cr-2Über den Begriff des NaturgesetzesErscheinungen und psychische Funktionen   
 
BERNHARD WEINSTEIN
Von den Vorgängen
und den Erscheinungen


"Manche Täuschung folgt daraus, daß oft ganz verschieden Vorgänge zu gleichen oder sehr ähnlichen Ergebnissen führen, wie gewisse Bewegungen in Flüssigkeiten scheinbare Anziehungen und Abstoßungen bewirken, die denen elektrischer Ströme vielfach in sehr hohem Maß entsprechen. Man schließt dann aus der Gleichheit oder Ähnlichkeit der Ergebnisse gern auf Gleichheit oder Ähnlichkeit der Vorgänge, wenn man auch nicht die gleichen Substanzen als ihre Träger ansieht. Und das ist ja auch, solange keine Widersprüche auftreten, ganz berechtigt. Nur darf man aus solchen Erklärungen nicht sofort eine absolute Weltauffassung konstruieren und sie nicht in Dinge hineintragen, wo sie offenbar nicht hineingehören wie etwa in die psychischen Vermögen."

Ich habe in den letzten Vorlesungen und in den früheren viel von  Vorgängen  und  Erscheinungen  gesprochen und durfte voraussetzen, daß Sie wissen, was das für Dinge im allgemeinen sind. Nun aber muß ich etwas näher auf sie eingehen.

Erscheinungen sind, was uns an den Vorgängen besonders auffällt und unsere Wahrnehmung beschäftigt, zum Beispiel der Blitz, der Donner vor einem Gewitter. Manchmal versteht man auch unter Erscheinung auf dem Gebiet der Kunst, der Technik der Wissenschaft, oder auch eine Wahrnehmung wie die Erscheinung des Lichts, des Schalls. Mitunter auch etwas Außernatürliches: ein Gespenst, das sich etwa damit vergnügt, sich Arme und Beine auszureißen und mit seinem Kopf Fangball zu spielen. Und endlich steht auch  Erscheinung  unmittelbar für Vorgänge. Wir sprechen zuerst nur von den letzteren. Zu diesen gehört auch das Leben; scheiden wir jedoch davon den psychischen Teil aus als durch die früheren Darlegungen über die Seelentätigkeit bereits erledigt, so ist, was vom Leben übrig bleibt, wie jeder andere Vorgang in der Natur, ein Physikalisches oder Chemisches. Nun ist es selbstverständlich nicht meine Aufgabe, Ihnen alle physikalischen und chemischen Vorgänge aufzuzählen und zu beschreiben. Ich habe auch hier nur die allgemeinen Gesichtspunkte vorzuführen.

Man kann sagen, so wichtig die Substanz ist, noch wichtiger fast scheinen uns die Vorgänge; eine Welt ohne Vorgänge wäre für uns keine Welt mehr, sondern ein Totes. Die Physiker haben der Welt ein solch jämmerliches Ende vorausgesagt, aber weder Sie noch ich, noch Millionen von aufeinanderfolgenden Geschlechtern werden darum trauern müssen. Einstweilen lebt sie noch so sehr vorgangreich, daß wir schon auf unserer kleinen Erde keinen Augenblick feststellen können, an dem nicht etwas in Luft, Boden und Meer geschähe. Die Winde wehen, die Wolken ziehen und wandeln stetig ihre Gestalt, die Wasser fließen und wogen, selbst der Grund, auf dem wir stehen, bebt und wallt und an den stolzen Bergen wird Fels auf Fels zerkleinert und zerrieben, daß die Höhen allmählich schwinden und die Täler aufgefüllt werden.  Panta rhei  sagte schon ein griechischer Philosoph mit dem geringen Maß des Wissens seiner Zeit. Und das trifft durchaus zu, da sich selbst die Substanzen ständig wandeln. Dazu kommt noch das große Reich der Lebewesen, das wie dazu geschaffen scheint, stetig Vorgänge zu veranlassen. Denken Sie an die Nahrungsaufnahme dieser Wesen, die Vorgänge aller Art hervorruft. Und der Mensch erst, der, als das richtige Ferment der Welt, anscheinend gar nicht existieren kann, ohne stets und überall Unruhe zu bewirken und zu unterhalten.

Die Vorgänge sind sehr mannigfacher Art, man hat sie jedoch auf wenige einfache zurückgeführt: Bewegung, optische Vorgänge, akustische, thermische, elektrische, magnetische, chemische. Die so viel berufenen Strahlungsvorgänge, die als das Wunder unserer Zeit mancher vielleicht besonders aufgeführt sehen möchte, sind anscheinend Bewegungs- und elektrische, vielleicht auch chemische Vorgänge. Vom Standpunkt des Menschen würden wir noch hinzufügen physiologisch-biologische, doch setzen sich diese, wie sich zum Teil nachweisen läßt, zum Teil angenommen werden muß, schon aus den vorbezeichneten Vorgängen zusammen, wie die Körperbewegung, die Verdauung, die Atmung, die Ausscheidung, das Wachstum. In allen diesen und in den anderen entsprechenden Vorgängen sind namentlich chemische, thermische, elektrische und motorische Vorgänge enthalten, während optische, akustische und magnetische Vorgänge eine nur sehr geringe Rolle spielen. Bewegung finden wir in den Gliedern der Tiere, dem Blut- und Lymphumlauf, der Säftediffusion, der Atmung usw. Elektrische Vorgänge scheinen wesentlich in den Nerven und den Zentralnervensystemen stattzufinden. Manche Tiere haben starke elektrische Apparate im Leib. Ohne solche Apparate sollen auch einige Menschen besondere elektrische Eigenschaften besitzen. Von welcher Wichtigkeit die Wärmevorgänge für die Lebewesen sind, brauche ich kaum hervorzuheben; Wohlbefinden und Leben hängen von ihnen ab, und die Grenzen für sie sind namentlich beim Menschen auffallend eng gezogen. Chemische Vorgänge sind bei der Verdauung, Atmung und dem Wachstum entscheidend, der tierische und pflanzliche Körper ist eine vollständige chemische Küche, wo zugeführte Nahrung und Luft auf die feinste Weise zersetzt und umgewandelt und für den Aufbau desselben oder für Ersatz in ihm nutzbar gemacht wir. Alle Lebewesen treiben organische Chemie im großen und auch ein wenig unorganische. Optische Vorgänge finden sich bei manchen Tieren, die von selbst leuchten, wie unser Johanniskäferchen, die Infusorien, die das Meeresleuchten bewirken und andere. Akustische Vorgänge bemerken wir im Schlagen des Herzens, das dem Arzt zur Erkennung von Krankheiten dient. Magnetische Vorgänge sind anscheinend noch nicht festgestellt, wohl aber nach der Annahme vieler magnetischer Beeinflussungen, worüber seit REICHENBACH man dicke Bücher geschrieben hat.

Außer den physiologisch-biologischen hätten wir noch die politisch-soziologischen Verhältnisse zu berücksichtigen. Diese tönen uns so stetig in die Ohren und von ihnen sind die Zeitungen und Zeitschriften so voll, daß man sich freut, ihnen aus dem Weg gehen zu können. Innerlich sind sie psychischer Art, nach außen treten sie in der Form namentlich der Bewegung und des Schreiens hervor. Die Hexenküche der Diplomatie, die so mancher gestohlen sehen möchte, gehört auch hierher. Das sind alles die Vorgänge auf Erden.

Im Himmelsraum scheinen aber keine anderen Vorgänge zu herrschen als diese und sie sind auch alle sicher mit mehr oder weniger Wahrscheinlichkeit dort festgestellt. Nur einen Vorgang hat man noch an keinem Himmelskörper bemerkt, wiewohl wir bestimmt annehmen dürfen, daß er bei sehr vielen vorhanden ist, den Schall. Vermöchten wir den Lärm auf der Sonne infolge der Explosionen, Flutungen und elektrischen Entladungen auf ihr zu hören, wie wir die Sonne sehen, so würden wir von diesem Krachen, Knallen und Donnern betäubt werden, den es geht auf der Sonne äußerst wild zu. Aber der Schall pflanzt sich durch den leeren Raum nicht fort, auch nicht, wenn wir letzteren mit Äther füllen. Jedenfalls dürfen wir die Vorgänge in der Welt so gleichartig nehmen, wie die Substanzen, Energien und Kräfte, auch wenn hier und da Vorgänge fehlen sollten, die wir kennen, oder Vorgänge bestehen sollten, die uns noch unbekannt geblieben sind.

Die Vorgänge in der Natur sind selten, vielleicht niemals, einfacher Art, sondern aus mehr oder weniger einfachen Vorgängen zusammengesetzt. Selbst die Bewegung der Himmelskörper muß mit elektrischen und thermischen Vorgängen verbunden sein, wenn sie - wie es allen Anschein hat - unter Überwindung eines Widerstandes geschieht, der vom Äther oder von den den Raum anfüllenden Staubwolken ausgeht. Und wenn der Schall sich durch die Luft verbreitet, was durch Verdichtungen und Verdünnungen der Luft geschieht, so erscheinen in den Verdichtungen Erwärmungen, in den Verdünnungen Abkühlungen. So kann man Beispiel auf Beispiel häufen. Namentlich die Vorgänge, welche die Wetterlehre behandelt; Wind, Regen, Gewitter usw. sind ungemein verwickelt. Doch liegen die Verhältnisse hier immer noch nicht so schwierig wie bei den Kräften - welche, wie wir gesehen haben, in der Zusammensetzung zu Erscheinungen führen, die mit den von ihnen einzeln hervorgebrachten Wirkungen oft nicht die geringste Ähnlichkeit besitzen - weil die einfachen Vorgänge sich nicht miteinander vermischen, sondern jeder immer als solcher bestehen bleibt, mag er auch in einem Gewirr von Vorgängen mitwirken. Sturm, elektrische Entladung, Leuchten, Donner, Regen bilden das Gewitter, daber dieses ist kein neuer Vorgang, er besteht aus den nach- und nebeneinander vorhandenen genannten Vorgängen. So außerordentlich verwickelt der Vorgang des animalischen Lebens sich darstellt, ist es doch den Physiologen und Biologen gelungen, alle Einzelvorgänge darin nachzuweisen und zum Teil auseinanderzuhalten. Vom sozialen Leben gilt bis zu einem gewissen Grad das nämliche. Weil aber hier psychische Momente in sehr hervorragender Weise mitspielen, sind die Untersuchungen besonders schwierig; große Staatsmänner, National- und Sozialökonomen und Volksführer haben sich mit ihnen abgemüht.

Weiter besteht kein Vorgang in der Welt, ohne andere Vorgänge hervorzurufen. Diese anderen Vorgänge können sich mit ihm vereinigen und einen Gesamtvorgang darstellen, wie oben angeführt und durch Beispiele belegt ist. Oder sie bestehen getrennt von ihm an einem anderen, oft fernem Ort, in welchem Fall sie dann als besondere Vorgänge aufgefaßt werden. So wenn hier ein Stein in einen Teich fällt, das ist ein Vorgang, und am Ufer Wellen branden, das ist ein anderer durch jenen hervorgerufenen Vorgang.

Dieser zweite Fall bedarf aber einer näheren Erläuterung. Es gibt nämlich Vorgänge, die an Ort und Stelle bleiben,  stehende Vorgänge,  und solche, die sich vom Ursprungsort aus weiter verbreiten,  sich fortpflanzende Vorgänge.  Auf physikalisch-chemischem Gebiet ist der fallende Stein ein Beispiel für das erste, das Licht, der Schall, der Brand für das zweite. Auf sozialem Gebiet zählt alles, was das  ganze  Volk oder Teile von ihm auf einmal betrifft, für dieses Volk oder die Teile von ihm zu den Vorgängen erster Art; so die Wanderung eines ganzen Volkes, die Bewegung des Einzelnen, der Krieg, die Arbeit usw. Was weitere Kreise allmählich ergreift, gehört zu den Vorgängen der zweiten Art, wie sich ausbreitende Krankheiten, sich Geltung verschaffende Einsichten, Rückwirkungen von Krieg, Erfindung, Entdeckung usw. von Volk zu Volk. Die Beispiele sind hier nicht so einfach und schlagend, wie bei der leblosen Natur, weil im menschlichen Dasein alles durcheinander geht. Die Unterscheidung zwischen den beiden Arten hier hier auch keine grundlegende Bedeutung. Da nun alle Vorgänge an und in Substanzen geschehen, ist es berechtigt anzunehmen, daß die Verbreitung von Vorgängen gleichfalls durch eine Substanz hindurch erfolgt. Dieses vermögen wir auch in einzelnen Fällen nachzuweisen. So wissen wir, daß die Verbreitung des Schalls durch Luft oder feste oder flüssige Körper geschieht, ohne diese ist eine Verbreitung nicht möglich. Chemische Vorgänge verbreiten sich ebenfalls durch eine Substanz, wie im früheren Beispiel des Brandes. Der elektrische Strom bedient sich zu seiner Verbreitung der Metalle oder der sogenannten Elektrolyte. Soziale und politische Vorgänge sowie alle Geschehnisse auf dem Gebiet menschlicher Tätigkeit erfolgen von Mensch zu Mensch und von Volk zu Volk. Wasser und Wind sind die wichtigsten Vehikel für die Verbreitung tierischen und pflanzlichen Lebens, leider auch vieler Krankheitskeime; manche Tiere und viele Pflanzen können dieses Vehikels schon bei der Fortpflanzung nicht entbehren. In anderen Fällen dagegen hat man eine verbreitende Substanz noch nicht als solche nachweisen können. Dies gilt namentlich für die Strahlungsvorgänge, Lichtstrahlung, Wärmestrahlung, elektromagnetische Strahlung (zum Beispiel in der sogenannten drahtlosen Telegraphie), Radioaktivität usw. Man hat dann, weil wir uns Vorgänge ohne Substanz gar nicht vorzustellen vermögen, für diese eine besondere Substanz angenommen, der die Trägheit und Schwere nur in einem sehr geringen Maß zukommen soll, weil sie uns noch verborgen blieb; es ist der schon genannte Äther, der den ganzen Raum und alle groben Substanzen erfüllen und die genannten Vorgänge von Ort zu Ort übermitteln soll. Mit der Einführung dieses, ansich noch nicht nachgewiesenen, Äthers hat man in der Wissenschaft große Erfolge erzielt, worauf später noch zurückzukommen sein wird.

Wir wollen alle Verbreitung durch grobe Substanz  Leitung,  alle durch den Äther  Strahlung  nennen. Manche Vorgänge verbreiten sich nur durch Leitung und Strahlung. Das bekannteste Beispiel für letztere Vorgänge bietet die Wärme; sie verbreitet sich innerhalb einer Substanz durch Leitung, dagegen von Substanz zu Substanz, wenn dazwischen nichts vorhanden ist (als nur der Äther), wie beispielsweise von Himmelskörper zu Himmelskörper, durch Strahlung. Ob Leitung und Strahlung voneinander im Wesen verschieden sind, hängt von der Ansicht ab, die man sich über die eine und die andere Verbreitungsweise gebildet hat. Ein großer Teil der Naturforscher nimmt gegenwärtig an, daß die Leitung im Wesen auch nur Strahlung ist.

Wir können nunmehr also vier Arten von Verbreitung von Vorgängen unterscheiden:  Transport  oder  Fortführung,  wenn der Vorgang durch eine Bewegung des Körpers, an dem er stattfindet, verbreitet wird;  Übertragung,  wenn er durch Berührung und Stoß von Körper zu Körper geht;  Leitung,  wenn die Verbreitung innerhalb eines Körpers von Stelle zu Stelle in ihm vorfällt; endlich  Strahlung,  wenn die Verbreitung durch den Äther geschieht. Unter diese vier Arten lassen sich alle anderen Verbreitungsweisen unterbringen. Allerdings rechnen wir dann solche Verbreitungen, wie die der Wellen im Wasser, der Tonwellen in der Luft, der Wirbel in Wasser oder in Luft und alle ähnlichen Vorgänge zur Leitung; der Vorgang wird von einer Stelle durch das Wasser, die Luft oder einen Faden, Draht usw. fortgeleitet, indem immer weitere Teile der Substanz von diesem Vorgang ergriffen werden. Doch ich verliere mich ins Einzelne. Also zurück zu den allgemeinen Betrachtungen.

Die Verbreitung geschieht nicht allein durch eine stetige Weiterführung des betreffenden Vorganges, wie etwa bei der Fortleitung von Wärme, von Wellen usw., sondern häufig auch durch die Weiterführung eines Vorganges ganz anderer Art, der vom Ausgangsvorgang veranlaßt ist. Das bekannteste Beispiel geben die Strahlungen. In der Sonne finden gewisse Vorgänge chemischer und physikalischer Art statt, wodurch sie leuchtet. Diese veranlassen im Äther einen von ihnen ganz verschiedenen Vorgang, der sich durch den Äther verbreitet. Gelangt dieser Vorgang zu einem Körper, etwa dem Mond, einem Planeten und so fort, so ehen wir auch diesen leuchten. Wir sagen, das Leuchten der Sonne hat sich von ihr zum Mond, Planeten usw. verbreitet. Allein der Äther leuchtet nicht, was er tun müßte, wenn er das Licht selbst verbreiten würde, sondern es leuchten Sonne, Mond, Planeten, Sterne. Was sich also durch den Äther verbreitet, kann nicht Licht sein, wie die Sonne selbst. Dieses Beispiel ist eines der landläufigsten; es ist vielleicht nicht glücklich gewählt, weil die Akten über die Lichtverbreitung, nachdem man sie ziemlich lange bereits für geschlossen gehalten hatte, neuerdings wieder eröffnet worden sind und manche Physiker nicht übel Lust zu haben scheinen, zu längst für abgetan gemeinten Ansichten - nämlich daß das Licht einfach von Körper zu Körper transportiert wird - zurückzukehren. Aber nehmen Sie das folgende Beispiel. Sie schlagen eine Klaviersaite an und haben den Vorgang, daß die Saite schwingt, hin und her sich ausbaucht. Dieser Vorgang verursacht in der Luft zunächst allerdings ebenfalls Hin- und Herbewegung, das gibt aber Verdichtungen und Verdünnungen und diese verbreiten sich weiter und weiter. Gelangen sie an eine andere Klaviersait oder an unser Trommelfell, so ergreift diese ein Vorgang ganz entsprechend dem Vorgang an der angeschlagenen Saite. Ähnlich liegen die Verhältnisse, wenn ein Stein in Wasser fällt, was ein Vorgang ist; die Verbreitung geschieht durch Wellenringe, die sich mehr und mehr weiten und durch das Wasser ziehen. Und hier kommt sogar kein Vorgang, der dem ersten entspräche, wieder zum Vorschein; denn die Brandung, in die die Wellen zuletzt enden, ist nicht von der Art des Fallens eines Steins. Und so gelangen wir zum Ausgangspunkt dieser Betrachtungen über die Verbreitung von Vorgängen zurück, nämlich, daß Vorgänge an anderen Stellen Vorgänge ganz anderer Art hervorzubringen vermögen. Sie sehen jetzt, wie das geschieht. Eine Dampfmaschine dreht ein Rad, dieses überträg durch Kuppelung seine Bewegung auf eine Dynamomaschine; hier ensteht schon ein Vorgang ganz anderer Art als die Drehung eines Rades, nämlich ein elektrischer Strom. Der Strom verbreitet sich durch Drähte und gelangt in eine Glühlampe; jetzt treten vom Strom abweichende Vorgänge auf, Licht und Wärme, oder der Strom kommt in einen Akkumulator und dort entstehen chemische Umsetzungen, oder in einen Telegraphenapparat und er ruft Bewegungen hervor. Aus dieser steten Verbreitung von Vorgängen und aus dem Entstehen immer neuer Vorgänge aus anderen Vorgängen erwächst das ungeheure Leben in der Natur. Wie die Welt gebaut ist, würde schon  ein einziger  Vorgang im Beginn genügt haben, um allmählich alle die unzähligen Vorgänge, die jetzt in ihr vorhanden sind, hervorzurufen. Wir wissen, wie schon bemerkt, nicht, ob noch andere Vorgänge möglich sind und entstehen werden, die wir noch nicht kennen. Beachtet man aber, daß das Alter der doch keineswegs großen Erde schon nach Hunderten von Millionen Jahren zählt, und wie rasch und vielseitig Vorgänge aus Vorgängen hervorgehen, so wird man es nicht unwahrscheinlich finden, daß wir bereits alle in der Welt möglichen Vorgänge vor uns haben und neue nicht mehr zum Vorschein kommen dürften; ich meine unter neuen solche neuer Art, die unter keine der uns bekannten Arten von Vorgängen unterzubringen sind.

Aus dem Gesagten erhellt sich, daß man mit einem gewissen Recht von der  Umwandlung  von Vorgängen ineinander sprechen darf. Wenn wir einen Gegenstand gegen einen anderen reiben oder ihn gegen einen anderen schlagen, so entsteht Wärme; der Vorgang  Bewegung  hat sich ganz oder teilweise in Wärme umgewandelt, und ähnlich in anderen der schon behandelten Beispiele. Wie diese Umwandlung geschieht, wissen wir nicht, es können darüber nur Meinungen geäußert werden, die noch zur Sprache kommen. Aber eines ist hervorzuheben. Alle Vorgänge leisten etwas, sie haben Energie. Indem sich nun ein Vorgang in einen anderen umwandelt, zum Beispiel die Drehung einer Dynamomaschine in einen elektrischen Strom, wandelt sich auch die Art der Energie um, zum Beispiel die Bewegungsenergie (lebendig Kraft) der Dynamomaschine in Stromenergie (WATTS). Da nun die Energie, wie wir schon gesehen haben und noch sehen werden, eine so außerordentliche Bedeutung für die Welt hat, abstrahiert man vielfach von den Vorgängen und spricht von  Energieumwandlungen  als dem zweiten Faktor des Lebens in der Welt. Das gehört also schon zur Weltauffassung. Hier bleiben wir noch bei den Vorgängen und erwähnen zunächst noch einiges anscheinend mehr Formelle, was aber für die Vorgänge durchaus von Bedeutung ist.

In allen Vorgängen unterscheidet man  Stärke, Verlauf, Richtung  und  Ergebnis. 

Die  Stärke  eines Vorgangs wird im allgemeinen durch seine Energie gemessen; so ist die Lichtstärke die Energie des Lichts, die Tonstärke die Energie des Tons. Doch hängt manches von der Vereinbarung ab. Wir können zum Beispiel die Stärke eines chemischen Vorgangs durch die Menge Substanz messen, die innerhalb einer gewissen Zeit zersetzt oder umgewandelt ist, die Stärke eines Wasserstroms durch die Geschwindigkeit und ähnlich in anderen Fällen.

Unter  Verlauf  oder  Weg eines Vorgangs  versteht man die Art, wie sich ein Vorgang abspielt, also den Vorgang aufgefaßt von Augenblick zu Augenblick, von Phase zu Phase seiner Entwicklung. So besteht der Verlauf der Schwingung einer Saite darin, daß die Saite sich von der Ruhelage erst nach einer Richtung ausbaucht, dann zur Ruhelage zurückkehrt, diese überschreitet und nach der entgegengesetzten Richtung sich wölbt, nun wieder zur Ruhelage eilt, usw. Bei chemischen Umsetzungen stellt sich der Verlauf dar als stete Einbeziehung von Substanz in die Umsetzung. wo ein Vorgang aus mehreren Einzelvorgängen sich zusammensetzt, kann der Verlauf sehr verwickelt sein. So würde es sich bei chemischen Umwandlungen auch um die fortschreitend entstehende oder verbrauchte Wärme oder Elektrizität oder Belichtung handeln. Wellen im Wasser betreffen Schwingungen der einzelnen Wasserteilchen nach Analogie der erwähnten Saitenschwingungen, oder in krummen Bahnen, und außerdem die fortschreitende Verbreitung der Schwingungen bis zur Brandung.

Es ist mitunter recht schwer, den Verlauf eines Vorgangs zu beschreiben und zu verfolgen, wiewohl es sich immer um das nämliche handelt, um das, was von Moment zu Moment geschieht. Zur Verfolgung hat man die Beobachtung, zur Beschreibung das Wort, die bildnerische oder zeichnerische Darstellung und die mathematische Formel. Der eigentliche Naturforscher bedient sich bei der Beschreibung der beiden ersten Mittel und kann sich nur ihrer bedienen; der Physiker, Chemiker, Astronom, Techniker und Meteorologe machen auch von der Formel und oft sogar vorwiegend Gebrauch. Selbst in den sozialen Vorgängen hat man - und nicht ohne einigen Erfolg - versucht, eine mathematische Behandlung einzuführen. PLATON verlangte auch von seinen Philosophen eine mathematische Schulung. Aber gerade die Mathematik ist nicht sehr beliebt und einige von Ihnen werden wohl verwundert fragen, wie Formeln Vorgänge zu beschreiben vermöchten. Und doch ist letzteres der Fall, nur daß es einer gründlichen Vertiefung in sie bedarf. HELMHOLTZ hat es glänzend verstanden, den Verlauf von Vorgängen aus Formeln herauszulesen, seinem Geist stellten sich die Formeln geradezu in Gestalt von Vorgängen dar.

Aber mit oder ohne Formel, so plagen sich die Naturforscher nicht wenig, den Verlauf der Vorgänge zu enthüllen und klarzustellen. Die größten unter ihnen haben sich mit manchen Vorgängen vergeblich abgemüht. Und so kennen wir den Verlauf der Vorgänge nur angenähert. Es wird erst eine rohe Annäherung versucht; wenn diese geglückt ist, sucht man dem Vorgang etwas näher und dann immer wieder etwas näher an den Leib zu rücken, bis man ihn genügend zu kennen glaubt oder die Mittel versagen. Leider ist das letztere noch die Regel, das erstere die Ausnahme. Und es scheint auch nicht, als wenn es je viel anders werden würde. Es hat einmal jemand, ich glaube es war kein geringerer als LAPLACE, behauptet, man vermöchte alle Vorgänge in der Welt in eine einzige mathematische Formel zusammenzufassen. Gedanklich ja. Aber erstens kennt sie niemand und weiß auch niemand, wie er dieses Wunderding erlangen soll. Und zweitens, hätte man sie auch, so wäre sie so viel wert, wie die diplomatischen "Formeln"; lauter unbekannte Dinge und unwägbare Imponderabilien steckten in ihr. Indessen führen allerdings die weiter und weiter getriebenen Näherungen an die Wirklichkeit zu immer allgemeineren Beschreibungen und mathematischen Formeln. So sehen die Bücher über Physik und Chemie schon ganz mathematisch aus, daß mancher, der kaum seine vier Kongruenzsätze behalten hat, sie eben aufgeschlagen entsetzt wieder zuschlägt.

Es ist mancher Mensch ein Pechvogel, er mag sich abmühen wie er will, und manche Wissenschaft ist und bleibt verrufen, trotz aller Vorzüglichkeit und aller tönenden Lobeshymnen auf sie. Für das erstere führt jeder gern sich selbst als Beispiel an, für das letztere aber werden alle die Mathematik als ausgezeichnetes Paradigma anerkennen.

Wir fahren nun in den Auseinandersetzungen über Vorgänge und Erscheinungen fort und bringen etwas zur Sprache, was auch ansich von Bedeutung ist, und wovon wir bei anderen Gelegenheiten schon einen vorläufigen Gebrauch gemacht haben, die  Stetigkeit. 

Ein Vorgang für sich kann anscheinend kaum plötzlich für sich einsetzen und plötzlich verschwinden, blitzartig kommen und gehen, wie das auf den Vorgang des Blitzens paßt. Solange aber der Vorgang besteht, ist sein Verlauf stetig; das heißt, es schließt sich eines unmittelbar an das andere an, es tritt nichts in ihm unvermittelt auf, sondern jedes geht aus dem Früheren hervor. Man darf dies sogar auf den Anfang und das Ende ausdehnen; denn die Erfahrung lehrt, daß sich Vorgänge allmählich entwickeln und allmählich vergehen, nur daß unter Umständen die Entwicklung und das Vergehen sehr rasch erfolgen und wir beiden nicht ohne weiteres zu folgen vermögen, wie im Beispiel des Blitzes. Manches scheint dem zu widersprechen und in manchen Fällen wissen wir auch noch nicht, wie wir die Stetigkeit nachweisen sollen; aber die Zahl der Fälle, in denen sie zweifellos besteht, ist so groß und die Schwierigkeit, pötzliche Veränderungen aufzufassen, für uns so bedeutend, daß wir sie selbst in solchen Fällen als vorhanden annehmen, wo sie anscheinend nicht besteht. Beachtet man noch weiter den Zusammenhang zwischen den einzelnen Vorgängen, und wie kaum etwas in der Natur geschieht, ohne daß es in der ganzen Welt irgendeinen Widerhall findet, so wird man jeden Vorgang als von langer Hand vorbereitet und bestimmt ansehen, was sich mit Plötzlichkeiten nicht vereinigen läßt.  Natura non facit saltus  [Die Natur macht keine Sprünge. - wp] ist ein sehr alter Grundsatz, dem die Erfahrung im allgemeinen, wenn wir auch noch nicht wissen, ob allgemein, recht gibt. Von welch ungeheurer Bedeutung die  Stetigkeit  im politischen und sozialen Leben ist, brauche ich kaum hervorzuheben; selbst rascheres Schwanken empfinden wir da mit Unruhe und Unbehagen. Sogar Erscheinungen, wie die englischen und französischen Revolutionen und die Volkserhebungen in Deutschland und anderweitig sind nicht unvermittelt aufgetreten und sprunghaft verlaufen. Die Historiker weisen ja nach, wie sie sich aus dem Gang der Dinge allmählich entwickelt haben. Ein sehr glänzendes Beispiel für die Anwendung der Stetigkeit in den Naturvorgängen bietet die DARWIN'sche Lehre von der allmählichen Umwandlung der Lebewesen und der Entstehung der Arten. Auch in der Geologie herrscht jetzt das Prinzip der Stetigkeit; allmählich soll die Erde aus dem feuerflüssigen Zustand heraus ihre jetzige Beschaffenheit erlangt haben. Früher nahm man gerne furchtbare Katastrophen "aus der Reaktion des Erdinnern gegen die Oberfläche" an, die Kontinente emportauchen machten, ganze Schöpfungen vernichteten und das Klima wandelten. Indessen wie dem sein mag, so bedeuten doch selbst die Katastrophen keinen absoluten Widerspruch gegen die Stetigkeit, sie sind unvermittelte Vorgänge nur mit Bezug auf die Entwicklung der Erde überhaupt, ansich jedoch von allmählichen Entwickeln und Vergehen.

Die Stetigkeit bezieht sich zunächst auf das Bestehen der Vorgänge in der Zeit. Sie gilt jedoch im allgemeinen auch für das Bestehen im Raum. Jeder Vorgang erfüllt den Raum stetig und geht stetig von einer Stelle zur andern über. Auch hier gibt es Fälle, in denen plötzliche Änderungen vorhanden zu sein scheinen. Wenn ein Lichtstrahl auf eine spiegelnde Fläche trifft, so wird er unter einem scharfen Winkel zurückgeworfen, ebenso wenn er auf einen durchsichtigen Körper fällt unter einem scharfen Winkel gebrochen. Die Änderung des Weges des Lichtstrahls geschieht in beiden Fällen so plötzlich, daß wir sie fast als absolut plötzlich bezeichnen möchten. Gleichwohl nehmen wir an, und wir sind dazu aus gewissen Naturerscheinungen berechtigt, daß tatsächlich der Strahl nicht genau ander Oberfläche unter einem absolut scharfen Winkel geknickt wird, sondern, daß der Strahl in Wirklichkeit ein wenig noch seinen früheren Weg zu behalten strebt und allmählich, wenn schon auf außerordentlich kurzer Strecke in die neue Richtung umgebogen wird, so daß der Winkel eigentlich abgerundet ist. Ähnliches findet statt in vielen anderen Fällen, selbst wenn Explosionsvorgänge nicht besonders hervorgehoben werden. Nur die mathematische Fiktion bringt in die Vorgänge Unstetigkeiten hinein, wenn sie Flächen, Linien und gar Punkte in die Wirklichkeit trägt. In der Natur sind solche, soweit wir wissen, nicht vorhanden, so wenig wie die bezeichneten Raumgebilde.

Indessen handelt es sich hier nicht unmittelbar um eine ursprüngliche Anschauung, wenngleich auch unsere Seelentätigkeiten  stetig  verlaufen und "Gedankensprünge" nur die Änderung eines Gedankens in einen anderen, der allmählich in unser Bewußtsein tritt, bedeuten. Ich habe einmal geglaubt, daß die Stetigkeit mit dem Begriff der Ursächlichkeit und Gegenständlichkeit zusammenhängt, aber das scheint nicht zuzutreffen. Stetigkeit im Raum bedeutet, daß kein Vorgang aus einer Stelle in eine andere und aus einer Richtung in eine andere in gar keiner Zeit zu gelangen vermag; ebenso Stetigkeit in der Zeit, daß ein Vorgang nicht plötzlich seine Stärke oder seine Art ändern soll. das alles heißt aber: es gibt keine  unendlichen  Geschwindigkeiten in Vorgängen. Nun sind Unendlichkeiten als Vollendetes überhaupt nichts Vorstellbares; ein Vorgang ist aber in seinen einzelnen Phasen etwas Vollendetes, also wäre für uns ein Vorgang mit unendlicher Geschwindigkeit nicht vorstellbar, nicht natürlich. es gibt Vorgänge, die sich mit ungeheuren Geschwindigkeiten abspielen, wie die Verbreitung des Lichtes, der elektrischen Störungen, in noch viel höherem Maß die des Drucks in Flüssigkeiten; im letzteren Fall sind wir noch nicht einmal imstande gewesen, sie festzustellen. Darauf kommt es nicht an. Gegenüber dem All sind selbst solche Geschwindigkeiten bedeutungslos. Nur das ist entscheidend, daß wir uns nicht vorzustellen vermögen, wie ein Vorgang hier und in demselben Moment auch dort, oder schon dort sein soll, wie er jetzt diese Richtung, Stärke oder Art besitzen soll und zugleich die andere Richtung, Stärke und Art. Hätten wir davon eine Vorstellung, so wäre uns auch die Unendlichkeit als solche vorstellbar. Nur das Wachsen und Abnehmen glauben wir zu verstehen, das Fertigdastehen ohne Wachsen oder Abnehmen ist unserer Vorstellung nicht zugänglich.

Der Begriff der Stetigkeit war schon im Altertum bekannt und Sie werden sich erinnern, daß man mit ihm auch allerhand logische Experimente gemacht hat. So sagte ein griechischer Philosoph: Wenn sich ein Körper von einer Stelle bewegt, so geht er vermöge der Stetigkeit durch alle Stellen des Raums zwischen diesen beiden Stellen. Nur heiße aber durch eine Stelle gehen: sich in dieser Stelle zu irgendeinem Augenblick befinden. An einer Stelle sich befinden bedeutet aber weiter: dort sein, sein aber endlich ist Ruhe. Also, das war der Schluß, setzt sich Bewegung aus lauter Ruhe zusammen, Bewegung ist Ruhe, es gibt gar keine Bewegung. Sie merken aber wohl schon, wo hier der Trugschluß liegt. Durch eine Stelle gehen heißt durchaus nicht: sich auch an einer Stelle  aufhalten,  sondern nichts weiter als eben: durch die Stelle  gehen.  Kann ich mir das Gehen durch einen Ort  vorstellen,  so besteht kein Widerspruch; sonst handelt es sich nicht um Widersprüche, sondern um Unvorstellbarkeit von Vorgängen überhaupt. Ähnlich ist es mit dem berühmten Beispiel von ACHILLES und der Schildkröte, wo der Anlaß zum falschen Schluß nicht so zutage liegt, aber in gleicher Weise aufgedeckt werden kann, nämlich auch hier ist Widerspruch mit angenommener Unvorstellbarkeit verwechselt. Irgendein Grieche setzte auf jene philosophischen Deduktionen hin seine Beine in Bewegung und widerlegte sie so. Man sagte praktisch, nicht gedanklich. Aber Gedanken, die sich praktisch als hinfällig erweisen lassen, müssen eben Fehler enthalten und hier war der Fehler die angegebene Verwechslung von Unvorstellbarkeit mit Unmöglichkeit.

Wir befinden uns immer noch in der Besprechung des Verlaufes von Vorgängen, haben aber nur noch weniges hinzuzufügen. Wenn ein Vorgang so geartet ist, daß er alle Phasen auch rückwärts durchmachen kann - wie das Spielen einer Melodie, die umgekehrt gleichfalls Melodie gibt und das Lesen eines Verses, der rückwärts buchstabiert das nämliche besagt wie vorwärts, womit sich die Epigonen der griechischen Dichter höchst unnötig abgemüht haben, oder wie das Drehen eines Rades, das nach rechts und links geschehen kann, das Schwingen einer Saite, usw. - so nennen wir ihn  umkehrbar, reversibel.  Läßt sich die Umkehrung nicht unter gleichen Umständen bewirken, so heißt der Vorgang  nichtumkehrbar, irreversibel. 

Endlich bezeichnen wir noch einen Vorgang, bei dem am Schluß alles so ist, wie es am Anfang war, sich also in den Dingen, trotz mannigfaltiger Umwandlungen zuletzt gar nichts geändert hat, als einen  Kreisvorgang,  wie wir als Kreisschluß einen Schluß ansehen, der alles schön beim Alten gelassen, auf das Alte zurückgeführt hat. Also man verlangt von einem Kreisvorgang, daß alle Substanzen (sinnlich wahrnehmbare und sinnlich nicht-wahrnehmbare), in und zwischen denen er sich abspielt, am Ende genau in denselben Mengen, Beschaffenheiten und Zuständen vorhanden sind, in denen sie am Anfang waren, also daß er die Substanzen für sich und in ihrem Verhältnis zueinander nach allen durch ihn etwa veranlaßten Änderungen schließlich in das Ursprüngliche zurückbringt. Nicht verlangt wird aber, daß durch den Vorgang überhaupt nichts geschehen sei; es kann alles verändert sein, was nicht substantiell ist, zum Beispiel die Energie, indem Arbeit geschaffen oder verbraucht ist. Genau in sich zurück läuft wohl kein Vorgang in der Natur. Allerdings sehen wir nach heiterem Himmel ein Gewitter sich zusammenziehen, sich stürmend, krachend und blitzend entladen, dann sich entfernen und verschwinden, und wir bemerken den Himmel am Ende so klar scheinen wie zuvor. Aber Wolken sind als Wassermassen zur Erde gestürzt, oder der Sturm hat lose Gegenstände oder gar Bäume und Häuser zertrümmert und durcheinander gewirbelt, oder die Blitze haben gezündet, usw., wodurch dauernde Änderungen in dem Zustand von Substanzen und ihrer Lage zueinander bewirkt sind.

Über das, was man  Richtung  eines Vorgangs nennt, ist nach dem obigen nicht viel zu sagen. Bei gewöhnlichen Bewegungen ist die Richtung des Vorgangs diejenige der Bahn, in welcher die Bewegung stattfindet, geht also an jeder Stelle nach dem Zielpunkt, zu dem die Bahn strebt. Bei anderen Vorgängen kann man die Richtung in ähnlicher Weise als Erfolg, den der Vorgang bezweckt, auffassen. Es ist also ganz zutreffen, wenn man sagt, die Richtung der freien Wärmebewegung sei immer nach kälteren Körpern hin, nämlich um kältere Körper zu erwärmen, wärmere abzukühlen. Die Richtung elektrischer Vorgänge geht nach der Vereinigung ungleicher Elektrizitäten und nach möglichster Ausbreitung gleicher Elektrizitäten. Nicht in allen Fällen sind wir imstande, für die Ermittlung der Richtung eines Vorgangs Regeln anzugeben.

Das  Ergebnis  eines Vorgangs zu ermitteln ist praktisch von der höchsten Bedeutung; aber da Vorgänge sehr mannigfaltige Wirkungen zurücklassen können, muß man sagen, welche von ihnen man als Ergebnis betrachten will, alle oder mehrere oder eine, z. B. bei Explosionen die chemische Umwandlung, die der Explosivstoff erfahren hat, welche Substanzen durch die Explosion zertrümmert sind, wohin die Trümmer geschleudert sind, usw.

Die meisten Ergebnisse sind vom Verlauf, den der Vorgang genommen hat, abhängig, also von allem, was von Beginn bis zum Ende geschehen ist. Manche Ergebnisse, und dazu gehört die Energie, zeigen sich aber, wie wir noch sehen werden, gerade von diesem Verlauf unabhängig, sind also bei gleichem Beginn und gleichem Ende immer die nämlichen, was sich auch immer zwischen beiden Grenzpunkten des Vorgangs abgespielt haben mag. Sie sind praktisch von immenser Bedeutung; denn den Verlauf eines Vorgangs zu ermitteln und festzuhalten ist, wie schon gesagt, schwerer als man glauben möchte.

Nun aber haben wir noch eine sehr wichtige Unterscheidung innerhalb der Vorgänge darzulegen und klar zu machen. Die Natur ist sehr ungleichartig. Es bestehen außerordentliche Abweichungen in der Größe der Körper und in der Intensität ihrer Eigenschaften. Die Vorgänge nun in der Natur können diese Unterschiede vergrößern oder verkleinern. So haben wir viel Grund anzunehmen, daß die Massenunterschiede mit der Zeit wachsen, indem die großen Körper mehr kleine Körper an sich ziehen und sich einverleiben als die weniger bedeutenden, daß dagegen die Entfernungsunterschiede mit der Zeit abnehmen, indem die Körper sich einander mehr und mehr nähern. Vorgänge nun, die den natürlichen Lauf der Dinge bewerkstelligen, nennen wir  natürliche Vorgänge,  ihnen entgegenstehende  erzwungene Vorgänge,  erzwungen durch irgendeinen anderen Vorgang oder eine Kraft. So ist der Vorgang der Wärmeverbreitung ein natürlicher, wenn dabei die Wärme von einem Körper zu einem  niedriger  temperierten Körper geht; denn der  natürliche  Lauf der Dinge besteht in einer  Ausgleichung  der verschiedenen Temperaturen. Geht die Wärme umgekehrt von einem Körper zu einem höher temperierten Körper über, so kann das nur infolge irgendeines Zwangs geschehen, von selbst tut es die Wärme nicht. Ebenso ist es natürlich, wenn ein Stein zur Erde fällt, erzwungen (durch Wurf oder Auftrieb), wenn er von der Erde in die Höhe steigt. Ferner natürlich, daß ein Körper ruht, erzwungen (etwa durch Stoß), wenn er sich bewegt. Ruht er nicht, so ist es natürlich, daß er in gerader Linie mit gleichbleibender Geschwindigkeit hinfliegt, und erzwungen, wenn er krumme Bahnen einschläft oder sich rascher oder langsamer bewegt. Nur bei manchen Menschen scheint es natürlicher, daß sie krumme Wege und Schleichwege gehen. Ein natürlicher Vorgang ist es noch, daß sich entgegengesetzte Elektrizitäten vereinigen; sollen sie sich trennen, so bedarf es eines Zwangsmittels, des Elektrisierens, der Influenz oder der Induktion. Die Erscheinungswelt, wie sie uns umgibt, beruth auf solchen und ähnlichen natürlichen Vorgängen; manche mögen unnatürlich sein wie die Trennung der Elektrizitäten, dann spielen aber andere mächtigere Vorgänge mit, die sich durch solche unnatürliche die Bahn frei machen. Obwohl uns die natürlichen Vorgänge stetig umgeben, vermögen wir in das innere Wesen derselben so wenig einzudringen wie in das der erzwungenen. Ja die letzteren scheinen uns verständlicher zu sein, weil wir wenigsten den Zwang kennen, der sie hervorruf und unterhält, während wir bei den ersteren nichts bemerken als den Vorgang selbst. Unserem Kausalitätsbedürfnis zufolge fragen wir bei den natürlichen Vorgängen nicht minder wie bei den erzwungenen nach der Ursache, der Kraft, die sie veranlaßt. In einigen Fällen glauben wir diese Kraft angeben zu können, wie es bei der natürlichen Vereinigung entgegengesetzter Elektrizitäten die Anziehungskraft zwischen solchen sein soll. In anderen sind wir selbst um einen Namen für die Ursache verlegen, wie bei der freien Wärmebewegung. Wir werden aber geneigt sein, in der Welt der Erscheinungen natürliche Ursachen  und  Zwangsmittel anzunehmen. Indem man dann die erzwungenen Vorgänge, wie oben angegeben, als durch natürliche mächtigere erzwungen ansieht, kann man zu der Ansicht gelangen, daß es ansich überhaupt nur natürliche Ursachen gibt, das heißt, die Erscheinungswelt besteht von jeher und was in derselben erzwungen aussieht, zum Beispiel die Bewegung der Planeten um die Sonne in krummen Bahnen, dann eine Folge natürlicher anderer Erscheinungen ist. Die Kräfte wären dann nur ein Symbol für die Erscheinungen selbst. Ich werde darauf später genauer eingehen, zum Verständnis der gemachten Unterschiede zwischen natürlichen und nicht natürlichen Vorgängen genügt das obige.

Offenbar sind die natürlichen Vorgänge von selbst nicht umkehrbar, sondern nur durch Zwang. Wärme, die ein Körper im Leben der Natur hat abgeben müssen, kehrt in ihn niemals von selbst zurück. Er kann wieder Wärme bekommen, aber nur durch eine Änderung der waltenden Umstände, indem man ihn zum Beispiel zusammendrückt oder klopft, oder indem in seine Nähe ein heißerer Körper gebracht wird usw. Solche natürlichen Vorgänge können auch nicht im Kreis gehen, sondern sie verlaufen immer nur in einer Richtung, bei der Wärme und den Elektrizitäten immer nach der Richtung der Ausgleichung. Finden sich Ausnahmen, so spielen abermals andere Umstände mit; ein elastischer Gummiball fällt zur Erde und springt wieder in die Höhe und kann an seinen früheren Ort zurückgelangen; hier kommt aber die elastische Kraft, die den ball beim Stoß gegen den Boden nach oben zurückwirft, hinzu.

Soviel Allgemeines und Allgemeinstes von den Vorgängen als solchen. Was aber die Erscheinungen betrifft, so ist über sie selbst, soweit sie nicht Vorgänge sind, nicht viel zu sagen, da wir von ihnen keine Beschreibung zu geben haben. Sie sind Wahrnehmungen an Substanzen und von Substanzen, und zwar mittelbare und unmittelbare, die letzteren, wenn es sich um Dinge handelt, die wir selbst nicht wahrzunehmen vermögen. Wie die Vorgänge teilt man auch die Erscheinungen ein in mechanische, optische, akustische, thermische, elektrische, chemische, psychische, physiologische, biologische usw. Manche von diesen Erscheinungen sind Äußerungen bestimmter Kräfte, wie Druckerscheinungen, andere stellen sich in Kräften oder in einer oder in mehreren Sondererscheinungen dar wie die magnetischen, die sich in der Anziehung und Abstoßung und Erregung elektrischer Ströme, vielleicht auch in einer Beeinflussung der Nerven kundtun, oder wie die elektrischen, die eine unglaubliche Menge von anderen Erscheinungen veranlassen. Wieder andere stammen aus einer Bewegung, wie die Licht- und Schallerscheinungen, manche aus Wettererscheinungen, Wellenerscheinungen usw.

Aber nun ein anderer sehr wichtiger Gegenstand. Sie haben gesehen, daß alle Vorgänge in der Natur sich aus gewissen Vorgängen zusammensetzen, die Ihnen auch im einzelnen vorgeführt sind. Da Vorgänge einerseits niemals für sich allein bestehen und sie andererseits, wie oben ausgeführt, Vorgänge ganz verschiedener Art hervorzurufen vermögen, wie ein Reiben Trennungen von Elektrizität und elektrische Strömungen bewirkt, ist die Frage nicht unberechtigt, ob nicht selbst die wenigen Erscheinungen und Vorgänge, die gewissermaßen das Material für alle Erscheinungen und Vorgänge in der Welt abgeben, ihrerseits noch zusammengesetz sind und sich nicht in noch weniger Erscheinungen und Vorgänge auflösen lassen? Vielleicht, daß gar nur  eine  Erscheinung,  ein  Vorgang ansich allein vorhanden ist, wie man vermutet, daß es nur ein wirkliches Element gibt, und daß die hervorgehobenen Erscheinungen und Vorgänge nur verschiedene Formen dieser einen Erscheinung und dieses einen Vorgangs sind. Man hat viele Versuche gemacht, eine Entscheidung herbeizuführen und gewisse Vereinfachungen sind dann auch gelungen. Namentlich hat man die verschiedenen Formen einer mechanischen Erscheinung und mechanischen Vorgangs (Bewegung und Kräfte), dem folgend, was wir später als für die Erklärungen maßgebend noch kennen lernen werden, zu solchen Vereinfachungen herangezogen. Von den Kräften ist schon ihre Zurückführung auf Zug und Druck oder Stoß hervorgehoben. Gleichfalls schon erwähnt ist, daß man Wärme als molekulare Bewegungsenergie, Ton, Schall, Klang als durch Schwingungen in Substanz (zum Beispiel Luft) in Richtung der Verbreitung, Lichtstrahlung als durch Schwingungen im Äther quer zur Richtung der Verbreitung auffassen gelernt hat. Magnetismus ist zunächst auf elektrischen Strom zurückgeführt, ein Molekül, um die ein solcher kleiner Strom kreist, oder ein elektrisch geladenes Molekül, das sich kräftig etwa im Kreis bewegt, bringen die gleichen Wirkungen hervor wie ein Molekularmagnet. Neuerdings, da man angefangen hat, die elektrischen Vorgänge auf die Bewegung von Elektronen zurückzuführen, würden also auch Vorgänge des Magnetismus und der Elektrizität mechanisch erklärt sein. Früher war man mehr geneigt, Licht, Elektrizität und Magnetismus als eine besondere in sich zusammenhängende Klasse von Erscheinungen anzusehen.

Gerade jetzt läßt sich nichts Bestimmtes mehr sagen; die Einführung von Elektronen in die Wissenschaft hat eine völlige Umwälzung aller Anschauungen herbeigeführt, die noch nicht entfernt auch nur zu einiger Klärung gelangt sind. Im allgemeinen kann man aber behaupten,  daß  die mechanische Auffassung der Vorgänge die meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat, wenn auch nicht alle mechanisch zu sein brauchen, demnächst die elektrische oder elektro-magnetische, namentlich bei den noch sehr dunklen chemischen Vorgängen. Und mehr zu behaupten darf ein vorsichtiger Naturforscher nicht wagen, nachdem selbst beim Schall, an dessen mechanischem Charakter gar kein Zweifel bestehen zu können schien, nach der Erfindung von Telefon und Mikrofon Erscheinungen hervorgetreten sind, die sich schwer mit der mechanischen Auffassung vereinigen lassen. Vielleicht gehen wir wirklich mit dem Vereinfachungsbestreben zu weit. Warum soll eigentlich alles nur auf  eine  Art geschehen? Manche Täuschung mag daraus folgen, daß oft ganz verschieden Vorgänge zu gleichen oder sehr ähnlichen Ergebnissen führen, wie - was schon hervorgehoben wurde - gewisse Bewegungen in Flüssigkeiten scheinbare Anziehungen und Abstoßungen bewirken, die denen elektrischer Ströme vielfach in sehr hohem Maß entsprechen. Man schließt dann aus der Gleichheit oder Ähnlichkeit der Ergebnisse gern auf Gleichheit oder Ähnlichkeit der Vorgänge, wenn man auch nicht die gleichen Substanzen als ihre Träger ansieht. Und das ist ja auch, solange keine Widersprüche auftreten, ganz berechtigt. Nur darf man aus solchen Erklärungen nicht sofort eine absolute Weltauffassung konstruieren und sie nicht in Dinge hineintragen, wo sie offenbar nicht hineingehören wie etwa in die psychischen Vermögen. Wer alle Vorgänge lediglich als Umwandlungen von Energien ansieht, hält sich die Türen offen, da er nicht sagt, was darunter vorgestellt sein soll. Bildet er sich aber eine Anschauung darüber, so fällt er in die Vorgänge, wie sie gewöhnlich aufgefaßt werden, zurück.

Bei den Erscheinungen möchte ich noch hervorheben, daß es wie bei den Vorgängen gut ist, zwischen ihnen und ihrer Verbreitung, wodurch sie zur Wahrnehmung kommen, zu unterscheiden. Licht kann in einem ganz anderen Vorgang bestehen als die Verbreitung des Lichts, ebenso die Wärme in einem anderen als die Verbreitung der Wärme. Und gleiches gilt für Elektrizität und Magnetismus und die Verbreitung von elektrischen und magnetischen Störungen. Die mechanischen oder sonstigen Erklärungen beziehen sich wesentlich auf den Vorgang der Verbreitung und der Kräfte, welche von den Erscheinungen ausgehen und der Verbreitung folgen. Auch sind hier die meisten Erfolge erzielt. Bei den Erscheinungen selbst ist es nur in wenigen Fällen gelungen, Vereinfachungen herbeizuführen. Sie haben sie schon kennen gelernt, wenn Sie meinen früheren Ausführungen mit Aufmerksamkeit gefolgt sind. Erscheinung und Verbreitung einer Erscheinung werden aber sehr oft verwechselt.

Da uns Erscheinungen nur infolge ihrer Verbreitung wahrnehmbar werden, so brauch nicht einmal der Reiz, den eine Erscheinung hervorruft, der Erscheinung selbst zu entsprechen; er ist etwas, das der Vorgang bei der Verbreitung, sobald er in unseren Sinnesorganen sein Ende findet, bewirkt. Wir nehmen als Beispiel die Erscheinung Wärme, die, wie bemerkt, mit großer Wahrscheinlichkeit als Bewegungsenergie aufgefaßt werden kann. Ihre Verbreitung durch Strahlung geschieht (wenn wir einer bestimmten Ansicht folgen) wie die des Lichts in Form transversaler Schwingungen im Äther. Letzterer wird dabei hin und her gezerrt, und dieses Hin- und Herzerren pflanzt sich durch den Äther fort, indem immer ein Ätherteilchen an den nächsten weiterzerrt. Dieser Vorgang hat mit dem einer einfachen Atom- und Molekularbewegung, deren Energie Wärme sein soll, nichts zu tun. Gelangt er zu unseren Wärmeempfindungsorganen, so wissen wir nicht, was er dort tatsächlich als Reiz hervorruft; aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Reiz dem Vorgang selbst entspricht, also in einem Hin- und Herzerren der Nervenenden besteht, was für uns nachher die Empfindung Wärme ausmacht. Wie ganz abweichend hier das Ergebnis vom Ausgang sein kann, sehen Sie ja an dem für uns so energischen Unterschied zwischen Wärem und Kälte, während es doch eine besondere Kälteerscheinung gar nicht gibt.

Die Natur legt uns viele Fallstricke und es ist mitunter recht schwer, sie zu vermeiden.
LITERATUR - Bernhard Weinstein, Die philosophischen Grundlagen der Wissenschaften, Leipzig und Berlin 1906