "So könnte doch wohl dasjenige Etwas, welches den äußeren Erscheinungen zugrunde liegt, und unseren Sinn so affiziert, daß er die Vorstellung von Raum, Materie, Gestalt usw. bekommt, dieses Etwas als Noumenon oder besser als transzendentaler Gegenstand betrachtet, könnte doch auch zugleich das Subjekt der Gedanken sein, wiewohl wir durch die Art, wie unsere Sinne dadurch affiziert werden, keine Anschauung von Vorstellung, Willen usw., sondern bloß vom Raum und dessen Bestimmungen bekommen."

    Seite 359 fügt  Kant  hinzu: "Wäre Materie ein Ding ansich, so würde sie als ein zusammengesetztes Wesen von der Seele als einer einfachen sich gänzlich unterscheiden."
Er empfiehlt damit gleichsam den Leibnizianern die Seite 358 vorgeführte Möglichkeit des gleichartigen Dings-ansich für materielle und seelische Erscheinungen, zumal ihm das okkasionalistische [Gelegenheitsursachen - wp] Argument gegen Wechselwirkung unter Ungleichartigen imponierte, trotzdem es durch HUME sein Gewicht verloren hatte, nach welchem das Wie? aller Einwirkung dunkel ist, so daß er dieselbe nur gelten ließ, wo eine regelmäßige zeitliche Aufeinanderfolge aufgezeigt werden kann, was KANT annahm.

Daß KANT Dinge ansich selbst glaubte nicht nötig zu haben zur Erfahrungserkenntnis, hat er Seite 30 so ausgedrückt: "Das Ding ansich, nach welchem aber in der Erfahrung niemals gefragt wird." Damit mochte er glauben, Newtonianer zu sein. Nach NEWTON ist das Eigentümliche der modernen Naturwissenschaft, daß sie nicht die okkulten Qualitäten und substanzialen Formen erkennen will, sondern sich an die mathematischen Verhältnisse der Beobachtungen hält. In einem nachgelassenen Manuskript hat KANT ja ausdrücklich gesagt, durch die Wirkung in die Ferne (bei der Gravitation) habe NEWTON den Raum als bloße Erscheinung gefaßt, was NEWTON bei seinen sonstigen Aussagen über den Raum sehr fern lag. Durch HERTZ ist übrigens die Wirkung in die Ferne in der Naturwissenschaft erschüttert worden. Gefragt hat NEWTON nach den Hintergründen der Erscheinungen in der Weise der Vermutungen, wie er ja die Materie aus kleinsten Teilchen mit Anziehung und Abstoßung bestehen läßt und aus der gleichbleibenden Beschaffenheit des Wassers dessen Zusammengesetztheit er voraussagte, von Anfang an schloß, daß seine Bestandteile sich nicht abnützen. NEWTON gründete die Naturgesetze auf eine sorgfältige Induktion. Daß dies keine strenge Allgemeinheit gab, sagte er selbst, fand es aber das Beste, was wir hätten. Er würde die apriorischen Ansichten KANTs als eben wegen der bei KANT damit verbundenen Subjektivität der Erscheinungen als "erdichtete Hypothesen" abgewiesen haben, gerade wie die DESCARTESsche Verwandlung der Naturerscheinungen im bloß geometischen Raum. - Auch etwas aus BERKELEY kann in der kantischen Fassung gewirkt haben, nach BERKELEY sind die Empfindungen nicht selbstgewirkt, wir lernen aus der Beobachtung ihre Regeln (das Beieinander und Nacheinander) und bilden daraus eine Erfahrung, die das Künftige voraussieht. Bei BERKELEY sind die Empfindungen nur Erscheinungen durch Gott als Geist in den Seelen gewirkt; bei HUME ist der Hintergrund der Erscheinungen nicht bestimmbar, er läßt die Wahl zwischen BERKELEY, LOCKE, schöpferischer Kraft der Seele oder einer unbekannten Ursache. Die Stelle bei KANT Seite 288 (siehe oben) klingt stark an HUME an.

Substanz, oben von mir kurz behandelt, bespricht KANT Seite 147:
    "So wird z. B. Substanz, wenn man die sinnliche Bestimmung der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter als ein etwas bedeuten, das als Subjekt ohne ein Prädikat von etwas anderem zu sein, gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann ich nun nichts machen, indem sie mir gar nicht anzeigt, welche Bestimmungen das Ding hat, welches als ein solches erstes Subjekt gelten soll. Also sind die Kategorien ohne Schema (Verbindung mit der reinen Zeitvorstellung) nur Funktionen des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen Gegenstand vor. Nach LOCKE kommt man vom regelmäßigen Zusammen mehrerer Qualitäten (Gelb, Glänzend, Schwer, Dehnbar usw. = Gold) auf den Gedanken eines unbekannten Subjektes als Grund dieses Zusammens.  Substanz  ist daher allerdings ein Denkbegriff, aber logisch motiviert und anwendbar auf real gedachte Erscheinungen. Das an ihm Unbekannte kann dann noch weiter verfolgt werden nach Anleitung der Erfahrung. Gold wurde so atomistisch gedacht; jetzt würde es wohl aus Elektronen (diskreten Teilchen der Elektrizität) zusammengesetzt vermutet. Bei KANT ist alles auseinandergerissen: Erfahrung = räumlich-zeitliche Beobachtungen stehen ihm fest; darüber hinaus ist er Skeptiker = die Hintergründe der Beobachtungen sind unerfaßbar.

    Seite 206: "(Die Substanz entsteht nicht.) Veränderung ist nicht Ursprung aus nichts. Wenn dieser Ursprung von einer fremden Ursache angenommen wird, so heißt er Schöpfung, welche als Begebenheit unter den Erscheinungen nicht zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde, obgleich, wenn ich alle Dinge nicht als Phänomene, sondern als Dinge-ansich betrachte und als Gegenstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind, dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremden Ursachen angenommen werden können, welches alsdann ganz andere Verbindungen nach sich ziehen und auf Erscheinungen als mögliche Gegenstände der Erfahrung nicht passen würde."
In Wirklichkeit ist  Schöpfung  kein Verstandesbegriff, sondern aus dem bloßen Eindruck, wo auf jedes alles zu folgen schien, durch ein genaues Beobachten eliminiert worden. "Was die Hellenen Entstehen und Vergehen nennen, ist Mischung und Trennung von (schon) Seiendem", sagt EMPEDOKLES, sagt ANAXAGORAS. Aus nichts wird nichts, wurde ein Grundsatz der griechischen Wissenschaft, gültig nicht von Erscheinungen (den nächsten Eindrücken), sondern von diesen Erscheinungen nach genauen Beobachtungen zugrundel gelegten Dingen des Wachsens und der Veränderung (physis, Natur). KANT hält von HUME fest: "konstante Erfahrung zeigt uns die Naturgesetze" und verstärkt die Konstanz dadurch, daß ihm gegenüber HUMEs bloßen Assoziationen der Wahrnehmungen eine Notwendigkeit durch die Erfolge der modernen Naturwissenschaft sichergestellt ist, aber eben für Erscheinungen, denn von den Dingen-ansich wissen wir nichts, außer, daß sie (wohl) sind. Was über die Erschinungen, d. h. Wahrnehmungen mit gesetzlichem Zusammenhang in Raum und Zeit hinausgeht, ist bloß Verstand, in dem KANT sofort Annahmen macht, die man sonst gerade als den Verstand übersteigend ansah. Man denkt an sein späteres Wort: "Ich mußte das Wissen aufheben, um dem Glauben Platz zu machen."

Nach KANT ist nach Seite 97 "Erkenntnis ein Ganzes verglichener und verknüpfter Vorstellungen".
    Seite 78: "Synthesis überhaupt ist das bloße Wirken der Einbildungskraft, einer blinden, wenn auch unentbehrlichen Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden."
Unter Einbildungskraft umfaßt KANT ausdrücklich Assoziationen und Reproduktion, die ihm umso geheimnisvoller sein mußten, als die räumiche und zeitliche Verknüpfung der Vorstellungsinhalte ihm nicht von den Dingen kam, sondern von uns aus a priori an Affizierungen = Empfindungsinhalte geheftet wurde.
    Seite 141: "Der Schematismus unseres Verstandes in Anbetracht der Erscheinungen und ihrer bloßen Form ist eine verborgene Kraft in den Tiefen der menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten und sie unverdeckt vor Augen liegen werden."
Das gilt bei KANT; bei HUME, woher KANT den Inhalt hat (von Substanz und Ursache in der Erscheinung = impressions) sind es Assoziationen des Zusammen oder Nacheinander; aus häufiger Assoziation wird Erwartung, d. h. ein Abrollen der früheren Bilder und dazu bei praktischer Wichtigkeit eben Erwartung. Bei KANT muß das alles aus der Tiefe der Seele geschehen und dazu noch der Gedanke der Notwendigkeit gegeben werden, den man doch nicht bloß aus der Regelmäßigkeit faßte, sondern der auf Verifikation, d. h. den mathematischen Verhältnissen beruhte, die aber objektiv (GALILEI, NEWTON) gedacht wurden: wenn eine notwendige Verknüpfung besteht, so muß eine Zunahme in der Ursache auch eine Zunahme in der Wirkung nach sich ziehen. In einem NEWTONschen Sinne schreibt KANT Seite 109: "Der notwendige Zusammenhang, den man meint, wenn man Natur nennt."

Zur Erkenntnis gehört Verknüpfung ins Selbstbewußtsein.
    Seite 116: "Die Vorstellungen stellen doch immer nur dadurch etwas vor, daß sie mit allen anderen zu einem Bewußtsein gehören, mithin darin wenigstens müssen sie verknüpft werden können."

    Seite 117: "Der synthetische Satz, daß alles verschiedene empirische Bewußtsein in einem einzigen Selbstbewußtsein verbunden sein muß, ist der schlechthin erste und synthetische Grundsatz unseres Denkens überhaupt. - Die bloße Vorstellung  Ich  ist in Bezug auf alle anderen (deren kollektive Einheit sie ermöglicht) das transzendentale Bewußtsein."

    Seite 123: "Das stehende und bleibende Ich (der reinen Apperzeption) macht das Korrelatum all unserer Vorstellungen aus, sofern es bloß möglich ist, sich ihrer bewußt zu werden, und alles Bewußtsein gehört ebensowohl zu einer allbefassenden reinen Apperzeption, wie alle sinnlichen Anschauungen zu einer reinen inneren Anschauung, nämlich der Zeit."

    Seite 507: "Erscheinungen überhaupt sind außer unserer Vorstellung nichts, was wir eben durch die transzendentale Idealität derselben sagen wollen."

    Seite 537: "Erscheinungen sind Vorstellungen, welche nach empirischen Gesetzen zusammenhängen."

    Seite 525: "Substanz in der Erscheinung ist kein absolutes Subjekt, sondern ein beharrliches Bild der Sinnlichkeit und nichts als Anschauung, in der überall nichts Unbedingtes angetroffen wird."
Dabei gilt aber Seite 540:
    "Wir müssen überhaupt den Erscheinungen einen transzendentalen Gegenstand zugrunde legen, obgleich wir über ihn, was er ansich ist, nichts wissen."
Aus den Lehren von Erscheinungen zieht KANT Folgerungen.
    Seite 214: "In unserem Gemüt müssen uns alle Erscheinungen als in einer möglichen Erfahrung enthalten, in einer Gemeinschaft (commercium) der Apperzeption stehen. Vorher (Seite 212) nehmen wir an, in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als Erscheinungen wäre jede derselben isoliert, d. h. keine wirkte in die andere und empfinge von ihr wechselseitig Einflüsse, so sage ich, daß das Zugleichsein derselben nicht Gegenstand einer möglichen Erfahrung sein würde."
Die Wirkungen in den Erscheinungen schreibt er Kräften, d. h. Ursachen zu.
    Seite 613: "Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen äußern, bleiben von uns unerforschlich."
Seite 614 macht er den Unterschied zwischen "gegeben" nur nicht "eingesehen". Über die Frage von Einwohnern des Mondes bietet KANT Seite 493:
    "sie sind alsdann wirklich, wenn sie mit meinem wirklichen Bewußtsein in einem empirischen Zusammenhang stehen, obgleich sie darum nichts ansich, d. h. außer diesem Fortschritt der Erfahrung (möglicher Wahrnehmung) wirklich sind."
Um die ganze Tragweite des Gedankens einzusehen, muß man sich versetzen in die Frage des Antipoden, ehe man sie entdeckt hatte, oder der bis in unsere Tage unbekannten Menschen in Mittelafrika, etwa der Monbuttu.

Nach KANT gibt es nur die euklidische Geometrie, auch in den empirischen Objekten.
    Seite 439: "Gleich als wenn es auch nur möglich wäre, eine andere rt der Anschauung zu erdenken, als die in der ursprünglichen Anschauung des Raumes gegeben und die Bestimmungen desselben  a priori  nicht zugleich all das beträfen, was dadurch allein möglich ist, daß es diesen Raum erfüllt."
KANT gibt daraus Seite 483 Folgerungen:
    "Ihr würdet z. B. die Erscheinungen eines Körpers nicht im mindesten besser oder auch nur anders darstellen können, wenn ihr annehmt, er bestehe aus einfachen oder durchgehends immer aus zusammengesetzten Teilen, denn es kann euch keine einfache Erscheinung und ebensowenig auch eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen."
Aus der Beschaffenheit von Raum und Zeit werden Folgerungen (gegen SWEDENBORG?) gezogen.
    Seite 222-223: "Eine besondere Grundkraft unseres Gemütes, das Künftige im Voraus anzuschauen, oder ein Vermögen mit anderen Menschen in Gemeinschaft der Gedanken zu stehen (so entfernt sie auch sein mögen), das sind Begriffe, deren Möglichkeit ganz grundlos ist."
Ganz realistisch klingt Seite 226:
    "Wir erkennen das Dasein einer alle Körper durchdringenden Materie aus der Wahrnehmung der gezogenen Eisenfeilig [Feilstaub - wp], wenn uns auch eine unmittelbare Wahrnehmung dieses Stoffes nach der Beschaffenheit unserer Organe unmöglich ist."
Die Gesetze unseres Denkens gründen sich zuletzt in der Apperzeption.
    Seite 401: "Die Apperzeption ist selbst der Grund der Möglichkeit der Kategorien, welche ihrerseits nichts anderes darstelen, als die Synthesis des Mannigfaltigen der Anschauung, sofern dasselbe in der Apperzeption Einheit hat."
Realistisch klingt Seite 650:
    "die Ersparung der Prinzipien ist nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der Vernunft, sondern inneres Prinzip der Natur."
Nach Seite 741 sind die zwei Kardinalfragen unserer reinen Vernunft - ist ein Gott, ist ein künftiges Leben? KANT (von der Unerkanntheit der Dinge-ansich aus) ist gewiß, daß niemals evidente theoretische Beweise dafür gefunden werden. Von dieser Unerkennbarkeit aus lassen sich gegen Einwendungen von der jetzigen Abhängigkeit der Seele vom Körper (PRIESTLEY) Ausreden vorbringen, daß nämlich der Körper (jetzt) ein Hindernis des reinen spirituellen Lebens ist. Seite 778, 779 und 780 wird als mögliche Ausrede proponiert:
    "alles Leben sei eigentlich nur intelligibel, den Zeitveränderungen nicht unterworfen, habe weder durch Geburt angefangen, noch werde es durch den Tod beendet."

    Seite 798: "Die Endabsicht der Spekulation ... Freiheit des Willens, Unsterblichkeit der Seele, Dasein Gottes. In Anbetracht aller drei ist das spekulative Interesse der Vernunft sehr gering, und in Absicht auf dasselbe würde wohl schwerlich eine ermüdende mit unaufhörlichen Hindernissen ringende Arbeit transzendentaler Nachforschung unternommen, weil man von allen Entdeckungen, die hier zu machen sein möchten, keinen Gebrauch machen könnte, der  in concreto,  d. h. in der Naturforschung, einen Nutzen beweist. Der Wille mag auch frei sein, so kann dies doch nur die intelligible Ursache unseres Willens angehen, denn was die Phänomene der Äußerungen desselben, d. h. die Handlungen betrifft, so müssen wir nach einer unverletzlichen Grundmaxime, ohne welche wir keine Vernunft im empirischen Gebrauch ausüben können, sie niemals anders als alle übrigen Erscheinungen der Natur, nämlich nach unwandelbaren Gesetzen derselben erklären."

    Seite 790: "Dieser Begriff einer unkörperlichen Natur (der Seele) ist bloß negativ und erweitert unsere Erkenntnis nicht im mindesten. Aus dem Dasein einer höchsten Intelligenz würden wir zwar die Zweckmäßigkeit in der Welteinrichtung und Ordnung im Allgemeinen begreiflich machen, aber nicht im Einzelnen daraus schließen können. Es ist eine notwendige Regel des spekulativen Gebrauchs der Vernunft, an Naturursachen nicht vorüberzugehen und das, wovon wir uns durch Erfahrung belehren können, aufzugeben, um etwas, das wir kennen, von dem abzuleiten, was all unsere Kenntnis gänzlich übersteigt. Die drei Sätze haben - gar keinen vor Gegenständen der Erfahrung zulässigen, mithin vor uns auf einige Art nützlichen Gebrauch."

    Seite 799: "Wenn dennoch diese drei Kardinalsätze uns zum Wissen gar nicht nötig sind und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen werden, so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische angehen müssen."

    Seite 826: "Obgleich ich in Anbetracht der theoretischen Weltkenntnis nichts zu verfügen habe, was dieses Gedenken (des Daseins Gottes) als Bedingung meiner Erklärung der Erscheinungen der Welt notwendig voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin meiner Vernunft mich so zu bedienen, als ob alles bloß Natur sei, so ist doch die zweckmäßige Einheit eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft auf die Natur, daß ich, da mir überdies die Erfahrung reichlich davon Beispiele bietet, an ihnen gar nicht vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit kenne ich aber keine andere Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der Naturforschung machte, als wenn ich voraussetze, daß eine höchste Intelligenz alles nach den weisesten Zwecken so geordnet hat. - Dies ist ein doktrinärer Glaube zu nennen."
KANT denkt zumeist theoretisch wie HOLBACH (Systéme de la Nature):
    "Die Natur wirkt nie zufällig, sondern nach Regeln und Gesetzen, die wir nur nicht immer kennen. Die Wörter  Gott, Geist, Intelligenz  helfen dieser Unwissenheit nicht ab, im Gegenteil hindern sie uns die natürlichen Ursachen aufzusuchen."
Die Zweckmäßigkeit in der Welt im Ganzen macht eben doch auf KANT einen solchen Eindruck, daß sie in ihm den Gedanken einer einheitlichen intelligenten Ursache (das Ding-ansich) hervorruft; es ist ihm dies ein doktrinärer Glaube, weil nicht im Detail verwertbar, sondern die Detailerklärung muß immer erst möglichst in der Erfahrung gesucht werden. Auch für die Unsterblichkeit bietet sich Ähnliches.
    Seite 827: "Aus der vortrefflichen Ausstattung der menschlichen Natur und derselben schlecht angemessenen Kürze des Lebens kann ebensowohl ein genugsamer Grund zu einem doktrinären Glauben des künftigen Lebens der menschlichen Seele angetroffen werden."
Auf derselben Seite 827 bemerkt KANT:
    "denn was ich auch nur als Hypothese annehme, daran muß ich wenigstens seinen Eigenschaften nach soviel kennen, daß ich nicht seinen Begriff, sondern nur sein Dasein erdichten darf. Das Wort  Glaube  geht nur auf die Leitung, die mit eine Idee gibt, und den subjektiven Einfluß der Beförderung meiner Vernunfthandlungen, die mich an derselben festhält, obgleich ich von ihr nicht imstande bin, in spekulativer Absicht Rechenschaft zu geben."
Was die Freiheit des Willens betrifft, so sind Hauptstellen, 3. Antinomi, Seite 4:
    "denn man kann nicht sagen, daß anstatt der Gesetze der Natur Gesetze der Freiheit in der Kausalität des Weltlaufs eintreten, weil immer diese durch Gesetze bestimmt war, wäre sie nicht Freiheit, sondern selbst Natur."

    Seite 534: "Die Aufhebung der transzendentalen Freiheit würde zugleich alle praktische Freiheit vertilgen."

    Seite 539: "Dieses handelnde Subjekt würde nun nach seinem intelligiblen Charakter unter keiner Zeitbedingung stehen, denn die Zeit ist nur die Bedingung der Erscheinungen."

    Seite 551: "Die reine Vernunft als ein bloß intelligibles Vermögen ist der Zeitform und mithin auch den Bedingungen der Zeitfolge nicht unterworfen."

    Seite 553: "In der Vernunft findet selbst in betreff der Kausalität keine Zeitfolge statt."
Nur im Menschen liegt nach KANT ein Anlaß vor, einen intelligiblen Charakter anzunehmen.
    Seite 541: "Das  Sollen  hat, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, keine Bedeutung."

    Ebenda, vorher: "Daß diese Vernunft eine Kausalität haben wird, mindestens wir uns eine dergleichen an ihr vorstellen, ist uns aus den Imperativen klar, welche wir in allem Praktischen den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben."
Über Vernunft erklärt sich KANT so, Seite 614:
    "Eben darin besteht Vernunft, daß wir von all unseren Begriffen, Meinungen und Behauptungen aus objektiven oder, wenn sie bloß Schein sind, aus subjektiven Gründen Rechenschaft geben können."
Diese Vernunft ist allgemein verbreitet.
    Seite 752: "Die Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen anderen Richter anerkennt als selbst wieder die allgemeine Menschenvernunft."
KANT hat volles Zutrauen zu derselben.
    Seite 783: "Alle Begriffe und alle Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, liegen nicht etwa in der Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft und müssen daher aufgelöst und ihrer Gültigkeit oder Nichtigkeit nach begriffen werden können."
Theoretische Postulate nimmt KANT an, Seite 498:
    "Es ist ein logisches Postulat der Vernunft, diejenige Verknüpfung eines Begriffs mit seinen Bedingungen durch den Verstand zu verfolgen und soweit wie möglich fortzuführen, die schon dem Begriff selbst anhängt."
Auch über die Logik hinaus werden theoretische Postulate statuiert.
    Seite 650: "Dadurch die systematische Einheit der mancherlei Kräfte einer Substanz postuliert."

    Seite 12-13: "Der Verstand und dessen Vorrat (an Erkenntnissen a priori), der, weil wir ihn doch nicht auswärts suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben kann."

    Seite 669: "Die Ideen der reinen Vernunft sind uns durch die Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste Gerichtshof aller Rechte und Ansprüche unserer Spekulation kann unmöglich ursprünglich Täuschungen und Blendwerke enthalten."

    Nach Seite 727: "besteht eben darin Philosophie, seine Grenzen zu kennen."

    Seite 11 hatte  Kant  gesagt: "Ihr (der Kritik der reinen Vernunft) Nutzen würde wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur zur Läuterung, unserer Vernunft dienen und sie von Irrtümern frei zu halten, welches schon sehr viel gewonnen ist."
Öfter weist er auf seine Lehre von Raum und Zeit hin, durch welche alle sonst entstehenden Schwierigkeiten behoben werden.
    Seite 39: "Raum und Zeit der mathematischen Naturforscher wären zwei ewige und unendliche für sich bestehende Undinge, welche da sind (ohne daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alle Wirklichkeit in sich zu befassen",
das zu vermeiden hat man Raum und Zeit als von der Erfahrung abstrahierte Verhältnisse der Erscheinungen (neben oder nacheinander) fassen wollen,
    Seite 46: "dann sind die mathematischen Vorstellungen nicht apodiktisch [logisch zwingend, demonstrierbar - wp] gewiß, nur Geschöpfe der Einbildungskraft, deren Quelle in der Erfahrung gesucht werden muß."
Heute würde dieses Schreckbild die Mathematiker nicht stören, welche die euklidische Geometrie eine Idealisierung aus der Erfahrung sein lassen und daneben nicht-euklidische Geometrien aufstellen und ausführen. Sie werden nur einen Machtspruch in den Worten KANTs sehen:
    Seite 439: "Gleich als wäre es auch nur möglich eine andere Art der Anschauung zu erdenken als die in der ursprünglichen Anschauung des Raumes gegeben wird, und die Bestimmungen desselben a priori nicht zugleich all das beträfen, was dadurch allein möglich ist, daß es diesen Raum erfüllt."
Nach KANT Seite 165 ist nämlich
    "die empirische Anschauung nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich; was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von jener (z. B. unendliche Teilbarkeit der Linien oder Winkel)."
Gerade in der Wahrnehmung gibt es diese von KANT gefolgerte und nach ihm zu folgernde strenge Geometrie nicht, sondern nur eine Annäherung an sie, was eben zum Gedanken einer nicht-euklidischen Geometrie führen kann.

Da HUME den Umschwung in KANT vom "Dogmatischen Schlummer" zur kritischen Besinnung bewirkt hat, so sind Bemerkungen über beider Auffassungen angezeigt. Bei HUME sind  impressions  und  ideas;  die letzten sind Kopien von Eindrücken, was sich nicht so rechtfertigen läßt von ihnen, ist ohne wissenschaftlichen Wert (Phantasie). Bei KANT sind  impressions  die einzige Gewähr für Realität; Ideen gehen über Eindrücke hinaus, haben aber nur realen Wert in der Verbindung mit ihnen.  Substanz = Beharrliches in der Wahrnehmung,  Ursache = regelmäßiges Antezedens [Vorhergehendes - wp] in der Wahrnehmung (überhaupt ein Schematismus der reinen Verstandesbegriffe), Substanz und Ursache  a priori,  aber in sich leer; a priori als nicht aus der Wahrnehmung, ist eben darum (menschlich) subjektiv. So auch Raum und Zeit (nach seinem Beweis ist jedes von beiden von vornherein ein Ganzes und unendlich). Weil Substanz und Kausalität a priori leer sind, darum ist die Empfindung zwar real (gegeben, man kann sie nicht erdenken), aber ihr transzendentaler Gegenstand bleibt unbekannt. Der antike Skeptizismus hielt die  pathe,  die Affektionen fest, aber die Ursachen der Empfindung sind unerfaßbar, bei KANT ist die Empfindung gegeben, Qualität und Quantität derselben subjektiv (jene empirisch-subjektiv, diese a priori-subjektiv). Der Gegenstand transzendental (sein Daß ist anzunehmen, auf sein Was? zu verzichten). Durch die Apriorität von Raum und Zeit wird NEWTONs Mathematik und Mechanik gesichert, aber subjektiv; der transzendentale Gegenstand ermöglicht eine intelligible Welt im Menschen. Hier hat ROUSSEAU nach KANT selbst eingewirkt, der "die Vorsehung rechtfertigte." Der antike Skeptizismus rettete die unmittelbare Empfindung und die Praxis; er folgt der Gewohnheit, Frömmigkeit ist ein Lebensgut, trotz der Beweise gegen die dogmatische Behauptung der Götter. MONTAIGNE ergänzt das Nichtwissen durch die (christliche) Offenbarung, ohne ernsthaften Gebrauch davon zu machen, KANT postuliert Gott und die Unsterblichkeit zur Belebung der Moral als Handeln nach allgemeinen Regeln aufgrund der vorausgesetzten Gleichheit der Menschen. Nicht Glück wird gesucht, sondern die Würdigkeit, glücklich zu werden, die angemessene Proportionierung von Tugend und Glück wird nach der Erde erwartet. Wie KANT eine Strebernatur war, zeigt sein moralischer Fortschritt ins Unendliche, ohne je eine abschließende Vollkommenheit zu erlangen, was FRANZ von BAADER wie eine Sisyphusqual vorkam. Seine Vorliebe für den Regreß in infinitum [Teufelskreis - wp] zeigt die wunderliche Reflexion Seite 613 über Gott:
    "Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, man kann ihn aber auch nicht ertragen, daß ein Wesen, welches wir uns als das Höchste unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst sagt: ich bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts außer dem, was bloß durch meinen Willen etwas ist, aber woher bin ich denn?"
KANTs Reiz ist: in Mathematik und Physik ist der menschliche Geist gebunden (newtonisch), aber beide sind subjektiv, über die Hintergründe der Erscheinungen kann sich der Geist umso freier ergehen, was der Moralität zugute kommt. Im Moralischen hat KANT die damaligen Überzeugungen: Gleichheit der Menschen und Freiheit des Willens (ROUSSEAU, auch VOLTAIRE; von jenem ist das:  désire toujours que Dieu soit, et tu n'en douteras jamais;  [Wer ständig wünscht, daß es einen Gott gibt, wird nie daran zweifeln. - wp] von diesem:  si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer  [Wenn es keinen Gott gäbe, man müßte ihn erfinden. - wp]. Keine Ahnung, daß durch physiologisch-psychologische Gesetze wirksam erreicht wird, was von der intelligiblen Freiheit vergeblich gefordert wurde. Die kantische Lehre ist ihren historischen Anregungen nach sehr komplizier; das ist wohl der Grund, daß KANT nicht merkte, daß er sehr einfach sich selbst entgehen konnte. Er pocht darauf, daß es apriorische Erkenntnisse in uns gibt, erkennbar daran, daß sie streng allgemein und notwendig sind, während die Erfahrung als aposteriorische Erkenntnis nur eine komparative Allgemeinheit (durch Induktion) und Wirklichkeit liefert. HUME brachte ihn nur dazu, die apriorischen Erkenntnisse für (menschlich) subjektiv zu erklären. Wegen des  a priori  will er Vorrede IX keine Meinungen in der Philosophie, keine Hypothesen. Nach Seite 752 "erkennt die menschliche Vernunft keinen anderen Richter an als selbst wieder die allgemeine Menschenvernunft." Woher wissen wir aber, daß diese Menschenvernunft in allen Menschen die gleiche ist? Wir versetzen uns nicht unmittelbar in das Innere der anderen Menschen, sondern setzen nach den äußeren Eindrücken, wozu auch die Sprache gehört, ein solches Inneres voraus, das sich in langer, geschichtlicher Erprobung mehr und mehr als den Grundzügen und der Anlage nach gleich in allem bewährt hat. Von Mensch zu Mensch kommen wir so nicht über die Hypothese hinaus, aber diese Hypothese verifiziert sich fort und fort, so daß dies selbst uns völlig gewiß ist. So kann es aber auch mit den äußeren Dingen gehen, nicht bloß ihrem Daß, sondern auch ihrem Was? nach. Nach HELMHOLTZ, der so verfuhr, kann
    "in den Beziehungen, der Zeit, des Raumes, der Gleichheit und den davon abgeleiteten, der Zahl, der Größe, der Gesetzlichkeit, im Mathematischen der äußeren und inneren Welt in der Tat eine volle Übereinstimmung der Vorstellungen mit den abgebildeten Dingen erstrebt werden, und ist das Mathematische gleichfalls erfahrungsmäßig erworben."
Kritik wird stets eine große Bedeutung haben, aber im speziellen, nicht in einem  kantischen  allgemeinen Sinn. ELIE de CYON hat im Nachruf an PFLÜGER den Ausspruch von BÄRs aus dem Jahr 1835 zitiert:
    "Was darf denn als sicher gewonnenes Gut betrachtet werden, wenn das Erworbene wieder verloren gehen kann? Wir sichert uns gegen die trostlose Besorgnis, daß aller Umfang unseres Wissens nur eine Täuschung ist und der Mensch nie weiter kommen kann, als zum Wechsel der Täuschung? Kritik ist der einzige allgemeine Gewinn aller wissenschaftlichen Untersuchung."
Er führt dazu das Wort PFLÜGERs an: "Kritik ist das wichtigste Mittel jeden Fortschritts; deshalb übe ich sie." Durch Forschung mit Detailkritik ist von beiden Physiologen einiges von bleibender Gültigkeit ermittelt worden.

In der unorganischen Natur ist es nicht anders. KANT schreibt Seite 483:
    "Ihr werdet z. B. die Erscheinungen eines Körpers nicht im mindesten besser oder auch nur anders darstellen können, ob ihr annehmt, er bestehe aus einfachen oder durchgehends immer aus zusammengesetzten Teilen; denn es kann Euch keine einfache Erscheinung und ebensowenig eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen."
Bei der realistischen Annahme (nach dem Vorbild der Annahme anderer Menschen) kann immer die objektive Erscheinung auf Annahmen führen, die doch eine Entscheidung geben. Daraus, daß Stoffe aus denselben Bestandteilen doch verschiedene chemische Eigenschaften zeigen, schloß man, daß sich die gleichen Bestandteile in verschiedener Ordnung darin befinden müßten (Isometrie). Jetzt ist man einer Transformation von (chemischen) Elementen auf der Spur. - Bei den Elektronen (= elektrischen Elementarquanten) zeigt sich die Massen von der Geschwindigkeit der Elektronen abhängig, d. h. mit wachsender Geschwindigkeit nimmt die Masse des bewegten Elektrons zu. Es ist hier alles so in einer Neuuntersuchung, daß es begreiflich ist, wenn WILHELM OSTWALD gelegentlich vorgeschlagen hat, alle Ergebnisse als vorläufige anzusetzen. Selbst NEWTON, den KANT aus Empirie, für welche allein er sich gab, ins Apriorische umsetzte, erlebt Abwandlungen aber nicht aufgrund der kantischen Auffassung, sondern solcher, die seine eigentliche Art fortgeführt hat.
LITERATUR - Julius Baumann, Kant ein Skeptiker?, Annalen der Naturphilosophie, Bd. 10, Leipzig 1911