p-4 p-4BrentanoF. HillebrandBrentanoK. TwardowskiBrentanoA. Marty    
 
OSKAR KRAUS
Franz Brentano

"Allmählich wurde Brentanos Auge für die Mängel des aristotelischen Systems geschärft und seine Verehrung für den großen Mann hinderte ihn nicht, dessen unnachsichtlicher Kritiker zu werden."

"Unter positivem Geist verstand Brentano nichts anderes als die Nüchternheit besonnener Forschung, die er der entarteten Philosophie von Schellings und Hegels Spekulationen entgegensetzte, die nach seiner Meinung alles überboten, was die analogen Stadien einer verkommenen Philosophie im Altertum und Mittelalter erzeugt haben."

"Brentano hat sich in seinem ungestümen Wahrheits- und Freiheitsdrang niemals in andere Fesseln schlagen lassen als jene, die sein eigenes Gewissen als Mensch und Wahrheitssucher ihm auferlegten. Keinerlei Autorität vermochte ihn dauernd zu binden."

"Brentano hat dargelegt, wie nicht nur im Altertum und Mittelalter, sondern auch in der Neuzeit eine aufstrebende Blütezeit philosophischen Forschens durch drei absteigende Stufen verfallender Produktion abgelöst wurde: das erste Verfallsstadium ist gekennzeichnet durch eine Abnahme des theoretischen Interesses und ein Vorwiegen praktischer, meist populär aufklärerischer Bestrebungen."

"Das Wesentliche jedes psychischen Phänomens sah Brentano, schon als er die Psychologie schrieb, in der Richtung auf ein Objekt, in der sogenannten intentionalen Beziehung."


Vorwort

Noch läßt der tobende Krieg keine Antwort auf die Frage zu, wann es möglich sein wird, den gesamten wissenschaftlichen Nachlaß FRANZ BRENTANOs und seine ausführliche Geschichte seines Lebens zu veröffentlichen. Darum möchten die nachfolgenden Blätter wenigstens einen vorläufigen Beitrag liefern zur Kenntnis seines Wirkens und seiner Philosophie. In einer Hinsicht werden sie ihren Zweck nicht verfehlen: die Erinnerungen, die CARL STUMPF und EDMUND HUSSERL dem Andenken ihres Lehrers widmen, legen eine beredtes Zeugnis ab für die Ersprießlichkeit der Lehrmethode BRENTANOs und für die sokratische Kraft seiner Persönlichkeit. Geheimrat STUMPF weist auch auf andere bedeutende Forscher hin, die von BRENTANO entscheidene Einflüsse erfahren haben, so insbesondere auf ANTON MARTY, dessen Verhältnis zu BRENTANO ich in einer besonderen Schrift besprochen habe. Wenn BRENTANO nichts anderes geleistet hätte, als solche Männer für die Philosophie gewonnen zu haben, er würde in der Geschichte der Philosophie einen hervorragenden Platz einnehmen. Obgleich er jedoch durch seine Bücher, durch seine Vorlesungen, durch Briefe und Gespräche dem philosophischen Leben der Gegenwart in mannigfaltiger, bisher noch allzuwenig gewürdigter Weise seine Spuren aufgedrückt hat, stand doch die Teilnahme, die man seinen Schriften entgegenbrachte, weit hinter jener zurück, die man weniger bedeutenden Ereignissen gegenüber an den Tag legte. Dies erklärt zum Teil seine publizistische Zurückhaltung und diese wiederum das mitunter laut gewordene Vorurteil, daß BRENTANO der Gegenwart nichts mehr zu sagen hat. Die Absicht der vorliegenden Schrift ist es, zum Studium BRENTANOs anzuregen, sofern der kleinere Teil seines Lebenswerkes vorliegt, und sofern der weitaus größere Teil in hoffentlich nicht allzuferner Zeit der Öffentlichkeit übergeben wird. Denn BRENTANO ist kein Autor der Vergangenheit, sondern der Zukunft. In meiner Skizze habe ich darum vornehmlich auf die Fortbildungen und Neuerungen hingewiesen, die BRENTANO an veröffentlichten Lehren vorgenommen hat und auf einige besonders interessante Probleme, die ihn bis in sein höchstes Alter beschäftigt haben. Der ästhetische Reiz der früheren Schriften BRENTANOs: der Aufbau scharfsinnig ersonnener, in ihrer Schwierigkeit sich immer steigender Einwendungen und ihre Abwehr, die seine Erörterungen auch in ihrer künstlerischen Gestaltung als die modernen Sprossen platonischer Dialoge erscheinen lassen, ist in seinen Altersschriften zurückgetreten. Seine Diktate, wechselseitig aufeinander bezugnehmend, tragen vielfach den Charakter von Entwürfen und Zusammenfassungen von größter Gedrängtheit mit Rückverweisungen und andeutenden Schlagworten. Die vollständige Veröffentlichung dieser Diktate wird von einer fortlaufenden Reihe erklärender Anmerkungen und darstellender Ausführungen begleitet sein müssen. BRENTANO war der Meingung, den Herausgebern seines Nachlasses werde eine ähnlniche Aufgabe zufallen, wie sie ETIENNE DUMONT und andere gegenüber BENTHAM erfüllt haben. Im Gegensatz hierzu läßt die durch die Zeitumstände auferlegte Kürze meine Skizze, so sehr sie auf die Treue des Referates bedacht ist, oft über bloße Andeutungen nicht hinauskommen. Möge sie wenigsten verständlich genug sein, um die Problemstellungen und die Richtung der Lösungsversuche ahnen zu lassen.

Es ist mir eine liebe Pflicht, den beiden obengenannten Forschern dafür zu danken, daß sie ihre Erinnerungen mit meiner Abhandlung zu einem Buch vereinigt haben, das hoffentlich manche irrige Meinung und manche gehässige Unwahrheit über unseren gemeinsamen großen Lehrer beseitigen wird. Nicht weniger Dank schulde ich Herrn Dr. JOHANNES BRENTANO für den Einblick in die letzten Arbeiten seines Vaters.


1. "Wer mich aus meinen veröffentlichten Werken kennt, der kennt mich nicht" so hätte BRENTANO mit dem ihm in so manch anderer Beziehung verwandten LEIBNIZ von sich sagen können. Daher geben alle Nekrologe (1), die aufgrund bloßer Literaturkenntnis geschrieben wurden, kaum einen Schatten dessen, was BRENTANO gewesen war und geleistet hat. Daher gibt es keine Darstellung der zeitgenössischen Philosophie (2), die auch nur die wesentlichsten Züge wiedergibt. BRENTANO ist dem großen Publikum als Philosoph nahezu gar nicht, der weiteren wissenschaftlichen Welt nur zum geringsten Teil und seiner Schule nur so weit bekannt, als sie mit ihm bis zu seinem Tod in innigem Kontakt geblieben ist.

Freilich haben wir in eben dieser Tatsache zugleich einen jener Züge vor uns, die für BRENTANO als Menschen und als Philosophen gleich charakteristisch sind. Trotz glänzender schriftstellerischer Gaben, für welche seine formvollendeten Vorträge über das "Schlechte als Gegenstand dichterischer Darstellung", über "das Genie", über Sinnesphysiologie nicht weniger zeugen als sein entzückendes Rätselbuch Änigmatias, hat er allzeit nicht nach dem Lorbeer eines vielgefeierten Autors verlangt, sondern nach der Wahrheit um der Wahrheit willen. Wie DEMOKRIT schätzt er eine einzige Entdeckung höher als die Krone des Perserreiches und wie PLATO war es seiner unverwüstlichen Lehrfreudigkeit ein gar oft schmerzlich entbehrtes Lebenselement, in wahrheitsdürstenden Gemütern durch freundschaftliches Zwiegespräch - dialegein nannten es die Griechen - die kostbare Frucht der Erkenntnis zu erzeugen. (3) Was die ursprüngliche Bedeutung, der erste Sinn des Wortes Philosophie gewesen ist, Weisheitsliebe, das ist es, was für BRENTANO dem eigenen Leben Sinn und Bedeutung verlieh. Sie war von Anbeginn der Leitstern seines Tuns und Lassens.

2. FRANZ BRENTANO entstammt einer der edelsten Familien Deutschlands; (4) ihr Name klingt jedem Deutschen vertraut; aus GOETHEs "Wahrheit und Dichtung" kennt jeder die schöne MAXIMILIANE LAROCHE, die Freundin GOETHEs, deren Gatte PETER BRENTANO, der Großvater des Philosophen werden sollte und Groß und Klein liebt CLEMENS BRENTANO, seinen Oheim, auf dessen Knien er den holdesten Märchen lauschen durfte, die deutsche Poesie ersonnen. Weniger in weiten Kreisen bekannt als diese Namen und jener seiner Tante BETTINA von ARNIM ist der seines Vaters CHRISTIAN, der als Schriftsteller in der katholischen Welt in hohem Ansehen steht. Dieser hatte in jungen Jahren die lebhaftesten philosophischen Interessen, und war, wie er in seiner Selbstbiographie berichtet, bereits vor seinem 17. Lebensjahr zu einem System des vollkommenen Determinismus ja "Materialismus" gelangt (5). Freilich wich diese Anschauung später einer durchaus religiösen und katholischen und so wurden dann auch seine Kinder in diesem Geist erzogen. Nach dem frühen Tod des geistvollen Mannes war es seine Gattin EMILIE, die alles aufbot, um ihre Kinder im gleichen Sinn zu leiten (6). Merkwürdigerweise wiederholte sich die Krise des Vaters beim Sohn. Um sein 17. Lebensjahr tauchten die ersten Glaubenszweifel auf. Wie beim Vater waren sie auch bei ihm durch die Determinismusfrage verursacht. Er suchte sein Heil in der zeitgenössischen Philosophie, aber unbefriedigt und abgestoßen, wurde er, gewiß vor allem durch den Einfluß seiner Mutter und katholischer Freunde, der Kirche gewonnen, der er sich alsbald mit Begeisterung zuwandte und aus freien Stücken als Priester bestimmte.

Doch sein philosophischer Forschertrieb war weiter in ihm lebendig. Konnte er unter den Lebenden keinen Lehrer finden, der seinen Ansprüchen genügte, so suchte er ihn in der Vergangenheit und fand ihn in ARISTOTELES, der ihm anfänglich zum Führer wurde und in dessen Werke er sich mit kongenialem Geist vertiefte. Gleich in seinem ersten Buch "Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles", Freiburg/i. Br. 1862 gelang ihm unter dem Beifall TRENDELENBURGs, dem dieser Erstlingsschrift gewidmet war, die Ableitung der aristotelischen Kategorienlehre. Damals schon, wie bei der Abfassung der zweiten Schrift "Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre vom nous poetikos" beherrschte er die aristotelischen Texte in so vollkommener Weise, daß die Belegstellen ungesucht seiner Erinnerung zuströmten. Die Methode, die er bei diesen historischen Arbeiten befolgte, hat er später in eigenen, noch ungedruckten Abhandlungen dargelegt. Wie der Künstler einen Torso im Stil und im Geist seines Meisters ergänzt, wie CUVIER aus dem Bruchstück eines Gerippes die Beschaffenheit des Tieres abzuleiten vermochte, so betrachtete BRENTANO die Teile im Licht des Ganzen, wobei die Voraussetzung leitend wurde, daß die Erzeugnisse ein und desselben Geistes, wenn auch nicht immer eine logische, so doch eine psychologische Einheitlichkeit aufweisen müssen. Um diese Eigentümlichkeiten eines Autors kennenzulernen, hielt er es für geboten, sämtliche Leistungen des Betreffenden zu studieren, also auch solche, die anderen Gebieten als den philosophischen angehören Man habe sich gleichsam vom Geist des Autors durchtränken zu lassen. Freilich ist es auch nötig ihm in seinem Sinn philosophierend entgegenzukommen, weshalb nur jemand, der die Probleme und ihre Behandlungsweise kennt, eine Geschichte der Philosophie zu schreiben vermag. Das Studium dessen, was sich bei Vorgängern und Nachfolgern findet, ist zur Ergänzung von Lücken und zum Verständnis unerläßlich. Indem man sich aber den Stand des Wissens zur Zeit der Abfassung des jeweils behandelten Werkes vor Augen hält, wird man die Würdigung des Verdienstes eines Schriftstellers und die Wertung des Wahrheitsgehaltes scharf auseinander zu halten haben.

Nach diesen Grundsätzen sind nicht nur die eigenen aristotelischen Schriften BRENTANOs gearbeitet, auch manche Werke seiner Schüler sind durch sie charakterisiert. So STUMPFs Jugendschrift "Das Verhältnis des platonischen Gottes zur Idee des Guten" (Halle/Saale 1869), die ersten Arbeiten von HERTLINGs und anderer (7).

3. Es ist nur natürlich, daß BRENTANO zu der Zeit, wo er dem Stagiriten als Schüler gegenüber stand, die Kritik zurückdrängte. Damals war sein ganzer Scharfsinn aufzubieten, um der Schwierigkeiten Herr zu werden, die das Verständnis bereitete. Daß ihm hierbei THOMAS von AQUIN bedeutende Dienste leistete, hat BRENTANO nie geleugnet. Allmählich aber wurde sein Auge für die Mängel des aristotelischen Systems geschärft und seine Verehrung für den großen Mann hinderte ihn nicht, dessen unnachsichtlicher Kritiker zu werden.

Während daher die einen BRENTANO wegen seiner Bewunderung und Dankbarkeit für ARISTOTELES als Scholastiker darzustellen lieben, machen ihm andere seine weitgehenden Abweichungen von diesem, besonders seine reformierte Urteilslehre und Logik zum Vorwurf. In der Tat ist es sonderbar, BRENTANO als Scholastiker oder Aristoteliker zu bezeichnen, wo schon die allgemein bekannte Trennung der Vorstellungsklasse von der Klasse der Urteile, die Feststellung, daß es neben prädikativen auch einfach thetische ("Existentialurteile") gibt, die eine entschiedene Verwerfung der halbmaterialistischen Seelenlehre des ARISTOTELES, die Lehre von den obliquen [schrägen - wp] Vorstellungsmodis, die Leugnung der mentalen Inexistenz des Objekts, die Ablehnung der aristotelischen Formenlehre als einer Fiktion, der Nachweis gewisser Fehler seiner Syllogistik und anderes, was bereits in den vorliegenden Publikationen ausgesprochen ist, jedermann zeigen könnte, daß BRENTANO sich oft weiter von ARISTOTELES entfernt, als jene "Modernen", die seine Philosophie als "scholastisch" brandmarken. Noch mehr wird das Lächerliche dieser Etikettierung hervortreten, wenn die Abhandlungen seiner letzten Jahre der Öffentlichkeit vorliegen werden. Seine wahre Meinung hat BRENTANO im Vorwort zu seinem 1911 erschienenen Buch "Aristoteles und seine Weltanschauung" ausgesprochen
    "Gewiß ist die Weisheitslehre des Aristoteles heute als Ganzes unhaltbar, und manche Teile erscheinen als vollständig überlebt. Dennoch bin ich überzeugt, daß man, wenn man sie richtig auffaßt, noch gegenwärtig durch ihr Studium wahrhaft gefördert werden kann."
Aus dieser Überzeugung heraus hat sich BRENTANO entschlossen, im selben Jahr die Schrift "Aristoteles' Lehre vom Ursprung des menschlichen Geistes" erscheinen zu lassen, in welcher er eine neue, freilich um mehr als das Dreifache erweiterte Ausgabe seiner längst vergriffenen Broschüre "Über den Kreationismus des Aristoteles" darbot. Es war ihm hierbei hauptsächich darum zu tun, die seit ZELLER üblichen Entstellungen der aristotelischen Metaphysik und Gotteslehre noch einmal und mit neuen Argumenten zu bekämpfen. Sein wunderbares Gedächtnis, vereint mit der aufopferungsvollen Bemühung seiner Gattin ermöglichte es dem nahezu Erblindeten, diese außerordentliche Arbeit zu leisten.

Mit BRENTANO ist zweifellos der vollkommenste Kenner des ARISTOTELES dahingegangen.

4. Ist es aber verkehrt, BRENTANO einfach unter die Aristoteliker einzureihen, so ist es womöglich noch törichter, ihn zu den "Positivisten" zu zählen. Es ist wohl wahr, daß BRENTANO durch COMTE und die englischen Philosophen wertvolle Anregungen erhalten hat. Im Jahr 1869 ließ er im "Chilianeum" eine Abhandlung über "Auguste Comte und die positive Philosophie" erscheinen. Aber unter "positivem Geist" verstand er hierbei nichts anderes als die Nüchternheit besonnener Forschung, die er der entarteten Philosophie von SCHELLINGs und HEGELs Spekulationen entgegensetzte, die nach seiner Meinung "alles überboten, was die analogen Stadien einer verkommenen Philosophie im Altertum und Mittelalter erzeugt haben". Mit JOHN STUART MILL stand BRENTANO eine Zeit lang (1873) in reger Korrespondenz über die Urteilslehre (8) und nur der Tod MILLs vereitelte eine Zusammenkunft, zu der ihn der englische Denker nach Avignon eingeladen hatte. Noch in seinem letzten Lebensjahr studierte BRENTANO mit größtem Interesse THOMAS REID und diktierte berichtende und berichtigende Abhandlungen über seine Lehre, sowie Darlegungen seines und CLARKEs Zusammenhang mit KANT. Die nationale Unbefangenheit, ein Erbstück seiner Familie, hat ihn davor bewahrt, wie LOTZE in der Berücksichtigung ausländischer Philosophie eine Schädigung deutschen Denkens zu erblicken. BRENTANO hat sich eben in seinem ungestümen Wahrheits- und Freiheitsdrang niemals in andere Fesseln schlagen lassen als jene, die sein eigenes Gewissen als Mensch und Wahrheitssucher ihm auferlegten. Keinerlei Autorität vermochte ihn dauernd zu binden.

5. Im Jahre 1870 trat die bedeutendste Wendung in seinem Leben ein. Schon früher aufgetauchte Zweifel an gewissen Glaubenssätzen brachen hemmungslos hervor, als das vatikanische Konzil das Unfehlbarkeitsdogma verkündete. Denn in diesem Fall glaubte BRENTANO aufgrund seiner Kenntnis der Kirchengeschichte mit aller Sicherheit zu erkennen, daß wenigstens ein kirchlicher Glaubenssatz der Wahrheit widerspricht. Nunmehr hielten sich diese Zweifel für berechtigt, die Schranen der unbedingten Glaubenspflicht zu durchbrechen und sich auf alle Fragen zu werfen, deren Prüfung sie sich bisher versagt hatten (9).

Das Ergebnis, zu dem BRENTANO gelangte, ist bekannt. Er legte 1873 das geistliche Gewand ab und trat zugleich vom Extraordinariat [außerordentlicher Professor - wp] zurück, das ihm 1872 verliehen worden war (10).

Auch für seine beiden jungen Schüler bedeutete jener Wandel den Wendepunkt ihres Lebens: CARL STUMPF verließ 1870 das Seminar und wurde alsbald, 25 Jahre alt, der Nachfolger seines Lehrers auf dem Würzburger Katheder. ANTON MARTY, der bereits die höheren Weihen empfangen hatte, entschloß sich erst nach einiger Zeit - und ohne jede persönliche Beeinflussung BRENTANOs -, der Kirche und seiner Stellung am Lyceum in Schwyz zu entsagen. Am 22. Januar 1874 wurde BRENTANO durch den Minister STREMAYR nach Wien berufen, wo mit ihm ein neues philosophisches Leben einzog.

Am 22. April 1874 hielt er seine Antrittsvorlesung an der Wiener Universität "Über die Gründe der Entmutigung auf philosophischem Gebiet". Mit Mißtrauen hatten die Wiener und hatte besonders die Wiener Studentenschaft die Berufung BRENTANOs aufgenommen. Man sah in ihm nur den ehemaligen Theologen und hoffte nichts weniger als fortschrittliche Anschauungen durch ihn vertreten zu sehen. Die Studentenschaft rüstete sich zu einem wenig freundlichen Empfang. Aber die befürchteten Demonstrationen blieben aus. Machte schon die äußere Erscheinung des Philosophen einen ungewöhnlichen und bedeutenden Eindruck, so verstand er es gleich nach den ersten Worten, die Hörer zu fesseln und als er geendet hatte, durchwogte stürmischer Beifall den Saal. Er hatte über die Gründe gesprochen, aus welchen man in so weiten Kreisen der Philosophie mit Mißtrauen begegnet und gezeigt, daß und warum dieses Mißtrauen unberechtigt ist und indem er das Mißtrauen gegen die Philosophie in seine Grenze wies, wandelte er das Mißtrauen gegen den Philosophen alsbald in sein Gegenteil. Und 20 Jahre lang, während welcher er unter wechselnden Umständen, zuerst als ordentlicher Professor und später als Privatdozent an der Wiener Universität lehrte, bis zu seinem Scheiden von Wien im Jahre 1895 blieb ihm das Vertrauen seiner Hörerschaft bewahrt. Stets las er vor dichtgedrängtem Auditorium. Es ist allgemein bekannt und jeder kann es in BRENTANOs "letzten Wünschen für Österreich" nachlesen, daß und wie seine rückläufige Karriere mit seiner Verehelichung zusammenhing, die erst acht Jahre nach seinem Austritt aus dem Priesterstand erfolgte und von ihm als Konfessionslosen in Sachsen vollgültig geschlossen worden war. Dasselbe gilt von den Gründen, die ihn schließlich nach dem Tod seiner geliebten Gattin bewogen, seiner Lehrtätigkeit vollständig zu entsagen und aus Österreich zu scheiden. Welchen Verlust dies bedeutete, welche Erfolge BRENTANO insbesondere als Lehrer aufzuweisen hatte, geht am klarsten aus der Zahl und dem Ansehen seiner Schüler hervor.

6. Ähnlich wie von HEGEL kann man von seinem Widersacher BRENTANO sagen, daß unter seinen Schülern alle Schattierungen von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken vertreten sind: aus seiner katholischen Zeit ragt sein Vetter, Graf HERTLING, der deutsche Reichskanzler, als konservative Säule hervor und in die Gegenwart herüber; vergeblich mühtesich dagegen der edle HERMANN SCHELL, dessen erste philosophische Werke gleichfalls unter seinem Einfluß entstand (11), eine vermittelnde Stellung einzunehmen und den inneren Zwiespalt durch Anschluß an den Modernismus zu überwinden: desto folgerichtiger schlossen sich CARL STUMPF und ANTON MARTY (12) ihrem Lehrer an. Der Wiener Periode entstammt FRANZ HILLEBRAND, dessen experimentelle Arbeiten zur Sinnesphysiologie rühmlichst bekannt sind und der in früheren Jahren die logischen Reformen BRENTANOs trefflich ausgebaut hatte (13). Freimütig anerkennt EDMUND HUSSERL, einer der erfolgreichsten akademischen Lehrer Deutschlands, wieviel er BRENTANOs Kollegien zu danken hat und unverkennbar reichlich hat ALEXIUS MEINONG, das bekannte Haupt der Grazer Schule und sein Anhänger ALOIS HÖFLER, Professor der Pädagogik in Wien, aus diesen geschöpft. Wie HILLEBRAND verfügt auch MEINONG über ein "Institut für experimentelle Psychologie", das BRENTANO schon 1874 vergeblich für die Wiener Lehrkanzel verlangt hatte. Auch CHRISTIAN EHRENFELS, Professor in Prag, ist hier zu nennen, der allerdings in seinen werttheoretischen Untersuchungen von MEINONG beeinflußt ist und auch bei seinen Spekulationen über die Weltschöpfung sich in entschiedenstem Gegensatz zu der von BRENTANO vertretenen Lehre bewegt. Diese Liste ist übrigens weit davon entfernt, vollständig zu sein. Männer, wie der Sektionschef Freiherr von PIDOLL, Professor JOSEPH CLEMENS KREIBIG, Professor EMIL ARLETH, NORBERT SCHWAIGER, Professor TWARDOWSKI in Lemberg, ALFRED BERGER und viele andere haben mehr oder weniger dauernde Einflüsse von BRENTANOs Lehrtätigkeit erfahren. Durch MARTY sind von Prag aus eine Reihe jüngerer akademischer Lehrer der philosophischen Richtung BRENTANOs zugeführt worden, wie die Professoren ALFRED KASTIL in Innsbruck, JOSEF EISENMEIER in Prag, EMIL UTITZ in Rostock und andere, die als Privatgelehrte (14) wirken.

Wie angedeutet sind von den Genannten gar manche, die einen früher, die ander später von BRENTANO abgezweigt und haben die einen mehr, die andern weniger versucht, auf eigenen Wegen vorzudringen. Niemals aber haben sachliche Differenzen BRENTANOs Freundschaft und wohlwollendes Interesse herabzumindern vermocht; in unermüdlicher Geduld war er stets bereit,, mündlich und schriftlich Einwendungen zu berücksichtigen, Fragen zu beantworten, freilich auch seinerseits scharfe Kritik zu üben. Mit gar wenigen Ausnahmen - ich meine vornehmlich MEINONG und HÖFLER - standen daher die ehemaligen Schüler bis zu seinem Tod in freundschaftlichem Verkehr mit dem Meister.

In dem oben erwähnten Artikel hat dann auch HÖFLER die Gelegenheit ergriffen, anstelle eines guten Nachrufes eine üble Nachrede zu setzen. Die Tatsache, "daß in zahlreichen Nachrufen auf Brentano nur die Lichtseiten seines Wesens zum Aufleuchten kommen", schreibt er teils dem zurückhaltenden Einfluß des Satzes "de mortuis nil nisi bene" [Über Tote soll man nichts Schlechtes sagen. - wp] zu, teils einem Glanz der Persönlichkeit, der so blendete, daß er "ein positives, nicht nur (!) negatives Nachbild hinterließ". Daß ein wohlgebildetes geistiges Auge, wenn es lange an einer so hervorleuchtenden Erscheinung, wie die BRENTANOs, gehaftet hat, die "negativen Nachbilder" im Wettstreit mit den positiven verschwinden läßt, zu dieser Erfahrung scheint Professor HÖFLERs "Psychologie" noch nicht vorgedrungen zu sein und das seine jedenfalls hat die abnorme Neigung, das negative Nachbild selbst bei einem Mann zu bevorzugen, dem er als seinem ersten Lehrer in philosophischen Dingen "aufrichtige und bis heute nicht geschwundene Dankbarkeit", ja "ewige Dankbarkeit" zu schulden bekennt. So zum Beispiel gesteht er wohl, daß es leicht wurde, "über dem inhaltlichen Reichtum" der Vorlesungen BRENTANOs kleine Äußerlichkeiten der Vortragsweise, "die manche blendeten, andere abstießen", einfach zu vergessen, aber HÖFLERs geistigem Auge drängt sich die Erinnerung an sie auch noch nach einem Menschenalter unvergessen auf. Oder er rühmt wohl die intellektuelle Befriedigung, welche die einleuchtende Lösung der "auf das feinste zugespitzten Schwierigkeiten" philosophischer Probleme ihm und anderen Seminarmitgliedern gewährte, er kann aber doch nicht umhin, bei der witzelnden Kritik irgendeines "stud. phil.", der Lehrer "gehe den Problemen hinterrücks zuleibe", mit Behagen zu verweilen. Bei der Schilderung des Eindrucks, den BRENTANOs Erscheinung und Gehaben auf die Wiener Gesellschaft gemacht hat, wird eine Novelle ADOLF WILBRANDTs ausgegraben; nicht etwa, um dagegen zu protestieren, daß jemand in dem sonderbaren "Helden" jener Geschichte auch nur einen wesentlichen Charakterzug BRENTANOs dargestellt sehen wollte, vielmehr im Gegenteil, um die boshafte Unwahrheit zu wagen, "daß Wilbrandt im Namen der ganzen Wiener Gesellschaft gesprochen habe". Ich verzichte darauf, mich auf Erhebungen zu berufen, die ich in dieser Sache gepflogen habe, sondern begnüge mich hier mit den folgenden Bemerkungen:

Der "Gast vom Abendstern" - nicht "aus dem Abendstern", wie HÖFLER zitiert, denn er gleicht einem Fremdling, der vom wirklichen Abendstern herkommt und nicht aus dem Wirtshaus "Zum Abendstern" - wird von WILBRANDT geschildert "als der schmalgewordene Schatten eines edlen Christus", als der "Versuch eines schönen Mannes", der, aus einer fremden Welt stammend, der irdischen abgekehrt bleibt und daher unfähig ist, eine schöne, edle, dem Leben zugewandte Frau, die den Philosophieprofessor und ehemaligen Geistlichen HAMANN mehr aus Mitleid und Herzensgüte als aus Zuneigung heiratet, zu beglücken. Von einem anderen schon früher geliebt, den sie in dieser unglücklichen Ehe selbst lieben lernt, versinkt sie in den Wellen des Meeres, während sie den ungeliebten Mann todesfreudig vom Ertrinkungstod rettet. -

Nicht ein einziger wesentlicher Zug der Erzählung und der Charakterzeichnung ist dem Leben BRENTANOs entnommen. Ich will nicht bei der Symbolik verweilen, die HAMANN als farbenblind darstellt, während BRENTANO das empfänglichste und farbenfreudigste Malerauge besessen hat und auch das Leben selbst und die Welt durchaus nicht grau in grau, sondern als die künstlerische Offenbarung des göttlichen Demiurgen [Seher - wp] zu sehen gewohnt war. WILBRANDT schildert seinen erdfremden Gast als Schwächling. Er läßt ihn seinen Überrock nehmen und sorgfältig zuknöpfen, um seine zarte Gestalt gegen den Wind zu schützen. Im Winter des Jahres 1874 ging BRENTANO nach überstandenen schwarzen Blattern im Belvederegarten spazieren, mit offenem Pelz, unter dem er nichts als Hose und Hemd trug. Als Sechziger durchschwamm er die Donau bei Schönbühel. Ich selbst sah ihn im hohen Ater, auf das dürftigste gekleidet, im Garten arbeiten. Weit entfernt, zaghaft zu sein, liebte BRENTANO kühne, ja waghalsige Unternehmungen: auf einer solchen hätte er beinahe im Jahr 1890 durch nächtliches Kentern eines Fahrzeugs, eines einfachen Fischerkahns, auf der Fahrt Schönbühel-Wien, sein Leben eingebüßt. Wie das Gegenteil eines körperlichen Schwächlings war BRENTANO auch aller mystischen Philosophie abgeneigt. WILBRANDT drückt aber schon durch den Namen HAMANN aus, daß sein Held der Mystik huldigt. Für BRENTANO war die Philosophie der Mystik der tiefste Verfall des philosophischen Denkens. Nicht nur sein Vortrag über PLOTIN beweist dies. WILBRANDT spricht von HAMANNs "poetisierender, nicht rein wissenschaftlicher Richtung" als einer vielbespöttelten. Aber BRENTANO hat den Grundsatz naturwissenschaftlicher Methode schon im Jahr 1866 verkündet und von HÖFLER selbst hören wir, daß er in BRENTANO den ersten Lehrer gefunden hat, der ihn im philosophischen Denken ebenso strenge Maßstäbe anzulegen anwies, wie in mathematischen und physikaischen Wissenschaften. HÖFLER erzählt uns von den "vielen Dozenten, Lehrern und in anderen Berufen Stehenden", die "neben Hunderten von Schülern" sich um BRENTANOs Katheder scharten. Ist es also nicht eine offenkundige Unwahrheit, daß WILBRANDT "im Namen der ganzen Wiener Gesellschaft" gesprochen hat? Wahr ist nur das eine, daß WILBRANDT äußerliche Züge aus dem Leben und der Gestalt BRENTANOs entlehnte, um über sie ebenso hemmungslos zu phantasieren, wie über jene Frauengestalt, die den Widerpart HAMANNs bildet. In jenem Teil der "Wiener Gesellschaft", den man den Wiener Salon zu nennen pflegte und der nichts als solche Äußerlichkeiten erfassen konnte, mochte dieses Verfahren jenes pseudo-ästhetische Vergnügen ausgelöst haben, das ARISTOTELES als die Freude des Wiedererkennens (hoti ontos ekeinos) bezeichnet.

In dieser Welt allerdings war BRENTANO ein Fremdling, da ihre diesseitige Lebensauffassung der seinen durchaus entgegengesetzt war. Wie sehr übrigens BRENTANOs erste Frau ihn liebte,, ja vergötterte, wissen alle, die sie kannten. Ihre Briefe an MARTY, den Freund ihres Gatten, sind in unseren Händen. Und seine zweite Frau schrieb mir, Witwe geworden: "Was wir verloren haben, war ein Schatz an Güte, Menschenliebe, Tugend und Wissen, fast zu groß für diese Welt." Und wie spiegelt sich dieser Mann in WILBRANDTs Novelle? "Ein Schatten ist er; alles, was er sagt, alles, was er tut, alles nur ein Schatten" - In Wahrheit ist nicht ein Schatten von BRENTANOs Wesen in diesem blutleeren Gespenst wiederzufinden. Wohl aber zeigt sich das wahre Antlitz des "wehmutvollen, dankbaren" Schülers, der dieses Phantom als wohlgelungenes Porträt ausgibt.

Aber nicht genug! Wo HÖFLER BRENTANOs Lehre vom Göttlichen berührt, in deren wissenschaftlicher Begründung BRENTANO mit LEIBNIZ das höchste Ziel der Metaphysik erblickte und deren Verkennung ihm nicht nur ein Zeichen mangelnden philosophischen Sinnes zu sein schien, sondern stets ein Gefühl mitleidigen Bedauerns für den dieser höchsten Erkenntnisse Beraubten hervorrief, da berichtet der "dankbare Schüler", daß jeder Gedanke an SCHOPENHAUER, "diesen Leugner des maker, bei BRENTANO Zeichen des Abscheus erweckt hat, die uns schier an gewisse lustige Zeichnungen des Wilhem Busch erinnerten". Nachdem HÖFLER auf diese Weise die Gestalt des toten Lehrers zur Karikatur herabgewürdigt hat, gelobt er, wenn die Leser es so wünschen sollten, "übers Jahr", "wenn die Wehmut (!) verschmerzt ist", "wenn das Grab nicht mehr dunkel, sondern wieder begrünt ist" - dem Lichtbild den Schatten beizufügen. Übers Jahr also wird die traurige Gestalt HÖFLERs, dessen Auge nicht imstande ist, ein Lichtbild von einer Karikatur zu unterscheiden, wieder auftauchen, um in "ewiger Dankbarkeit" den frisch begrünten Rasen mit noch grünerem Gift zu besprengen. "Wodurch Brentano so viel Bewunderung und so viel Haß erregt hat", das soll der Leser erst dann vollständig erfahren. Wodurch er sich aber den Ingrimm HÖFLERs zugezogen hat, das wird uns jetzt schon verraten: ein amtliches Gutachten MARTYs über die unter Mitwirkung MEINONGs von HÖFLER verfaßte Logik habe das Tischtuch zwischen diesen beiden und BRENTANO zerschnitten. BRENTANO wird also für ein Schriftstück verantwortlich gemacht, das nicht er, sondern MARTY verfaßt hat und das er für den Gebrauch der Unterrichtsbehörde, keinesfalls aber für den Mißbrauch durch HÖFLER bestimmt glaubte. Hierbei soll das "seltsame Wort": "Höfler hat sich, durch Meinong verführt, eines Abfalls von der richtigen Lehre schuldig gemacht" der Stein des Anstoßes gewesen sein. -

Da ich im Nachlaß MARTYs jenes Schriftstück vorgefunden habe, so kann ich versichern, daß von "Verführung und "verschuldetem Abfall" darin nicht die Rede ist. Wohl aber bemängelt MARTY, "daß die Verfasser des Lehrbuches von Untersuchungen BRENTANOs Gebrauch machen, die bisher bloß Gegenstand mündlicher Vorlesungen gewesen oder privater Mitteilung waren, obwohl das Lehrbuch eine solche Quelle nirgends angibt".

Nicht nur also, wer an dem "zerschnittenen Tischtuch" vordem als freigiebiger Wirt und wer als Kostgänger gegessen hat, sehen wir deutlich, sondern auch, daß jene Hand es zerschnitten hat, die soeben noch von dem Aufgetischten reichlich davongetragen hatte.

Wie es aber mit der Wahrheit und Wahrhaftigkeit der Behauptung bestellt ist, BRENTANO habe fast alle reifgewordenen Schüler eines Abfalles von der richtigen Lehre für "schuldig" befunden und wohl auch über persönlichen Undank klagen zu müssen geglaubt, ist aus der Tatsache zu ersehen, daß nahezu sämtliche Schüler mit Ausnahme von MEINONG und HÖFLER mit BRENTANO im Verkehr blieben, obgleich sie sich in mannigfachem Gegensatz zu diesen oder jenen Lehrsätzen BRENTANOs befanden und ernste Auseinandersetzungen hierüber nicht ausgeblieben sind. Es ist aber eine maßlose und gehässige Übertreibung, ihn als eine Großinquisitor hinzustellen, der jeden, der nicht zur "Orthodoxie" gehörte, in Acht und Bann tat, und unwürdig ist es, auch andere dazu zu verführen, ihn "orthodoxer Ketzerrichterei" zu beschuldigen, wie dies dem Grazer Kreis bei Dr. ÖSTERREICH gelungen ist, der in der "Deutschen Literaturzeitung" vom 16. Juli 1913 in einer Anzeige von MEINONGs Schriften diesen Vorwurf erhebt, ohne auch nur den geringsten Beweis hierfür zur Verfügung zu haben und haben zu können.

Wahr ist, daß BRENTANO an einer Stelle seines "Ursprungs sittlicher Erkenntnis" (Seite 84), ohne MEINONG zu nennen, dessen Lehre von den "evidenten Vermutungen" für widersinnig erklärt und das Bedauern ausgesprochen hat, daß Vorleseungen aus der Zeit, da er noch Überzeugungsgrade für Urteilsintensitäten hielt, zu solchen Verirrungen den Anlaß gegeben zu haben scheinen. MEINONG benützte hierauf eine Rezension über KRIES in den "Göttinger Gelehrten Anzeigen" 1890 zu höhnischen Ausfällen gegen BRENTANO, dem er die Grundlagen seiner Stellung und seines geistigen Besitzes zu danken hatte.
So tiefgehend mitunter die Verschiedenheiten sind, die zwischen BRENTANOs Lehren und jenen seiner Schüler bestehen, so ist die Eigenart von BRENTANOs Denken dennoch so starkt, daß jedem, der durch seine Schule gegangen ist, ein unauslöschlicher Zug aufgeprägt ist, der es dem Kenner BRENTANOs ermöglicht, diesen character indelebilis [untilgbares Prägemal - wp] auch in Arbeiten solcher Schüler wiederzuerkennen, die das übernommene Lehrgut mannigfachen Umgestaltungen unterzogen haben. Noch leichter ist dies selbstverständlich bei jenen der Fall, die selbst an Lehren festhalten, die BRENTANO inzwischen als irrig erkannt und in unablässiger Selbstkritik verlassen hat. Was nicht selten und in höchst wichtigen Fragen geschehen ist.

7. Mit dem Einfluß BRENTANOs auf seine engere und weitere Schule ist jedoch seine Einwirkung auf die philosophische Forschung und das Geistesleben der Gegenwart bei weitem nicht erschöpft. Die Grundgedanken seiner deskriptiven Psychologie, das ist einer Phänomenologie des Bewußtseins, haben alle Psychologen und Erkenntnistheoretiker genötigt, zu BRENTANO Stellung zu nehmen, sie mögen seinen Namen nennen oder nicht. Seine Forschungen zur Philosophiegeschichte gehören zu den klassischen Erzeugnissen der Literatur. Eine ersprießliche Untersuchung auf irgendeinem dieser Gebiete ohne sorgfältige Berücksichtigung der Arbeiten BRENTANOs ist schlechterdings ausgeschlossen. Dabei müssen wir sagen, daß seine Leistungen ihrem vollen Einfluß und Wert nach einfach aus dem Grund noch nicht geschätzt werden konnten, weil sie, wie erwähnt, nur zum geringsten Teil veröffentlicht sind, und BRENTANOs Anteil an den Publikationen seiner Schüler bisher nicht kontrolliert werden konnte. In Florenz, in Zürich, in Schönbühel ruhen ungezählte Manuskripte und Kollegienhefte, mit deren Herausgabe erst ein Überblick über die schriftstellerische Tätigkeit BRENTANOs wird gewonnen werden können. Und die Zeit wird immer reifer werden, den Wert dieser Philosophie zu würdigen, je deutlicher sich die Fruchtbarkeit dessen erweisen wird, was heute schon von BRENTANOs Lehrgut unter seiner oder unter falscher Flagge segelt und je mehr die Hochflut unserer philosophischen Übergangsperiode sich verlaufen haben wird.

8. Es war BRENTANOs Überzeugung, daß wir in einer Übergangszeit leben. In seinem bei Cotta erschienenen Vortrag "Die vier Phasen der Philosophie und ihr augenblicklicher Stand", mit welchem BRENTANO im Jahr 1895 von seinen Wienern Abschied nahm, hat der Philosoph dargelegt, wie nicht nur im Altertum und Mittelalter, sondern auch in der Neuzeit eine aufstrebende Blütezeit philosophischen Forschens durch drei absteigende Stufen verfallender Produktion abgelöst wurde: das erste Verfallsstadium ist gekennzeichnet durch eine Abnahme des theoretischen Interesses und ein Vorwiegen praktischer, meist populär aufklärerischer Bestrebungen: so die Epikuräer und Stoiker im Altertum, die auf PLATO und ARISTOTELES, die Aufklärungsphilosophie des 18. Jahrhunderts, die auf LOCKE, CARTESIUS und LEIBNIZ folgte. Das zweite Stadium des Niedergangs ist jenes, in welchem der Zweifel als natürliche seelische Reaktion den dogmatischen Schlummer stört, in der Neuzeit besonders energisch vertreten durch DAVID HUME. Schließlich ein drittes, mystisches Stadium, in welchem der durch die Skepsis unbefriedigte Menschengeist zu willkürlichen und unnatürlichen Mitteln greift, um in den Besitz der erhabensten Wahrheiten zu gelangen; im Altertum folgte auf die Skepsis die mystische Schule der Neupythagoräer und Neuplatoniker, die sich mit dem mystischen Geist des Judentums vermählte, im Mittelalter zogen nominalistische Tendenzen eine ausgesprochen mystische Phase nach sich, in der Neuzeit wurde HUME durch die spekulative Epoche abgelöst, die mit KANTs Willkürlichkeiten anhebt, um in HEGEL, FICHTE und SCHELLING ihren Höhepunkt oder vielmehr ihren wissenschaftlichen Tiefstand zu erreichen (15). Durch sie wurde die Philosophie zum Gespött der Naturwissenschaft. Ihrer Unmethode setzte BRENTANO bereits anläßlich seiner Habilitation im Jahr 1866 die damals höchst anstößige These entgegen: "vera philosophiae methodus nulla alia nisi scientiae naturalis est." Die wahre Methode der Philosophie ist keine andere als die der Naturwissenschaften. "Diese These und was damit zusammenhängt", schrieb im Jahre 1892 CARL STUMPF an BRENTANO, "war es auch, die Marty und mich mit Begeisterung an Ihre Fahne fesselte." - Um diese Fahne werden sich allmählich all jene scharen, welche die Philosophie aus einem Tummelplatz phantastischer Spekulationen zu einer Stätte wissenschaftlicher Forschung machen wollen. Dieses Verdienst BRENTANOs allgemein anzuerkennen ist man freilich auch heute noch in eben dem Maß entfernt, als man in der spekulativen Epoche die klassische Zeit der deutschen Philosophie zu erblicken gewohnt ist, ja, als man überall in germanischen und romanischen Landen eine Nachblüte jener Pseudowissenschaft als Neuhegelianismus, Neufichteanismus und dergleichen üppig wuchern sieht.

So gering schätzt BRENTANO die wissenschaftliche Bedeutung dieser Männer ein - von ihrer kulturhistorischen und nationalen ist hier nicht die Rede -, daß er es als methodischen Grundsatz empfiehlt, beim Studium und bei der Darstellung der Philosophiegeschichte, die vor allem eine Problemgeschichte zu sein hat, von Erscheinungen dieser Art möglichst zu abstrahieren. In seinem ungedruckten Vortrag "Zur Methode der historischen Forschung auf philosophischem Gebiet" (April 1888) erklärt er das Interesse an Systembildern dieser Art als ein vorwiegend pathologisches. Der Historiker habe bei der Wahl des zu behandelnden Stoffes die Pflicht, Erzeugnisse solcher Art, die eine Förderung der Wissenschaft nicht zeitigen konnten, beiseite zu lassen, mögen sie auch von Berufsphilosophen stammen, während ihm andererseits obliegt, vieles aufzunehmen, was philosophisch Bedeutsames von Nichtphilosophen geleistet wurde, wie die Paralipomena von PASCAL, FERMAT, BERNOUILLI, LAPLACE, FRANKLIN, JOHANNES MÜLLER, DARWIN, THOMSON, HELMHOLTZ, HERING usw.

9. Im Jahre 1893 sah sich BRENTANO in seinem Vortrag über "Die Zukunft der Philosophie" abermals genötigt, die wahre Methode der Philosophie gegen Angriffe zu verteidigen. Daran nicht genug, mußte er neuerdings, im Jahre 1911, im Anfang zu seiner Schrift über die "Klassifikation der psychischen Phänomene", den gegen ihn erhobenen Vorwurf "psychologistischer" Methode abwehren und sich das Recht wahren, Begriffsdichtungen und Fiktionen als Undinge zu entlarven, ohne deswegen als Subjektivist verdächtigt werden zu dürfen.

Wollte man freilich mit dem Namen "*Psychologismus" nichts weiter verstehen als jene Auffassung, welche die Psychologie als eine der wichtigsten Nährquellen philosophischer Forschung und neben der Metaphysik als die in sich wertvollste Disziplin erklärt, so würde diese Bezeichnung, weit entfernt, einen Tadel auszusprechen, das Lob enthalten, daß BRENTANO der Philosophie jenen wissenschaftlichen Charakter erhalten, bzw. wiedererwerben will, den sie zu den Zeiten der aufsteigenden Blütestadien besessen hat, zu Zeiten eines PLATO und ARISTOTELES, eines DESCARTES, LOCKE und LEIBNIZ. Denn indem BRENTANO zeigt, wie die anderen philosophischen Disziplinen mit der Psychologie verbunden sind und von ihr nicht losgetrennt werden können, ohne ihrer vorzüglichsten Nährquelle beraubt zu werden, wahrt er der Philosophie ihren wissenschaftlichen Charakter.

Freilich muß die Psychologie selbst nach einer angemessenen Methode getrieben werden. Diese Methode hat BRENTANO nun dadurch außerordentlich gefördert, daß er größten Nachdruck auf die Scheidung der sogenannten deskriptiven Psychologie ("Psychognosie"), von der genetischen Psychologie. Es handelt sich hierbei um nichts andere als darum, eine Verwirrung der Fragestellung zu verhüten: die genetische (großenteils physiologische) Psychologie fragt nach der Entstehung der Bewußtseinszustände; die deskriptive hat sozusagen das seelische Inventar aufzunehmen, zu beschreiben und zu klassifizieren. Diese Frage nach dem Was? muß erledigt sein, ehe die Frage nach dem Wodurch? mit Erfolg in Angriff genommen werden kann. Die deskriptive Psychologie oder Psychgnosie weist die sämtlichen letzten psychischen Bestandteile auf, aus deren Zusammensetzung die Gesamtheit des jeweiligen Bewußtseinszustandes sich analog ergibt, wie die Gesamtheit der Worte aus den Buchstaben. Was uns die Wahrnehmung unserer psychischen Zustände in evidenter aber konfuser Weise zeigt, das hat die psychologische Analyse und Reflexion zur Klarheit und Deutlichkeit zu erheben. Wenn es einmal festgestellt ist, daß alle Elemente unserer Denkgegenstände Anschauungen entnommen sind, so kann zu einer vollständigen Übersicht über dieselben gestritten werden, wie sie schon Früheren vorgeschwebt hat. Ein gewisser Hochstand des deskriptiven psychologischen Wissens ist Vorbedingung für eine gedeihliche Inangriffnahme der genetischen Psychologie. Dies hat man vor BRENTANO und auch heute noch nicht genügend erkannt. Er selbst kam erst in der Wiener Zeit zur klaren Erkenntnis der Wichtigkeit dieser Trennung.

10. In der Psychologie vom empirischen Standpunkt hatte BRENTANO diese Scheidung noch nicht durchgeführt. Mit der erkannten Notwendigkeit einer solchen Trennung deskriptiver und genetischer Fragen hängt es zusammen, daß der 1. Band der Psychologie keine Fortsetzung gefunden hat. BRENTANO scheute vor einer vollständigen Umarbeitung zurück und zog es vor, Einzeluntersuchungen zu veröffentlichen. Von diesen behandeln wohl nur der Vortrag über das Genie und die Abhandlung über das optische Paradoxon genetische Fragen, jener Probleme der Assoziationslehre, diese die Ursachen der betreffenden Urteilstäuschungen. Übrigens war schon der weitaus überwiegende Teil der "Psychologie" deskriptiver, "psychognostischer" Natur. Ihren Kern bildete ja die neue "Klassifikation der psychischen Phänomene" und ihre Scheidung in Vorstellungen, Urteile und Gemütstätigkeiten, insbesondere die reformierte Urteilslehre. Als BRENTANO daher 1911 vor die Frage ihrer Neuauflage gestellt wurde, entschied er sich für den Neudruck dieser zentralen Kapitel. Wichtige genetische Untersuchungen schieden dadurch aus, so insbesondere seine treffende Kritik des psychophysischen Grundgesetzes, in welcher er als erster auf den von FECHNER ("In Sachen Psychophysik", Seite 45) selbst als gewichtigste Einwendung bezeichneten Umstand hingewiesen hatte, daß eben merkliche Zuwüchse nicht gleich merklich zu sein brauchen (16). Auch das wichtigste Kapitel über die Einheit des Bewußtseins und die Evidenz der inneren Wahrnehmung ist leider weggefallen. - Beim Rest entschied sich BRENTANO für den unveränderten Abdruck, obgleich er in manchem fundamentalen Punt in mehr als dreißigjähriger Forscherarbeit zu Fortbildungen, ja zu wesentlichen Berichtigungen geführt worden war. Sie sind teils in Fußnoten, größtenteils aber im Anhang niedergelegt. BRENTANO sagt selbst von diesem Nachtrag:
    "Ich weiß wohl, daß die Gedrängtheit der Darstellung das Verständnis nicht erleichtert, umso mehr habe ich mich großer Präzision im Ausdruck beflissen."
Trotz dieser Genauigkeit und trotz der Fülle neuer Gesichtspunkte ist das Buch samt Anhang vollständig unbeachtet geblieben. Nur MARTY hat es wiederholt ausführlich berücksichtigt, jedoch auch ihm sind bei der Deutung dieser allzu aprioristischen Bemerkungen Mißverständnisse unterlaufen, die selbst durch die mit BRENTANO geführte Korrespondenz nicht beseitigt wurden.

11. Berichtigungen seiner Psychologie vom empirischen Standpunkt hatte BRENTANO jedoch schon vor dem Jahr 1911 mehrfach vorgenommen. So erkannte er es bald als einen Irrtum, wenn die herrschende Lehre jeder psychischen Beziehung ausnahmslos Intensität zuspricht und insbesondere der Grad der Überzeugung und Bevorzugung als Unterschiede der Intensität gefaßt zu werden pflegt. Im "Ursprung sittlicher Erkenntnis" (Seite 57 und 84) weist er auf diesen Fehler hin In der "Klassifikation" (Seite 139) kommt er darauf zurück. Seine berichtigte Intensitätslehre trägt er in den "Untersuchungen zur Sinnespsychologie" vor, wo Intensität als Dichte der Erscheinungen im Sinnesfeld gefaßt wird. In demselben Werk erfährt die Lehre vom primären und sekundären Objekt eine erhebliche Veränderung, auf die er in der "Klassifikation" (Seite 128) zurückkommt. Auf die in den "Untersuchungen" enthaltene Abhandlung "Von der psychologischen Analyse der Tonqualitäten in ihre eigentlich ersten Elemente" haben neuerdings STUMPF und RÈVÉSZ hingewiesen. Auch die nicht weniger bedeutenden Vorträge "Über Individuation, multiple Qualität und Intensität sinnlicher Erscheinungen", sowie "Vom phänomenalen Grün" sind jüngst durch STUMPF eingehender berücksichtigt worden. (17) Die Fachliteratur wird daher diese Schriften wohl nicht länger ignorieren; (18) die konzise Fassung dieser Abhandlungen läßt im Rahmen der vorliegenden Publikation nicht einmal eine Andeutung ihres Inhaltes zu; sie enthalten die hauptsächlichsten Ergebnisse der sinnespsychologischen Forschung BRENTANOs bis zum Jahr 1907.

Eine weitere Fortbildung erfuhr die Urteilslehre. Im ersten Band der Psychologie hatte BRENTANO noch nicht erkannt, daß es zusammengesetzte Urteile gibt, die prädikativen nämlich, bei denen das Prädikatsurteil auf das Subjektsurteil aufgebaut ist. So zeigt z. B. die Analyse der Formel S ist P, daß das Subjektsurteil in der Anerkennung des Subjekts S besteht und dieses der Grundbestandteil des Doppelurteils ist, den der zweite Teil in der Art zur Voraussetzung hat, daß er, indem der darauf Bezug nimmt, davon unabtrennbar ist. Im "Ursprung sittlicher Erkenntnis" (weiterhin zitiert als "Ursprung") Seite 57 und Seite 119 wird diese Neuerung erwähnt; im Anhang zur "Klassifikation" (Seite 151) kommt BRENTANO ausführlich auf ihre Konsequenzen für die Logik zu sprechen. Es hängt nämlich mit dieser Modifikation eine weitere Änderung zusammen. Eine BRENTANO die Natur des Doppelurteils entdeckt hatte, mußte er glauben, daß jedes Urteil, möge es in kategorischer, hypothetischer oder disjunktiver [unterscheidender - wp] Form ausgesprochen werden, ohne die geringste Änderung des Sinnes in der Form eines Existentialsatzes sich ausdrücken lasse. "Irgendein Mensch ist krank" war ihm synonym mit "ein kranker Mensch ist" (= "es gibt einen kranken Menschen"). - Nun aber mußte er lehren, bei Sätzen, die der Ausdruck von Doppelurteilen sind, sei die existenziale Formel nicht synonym, sondern bloß logisch äquivalent. Die Formel "S ist P" drückt eben nicht wie die Logik gewöhnlich fingiert, ein einfaches Urteil aus, sondern ein zusammengesetztes; "ein Mensch ist krank" kann daher nicht synonym sein mit "ein kranker Mensch ist", weil "kranker Mensch" eine Verbindung ist, die sich vollständig im Vorstellungsgebiet, nicht im Bereich des Urteils, abspielt (Seite 134 der "Klassifikation"). - Die Urteilslehre BRENTANOs hat bekanntlich in MARTY ihren vorzüglichsten Verteidiger und Interpreten gefunden. Zu ihrem Verständnis wird die eben erschienene Ausgabe der Artikel MARTYs über die subjektlosen Sätze im ersten Teil des zweiten Bandes seiner "Gesammelten Schriften" dienlich sein Professor KASTIL hat diesem Band eine instruktive Einleitung vorangeschickt, in welcher auf die Weiterentwicklung von BRENTANOs Lehre Rücksicht genommen ist. Auch in den Anmerkungen finden sich Hinweise und Vergleiche (19).

12. Den bei der Klassifikation der psychischen Tätigkeiten leitenden Gesichtspunkt, der wohl schon ARISTOTELES und Späteren mitunter vorschwebte, den aber vor BRENTANO kein Psychologe klar ausgesprochen hat, die Beziehung zu etwas als Objekt, sowie die Einteilung in Vorstellungs-, Urteils- und Gemütsbeziehungen hat BRENTANO unverändert beibehalten und im Anhang zur "Klassifikation" (weiterhin zitiert als "Anhang") durch neue Gründe und eine Abwehr von Einwendungen gestützt. Vorübergehend allerdings glaubte er die Klasse der "Vorstellungen" fallen lassen zu müssen. In den Jahren 1902-1905 erwog er diese Fragen. Schließlich schrieb er an MARTY:
    "Ich muß bemerken, daß, wenn ich von Aristoteles zu mir selbst mich zurückbekehrend die Vorstellung als besondere Grundklasse statuiee, ich dieser Klasse schon 1. die Modi der Zeit als Vorstellungsweisen, 2. auch das Attributieren (ähnlich wie das phantastische Umbilden) zuerkenne. Das bejahende und verneinende Urteil, wie auch Lieben und Hassen inhärieren [innewohnen - wp] dem Vorstellen, sowohl dem einfachen wie auch dem attributierenden."
Über dieses attributierende synthetische Vorstellen ist im "Anhang", Seite 134, Einiges gesagt. - Die Dreiteilung der seelischen Beziehungen ist wohl jene Lehre BRENTANOs, die auch in wissenschaftlichen Kreisen als die für ihn charakteristischste gilt; sie ist, wenn man von vereinzelten Äußerungen bei CARTESIUS absieht, auf die BRENTANO übrigens selbst im "Ursprung" (Seite 51) hingewiesen hat, sowohl ihm durchaus eigentümlich, als auch von einschneidenster Bedeutung, für die Psychologie und für die Philosophie überhaupt. Die Stellungnahme zu ihr hängt vor allem vom Standpunkt ab, den man seiner Verdeutlichung des Bewußtseins gegenüber einnimmt. Das Wesentliche jedes "psychischen Phänomens" sah er, wie oben bemerkt, schon als er die "Psychologie" schrieb, in der Richtung auf ein "Objekt", in der sogenannten intentionalen Beziehung, die er jedoch damals noch als "mentale Inexistenz des Objekts", als "immanente Gegenständlichkeit" auffaßte. Diese Lehre von der Einwohnung des Objekts erkannte er jedoch etwa zur selben Zeit, als er die Vorstellungsmodi einführte, als eine verfehlte Deutung des wahren Sachverhaltes, als eine Fiktion. Das freilich bleibt wahr, daß jedes psychische Tätige sich auf etwas bezieht und zwar bezieht es sich nach BRENTANOs definitiver Lehre ausnahmslos auf Dinge (Reales). Stelle ich etwas vor, so mache ich ein Ding zu meinem Objekt oder ich beziehe mich seelisch auf ein Ding (20). Doch wie immer der Umstand, daß sich die psychische Tätigkeit auf etwas als ihr Objekt bezieht, für sie charakteristisch ist, ist doch der Begriff der "psychischen Tätigkeit" und jener der "Beziehung zu etwas als Objekt" zu unterscheiden. Das zeigt sich schon darin, daß jedes psychisch Tätige sich auf sich selbst als Objekt bezieht, aber nicht primär, sondern sekundär, wie ARISTOTELES sagt, "en parergo". Bei einheitlicher psychischer Tätigkeit ist also allemal eine Mehrheit von Beziehungen und Objekten gegeben. Nicht die Scheidung nach der Verschiedenheit der Objekte aber, sondern die nach der Differenz der Beziehungsweisen ist, wie schon die "Psychologie" lehrte, die fundamentalste. Man hat sich nur davor zu hüten, die Rede vom gegenständlichen Innewohnen für mehr zu nehmen, als was MARTY eine "innere Sprachform" genannt hat.

Von der "Psychologie" unterscheidet sich die spätere "Klassifikation" nun noch dadurch, daß auch die Beziehungsweise des Vorstellens sich noch in weitere Unterabteilungen differenziert. Es kann nicht nur bald eine an erkennende, bald eine verwerfende Urteilsbeziehung, bald eine liebende, bald eine hassende Gemütsbeziehung dasselbe Ding zum Gegenstand (Objekt) machen, sondern es können auch zwei Vorstellungen trotz Gleichheit des Objekts modal verschieden sein. Die Lehre von den Modis des Vorstellens nimmt nun in der fortgeschrittensten Psychologie BRENTANOs einen breiten Raum ein und dringt bis in die feinsten Verzweigungen der Erkenntnistheorie. Im Vordergrund steht hierbei die Scheidung in einen modus rectus und einen modus obliquus. Der Gedanke ist sehr einfach: Jeder z. B., der etwas Relatives vorstellt, denkt zwei Dinge, wovon er das eine (das Fundamentum)  modo recto [mit ontologischer Verpflichtung - wp], das andere (den Terminus) modo obliquo [ohne ontologische Verpflichtung - wp] vorstellt. Dies gilt vor allem von jedem, der etwa eine psychische Beziehung vorstellt. (21) Denke ich einen Blumenliebenden, so stelle ich den Blumenliebenden in recto, die Blumen in obliquo vor. Ähnlich auch bei anderen relativen Bestimmungen: denke ich eine Menschenmenge, kleiner als 1000 Trillionen, so denke ich die "Menschenmenge" modo recto "1000 Trillionen" modo obiquo. Auf einige Konsequenzen dieser Lehre werden wir mehrfach Gelegenheit haben hinzuweisen.

13. Erkenntnistheoretisch bedeutsam ist unleugbar schon die neue Deutung des "gegenständlichen Innewohnens", die Leugnung der mentalen Inexistenz des Objekts. Nicht davon will ich reden, daß sie von vornherein jedem ontologischen Gottesbeweis nach Art von ANSELMs Argumentation den Boden entzieht, (22) sondern auch jener Spielart des Phänomenalismus, wie sie von KANT oder SCHOPENHAUER vertreten wird. - Man vergegenwärtige sich nur, daß bei der psychischen Beschäftigung mit einem Ding - gleichgültig ob es sich um eine anschauliche oder begriffliche Vorstellung handelt - von einer Existenzweise des Objekts im Verstand, Geist oder Bewußtsein nicht die Rede sein kann. "Als Phänomen sein" heißt "als Vorgestelltes sein", und daß etwas als "Vorgestelltes" ist, besagt nichts weiter, als daß ein es Vorstellender ist. Wenn KANT lehrte, daß wir bloß einer phänomenalen Wahrheit fähig sind, so erklärt BRENTANO dies für geradezu absurd.
    "Denn was versteht man unter einem Phänomen? Etwas, was einem erscheint. Die Behauptung, es bestehe etwas als Phänomen, es bestehe aber nicht etwa das Phänomen Habende als Ding-ansich, ist also ein greifbarer Widerspruch. Wollte einer sagen, auch der das Phänomen Habende besteht nur als Phänomen, so müßte er sagen, daß etwas anderes, das ihn zum Phänomen hat, ansich existiert und als ansich seiend erkannt wird. das an erster Stelle genannte Phänomen bestünde dann nicht in recto, sondern in obliquo werden usw. ins Unendliche. Bei einer solchen Verschiebung bliebe aber immer die Anerkennung eines ein Phänomen in recto Habenden, als ansich seiend, nicht zu umgehen. So geht dann auch im Gegensatz zu dem, was Kant lehrt, jede Wissenschaft nicht auf die Erforschung einer sogenannten phänomenalen Wahrheit, sondern der Wahrheit ansich aus." (aus dem Entwurf einer Metaphysik vom 23. Mai 1916).
Da BRENTANOs Psychologie in der intentionalen Beziehung das Wesentliche jeden Bewußtseins sieht, so ist nach ihm selbstverständlich jedes Bewußtsein ein Gegenstandsbewußtsein. Niemals fehlt etwas, worauf wir uns seelisch beziehen, auch nicht dort, wo manche ein Zustandsbewußtsein ohne Objekt annehmen zu müssen glauben. In seinen "Untersuchungen zur Sinnespsychologie" (Seite 122f) zeigt er, wie der Schein objektloser Gefühle bei den Affekten dadurch entsteht, daß dasjenige, worauf sich diese Lust- oder Unlustgefühle unmittelbar richten, das sekundäre Objekt, d. h. der Empfindungsakt, ist und nicht die räumlich ausgebreitete Qualität, welche das primäre Objekt der Empfindung bildet.

Eine Psychologie, die, wie etwa jene ERNST MACHs und seiner Anhänger, die Scheidung von Fundament der psychischen Beziehung und Terminus derselben grundsätzlich aufhebt, steht, wie man schon aus diesen Andeutungen sieht, zu allem, was BRENTANO als fundamentale Voraussetzung psychologischer Analyse betrachtet, in einem unüberbrückbaren Gegensatz.

Freilich haben auch solche, die die verschiedenen Weisen der intentionalen Beziehung als Klassifikationsprinzip anerkennen, die Dreiteilung BRENTANOs mitunter verlassen. Unvollständigkeit ist es nicht, was man ihr vorwerfen kann; denn was KANT und andere als Denken zusammenfassen, zerlegt BRENTANO in Vorstellen und Urteilen, und was diese als Fühlen und Wollen trennen, faßt er als Gemütsbeziehungen zusammen. Es ist also offenbar die Richtigkeit der Einordnung, die in Zweifel gezogen wird.

BRENTANO hat im "Anhang" Gelegenheit genommen, auf einige dieser Bedenken zu begegnen.

14. Wohl der auffälligste Punkt der jüngsten Lehren BRENTANOs ist die Behauptung, daß wir nichts anderes als Dinge (Reales) zu Objekten haben können. Nach seiner früheren Ansicht gab es auch Vorstellungen von Nicht-Realem; seine Altersphilosophie kennt nur Reales. Nur Reales kann vorgestellt werden. Er argumentiert folgendermaßen:
    "Der Begriff des Vorstellens ist ein einheitlicher; der Name univok [eindeutig - wp] nicht aequivok [mehrdeutig - wp]. In diesem Begriff liegt es, daß jedes Vorstellen etwas vorstellt und es könnte, wenn dieses Etwas nicht selbst eindeutig wäre, auch der Name "Vorstellen" nicht eindeutig sein. Ist dies gewiß, so ist es auch unmöglich, daß unter dem Etwas bald ein Ding, bald ein Nicht-Reales zu verstehen ist. Denn es gibt keinen Begriff, der Realem und Nicht-Realem gemeinsam sein könnte."
Als ein nichtreales ens rationis, das gleichwohl vorgestellt werden kann, galt ihm vordem das immanente Objekt. Doch daß er dem Objekt als Objekt nunmehr keine Existenz zuerkennt, haben wir schon gehört; es gibt keine im Geiste seienden Dinge: vorgestellte, anerkannte, geleugnete, geliebte, gehaßte Dinge sind als solche in keiner Weise; sowenig wie die Objekte aber läßt BRENTANO irgendwelche Inhalte dem Denkenden immanent sein. Wenn ich urteile "ein Zentaur ist nicht", so pflegen manche zu sagen, das Objekt ist der Zentaur, der Inhalt des Urteils aber ist, daß ein Zentaur nicht ist oder auch das Nichtsein eines Zentauren. Sagt man, dieser Inhalt sei im psychisch Tätigken, so gebraucht man wieder das "sein" in einem uneigentlichen Sinn und sagt nichts anderes, als was man beim Gebrauch des "seins" im eigentlichen Sinn in den Worten ausspricht: "ein psychisch Tätiges verneint im modus praesens einen Zentauren". - Manche Erkenntnistheoretiker lassen in allen Fällen, wo ein Urteil richtig ist, nicht nur einen immanenten Inhalt bestehen, sondern sprechen da von "Sätzen ansich", Inhalten, Sachverhalten, Objektiven, die in Wirklichkeit sind. So z. B. da der, welcher einen Zentauren leugnet, richtig urteilt, sagt man, das Nichtsein des Zentauren sei wirklich, während das Sein des Zentauren nicht wirklich ist. Und umgekehrt, weil es wahr ist, daß es einen Baum gibt, so sagt man nicht bloß, es sei ein Baum, sondern auch, es sei das Sein eines Baumes und es sei nicht sein Nichtsein. Nach BRENTANO handelt es sich bei dieser Ausdrucksweise um Fiktionen. Wer sich so ausdrückt, will nichts anderes sagen, als daß er den Zentauren mit dem modus praesens leugnet und als Folge davon auch glaubt, daß jeder, der einen Zentauren leugnet, richtig leugnet. Im "Anhang" macht BRENTANO auf die unendlichen Komplikationen aufmerksam, zu denen die Lehre von den Objektiven und Inhalten führen muß, indem es dann außer einem Apfel auch das Sein eines Apfels, das Nichtsein des Nichtseins eines Apfels, das Sein des Nichtseins des Nichtseins eines Apfels usw. usw. in infinitum gäbe.

15. Es ist nicht möglich, an dieser Stelle alles anzuführen, was BRENTANO zur Widerlegung der "Inhalte" bzw. "Objektive", "Sachverhalte" oder wie sonst diese von ihm sogenannten "Undinge" bezeichnet werden mögen, vorbringt. Doch wenigstens Stellen aus zweien seiner an micht gerichteten Briefe möchte ich hier mitteilen, weil vorzüglich diese es gewesen sind, die mich von der Unrichtigkeit jener Lehre überzeugt haben, die ich, MARTY folgend, selbst lange Zeit für zutreffend hielt und noch in meiner Einleitung zum ersten Band von MARTYs "Gesammelten Schriften" vertreten habe.

BRENTANO schreibt am 21. März 1916:
    "Ich habe Ihnen schon gesagt, daß mir klar vor Augen liegt, auf welchem Weg ich einst dazu gekommen bin, so Irriges zu lehren. Ich hatte mich zunächst als Lehrling an einen Meister anzuschließen und konnte, in einer Zeit kläglichen Verfalls der Philosophie geboren, keinen besseren als den alten Aristoteles finden, zu dessen nicht immer leichtem Verständnis mir oft Thomas von Aquin dienen mußte. Da geschah es dann u. a., daß ich mich verführen ließ, das ist in den Sätzen ein Baum ist und daß ein Baum ist, ist für gleichmäßig funktionierend zu halten. Der Anfang der zweiten Analytiken scheint dafür zu sprechen und Thomas von Aquin erklärt ausdrücklich in dem Satz deus est das est im Sinne von ist wahr. Soll ich mich schämen, wenn ich, der ich ein Neuling war und schon viel Mühe aufwenden mußte, um mir das von den Vorfahren hinterlassene Erbe zu sichern, den Irrtum, der hierin lag, nicht sofort erkannte, vielmehr mich zunächst noch zu anderen Irrtümern führen ließ, welche konsequenz damit zusammenhängen. Vielleicht darf ich hier auf einige Nachsicht Anspruch erheben, würde aber schwer zu tadeln sein, wenn ich es für immer unterlassen hätte, diesen Lehrpunkt einer genauen Prüfung zu unterziehen, zumal eine gesunde Psychologie damit ganz und gar unverträglich ist. Aristoteles selbst wußte, daß eine Möglichkeit, eine Unmöglichkeit, ein Nichtsein usw. schlechterdings nicht Objekt einer Vorstellung werden können. Das Gegenteil aber wäre durch die Meinung, die hier in Frage steht gefordert. ... Sie halten für eine unbeantwortete Frage Was heißt das: ein Urteil, eine Gemütsbeziehung ist richtig? Die Erkenntnis der adaequatio rei et intellectus [Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand - wp] und der adaequatio rei et amoris [Übereinstimmung der Sache mit dem Interesse - wp] soll nach Ihnen das Erfassen dieser Richtigkeit sein. Mir aber scheint nichts leichter, als dies zu widerlegen. Bei der Forderung der Erkenntnis der adaequatio rei et intellectus kommt man zu einem regressus in infinitum (23), denn wie soll ich die adaequatio erkennen, ohne als Vorbedingung sowohl die Erkenntnis der res als auch die des intellectus zu besitzen? - Die wahre Antwort ist längst gegeben und ganz konform der Weise, wie andere Begriffe aufgehellt werden. Man blick auf eine Mehrheit von Objekten, deren jedes dem Begriff entspricht und achtet auf das, was ihnen gemeinsam ist. So oft ich wahrnehme, daß ich mit Evidenz urteile, erkenne ich mich als richtig Urteilenden. Und so oft ich erkenne, daß ein Anderer, wenn auch vielleicht ganz willkürlich, sich eine Meinung gebildet hat, die mit meinem evident gefällten Urteil übereinstimmt, während ein Anderer der entgegengesetzten Meinung ist, dient mir die Evidenz des eigenen Urteils dazu, auch von diesen Urteilen das eine im Gegensatz zum andern als richtig zu erkennen. Was die Richtigkeit einer Gemütsbeziehung anlangt, so verhält sich die Sache ganz analog. Wie wir in gewissen Fällen ein Urteil mit unmittelbarer Evidenz als richtig erfassen, so erfassen wir in gewissen Fällen auch eine Gemütsbeziehung mit unmittelbarer Evidenz als richtig. Wir vergleichen dann die betreffenden Objekte miteinander und kommen so zum Begriff einer richtigen Gemütsbeziehung im allgemeinen. Auch da kann es dann geschehen, daß wir finden, daß andere mit uns in Bezug auf eine Gemütsbeziehung, und wäre es auch nur aus einem gewohnheitsmäßigen Drang oder instinktiv, übereinstimmen, und wir werden dann bei ihnen vielleicht von einer richtigen, aber nicht als richtig charakterisierten Gemütsbeziehung zu sprechen haben. Wie hier nur das mindeste Bedenken zurückbleiben sollte, ist mir unerfindlich. Nie kann das Kriterium in einer adaequatio rei intellectus vel amoris [Übereinstimmung der Sache mit dem Verstand ohne Interesse - wp], sondern nur in einer mit unmittelbarer Evidenz als richtig erkannten psychischen Beziehung gefunden werden. Sie dient sowohl zur Beurteilung der Richtigkeit der Gedanken und Gemütsbeziehungen Anderer als auch zur mittelbaren Erkenntnis der Richtigkeit anderer eigener Urteile und Gemütsbeziehungen, wie wenn wir etwas theoretisch als wahr und praktisch als nützlich erschließen."
Die Aufdeckung des fiktiven Charakters aller Reflexiva, Negativa und Privativa haben den Wert von BRENTANOs Neuerungen für die Vereinfachung und selbst eine Berichtigung der Syllogistik nicht beeinträchtigt, wenn nun auch BRENTANO manches im einzelnen anders darstellen würde, und im "Anhang" zur Klassifikation anders dargestellt hat, als es in HILLEBRANDs "Neuen Theorien der kategorischen Schlüsse" folgerichtig ausgeführt wurde. Dies nachzuweisen muß, wie so vieles andere, späteren Einzeluntersuchungen vorbehalten bleiben. Einiges hierüber ist in KASTILs obenerwähnter Einleitung zum ersten Teil des zweiten Bandes von MARTYs "Gesammelten Schriften" zu finden. Auch die Anmerkungen der Herausgeber berühren hie und da die fraglichen Punkte.

Die vorliegenden Mitteilungen über BRENTANOs Stellung zu den entia rationis [Gedankendinge - wp] können nicht ausreichen, um als Grundlage einer abschließenden Beurteilung zu dienen. Sie haben ihren Zweck erreicht, wenn die Formulierung des Problems und seiner Lösung verständlich genug herausgearbeitet erscheint, um das Interesse für diese letzten Forschungen BRENTANOs zu erwecken, und vor dem Erscheinen der diesbezüglichen Abhandlungen zum Studium des "Anhangs" der Klassifikation anzuregen.

16. Im unmittelbarem Zusammenhang mit den eben berührten Fragen stehen die Umbildungen, die BRENTANO in seinem letzten Lebensjahr an der Lehre von Anschauung und Begriff vorgenommen hat.

Mit der herrschenden Lehre hatte BRENTANO lange Zeit gelehrt, daß unsere Anschauung uns Individuelles zeigt (24). In letzter Zeit kam er zu dem Ergebnis, daß keine unserer Anschauungen, weder die äußere, noch die innere Wahrnehmung, uns jemals etwas anderes als Universelles bietet und daß alle unsere Anschauungen nur als Vorstellungen von geringster Allgemeinheit, nicht aber als "individuelle" Vorstellungen bezeichnet werden können. Diese höchst überraschende Behauptung ist jedoch ohne besondere Schwierigkeit in ihrem Kern zu verstehen: Bis vor kurzem hat die Psychologie an der aristotelischen Lehre festgehalten, daß kein allgemeiner Begriff gedacht werden kann, ohne daß das "Phantasma" mitvorgestellt wird, so daß z. B. der Begriff Farbiges auch niemals erneuert werden könnte, ohne Farbiges irgendwie anschaulich zu haben. In jüngster Zeit ist dies mehrfach bezweifelt worden. MARTY hat in seinen "Untersuchungen" die Erneuerung der allgemeinen Begriffe nicht mehr an die Erneuerung der Anschauung (Phantasma) gebunden und experimentelle Forschungen der "Denkpsychologie" scheinen ihm hierin recht zu geben. - BRENTANO geht weiter. Der Charakter der Allgemeinheit eignet nach ihm nicht erst den durch Abstraktion aus Anschauungen gewonnenen Begriffen, sondern den Anschauungen selbst. Vor allem der inneren Wahrnehmung. Würden wir unsere Substanz in ihrer individuellen Besonderheit wahrnehmen, wie wäre der Streit zwischen Materialisten und Spiritalisten so lange ungeschlichtet geblieben? - Wir nehmen wohl unser Denken - die Akzidentien - als unkörperlich wahr, aber das Subjekt des Denkens wird nur in höchster Allgemeinheit erfaßt. Nicht einmal die Spezifikation als Körperliches oder als Geistiges wird angeschaut. Wenn wir uns daher auch nicht als körperlich wahrnehmen, so ist doch die bloße innere Erfahrung nicht imstande, uns unserer Geistigkeit zu versichern! Wir nehmen uns wahr als denkende Dinge. Was dieses Ding individualisiert, wird nicht wahrgenommen und was wir daher wahrnehmen, wenn wir unsere psychischen Tätigkeiten wahrnehmen, ist genau so wie bei uns bei jedem andern auch möglich. Ein anderer kann empfinden, was ich empfinde, urteilen, was ich urteile, begehren, was ich begehre usw. Dieser universelle Charakter unserer inneren Wahrnehmung verleiht der Psychologie von vornherein den Charakter einer allgemeinen Wissenschaft. Verwunderlicher als diese Lehre erscheint es manchem vielleicht, wenn BRENTANO nun ganz ebenso von der äußeren sinnlichen Anschauung behauptet, daß sie niemals Individuelles zeigt. Bestimmt man doch meistens mit KANT den Gegensatz zwischen Anschauung und Begriff dahin, daß dieser universell, jene aber individuell ist!

Aber andererseits wird von vielen und angesehenen Denkern die Lehre vertreten, daß unsere räumlichen Anschauungen alle relativ sind. Diese Behauptung wäre aber doch wohl unmöglich, wenn wir in der Anschauung ebenso absolute d. h. letzte spezifische Ortsdifferenzen gegeben hätten, wie wir letzte spezifische Ton- und Farbendifferenzen anschauen! - So wird dann wohl die nativistische Lehre insofern einer Berichtigung bedürfen, als gelehrt werden muß, daß uns örtliche Bestimmungen nur als relative Bestimmungen von räumlich Abstehendem, verschieden nach Richtung und Grad des Abstandes zur Anschauung kommen. Der Ort des Geschehens erscheint uns in seiner Tiefendimension ohne alle absolute spezifische Bestimmtheit und daher kann ihm eine solche auch nach Breite und Höhe nicht zukommen. Jeder einzelne Punkt ist durch nichts spezialisiert, allein in seiner Hinordnung zu einem andern erscheint jeder von jedem und in anderer Richtung abstehend. Es ist nicht gefordert, daß wir außer diesen sie unterscheidenden relativen Bestimmungen noch absolute anzugeben vermögen. Erkennen wir doch auch auf anderen Gebieten Größenverhältnisse, ohne die absoluten Größen zu erkennen, wie z. B. wenn wir erfahren, daß eine Mann doppelt so reich ist wie ein anderer. - Nach BRENTANO schauen wir Farbig-Qualifiziertes an als abstehend von einem in recto vorgestellten unqualifizierten Zentrum. Die verwandte Darstellung STUMPFs in seinem Buch über den Ursprung der Raumvorstellungen ist nach seinen Mitteilungen nicht ohne Einfluß mündlicher Unterredungen mit BRENTANO entstanden. Die spezifischen substanziellen Bestimmungen, d. h. die absoluten Orte, sind uns nicht anschaulich und somit ist unsere Raumanschauung nicht individuell, sondern, weil relativ, von gewisser Allgemeinheit. Von den übrigen Sinnesgebieten, dem Tonsinn und den von BRENTANO zu einem dritten Sinn zusammengefaßten Spürqualitäten (25) gilt Ähnliches. Nur daß die Tonqualitäten auch hinsichtlich ihrer Abstände ungleich unbestimmter und konfuser lokalisiert erscheinen. Ist dem so, so kommt keiner sinnlichen Anschauung eine individuelle Bestimmtheit zu, denn sie erscheint notwendig hinsichtlich eines zu ihrem Wesen gehörigen Charakterzuges unvollständig bestimmt. Wie die äußere Anschauung niemals ohne räumliche Bestimmung, so ist nach BRENTANO weder die äußere noch die innere Anschauung jemals ohne Zeitlichkeit. Doch handelt es sich bei der Zeitanschauung nicht um eine Objektsdifferenz, sondern um einen modalen Unterschied. Wir können nichts vorstellen, ohne es mit irgendeinem zeitlichen Modus vorzustellen. Hier laufen alle speziellen Bestimmungen auf ein gegenwärtig, mehr oder weniger lang vor dem Gegenwärtigen Gewesenes oder nach dem Gegenwärtigen sein Werdendes hinaus. Spezifische Zeitpositionen - wie etwa MARTY (26) dies lehrt, schauen wir nicht an, auch hier fehlt also jegliche individuelle Bestimmung (27).
LITERATUR - Oskar Kraus. Franz Brentano, München 1919
    Anmerkungen
    1) Mir sind folgende Nachrufe und Nekrologe größeren Umfangs bekannt: Vossische Zeitung, 19. März 1917, gezeichnet R. S. Neue Freie Presse, 20. März, gezeichnet St--g (STERNBERG). Beilage der Vossischen Zeitung vom 25. März 1917 von Dr. EMIL UTITZ, Professor in Rostock. Derselbe hat auch einen ausführlichen Artikel in den Kantstudien, Bd. XXII, veröffentlicht. Das Neue Wiener Journal bracht: Persönliche Erinnerungen an Franz Brentano von MAX FOGES am 20. März. Im Feuilleton der Leipziger Volkszeitung erschien am 5. April (Nr. 80) ein warmer Nachruf von ....l. "Dem Andenken Franz Brentanos" widmete HERMINE CLOETER zwei interessante Feuilletons in der Neuen Freien Presse vom 20. April und 21. April 1917. Für die "Internationale Rundschau" in Zürich 3, 6 schrieb Prof. Dr E. MANDL einen Artikel "Aus meinen Erinnerungen an Franz Brentano", worin uns BRENTANO in seinem letzten Lebensjahr entgegentritt. Im Almanach der Wiener Universität (Die feierliche Inauguration des Rektors der Wiener Universität für das Studienjahr 1917/18, Wien 1917) ist ein Nekrolog aus der Feder von ADOLF STÖHR enthalten. Von den Auslassungen, die sich Professor HÖFLER unter dem Titel "Brentano in Wien" (Süddeutsche Monatshefte Mai 1917) geleistet hat, wird noch die Rede sein. - Den umfangreichsten Nachruf hat bisher RUDOLF STEINER in seinem Buch "Von Seelenrätseln", Berlin 1917, Seite 117-196 geschrieben. STEINER ist sich bewußt, daß BRENTANO gegen diese Art der Ausbeutung seiner Lehren protestiert hätte: von den Mißverständnissenund Entstelungen ganz zu schweigen. - Eine Brentanonummer der Pädagogischen Monatshefte, 68. Jahrgang, 1918, herausgegeben von Prof. BURGER, Innsbruck, enthält eine Würdigung BRENTANOs von MICHAEL Freiherr von PIDOLL und die Grabrede FRIEDRICH WILHELM FOERSTERs, die der Größe BRENTANOs durchaus gerecht werden. Die "Lebensläufe aus Franken", hg. von der "Gesellschaft für fränkische Geschichte", werden im zweiten Band eine biographische Darstellung von CARL STUMPF bringen.
    2) Immerhin sind die erschienenen Schriften BRENTANOs zahlreich genug und von so bedeutendem Einfluß, daß es aus seiner publizistischen Zurückhaltung allein nicht erklärt werden kann, warum die verschiedenen Darstellungen der deutschen Philosophie, was BRENTANO anlangt, sämtlich durchaus unzureichend sind. Schon der BRENTANO zugemessene Raum steht in einem schreienden Mißverhältnis zum Ausmaß, der anderen Denkern, ja vielen seiner Schüler gewidmet ist. Es gibt Bücher, welche die "Philosophie der Gegenwart" behandeln und es doch wagen, BRENTANO totzuschweigen. MESSER, in seiner "Geschichte der Philosophie von Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart", bemerkt nicht einmal dort, wo er SCHELL und HUSSERL behandelt, daß sie Schüler BRENTANOs waren, obgleich sich diese Denker auch durch Widmungen ihrer Werke als solche bekannt haben! KÜLPE, in seiner "Philosophie der Gegenwart in Deutschland", erwähnt BRENTANO einmal als Lehrer HUSSERLs und eingangs zugleich mit MARTY, als Vertreter einer Art Positivismus und dies darum, weil sie angeblich die Philosophie als Psychologie auffassen!! In Wahrheit hat BRENTANO als Philosophie im höchsten Sinn stets nur die Metaphysik gelten lassen und die Psychologie nur als jene philosophische Disziplin betrachtet, welche die fundamentalste Stellung inne hat.
    3) Überblicken wir BRENTANOs philosophische Schriften, so handelt es sich außer bei den ersten philosophiegeschichtlichen Arbeiten, der "Psychologie vom empirischen Standpunkt" (1874) und der, durch die italienische Übersetzung veranlaßte Neuauflage einiger Kapitel 1911 fast durchweg um Vorträge bzw. Vortragssammlungen, also um Gelegenheitsveröffentlichungen. Auch die in Zeitschriften erschienenen Abhandlungen und Aufsätze verdanken fast durchweg irgendeiner Aufforderung, einer Kritik, einem Festtag ihre Entstehung. Bei einer solchen Gelegenheit griff BRENTANO aus dem aufgehäuften Stof ein Problem heraus, dessen Lösung ihm gänzlich oder in der Hauptsache feststand, um nunmehr vornehmlich der Darstellung seiner Sorgfalt zu widmen. Es ist verkehrt, mit STEINER, nach einem anderen Grund der schriftstellerischen Zurückhaltung zu suchen, als dem einerseits in der Forscherbegierde, andererseits in der geringen Aufmunterung, die in der Aufnahme des Gebotenen lag, genügend deutlich offenbar ist.
    4) Über den Stammbaum der BRENTANO vgl. "Genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser", 12. Jahrgang, 1887, Brünn und "Die Gesamtnachkommenschaft des kurtrierischen Geheimrats PETER ANTON BRENTANO" zusammengestellt von KARL KIEFER, Frankfurter Blätter für Familiengeschichte, Frankfurt/Main 1909. Vlg. auch den offenen Brief von Geheimrat LUJO BRENTANO an CHAMBERLAIN in der Frankfurter Zeitung" vom 15. November 1916 (auch Vossische Zeitung vom 16. November 1916, Beilage).
    5) Nachgelassene religiöse Schriften von CHRISTIAN BRENTANO, München 1854, Bd. 1, Seite IX (vgl. Allgemeine deutsche Biographe).
    6) Reizvolle Einblicke in diese Jahre, in BRENTANOs vielseitige glänzenden Begabung und sein gütiges Herz gewähren die Jugenderinnerungen, die seine jüngste Schwester in der obenerwähnten Brentanonummer der "Pädagogischen Monatshefte" veröffentlich hatte.
    7) von HERTLING, De Aristoteles Notione Unius, 1864. Materie und Form und die Definition der Seele bei Aristoteles, 1871. - Arbeiten der Enkelschüler: ALFRED KASTIL, Die Frage nach der Erkenntnis des Guten bei Aristoteles und Thomas von Aquin, 1900; EMIL ARLETH, Die metaphysischen Grundlagen der aristotelischen Ethik, 1903 und anderes. OSKAR KRAUS, Neue Studien zur aristotelischen Rhetorik, insbesondere über das genos epideiktikon, Halle/Saale 1907.
    8) vgl. Psychologie etc. Seite 288
    9) Schon im Jahr 1869 hatte BRENTANO über einen Auftrag des Bischofs KETTELER die Denkschrift der deutschen Bischöfe gegen das Unfehlbarkeitsurteil verfaßt. Vgl. VEGENER, Ketteler und das Vaticanum, Jena 1915.
    10) ALOIS HÖFLER schreibt in seinen "Erinnerungen" (Süddeutsche Monatshefte, Mai 1917): "Aus dem Dominikanerorden, in dem er seine philosophische Schulung empfangen hatte, war er aus Anlaß des Unfehlbarkeitsdogmas ausgetreten." Diese Blütenlese von Unrichtigkeiten ist bezeichnend für die Gewissenhaftigkeit von HÖFLERs Berichterstattung. Um ähnliche Legenden über den Entwicklungsgang BRENTANOs zu zerstören, sei noch angemerkt: Nachdem BRENTANO 1855 das königlich-bayerische Gymnasium in Aschaffenburg absolviert und nachher zwei Semester am dortigen Lyzeum gehört hatte, studierte er drei Semester an der Universität in München, Wo ERNST von LASAULX Eindruck auf ihn machte, hernach je ein Semester an den Universitäten Würzburg, Berling (TRENDELENBURG) und zwei Semester an der Akademie in Münster, wo der durch CLEMENS mit der Scholastik bekannt wurde. Er promovierte in absentia in Tübingen am 17. Juli 1862. Nur ganz kurze Zeit, im Herbst 1862, hat BRENTANO im Dominikanerkloster in Graz geweilt. Erst nach dieser klösterlichen Episode (Verkehr mit DENIFLE) studierte er Theologie in München (DÖLLINGER) und am theologischen Seminar in Würzburg. Am 6. August 1864 wurde er zum Priester geweiht.
    11) HERMANN SCHELL, Die Einheit des Seelenlebens aus den Prinzipien der aristotelischen Philosophie entwickelt, Freiburg i. Br. 1873; vgl. über SCHELL SCHNITZER, Der katholische Modernismus in "Zeitschrift für Politik", Bd. V, 1912 und von kirchlicher Seite KIEFL, Die Stellung der Kirche zur Theologie von Hermann Schell.
    12) OSKAR KRAUS, Anton Marty - sein Leben und seine Werke, Halle/Saale 1916 (auch als Einleitung zu den Gesammelten Schriften Martys, Bd. I, erschienen).
    13) FRANZ HILLEBRAND, Die neuen Theorien der kategorischen Schlüsse, Wien 1891.
    14) So z. B. HUGO BERGMANN, Untersuchungen zum Problem der Evidenz der inneren Wahrnehmung, Halle 1908; derselbe, Das philosophische Werk Bernard Bolzanos, Halle 1909. BENNO URBACH, Leibnizens Rechtfertigung des Übels in der besten Welt, Prag 1901. OSKAR ENGLÄNDER, Die Erkenntnis des sittlich Richtigen und die Nationalökonomie, Schmollers Jahrbuch 1914.
    15) Einige naheliegende Einwendungen gegen diese Anschauung hat MARTY im Anhang zu seinen "Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosophie", Bd. I, abgewehrt.
    16) Hierüber Näheres in meiner Schrift "Zur Theorie des Wertes", Halle/Saale 1901, Seite 48.
    17) CARL STUMPF, "Die Attribute der Gefühlsempfindungen" und "Empfindung und Vorstellung", Abhandlungen der königlich-preußischen Akademie der Wissenschaften, Jahrgang 1917 und 1918, Philosophisch-Historische Klasse.
    18) Vgl. EISENMEIER, "Die Empfindungslehre Brentanos" im Brentanoheft der Pädagogischen Monatshefte und MARTY, Gesammelte Schriften, Bd. I 2, Seite 78
    19) ANTON MARTY, Gesammelte Schriften, Bd. II, 1. Abteilung, hg. von JOSEF EISENMEIER, ALFRED KASTIL, OSKAR KRAUS, Halle/Saale 1918.
    20) Vgl. hierüber den Anhang zu BRENTANOs "Klassifikation" der psychischen Phänomene und KASTILs Einleitung zu MARTYs "Gesammelten Schriften", Bd. II, 1. Abteilung, Halle/Saale 1918.
    21) Enstanden ist diese Moduslehre etwa um das Jahr 1905. MARTY polemisierte gegen sie sowohl brieflich, als auch in seinen "Untersuchungen der allgemeinen Grammatik und Sprachphilosoophie" (1908) und in den "Kasustheorien" (1911). Er geht hierbei von der irrigen Voraussetzung aus, daß, wo modi vorhanden sind, sich auch der Unterschied von richtig und unrichtig finden muß.
    22) Darüber handelt MARTY, "Untersuchungen zur Grundlegung der allgemeinen Grammatik etc.", Seite 386
    23) vgl. schon "Psychologie", Seite 183
    24) z. B. "Untersuchungen zur Sinnespsychologie", Seite 57
    25) vgl. "Untersuchungen zur Sinnesphysiologie"
    26) ANTON MARTY, Raum und Zeit, Halle 1915
    27) vgl. weiter unten