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OSWALD KÜLPE
Grundriss der Psychologie

"Es bedarf keiner besonderen Erörterung des Wertes, den die Eigenschaft sprachlicher Bezeichnungen für den Psychologen besitzt, da die Treue und Ausführlichkeit seiner Schilderung ganz wesentlich davon abhängt. Umso mehr muß aber auch verlangt werden, daß der Psychologe von diesem wichtigen der Sprache eigentümlichen Vorzug den sorgfältigsten Gebrauch mache. Im allgemeinen wird er dazu umso geschickter sein, je größer sein psychologischer Sprachschatz, seine Kenntnis der Psychologie ist. Ihren Grund hat die erwähnte Eigenschaft der Sprache vor allem in ihrer  Abhängigkeit vom Willen  des Individuums. Die dem Sprechen und Schreiben dienenden Bewegungen können durch den menschlichen Willen geleitet und verändert werden. Daher können sie nach dem jeweiligen Bedürfnis die Form oder den Inhalt gewinnen, die den zweckmäßigsten Ausdruck der darzustellenden Wirklichkeit bilden. Trotz allem läßt sich eine Schwierigkeit auch bei der genauesten Verwendung der Symbole nicht ganz überwinden, die aus dem kontinuierlichen Fluß des inneren Geschehens erwachsende Schwierigkeit, den stetigen Änderungen desselben gerecht zu werden."

§ 1. Begriff und Aufgabe der Psychologie

1. Alle Wissenschaft beschäftigt sich mit der Beschreibung von Tatsachen. Eine jede Beschreibung bedient sich gewisser Zeichen, die als Ausdrucksmittel der darzustellenden Wirklichkeit gelten. So schafft sich die Wissenschaft überall ein System von Zeichen, in deren präziser und folgerichtiger Verwendung die Allgemeingültigkeit ihrer Beschreibung zu einem Teil begründet ist. Eine jede Tatsache steht nun aber erfahrungsgemäß in bestimmten Beziehungen zu anderen und wird selbst nur durch das Bestehen und die Angabe von solchen zu einer von individuellem Meinen und Finden freien Erscheinung. Ja man darf sagen, daß es nichts an einer einzelnen Tatsache gebe, was nicht durch eine solche Beschreibung aller ihrer Beziehungen zu anderen adäquat festzustellen wäre. Während sich die populäre Reflexion mit einer nur unvollkommenen Darlegung der letzteren zu begnügen pflegt, ist es nun Aufgabe aller Wissenschaft, deren vollständige Beschreibung zu liefern. In der Annäherung an eine Lösung dieser Aufgabe ist die Allgemeingültigkeit der wissenschaftlichen Aussagen zum anderen Teil begründet.

2. Die Tatsachen, mit denen sich alle Wissenschaften, abgesehen von der Philosophie, beschäftigen, bezeichnen wir als  Erlebnisse.  Es sind die ursprünglichsten Data unserer Erfahrung, dasjenige, was den Gegenstand der Reflexion bildet, ohne selbst eine zu sein. Im Gegensatz dazu liegt der Philosophie ob, die Beschreibung der Erlebnisse, die  Reflexion  über sie, sofern darin ein eigentümlicher Tatbestand gegeben ist, zu untersuchen. Es ist nun klar, daß die Vorstellungen, Leidenschaften und dgl., welche von Psychologen verschiedenster Standpunkte als ihre Forschungsobjekte betrachtet werden, zu den Erlebnissen gerechnet werden müssen. Demnach gehört die Psychologie nicht zu den philosophischen, sondern zu den Einzelwissenschaften.

3. Die Abgrenzung der Einzelwissenschaften gegeneinander pflegt nach sehr ungleichen Gesichtspunkten zu erfolgen. So scheiden sich Botanik und Zoologie, Rechts- und Sprachlehre nach den von ihnen behandelten Gegenständen. Ferner drückt der Gegensatz zwischen beschreibenden und erklärenden Naturwissenschaften den Grad der Vollständigkeit und damit der Allgemeingültigkeit aus, der bei der Darstellung der Tatbestände erreicht ist. Physik und Chemie wiederum verhalten sich zur physikalischen und chemischen Technologie wie die Theorie zur Anwendung. Man redet wohl auch von induktiven und deduktiven Wissenschaften, wobei den ersteren der Fortschritt vom Besonderen zum Allgemeinen, den letzteren das umgekehrte Verfahren eigentümlich ist.

Die meisten dieser Unterscheidungsgründe lassen sich auch auf das Verhältnis der Psychologie zu anderen Wissenschaften anwenden. So ist sie z. B. induktiv gegenüber der deduktiven Mathematik, steht sie zur Pädagogik wie die Theorie zur Anwendung, ist sie zumeist noch eine beschreibende Disziplin gegenüber den sog. exakten Wissenschaften, die im eminenten Sinne als erklärende gelten. Nur der eine, die Abgrenzung nach Gegenständen, läßt sich in keiner Weise bei der Beziehung der Psychologie zu anderen Einzelwissenschaften auffinden. Denn es gibt in der Tat kein Erlebnis, welches nicht auch Gegenstand psychologischer Untersuchung werden könnte. Da nun alle übrigen Gesichtspunkte nur die Form der wissenschaftlichen Arbeit betreffen und das Verhältnis der Psychologie zur Naturwissenschaft sich keinem von ihnen unterordnen läßt, so muß die Besonderheit des psychologischen Tatbestandes nicht sowohl in einer bestimmten Klasse von Erlebnissen, als vielmehr in einer für alle geltenden Eigenschaft derselben bestehen. Diese Eigenschaft ist die  Abhängigkeit der Erlebnisse von erlebenden Individuen. 

4. Man pflegt dies auch wohl so auszudrücken, daß man die Erlebnisse subjektiv nennt oder daß man die Psychologie als eine Wissenschaft von den psychischen, den Bewußtseinstatsachen, bezeichnet. Diese Ausdrücke sind sämtlich mißverständlich. Eine Subjektivierung kann sich zunächst auf das optische Bild des eigenen Körpers beziehen, dann heißen die anderen sichtbaren Gegenstände im Raum objektiv, sie kann ferner ausschließlich auf solche Zustände angewandt werden, die einer Objektivierung überhaupt unzugänglich bleiben, also einen der Psychologie ganz eigentümlichen Tatbestand bilden, wie etwa das Denken, die Gefühle von Lust und Leid und dgl. In beiden Fällen ist das Objekt der psychologischen Untersuchung falsch oder unzureichend angegeben. Desgleichen kann der Name "psychisch" in Anlehnung an bekannte metaphysische Lehren eine Wirklichkeit anzudeuten scheinen, die als solche schlechthin trennbar wäre von den sogenannten physischen Vorgängen. Nicht weniger vielsagend ist der Ausdruck "Bewußtsein", der bald das Erlebte schlechtweg, bald das Wissen davon, bald einen Zustand, in den sonst unbewußte geistige Realitäten geraten können, bezeichnet. Wo wir im Folgenden der Abwechslung oder der Kürze halber eben diese gerügten Ausdrücke anwenden werden, sollen sie nichts anderes als dasjenige an den Erlebnissen andeuten, was von erlebenden Individuen abhängig ist. Die subjektiven oder subjektivierten Vorgänge, Bewußtseinstatsachen, psychischen oder geistigen Zustände sollen für uns nur diesen Sinn haben, und das Bewußtsein, die Seele oder der Geist werden nur die Summe aller solcher Erscheinungen in unserem Sprachgebrauch darstellen. In keinem Fall sollen ein transzendentales Bewußtsein, eine substantielle Seele, ein immaterieller Geist und Ähnliches in unseren Erörterungen eine Rolle spielen.

5. Aber auch eine Definition der Psychologie als einer Wissenschaft von den Erlebnissen in deren Abhängigkeit von erlebenden Individuen scheint der Erläuterung und spezielleren Bestimmung insofern zu bedürfen, als sie den von mannigfachem Bedeutungswandel betroffenen Ausdruck "Individuum" aufgenommen. Man dürfte zunächst geneigt sein, von einem geistigen Individuum zu reden und darunter entweder eine transzendente immaterielle Substanz Seele, Geist oder eine Anzahl von allgemein subjektivierten Erlebnissen oder Fähigkeiten (Gefühle, Aufmerksamkeit, Phantasie) zu verstehen. Diese Meinung lehnen wir in beiden Interpretationsformen ab. Die erstere ergäbe keine empirische, die zweite keine wissenschaftliche Psychologie. Es bedarf keiner Begründung für jene, aber einer kurzen Rechtfertigung dieser Behauptung.

Von einer wissenschaftlichen Psychologie verlangen wir die Allgemeingültigkeit ihrer Aussagen, vor allem im zweiten oben hervorgehobenen Sinn dieser Bezeichnung. Eine solche ist nur erreichbar aufgrund einer möglichst vollständigen Beschreibung der Beziehungen, welche zwischen den einzelnen Tatbeständen obwalten und sie erschöpfend charakterisieren. Niemand wird aber sagen dürfen, daß etwa ein Akkord genügend festgestellt ist, wenn man ihn angenehm gefunden oder seine Aufmerksamkeit durch ihr erregt gefühlt hat oder die Erinnerung an Situationen, Musikstücke und dgl. dadurch geweck worden ist. Außerdem fehlt zwischen diesen Bestandteilen der inneren Wahrnehmung die Abhängigkeitsbeziehung, die wir in unsere Definition der Psychologie gerade als bestimmendes Merkmal eingeführt haben. Die Vorstellungen sind abhängig von den Gemütsbewegungen und diese nicht von jenen, eine Veränderung auf der einen Seite ist nicht notwendig gefolgt von einer bestimmten Veränderung auf der anderen. Und die Vorstellungen sind nicht voneinander abhängig, sondern kommen und gehen nach unserer inneren Erfahrung sehr willkürlich, und ihre Verbindungen knüpfen sie nicht durch gegenseitige Beeinflussung, sondern unter Umständen, die auf eine außerhalb ihrer stehende Gesetzmäßigkeit schließen lassen. Wenn man endlich häufig die Aufmerksamkeit unter den Bedingungen eines subjektiven (psychischen) Vorganges erwähnt, so ist damit erstens nur eine von den verschiedenen Bedingungen angedeutet und zweitens eine wegen ihrer Kürze und Verständlichkeit bequeme Form der Beschreibung gewählt, die den gegensätzlichsten Ansichten über das eigentliche Wesen dieser Erscheinung freien Spielraum läßt. Schließlich sei noch daran erinnert, daß der Vorteil der Meßbarkeit, der Eindeutigkeit, den die Objekte der Naturforschung in so weitgehendem Maße genießen, den Gegenständen der psychologischen Untersuchung ganz fehlen würde, wenn sie nur auf die Beziehungen zum geistigen Individuu angewiesen wäre.

6. Es mag mit diesen kurzen Bemerkungen vorläufig genug zur Rechtfertigung unserer Ablehnung der nächstliegenden Auffassung des Individualbegriffs getan sein. Muß doch die Ausführung des Buches selbst im einzelnen dazu beitragen, das Andere, was wir meinen, zur Geltung zu bringen! Offenbar ist die Abhängigkeit, die wir im Sinn haben, eine solche vom  körperlichen Individuum.  Daß diese überhaupt besteht, ist bisher bloß von Metaphysikern einer gewissen Richtung bestritten worden. In welchem Umfang sie vorkommt, hat erst die fortschreitende physiologische und psychologische Forschung gezeigt. Hiernach sind die körperlichen Prozesse, welche in einem direkten Funktionsverhältnis zu den Erlebnissen stehen, beim Menschen ausschließlich im Gehirn, wahrscheinlich in der Großhirnrinde zu finden. Diese Abhängigkeitsbeziehung denkt man sich durchgängig verwirklicht, obwohl sie vielfach nur hypothetisch behauptet werden kann. Sie als eine zeitlich bestimmte, also kausale zu betrachten hat man jedoch keinen Anlaß in den Tatsachen und mit Rücksicht auf das die physische Welt beherrschende Gesetz von der Erhaltung der Energie scheinbar auch kein wissenschaftliches Recht. Deshalb redet man gegenwärtig meist von einem Parallelismus der psychischen und Gehirnprozesse, d. h. man stellt sie sich als einander begleitende Erscheinungen eines Charakters dergestalt vor, daß sich eine jede Veränderung auf der einen Seite in einer entsprechenden Änderung auf der anderen ausdrückt. Ob dieses regulative Prinzip, dessen wachsende Bestätigung wir von der Erfahrung erwarten, im Zusammenhang einer Weltanschauung als Wechselwirkung zweier Substanzen (Dualismus) oder als doppelseitige Betätigung eines Wesens (Monismus), ob es als Materialismus oder als Spiritualismus gedeutet werde, ist für die wissenschaftliche Arbeit gleichgültig. Als Vertreter einer empirischen Psychologie verzichten wir daher billig auf eine Diskussion dieser Möglichkeiten.

7. Die Abhängigkeit von erlebenden Individuen scheint nun aber die Allgemeingültigkeit der Psychologie zu gefährden und ihr das Auffinden der Tatsachen zu erschweren. Die jederzeit feststellbaren  individuellen Differenzen  spielen jedoch keineswegs bloß für den Psychologen, sondern ebenso für den Zoologen oder Anthropologen eine Rolle. Sie sind in allen Fällen nur dann eine Gefahr für die Wissenschaft, wenn diese auf rein singuläre, den einzelnen Tatbestand als solchen betreffende Beschreibung angewiesen ist. Können sie dagegen in ihrer Eigenart durch die Angabe zureichender Bedingngen erklärt werden, so lassen sie sich ohne Rest allgemeinen Regeln einfügen. So wenig eine wissenschaftliche Anatomie und Physiologie durch die zahlreichen individuellen Unterschiede im Gliederbau, in der der nervösen Erregbarkeit, in der Blutzirkulation an der Erfüllung ihrer Aufgaben gehindert wird, so wenig kann der Psychologie aus der Tatsache persönlicher Differenzen im Verhalten der subjektivierten Erlebnisse eine unüberwindliche Schwierigkeit erwachsen.

Von ernsthaftem Gewicht ist aber der an zweiter Stelle hervorgehobene Gesichtspunkt. Die eigenen Erlebnisse kann jeder auch ohne Beschreibung als Tatsachen würdigen, zu den Erlebnissen anderer Individuen erhält er aber immer nur einen indirekten Zugang. Zeichen, die wir Eingangs erwähnten, vermitteln dem Psychologen allein die Kenntnis fremder Erlebnisse, von der richtigen Anwendung solcher Zeichen hängt auf der einen, von der richtigen Deutung auf der anderen Seite die Brauchbarkeit des Resultats ab. Zu beidem ist nicht jeder berufen, und es ist begreiflich, daß der Psychologe ebenso wie seine Untersuchungsperson gewisser günstiger Anlagen und einer besonderen Übung bedürfen. Je schwerer die Zeichen zu deuten sind, um so zweifelhafter wird das Ergebnis, wie mühsam erraten wir aus den Gebärden eines sich fremder Laute bedienenden Menschen die einfachsten Erlebnisse, die ihn erfüllen! Man mag daran ermessen, wieviel Aussicht besteht, das Seelenleben niederer Tiere, etwa gar von Protisten, zu ergründen. An und für sich aber bildet diese Schwierigkeit bei der Ermittlung des Tatbestandes kein absolutes Hindernis wissenschaftlicher Erkenntnis. Die sprachlichen Aussagen lassen sich bis zu einem gewissen Grad durch das Experiment kontrollieren und sind als verständliche Ausdrucksmittel gleichartiger Erlebnisse verschiedener Individuen ein äußerst wichtiges Hilfsmittel psychologischer Forschung.

8. Nach dem Bisherigen ist die  Aufgabe  der Psychologie eine im allgemeinen fest bestimmte, sie hat eine vollständige Beschreibung der von erlebenden Individuen abhängigen Eigenschaften der Erlebnisse zu liefern. Dazu gehören nicht nur solche, die keinen objektiven Zusammenhang darstellen, also lediglich individuelle Zustände sind, wie Affekte, Triebe und dgl., sondern auch Tatsachen, die zugleich ein vom Individuum unabhängiges Verhalten aufweisen und somit auch einer naturwissenschaftlichen Untersuchung anheimfallen, wie die Vorstellungsobjekte mit ihren raum-zeitlichen Beziehungen. Die sogenannten Sinnesqualitäten werden vom Naturforscher als subjektive Vorgänge angesehen, ihre Beschreibung bleibt der Psychologie überlassen. Aber auch räumliche und zeitliche Eigenschaften und Verhältnisse dieser Tatbestände werden subjektiv erfahren und beurteilt, wir vergleichen Entfernungen und Richtungen, Bewegungen und Geschwindigkeiten miteinander und stellen die scheinbare Größe oder Dauer der wirklichen, d. h. der objektiv gemessenen gegenüber. Während also einerseits der Tatbestand all dieser Erscheingungen als solcher einer eingehenden Schilderung bedarf, damit man genau zu übersehen vermag, was an den Erlebnissen die Abhängigkeit vom Leib des erfahrenden Subjekts aufweise, muß andererseits die letztere selbst zum Gegenstand einer genaueren Untersuchung gemacht werden.

9. Versteht man unter einer  Theorie  im Sinne der Naturwissenschaften die Angabe der Bedingungen, unter welchen eine Erscheinung steht, so wird die Theorie der psychischen Vorgänge eben den Nachweis ihrer Abhängigkeit von gewissen körperlichen Prozessen zu liefern haben. Nun ist aber dieser Nachweis mit ganz besonderen Schwierigkeiten verknüpft. Es fehlt erstens an einem Mittel, beide Tatsachenkomplexe, die psychischen und die zentralen Nervenerregungen in einem unmittelbaren Vergleicht ihres Ablaufs auf ihre Beziehungen der Gehirnmasse parallel mit dem Auftauchen von Sinneseindrücken, Gemütsbewegungen und dgl. zu beobachten, aber der Wert dieser Einsicht muß natürlich so lange gering bleiben, so lange nicht eine speziellere Abänderung und Feststellung der besonderen, einzelnen geistigen Aeten [Erscheinungen - wp] entsprechenden Gehirnprozesse möglich ist. Zweitens aber hat uns die Physiologie der nervösen Zentralorgane noch nicht die physikalischen und chemischen Grundlagen aufgezeigt, welche den Mechanismus der Gehirntätigkeit hervorbringen. Über die eigentliche Natur der Nervenerregung wissen wir noch nichts. Man ist bisher nur zur Aufstellung von Lokalisationssphären in der Großhirnrinde gelangt, d. h. also zur Abgrenzung der Orte, an welchen die bestimmten subjektivierten Erlebnissen parallel gehenden nervösen Prozesse stattfinden sollen.

10. Daraus folgt, daß eine vollständige Theorie der psychischen Vorgänge im angegebenen Sinn noch nicht geleistet werden kann. Um ein solche wenigstens vorzubereiten oder anzudeuten, ohne zu zweifelhaften oder verfrühten Hypothesen greifen zu müssen, kann die Psychologie in doppelter Weise verfahren. Sie kann erstens eine Beziehung der Erlebnisse zu solchen körperlichen Prozessen ermitteln, die in einem kausalen Verhältnis zu den unbekannten Großhirnrindenerregungen stehen und einer genauen Prüfung zugänglich sind. So wird beispielsweise die Abhängigkeit der Empfindung vom Reiz und der unwillkürlichen und willkürlichen Bewegungen von Gefühlen und Willensakten untersucht. Aus den Relationen zwischen diesen sehr vermittelten Gliedern einer Kausalreihe darf freilich noch nicht auf die Beziehung zwischen den Parallelvorgängen geschlossen werden. Aber der eigentlichen Theorie wird hierdurch doch wenigstens in willkommener Weise vorgearbeitet. Ein mehr andeutendes Verfahren ist das zweite. Demnach führt man Allgemeinbegriffe von Fähigkeiten und Zuständen ein, die auf Bedingungen hinweisen, deren Beschaffenheit nicht näher bekannt ist, wie Gedächtnis, Phantasie, geistige Disposition und dgl. Früher wurden solche Ausdrücke in einem ähnlichen Sinn angewandt, wie der Kraftbegriff der modernen Naturwissenschaft, also als Bezeichnungen für rein seelische Anlagen oder Vermögen, auf deren Wirksamkeit die einzelnen erlebten Vorgänge zurückzuführen seien. Gegenwärtig dienen sie nur als verständliche kurze Ausdrücke für die unbekannten Bedingungen gewisser in der Verbindung oder dem Verhalten der Erlebnisse hervortretenden Eigentümlichkeiten. Wenn wir also bei der Lehre von den Empfindungen z. B. unter den Faktoren, welche ihre Unterscheidbarkeit beeinflussen, die Übung erwähnen, so meinen wir damit nicht eine besondere psychische Fähigkeit oder gar einen neuen geistigen Akt, sondern deuten damit bloß gewisse, nicht näher bekannte Vorgänge an, welche bewirken, daß nach häufiger Wiederholung derselben Operation diese erleichtert wird. Das Gleiche gilt, wie sich später herausstellen wird, in gewissem Sinne von der Aufmerksamkeit.

11. Von unserer Behandlung der Psychologie schließen wir die  Tierpsychologie  und die  Völkerpsychologie  aus. Die unsicheren und spärlichen Anfänge jener werden sich dereinst ebensosehr zu einer selbständigen Zoopsychologie zusammenschließen, wie wir bereits eine Tier- und Pflanzenphysiologie neben derjenigen des Menschen besitzen. Die Völkerpsychologie behandelt die geistigen Erscheinungen, welche von einer größeren Gemeinschaft von Individuen abhängig sind. Auch sie ist schon zu einem besonderen Betrieb, wenn nicht zu einer geschlossenen Disziplin gelangt. Die Psychologie des menschlichen Individuums, wie wir demnach unsere Psychologie eigentlich nennen müßten, bildet aber, wie leicht ersichtlich, die Grundlage für die Tierpsychologie und für die Völkerpsychologie. Für die erstere deshalb, weil wir nur aus der genauen Kenntnis der Beziehungen zwischen menschlichen Bewußtseinsvorgängen und Ausdrucksbewegungen nach Analogie aus tierischen Bewegungen auf psychische Zustände in Tieren mit einiger Sicherheit schließen können. Für die letztere aber deshalb, weil jene von menschlichen Gemeinschaften abhängigen Vorgänge immer nur in den Einzelnen zur Wirklichkeit oder durch die Einzelnen zur Äußerung kommen. Wir können demnach unsere Psychologie auch die  allgemeine Psychologie  nennen.


§ 2. Methoden und Hilfsmittel
der Psychologie

1. Die Methoden, deren sich die Psychologie zur Erkenntnis ihres Tatbestandes bedient, sind teils  direkt,  teils  indirekte.  Die direkten Methoden sind dadurch charakterisiert, daß eine unmittelbare Auffassung und Beschreibung des Tatbestandes bei ihrer Anwendung stattfindet. Wenn ich z. B. meine eigenen Farbempfindungen untersuche, so wende ich dabei direkte Methoden an, sobald ich sie unmittelbar erlebe und in ihren Einzelheiten feststelle. Eine indirekte Methode dagegen liegt vor, wenn aus irgendwelchen Zeichen der Tatbestand, um dessen Erkenntnis es sich handelt, erschlossen werden muß. So verfahre ich z. B. indirekt, wenn ich meine Erinnerung oder sprachliche Mitteilungen zur Erkenntnis erlebter Zustände benutze. Es ist klar, daß die direkten Methoden vor den indirekten viele Vorzüge besitzen, aber die Psychologie kann die letzteren nicht entbehren, weil sie sonst zum Unding einer rein individuellen Wissenschaft herabsänke. Überall da, wo wir die geistigen Vorgänge bei anderen Menschen studieren, sind wir auf das indirekte Verfahren angewiesen.

2. Jede der genannten Klassen von Methoden läßt teils eine rein subjektive, teils eine objektive Anwendung zu, indem sie entweder nur vom erlebenden Individuum oder auch von anderen benutzt werden können. Nennen wir die unmittelbare Auffassung und Beschreibung von geistigen Vorgängen  innere Wahrnehmung,  so würde die subjektive Form der direkten Methode die  Methode der inneren Wahrnehmung  heißen. Eine objektive Form erhalten wir durch die Anwendung des Experiments, sie würde demnach als die  experimentelle Methode  zu bezeichnen sein. Das indirekte Verfahren erhält in gleicher Weise in der  Methode der Erinnerung  eine subjektive und in der  sprachlichen Methode  eine objektive Ausprägung. Die beiden objektiven Methoden sind nie ohne die entsprechenden subjektiven, wohl aber dies ohne jene anwendbar. Das Experiment bleibt eine physikalische Spielerei ohne die innere Wahrnehmung, und die Sprache wird zum bedeutungslosen Bild oder Geräusch ohne die Erinnerung. Die Sprache kontrolliert, befestigt, sichert die Erinnerung, wie das Experiment der inneren Wahrnehmung größere Zuverlässigkeit und allgemeinere Bedeutung verleiht. Jede dieser Methoden bedarf nun noch der näheren Bestimmung ihres Charakters und ihrer Tragweite.


I. Direkte Methoden

3 a) Die  Methode der inneren Wahrnehmung  ist die einfachste und selbstverständlichste von allen. Die Wissenschaft teilt sie mit der Selbsterkenntnis des praktischen Lebens. Zu einer brauchbaren psychologischen Methode kann aber die innere Wahrnehmung nur werden, wenn man sich ihrer unter besonderen, ihre Leistungsfähigkeit erhöhenden Bedingungen bedient. Dazu gehört vor allem die  Aufmerksamkeit.  Wir bezeichnen mit diesem Wort denjenigen Zustand von geistigen Vorgängen, indem sie eine besondere Lebhaftigkeit, Dauer, Deutlichkeit, Verbindungsfähigkeit und Reproduktionsfähigkeit besitzen. Es ist demnach ohne weitere klar, welchen Vorteil die innere Wahrnehmung von diesem Zustand der zu untersuchenden Erscheinungen hat. Hierbei ist festzuhalten, daß die Aufmerksamkeit diesen letzteren und nicht etwa der inneren Wahrnehmung zuteil werde, sonst würde gerade deren Zweck vereitelt oder wenigstens beträchtlich gestört werden. An eine solche Verschiebung des eigentlichen Ziels der Methode grenzt die absichtliche Selbstbeobachtung, welche manche Psychologen empfohlen haben. Es handelt sich vielmehr bloß um aufmerksames Erleben. Von besonderem Wert ist es, daß sich die Aufmerksamkeit einzelnen Seiten der Erlebnisse mit ausschließlicher oder wenigstens vorwiegender Intensität zuwenden kann, wodurch ihnen eine gesteigerte Klarheit zuteil wird. Das andere, was wir zu den Bedingungen einer methodisch geleiteten inneren Wahrnehmung rechnen, ist die  Unbefangenheit  gegenüber den Tatsachen. Schon den Naturobjekten gegenüber ist man vielfach geneigt zu sehen, was man sehen will; weit größer ist eine solche Tendenz und weit wirksamer bei den subjektiven Vorgängen. Die mehr oder weniger bestimmten Erwartungen, mit denen man im Sinne einer Theorie oder aufgrund gewisser Indizien an die eintretenden Bewußtseinsvorgänge herangeht, können in nicht unbeträchtlichem Maße den Tatbestand fälschen. Abgesehen von einer durch das Experiment möglichen Kontrolle läßt sich als ein Mittel dagegen nur eine sorgfältige Selbstbeobachtung empfehlen.

4. Wissenschaftlich verwertbar wird nun die innere Wahrnehmung oder das aufmerksame Erleben erst durch eine ihren Inhalt wiedergebende Beschreibung. Es ist deshalb notwendig, was noch spezieller bei der Behandlung der sprachlichen Methode zu erwähnen ist, daß ein verständliches und feines Zeichensystem ausgebildet werde, um diesem Bedürfnis in möglichst vollkommener Weise Rechnung tragen zu können. Auch hier leistet die zweckmäßige Richtung und gesteigerte Lebhanftigkeit der Aufmerksamkeit die besten Dienst. Da in diesem Zustand die einzelnen Bewußtseinserscheinungen besonders verbindungs- und reproduktionsfähig sind, so werden auch die die Beschreibung ausführenden Sprachlaute bzw. Schriftzeichen mit vorzugsweiser Leichtigkeit und Vollständigkeit durch aufmerksam erlebte Vorgänge hervorgerufen werden. Aber auch hier ist natürlich die Gefahr groß, daß den Tatsachen sprachlich fixierte Resultate entgegengebracht werden, welche sich ihnen zur Reproduktion gewissermaßen anbieten. Durch die Erlebnisse selbst muß die Beschreibung des unbefangenen Beobachters ausschließlich bestimmt werden. Da dieses Ziel durch die innere Wahrnehmung selbst nur unvollkommen erreicht werden kann, leidet sie an offenkundigen Mängeln. Es dürfte bei bestem Willen kaum möglich sein, alle die subjektiven Tendenzen des Beobachters, welche die reine Hingabe an das Tatsächliche trüben, einflußlos zu machen. Dazu kommt, daß die innere Wahrnehmung allein eine Theorie der psychischen Vorgänge nicht zu liefern vermag und daß ihre Resultate einen mehr zufälligen, gelegentlichen Charakter tragen. Immerhin bleibt diese Methode die Grundlage aller übrigen und ist sie vielfach gegenwärtig die einzige direkt mögliche.

5 b) Die  experimentelle Methode.  So wenig dem Physiker die äußere, so wenig wird dem Psychologen die innere Wahrnehmung ndurch das Experimentieren ersetzt. Es will und kann vielmehr lediglich eine Unterstützung der ersterwähnten Methode liefern, sie von den Mängeln befreien, denen sie bei ausschließlicher Anwendung unterliegt, ihre Aussagen kontrollieren und zuverlässiger machen. Zu dieser Aufgabe ist die experimentelle Methode durch sechs Vorzüge, die sie besitzt, befähigt.
    1) ermöglicht sie die  häufige Wiederholung  des zu beschreibenden Vorgangs. Bei der Flüchtikeit und Komplikation der psychischen Tatbestände ist eine Gelegenheit zu wiederholter Beobachtung des gleichen Phänomens Bedingung einer genauen Analyse. Dadurch wird die Beschreibung eine konkrete und sichere. Die früheren, lediglich auf innere Wahrnehmung, Erinnerngen und sprachliche Mitteilungen gegründeten psychologischen Erkenntnisse waren zu allgemein gehalten und entbehrten deshalb des eigentlichen Fortschritts. Der Feststellung des Tatbestandes kommt also dieser Vorzug des Experiments zugute.

    2) kann durch experimentelle Hilfsmittel eine  isolierte Veränderung  einzelner Bestandteile des untersuchten Vorgangs hervorgebracht werden. Nur durch eine solche Variierung im Detail wird es möglich, die Bedeutung und das gesetzmäßige Verhalten der einzelnen Momente und Seiten des psychischen Geschehens klarzulegen. Wie soll ein Aufschluß über die räumlichen und zeitlichen Bestandteile der Wahrnehmung im Unterschied von den qualitativen oder intensiven beispielsweise sonst gewonnen werden? Es ist dieselbe Eigenschaft des Experiments, welche der Naturwissenschaft zu so glänzenden Erfolgen verholfen hat. Auch hierdurch wird die Leistung der dem Zufall überlassenen inneren Wahrnehmung wesentlich überholt, vertieft und erweitert. Insbesondere wird nicht nur die Erkenntnis des Tatbestandes auf eine solche Weise bedeutend gefördert, sondern auch eine theoretische Erklärung desselben angebahnt und vorbereitet.
6. das letztere kann nun
    3) auf das wirksamste durch die Ermittlung von  Abhängigkeitsbeziehungen  zwischen den Reizen und den durch sie hervorgerufenen psychischen Vorgängen oder zwischen subjektiven Phänomenen und den durch sie veranlaßten körperlichen Bewegungen geschehen. Die Reize stehen in einem kausalen Verhältnis zu den Nervenerregungen bis zu den zentralen Prozessen, und die äußerlich sichtbaren Körperbewegungen werden erzeugt durch zentrale Innervationen [Nervengefühle - wp]. So resultieren auch Funktionsbeziehungen zwischen den entfernteren Gliedern dieser Reihe, die zwar nicht immer eindeutig und einfach sind, aber sich in gesetzmäßiger Form ausdrücken lassen.

    4) Dadurch wird noch ein weiterer wichtiger Vorteil erzielt. Bestehen solche Abhängigkeitsverhältnisse zwischen subjektiven und objektiven Vorgängen, so kann man auch in den letzteren ein  Maß,  einen festen, reproduzierbaren Ausdruck für erstere gewinnen. Wie wertvoll das ist, erhellt sich leicht aus einem Vergleich mit dem früheren Zustand psychologischer Behauptungen. Entweder waren diese so allgemein, daß sie die mannigfaltigsten individuellen Ausprägungen zuließen, oder sie entbehrten jeglicher Allgemeingültigkeit. Findet man durch die experimentelle Methode abweichende Beziehungen zwischen den objektiven Erscheinungen und dem subjektiven Verhalten Einzelner, so weiß man jetzt, wo man den Grund dafür zu suchen hat, und kann die individuellen Differenzen auf ihre Bedingungen zurückführen, also ihres unwissenschaftlichen Charakters entkleiden. So wird die Allgemeingültigkeit psychologischer Resultate durch diese die Meßbarkeit der geistigen Phänomene begründete Eigenschaft der experimentellen Methode gesichert.
7. Ferner wird
    >5) durch das Experiment ein Mittel gewonnen, um die zweckmäßigste  Disposition des erlebenden Individuums  herzustellen. Aufmerksamkeit und Unbefangenheit haben wir als die Bedingungen einer passenden Verwertung der inneren Wahrnehmung kennengelernt. In ihr selbst aber besaßen wir kein Werkzeug, um diese Bedingungen zu erfüllen oder ihre größere oder geringere Wirksamkeit erkennbar zu machen. Wie leicht können wir nun das Experiment so einrichten, daß der Beobachter über den Wert oder die Richtigkeit seiner Aussagen ganz in Unkenntnis bleibt und deshalb lediglich auf seine Erfahrungen angewiesen ist, ohne sie durch bestimmte Erwartungen mit irgendeiner Aussicht auf Erfolg beeinflussen zu können! Ebenso aber sind wir in der Lage, durch ein entsprechendes Versuchsverfahren nachzuweisen, welche Änderung der Resultate durch solche Voraussetzungen oder sonstige Prädispositionen des Beobachters hervorgebracht wird. Ferner lassen sich durch rechnerischen Vergleich der einzelnen Aussagen Fehler oder Einflüsse quantitativ bestimmen, auf deren Wirksamkeit der Beobachter selbst nicht geachtet hat. Wir sind also durch diesen Vorzug der experimentellen Methode befähigt, die für unseren Zweck günstigste Disposition der Versuchsperson gewissermaßen zu erzwingen und alle ihre Einflüse und Änderungen zu erkennen. Man ersieht hieraus leicht, wie ungerecht der Vorwurf ist, der zuweilen der experimentellen Methode gegenüber laut wird, der Vorwurf nämlich, daß sie ein abnormes Verhalten, eine unnatürliche Stimmung des Beobachters setzt. Erstens kann mit ihrer Hilfe allein ein zuverlässiges Maß für das Normale bzw. Abnorme geschaffen werden und zweitens besteht auch nicht der Schatten einer Berechtigung, die einer Beobachtung günstigen Umstände schlechthin als abnorme zu bezeichnen. Endlich

    6) verdanken wir dem Experiment eine  Gemeinsamkeit der psychologischen Arbeit,  die man früher nicht kannte. Dieser Vorteil beruth darauf, daß man die Tatsachen unter ganz bestimmten, von jedem nachzuahmenden Bedingungen beobactet. So kann jeder Psychologe an den Arbeiten und Ergebnissen der anderen Fachgenossen teilnehmen, sie bestätigen oder berichtigen, so kann sich ein stetiger Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis entwickeln. Bald wird man nicht mehr von der Psychologie dieses oder jenes Mannes als einem individuellen Ideenkreis reden, sondern nur noch von der Psychologie schlechthin als einer Wissenschaft mit festem Bestand, an den sich Neues leicht und friedlich angliedern läßt.
8. Über die Ausdehnung der experimentellen Methode läßt sich iim allgemeinen nur sagen, daß sie überall da in der Psychologie Anwendung finden kann, wo psychische Vorgänge zu äußeren körperlichen Prozessen in gesetzmäßiger Beziehung stehen. Eine solche Beziehung aber ist nicht nur zwischen Empfindungen und den sie veranlassenden Reizen vorhanden, sondern auch zwischen Gefühlen und Willensakten einerseits und den durch sie hervorgerufenen Bewegungen der Glieder und Mienen, des Blutes und der Atmung andererseits. Die letztere Abhängigkeitsrelation ist allerdings noch nicht mit gleicher Häufigkeit und gleichem Erfolg untersucht und festgestellt worden. Außerdem fehlt es nicht an sinnreichen Mitteln, um auch den Verbindungen geistiger Vorgänge mit dem Experiment näher zu treten. Danach gibt es also im Prinzip keinen Gegenstand psychologischer Forschung, der nicht der experimentellen Methode zugänglich wäre. Es ist deshalb gerechtfertigt, wenn die experimentelle Psychologie den Anspruch erhebt, die allgemeine Psychologie, die wir zu behandeln unternommen haben, zu werden. Vergleicht man die dürftigen Erkenntnisse, welche auf all den Gebieten, die gegenwärtig der experimentellen Untersuchung erschlossen sind, vor dieser gewonnen waren, mit dem reichen sich stetig vermehrenden Schatz von Beobachtungen und Gesetzen, über die wir dank eingehenden Experimenten verfügen, so kann man nur wünschen, daß alle Vorteile dieses mächtigen Hilfsmittels bald auch allen übrigen Teilen der empirischen Psychologie zugute kommen möchten.


II. Indirekte Methoden

9 a) Die  Methode der Erinnerung  ist ein bei der Vergänglichkeit psychischer Erscheinungen sehr häufig zu berücksichtigendes Verfahren in der Psychologie. Wir verstehen hier unter Erinnerung nicht die reproduzierten Vorstellungen oder sonstigen geistigen Phänomene, also nicht das Wiederaufleben früherer Erfahrungen, sondern die aufgrund irgendwelcher Zustände sich vollziehende Beschreibung oder Erkenntnis früherer Erlebnisse. Hierbei dienen offenbar die vorhandenen Bewußtseinsvorgänge nur als Zeichen für andere früher stattgefundene. So läßt sich beispielsweise ein größerer Zeitraum, dessen ich mich erinnere, nicht als solcher mit auch nur annähernder Treue reproduzieren, sondern aus den bei dieser Erinnerung wirksamen Momenten schließe ich auf die Größe jenes Zeitraums. Ebenso wird, wenn ich ein eben gehörtes starkes Geräusch in Bezug auf seine Intensität mit einem anderen bei früherer Gelegenheit vernommenen ähnlichen vergleiche, nicht etwa das letztere in seiner damaligen Stärke wiederholt, sondern ich erkenne aus irgendwelchen Erinnerungsmerkmalen, wie intensiv es gewesen ist. Die Erinnerung interessiert uns hier also nicht als ein psychologischer Vorgang, sondern als ein Weg zur Ermittlung eines solchen.

10. Die Brauchbarkeit dieser Methode hängt von der Zuverlässigkeit der Zeichen ab, aus denen auf seelische Ereignisse bestimmter Art geschlossen wird. Allgemeine Regeln lassen sich darüber kaum geben. Aufmerksamkeit und Unbefangenheit sind auch hier wesentliche Bedingungen für das Zustandekommen eines richtigen Schlusses. Denn die größere Aufmerksamkeit stärkt nicht nur die Verbindung von Zeichen und Bezeichnetem bei ihrem Eintritt, sondern läßt sie auch später leichter und präziser funktionieren. Und wenn schon der Tatbestand der inneren Wahrnehmung durch Einwirkung fremdartiger Voraussetzungen verändert werden kann, so ist diese Gefahr bei der Erinnerung noch größer, wo die unmittelbare Kontrolle zu fehlen pflegt. Außerdem aber ist die  Wahl zweckmäßiger Zeichen  bis zu einem gewissen Grad vom Einzelnen abhängig. Dieser Gesichtspunkt erlaubt eine methodische Ausbildung der Erinnerung, wie sie allein psychologischen Zwecken genügen kann. Die Erkenntnis früherer Tatbestände kann sich ja auch die mannigfaltigsten Merkmale stützen. Es ist Sache des Psychologen herauszufinden, welche Bedeutung den einzelnen innewohnt und mit welcher Aussicht auf Erfolg man sich ihrer wird bedienen können. Von besonderer Wichtigkeit ist dies im Vergleich sukzessierender Bewußtseinsvorgänge, wo die Erinnerung auch bei der Anwendung experimenteller Methodik eine Rolle zu spielen pflegt. So werden in der Erinnerung schreckhaft starke Geräusche überschätzt, überraschend kleine Gewichte unterschätzt. Will man gleiche Versuchsbedingungen haben, so muß man daher derartige Nebeneindrücke möglichst ausschließen. Immerhin bleibt die Methode der Erinnerun eine rein subjektive und deshalb mit großen Mängeln behaftete. Sie kann nur dadurch zu allgemeinerer Bedeutung gelangen, daß sie sich gewisser Zeichen bedient, die allen zugänglich und verständlich sind. Solche Zeichen sind die sprachlichen Symbole. Daher wird die Erinnerung erst in ihrer Beziehung auf die Sprache zu einer objektiven, über den engen Kreis individueller Erfahrung hinausreichenden psychologischen Methode.

11 b) Die  sprachliche Methode.  Unter allen Zeichen, die zur Beschreibung von Tatbeständen benutzt werden, erfreuen sich die sprachlichen der größten Verbreitung und Wertschätzung. Es sind vornehmlich folgende Eigenschaften, denen die Sprache diese Stellung zu verdanken hat:
    1) ihre Biegsamkeit und ihr Nuancenreichtum;

    2) ihre Konstanz und Präzision;

    3) die Leichtigkeit und Schnelligkeit ihrer Mitteilung.
Alle diese Eigenschaften haben natürlich nur relative Bedeutung, sie drücken ebenso viele Aufgaben aus, die man bei der Benutzung der Sprache zu erfüllen hat.
    1) Unter der  Biegsamkeit  verstehen wir die Fähigkeit der Sprache, sich der Beschreibung verschiedenster Tatbestände anzupassen, und zwar mit solcher Vollständigkeit, daß auch die feinsten Nuancen derselben dargestellt werdn. Dazu gehört aber auch, daß neue Symbole oder neue Verbindungen alter mit großer Bequemlichkeit dem vorhandenen Schatz von Wörtern und Wortverbindungen eingefügt werden können. Es bedarf keiner besonderen Erörterung des Wertes, den diese Eigenschaft sprachlicher Bezeichnungen für den Psychologen besitzt, da die Treue und Ausführlichkeit seiner Schilderung ganz wesentlich davon abhängt. Umso mehr muß aber auch verlangt werden, daß der Psychologe von diesem wichtigen der Sprache eigentümlichen Vorzug den sorgfältigsten Gebrauch mache. Insbesondere ist diese Vorschrift dem experimentierenden Psychologen einzuschärfen, damit er eine möglichst eingehende und vielseitige Mitteilung über seine Erlebnisse liefere. Im allgemeinen wird er dazu umso geschickter sein, je größer sein psychologischer Sprachschatz, seine Kenntnis der Psychologie ist. Nur zu verhältnismäßig wenigen und geringfügigen Aufschlüssen werden in dieser Hinsicht gänzlich unbewanderte Individuen zu benutzen sein. Ihren Grund hat die erwähnte Eigenschaft der Sprache vor allem in ihrer  Abhängigkeit vom Willen  des Individuums. Die dem Sprechen und Schreiben dienenden Bewegungen können durch den menschlichen Willen geleitet und verändert werden. Daher können sie nach dem jeweiligen Bedürfnis die Form oder den Inhalt gewinnen, die den zweckmäßigsten Ausdruck der darzustellenden Wirklichkeit bilden. Trotz allem läßt sich eine Schwierigkeit auch bei der genauesten Verwendung der Symbole nicht ganz überwinden, die aus dem kontinuierlichen Fluß des inneren Geschehens erwachsende Schwierigkeit, den stetigen Änderungen desselben gerecht zu werden. Auch aus diesem Grund wird man der Kombination mehrerer Urteile oder Aussagen bedürfen, wie sie bei psychologischen Experimenten erhalten werden.
12. Wenn wir
    2) von einer  Konstanz und Präzision  der Sprache reden, so meinen wir damit zunächst ihre Unabhängigkeit von der Zeit. Die subjektive Methode der Erinnerung kann im allgemeinen umso sicherer genannt werden, je weniger Zeit zwischen den früheren Bewußtseinszuständen und den an sie erinnernden gegenwärtigen Vorgängen verstrichen ist. Die sprachliche Methode befreit uns von diesem Mangel der rein subjektiven Erinnerung, insofern nicht nur das Zeichen, sondern auch seine Bedeutung fixiert werden kann. Ferner aber ist deshalb auch die Präzision, mit welcher Zeichen und Bezeichnetes einander entsprechen, bei der Sprache eine so große. Alle Vorteile, welche durch Definitionen nach allen Regeln der Logik der wissenschaftlichen Beschreibung erwachsen, finden hier ihre Verwertung, und Wörterbücher, Enzyklopädien schützen den Sinn der einzelnen Symbole vor eilfertiger Vergessenheit. Offenbar wurzelt dieser Vorzug der Sprache in der  Konstanz der Schriftzeichen.  Die beste Methode Inhalte der inneren Wahrnehmung und der Erinnerung aufzubewahren ist deshalb ihre Wiedergabe in den üblichen verständlichen Gesichtsbildern.

    3) Die  leichte und schnelle Mitteilbarkeit  der sprachlichen Symbole ist eine durch die  praktischen Bedürfnisse des Verkehrs  geschaffene vorteilhafte Eigenschaft derselben. Beim raschen Ablauf und der Geschwindigkeit im Wechsel der psychischen Vorgänge ist es erforderlich, mit der Angabe des Tatbestandes in entsprechender Schnelligkeit zu folgen. Außerdem aber bewirkt die große Einübung in der Anwendung der sprachlichen Symbole, daß die Aufmerksamkeit durch sie nicht wesentlich von den Erlebnissen absorbiert wird, daß sich mit einer halb automatischen Sicherheit die Verknüpfung der passenden Worte abwickelt. Vielfach wird diese Leichtigkeit der Aussagen noch erhöht durch die Verabredung, einfache kurze Symbole für bestimmte Urteilsgattungen zu gebrauchen. Im Interesse der psychologischen Ergebnisse liegt es jedoch, dieses Verfahren nicht gar zu sehr zur Schablone werden zu lassen. Einmal wird dadurch leicht auch das Erleben selbst ein von geringerer Aufmerksamkeit getragenes, und die Langeweile kann zu einer bösen Fehlerquelle werden. Sodann aber ist es in der Natur der psychischen Phänomene begründet, daß sie stets komplexer sind, als die Erscheinungen, die man vornehmlich studieren will, daß sie regelmäßig mehr enthalten, als man zunächst zu erkunden die Absicht hat. Von einem gewiegten Psychologen darf erwartet werden, daß er auch diesen Nebenerscheinungen einiges Interesse zuwendet und entsprechende Angaben darüber vermerkt. So ergeben z. B. die einfachen Versuche über die ebenmerklichen Reizunterschiede auch manches Wertvolle über Vorstellungsassoziationen, Grundlagen des vergleichenden Urteils und dgl. mehr. Auf diese Weise können auch die einfachsten Experimente für den Beobachter fesselnd und für die Psychologie ertragreich werden.
Alle diese Methoden, die direkten und indirekten, die subjektiven und objektiven werden am zweckmäßigtsten nebeneinander verwandt in gegenseitiger Unterstützung und Kontrolle. Im übrigen aber muß ihre speziellere Bedeutung und Verwertung noch späterhin ausführlicher gewürdigt werden. Insbesondere hat das experimentelle Verfahren eine reiche Entwicklung gehabt und sich in eine Anzahl verschiedener Einzelmethoden differenziert.

13. Zur Ergänzung der durch innere Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache und Experiment gewonnenen Erkenntnis können noch für einzelne Fragen die  Hilfsmittel  herangezogen werden, welche uns krankhafte Veränderungen der seelischen Organisation, Tatsachen aus der geistigen Entwicklung und die Produkkte der geistigen Tätigkeiten darbieten. Es braucht kaum betont zu werden, daß diese Hilfsmittel erst in zweiter Linie in Betracht kommen. Den ersten und grundlegenden Aufschluß über die Tatsachen und Zusammenhänge des Bewußtseins erwarten wir stets von den im Bisherigen geschilderten Methoden, namentlich von einer geschulten und unter gebührende Kontrolle gestellten inneren Wahrnehmung. Nur selten wird man in der Lage sein aus den genannten Hilfsquellen eine Erkenntnis schöpfen zu müssen oder zu können, die nicht schon auf dem gewöhnlichen Weg erreichbar war.
    4) die  Pathologie des Seelenlebens  ist das wertvollste von den genannten Hilfsmitteln. Wie man gegenwärtig das Wissen von den physiologischen Funktionen einzelner Gehirnteile und Fasergattungen auch auf pathologische Fäle stützt, in denen man den Ausfall bestimmter Funktionen an die Degeneration bestimmter nervöser Partien geknüpft sieht, so liefern entsprechende Krankheitszustände der Psychologie ein wertvolles Werkzeug zur Analyse komplizierterer psychischer Vorgänge und besonders einen wichtigen Beitrag zur Erkenntnis ihrer Abhängigkeit von bestimmten körperlichen Organen oder Prozessen. Wenn wir beispielsweise unseren Arm bewegen, so können wir auch ohne hinzusehen über die Bewegungsrichtung, die veränderte Lage innerhalb gewisser Grenzen zutreffend urteilen. Es fragte sich, welche Empfindungen hierbei die Grundlage für das Urteil bilden. An und für sich konnten Haut-, Muskel-, Sehnen-, Gelenkempfindungen, die sämtlich bei solchen Bewegungen des Armes zu entstehen scheinen, gleichmäßig die angegebene Bedeutung besitzen. Pathologische Fälle haben zunächst die Entscheidung hierüber gebracht, indem sie lehrten, daß die ersterwähnten Empfindungen fehlen können, ohne daß das Urteil über Lage und Bewegung des Gliedes eine wesentliche Einbuße erleidet. In ähnlicher Weise kommen natürlich solche Erscheinungen dem Psychologen überall dort zugute, wo er normale Abänderungen der einzelnen Bestandteile psychischer Komplexe vorzunehmen nicht in der Lage ist oder wo die Abhängigkeitsbeziehungen der Bewußtseinsvorgänge zu mehr zentralwärts gelegenen Nervenerregungen in Frage kommen. Welchen wichtigen Einblick in diese Verhältnisse haben die verschiedenen Sprachstörungen geliefert, welch ein interessantes Experiment der Natur ist die Taubstumm-Blinde LAURA BRIDGMAN gewesen! Offenbar ist die Bedeutung derartiger Beobachtungen vor allem deshalb eine so große, weil die wirksamen und die unwirksamen Faktoren klar zu übersehen sind oder weil ein Vergleich der psychischen Defekte mit den nach dem Tode bei der Sektion konstatierten anatomischen Abnormitäten möglich war.
14. Alle pathologischen Zustände, in denen eine solche Eindeutigkeit der Bedingungen und Äußerungen nicht anzutreffen ist, geben zweifelhafte Resultate. Dies ist vorzüglich der Fall bei den  hypnotischen  Experimenten, die man neuerdings den Psychologen auf das Wärmste empfohlen hat. Abgesehen von den Gefahren, die auch sorgsamste Methoden auf die Dauer für die Versuchspersonen mit sich bringen, sind die Ergebnisse vielfach unzuverlässig, weil die klare und sichere Einsicht in den Bewußtseinszustand des Hypnotisierten fehlt. Es soll damit nicht bestritten werden, daß mancherlei interessante Aufschlüsse mit Hilfe der Suggestion während und nach der Hypnose erhalten worden sind. Aber diese betreffen fast nur seltsame Fähigkeiten oder Leistungen, die im normalen Zustand des Seelenlebens höchstens bei einigen Individuen vorkommen. - Auch von anderen künstlich herzustellenden Veränderungen des normalen Bewußtseins, wie etwa unter der Einwirkung von narkotischen Mitteln auf den Organismus, wird man selten Gebrauch zu machen sich veranlaßt fühlen. Von allen derartigen Zuständen darf man wohl sagen, daß sie selbst mehr erklärungsbedürftige Probleme bieten, als einen Beitrag zur allgemeinen Psychologie. Nicht ausgenommen sind davon auch die sogenannten Geisteskrankheiten, deren man vornehmlich hier zu gedenken hat. Es scheint vorläufig mehr Hoffnung vorhanden zu sein, daß über ihr Auftreten, ihre Entwicklung und ihre Bedingungen die allgemeine Psychologie einiges Licht verbreiten könne, als daß ihr Studium zu einer wesentlichen Bereicherung dieser führen werde. Den Geisteskranken fehlt meist die Fähigkeit, die innere Wahrnehmung zu psychologisch brauchbaren Aussagen zu benutzen.

15. Wir erwähnten 2) die geistige  Entwicklungsgeschichte.  Hierunter verstehen wir in erster Linie die Lehre von der Entwicklung der psychischen Phänomene im menschlichen Individuum. Es ist kein Zweifel, daß wir hieraus übe die Entstehung einzelner seelischer Vorgänge mancherlei lernen können, es sei nur an die Entstehung der Sprache, die Entwicklung des Gedächtnisses, die Bildung von Assoziationen erinnert. Aber auch auf diesem Gebiet besteht die Schwierigkeit, daß eine zuverlässige, eindeutige innere Wahrnehmung nicht vorausgesetzt werden kann. Deshalb sind die Forschungen über das Seelenleben von Kindern mit ähnlichen Hindernissen behaftet, wie die psychologischen Studien an Tieren. Man wird auch kaum behaupten können, daß ein entscheidender Beitrag für irgendeine Frage der allgemeinen Psychologie solchen Forschungen entstammt sei. Doch bilden sie eine unumgängliche Ergänzung zu den Erkenntnissen, die wir dem entwickelten Bewußtsein verdanken.

Am wenigsten umittelbaren Inhalt für die Psychologie liefern 3) die  geistigen Erzeugnisse.  Kunst, Recht, Sprache sind in erster Linie selbst als Tatbestände anzusehen, die einer psychologischen Auffassung und Behandlung zugänglich sind, und erst in zweiter Linie in deren Dienst zu stellen, wo es gilt gewisse geistige Zusammenhänge oder Beziehungen zu erläutern. So kann man etwa in der Ordnung der sprachlichen Formen und Aussagen Regeln wirksam finden, die für die Verbindung der Vorstellungen beim Denken gelten. So kann uns die künstlerische Verwendung der Sinnesempfindungen und des reproduktiven Mechanisus gesetzmäßige Verhältnisse in der Verbindung der Empfindungen untereinander und mit Gefühlen ausdrücken helfen. Aber weder sind alle diese Erzeugnisse lediglich von psychologischen Faktoren abhängig, noch weisen sie auf einen eindeutig bestimmten psychischen Zusammenhang hin. Deshalb ist auch von diesen Hilfsmitteln nur eine vorsichtige und beschränkte Anwendung zu machen.
    Von der  Physik  und der  Physiologie  haben wir bei dieser Besprechung der Hilfsmittel geschwiegen, weil sie uns nicht sowohl die Psychologie ausbauen, als vielmehr die Arbeit zur Gewinnung psychologsicher Tatbestände unterstützen helfen. Wir bedürfen physikalischer Apparate und Kenntnisse zur Anstellung psychologischer Experimente, und jeder Fortschritt in der Erkentnis der physikalischen oder chemischen Bedingungen der Sinneswahrnehmung ist auch von Wert für deren psychologische Untersuchung, aber die Resultate der Physik sind keine Beiträge zur Psychologie. Etwas anders steht es insofern mit der anderen oben genannten Disziplin, als die Physiologie der Sinne auch von den Empfindungen und Wahrnehmungen, die Physiologie der Zentralorgane auch von den geistigen Funktionen zu berichten pflegt. Man findet deshalb unter den Physiologen nicht wenige, die in der Psychologie nur einen Teil der Physiologie erblicken. Diese Ansicht beruth auf einem erkenntnistheoretischen Irrtum. Die Physiologie hat es nicht mit den Erlebnissen in ihrer Abhängigkeit von den sie erlebenden Individuen zu tun, sondern mit den äußerlich wahrnehmbaren, in Abhängigkeit voneinander und von der Umgebung stehenden Lebenserscheinungen. Aber in den psychischen Vorgängen, welche die letzteren teilweise begleiten, sind dem Physiologen wertvolle Erkenntnisgrnde für das Vorhandensein körperlicher Funktionen gegeben. Sie sind ihm daher zwar nicht der eigentliche Gegenstand seiner Untersuchung, wohl aber Hinweise auf diesen. So berühren sich freilich Psychologie und ein Teil der Physiologie auf das Engste, und es werden scheinbar gleichartige Tendenzen und Beobachtungen in beiden zur Geltung gebracht. Aber für den tiefer Blickenden kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die letzten Absichten und Zwecke in beiden Wissenschaften durchaus verschieden sind. Man kann im Interesse des Fortschritts psychologischer Erkenntnis bei aller prinzipiellen Trennung der Gebiete nur wünschen, daß die psychologisch verwertbaren Arbeiten physiologischer Forscher, wie bisher, so auch fernerhin in größerer Anzahl stattfinden. Beim Mangel an psychologischen Instituten ist diese Unterstützung von benachbarter Seite sehr willkommen.
LITERATUR - Oswald Külpe, Grundriss der Psychologie, Leipzig 1893