ra-1cr-2Emil MeyersonAlois RiehlHeisenbergR. Shute     
 
ARTHUR TREBITSCH
(1880-1927)
[mit NS-Vergangenheit]
Die Kausalität im Lichte des
"Denktriebes zur Einheit"


"Zustand eines Dings  ist die Idee, die sich einstellt aus dem Bedürfnis, die Konstanz des Dinges festzustellen ohne jene Merkmale, die seine  Eigenschaften  derart wandeln, daß man sich gezwungen fühlt, von  Veränderungen  zu sprechen.  Ereignis  aber kann nur dasjenige genannt werden, das, neu hinzutretend, die Konstanz des dinglichen Eins  verändert  oder zerstört."

"Eherne Notwendigkeit ist allüberall dort und nur dort der Fall, wo die wirkende Ursache als  konstante Eigenschaft einer dinglichen Einheit  auftritt."

"Die Frage nach der Ursache ist:  Warum?  und hat immer nur eine Antwort. Die Frage nach der Bedingung ist:  Wieso?  und hat der Antworten so viele als es der "Fälle", d. h. Möglichkeiten gibt. Da aber die Sprache auf beides mit  weil  die Antwort einleiten kann, ist schon so oft Bedingung und Ursache miteinander verwechselt worden und wird es wohl in Ewigkeit werden."

"Die Sprache trennt, wo in Wirklichkeit eine Einheit des Vorgangs vorliegt, und vereint, wo oft getrennte Kräfte walten. Ihr nicht  aufzusitzen,  sich durch das Verlockende des scheinbar so  Wirklichen  verschiedener Worte nicht ködern zu lassen, ist erste philosophische Pflicht."

"Bei allen sekundärprimären Dingen (durch die formende Arbeit des Menschengeistes gewandelte Materie) wird das durch die Formung Erreichte als Sein, als zum Ding gehörige Eigenschaft, empfunden, nie als Zustand. Dies ist auch ganz vernünftig, da die Wandlung und der Verfall bewirken, daß das betreffende Ding nicht mehr das  ist,  was es sein sollte. Nur in dem aber, wofür wir es  bestimmten,  liegt sein  Sinn  und  Sein." 

Der Philosoph, der einen Gegenstand behandelt, und hierbei historisch verfährt, d. h. sich - in mehr oder minder genauer chronologischer Folge - mit den Ansichten früherer Denker auseinandersetzt, muß sich der Willkür dieses Verfahrens klar bewußt sein; denn nicht nur, daß "tot capita" [wie die Köpfe - wp] durch alle Zeiten hindurch "tot sententias" [so die Kommentare - wp] ergeben, es ist auch bei einer Beschränkung auf die Urteile jener, die ihm als die  Wesentlichen  erscheinen, die Willkür und der Zufall mächtig an der Arbeit. Die räumlich-zeitliche Stellung, die er einnimmt, wird - willkürlich gegeben - stets entscheidend sein. Denn das zeitlich Nahe der Mitlebenden, das sprachlich Nahe seiner Stammesgenossen wird ihn stets in der historischen Auswahl derart beeinflussen, daß er in den Genannten Wesentlicheres erblickt als in räumlich, zeitlich oder sprachlich Fremden. Da demnach alles historische Rückverfolgen eines Gedankes - bei aller Vielwisserei - doch an die Zufälle unserer einmal gegebenen Zentralität geknüpft sein muß, so wird der Weise einsehen lernen, daß nicht eine recht "umfassende und vollständige" Übersicht - deren Unmöglichkeit klargemacht ist -, sondern eben wegen des Allzuwillkürlichen der eigenen räumlich-zeitlichen Lage, ein  bewußt  willkürliches Ergreifen des Nächstliegenden am Platz ist. Denn er weiß, daß alles historische Forschen zur Begründung eines Gedankens auch insofern ein törichter Selbstbetrug ist, als wir eben so lange forschen und wühlen, bis wir  Bestätigungen  unseres Denkens finden, die wir mit lobpreisenden Randglossen versehen, und daß wir an gegensätzlichen Meinungen solange kritisieren und sie mit den unseren Meinungen adäquaten Widerlegungen anderer zu widerlegen versuchen, bis wir schließlich dorthin gelangen, wo wir bereits anfangs standen: zu unserer eigenen Meinung.

Daß dies im Gang einer philosophischen (und wohl jeglicher.) Forschung der psychogenetisch wahre Weg ist, dies zuzugeben, sind namentlich Akademiker selten aufrichtig genug. Denn wieviel schöner präsentiert sich ein Gedanke, den man erst aus vielen - hemmenden oder beschützenden - Hüllen herauszuschälen hatte, wieviel überraschender und beglückender sein endliches Aufleuchten, wenn die letzte historisch umschließende Hülle fiel, als wenn er sogleich und hüllenlos ohne das Feierliche so einer langsamen Entkleidung präsentiert würde? Schon Kinder wissen das, und um sie zu locken, werden gar oft Geschenke vielfach verpackt; freilich stellen sich gerade solche tiefversteckte Kostbarkeiten den armen Enttäuschten gar oft als bloße "Attrappen" heraus, aber das Auspacken ist ein unleugbares Vergnügen gewesen, dem gegenüber namentlich Erwachsene die Enttäuschung des geringen Fundes oft schon verschmerzt haben.

Wenn demnach allzuviel historisches Getue zur Darlegung eines Gedankes recht müßig, ja in gewissem Sinne nicht sehr wahrhaftig erscheinen mag, so bleibt zu bedenken, daß ein neuer, wahrer Gedanke sich erst durch Gegenüberstellung und Vergleichung inkomparabel da, und vermag doch gerade der gebildete Laie, der zumeist der letztgehörten überzeugend vorgebrachten Meinung zustimmt, nicht zu sagen, wodurch sich so ein Gedanke entscheidend und erlösend von anderen Meinungen abhebt und diese demnach endgültig beseitigt.

Aus diesen widerstreitenden Erwägungen wird der Philosoph demnach zu lernen und beim Herantreten an eine Frage den guten Mittelweg einzuschlagen haben. Der aber besteht darin: sich mit heiterer Sorglosigkeit der Willkür seines historischen Wissens, und zwar recht bescheiden, hinzugehen - derart, daß er beim Vortrag eines eigenen Gedankens doch nicht unterlasse, einige beliebige Vorgänger im Bereich seines Denkens anzuführen. Gelingt es ihm so, seinen Gedanken gegen den einiger anderer Denker plastisch abzuheben, dann ist zu erhoffen, daß man seine Ansicht genügend greifbar vor Augen hat, um bei späteren Vergleichungen mit irgendwelchen anderen Ansichten sichere Anhaltspunkte zu allseitiger Unterscheidung zu besitzen.

Unser heutiger Gegenstand ist das ewige und schier unerforschliche Thema der Kausalität. Denn wieviel Kluge und Weise sich auch auf diesem Gebiet gründlich und eindringlich bestätigt haben mögen - keinem ist es gelungen, den Gegenstand endgültig derart klarzulegen, daß nicht immer und immer wieder neue Männer aufgetaucht wären, die sich mit überzeugender Beredsamkeit den mannigfachen einander feindlichen Ansichten angeschlossen und wohl auch neue begründet hätten. Wie bei dem Thema vom freien und unfreien Willen, bei der Frage vom Sein und Werden, herrschaft auch hier der Wirrwarr aller Antinomien. Wenn aber bei einem Problem - dies wage ich als Gesetz hinzustellen - seit jeher zwei einander entgegengestzte Ansichten vorliegen und immer wieder und wieder hunderte von Denkern bald der einen, bald der anderen Fahne zuschwören,  dann ist der Grundfehler nicht  in den mehr oder minder einleuchtend vorgebrachten Überzeugungen, sondern eben in einem ständig nach zwei Richtungen hin und her gedeuteten  Begriff selbst  zu suchen, um den gestritten wird. Und wie es uns noch gelingen muß, dies beim Streit um Freiheit oder Unfreiheit des Willens derart zu  erweisen,  daß wir in der falschen und  den Bereich seines eigenen  Sinnes überschreitenden  Anwendung  und Setzung des Begriffs "Wille" den  Grundfehler  zu sehen haben, so muß es überhaupt heißen: Stets ist ein Mißverstehen, eine Grenzverwischung, eine Zwiespältigkeit im Wesen eines Begriffs zu vermuten, wenn um ihn ein ewiger und unentschiedener Kampf durch alle Jahrhunderte toben konnte. Und so wird und muß es auch bei der vieldeutigen und janusköpfigen Kausalität der Fall sein.

Diese Zwei- und mithin Vieldeutigkeit liegt aber in der erkenntniskritischen Deutung von "Ursache und Wirkung" verborgen. Und wer demnach eine Definition der beiden Begriffe geben will, der darf die Veränderungen in der Außenwelt, deren Gesetzmäßigkeit die vielumstrittene Kausalität etwa zum Ausdruck bringt, nicht zum Ausgangspunkt nehmen, sondern er muß vielmehr erst unsere menschlichen Beziehungen zu solchen Veränderungen, das Wesen des Begriffs der Veränderung und: was  wir  zu dessen Zustandekommen hinzufügen,  was die Außenwelt  - restlos klargelegt haben.

Wenn demnach die Kausalität erst definiert,  dann  aber ihr Walten
    1. (1) in der Außenwelt

    2. in der Beziehung des Außen zum Inneren des organischen Zentrums,

    3. im Innern selbst und schließlich

    4. von Innen nach Außen hin
in Betracht gezogen wird, so ist dies der gleiche Fehler wie der SCHOPENHAUERs, der in seiner "vierfachen Wurzel" Werden, Erkennen, Sein und Wollen in eben dieser Reihenfolge behandelt,  ohne  sich erkenntniskritisch besonnen  erst  klar zu machen, was das organische Zentrum zu diesen vier Wurzeln und was die Außenwelt unabhängig von ihm beisteuert; mithin ohne die bei allen vier Sätzen waltende und ewig untrennbar verknüpfte Art unserer Erkenntnis bedacht zu haben. (2)

Es ist dies umso bemerkenswerter, als SCHOPENHAUER, der Feind des abstrakten Syllogisierens, gerade hier bei HEGEL in die Schule zu gehen scheint, indem ihm ein farbloses, nicht sonderlich deutliches Wort lieber ist, als anschauliche Erkenntnis: denn er betont die Kausalität als sich nur in "Veränderungen" und an "Zuständen" abspielend, wobei er die Objekte von der Betrachtung ausschließt - obgleich er Kausalität als die "in der I. Klasse der Objekte für das Subjekt  herrschende Gestaltung  des Satzes vom zureichenden Grund" hinstellt, womit er doch die Kausalität für eine eben diesen Objekten (der Außenwelt) anhaftende Gesetzmäßigkeit erklärt.

Die psychologische Begründung dieses sonderbaren Hinauskomplimentierens der Objekte (der Außenwelt) bei einer Gesetzmäßigkeit, die nur mit  ihnen  zu tun haben soll, ist leicht gefunden, wenn wir verstehen, daß SCHOPENHAUER ohne ein solches Vor- bzw. Vergehen freilich notwendig hätte,  erst  die Beziehung des organischen Zentrums zu all diesen Objekten klarzulegen. Mithin müßte er den Satz vom "Grund" des "Erkennens", den er in dem Sinne, daß das Erkannte bereits gegeben sei, und sein Entstehen nicht untersucht zu werden braucht, im II. Satz vom Grund behandelt,  vorausstellen,  ja ihn den drei anderen Sätzen vom zureichenden Grund überordnen, wodurch die einmal entworfene Systematik, die scheinbar organisch, de facto nur logisch fortschreitend ist, umgeworfen wäre. Ein Beispiel für Hunderte von den Gefahrn der Systematik, von ihrem Rütteln an der sonst mächtigen Wahrhaftigkeit eines Philosophen. Denn die Verführungen ihrer logischen Schmeicheleien sind zu groß, als daß nicht selbst echteste Denker wieder und immer wieder der lockenden Stimme verfallen wären. Die artige Reihenfolge:
    1. Außen
    2. Außen-Innen
    3. Innen und
    4. Innen-Außen
wäre dann freilich vernichtet, ja vielleicht das schöne und wirklich so geistreich klar gegliederte Buch gar etwa nicht geschrieben worden. Denn mit einer vernichtenden Erwägung ist es wie mit einem Stein in einer tragenden Mauer: losgelöst, zerstört er dem armen Baumeister leicht das ganze Gebäude.

In bewußter Abkehr vom wohldurchdachten System haben wir aber von derlei Versuchungen nichts zu befürchten und wollen daher diesen flüchtigen Abstraktionen von "Veränderungen", "Bewegung", "Zustand" und "Ereignis" mannhaft zu Leibe rücken. Ein richtiges Verstehen desjenigen, was in diesen scheinbar "nicht sekundären" Worten (3) Wesentliches sei, wieviel zu ihrem Zustandekommen die Außenwelt, wieviel das organische Zentrum beisteuert, ist von größter Bedeutung. Hier mit erkenntniskritischem Denken einzusetzen, wird unsere erste Pflicht sein. Und nicht nur die Kausalität, auch die ganzen "Bewegungslehren" der Positivisten, werden mit einem Mal als gröbliche Anthropomorphismen, - weil  nicht bedachte  menschliche "Erfindungen" - durchschaut und entlarvt werden.

Was wir noch in einer Kritik der  kantischen  Denkart bemerken werden, daß nämlich zur Erfoschung des Wesens eines Begriffes nie gefragt werden darf: "Was ist dies", sondern: "Wie kam es ins menschliche Denken hinein? Wie entstand es?" - weil eben dadurch der letzte Schleier von einem allzuselbstverständlich Gegebenen weggezogen wird, - das Gleiche gilt auch hier.

Wir beginnen also bei der "Veränderung", mit welcher allein die Kausalitätsforscher seit SCHOPENHAUER - wenigstens in ihren Definitionen es zu tun zu haben vorgeben. Der Besitz dieser Zusammenfassung kann dem menschlichen Hirn nur durch eine Beobachtung der Außenwelt erwachsen. Was aber kann der Mensch beobachten, um zu dieser sekundärenn Verallgemeinerung zu gelangen? Selbstredend nur ein sich Veränderndes. Dies ist so selbstverständlich und von so zwingender Kraft der Einsicht, daß es töricht wäre, einen "Beweis" zu wagen. Wenn ich nicht weiß, daß es vorher regnete, kann ich unmöglich im Sonnenschein eine "Veränderung" erblicken. Wenn ich nicht an einem gelben dürren Blatt im Herbst imstande bin, an dem wesentlich erhalten Gebliebenen der Konturen, des Stengels, der Befestigung am Baum die Konstanz "Blatt" zu erfassen, so kann sich nie die, schon rein psychogenetisch als "sekundär" durchschaute, Zusammenfassung: Veränderung einstellen (das Herunterfallen des "Blattes" kann ich beobachten, und mithin "weiß" ich, daß dasjenige, was da vom Wind hinweggefegt wird, "dasselbe" ist, wie das ganz "Gleiche", das da vor meinen Augen, soeben den Baum verlassend, zu Boden gleitet). Hiernach liegt der Ton bei der Konstatierung der "Ursache" (4), von "Veränderung" auf dem  Ein sich Veränderndes.  Oder genauer und substantivisch gesagt: Das sein muß ein Eins, das durch den Denktrieb zur Einheit des organischen Zentrums erzeugt ist und an welchem durch aufmerksame und häuige Fixationen ein  Wechsel von Eigenschaften  konstatiert wird, worauf  zu achten  uns die Annahme des doch im Grunde  gleichbleibenden Eins  erst hin zwingt. 

Daß die Vorstellung einer "Veränderung" eine Unmöglichkeit ist ohne Ausnahme, bzw. das Auffinden des konstant als gleich zu bezeichneden dinglichen Eins, zeigt ein Blick auf die wissenschaftliche Forschung in allen Bereichen der Natur. Zeig einem Kind eine Raupe, eine Puppe, zeig ihm einen Schmetterling. Sag ihm, daß es "dasselbe Lebewesen" ist, und es wird ungläubig lächeln und triumphierend ausrufen: "Aber das ist doch etwas ganz anderes." Erst wenn die Fixation des Naturforschers getreulich und unverdrossen ein Wesen derart "nicht aus dem Auge" ließ, daß so die allmählichen Übergänge zu einer neuen gänzlich veränderten Gestalt beobachtend miterlebt wurden, erst dann kann die ursprüngliche und festgewurzelte Annahme einer Zweiheit von "Dingen" (bzw. Organismen), ja die vollständige Inkommensurabilität zweier  nie  in ihrer "Einheit" auch nur  geahnten  Dinge schließlich weichen und aus  dieser so erkannten "Einheit",  bei ganz verloren gegangenen und veränderten "Eigenschaften" die  Vorstellung einer Veränderung  erwachsen. Die wertvollsten wissenschaftlichen Leistungen ruhen vielleicht gerade in der Auffindung solch ungeahnter Einheiten  und  mithin ihrer "Veränderungen". Wie schwer war es zum Beispiel, und wie lange hat die Medizin und Hand in Hand mit ihr die Naturforschung gebraucht, bis sie die kleinen einzelligen Hämosporidien bis zu ihrem Malaria erzeugenden Eindringen ins Blut verfolgt, oder aber bis der Weg von der "Finne" zum "Bandwurm" als der  eines  Lebewesens sich herausgestellt hatte. Wo die Krankheiten des Menschen und die Sehnsucht, die Erreger aufzudecken, den Blick schärfen und der Anreiz zur Forschung kein platonischer bleibt, da wird wohl auch eher eine "Veränderung" gefunden oder doch stetig und unverdrossen gesucht werden. Daß aber die Kaulquappe nicht eine Art "Fisch", sondern die kiemenatmende Vorstufe zum Frosch ist, dürfte für die Menschheit weniger wichtig sein; es unterliegt daher keinem Zweifel, daß die Naturwissenschaft noch viele "Veränderungen" und "Wandlungen" aufdecken wird, die uns heutzutage noch vollständig verborgen sind.

Wir werden gegebenen Ortes den Sachverhalt auch für die "Bewegung" durchzudenken haben, wo es ganz analog zugeht (daß nämlich vorerst ein Bewegtes da sein muß) und der Hokuspokus, den die strengen und in ihrer ehernen Syllogistik sich so unantastbar dünkenden Positivisten mit der "Bewegung" machen, recht schnell durchschaut und deutlich wird.

Ist somit der psychogenetische, dadurch aber auch der essentielle und effektive Zusammenhang zwischen "Ding" und "Veränderung" klar gemacht, so ist die Folgerung für die weiteren sekundären Begriffe von "Zustand" und "Ereignis" bald ersichtlich. "Zustand" scilicet [nämlich - wp] "eines Dings" - jenes scilicet, das wir noch oft verschwiegen finden werden als Denkunterlassungssünde - ist die Idee, die sich einstellt aus dem Bedürfnis, die Konstanz des Dinges festzustellen ohne jene Merkmale, die seine "Eigenschaften" derart wandeln, daß man sich gezwungen fühlt, von "Veränderungen" zu sprechen. "Ereignis" aber kann nur dasjenige genannt werden, das, neu hinzutretend, die Konstanz des dinglichen Eins "verändert" oder zerstört. Da es uns somit in der unwiderleglichsten, weil keinem Syllogismus, sondern einer einfachen intuitiven Erkenntnis verdankten Weise gelungen ist, all das Sekundäre der genannten Worte auf das wesentlich Primäre zurückzuführen, so müssen wir uns jetzt, ins eigentlich Innere des Problems vordringend, gründlich ansehen, was unter dem Namen der "Ursache" an der Konstanz des Eins derartige "Veränderungen" "bewirkt", daß diese als "seine Wirkungen" bezeichnet werden.

Mit dem  "seine"  Wirkung ist aber dasjenige, was den innersten Sinn der Kausalität trifft, nämlich die Notwendigkeit oder Gesetzmäßigkeit, schon verständlich: daß wir nämlich der "Ursache" erst vollen Wert und Richtigkeit zusprechen, wenn sie in einem unveränderlichen, immer wiederkehrenden Konnex mit der Wirkung steht.

Mit Recht hat HUME jene Kausalität bekämpft, die aus dem  post hoc  [danach - wp] gedankenlos ein  propter hoc  [weil - wp] folgern zu dürfen glaubt. Umso fester aber steht das Wesentliche des Kausalen, die einzig sinnvolle Verknüpfung von Ursache und Wirkung, da, wo unbekümmert um das zeitliche Moment die eherne Notwendigkeit zu herrschen scheint. Das aber ist allüberall dort und nur dort der Fall, wo die wirkende Ursache  als konstante Eigenschaft einer dinglichen Einheit auftritt. 

Nur wo die potentiell vorhandene, aber, etwa durch irgendwie hemmende Umstände, nicht kinetisch wirkende "Eigenschaft" eines zweiten Dings einsetzt, kann überhaupt eine "Veränderung" aus Ursache mit Notwendigkeit eintreten.

Ich kann z. B. in unserem Exempel von den welkenden Blättern sagen: weil der "Herbst" kam, fielen die Blätter herunter. Auf den ersten Blick erscheint das als eine klare und auch gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung. Bei näherem Zusehen aber wird unser Kausalbedürfnis sich nicht mit dem Wort "Herbst" zufrieden geben. Zwar tritt schon hier unsere Forderung in Kraft, daß eine konstante Eigenschaft eines dinglichen Eins da sein muß: denn, daß er die Blätter welkt, ist eine der vornehmsten Eigenschaften, an der wir jene Jahreszeit zu "erkennen" und sie mithin  so  zu  benennen  vermögen, wie wir es tun. Der aufmerksame Leser wird schon merken, daß wir hier auf eines unserer wichtigsten Axiome: Die Sprache ist die Prolepsis [Vorwegnahme - wp] der Außwenwelt (nämlich: des Menschen.) zurückkommen. Denn mit dem Wort  Herbst  bezeichne ich eben jene Jahreszeit, die, konstant wiederkehrend, sich durch unveränderliche Merkmale (u. a. auch das "Blätterwelken") scharf von anderen Jahreszeiten unterscheiden läßt. Also: das "Wirken" des Herbstes ist eben mit seinen Eigenschaften  identisch.  Bevor wir aber dem letzten Zusammenhang von  Wirken - Eigenschaft - Ding  zu Leibe rücken, wollen wir in unserem Beispiel das sekundäre "Urteil"  Herbst  verlassen (der Leser weiß, daß der primäre Begriff das erste und entscheidende Urteil über die Außenwelt ist.) und seine primären Wesenheiten als wahrhaftige "Ursachen" des Welkens hervorholen.

Jeder klardenkende Mensch wird sich bemüßigt fühlen, zu fragen:  Warum  welken im Herbst die Blätter? Welche Frage, als eine Frage nach dem Wesen und den  Definitionsbestandteilen  des Begriffs, schon das enthüllt, was eben hinter unserem kausalen Bedürfnis steckt.

Wer hier nicht weiter fragt und sich mit diesem oberflächlichen, weil an das sekundäre einer allgemeinen Zusammenfassung ("Herbst") anknüpfenden, Kausalzusammenhänge zufrieden gäbe, der wäre bar jedes tieferen Erkenntnisdranges, der ewig sucht, bis er die "wirklichen", weil "wirkenden" Ursachen fand.

Dieses Warum führt uns schon zur Erkenntnis vom  Wesen  des "Herbstes" und mithin zum Einblick in seine  geographische  Relativität. Denn als "eigentlich Bewirkendes", als das Wesentliche, Wirkliche der dinglichen "Veränderungen", die zu den Eigenschaften des "Herbstes" gehören, stellt sich nach Jahrhunderten einer falschen kausalen Verknüpfung die  Sonne  heraus, mit ihrer wechselnden Einwirkung auf die um sie kreisende Erde. Abermals aber kann ihre Einwirkung nur Sinn haben als eine ihr immanente konstante Eigenschaft. Und diese Eigenschaft ist die leuchtende und wärmende Sonnenkraft, d. h.  ein wesentliches, das zu Sinn und Sein des Begriffes "Sonne" eben verhalf. 

Und jetzt erst, wo wir einen ganz klaren Einblick darin haben, wie diese konstant wärmende Sonne bald mehr, bald weniger von ihrer Eigenschaft der Erde, bzw. dem bestimmten Erdstrich, "zuwenden" kann, jetzt erst ist dasjenige, was  hinter unserem sogenannten kausalen Bedürfnis  steckt, restlos befriedigt. Während also die Wirkung (das Welken) sich als Eigenschaft des Herbstes, der vermeintlichen Ursache, entpuppte und mithin unsere Erkenntnis gleichsam nicht vom Fleck kam, ist die eigentliche Ursache dieses Welkens klar als Eigenschaft eines Dings, und zwar als mehr oder weniger kinetisch ("grünmachend") auftretende konstant vorhandene (also potentielle konstant "wirkende")  Eigenschaft  der Sonne (auf die Erde) und jetzt erst, durch das Wissen um die wesentliche Beziehung zwischen  Sonne und Erde,  ist auch der Erkenntnisdrang dauernd gestillt und beschwichtigt.

Wir wollen es noch durch anschauliche Beispiele vollends verständlich machen, daß das kausale Bedürfnis sich nicht mit jedem "Weil" zufrieden gibt, daß die "Wirkungen" nicht Eigenschaften jener Dinge sein dürfen, in welchen wir eine  eigentliche Ursache  erkennen sollen, sondern daß das  Ursächliche eine konstante Eigenschaft eines Dinges  sein muß, damit es uns kausal zu befriedigen vermag.

Wenn der primitive Mensch einen Stein, der sich warm anfühlt, zu einer anderen Tageszeit und bei anderen Lichtverhältnissen bei der Berührung als kalt feststellte, so wird ihm gar bald der Zusammenhang zwischen der "Kälte des Steines" und einem "Schatten" klar geworden sein. Und der Primitive wird - ohne tieferes Verständnis vom  Wesen  dieses Begriffs, sagen können: Der Stein ist kalt,  weil  er im Schatten liegt. Nun aber zeigt es sich abermals, daß, wenn  die Wirkung  (Kälte) Eigenschaft eines Dings ist, sich unser kausales Bedürfnis nicht zufrieden gibt. Abermals sind wir nicht weiter gekommen, abermals hat sich die Erkenntnis gleichsam feststehend um ihre eigene Achse gedreht. Denn dies  nennt  man eben Schatten, dieses Dunkle, Kältespendende. Und die Kälte gehört mit zu seinen Ausstrahlungen, seinen Adjektivitäten, seiner "Wirklichkeit". Abermals wird eine dringende und kategorische Wißbegierde weiter fragen: Warum ist aber dieser kühle Schatten jetzt an der Stelle, wo noch vor einigen Stunden eine glühende Hitze war? Mit der richtigen Beantwortung dieser Frage ist nun erst das kausale Bedürfnis befriedigt. Und abermals wird aus der Wechselbeziehung der Sonne und der in 24 Stunden sich um ihre eigene Achse drehenden Erde klar, wieso die verschiedenen Stellungen zur Sonne zustande kommen. Eine konstante Eigenschaft, ein integrierender Bestandteil des Begriffs  Sonne  ist aber (wie im früheren Beispiel) die Licht- und Wärmestrahlung. Eine konstante - negative - Eigenschaft dieser Strahlung ist: durch feste Körper  aufgehalten zu werden.  Das Ergebnis dieser negativen Eigenschaft ist der Schatten, dessen im Laufe eines Tages wechselnde Lage aus der Drehung der Erde, aus der durch feste Gegenstände gehemmten Strahlung, aus der gradlinigen Projektion der ganzen hemmenden Bestrahlungsfläche nach hintenhin resultiert.

Nunmehr, wo die "Veränderung" des Steines im Hinblick auf unser Tastempfinden, auf die Konstanz einer teilweise negativen  Eigenschaft  eines Dings, als auf seine Ursache zurückverfolgt werden konnte, ist unser Zusammenhangsbedürfnis befriedigt. Und erst jetzt sind wir auch imstande, mit der wahrhaften Antwort auf die Frage: Warum ist der Stein kalt? zu dienen.

Klar wird, daß die Scheidung von "eigentlicher" Ursache und Scheinursache (wo Wirkungen Eigenschaften eines Dings sind.) höchst notwendig ist, wenn wir bedenken, wie oft ein oberflächliches Zusammenhangsbedürfnis, an ein sekundäres Wort anknüpfend, sich beschwichtigen und befriedigen läßt. Und wenn ich hier hunderte von Nachbetern SCHOPENHAUERs oder KANTs jammern höre, mit dieser Präzisierung und Reduktion der Ursache verwechsle ich diese mit dem  Erkenntnisgrund  (eine höchst geistreiche aber recht wertlose Trennung.), so wird das Folgende auch diese "scharfen Denker" zum Schweigen bringen.

Denn daß man Ursache von Bedingung trennen muß, werden mir gerade diese im syllogische-scholastischem Trennen und Sondern Wohlbewanderten zugeben. In unserem Beispiel aber ist selbst diese wichtige Trennung ohne Erkenntnis der "eigentlichen" Ursache nicht möglich. Denn ohne zu wissen, welchen konstant gegebenen dinglichen Eigenschaften eine "Veränderung" ihr Entstehen verdankt, kann und muß ich tausende von Bedingungen mit der Ursache verwechseln. Der Anhänger der Trennung von Erkenntnisgrund und Ursache wird auf die Frage: "Warum ist der Stein kalt?" etwa antworten können:  "Weil  ich mich an diesen bestimmten Punkt gestellt habe." (Hierbei setzt er den Anblick seiner schattenspendenden und zwischen Stein und Sonne stehenden Person voraus.) Wenn man aber bei der gleichen Frage von diesem unerbittlich scheidenden Mann zur Antwort erhält: "Weil ich diese Tür öffnete" oder: "Weil eine Wolke da ist" oder: "Weil der Wagen vorgefahren ist" oder aber: "Weil ich den Stein ins Zimmer geworfen habe" usw. ins Infinitum der unzählbaren möglichen Geschehnisse, so ist in all diesen Antworten das  scilicet maßgebend, das stillschweigend Vorausgesetzte  des Konstanten dieser mannigfachen "Ereignisse". Wir sehen also, daß abermals bei diesem Trennen, wie schon so oft bei den Sekundärsten sondernden Begriffen, etwas  auseinander gerissen  wird, das wohl im blassen Phantom einer Gehirnschimäre ein trauriges Scheinleben fristen kann, in den lebendigen Beziehungen des Menschen zu seiner Welt sich jedoch mit der ganzen verheerenden Macht der Zweiheit von Worten bei der Einheit des Vorgangs als unmöglich, undenkbar, ja sinnlos und bestes Erkennen verwirrend und ertötend erweist. Denn nur durch dieses stillschweigend Vorausgesetzte des Anblicks der Sache und der bei gleichem Anblick  der in Betracht kommenden Dinge blitzschnell klar werdenden Gesetzmäßigkeiten,  nur durch dieses  Voraussetzen,  das heißt  Verschweigen,  das heißt  Wegeskamotieren  des  dem verstehenden Blick auf einmal  Gegebenen, läßt und ließ sich seit alters manch erfreuliche, zu "abstraktem" Geschwätz höchst gedeihliche Zweiteilung und Trennung bewerkstelligen. Wenn ich aber nicht imstande bin, ein Eins mit dem fixierenden Blick dem anderen Eins (und seinen konstanten Eigenschaften) zu verknüpfen und das ewig Wiederkehrende, also Gesetzmäßige, also ursächlich Wirkende einer solchen Verknüpfung im  gleichen Fixationsprozeß  zu gewinnen, dann ist es mir auch unmöglich gemacht, eine Ursache von einer bloßen Bedingung zu sondern.

Man lasse sich zur Ergründung der Wahrheit hier und in allen Fällen durch das Zufällige der sprachlich-wechselnden Fragestellung nicht beirren. Ich könnte z. B. beim Stein ebenso gut nach der Wärme fragen, und die vortretende Wolke, welche (nach der Theorie der sekundären zertrennenden Denker) bei der Frage nach der Kälte des Steins soeben noch  Ursache  war, wird natürlich bei der Frage nach der  Wärme  des Steins zur - und zwar negativen - Bedingung degradiert: "Unter der Bedingung, daß die Wolke  nicht  da ist, also weggeht, wird der Stein warm." oder  "Weil  die Sonne scheint. Da es sich aber um die Konstanz eines wirkenden Eins (Sonne), eines hemmenden Eins (Wolke), eines veränderbaren Eins (Stein) handelt, so darf unmöglich  ein und derselbe Komplex  von Dingen  je nach der Fragestellung anders  "aufgefaßt" und "gedeutet" werden. Dürfte dies geschehen, dann wäre erst recht das Unwesentliche, reiner Spekulation und Wortklauberei Verdankte des ganzen Verfahrens erwiesen - und hiermit  ad absurdum  geführt.

Erst wenn man mit mir die "eigentliche" Ursache (die freilich das, was meine Vorgänger "Erkenntnisgrund" benannten, in sich schließt) von all den durch die Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit des Äußerlich-Sprachlichen ermöglichten Scheinursachen geschieden hat, läßt sich auch eine klare Trennung von "Bedingung" und "Ursache" feststellen. Wir werden sehen, wie gerade der Jurist, der bis heute dadurch, daß er noch immer Einiges als "Ursache" bezeichnet, was im Licht unseres Denkens als bloße "Bedingung" erscheint, sein eigenes Verfahren, z. B. die Verschiedenheit der *Bestrafung je nach dem Erfolg einer Tat, sich mit seiner Formulierung erschwert, ja zu gröblichen Widersprüchen gelangt. Daß man aber in Worten wie "Herbst" und "Schatten" höchstens im Sinne einer Abbreviatur eines stillschweigend vorausgesetzten der dahinter zu begreifenden Gesetzmäßigkeiten (die sich mit diesen sekundären Zusammenfassungen für jeden Gebildeten sofort einstellen) etwas wie Ursachen erblicken könnte, ist erwiesen worden.

Bedingung ist aber nunmehr all das unendliche mögliche, organische oder physische Geschehen, welches - sei es fördernd, hinzu-, sei es hemmend, dazwischentreten kann, damit die Berührung des Dings und seiner verursachenden Eigenschaften mit dem Ding stattfindet, auf welches jene Eigenschaften zu wirken konstant imstande sind. Und während die potentielle Energie der Ursache stets - latent - vorhanden ist, wird sie durch die Entfernung hemmender oder durch das Hinzutreten fördernder Bedingungen erst lebendig und zu kinetischer Energie verwandelt. Die Frage nach der Ursache ist: Warum? und hat immer nur eine Antwort. Die Frage nach der Bedingung ist: Wieso? und hat der Antworten so viele als es der "Fälle", d. h. Möglichkeiten gibt. Da aber die Sprache auf beides mit "weil" die Antwort einleiten kann, ist schon so oft Bedingung und Ursache miteinander verwechselt worden und wird es wohl in Ewigkeit werden.

Wir wollen eine größere Reihe von Beispielen geben, um einerseits den Unterschied der erwähnten Begriffe, andererseits aber das Eindringende und Erlösende unserer Formulierung unwiderleglich zu gestalten. Namentlich ist aber darauf zu achten, daß in allen Fällen nicht das Willkürliche des sprachlichen Ausdrucks bei der Beantwortung einer Frage nach dem Warum?, sondern das Wesentliche unseres Denkprozesses zu berücksichtigen ist.

Wenn ich frage, was die Ursache sei, daß sich das Kochsalz in Wasser löst, so ist die Antwort: das Wasser. Denn die konstante Eigenschaft des Wassers ist, sofern es mit Kochsalz in Berührung kommt, dieses aufzulösen. Wenn ich also das Salz ins Wasser  werfe,  so ist mein Tun lediglich die Bedingung für die ursächlich-wirkliche Verknüpfung. Da aber ohne dieses Tun im Einzelfall das Kochsalz niemals ins Wasser geraten wäre, so muß jene Bedingung, die als  conditio sine qua non  schöpferisch für das Zustandekommen der kausalen gesetzmäßigen Verknüpfung  namentlich  entscheidend war, als die "schöpferische" Bedingung kenntlich gemacht werden. Daß aber das kausale Verknüpfen nur Sinn und Anwendbarkeit hat durch das Gesetzmäßige, d. h. die konstante Eigenschaft eines Dings (Wasser), also durch das "Ding" selbst, zeigt dieses Beispiel, auf das Einleuchtendste. Sobald aber das Ding  genannt  wird, enthüllt es sich in seiner Eigenschaft als  Denkergebnis.  Denn dasjenige  nenne  ich eben Wasser, zu dessen unveränderlichen Eigenschaften es gehört, also integrierender  Bestandteil seiner  Dingheit es ist, Kochsalz zu lösen. Sobald ich nämlich ein Wasser fände, das Kochsalz  nicht  lösen würde, wäre ich sofort gezwungen zu sagen: Das ist kein "eigentliches Wasser", oder aber: das ist kein "eigentliches Kochsalz". Wenn aber eines der beiden "Dinge" sich als "Eigentliches" und Wirkliches feststellen ließe, dann wäre unzweifelhaft erwiesen, daß das  Andere  etwas Anderes, Neues, vielleicht noch "unbekannt" Gewesenes ist und - eben  wegen  dieses Versagens in einer nie fehlen dürfenden integrierenden Eigenschaft - auch einen  neuen Namen  zu bekommen hätte. Mithin dürfen wir nunmehr eine andere bedeutsame Wahrheit aussprechen: "Das Ding, dieses Denkergebnis einer wiederholt überprüften Bezugnahme zu einem gleichartig Erscheinenden", enthält in der Summe seiner ihm konstant zugeschriebenen Eigenschaften auch das Wesentliche des  Gesetzmäßigen  in seiner Beziehung zu anderen  Dingen.  Denn seine Eigenschaften - die ja  nur  durch eine Beziehung zu Anderen Sinn und "Wirklichkeit" haben, sond ganz einfach das Gesetzmäßige, Konstante, Unveränderlichwirkende  an und in ihm.  Kurz: Ding  ist  *Naturgesetz im vollen Sinne des Wortes. Nicht also  gehorchen  die Dinge den Gesetzen, sondern die Dinge  selbst  sind mit den Gesetzen identisch. Abermals und wieder hat die Verschiedenheit von Worten und Begriffen die Annahme einer Verschiedenheit von Wesentlichem veranlaßt. Und wieder wird der Tieferdenkende sich nicht durch die Sprache knechten lassen, indem er einsieht, daß  er  sie als Urteil über das Außen, als Denkergebnis, als Herrscherin über die beherrschte Außenwelt, selbsttätig eingesetzt hat. Und wenn unsere Einsicht sich dem *Nominalismus zu nähern scheint, so müssen wir dies zugeben; es ist aber jenes von den Nominalisten gar selten zutiefst erfaßte Wissen um "Nomina", das,  weil es das Wort verachtet, seine bedingungslose Herrschaft nur umso williger anerkennt. 

Hier sind wir endlich einerseits bei der weiter oben versprochenen Klarlegung von: Ding-Eigenschaft-Ursache, andererseits bei der Antinomie von Kausalität  "in uns"  oder  "außer uns"  angelangt (die erwähnte Janusköpfigkeit des Begriffs.) welcher Antinomie wir auf erkenntniskritischem Weg beizukommen verkündet hatten.

Denn damit, daß wir die Kausalität auf das  Fixationsbedürfnis  des Denktriebes zur Einheit zurückführten, nachweisend, daß dieses auf die Verknüpfung eines Dings mit den Eigenschaften eines zweiten Dings, d. h. also auf das zweite Ding selbst und auf  seine ihm immanenten Gesetzmäßigkeiten  zurückführt, dadurch sind wir der Lösung dieser schier unsterblichen Antinomie (als ob nämlich der  Gesetzmäßigkeit  "in uns" ewig eine Gesetzmäßigkeit "außer uns" gleichsam parallel liefe, und es mir frei stünde, bald dieser, bald jener mehr "*Wirklichkeit" und Apriorität zuzusprechen.) ganz nahe gekommen. Denn mit der Einsicht: Es gibt kein *Ding-ansich*; dies wäre eine  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp]; Ding ist und bleibt nicht mehr und nicht weniger als  Ergebnis  der Stellungnahme des organischen Zentrums zu diesem so vieldeutigen Außen ansich. - mit dieser Einsicht fällt es uns wie Schuppen von den Augen, und alle mysteriöse Unfaßbarkeit der "über den Dingen waltenden Naturgesetze", alles Staunen darüber, daß unbarmherzig  jede Ursache ihre Wirkung  - auch unabhängig von unserem Ich - habe, alles Wunderbare der aprioristischen Forderung einer kausalen Verknüpfung, der, von uns unabhängig, die unbeirrbare Außenverknüpfung "entgegenkommt", all dies ist zurückgeführt auf dieses einzig und ewig Staunenswerte, auf das einzige Apriori des organischen Zentrums, auf die Funktion dessen, das dem  Leben selbst  *gleichzusetzen eine letzte Einsicht ist, auf die allem Organischen angeborene Fähigkeit, ein Eins zu gestalten, welche Fähigkeit beim Menschen  der Denktrieb zur Einheit  genannt werden soll.

Gleichzeitig mit dieser Erleuchtung wird uns aber auch klar, wieso und in welchem Sinne alle Kausalität eine  Wechselbeziehung  von Ursache und Wirkung genannt werden kann. Denn da mein ein- und angeborenes Fixationsbedürfnis, das das Eins schafft und nicht früher ruht, als bis es durch rastlos suchende Fixationsbewegungen das "Anderswerden" eines Eins auf ein anderes Eins zurückverfolgte, da dieser Denktrieb zur Einheit vom einen Eins suchend und findend zum zweiten hinübergleitet, so ist es begreiflicherweise die Sache des "Ausgangs-", des "Stand-Punktes", ob ich von  A  nach  B  oder von  B  nach  A  hinüber fixiere. Wo gleichartig Unorganisches, gleichartig Organisches aufeinander "einwirken", ist es leichter möglich, den Standpunkt zu  wechseln.  Wenn der primitive Mensch z. B. erforschen will, was denn diese "Sonne" eigentlich "ist", was sie alles "kann und leistet", also bewirkt, dann wird er, ohne das einzelne Ding namentlich zu beachten (ob Apfel, Stein, Erde oder eigene Hand.), durch solche wechselnde Versuche ihre Eigenschaften ausprobieren: dann denkt er den Vorgang so durch, daß die  Sonne auf jene Dinge wirkt.  Sitzt er aber behaglich in der Sonnenwärme und tritt eine Wolke dazwischen, setzt sich ein anderer mit ihm ins Licht, so wird er erfahren, wie diese lästigen Störenfriede auf die Sonne hemmend "einwirken", und der Gedankengang ist möglich: Diese Dinge wirken  auf die Sonne  störend ein. Ebenso ist es möglich, zu denken: Das Wasser löst Salz, wie: Das Salz macht den Geschmack des Wassers unangenehm; kurz: Salz wirkt auf Wasser. Seltener wird schon die Konstanz der gegenseitigen Beeinflussung in umgekehrter Richtung beim Einfluß von Unbelebtem auf Lebendiges oder umgekehrt möglich sein. Denn das Unbelebte wird ja vom Menschen zumeist "berührt" und in Bewegung gesetzt, um es auf das Lebendige, sei es fördernd, sei es zerstörend, wirken zu lassen. Der Mensch muß z. B. "wissen", daß ein fester Körper, der in den Organismus eindringt, diesen stört und zerstört, um mit der Verfertigung von Waffen der kausalen Verknüpfung etwa von "Eisen" und "Tier" durch die Schaffung von immer günstigeren Bedingungen (zu diesem Zusammentreffen) nachzuhelfen. Alle Erfindungen sind nichts als: Schaffung immer günstigerer Bedingungen, die einmal erkannte kausale Verknüpfung zweier Dinge möglichst  auszunützen. 

Frage ich umgekehrt nach dem Warum? eines vom Organismus bewegten Gegenstandes, so ist immer  dieser  Organismus die eigentliche Ursache der Bewegung. Denn seine konstant vorhandene potentielle Energie wird immer wieder die Bewegung (z. B. des fliegenden Pfeiles) hervorzurufen vermögen. In solchen Fällen kann höchstens insofern von einem "Einwirken" des Bewegten auf das Organische, Bewegende gesprochen werden,  als die Tat  des Bewegens der Materie durch den Willensentschluß und die geleistete Nerven- und Muskelarbeit auch auf den Körper einwirkt, und der Pfeil ohne solche Veränderungen im Organismus auch nie aus seiner - in der Erfindung geborenen - potentiellen Energie heraus in Bewegung gelangen könnte.

Daß jedoch ein guter Sinn in dieser Umdrehung des gewöhnlichen kausalen Verknüpfens aufgedeckt werden kann, zeigt der Humor, der gern in überraschende und unerforschte Tiefen eindringend, sich dieses Verfahren zunutzes macht. Wenn der amerikanische Humorist z. B. den Fall eines Negers auf das Straßenpflaster derart darstellt, daß er die Wirkung (den Tod des Negers) zur  Ursache  für das arg beschmutzte und unbrauchbar gewordene Pflaster macht, so liegt der Humor dieser gelassen und selbstverständlich vorgebrachten Umkehr im Einblick, den sie uns so, scheinbar ganz absichtslos, in die Verachtung und Geringschätzung des Negers beim Amerikanier tun läßt.

Daß indessen die Waffe durch den Gebrauch unbrauchbar wird, daß Dolch, Schwert, Lanze und Speer durch den Organismus, den sie zerstören sollen, selber zerstört  werden  (also die willkommene Wirkung auch zu einer unwillkommenen rückwirkenden Ursache gestempelt wird.), dies schuf die Sehnsucht nach einer Waffe, welche durch ihre Wirkung nicht selber beeinflußt und zerstört wird, wobei diese Sehnsucht nach vielen Jahrhunderten, die mit der Anfertigung immer härterer Waffen (Knochen, Stein, Kupfer, Bronze, Eisen, Stahl) abplagten, endlich in der Feuer- und Schußwaffe eine so glänzende und im Bereich der Möglichkeit vollkommene Erfüllung fand. Dies aber war erst möglich geworden durch die Zweiteilung der Waffe in ein unzerstörbar gleiches Instrument und das Projektil.

Man sieht an den wenigen Beispielen, wie sehr sich dieses ganze Wissen von Ursache und Wirkung oft  schweigend  und nur in nachdenklichen Fixationsbewegungen abspielt. Und hier und in allen Fällen  erweist es sich als oberste Aufgabe der Philosophie, das menschliche Denken befreit von Zufall und Willkür des sprachlichen Ausdruckes zu erforschen.  Die *Sprache trennt, wo in Wirklichkeit eine Einheit des Vorgangs vorliegt, und vereint, wo oft getrennte Kräfte walten. Ihr nicht "aufzusitzen", sich durch das Verlockende des scheinbar so  Wirklichen  verschiedener Worte nicht ködern zu lassen, ist erste *philosophische Pflicht*. Je mehr aber der Geist ins Sekundäre emporrückt, desto verhängnisvoller wird die *Macht des Wortes*. Geht dies doch so weit, daß oft durch bloße Worte, deren kleine Sinnverschiedenheiten dem Grübler zu denken geben,  Probleme geradezu geboren werden.  Eine Verirrung, wie sie nicht törichter sein, wie sie aber auch günstiger und ergiebiger für alle metaphysischen Schwätzer und Jongleure im Reich der Sekundären gar nicht gedacht werden kann.

Eine tiefere Einsicht in das Gesetz von der Erhaltung der Energie bringt es mit sich, wie unser Beispiel vom abgeschnellten Pfeil erweist, der auch auf seine Ursache, den Organismus zurückwirkt, Ursache und Wirkung als Wechselwirkung zu begreifen. Wo sich - sei es auf noch so erklügelte Weise -  keinerlei  Wechselbeziehung (in physisch-physiologischem Sinn) herstellen läßt, da handelt es sich sicherlich nicht um Ursache und Wirkung, sondern Um Bedingungen, die erst durch ein Übergehen oder Mißverstehen der "eigentlichen" Ursache mit einer "Wirkung" kausal verknüpft wurden.

Wenn also WILHELM TELL den GESSLER erschießt, so ist - schon wegen der vollständig undenkbaren mechanischen  Rückwirkung  des Toten auf den Schützen - im TELL  nie  die Ursache des Todes zu erblicken: Ursache ist einzig und allein der ins Hirn eingedrungene Pfeil, der ja auch durch sein Wirken selbst beeinflußt (beschmutzt, verbogen, oder sonstwie verändert) wird. Ähnlich aber wie beim Salz, das ich ins Wasser werfe, ist auch hier im menschlichen Tun die "schöpferische" Bedingung, die  conditio sine qua non  zu erblicken, was in allen Fällen, wo die Ursache ein Werkzeug, eine menschliche Erfindung (die Waffe) ist, von vornherein feststeht, da ja diese nur durch das Wissen um "ihr Wirken" gemacht wurde und nur mit eindeutiger Absicht angewendet werden konnte.

Wenn hingegen der Mediziner eine Sublimatpastille in ein Glas Wasser wirft, ein Kind diese Lösung trinkt und stirbt, so ist gewiß auch die  Herstellung  der Lösung eine "schöpferische Bedingung" des Todes, dieser jedoch keineswegs gewollt vom Arzt, wodurch sich - juristisch gesprochen -  dolus  [Vorsatz - wp] (TELLs Schuß) in  culpa  [Schuld - wp] verwandelt. Ist jedoch durch eine Verkettung von Umständen die wohlverwahrte und ordnungsgemäß versperrte Lösung dennoch in die unrechten Hände gefallen, so ist die "schöpferische Bedingung" sofort zur bloßen "Bedingung" degradiert, und es kann nicht mehr von Schuld (culpa) gesprochen werden. Wir haben demnach die "bewußte schöpferische Bedingung" von "schöpferischer Bedingung", und diese wieder von bloßer "Bedingung" getrennt, was sich der Jurist für eine einfache und klare Definition von  dolus, culpa  und  casus  [Fall - wp] zunutze machen mag.

Wie sehr aber jede einzelne Disziplin von einer klaren philosophischen Definition profitieren muß, zeigt gerade das Strafrecht, das bislang bei der so verschiedenartigen Bestrafung (z. B. bei Mordversuch) je nach  dem Erfolg  mit der Annahme, der Täter sei "Ursache" seiner Tat, der Definition unüberwindliche Schwierigkeiten bereitete. Denn das Wesen der "Ursache" schiene wohl gröblich verletzt und mißdeutet, wenn man etwas Gesetzmäßiges je nach Erfolg verschiedenartig behandeln zu können vorgab. Daß jedoch der "schöpferischen Bedingung" beim Schwankenden, Willkürlichen und so Verschiedenartigen aller "Bedingungen" auch eine wechselnde nur nach dem Erfolg urteilende Behandlung zuteil wird, ist ganz in Ordnung, und ergibt keinerlei unvereinbare Widersprüche. Und unsere Dreiteilung entspricht auch vollkommen allen Anforderungen eines "Vergehens aus Unterlassen", da ja die Bedingung stets negativ sein kann, zumal sie in der Aufzählung der tausende von Dingen, die zum Erfolg  nicht  eintreten durften, ja ohnehin der Phantasie und dem Spürsinn des Beobachters stets anheim gegeben ist und in ihrer Unerschöpflichkeit klar wird. Es hieße den Boden des philosophischen Denkens verlassen, wollten wir das alles juristisch auszubauen versuchen. Bestimmt aber wissen wir, daß die juristische Formulierung und Einsicht noch mächtig durch diese Erkenntnis gefördert werden wird.

Es bleibt noch einige Fälle anzuführen, in denen der kausale Zusammenhang erst einer späten und fortgeschrittenen Erkenntnisstufe der Menschheit gegeben wird.

Das sind vor allem jene, in denen sich das Kausale scheinbar nur im Ding selbst findet als eine konstante gesetzmäßige Eigenschaft. Wenn ich z. B. frage: "Warum fällt der Stein?" so lautet vorerst die Antwort nicht, "weil ich ihm seine Unterstützung raubte", sondern: "weil er schwer ist." Die perfekte Fassung, die sich nach dem jeweilig vorliegenden Einzelgeschehen erkundigt, kann höchstens, mit Wieso? nach der örtlich und zeitlich wechselnden Bedingung des gegebenen "Falles" fragen; als Angabe der  Bedingung  lautete dann die Antwort: "Weil ich ihn fallen ließ" oder "Weil er vom Pferdehuf an den Rand des Abhangs geschleudert worden war", oder "weil die unter ihm befindliche Erde ins Rutschen kam" usw., die unendlich möglichen "Fälle" für das Zustandekommen des kausalen Konnexes. Die Frage nach der Ursache aber,, die präsentisch = verallgemeinernd zu formulieren ist, kann nur mit dem Hinweis auf die diesem Stein und allen Körpern eigentümliche Eigenschaft des Schwerseins beantwortet werden. Mit dieser Antwort, die durch das sinnfällige Gefühl des die Hand beschwerenden Steines ganz eigentlich als die endgültige erschien, mußte sich die Menschheit bis NEWTON begnügen. Erst durch KEPLER und GALILEI war dem Forscher die Kugelgestalt der Erde (mithin ein klares Bild ihres ein Eins-Seins) aufgegangen und nun erst konnte die Fixationsbewegung von dem Eins "Stein" zum Eins "Erde" derart vollzogen werden, daß die Vorstellung einer *Anziehung der Massen bei so einer Diskrepanz der Größenverhältnisse überhaupt  gedacht werden konnte.  Und nun erst konnte (wie bei "Herbst" und "Schatten") hinter dem Schwersein die "Anziehungskraft der Erde" (Wechselwirkung zweier Massen) als wahre Ursache erkannt werden.

Auch die Antwort nach dem Warum? des Papier anziehenden, geriebenen Bernsteins ist durch den Hinweis auf die Tätigkeit des Reibens  nicht  gegeben. Denn erst wenn ich weiß, daß durch dieses Reiben (schöpferische Bedingung) eine latente "Eigenschaft", eine "potentielle" Energie des Bernsteins (bzw. mancher anderer Dinge) und zugleich des Papiers ins Leben gerufen wird, erst wenn ich die hier und in vielen anderen Dingen entdeckte "Eigenschaft" in ihrem Konstant-Gesetzmäßigen festgestellt habe, was stets mit dem Setzen eines Wortes für diese Eigenschaft abschließt, erst dann ist das kausale Bedürfnis, ein an einem fixierten Eins Neues und Ungeahntes durch Klarlegung seiner Konstanz und Gesetzmäßigkeit in Bezug auf ein anderes Eins aufzuweisen, restlos befriedigt. Das Wort "Elektrizität", welches seinen Ursprung vom ersten Ding, an dem diese Gesetzmäßigkeit konstatiert wurde, nicht verleugnen kann, enthält in Abbreviatur [Abkürzung - wp] die Antwort auf die Frage nach der Anziehung des Papiers. Die wissenschaftliche Ausdeutung  denkt sich  eine -Elektrizität im Papier zur +Elektrizität im Bernstein, also Elektrizität im Papier hinzu, um so für die Fixationsbewegung der in den beiden Einheiten simultan erzeugten Kräfte (Eigenschaften) ein Greifbar-Gesetzmäßiges gegenüberstellbarer Wechselwirkungen zu haben. Solche Verallgemeinerungen nennt man Hypothesen, und sie haben stets so lange wissenschaftlichen Bestand, wie sie nicht, durch Auffindung  neuer  Dinge, an denen eine ähnliche, aber doch nicht "ganz gleiche" "Eigenschaft" gefunden wurde, zu einer "Erweiterung" oder "Verengung" gezwungen werden. Stets aber hält die Wissenschaft die "herrschenden" Hypothesen für die Wahrheit. In der Tat aber kann unser kausales (Fixations-)Bedürfnis nicht besser befriedigt werden, als hierdurch. Denn nur ein Schelm gibt mehr als er hat ...

In das Tiefste des Wesens unsere Verknüpfungsbedürfnisses, dem die äußere Verknüpfung "entgegenkommt", führen jene Fälle hinein, bei denen unleugbar der kausale Denkprozeß herrscht, ohne sich jedoch in das grammatikalische Kleid von "Warum" und "Weil" zu hüllen und zu verhüllen. Wenn der primitive Mensch etwas hört, was wir mit "Singen" bezeichnen, und dann auf Grund der akustischen Fixation dieser Töne (die ja im Fall von Unaufmerksamkeit nicht stattfindet) sagen kann: "es singt", so wird das Unpersönliche des Urteils bald auf ein optisches Eins zurückgeführt werden können, wenn es sich herausgestellt hat, daß das Näherkommen und Entschwinden dieses "Singens" in einem untrennbaren Zusammenhang steht mit dem sich Entfernen und Näherkommen eines Vogels. Nun wurde das Eins der Töne in seinem Zusammenhang mit dem Eins des Vogels erfaßt, die akustische Fixationsbewegung wurd als an die das Ding fixierende optische Bewegung geknüpft, und das "Singen" des Vogels, da das akustische Eins vorüber sein kann, während das optische immer noch "da ist", als eine  Wirkung,  als ein  Tun,  als eine  Tätigkeit  des Vogels erkannt. In solchen Fällen also, wo an einem dinglichen Eins ein anderes vorübergehendes Eins fixiert wird, stellt sich das Verbale ein. Wo dies am fixierten Eins Fixierte dauernd aufgefaßt wird, da tritt es als Adjektivum eingefangen auf, und gehört zum "*Sinn" und "*Sein" des Dings. In allen Fällen aber, in denen etwas zuerst als konstante Eigenschaft, nicht aber als potentielles und daher also vorübergehendes "Tun", erfaßt wurde, da wird sich dieses Adjektivum  vor  dem Verbum einstellen. Sicherlich besitzt die deutsche Sprache das "grün" (Eigenschaft des Blattes) früher als das Verbum "grünen", welches erst dann geboren wird, wenn diese Eigenschaft  nicht  als dauerndes, sondern vorübergehendes Kriterium eines Dings erfaßt wurde (im Frühling grünt das Blatt, im Herbst ist es gelb, der Herbst gilbt die Blätter), also als eine Art von "Tätigkeit" bezw. "Zustand"; Zustand aber ist unmöglich  ohne  vorhergegangene "Veränderung"; denn, wie bereits erwähnt, kann "Zustand" nur empfunden und gedacht werden im  Gegensatz zu  und  nach  "Veränderungen"; ansonsten wird das Fixierte einfach als zum "Sein" des betreffenden Dings gehörig empfunden. Es wäre z. B. ein Widersinn, wenn man sagte: Dieser Stuhl befindet sich in einem vierbeinigen Zustand. Er  ist  vierbeinig, woran selbst das Wissen um die einmal mögliche Veränderung des Dreibeinig-Seins für unser Empfinden nichts ändert (5).

Daß aber bei der Verknüpfung von Subjekt und verbaler Aussage genau derselbe Denkprozeß vorliegt wie bei allem kausalen Verknüpfen, läßt sich durch eine sprachlich angenäherte Darstellung klarmachen. Warum singt es? Weil der Vogel da ist. Warum rauscht es? Weil der Wind weht. (6) Warum summt es? Weil eine Biene da ist. In allen Fällen, wo eine Fixierung der anderen zeitlich voraus geht, läßt sich der Denkprozeß in seiner deutlich kausalen Art so darstellen. Wo aber das kausale Bedürfnis nicht gleich Eins findet, auf das sich die Fixierung eines Geschehens zurückführen läßt, da bleibt die unpersönliche Ausdrucksform: *es regnet, es blitzt, es hagelt, es schneit, obgleich es späterer Erkenntnis möglich wäre, dies auf irgendein Substantivum zurückzuführen. Wie große aber dieses kausale Bedürfnis ist, wie sehr es, wo ihm das Außen nicht entgegenkommt, zeugend eingreift, das zeigen gerade diese Naturereignisse, zu deren Begründung die Einheit verlangende Phantasie bei allen Naturvölkern die Gottheiten schafft. (7) Und daß allüberall, wo der Menschengeist kein begründendes Eins in der Außenwelt für irgendein Geschehen erkannte, sich ein hirngeborenes, aber nicht minder wirklich geglaubtes Eins einstellt, das werden wir später noch bei den "fixen Ideen" zu besprechen haben.

Wir wollen nunmehr mit wenigen Worten das Wesen der Kausalität zusammenfassen, um zu einem dauernden Wissen zu erhärten, daß dieses Apriori sich als ein "uneigentliches", oberflächlich-sprachliches, ja geradezu bloß grammatikalisches Irrgebildet entpuppt, hinter dem sich ein anderes, wahres, letztes und einziges Apriori des menschlichen und alles organischen Geistes aufrichtet.

Ding sein heißt Wirken oder Bewirken; Bewirken aber heißt Ursache sein für ein Anderes, das sich hierdurch "verändert". Eben dieses Veränderungsbewirken aber ist Sinn und Sein des Dings. Und dieses als ein Denkergebnis, als ein durch die Fixation eines organischen Zentrums "Bewirktes" übt als Urphänomen, als Urbeispiel, als Ursache aller Kausalität, seine Rückwirkung auf den Erzeuger aus.

Es  wirkt auf mich,  wenn  ich  es fixierend erzeuge.

Ist somit das Lebewesen vor der Außenwelt als Anfang der Kausalität durchschaut, so zeigt sich alles Wirken der "Dinge untereinander" als klare Folge und natürliches Ergebnis dieser allerersten (Wechsel-)Wirkung. Wir wissen ja von den Dingen und ihren Eigenschaften  gar nicht ohne  Bezugnahme auf ihre Umgebung, und Sinn und Sein all der Einheiten meiner Umwelt wird erst mein Eigen, wenn ich sie durch Fixationsbewegungen meines denkenden Schauens allüberall mit anderen Dingen verknüpfe und so erfahre, was alles diese Dinge  sind,  also bewirken. Die bloße Einzel-Fixation als die erste "Bewirkung des Dings" gibt nur recht wenige "Eigenschaften des Dings". Das bloße Anschauen des "Wassers" z. B. kann mich höchstens von seiner Durchsichtigkeit und Formlosigkeit bzw. seiner Anpassung an jede umschließende Form überzeugen. Will ich erfahren, daß es "naß" "ist", so muß ich es  berühren,  d. h. die Einwirkung des Dings, auf ein zweites Ding (meinen Finger) ausführen. Umd die "Eigenschaften" des Goldes zu kennen, muß ich mit festeren Körpern (Eisen) darauf losschlagen oder umgekehrt. In beiden Versuchsfällen erfahre ich seine und des zweiten Dings Eigenschaften und Wechselwirkungen: des Goldes "Weichheit" und "Dehnbarkeit" im Gegensatz zu des Eisens Härte und spröder Starrheit. Kurz, die Dinge sind erst allseitig verstanden mit ihren Wirkungen auf andere Dinge, ihre Eigenschaften sind Wirkungen auf uns (Fixation) und Wirkungen auf andere Dinge (Fixationsbewegung und tätiger Fixationsversuch). Daß man aber für "Ursache-Sein", "Wirkung auf mich ausüben", oder bloß "auf mich wirken" sagen kann, zeigt die Einfachheit und Einheit der beiden Wechselbegriffe auf und zerstört das rein grammatikalisch entstandene *Wahngebilde.

Alles Organische aber, als selber ein Eins, ein Gestaltetes, ein Gegliedertes Ganzes ist eine konstante Ursache für mannigfache Geschehnisse. Und da wir sehen, daß "Ursache-Sein" aus der jedem Ding immanenten, potentiell stets in ihm vorhandenen möglichen Menge von Eigenschaften besteht, so ist der Organismus, dieses beste Beispiel aller potentiellen Energie, welche ja im Lebendigen deutlich und stetig zutage tritt, ein dauernder und unermüdlich ausstrahlender Herd von Wirkungen. Und nunmehr ist es auch verständlich geworden, daß eben "Sein" im letzten und tiefsten Sinn mit "Wirken" identisch ist. Wo ein "Sein"  des  Organischen und  durch  das Organische, da ist allemal ein "Wirken". Das alte Rätsel der Kausalität ist somit gelöst, weil aufgelöst und zurückgeführt auf das Rätsel des Seins. Das Sein aber ist so viel wie ein Eins-Sein, ein lebendiges, organisches Eins, oder aber ein Ergebnis der Einheiten zeugenden Kraft einer solchen organischen Einheit. Ein anderes "Sein" gibt es nicht, und der antinomische Gegensatz hierzu, alles vom Organischen Losgelöste, kann nun nicht mehr mit "Werden" bezeichnet bleiben; denn Werden heißt: Zum Sein streben, also Lebendiges oder vom Lebenden Erzeugtes. Wie denn dieses Ohne-mich-Sein niemals sprachlich festgehalten werden kann, da Sprache als die Geburt des Menschengeistes nur für Geisterzeugtes, also Seiendes, dienen kann. Die Gebärde des Schweigens wird wohl das einzige bleiben, was sich der Mensch selber an Erkenntnis über Unkennbares abzuringen jemals vermöchte.

Ihres grammatikalisch verhüllenden Kleides beraubt, steht nun die Kausalität vor uns, und siehe da, nichts anderes ist sie, in ihrer hüllenlosen Nacktheit als eine der Ausstrahlungen des Urgegebenen, des Lebens selbst, des Einheitsdranges.
LITERATUR - Artur Trebitsch , Die Kausalität im Lichte des "Denktriebes zur Einheit", Archiv für systematische Philosophie, Neue Folge der Philosophischen Monatshefte, Bd. 20, Berlin 1914
    Anmerkungen
    1) nach dem Verfahren von HORN, VOLKELT usw.
    2) Diesen Grundfehler finden wir in seiner Kausalitätslehre, sowohl die 4-fache Wurzel § 20f wie auch überall, wo er dieses Thema bespricht, von wo aus es in starker Weise alle nachfolgenden Denker beinflußte.
    3) "Abstrakt" kann in unserer Terminologie nicht gebraucht werden, da mit diesem Ausdruck eine ganz unwahre und unmögliche Vorstellung einer "reinen Begrifflichkeit" verbunden war.
    4) Weil sich eben später herausstellen wird, daß die Kausalität bereits dem durch das Apriori des Denktriebes zur Einheit gegebenen Festhalten an der Konstanz des dinglichen Eins vorhanden ist, mithin alle Kausalität auf diese Wurzel zurückgeführt und so beseitigt erscheint.
    5) Bei allen sekundärprimären Dingen (durch die formende Arbeit des Menschengeistes gewandelte Materie) wird das durch die Formung Erreichte als Sein, als zum Ding gehörige Eigenschaft, empfunden, nie als Zustand. Dies ist auch ganz vernünftig, da die Wandlung und der Verfall bewirken, daß das betreffende Ding nicht mehr das "ist", was es sein sollte. Nur in dem aber, wofür wir es  bestimmten,  liegt sein  Sinn  und  Sein. 
    6) Wind, wie früher "Schatten" oder "Herbst", ist eine jener sekundären Zusammenfassungen (Dinge), welche die "eigentlichen" Ursachen so lästig verschleiern und verstecken. Siehe hierzu *GRUPPE "Antäus"*, Seite 280f, Berlin 1831.
    7) Die meisten Völker haben den Gewittererscheinungen Gottheiten zugrundegelegt (Thor, Zeus). Interessant ist, daß im Sumerischen (die Sumerer sind die Begründer der babylonischen Kultur) ist das Ideogramm für "Blitz" zusammengesetzt aus den Zeichen "Messer" und "oben".