cr-2W. TatarkiewiczM. NemoW. Schuppevon HartmannV. Norström     
 
RUDOLF SEYDEL
Der sogenannte
naive Realismus


"Lotze  pflegt scherzhaft, um die realistische Auffassung des Sinnlichen auch in höheren Sinnesgebieten als absurd zu geißeln, von einem Zahnschmerz zu reden,  den niemand hat;  er wählt dieses Beispiel aus der Region der Gemeingefühle, sicher um zu zeigen, daß kein gesundes Hirn je den Gedanken brauen wird, die Schmerzempfindung sei ein für sich existierendes Ding, wie der Zahn selbst oder wie die Plombe, die ihn füllt."

"Für  Dinge,  wird man sagen, hält freilich niemand diese Empfindungen des Geruchs oder Geschmacks, auch kein Kind, aber wohl für  Eigenschaften die an den Dingen selbst objektiv haften,  und die ihnen eigen bleiben, auch in den Zeitpunkten, wo niemand sie riecht oder schmeckt."

"Die Worte  objektiv an den Dingen haften  machen, buchstäblich genommen, die Eigenschaft doch zu einem anhängenden  Ding;  bildlich genommen aber bedürfen sie einer Erklärung des Bildes. Worin soll diese Erklärung aber bestehen? Wie meint man, daß sich der naive Realismus das Anhaften denkt, wenn nicht als Anhaften eines Dings am Ding? Was denkt er sich unter einer objektiven Eigenschaft? Die einzig richtige Antwort ist: wenn nicht ein anhängendes Ding, so weiß er  gar nicht,  was er sich dabei denkt."

"Wir erleben alles Gefühlte, Getastete, Geruch, Geschmack und alles Klingen als kommenden, gehenden, wechselnden Zustand, wozu wir ein leidendes Subjekt, ein dahinter gleichsam im Hintergrund dauernd existierendes Wesen, erst noch besonders hinzudenken gar nicht umhinkönnen, welches sich jene Erlebnisse auf Zeit gefallen lassen muß, ja in welchem diese, wenn sie als  dauernde  wahrgenommen werden sollen, eigentlich in jedem Moment  neu  entstehen müssen. Daß das Erlebnis  selbst  ein solches  Wesen,  ein  Ding  ist, liegt hier auch dem unzurechnungsfähigsten Halbbewußtsein, auch den ungeschicktesten Kinderschritten der Reflexion, ganz fern."

Der Philosoph und der Physiologe, die sich bemühen, ihre Überzeugung von der Subjektivität der Sinneseindrücke populär zu machen, stoßen auf den starken Widerstand einer von Kind auf festgewurzelten Sicherheit, die zur Bildung des Begriffs des  naiven Realismus  Anlaß gegeben habt, als gleichsam des erkenntnistheoretischen Standpunkts derjenigen, welche einen solchen Widerstand leisten. Bei Kindern vermutet man natürlich diesen Standpunkt am reinsten und unbeirrtesten, demnächst bei solchen Erwachsenen, welchen man nicht zuzutrauen wagt, daß sie über dergleichen Dinge je anders urteilen gelernt haben als Kinder. Beschreibungen und Definitionen des naiven Realismus bewegen sich in der Regel in den allgemeinsten Ausdrücken, und es erscheint als ganz selbstverständlich, daß er in einer als zweifellos vorausgesetzten, deshalb nicht weiter begründeten Zusammenwerfung des Wahrnehmungsbildes mit dem außersubjektiv existiereden Ding, in der Nichtunterscheidung von Subjekt und Objekt, von Erscheinung und Ding-ansich, gefunden werden muß. Kein Erkenntnistheoretiker will und kann zu diesem Standpunkt zurückkehren; denn selbst die äußerste Vereinerleiung von Bild und Sache würde für ihn, da er  Theoretiker  dieses Standpunkts sein würde, nicht mehr naiv sein. Aber es gibt bekanntlich einen mehrfach vertretenen, in Theorie verwandelten transzendentalen Realismus, der mit vollem Bewußtsein und mit einer Widerlegung der Gegengründe dem Inhalt nach mehr oder minder zu der Ansicht zurückkehren und Andere zu ihr zurückbringen will, die jener kindliche Realismus angeblich mit Naivität vertritt.

Es ist mir aufgefallen, daß dabei das wirkliche Vorhandensein des in der angegebenen Weise aufgefaßten naiven Realismus als der Untersuchung und des Beweises unbedürftig vorausgesetzt wird; die Annahme, daß es ihn gibt, tritt als Dogma auf. Oft ist mir, dem entgegen, die Frage aufgestiegen: "Sprichst du von einem, der noch lebt?"

In einer ideellen schematischen Übersicht konstruieren und registrieren darf man natürlich jede Ansicht, die man sich irgendwie zu denken vermag, auch die unsinnigste, auch die nirgends vorkommt, nirgends vorkommen kann. Will ich nur alle kombinatorischen Möglichkeiten überschlagen, so werde ich sagen:  entweder  man hält die Wahrnehmungsinhalt für die außersubjektiven Existenzen ohne weiteres selbst,  oder  man verneint jede Beziehung derselben auf solche Existenzen,  oder  man nimmt irgendeinen vermittelnden Standpunkt ein. Niemand kann mir verwehren, den ersten dieser rubrizierten Lösungsversuche des Problems den des extremsten transzendentalen Realismus zu nennen, und nun wieder innerhalb desselben drei kombinatorische Möglichkeiten unterzubringen, nämlich  entweder,  daß man naiverweise den Inhalt dieser Ansicht für richtig nimmt, ohne zu wissen, daß man dies tut, geschweige wie man es etwa begründen könnte,  oder,  daß man jene Ansicht in bewußter Reflexion besitzt und vertritt,  oder  schließlich, daß man sich irgendwo im Übergang zwischen diesen beiden Stellungen befindet. Eine ganz andere Frage ist aber die, ob es in einem solchen Sinn einen naiven Realismus wirklich gibt oder gegeben hat, ober er wirklich der Standpunkt des vorreflektorischen und vorwissenschaftlichen Bewußtseins ist. Ich muß bekennen, dies ist mir ohne sehr wesentliche und weitgehende Einschränkungen im höchsten Maß zweifelhaft, und zwar sogar für die Tiere, nicht nur für menschliche Kinder und kindliche Menschen.

Die Untersuchung kann von zwei Seite her angegriffen werden: entweder von Seiten des mit "Naivität" bezeichneten Bewußtseinszustandes oder von Seiten der vermeintlichen Deckung von Bild und Sache. Auf alle Fälle muß die Untersuchung von einem Ende bis zum andern durchdringen. Wir wählen die hier zuerst genannte Reihenfolge der Betrachtung, wollen aber nicht in Frage stellen, ob es die "naiv" zu nennenden Bewußtseinszustände wirklich gibt - was ein ganz anderes Thema wäre -, sondern nur, ob und wieweit,  wenn  es sie gäbe, ein naiver Realismus aus ihnen erstehen müßte oder auch nur könnte.

Gehen wir von einer vollständigen Bewußtlosigkeit aus, als dem Grenzfall, so wäre bei einer solchen natürlich nur in einem sehr uneigentlichen Sinn davon zu sprechen, daß das Wesen, Tier oder Mensch, einen erkenntnistheoretischen Standpunkt einnimmt, eine gewisse Lösung des Erkenntnisproblems vertritt. Man könnte höchstens so weit gehen, anzunehmen, daß der Gedanken gehalt  des fraglichen Standpunkts als reiner  Inhalt,  ohne  gedacht  zu sein, dem Wesen als eine treibende Macht innewohnt, welche ihm ein bestimmtes Verhalten und Benehmen aufnötigt. Zeigte sich dieses Verhalten und Benehmen von solcher Art, daß es unverkennbar die Behandlung der Wahrnehmungsbilder als fremder Existenzen und außersubjektiver Objekte einschließt, so könnte man hier vom naivsten transzendentalen Realismus sprechen, der denkbar wäre; er würde im Wesen stecken, ohne zu irgendeiner "Ansicht" im Sinne einer bewußten Ausgestaltung geworden zu sein, als ein Teil seiner ihm angeschaffenen, angeerbten oder irgendwie sonst zugekommenen Beschaffenheit. Ich möchte wissen, welche Kundgebungenn oder Handlungsweisen der Tiere und Kinder man für eine solche Auffassung ins Feld zu führen hätte. Das Kind läuft nach dem Regenbogen, greift nach dem Mond im Wasser, tritt durch den Spiegel, um in das in ihm abgespiegelte Zimmer zu gelangen; Ähnliches tut ein unerfahrener Hund; beide gehen Gerüchen, Geräuschen, Wärmeempfindungen nach, um sich den Quellen derselben anzunähern, kratzen sich, wo sie ein juckendes Gefühl haben, - Affen etwa suchen dort sorgfältig nach Insekten. Wo liegt in allen solchen Tatsachen der Beleg für eine Verwechslung des subjektiven Bildes mit einem Ding der Außenwelt, für eine Behandlung des ersteren, als wäre es das letztere? Freilich, Regenbogen, Mond, gespiegeltes Zimmer existieren nicht in der Weise, wie Kind und Hund voraussetzen. Aber angenommen, wie wir hier annehmen, es wirkt ein völlig unbewußter Gedankeninhalt aus Kind und Tier heraus, wer sagt uns denn, oder  was  sagt uns denn, daß in diesem Inhalt das  Bild selbst  für das existierende Ding der Außenwelt gilt, auf welches hin die Hände und Füße des Wesens bewegt wurden, das Regenbogenbild für den an dessen Orte gesuchten Gegenstand, die glänzende Kreisfläche für den Mond, das Spiegelbild für ein Zimmer? Wenn es überhaupt möglich sein soll, daß ein anerschaffener oder angeerbter Gedankeninhalt unbewußt in einem Wesen wirksam ist, so ist aus dem Benehmen des Wesens nicht zu erschließen, daß dieser Gedankeninhalt keine Unterscheidung zwischen Bild und Sache in sich schließt; dieser Gedankeninhalt könnte gar wohl ein solcher sein, welchen eine bewußtes und redendes Denken in die Worte kleiden würde: das ist Etwas am Himmel, im Wasser, in einem Baum im Innern der Spiegelwand, was ich mir holen oder wohin ich gehen möchte -, ohne daß im geringsten der Gedanke dabei mitwirkt, dieses Etwas  bewirkt  nicht nur Glanz und Bild, sondern  ist  selbst Glanz und Bild. Ja, es könnte ganz wohl der richtige Gedankeninhalt unbewußt wirken, angeboren oder angeerbt sein, Glanz und Bild seien nur  Boten  jenes dunklen Etwas, das man sich wegen dieser seiner schönen und erfreulichen Art, sich kundzugeben, zu verschaffen oder näher zu betrachten suchen möchte. Warum nicht? In der Tat, es scheint sehr entschieden so zu sein bei Geruch, Geschmack, Klang, Wärme und Gefühl; ich kann mir schlechterdings nicht einreden, daß der Affe sein Stichgefühl für die Laus und die Laus für sein Stichgefühl hält - allerunbewußtest zunächst, aber bewußt noch viel weniger -, wenn er sie mit den Pfoten sucht und wen er die glücklich ergriffene frißt. Doch davon mehr.

Wir verlassen den fingierten unbewußtesten Zustand und suchen den Begriff der "Naivität" auf andere Weisen festzuhalten, die das Licht des Bewußtseins bereits in einem gewissen Grad in die dunkle Kammer des Innenlebens eintreten lassen.

Wenn Verhalten und Benehmen des Wesens in seiner unmittelbarsten Reaktion auf sinnliche Wahrnehmungen uns mindestens ohne Anhalt ließen, um auf eine Verwechslung dieser Wahrnehmungen mit äußeren Existenzen zu schließen, so kann demnächst in der mehr mittelbarenn Reaktionsweise ein solcher Anhalt gesucht werden, die sich in  Worten  darstellt. Das Analogon dazu in tierischen Verlautbarungen oder in Gebärden und Gesten kann nicht in Betracht kommen, da im Verhältnis zu jenen ersten Reaktionsformen darin nichts Neues auftritt. Worte aber, deren  Bedeutung  wir kennen, bringen etwas Neues insofern hinzu, als diese uns bekannte Bedeutung den zweifellosen Hinweis enthalten kann auf äußere Dinge, in Fällen, wo doch in Wahrheit nur ein Wahrnehmungsbild der das sprechende Wesen beschäftigende Gegenstand zu sein scheint. Das Kind und ebenso der auf der Kindesstufe diesbezüglich stehen gebliebene Erwachsene sagt, wie jeder andere freilich auch, im Besitz des Sehbildes eines Baumes: ich sehe einen Baum, dies ist ein Baum; während des gefühlten Umfassens eines rauhen Pfirsich, auch bei geschlossenen Augen oder im Finstern: ich fühle einen Pfirsich; in der Nähe der Kirche während des Gottesdienstes: ich höre die Orgel, ich höre die Leute singen. Diese Worte verstehen wir anderen, im reflektierenden Bewußtsein Geübten, allerdings als Hindeutungen auf ein außersubjektives Dasein, als Bekundungen eines Wissens von einem solchen Dasein. Knüpfen nun dieselben Worte dieses Wissen unverkennbar ohne weiteres an eine sinnliche Wahrnehmung, so liegt die Annahme nahe, daß der Sprechende glaubt, der Wahrnehmungsinhalt selbst ist das gemeinte Ding und das Wahrnehmen ohne weiteres der Weg oder die einige Quelle für die Erlangung jenes Wissens. Zu dieser Annahme wäre aber doch nur genügender Grund, wenn die in Frage kommenden sprachlichen Bezeichnungen aus der Seele des Sprechenden selbst, ohne eine Einwirkung von Wesen einer fortgeschrittenen Erkenntnisklasse, und zwar in der Absicht, buchstäblich den wahren Sachverhalt damit zu verlautbaren, hervorgebracht wären. Wenn ein Wolfskind, am besten ein solches im frühesten Kindesalter, wo wir es nicht die geringste spontane Entwicklung von reflexionsartig inneren Funktionen zutrauen mögen, an ein rauhes Gefühl in der Hand den Satz "dies ist ein Pfirsich" knüpft und zweifellos dabei unter diesem "dies" ein äußeres Objekt namens Pfirsich, und doch zugleich unter demselben "dies" sein rauhes Hautgefühl - ohne natürlich zu wissen, daß es ein Hautgefühl ist - verstände, dann freilich wäre sein naiver Realismus sicher. Aber niemals hat sich ein Wolfskind derartig sprachlich geäußert; und wenn es dies eimal täte, so hätten wir immer noch keine Ahnung davon, welche Voraussetzungen in seinem Innern dazu erforderlich waren und sich vor der Äußerung hatten, es sei denn, wir leihen ihm  unser  Verständnis der Worte. Gerade aber das Letztere soll ja ausgeschlossen sein; er soll ja den Unterschied zwischen sinnlicher Erscheinung und Sache nicht kennen, von dem wir anderen, die wir nicht in gleichem Maß Realisten sind, uns überzeugt halten. Was in aller Welt kann uns veranlassen, dies anzunehmen, wenn das Wolfskind wirklich die sprachlichen Sätze bildet, die den uns bekannten Sinn haben? Vielleicht wieder Handlungen, z. B. daß er gleichzeitig die Pfirsiche verzehrt, also mit ihr als mit einem fremden Objekt verfährt. Sprechen wir ihm dabei noch jede Spur eines bewußten Gedankenlaufes ab, so kehren wir zu unserer ersten, abgetanen Betrachtung zurück. Der naive Realismus würde dann darin bestehen sollen, daß die Handlungen des Wolfskindes mit dem Besitz eines unbewußten Gedankeninhaltes zusammenhängen, der die Sache im Bild selbst erkennt, und der nun auch außer den eigentlichen Handlungen Sprachlaute hervortreibt, welche denselben Irrtum anzeigen. Warum, fragen wir von Neuem, soll der durch den Weltlauf irgendwie in einem Tiermenschen entstandene unbewußte Gedankenlauf gerade ein falscher sein, zumal er ihn mit denselben Worten verlautbart - nach der hier eingestellten Fiktion -, die uns anderen zur Bezeichnung des  richtigen  Sachverhalts dienen? Wir unsererseits meinen doch nicht, wenn wir sagen, "dies ist ein Pfirsich", mit diesem "dies" unser Hautgefühl, auch nicht unser Sehbild. Der andere Fall wäre, daß doch schon ein gewisses bewußtes Gedankenleben im Wildling die Meinung erzeugt hätte, das sinnliche Bewußtseinsphänomen sei selbst ein äußeres Ding. Freilich, einem Wildling kann man jede Dummheit zutrauen. Immerhin seltsam, daß seine Sprache sich dabei zu einer solchen syntaktischen Feinheit entwickeln konnte und zu solchen Worten mit abstraktester und allgemeinster Bedeutung, wie "dies" und "ist", so daß wir ihm den Begriff von Außendingen überhaupt zutrauen dürften, wenn er sich auch ohne weiteres im Inhalt seiner Sinnesempfindung finden würde. Doch lassen wir die Fiktionen. Was auf dieser Wildlingsstufe erfahrungsmäßig vorkommt, ist nur Tiersprache und Kindergeschrei, worin alle Kennzeichen der Verlautbarung des Wissens von einer Außenwelt fehlen, also auch die der Verwechslung derselben mit Empfindungsinhalten.

Halten wir uns an Kinder, die bereits unsere Erwachsenensprache reden, so dürfen wir nicht vergessen, daß wir sie ihnen erst beigebracht haben, und zwar, ohne sie darüber zu belehren, was die Worte  eigentlich  und was sie nur  scheinbar  sagen, ohne sie auf die Abkürzungen aufmerksam zu machen, deren die Sprache aus rein praktischen Gründen voll ist. "Das ist die Mamma", sagen wir, wenn dem Kind die Mutter in Sicht kommt oder auch das Bild der Mutter im Spiegel erscheint. "Du hast einen Pfirsich in der Hand", sagen wir dem blinden oder im Finstern befindlichen Kind, wenn es durch die uns bekannte Frucht das rauhe Gefühl erlebt. Es ist kein Wunder, wenn daraus Mißverständnisse entstehen. Als erstes jenes, daß dem Empfindungserlebnis  selbst  ein gewisser sprachlicher Name entspricht. Sodan könnte irgendwie ein Gedankenprozeß im Innern des Kindes durchbrechen, oder auch früher könnte man einen solchen schon als vorhanden setzen, wenn auch als unbewußt, der das Dasein äußerer Existenzen mit Überzeugung bejaht und die Hindeutung auf diese aus den Worten "dies ist" und dgl. herausverstände. Da wäre nun etwa das Mißverständnis unvermeidlich, das Sehbild im Spiegel das eine Mal, das Sehbild außerhalb des Spiegels ein anderes Mal, seien  selbst  äußere Existenzen; denn man sagt dem Kind ja: dies  ist  das und das. Derselbe Prozeß, in den Anfang geschichtlicher Menschenentwicklung verlegt, hätte ebenso, wahrscheinlich erst in Erwachsenen, zur Annahme äußerer Dinge, dann zu einer sprachlichen Bezeichnung eines solchen Daseins und gleichzeitig ebenfalls zu einem Mißverständnis geführt, die Empfindungsinhalte seien diese Existenzen selbst. Auch heute noch soll es Erwachsene geben, die hierüber nicht hinweggekommen sind, dann natürlich deren Kinder erst recht nicht. Und doch fanden wir schon bei den Tieren unwahrscheinlich, daß sie etwa Hautgefühle zu fressen glauben, wenn sie überhaupt Etwas glauben, und so finden wir noch unwahrscheinlicher, daß blinde Kinder, soweit sie überhaupt irgendetwas glauben, ihre Rauhgefühle als Pfirsich zu essen wähnen, ebenso, daß sehende Kinder unbewußt oder bewußt in der Meinung stehen, das Pfirsichbild mitsamt dem Rauhgefühl und dem Wohlgeschmack werde von ihnen gekaut. So sind wir auch hier an den Punkt gelangt, wo wir zu sagen haben: davon weiter unten.

Die sprachlichen Äußerungen führen uns dadurch auf eine über die völlige Unbewußtheit erhobene Stufe, daß Urteile darin niedergelegt sind, dies sich vom praktischen Lebensprozeß und seinen Zwecken soweit loslösen, um zu ihrer Verkörperung ein besonderes Mittel, eben das der Sprache, ergreifen zu können. Dagegen stehen die äußerlichen Reaktionsweisen, des Handelns, des Schreiens, des Schmerz- und Lustgefühls, unmittelbar mitten drin im praktischen Lebensprozeß selbst, gehören ihm direkt an. Das Kind bringt durch die Worte "hier kommt Mamma" ein  Urteil,  rein als solches, zu einer diesem eigentümlichen Verwirklichung. Mag sich dieser Hergang etwa auch im Traum unbewußt vollziehen; da das Kind im Wachen von diesem Hergang weiß und sich seiner erinnert, ihn wiedererzählt, unter Umständen korrigiert, wenn es sich geirrt hatte; da es die gebrauchten Worte  versteht,  sich also keineswegs nur der Wortlaute als bloßer Schallerscheinungen bemächtigt: so dürfen wir hier nicht an einer gewissen Bewußtheit zweifeln. Gelegenheit zu einer irrigen Auffassung der Objekte, wie sie einem Anfängerbewußtsein entspricht, ist also sicher hier vorhanden; es fragt sich nur, wie weit diese reicht und ob sie dem Begriff des naiven Bewußtseins entspricht. Lassen wir jetzt das Bewußtsein noch heller werden, so würde als nächstes Stadium dies hervorzuheben sein, wenn das Kind die  Frage  verstehen und sich selbst vorlegen gelernt hat, ob denn das Bild in Wahrheit die Sache selbst ist oder nicht. Nach der Annahme, die wir hier prüfen, müßte das Kind und der kindliche Erwachsene unterschiedslos in allen Fällen zunächst diese Frage  bejahen.  Das wäre der erst deutlich hervortretende, konstatierbare naive Realismus, - trotz aller Bewußtheit noch immer  naiv,  sofern er sich nicht seiner Gründe, sondern nur seiner instinktiven Antwort als einer instinktiven bewußt ist. Schließlich wäre die Sphäre des vollen Bewußtseinslichtes erstiegen, wenn sich die naiv realistische Beantwortung jeer Frage mit  Gründe  verteidigt, zuerst tastend, improvisatorisch, zuletzt bei vollster Ausbildung mit einer Kenntnis aller Gegengründe, aller Widerlegungsversuche, welche diesen gewidmet worden sind und werden können, mit bewußt durchdrungenem Besitz des ganzen philosophischen, physiologischen und physikalischen Apparates. Natürlich verliert sich in dieser Sphäre, gemäß der Annäherung an dieses letzte Ende, immer mehr jede Spur von Naivität, der Realismus wird zur wissenschaftlich durchgearbeiteten Hypothese.

Von diesen letztgedachten zwei Stadien gehört also nur das erste und eine gewisse Anfangsstufe des zweiten hierher. In den Bewußtseinszuständen, welche diesen Entwicklungsphasen eigen sind, liegt nichts, was von vornherein die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit des Vorkommens realistischer Erkenntnisansichten der fraglichen Art ausschließen würde. Im Gegenteil, hier, wenn irgendwo, wäre der Ort dazu; denn das unter dem Bann sinnlicher Naturgewalten die ersten ungeschickten Flügelschläge und Sprünge wagende reflektierende Bewußtsein ist der fruchtbare Boden der wunderlichsten Irrtümer, vor allem derjenigen, die von der Übermacht des Sinnlichen herrühren.

Bis hierher haben wir die Bewußtseinszustände aufgesucht, von welchen die Rede sein könnte, wenn es sich um einen "naiven" Realismus handelt, und haben uns gefragt, wieweit im Wesen dieser Bewußtseinszustände etwas liegt, das dem Vorkommen eines naiven Realismus Vorschub leistet oder nicht, ihn unmöglich, möglich oder etwa wahrscheinlich machen könnte. Jetzt ist übrig, den Inhalt der sinnlich-realistischen Erkenntnisansicht direkt ins Auge zu fassen, um von seiner Seite her sein Vorkommen in jenen Bewußtseinszuständen auf Wirklichkeit, Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit zu prüfen.

Hierbei scheint mir meist der ganz gewaltige Unterschied vernachlässigt zu werden, den die verschiedenen Sinnesgebiete in dieser Richtung begründen. Gehen wir im Gesamtbereich der sinnlichen Erscheinung von unten nach oben, im Sinne einer Skala wachsender Objektivität, so ist an der untersten Greze jeder naive, wie nicht-naive transzendentale Realismus doch wohl unfraglich ein Ding der Unmöglichkeit. An dieser Greze stehen die sogenannten Gemeingefühle, Organ- und Innervations[Nervenreiz - wp]empfindungen. LOTZE pflegt scherzhaft, um die realistische Auffassung des Sinnlichen auch in höheren Sinnesgebieten als absurd zu geisseln, von einem Zahnschmerz zu reden, den niemand hat; er wählt dieses Beispiel aus der Region der Gemeingefühle, sicher um zu zeigen, daß kein gesundes Hirn je den Gedanken brauen wird, die Schmerzempfindung sei ein für sich existierendes Ding, wie der Zahn selbst oder wie die Plombe, die ihn füllt. Bewußt denkt sicher niemand so, aber "naiv" sollte diese Auffassung vorkommen? Gehen wir die Reihe der betrachteten Bewußtseinsstufen abwärts, so würde zuerst jene naive Bewußtheit in Betracht kommen, die nicht ihrer Gründe, nur ihres behaupteten Standpunkts bewußt ist, oder etwa schon einigermaßen, durch Einreden verblüfft, nach Gründe umhertastet. Enstanden wäre hier die Ansicht  ohne  Gründe; aber woher dann? Doch wohl durch Ursachen, die irgendwie in der Sache liegen. Nun ist aber die Sache, z. B. der Schmerz, hier so sehr nur als  Zustand,  als mehr oder weniger allgemeiner  Lebenszustand des Subjekts  empfunden, daß sogar häufig die Lokalisierung schwer ist, fehl schlägt, oder kaum versucht wird, fast immer sehr im Ungenauen und Verschwommenen stecken bleibt. Es fehlt jeder Angriffspunkt, um eine Empfindung dieses Gebiets in einen Gegenstand der Außenwelt oder auch in einen eigenen Körperteil - der ja ebenfalls für das Ichbewußtsein Außenwelt ist - in Gedanken umzuwandeln und an seine selbständige Existez in der Welt zu glauben. Daher kommt es dann auch, daß die Verführung durch die von Erwachsenen erlernte Sprache hier ganz ausfällt, Die weiter abwärts liegende Bewußtseinsstufe des naiven Sprachmißverständnisses bringt uns also hier ebenfalls keinen naiven Realismus. Jedes Kind versteht den Scherz und lacht, wenn man ihm sagt: sieh, dort läuft dein Zahnschmerz, wir haben ihn fortgejagt! Vielleicht gelingt es, durch eine Häufung solcher Scherze und verwandeter Märchen, mit ernster Miene erzählt, Irrungen des Bewußtseins, eigentlich mehr Verwicklungen im Reden, künstlich zu züchten; aber auf wie kurze Zeit! Und naiv sind solche Treibhausfrüchte des Geistes wahrlich nicht. Das entgegenstehende alltägliche und allstündliche Gespräch der bräuchlichen Art, in allen Umgebungen, bei allen Bekanntschaften des Kindes, mit Ausnahme des Märchenerzählers und auch dessen nicht immer, bewirkt vielmehr eine naive Sicherheit nach der entgegengesetzten Richtung. Das Kind hört und sagt unabläßlich: ich  habe  Zahnschmerz, der Zahn  tut mir  weh, schmerzt mich,  ich  habe starke Schmerzen im Zahn; oder bei den allgemeineren, verschwommener oder gar nicht lokalisierten Empfindungen: ich habe Leibweh, Kopfschmerz, schließlich: ich befinde mich heute gar nicht wohl. Sollen wir noch tiefer hinabgehen auf der Bewußtseinsleiter und noch vom sprachlose, eben erst sprachbildenden Bewußtsein und vom gänzlichen Unbewußtsein, vom schreienden Säugling und heulenden Tier reden, um sie gegen die Annahme zu verteidigen, daß sie ihr dunkel empfundenes Unbehagen im Stillen für einen vor ihnen liegenden oder ihnen anhängenden Gegenstand halten? Ich meine, es ist genug.

Aber die Gemeingefühle grenzen in den hier in Betracht kommenden Eigenschaften hart an die Hautgefühle, die des Tast- und Wärmesinns. Temperaturgefühle, die des Tast- und Wärmesinns. Temperaturgefühle sind im Grunde nur eine Spezies von Organgefühlen, die sich dadurch auszeichnet, daß ihre Qualitäten oder Grade sich schärfer voneinader im Bewußtsein getrennt halten lassen, obwohl sie ansich, in ihrer Gesamtheit gedacht, ebensogut eine stetige Reihe bilden, wie andere Empfindungen, und daß es dafür Meßmethoden gibt. Die Tastempfindungen sind mannigfaltiger unterschieden durch die weite Möglichkeit der Gruppierung, Anordnung, Kombination des Verschiedenen, die sich hier auftut. Aber das Tastquale ist sehr ähnlich, wie das Temperaturquale, eine noch höchst undeutliche, kaum irgendwie zu bezeichnende Lebensempfindung. Deshalb gehen beide, wie die Gemeingefühle, durch eine Steigerung einfach in  Schmerz,  in gewissen Graden und Anordnungen in  Lust  über, wobei der Tast- oder Temperaturcharakter der Empfindung oft ganz vergessen wird, daher die sprachliche Bezeichnung gemeingefühlartig ausfällt: mir ist wohl, mollig, das ist angenehm, garstig, tut weh und dgl. Wir haben daher hier lediglich zu wiederholen, was bei den Gemeingefühlen gesagt wurde. Ein naiver Realismus stellt sich weder von selbst ein, noch kann er durch herkömmliche sprachliche Abkürzungen und Wendungen irgendwie herbeigelockt werden. Nie sagen die Eltern dem gestochenen Kind: dies ist eine Stecknadel; niemals versteht oder braucht der geschlagene Knabe die Redewendungen "dies ist der Stock" oder "ich fühle den Stock" anders als mit dem stillen Bewußtsein, daß das Gefühl nur die  Wirkung  des Stockes ist, die er, der Knabe, als Zustand, als augenblickliche Eigenschaft seiner eigenen Existenz an sich trägt, keineswegs  selbst  der Stock oder überhaupt ein für sich außerhalb des empfindenden Subjekts vorhandenes Wesen, oder auch nur eine Eigenschaft eines solchen Wesens.

Es hat mir immer zu den seltsamsten Tatsachen der Geschichte menschlicher Wissenschaft gehört, daß die sensualistisch gesinnten Denker, welche durch ihren erkenntnistheoretischen Standpunkt dahin gedrängt wurden, den Realismus der Sinne mehr oder weniger preiszugeben, damit gewöhnlich vor dem Tastsinn Halt machen. LOCKE und CONDILLAC, auch schon der alte DEMOKRIT, der freilich nicht  Sensualist  sein will, aber es auf dieser Seite seier gänzlich in sich zerfallenden Lehre in der Tat ist, befinden sich in dieser mehr als sonderbaren Situation. Dies ist der geheime Grund, aus welchem die alten Atomisten bei Verwerfung aller sonstigen objektiven Sinneswahrheit die Raumerfüllungseigenschaften der Atome, Größe und Gestalt, demgemäß auch die noch unverstandene Schwere, Lage und Anordnung, als objektive Eigenschaften gelten ließen, welchen charakteristisch genug der Bericht des THEOPHRAST noch Härte und Weichheit hinzufügt. LOCKE hat bekanntlich die vielgepriesene Objektivität des Tastsinns scharfsinnig durch den verbesserten Körperbegriff begründet, dessen Kernmerkmal er nicht mehr, wie CARTESIUS, in der Ausdehnung, sondern in der  Resistenz  fand. Den Widerstand, der dem fremden Körper den Eintritt in den behaupteten Ort des andern verwehrt, nimmt der Tastsinn unter allen Sinnen allein wahr, er allein erkennt also das objektive Körperdasein. Vollkommen richtig, nur ganz falsch! Gewiß, Gerüche, Geschmäcke, Töne, Sehbilder bringen uns niemals auf den Gedanken eines im Raum geleisteten Widerstandes; dies tun nur Tastgefühle, z. B. das Stoßgefühl in der Stirn, wenn wir durch eine Wand hindurchwollen. Aber ist denn dieses Gefühl in der Stirn  selbst  die Wand? Ist dieses Gefühl  selbst  das resistierende Ding? Ist es aber dieses  nicht,  so kann uns aus ihm auch keine Kenntnis vom Widerstand und vom Vorhandensein eines widerstehenden Körpers erwachsen. Vielmehr ist das mit der Benutzung der Tastorgane verbundene Bewußtsein unseres Bewegungswillens die Bedingung, ohne welche uns die Tastempfindung absolut nichts liefert als sich selbst, d. h. ein rein subjektives Erlebnis, höchst ähnlich den Gemeingefühlen. Verbunden aber mit dem Bewußtsein unseres Bewegungswillens, und zwar als eines gehemmten, werden gewisse Tastempfindungen zum gewohnten Zeichen hemmenden Vorhandenseins äußerer Dinge, ohne daß wir doch auch dann aus dem Empfindungs quale  eine objektive Eigenschaft des Dings schöpften. Die Nadel ist spitz, aber es hängt kein Stichgefühl an ihrem Ende, das sich etwa von ihr ablösend in den Finger begibt, wenn sie sticht. Das Stichgefühl ist  mein  Gefühl: so, behaupte ich dreist, denkt jedes Kind, sobald es überhaupt denkt, und so denkt das Unbewußte im Kind und auch im Tier, wenn es überhaupt so etwas wie unbewußtes Denken gibt. Auch alles Sprechen der Menschen geht in diesem Sin. Aus den tätigen Reaktionen aber, Abwehr, Wegwerfen des verletzenden, Aufsuchen des wohltuenden Gegenstandes und dgl., kann nichts dagegen geschlossen werden, viel eher ist es so, daß das Wesen vom subjektiven Gefühl auf eine objektive Ursache schließt und übergeht, die keineswegs mit dem Gefühl einen dinglichen Zusammenhang hat: dasselbe Kind, das nach dem Stich die Nadel wegwirft, reibt sich des Gefühles wegen die Haut; entsprechend verfahren Tiere.

Eine eigentümliche Stellung in unserer Skala kommt dem Temperaturgefühl für die Objektivierung insofern zu, als die Sprache hier durch die Benutzung gleicher Worte für Ursache und Wirkung allerdings verführerischer werden kann, als da, wo sie das Gleichte tut in einem der anderen bis jetzt geprüften Sinnesgebiete. Sagt man "ein stumpfer Schmerz" oder "ein breiter Druck", so fällt schon dem frühesten erwachenden Bewußtsein nicht ein, die damit bezeichneten Gefühlsqualitäten als solche selbst den mit den sprachlich gleichen Prädikaten belegten Dingen, etwa einem stumpfen Messer oder einer breiten Klinge, einwohnen zu lassen. Nicht ganz so verhält es sich mit den Prädikaten  warm  und  kalt.  Den glühenden Ofen betrachten wir leicht - auch noch bei aufgeklärtestem Bewußtsein - als eine Hitzeansammlung, deren Berührung etwa ebenso die Hitze auf uns überträgt, wie die Berührung seiner berußten Platte die schwarze Farbe; den Eisklumpen sehen wir mit gelindem Schauer vor uns liegen, indem unsere Phantasie ihn uns wie durch und durch von Kälte durchzogen vordichtet. Dem Kind wäre auf einer gewissen Stufe seines Erkenntnislebens leicht weiß zu machen, daß der Eisklumpen selbst friert und der Ofen heiße Glut empfindet. Doch währt dieser Glaube nicht länger, als der kindliche Allbelebungsglaube währt: Beides steht und fällt miteinander, - ein deutlicher Beweis, daß schon der kindliche Instinkt die subjektive Temperaturempfindung nicht von lebendiger Subjektivität zu trennen weiß, d. h. nicht ein Ding, sondern einen  Zustand  in ihr erblickt. Es meint, der Ofen  fühlt,  es meint niemals, das Gefühl sei selbst ein Ding oder eine ungefühlte dingliche Eigenschaft. Bald von der Irrtümlichkeit jener Allbelebung und Allbeseelung überzeugt, da es den Mangel jeder Reaktion der toten Dinge gegen ihre angedichteten Gefühl wahrnimmt, bricht es schon frühzeitig dem scherzenden Weißmacher gegenüber lustig in die sichere, kecke Abweisung aus: "der Ofen fühlt doch nichts, das Eis ist doch kein Mensch!"

Auf keinen Fall, selbst für kürzeste Zeit des Wahns, sind dem naiven Bewußtsein oder dem Unbewußtsein irgendwo die Hauptgefühle  selbst  Dinge einer dem Fühlenden gegenüberstehenden Außenwelt, und auch ihre phantastische Projektion in die Dinge hinein macht sie nicht sowohl zu unempfundenen dinglichen Eigenschaften der Außendinge, als zu Empfindungszuständen im Innern der Dinge selbst, in der Weise eine unwillkürlichen Allbeseelung.

Sollte es nun anders werden, wenn wir uns in die zweite Hauptregion des Sinnenlebens erheben, in die der reichsten und feinsten Qualifizierung bei geringster Systematisierung und Kombinierbarkeit, in die Region von Geruch und Geschmack? Hier bleibt ein gewisses Hindernis für die naive Objektivierung, das ebenso beim Tastgefühl, beim Temperaturgefühl nur wenig geringer wirksam ist, nicht nur bestehen, sondern steigert sich sogar nicht wenig: ich meine die Nötigung, den Gegenstand, der als Bringer der Empfindung gilt, den Organen des eigenen Leibes in der Weise anzunähern, bzw. einzuverleiben, daß die Empfindung zustande kommen kann. Bei den Gemeingefühlen allerdings ist dieses Hindernis am stärksten, so stark, daß von einer Annäherung eines Gegenstandes an den eigenen Körper überhaupt nicht mehr die Rede ist, sondern nur vom eigenen Körper selbst, darum ist der Ausschluß jeder Objektivierung auch aus diesem Grund hier am entschiedensten. Bei Geruch und Geschmack ist nun die Sachlage jeweils eine eigentümliche und nicht gleichwertig bei beiden. Der Geschmack setzt Annäherung bis zur Einverleibung voraus, so sehr, daß nur der zerstörte, zermalmte, aufgelöste Gegenstand geschmeckt werden kann; dies kann auch dem Naivsten nicht entgehen; die Objektivierung könnte sich also hier nur auf die einverleibten Teile und ihre kleinen, abgetrennten Stücke beziehen; höchstens daß auch hier eine dichtende Phantasie das Ganze wiederherstellt und den Geschmack hineinprojiziert. Doch fühlt man den Erfolg einer solchen Geschmackspoesie allzusehr im Mund, auf der Zunge - "das Wasser läuft im Mund zusammen" -, um zu einer naiven Objektivierung zu neigen oder die Allbeseelung in dieser Richtung ernsthaft durchzuführen. Beim Geruch findet anscheinden - für die naive Kenntnis - eine Annäherung nicht im gleichen Grad und mit gleicher Notwendigkeit statt; es zeigt sich aber doch, daß die Duftempfindung schon bei geringer Entfernung abnimmt, mit der Annäherung an Deutlichkeit und Stärke zunimmt, mit der Entfernung bald ganz verschwindet; ein kluges Kind entdeckt rasch im Einatmen mit der Nase bei Vorhalten des Gegenstandes das beste Mittel der Verstärkung. Die Erscheinung des Zuströmens riechenden Dampfes tritt hinzu, um auch das naivste Bewußtsein darauf hinzudrängen, die Objektivierung auch hier zumindest auf abgelöste, in die Nase dringende Teilchen zu beschränken. Doch ist aber nun wirklich die Objektivierung, auch in dieser Beschränkung, Tatsache? Hält ein Tier oder Kind, geschweige ein kindlich denkender Erwachsener, unbewußt oder halbbewußt, wirklich die Duft- oder Geschmacksempfindungen  selbst  für die riechenden oder schmeckenden  Stoffe?  Im unbewußten Wesen gibt es hierfür nicht den geringsten Entstehungsgrund; jeder fühlt viel zu sehr in Geschmack und Geruch sein eigenes Leiden oder seine eigene Lust, um auf die seltsame Deutung zu kommen, die man naiven Realismus nennt; die Sprachverführung fehlt hier gänzlich, so weit ich sehe. Man sagt, der Gegenstand riecht, schmeckt, womit man andeutet, daß ein Gegenstand irgendetwas  tut,  das Subjekt irgendetwas  erleidet,  aber keineswegs nahe legt, daß Geruch und Geschmack selbst Gegenstände sind. Auch das Reden von "ausgehauchten Düften" wird schwerlich unbewußte oder bewußte Irrungen von irgendeiner nennenswerten Dauer hervorrufen. Am wenigsten wird die aufdämmernde eigene Reflexion Gerüche und Geschmäcke wie Dinge auffassen; es gibt schlechterdings nichts, was sie dazu verleiten könnte.

Es wird jetzt unaufschiebbar, die ermäßigte, verständigere Definition des angeblichen naiven Realismus näher zu besprechen, die sich bei Geruch und Geschmack am stärksten aufdrängt: für  Dinge,  wird man sagen, hält freilich niemand diese Empfindungen, auch kein Kind, aber wohl für  Eigenschaften, die an den Dingen selbst objektiv haften,  und die ihnen eigen bleiben, auch in den Zeitpunkten, wo niemand sie riecht oder schmeckt. Ebenso könnte man wohl noch versuchen, die Objektivität von Wärme und Kälte, vielleicht gar auch von Glätte und Rauhheit, wie sie empfunden werden, für den Naiven zu retten. Auch Schmerz und Lust, Hunger und Durst, Kraft- und Schwächegefühl? Diese Gemeingefühle sicher nur so, daß man meint, das Ding  fühlt  solche Gefühle, d. h. daß man das Ding selbst zu einem wahrnehmenden Subjekt macht. Damit hat man jedenfalls nicht Unrecht, soweit es sich um Menschen und Tiere handelt, vielleicht auch bei Pflanzen. Ob man aber hier und bei Pflanzen, Tierteilen, Steinen, Luft und Wasser, damit Recht hat, ist offenbar eine ganz andere Frage, als die, ob gewisse Empfindungseigenschaften Eigenschaften der Dinge  selbst  sind. Hierauf ist vor Kurzem schon hingewiesen worden, als wir die  Allbeseelung  von der Objektivierung unterschieden haben. Ein naiver Realismus, der Geruch und Geschmack für objektive Eigenschaften der Dinge erklärt, meint nicht, daß die Dinge selbst Geruch oder Geschmack  empfinden  - sie haben ja keine Nasen, würde das naive Kind sagen -, sondern, daß der Duft oder Geschmack, den  wir  empfinden,  ungerochen  und  ungeschmeckt  irgendwie an den Dingen als Eigenschaft existiert; so Wärme und Kälte, vielleicht auch Glätte und Rauheit  ungefühlt.  Auch damit aber ist ja insofern noch niemand Realist; in  irgendeinem  Sinn  Eigenschaft  des Dings ist und bleibt es, uns solche Empfindungen zu liefern; es fragt sich nur, in welchem Sinn. Man müßte diesen Sinn näher bestimmen, wollte man unseren naiven Realismus von der richtigeren Ansicht unterscheiden. Die Worte "objektiv an den Dingen haften" oder ähnliche spielen dabei keine Rolle. Buchstäblich genommen, machen sie die Eigenschaft doch zu einem anhängenden  Ding,  fallen also unter unsere obige Kritik; bildlich genommen aber bedürfen sie einer Erklärung des Bildes. Worin soll diese Erklärung bestehen? Wie meint man, daß sich der naive Realismus das Anhaften denkt, wenn nicht als Anhaften eines Dings am Ding? Was denkt er sich unter einer objektiven Eigenschaft? Die einzig richtige Antwort ist: wenn nicht ein anhängendes Ding, so weiß er  gar nicht,  was er sich dabei denkt.

Nun haben wir in den bisher betrachteten Sinnesgebieten die erste Alternative zurückgewiesen, es bleibt also nur die zweite übrig, d. h. der naive Realismus verlegt die Eigenschaft, die ihm der Sinneseindruck darbietet, ins Objekt, ohne irgendwelche Ausnahmen über die Art des objektiven Daseins dieser Eigenschaft; er nimmt nicht an, daß das Eise selbst friert, der Ofen selbst Hitze fühlt, die Rosendüfte von ihnen selbst oder der Rose gerochen, der Wohlgeschmack vom Wein selbst geschmeckt wird; er nimmt auch nicht an, nach der hier zugrunde gelegten Voraussetzung, daß am ding noch andere Dinge hängen, welche Temperatur oder Duft usw. heißen; er nimmt nur an, daß das Ding  irgendeine Eigenschaft  hat, die wir in jenen Empfindungen erkennen. Hiermit hat er ganz einfach Recht und stimmt mit vielen anderen, ja fast allen erkenntnistheoretischen Standpunkten überein; es geht also sein Charakterzeichen verloren. Nein, sagt man, vielmehr meint er, jene objektiven Eigenschaften sind  dasselbe,  was wir empfinden. Also doch: der Wein schmeckt sich selbst? der glatte Stein fühlt selbst das wohlige Gleiten, wie in unserer Hand? Aber das ist ja gar nicht naiver Realismus, sondern Allbeseelung, etwas ganz anderes, wie wir sahen. Der naive Realismus meint überhaupt nichts, - dann gibt es ihn überhaupt nicht; oder er meint, wie bereits angeführt, die objektive Eigenschaft ist irgendetwas am Ding, das er offen läßt, - dann fehlt sein Unterschied von anderen Standpunkten; oder er hat in der Tat den dunklen Gedanken, das Ding sei nur  Ursache  von Glättegefühl, Wärmegefühl, Geruch und Geschmack, diese Qualitäten seien  gar nicht  am Ding selbst, - dies ist meine eigene Meinung von ihm, aber dies ist nun ganz und gar kein naiver Realismus mehr. So wollen wir endlich zur höchsten Sinnesstufe emporsteigen, zu Gehör und Gesicht; vielleicht, daß hier erst der naive Realismus in Existenz tritt.

Die höchsten Sinne sind die höchsten, weil sie die schärfste Qualifizierung mit der vielfältigsten Anordnungsfähigkeit und mit vollkommener Systematik, d. h. Übersehbarkeit ihres Reichs nach einem bestimmten Einteilungsschema, vereinigen, und weil sie sich von lebentragenden Funktionen am weitesten entfernen, sich deshalb von Gefühlsbetonungen unter dem Gegensatz von Lust und Schmerz am reinsten ablösen lassen. So entfernen sie sich dann am weitesten von der Subjektivität, werden am leichtesten zu fest hingestellten Objekten des ruhig und kühl betrachtenden Bewußtseins. Das ist ja schon in gewissem Sinne  Objektivierung.  Hier, wenn überhaupt irgendwo, muß der Sitz des naiv objektivierenden Realismus sein.

Wir versenken uns zuerst ins Reich der  Töne.  Die Objektivierung kündigt sich hier sogleich dadurch an, daß wir unwillkürlich und fast ausnahmslos die Tonerscheinung in die jenseits unseres Leibes liegende Außenwelt projizieren, d. h. in unserem unbewußt entstehenden und unbewußt sich begründenden, meist auch unreflektiert bleibenden Urteil eine Erscheinung aus ihr machen, die außerhalb unseres Leibes in größerer oder geringerer Entfernung von ihm vor sich geht. Dies ist bei Gemeingefühlen gar nicht, ebensowenig bei Duft- und Geschmacksempfindungen der Fall, für welche deshalb die fragliche naive Objektivierung ernsthaft nur mit in Nase und Mund aufgenommenen Stoffteilen die Empfindungswerte hätte zusammenwerfen können. In diesen Sinnesgebieten gibt es nur eine Projektion an die Nervenenden der Peripherie und an ihre Hautbedeckungen, nicht über die Körpergrenze hinaus. Ebenso in der Regel beim Tastsinn; Ausnahmsfälle sind die bekannten Verlegungen der Empfindung ans Ende von Werkzeugen, durch die wir gleichsam unsere Glieder verlängern, Stöcke, Schreibfeder, Schlüssel. In diesn Fällen aber bleibt die Projektion die einer Empfindung - als wenn am Ende dieser Dinge Nerven enden -, nicht zu verwechseln mit der Projektion einer unempfundenen dinglichen Eigenschaft oder eines ähnlichen Vorgangs, geschweige für sich existierenden Gegenstands. Töne dagegen versetzen wir in der unwillkürlichen Vorstellungsredaktion auf unsere Gehörsempfindung in eine Gegen der Außenwelt, von der sie uns zuzukommen scheinen (wovon das Ohrensingen und Ohrenrauschen die einzige, aber nicht einmal völlig unzweideutige Ausnahme bildet), ohne dabei etwa ein empfindendes, ein hörendes Organ mit in dieselbe Gegend hinauszuverlegen. Allerdings bleibt die Projektion der Töne - man vergleiche nur die der Sehbilder damit! - noch sehr unbestimmt, schwankend, irrend (1). Aber sie geschieht, naiv, mit unbewußt begründeter innerer Nötigung, ungewollt, unreflektiert. Zeigt sich nur hierin ein naiver Realismus? Das heißt beurteilt der Naive hierbei die Tonempfindung  als solche selbst,  den gehörten  Ton,  als einen draußen in der Luft schwimmenden Gegenstand, oder etwa als eine einem solchen Gegenstand selbst anhaftende Eigenschaft, die er behält, auch wenn niemand diese Eigenschaft wahrnimmt? Das ist in der Tat eine sehr schwer zu beantwortende Frage; aber eben deshalb sollte man nicht so ohne weiteres als selbstverständlich hinstellen, daß es naiven Realismus gibt, wenigstens nicht schon hier. Erinnern wir uns unserer Bewußtseinsskala. Im völligen Unbewußtsein das Vorhandensein des Gedankens einer gegenständlichen oder eigenschaftlichen Objektivierung des Tons zu vermuten, fehlt es an jedem Grund. Die Reaktion durch Gebärden und Handlungen wird oft eine instinktive Kenntnis der Richtung verraten, aus welcher uns der tonerzeugende Vorgang trifft: es wendet sich der Kopf oder der ganze Körper dorthin, das Tier oder das Kind läuft oder springt der Schallquelle entgegen. Aber darin liegt nichts, was hindern würde, den richtigen unbewußten oder dunkel bewußten Gedanken als wirkend anzunehmen, in dieser Richtung liegt nur eben die nicht näher beurteilte  Quelle  der Tonerzeugung, wie ja andererseits das Annähern und Spitzen des Ohrs die ebenso nicht näher beurteilte andere Tonquelle im  Ohr  als instinktive bekannt verrät. Das sprachbildende Bewußtsein tritt nun zwar in die Strömung der projizierenden Vorstellung ein, sofern es den Ton zum grammatischen Subjekt macht, von welchem es ein Kommen, Vergehen, Verschweben aussagt; aber ist nicht gerade darin, daß der Ton vor allem als  kommend  bezeichnet wird, niemals aber als irgendwo draußen existierend, vorfindlich, ein sicheres Bewußtsein davon erkennbar, daß ohne Eindringen in unser Ohr die ganze Erscheinung wegfällt? Ich kann nicht finden, daß die Sprache hier verführend wirken kann in einer Richtung hin zu naivem Realismus. Noch weniger kann ich mir durch die spontane Reflexion des Kindes, naiv, weil sie unbegründet bleibt, ihr Resultat wie ein selbstverständliches ergreift, die Annahme entstehend denken, es schwimme draußen z. B. das Läutegetön in der Luft und breite sich über die Stadt aus, solange es unter anderem auch in unsere Ohren - denn ohne diese geht es nicht, das sagt sich jedes Kind -, ohne daß dieser Annahme augenblicklich Stutzen und Zweifel und Fragen folgt. Bleibt die Projektion in die außerkörperliche Außenwelt nichtsdestoweniger Tatsache, so ersteht uns ein interessantes und schwieriges psychologisches Problem. Ich glaube - meinen Beobachtungen an mir selbst und der Belauschung der Ausdrucksweise anderer über ihre Tonerlebnisse zufolge -, daß man gar nicht  Töne  hinausprojiziert, sondern an ihrer Stelle etwas anderes, woran man die Töne nur als Wirkungen im Ohr anknüpft, wenn auch freilich mit einem sehr dunklen Bewußtsein, solange nicht wissenschaftliche Aufklärungen oder ein besonderes Nachdenken Licht angezündet haben. Aber was ist jenes Andere? Wir nennen es ein Strömen oder einen Fluß oder ein Meer, und die Phantasie ist nicht weit davon entfernt davon, das sich Heranwälzende leuchten, schimmern, flimmern, Farben tragen, Figuren bilden, flackern, oder rollen, wogen, tanzen, aufmarschieren und Leitern besteigen zu lassen. Mit einem Wort: wir projizieren in Wahrheit  Sehbilder,  wenn auch sehr dunkel geschaute, nur bei stärkerer Phantasie glanzvoller, und schreiben diesen das Tönen als "Eigenschaft" zu. Als  objektive  Eigenschaft? Davon ist vor Kurzem bei anderen Fällen die Rede gewesen. Daß die Töne draußen sich selbst hören, glaubt niemand; die angeblich objektivierte Eigenschaft kann also nur wie ein  Bewirken  des Tons gemeint sein, wenn überhaupt irgendetwas gemeint sein soll.

Haben wir damit Recht, daß in den projizierten Tönen  Sehbilder  projiziert werden, so spitzt sich unsere ganze Frage auf den  Gesichtssinn  zu. In der Tat hier entdecken wir den eigentlichen und einzigen Herd der ganzen Aufstellung eines "naiven Realismus" auf dem Gebiet des Sinnlichen.

Das Gesicht steht allen anderen Sinnen gegenüber mit einer Eigenschaft völlig allein, die zu den für die verhältnismäßige Objektivität dieser höchsten Sinnesgruppe, Gehör und Gesicht, gemeinsam geltend gemachten Charakterzügen mächtig fördernd hinzutritt. Dies ist die  Raumform  des Gesehenen, mit der seine  Ruhe,  sein  Feststehen  zusammenhängt. Zu den Mißverständnissen des Tastsinns, von denen oben die Rede war, gehört auch dieses, daß die Tastempfindungen an sich selbst räumliche Anordnungen darbieten sollen. Ohne helfende Bewußtseinsaktionen oder auch unbewußte apriorische Zutaten ganz anderen Inhalts läßt sich aus der Tastempfindung schlechterdings nichts Räumliches schmieden; sie ist und bleibt ein nicht weiter beschreibbares Druck-, Stech-, oder Kitzelgefühl, untrennbar verschmolzen mit deutlicheren oder undeutlicheren Temperaturempfindungen und mit Lust- oder Unlustbetonungen. Für derartige Gefühle existieren nur intensitäts- und Qualitäts-Epitheta [Zusätze - wp]; Ausdehnungs- und Gestaltungsbeschreibungen werden darauf nur übertragen, indem man unvermerkt der Zeitreihe oder dem Zeitmoment ein Raumbild substituiert und Bewegungsvorstellungen aufgrund dessen einmischt. Ich behaupte, Raum kann immer nur als  gesehen  vorgestellt werden; es gibt keinen anderen Sinn für den Raum als den Sehsinn; Tastreihen müssen erst in Linien, anscheinend flächenhafte Tastkomplexe erst in Flächen umgeschaut werden, wenn auch nur mit einem sehr dunklen Bewußtsein. Das Verhalten der Blinden, besonders der Blindgeborenen, darf man so wenig hiergegen als gegen die Projizierung der Töne in Gestalt von Sehbildern als Gegeninstanz anführen; sie sehen nicht Nichts, sondern haben ein schwarzes, graues, mehr oder weniger verschieden schattiertes Sehfeld, in dem sie gewiß für uns Sehende ganz unglaublich feine Variatioinen der Gestaltung und Abtönung wahrnehmen und in der Phantasie vorstellen können.  "Nichts  sieht man mit dem Finger oder mit dem Hinterkopf" (FECHNER). Der Bewegungswille, die Bewegungsvorstellungen, die ihn begleiten und vorbereiten, sind nur durch den innerlich gesehenen Raum möglich, so sehr auch der Blinde dessen Teile zur besseren Verdeutlichung mit Tastempfindungen gleichsam besetzen mag, wie auch wir es im Finstern tun. Der Blinde verfährt, mit einem Wort, in alle Wege so, wie wir Sehenden im Finstern verfahren.

Jedenfalls der Sehende  sieht Raum.  Freilich kommt auch hier in Frage, ob die räumliche Anordnung nicht a priori von Innen hinzutritt; tritt doch selbst Licht und Farbe, als Empfindungsquale, a priori von Innen hinzu. Aber darum handelt es sich nicht. Wir behaupten nur, daß die räumliche Vorstellung unvermeidlich ans Sehen, das Sehen unvermeidlich an die räumliche Vorstellung gebunden ist, - was in gleicher Weise von keinem anderen Sinn gilt, so sehr wir auch andere Sinnesempfindungen lokalisieren mögen. Wie dieses Lokalisieren sich mit der hier vertretenen Ansicht von der exklusiven Räumlichkeit des Sehsinns verträgt, wollen wir hier nicht verfolgen; ich scheue nicht die Konsequenz, daß auch dabei ein "Umschauen" aller Empfindungen zu dunkel gesehen vorgestellten Bildern oder Punkten und das Eintragen in einen Sehraum stattfindet. Das Lokalisieren ist bei keinem anderen Sinn ein  Gestalten,  nur hierauf kommt alles an. Phantastische Bilder, die der Beschreibung dienen, wie das von der "Gefühlswelle", können niemanden beirren. Durft- und Geschmacksfiguren gibt es nicht; Tastfiguren weisen wir zu den Übertragungen, zu den "Umschauungen", Tonfiguren nicht minder. Aber Gesehenes  ohne  Gestalt ist ein Unding. Es ist hierfür nur ein anderer Ausdruck, wenn wir sagen: das Gesehene hat die Form einer Zusammenfassung des gleichwohl absolut Auseinandergehaltenen in der Form der  Gleichzeitigkeit.  Hieran nähern sich ähnliche Zusammenfassungen des Geschiedenen im Hören und Tasten allerdings an, aber nicht ohne Unterstützung durch innerliches Raumschauen, und doch erreichen sie nicht den gleichen Erfolg völliger Geschiedenheit in der Einheit der Zeit. Möge die gesehene Gleichzeitigkeit immerhin durch in der Zeit verlaufende, wechselnde Funktionen zustande kommen, hiervon sprechen wir nicht; das Gesehene als Resultat ist Gleichzeitigkeit, und was im Sehen dagegen eine besondere Schwierigkeit macht, sowohl für das Zustandekommen wie für die psychologische Erklärung, ist das Auffassen des  zeitlichen Wechsels  im Raum, das sogenannte "Sehen" der Bewegung, wobei doch eigentlich nur von einer raschen Folge  ruhender  Bilder die Rede sein dürfte. Ganz umgekehrt bei allen übrigen Sinnen: für sie ist uns das Nächste, das Selbstverständliche, das absolut Unvermeidliche, daß sie  Zeitmomente  ausfüllen und gewisse  Zeitdauern  besetzen, kommen, vergehen, wechseln, steigen, fallen; Probleme, die unser Erklärungsbedürfnis wachrufen, drängen sich hier empfindlich auf, wo der Schein  räumlicher  Gruppen entsteht. Sagen wir kurz: das Sehen allein ist  Raumsinn,  alle anderen Sinne sind  Zeitsinne. 

Dies ist der letzte und tiefste Grund, weshalb es für jene anderen Sinne keinen naiven Realismus geben kann, höchstens nur als eine sehr kurze Verirrung, als eine nur mehr sprachliche Gedankenlosigkeit. Eben da liegt zugleich der Grund, daß es für das Sehen allerdings, und für dieses eigentlich allein, einen naiven Realismus gibt. Und dennoch wird unsere weitere Prüfung zeigen, daß selbst auf dem Gebiet des Sehens der naive Realismus in der Weise, wie man ihn gewöhnlich definiert, ins Reich des Mythos zu verweisen ist.

Zuvor wollen wir uns noch klar machen, welche Hindernisse die Zeitlichkeit und die Raumlosigkeit der übrigen Sinne der gegenständlichen oder auch nur eigenschaftlichen Objektivierung ihrer Inhalte entgegenwerfen. Objektives  Dasein  ist  ruhendes, bleibendes  Dasein einer Mehrheit von qualitativen und intensiven Zuständen und Eigenschaften in der Einheit der Zusammenfassung zu einem mit sich selbst identischen, für sich selbst als Eigenschaftsträger, nicht selbst wieder als Eigenschaft eines anderen, existierenden Wesens. Dem entgegen erleben wir alles Gefühlte, Getastete, Geruch, Geschmack und alles Klingen als kommenden, gehenden, wechselnden Zustand, wozu wir ein leidendes Subjekt, ein dahinter gleichsam im Hintergrund dauernd existierendes Wesen, erst noch besonders hinzudenken gar nicht umhinkönnen, welches sich jene Erlebnisse auf Zeit gefallen lassen muß, ja in welchem diese, wenn sie als  dauernde  wahrgenommen werden sollen, eigentlich in jedem Moment  neu  entstehen müssen. Daß das Erlebnis  selbst  ein solches  Wesen,  ein  Ding  ist, liegt hier auch dem unzurechnungsfähigsten Halbbewußtsein, auch den ungeschicktesten Kinderschritten der Reflexion, ganz fern. Nicht viel weniger fern liegt es, diese Erlebnisse zu  objektiven Eigenschaften  am Ding umzugestalten. Eher zu  Erlebnissen  der Dinge von ebensolcher und ebenso nur zeitlicher Art, wie die von uns erlebten Empfindungen selbst. Dann aber wird gemeint, daß auch die Dinge fühlen, schmecken usw. All das kennen wir als Allbelebung und Allbeseelung; es ist nicht naiver Realismus. Die realistische Objektivierung von sinnlichen Empfindungsinhalten zu dinglichen Eigenschaften verhindert deren Zeitlichkeit und Unräumlichkeit ganz ebenso, wie diese die Objektivierung zu Dingen von eigener Subsistenz verhindert: ein zeitliches Erlebnis ist keine dingliche Eigenschaft, die vorhanden bliebe, auch wenn das Erlebnis nicht erlebt wird. Anders beim Sehbild. Die Gestalt, die ruhige Raumerfüllung und Ortseinnahme, als dauernde, dem Ding-ansich selbst zukommende Eigenschaft anzusehen, macht bei einem weiteren, sich vertiefenden Nachdenken gar keine Schwierigkeit; vielmehr lädt alles dazu ein. Hat man aber einmal die Raumerfüllung, wie sollte man nicht auch die ebenso ruhende, festbleibende, von der gesehenen Gestalt untrennbare Farbe mit an das Ding gebunden denken? Niemand ist imstande, sich eine ungefärbte Gestalt vorzustellen, sei es auch nur schwarz, grau, wasserhell; das hieße sehen, ohne zu sehen (2). Die Farbe geht also von selbst mit, wenn wir die Gestalt objektivieren. Hierzu treten nun die gemeinsamen Charaktere der obersten Sinne, die zur Objektivierung einluden, wirksam hinzu: die Entfernung von lebenserhaltenden subjektiven Funktionen, in welche Geruch und Geschmack noch ganz eingeschmolzen sind, die Loslösbarkeit von jeglicher Lust- und Schmerzbetonung, vor allem die Projektion über die Leibesgrenzen hinaus. Und alle diese Züge sind im Sehsinn gesteigert vorhanden; die äußere Projektion ist durch die Raumform und durch die Ruhe und Dauer der Sehbilder, zusammengenommen mit ihrer Abtonung und manchen anderen Umständen, bis zum Schein einer festen Ortseinnahme verschiedener Schichten von Dingen hintereinander, neben- und übereinander gesteigert. Dazu kommt dann schließlich noch der Wegfall eines weiteren Hindernisses der Objektivierung, das die Zeitlichkeit der übrigen Sinne mit sich bringt. Die verschiedenen Sinne dieser Klasse rufen teils in gleichzeitigem Zusammenwirken, teils nacheinander, so verschiedenartige und so auffällig wechselnde Erlebnisse hervor, die doch ein und demselben äußeren Ding verdankt zu werden scheinen, daß man gar nicht wüßte, was man davon objektivieren sollte, was nicht, und doch außerstande gesetzt wird, alles ohne Unterschied zu objektivieren. Der Apfel riecht, schmeckt, fühlt sich an, während ich ihn esse, und ich höre es, wie ich ihn zerkaue, - was von all dem soll ich für objektiv halten, oder etwa alles? Tritt doch alles so vereinigt auf, daß schon das Kind gedrängt wird, den  einen  Apfel all dem als  gleichen  Träger zugrunde zu legen, und folgen doch all jene kleinen Erlebnisse so deutlich einem Schicksal, das verschiedene Funktionen meiner selbst über das Ding verhängen, sowohl nach Art als nach Dauer. Was ist nun  das Ding selbst?  Es liegt wahrlich nah, das gesehene, ruhige, feste Bild für das Ding zu halten, - naiv, ohne darauf besonders zu reflektieren, ohne Begründungsversuch.

Und doch haben wir auch hier vorsichtig zu Werke zu gehen und werden sich beträchtliche Einschränkungen ergeben, sehr wichtige Korrekturen sich augenblicklich von selbst im Sehenden einstellen, so daß schon in sehr frühen Kindheitstagen der naive Realismus, wie man ihn zu verstehen pflegt, zum Unding wird, ja daß er überhaupt in dieser ungenauen Fassung wegfällt.

Auf keinen Fall gilt dem Kind, sobald es über seine Sinnesinhalte irgendein bewußtes oder unbewußtes oder halbbewußtes Urteil in sich erzeugt, eine nennenswerte Zeit lang ein gesehenes Bild als solches für den  ganzen  Gegenstand. Auch dem einigermaßen erfahrenen Tier nicht. Geschieht einmal eine Objektivierung, d. h. wird überhaupt ein Ding als für sich bestehend in die Außenwelt verlegt, so ist allerdings dieses Ding auch eine raumerfüllende Einheit wie das Bild, gestaltet wie ein Bild, begrenzt wie ein Bild. Aber es ist zugleich, und schon lange vorher, demselben Gegenstand ein mannigfaltiges praktisches Interesse zugewendet, infolgedessen er sich unter den Händen des Kindes - und nicht nur den Händen -, so auch durch das Tier, die mannigfaltigste Behandlung, Umherwälzung, Veränderung, Zerstörung gefallen lassen mußte. Dabei muß sehr bald die Entdeckung gemacht werden, daß das im Augenblick jedesmal Gesehene niemals die  ganze  Einheit des Vielen ist, woraus man ein einziges, zusammenhängendes Ding bestehen läßt. Das Kind muß sehr bald merken, daß es einen Teil seines eigenen Körpers, sogar der äußeren Oberfläche, auf keine Weise zu sehen bekommen kann, geschweige das Innere, die Rückseite der Haut usw. Ähnliche Erfahrungen wird es an allen Gegenständen machen; es sieht von keinem Alles, was es doch zu ihm zu rechnen Grund hat, am wenigsten alles auf einmal. Aber keineswegs immer wird es aus dem Gesehenen und dem Ungesehenen  mehrere  Dinge oder Teile machen können. Auch Tiere verstehen es, Dinge umzuwenden, Verstecktes aus dem Innern derselben hervorzulangen und dgl. Allenthaben tritt ein projiziertes und objektiviertes Etwas im Bewußtsein oder Halbbewußtsein auf und gehört zum "Ding", ohne doch mit dem jetzt gesehenen Bild zusammenzufallen. Letzteres wird ergänzt. Nun möge es immerhin ergänzt werden durch hinzuvorgestellte Sehbilder der Erinnerung, oder der Phantasie, möge auch sein dunkles Innneres als eine Masse dichtgedrängter farbiger Schichten oder als ein von schwarzer oder bunter Färbung gleichsam durchtränkter dichter Brei vorgestellt werden, es ist immer nicht das Gesehene, das als solches ohne Weiteres naiv realistisch für das Objekt selbst gehalten würde.

Aber es würde nicht einmal zutreffend sein, wenn man den naiven Sehenden in jedem Fall ohne Einschränkung das gesehene Bild mit einer der wirklichen Oberflächen des Dings verwechseln ließe. Auf kurze Zeit mag sich dieser Irrtum einstellen. Das Kind lernt dann aber doch sehr bald das dunkle Bett, in welchem es Nachts einmal aufwacht, für dasselbe Bett zu erkennen, dessen buntes Muster ihm am Morgen Unterhaltung gewährt, und die von der düsteren Nachtlampe beleuchtete Mutter ist ihm keine andere als die im Sonnenschein glänzende; "sie sieht nur anders aus". Und so tritt bald die Gewöhnung auf zum ungemessen häufigen und vielfältigen Gebrauch der Wendung: "es sieht nur so aus". Das grüne Kleid  ist  nicht blau bei künstlichem Licht, sondern "sieht nur so aus", der Finger, gegen die Sonne gehalten,  ist  nicht rosa, sondern sieht nur so aus; besonders in der Ferne sieht gar Vieles "nur so aus". Es bedarf einer besonderen Erklärung, die gar nicht leicht wäre, wie sich im Kind und kindlich unreifen Menschen die  Auswahl  begründet, die er unter den vielen und verschiedensten Sehbildern, welche ihn von allen Seiten ein und derselbe Gegenstand darbietet, instinktiv vornimmt, um dasjenige Bild auszusondern, von welchem er sagt: "so sieht das Ding  wirklich  aus". Tatsache ist: das Resultat dieser Auswahl ist dies, daß die Dinge  "wirklich  so aussehen", das soll heißen: wirklich so  sind,  wie sie bei einer, für die Umfassung durch  einen  Blick und für die Einstellung der Augen bequemen nächsten Nähe unter vollem Tageslicht gesehen werden.  Dieses  Bild gilt dem Naiven für die uns zugekehrte  wirkliche  Oberfläche des Dings, alle anderen nicht.

Aber auch dies unterliegt Einschränkungen. Häufig kehrt uns der Gegenstand mehr als  eine  Oberfläche zu, wir sehen ihn von mehreren Seiten zugleich, wir sehen ihn  perspektivisch.  Schon sehr junge Kinder wissen, daß sie vom Kopf der Mutter mit demselben Blick, der ihnen das Antlitz von vorn zeigt, zugleich eine Ansicht von den Seitenflächen gewinnen, bald mehr von dieser, bald mehr von jener. So ist es bei zahllosen Gegenständen, ja bei allen, womit sie von ihren frühesten Tagen an umgehen. Denken wir uns den Blick auf die scharfe Kante gerichtet, durch welche zwei Grenzflächen eines Schrankes geschieden sind, so gestaltet sich das Bild wie ein erhobenes Rückgrat mit schrägen, verkürzten, verschieden beleuchteten, also auch verschieden gefärbten Seiten, mit sehr auffälligen Verschiebungen der Maße und Gestalten des Ganzen und einzelner Teile, der Verzierungen, Schlösser usw. Diesem Bild entspricht auch für das naive Bewußtseins in der Wirklichkeit nichts, gar nichts. Der Anblick kann bisweilen, namentlich bei lebenden Wesen, einem Kätzchen, einem Hund, auch für das noch sehr junge Kind etwas so Frappantes, ja Lächerliches haben, daß es in die Hände klatschend ausruft: "wie das aussieht!" - Oder es sieht einmal einen Windmühlenflügel in der Landschaft, den es kennt, wie auf einem näheren Haus aufgerichtet, das die übrige Mühle zudeckt; oder es bemerkt, daß sich während des Gehens auf der Straße die gesehenen Gegenstände ganz wunderlich bewegen, die einen mitzugehen scheinen, lange Zeit, andere schnell vorüberhuschen, das gleichzeitig Gesehene sich unablässig gegenseitig in eine andere Stellung begibt; all das tritt unter den Gebrauch der Rede: "es sieht nur so aus". Und nun bedenke man noch den  Schatten!  Den eigenen Schatten des Kindes zumal, noch gar nicht zu reden vom Spiegelbild. Der Schatten der Dinge, mit seinem Wandel, seinem Größenwechsel, gibt dem Kind von frühester Bewußtseinsentwicklung an die unablässig erneute Erfahrung einer gesehenen Oberfläche, die es weder zur wirklichen Oberfläche eines besonderen Dings, noch zu der des momentan vom Schatten überzogenen Dings zu objektivieren vermag. "Es sieht nur so aus". Sinnestäuschungen, die ein schärferes Nachdenken oder die Belehrung Erwachsener herausfordern, lassen wir absichtlich aus dem Spiel. Aber hinzuzunehmen ist noch der feinere Beleuchtungswechsel, der Farbenwechsel, das Verschwimmen, das Deutlicherwerden von Einzelheiten, selbst unter der Voraussetzung des sonst für maßgebend gehaltenen vollen Tageslichts. Wie mag das an der See aufwachsende Kind meinen, daß die See  wirklich  aussieht? Alle solche Erscheinungen müssen den naiven Realismus auch in der Auffassung der tageshellen, rein zugekehrten Oberfläche sehr frühzeitig korrigieren, wenn sie ihn überhaupt aufkommen lassen. Der Gebrauch der angewöhnten abkürzenden Sprachformen "ich sehe den Baum, ich sehe die See" bedeutet dagegen lediglich nichts.

Die Wahrheit wird wohl sein, daß diejenigen Wesen, denen man den naiven Realismus andichtet, über die angeblich von ihnen im Sinne dieses erkenntnistheoretischen Standpunkts beantworteten Fragen meist  gar keine  Ansicht, weder eine bewußte, noch eine unbewußte oder halbbewußte besitzen, ja wohl in allen Fällen mit Ausnahme der Objektivierung tageshell gesehener, rein zugekehrter Oberflächen zu wirklichen Oberflächen der Dinge, und der Verlegung von Farben oder Schwärze ins ungesehene Innere der Dinge. Keineswegs aber soll durch dieses Ergebnis auch  darüber  dem naiven Bewußtsein jede Ansicht abgesprochen werden, ob es außer dem Empfindungsinhalt selbst noch etwas, etwas anderes, nämlich  Dinge, Wesen,  und zwar solche einer  Außenwelt  gibt; keineswegs soll hierüber, über die allgemeine Unterscheidung zwischen Ding und Erscheinung, bloßes Nichtwissen, ein bloßer Mangel jeden Urteils, das Tatsächliche am naiven Realismus sein. Wir sagen demnach abschließend:

Es gibt allerdings wahrscheinlich einen frühesten Punkt der Bewußtseinsentwicklung in Tier und Kind, wo einfach nur eine praktische Reaktion auf Empfindungszustände stattfindet, ohne Vorhandensein irgendeiner unbewußten oder halbbewußten Ansicht, was diese Zustände sind oder nicht sind; dies nennt jedoch niemand einen naiven Realismus (3). Aber schon gewisse praktische Reaktionsweisen des Tiers machen den Eindruck, als setzten sie eine Unterscheidung des Dings von der Empfindung voraus. Daß diese Unterscheidung vorliegt, wird immer zweifelloser, je weiter wir die Bewußtseinsskala bis zur eigentlichen Reflexion verfolgen. Niemals werden die Empfindungen der von uns  Zeitsinne  genannten Sinne, d. h. aller ohne das Gesicht, selbst für Dinge, nicht einmal für dingliche Eigenschaften in wirklicher Gleichsetzung dieser mit dem Empfundenen gehalten. Auch die  Sprache  kann hier nur momentane Verwirrungen bereiten.  Was  als dingliche Eigenschaft dem Empfundenen, das sie uns offenbart, entspricht, wird hier überhaupt  gar nicht  beurteilt. Dagegen wird allerdings dauernd die  Farbe  und  Gestalt  der taghellen Oberfläche für eine dingliche Eigenschaft in gewisser Gleichsetzung mit der Empfindung gehalten, und alles Körperlich, auch das ungesehene, als irgendwie geärbt vorgestellt, aber doch mit fortwährend aufgeregter Ungewißheit, ob die Gleichheit des gesehenen Bildes mit dem  "wirklichen  Aussehen" eine völlig ist. Dies ist der ganze naive Realismus, soweit ihm nachgesagt wird, daß er  sinnliche  Empfindungen und Vorstellungen objektiv nimmt.
LITERATUR - Rudolf Seydel, Der sogenannte naive Realismus, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. 15, Leipzig 1891
    Anmerkungen
    1) Hierüber ist noch heute lesenswert: SCHLEIDEN, Studien, zweite Auflage, 1857, Seite 93f.
    2) Die Versicherung LIEBMANNs, Zur Analysis der Wirklichkeit, zweite Auflage, 1880, Seite 234, Anm., er sei imstande, sich "ein Quadrat  ohne alle Farbe  vorzustellen", muß ich so lange anzweifeln, als LIEBMANN selbst, wie dort geschieht, beim Experiment vom "Blicken auf einen beliebigen Hintergrund, z. B. auf das Papier" auszugehen für nötig hält oder wenigstens empfiehlt. Der Hintergrund dürfte in der Tat unter allen Umständen nötig sein, und bestände er nur aus einer dunklen Nacht oder aus dem sogenannten "Augenschwarz". Wird auf einem solchen Hintergrund ein Quadrat vorgestellt, so zeigt dieses in seiner Innenfläche die Farbe des Hintergrundes oder eine andere, in der Begrenzung einen in der gleichen Qualitätsgattung mit dem Hintergrund liegenden Unterschied von diesem, also einen abweichenden Farbton, sei es auch nur intensitativ. An einer anderen Stelle des angeführten Werkes (Seite 48) finde ich LIEBMANN ganz mit mir im Einklang: "Der empirische Raum ist -  Gesichtsraum." 
    3) Sollte dies in EDUARD von HARTMANNs Definition des naiven Realismus geschehen sein. "Ding-ansich und Wahrnehmungsbild sind noch in der Ununterschiedenheit oder Indifferenz" (Grundprobleme der Erkenntnistheorie, 1889, Seite 3), so ist diese Definition zumindest nicht sehr klar, und sie wäre im Widerspruch mit HARTMANNs weiteren Ausführungen.