ra-2MontaignePyrrhonSextus EmpiricusC. Stumpf     
 
RAOUL RICHTER
Der Skeptizismus
in der Philosophie


"Wer den Zunder des Zweifels anzündet, sagt Feuerbach einmal, der gibt die Ursache zu einem allgemeinen Brand, wenn er auch gleich zunächst das Feuer nur an  bestimmte  Gegenstände bringt und bringen will."
    MOTTO:
    "Im allgemeinen sei ein für allemal Folgendes bemerkt. Es handelt sich hier wie auch im ganzen Verlauf dieser Untersuchungen um  typische  Gedanken; und es wäre ein starker Irrtum, zu glauben, die Dinge, von denen wir reden, seien überwundene, veraltete, etwa nur aus kulturhistorischem Gesichtspunkt als Denkmäler der Vergangenheit interessant bleibende Meinungen und Ansichten eines weit hinter uns liegenden Zeitalters.  Typische  Gedanken sind es, von denen wir sprechen, von jeder Zeitströmung und vorübergehenden Geistesmode unabhängige Probleme, typische Denkmöglichkeiten und typische Denkwege, die der konsequent denkende, von keiner Autorität und Schulüberlieferung voreingenommenen Verstand jederzeit und allerorten einschlagen kann; heute so gut wie vor fünfundzwanzig Jahrhunderten, im christlichen Europa so gut wie an den Küsten des ionischen Kleinasien oder im Delta des Nils oder an den Ufern des Ganges." - Otto Liebmann

Vorwort

Ob eine skeptische Philosophie möglich sei, ist ein Problem; daß es einen philosophischen Skeptizismus gibt, ist Tatsache. Der Skeptizismus spielt in der Philosophie eine doppelte Rolle: er ist die Anschauung, in die gewisse Grundrichtungen des philosophischen Denkens, wenn sie auch noch so zuversichtlich beginnen, rettungslos einmünden als in die letzte Konsequenz der eigenen Voraussetzungen; so ist er ein Ende und eine Auflösung. Er ist aber auch die Anschauung, deren Bekämpfung und Überwindung anderen philosophischen Denkrichtungen erst die Aufgabe, das Ziel, ja das Leben gibt; so ist er ein Anfang und eine Auslösung.

Mit der  Darstellung  und der  Kritik  des philosophischen Skeptizismus beschäftigt sich die vorliegende Arbeit, deren erster Band hier erscheint. Ihr Ziel ist ein durchaus  philosophisches.  Von den Gedanken der geschichtlich aufgetretenen Skeptiker sollen nur die philosophisch wertvollen berücksichtigt, in der Beurteilung derselben nur philosophisch haltbare Gesichtspunkte angewandt werden. Aus dem Netzwerk der antiken Skepsis gibt es noch mehrere breite Auswege in das freie Land der Erkenntnis; wenn aber im Lauf der Geschichte der grundsätzliche Zweifel immer weitere Opfer fordert und auch diese Auswege versperrt, verengt sich die Möglichkeit, ihm zu entgehen, in steigendem Maße. Schließlich wird die Kritik, die sich ihm nicht ergibt, auf einen schmalen und schwierigen Weg gedrängt, den nun noch allein übrig bleibenden Pfad, der zur Wahrheit heranführt. Mit diesem Ergebnis findet die Kritik einen  systematischen  Abschluß.

Durch den Zweck sind die Mittel vorgezeichnet. Da das Historische sich dem Philosophischen hier unterzuordnen hat und nur als dessen klassische Repräsentation benutzt werden soll, durfte dieses Buch nicht zu einer fortlaufenden Liste werden, in welche die Ansichten aller, die irgendwie eine skeptische Geisteshaltung eingenommen haben, erst dargestellt, dann beurteilt, einzutragen waren. Vielmehr ist nach den philosophischen Grundmöglichkeiten den Skeptizismus zu vertreten, die Einteilung getroffen worden. So wird das  erste Buch  von einem  totalen  Skeptizismus handeln, der seine Zweifel über alle Gebiete erstreckt; es soll die extrem-realistische Skepsis der Antike (Pyrrhoniker und Akademiker), die naturalistische Skepsis der Renaissance (MONTAIGNE u. a.), die empiristische Skepsis der neueren (HUME) und die biologische der neuestens Zeit (MACH, NIETZSCHE etc.) in besonderen Abschnitten besprechen. Das  zweite  Buch hat den  partiellen  Skeptizismus zum Gegenstand, der nur die Erkenntnismöglichkeit für große Teilgebiete bezweifelt, und der den immanenten Skeptizismus bei transzendentem Dogmatismus (PASCAL und die Mystiker), sowie den transzendenten Skeptizismus bei immanentem Dogmatismus (KANT) unter sich befaßt.

Da die antike Skepsis infolge ihrer jahrhundertelangen Geschichte und ihrer Vertretung durch hervorragende philosophische Köpfe einen immer weiteren Gesichtskreis und immer tiefere Begründung gewann, deshalb auch bereits die Entwicklung fast aller grundsätzlichen Richtungen in der Erkenntnistheorie zu ihrer Beurteilung erfordert - denn mit dialektischer Zersetzung einiger dialektischer Behauptungen ist hier nichts getan -, so macht die Besprechung der griechischen Skepsis den alleinigen Inhalt des  ersten Bandes  aus. Dazu kommt, daß eine Fülle von Fragen und philologisch noch der endgültigen Klärung harren und die Ausführung anschwellen ließen. Der Text gibt die Darstellung im Sinne der Annahmen, die nach des Verfassers Ansicht die größte Wahrscheinlichkeit beanspruchen; über die Gründe dafür und den augenblicklichen Stand der Forschung geben die  Anmerkungen  hinter dem Text Rechenschaft. Während die Anmerkungen zum ersten und zweiten Kapitel nur den Fachmann interessieren können, wird gerade der philosophisch nicht geschulte Leser darauf hingewiesen, daß die Einsicht in die Anmerkungen zum dritten Kapitel, zur Kritik der skeptischen Lehren, besonders in die kleinen terminologischen Exkurse, ihm das Verständnis dieser Partien im Text erleichtern dürfte. - Endlich bemerke ich noch, daß die Ergebnisse meiner Studie über "die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen des griechischen Skeptizismus (Philosophische Studien, Bd. 20) stellenweise in den vorliegenden Band eingearbeitet worden sind. Der  zweite und letzte Band,  der in nicht langer Zeit folgen soll, wird die übrigen Formen des totalen und die Hauptgruppen des partiellen Skeptizismus zu behandeln haben. Da er die Vorarbeiten schon zum großen Teil durch diesen Band geleistet findet, vermag er die größere Masse auf entsprechend kleinerem Raum zu bewältigen.



Einleitung

Der abschließende Begriff, den man sich von einem philosophischen Skeptizismus zu bilden hat nach seinem eigentümlichen Inhalt und in allen seinen Einzeleiten, wird sich erst dann genau bestimmen lassen, wenn wir die verschiedenen skeptischen Anschauungen selbst kennen gelernt und kritisch betrachtet haben werden - also am Schluß, nicht zu Beginn dieser Untersuchung. Aber ein  vorläufiger  und  allgemeiner  Begriff muß jeder Arbeit, die von dieser Denkart handelt, vorangehen, ein Begriff, der über den Gegenstand orientiert, dessen Ergründung zur Aufgabe gestellt ist. Philosophischer Skeptizismus läßt sich durch philosophische Zweifellehre wiedergeben; ihm steht der philosophische Dogmatismus als philosophischen Meinungslehre gegenüber. Das griechische Wort  skeptesthai  bedeutet ursprünglich: um sich schauen, unentschieden sein. An dieser skeptischen Geisteshaltung, die immer späht, prüft, erwägt, hat die deutsche Sprache als die bezeichnendste Eigentümlichkeit das zwischen  zwei  Seiten Schwanken festgehalten und die Unentschiedenheit der Meinung:  zweifeln  genannt. Der gleiche Vorgang wiederholt sich in der lateinischen Terminologie, wo das  dubitare  (douter, doubt) den Stamm  duo  deutlich erkennen läßt. Auf der anderen Seite aber ist  dogma  (von dokein) durch Ansicht, Meinung,  domatikein  durch: eine Meinung, Ansicht aufstellen zu übersetzen; wobei das Meinen nicht etwa einen schwächeren Grad des Wissens, vielmehr den geraden Gegensatz zum Nichtwissen und Keiner-Meinung-sein bedeuten soll. Demnach ist der Skeptiker ein Zweifelnder und Unentschiedener, der Dogmatiker ein Überzeugter und Entschiedener; der philosophische Dogmatiker ein Mensch, der philosophische Überzeugungen hat oder eine philosophische Lehransicht vertritt; der philosophische Skeptiker seinen Widerpart. In diesem Sinne finden sich die  Ausdrücke  als stehende Bezeichnung für die genannten Richtungen bei GALEN, GELLIUS, SEXTUS, DIOGENES LAERTIUS; wann sie aber zum festen Bestandteil des philosophischen Sprachschatzes geworden sind, ist nicht genau ermittelt.

Der allgemeine  Begriff  des philosophischen Skeptizismus gewinnt sich aus der Beantwortung zweier Fragen:  Was  bezweifelt der philosophische Skeptiker?  Warum  zweifelt der philosophische Skeptiker? Um von den allgemeinen Objekten und von den allgemeinen Gründen seines Zweifels eine Vorstellung zu erhalten, gehen wir nicht von den in der Geschichte der Philosophie als Skeptiker aufgeführten Typen aus und untersuchen, was bezweifelten, warum zweifelten diese Männer? Wir beginnen vielmehr beim Kreis der uns allen zugänglichen und nachprüfbaren Lebenserfahrungen, um, eingedenk der Aufgabe wahrer Philosophie, die Begriffe des gewöhnlichen Lebens zu vertiefen und zu klären, den populären Begriff des Skeptizismus zum philosophischen Begriff zu steigern. Auf diese Weise kommt gleich hier zum Ausdruck, daß nicht ein rein geschichtliches, sondern ein systematisches Interesse das Thema gestellt hat. Nicht diejenige Anschauung gilt es zu prüfen, welche von sich selbst oder von anderen (1) das Beiwort "skeptisch" erhielt, sondern die Anschauung, welche aus systematischen Motiven dieses Beiwort verdient. Ihre geschichtlichen Formen sind nur die konkreten Beispiele, an welchen sich der Inhalt des philosophischen Skeptizismus am klarsten entwickeln läßt.

Was verstehen wir nun aber im gewöhnlichen Leben unter einem Skeptiker oder einem Zweifler? Einen, der an irgendetwas zweifelt? Etwa, ob die Zahl der Sterne gerade oder ungerade ist, ob er den um 5 Uhr abgehenden Eisenbahnzug noch erreichen, ob das aufziehende Gewitter sich noch vor Abend entladen wird? Ersichtlich ist eine solche Erklärung viel zu weit gegriffen. An diesem Begriff des Skeptizismus gemessen wären überhaupt alle Menschen Skeptiker. Solche Zweifel und solche Bedenken sind nur das Geständnis allgemein menschlicher Unvollkommenheit, das Geständnis, daß menschliche Voraussicht und menschliche Berechnung nicht jedes beliebige Ereignis zu erkennen, nicht jede beliebige einzelne Frage zu beantworten vermögen. Hier steht der Erzskeptiker noch auf demselben Boden mit dem entschlossensten Dogmatiker. Die Sphäre des Begriffs muß also verengt werden. Der Zweifel eines Menschen darf nicht am Einzelnen haften bleiben, er muß sich zum Allgemeinen steigern, muß sich über ganze Gebiete ausdehnen, um ihm den Titel eines Skeptikers einzutragen.

Das hervorragendste Gebiet zur Betätigung des Skeptizismus im täglichen Leben ist ohne Zweifel die  Religion Aber hier zeigt sich sogleich das Fließende und Schwankende der gewöhnlichen Begriffe und ihre Bedürftigkeit, zum wissenschaftlichen Gebrauch kritisch geläutert zu werden. Denn wo fängt die religiöse Skepsis an, wo hört sie auf? In streng orthodoxen Kreisen wird schon als Skeptiker gebrandmarkt, wer die Sätze der Landeskirche oder gar die Grunddogmen einer Religion in ihrer Wahrheit bezweifelt. Den mecklenburgischen Bauern gilt der harmlose Spott des Onkel BRÄSIG bereits als Skepsis. Freiere Geister werden den religiösen Skeptizismus erst mit dem Zweifel am Dasein eines persönlichen, ja vielleicht eines unpersönlichen Gottes beginnen lassen. Der religiöse Skeptiker wird oft schlechthin als Skeptiker bezeichnet, wie der religiöse Dogmatiker schlechthin als Dogmatiker. Denn dem Durchschnittsmenschen galten lange Zit die religiösen Objekte für die einzigen, über deren Existenz und Beschaffenheit ein Gesamtzweifel möglich sei. Aber noch andere Gebiete gibt es, über die sich der Zweifel erstrecken kann und erstreckt. Auch von einem  ethischen,  auch von einem  ästhetischen  Skeptizismus reden wir im täglichen Leben. Es gibt heutzutage viele Menschen, ja ganze Kreise, die nicht mehr recht zu wissen meinen, was gut und böse, schön und häßlich zu nennen sei und ob moralische und ästhetische Werte von verbindlicher Kraft bestehen oder nicht; und zu diesen Ungläubigen, wie zu den religiösen Zweiflern, gehört nicht nur die Schar jener Ehrlichen und Offenen, die so handeln und reden, wie sie denken, sondern auch alle die, welche versteckt und im Herzen dem Skeptizismus, mit Reden und Taten der öffentlichen Meinung, den Vorgesetzten, der Lebensbehaglichkeit ihren Tribut zollen. Aber auch hier sagt uns die gewöhnliche Ausdrucksweise nicht, ob von ethischem oder ästhetischem Skeptizismus schon bei seinen milderen Formen, den Zweifeln an der Richtigkeit einer  bestimmten  moralischen oder Kunstanschauung, oder erst bei radikaleren Gestaltungen die Rede sein dürfe. Neben dem religiösen, moralischen und ästhetischen läuft der Skeptizismus gegen die  Wissenschaft  als besondere Richtung einher. Wem wären nicht Leute bekannt, die sich den Ergebnissen der Wissenschaft gegenüber äußerst skeptisch verhalten? Gerade der glänzende Aufschwung der Medizini und der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert hat nicht nur überschwengliche Bewunderung und kühne Hoffnungen, sondern auch schwere Zweifel an der Art der Naturgesetzlichkeit und ihrer praktischen Verwendbarkeit für das Leben und manche Enttäuschung sogar in Kreisen der Fachmänner erregt. Das Ignoramus, ignorabimus [Wir wissen es nicht und werden es nicht wissen. - wp] ist zuerst von einem Naturforscher gesprochen und von unzähligen Laien später nachgesprochen worden. Aber auch der wissenschaftliche Skeptizismus, wo er sich im Alltagsleben verkörpert, kennt keine fest umrissenen Grenzen. Endlich können alle diese verschiedenen Formen der Skepsis zu einem  allgemeinen  Skeptizismus zusammenschmelzen. Dafür fehlt es heute weniger an Beispielen denn je: Menschen, die auf allen Gebieten des Daseins, in den religiösen, sittlichen und künstlerischen Fragen, in ihrer Stellung zur Wissenschaft, in der Beurteilung des Allgemeinen wie des Einzelnen, eine skeptische Haltung einnehmen, sind keine Seltenheit mehr. Noch darf nicht unerwähnt bleiben, daß diese Spielarten des Skeptizismus einander ebensogut zu befördern, wie durch Kontrast auszuschließen vermögen. "Wer den Zunder des Zweifels anzündet", sagt FEUERBACH einmal, "der gibt die Ursache zu einem allgemeinen Brand, wenn er auch gleich zunächst das Feuer nur an  bestimmte  Gegenstände bringt und bringen will." (2) Gewiß kann die Skepsis so wirken; aber sie wirkt nicht notwendig so. Oft scheinen gewisse Formen des Skeptizismus einander förmlich abzustoßen: umso ernster und heftiger auf einem Punkt gezweifelt wird, umso fester und unentwegter wird auf anderen Punkten geglaubt und gewußt. So ist es eine allgemein zugängliche Beobachtung, daß sich der Skeptizismus in religiösen Dingen mit einem Wissenschaftsdogmatismus zu verbinden liebt, daß umgekehrt der religiöse Dogmatismus sich mit einem Skeptizismus gegen alle wissenschaftliche und theoretische Erkenntnis gut verträgt, ja aus diesem geradezu Saft und Nahrung saugt.

Läßt sich nun der Gesichtspunkt, der sich der Frage: was wird bezweifelt? entimmt, auch zur näheren Bestimmung des philosophischen Skeptizismus verwenden? Ich dächte, gewiß. Auch in der Philosophie kann im großen gezweifelt werden, ist gezweifelt worden und wird gezweifelt. Auch in der Philosophie kann sich der Zweifel über verschiedene Gebiete erstrecken, hat es getan und tut es noch. Aber die Gebiete des philosophischen Zweifels müssen logisch wohl gegeneinander abgegrenzte Bezirke sein, ihr Machtbereich muß durch die innere Natur, das  Wesen der zu erkennenden Objekte  bestimmt sein. Nicht aber darf ihr Dasein aus den trüben Quellen der zufälligen Einteilung der Wissensgebiete fließen, wie sie sich im gewöhnlichen Leben eingebürgert hat. Man wird also gut tun, in die vorhergenannten Zweifelsformen etwas Einheit, Ordung und logischen Zusammenhang hineinzubringen.

Da erhält man dann gleich zwei grundsätzlich voneinander getrennte Gruppen. Der Zweifel, der sich auf alles erstreckt, der  totale  Skeptizismus, wird scharf gegen denjenigen, welcher nur bestimmte Teilgebiete betrifft, gegen den  partiellen  Skeptizismus abzugrenzen sein.

Der  totale  Skeptizismus kann seine Totalität dadurch bewähren, daß er die Gesamtheit materialer Aussagen in Zweifel zieht, oder daß er auch die formalen Aussagen in ihrer ganzen Ausdehnung mitbegreift. Nicht zufrieden, keine gegenständliche Wahrheit gelten zu lassen, sucht er manchmal in tollkühner Steigerung selbst  das  Wissen zu verdächtigen, welches völlig inhaltsleer gar keine objektive Wirklichkeit erkennen und nur die Form unserer Denkoperationen selbst zum Ausdruck bringen will, sucht er Sätze zu bezweifeln von der Art "wenn  A  gleich  B, B  gleich  C,  so ist  A  gleich  C".  Dieser subjektiv-formale Skeptizismus zieht notgedrungen den objektiv-materialen Skeptizismus nach sich. Denn all unser Wissen um irgendwelche Objekte hängt von der Gültigkeit der subjektiven Denkgesetze ab. Da sich der formale Skeptizismus aber als  contradictio in adjecto  [Widerspruch in sich - wp] entpuppt - denn nur mittels der bezweifelten Denkformen zweifelt er -, da er auch keinem Philosophen bisher genügt hat, auf ihn hin über die gesamte Wirklichkeit seine Zweifel auszudehnen - ob er schon denjenigen, dem es ernst mit ihm ist, logisch zwingend dahin führen müßte, - so empfiehlt es sich, den nur materialen Skeptizismus zum totalen zu schlagen, wenn er seine Zweifel auf die Totalität der Objekte erstreckt, auch ohne die Formen unseres Denkens in Mitleidenschaft zu ziehen.

Der  partielle  Skeptizismus greift mit seinen Zweifeln nur in begrenzte Objektgebiete ein. Innerhalb dieser Gattung aber stehen die Formen: religiöse, wissenschaftliche, moralische, ästhetische Skepsis nicht logischen Forderungen, sondern praktischen Bedürfnissen gemäß nebeneinander. Der Grad der Gewißheit, der diesen Gebieten zukommt, ist dem Leben von der höchsten Wichtigkeit; hier zweifelt, glaubt oder weiß es. Der philosophische Skeptizismus wird eine solche, aus den Lebensbedürfnissen entnommene Einteilung nicht übernehmen. Dennoch läßt sich von ihr aus auch für die Gliederung des partiellen philosophischen Skeptizismus ein fruchtbarer Gesichtspunkt gewinnen. Der Gegenüberstellung von Religion und Wissenschaft liegt dunkel gefühlt der Unterschied zwischen einer übersinnlichen und einer sinnlichen, einer unerfahrbaren und einer erfahrbaren Welt zugrunde. Mit der Deutung der sinnlichen Welt, so meint man, hat es die Wissenschaft zu tun, das Übersinnliche sei Gegenstand des religiösen Bewußtseins. Die ethischen und ästhetischen Begriffe pflegen in der populären Auffassungsweise eine vermittelnde Rolle zu spielen; halb himmlisch und halb irdisch, werden sie aus göttlichen Geboten oder übernatürlichen Gesetzen abgeleitet, gewinnen aber doch wieder in den Bestimmungen von Recht und Sitte, Stil und Geschmack, bis zu den Polizeiverordnungen und Modejournalen herab, eine sehr greifbare Gestalt. In der Tat ist es für den philosophischen Skeptizismus von grundlegender Bedeutung, ob von seinen Zweifeln nur die Objekte einer übersinnlichen Welt oder nur diejenigen der sinnlichen Welt oder beide zugleich getroffen werden. Hier ist, was die Gebiete des Zweifelns und Überzeugtseins anlangt, eine wohlbegründete Einteilung geschaffen. Denn alle Objekte, deren Existenz man zugibt, sind entweder erfahrbar oder unerfahrbar, fallen in den Bereich unserer möglichen Erlebnisse oder grundsätzlich aus diesem heraus. Ob ein Komet zum vorausberechneten Termin erscheint, ein neues medizinisches Heilmittel sich als wirkungsvoll erweist, können wir erleben und erfahren. Der Anfang und das Ende der Welt, Gott als der Inbegriff der Welt, der Zustand der Seelen nach dem Tod, der Körper unabhängig von unserem Bewußtsein, können niemals Gegenstand der Erfahrung und des Erlebens werden.  Wie verschieden man auch die Art und den Kreis des Erfahrbaren und Unerfahrbaren  (oder des Sinnlichen und Übersinnlichen, wie manche vorziehen)  bestimmt hat  und bestimmen kann, (3) - die Tatsache, daß wenn es erfahrbare und unerfahrbare Objekte gibt, diese Einteilung zugleich die allgemeinste ist, weil jedes Objekt ihr verfällt, und daß also der partielle Zweifel seinen allgemeinsten Formen nach sich auf diese oder jene Objektgruppe beziehen muß, wird keinen Widerspruch zu überwinden haben. Das populäre Bewußtsein würde vermutlich auch nicht viel dagegen einwenden, daß wir den Skeptizismus gegen die Religion und gegen die Wissenschaft durch ein Nichtwissen um die Beschaffenheit übersinnlicher und sinnlicher, transzendenter und immanenter Objekte erläutert haben. Das bedeutet nicht, daß populäres und philosophisches Bewußtsein hier völlig zur Deckung gebracht wären. Die Religion ist zwar die weitverbreitetste, aber keineswegs die einzige Form, in welcher uns eine Auffassung vom Übersinnlichen und Unerfahrbaren vermittelt wird. Sie ist nicht die einzige Form - weder ihrem Gegenstand noch ihrer Erkenntnisart nach. Ihr Gegenstand ist wesentlich Gott, ihre Erkenntnisart wesentlich der Glaube. Nun hat es aber zu allen Zeiten Männer gegeben, die sich auch über das Übersinnliche und prinzipiell Unerfahrbare Gedanken gemacht haben, und deren Überzeugungen doch niemals in religiöse Vorstellungen eingemündet sind. Und ihre Erkenntnisart verglichen sie mit Vorliebe der mathematischen, die mit ihrer exakten Beweismethode vom religiösen Glauben am weitesten abgerückt ist. Diese Männer waren die großen philosophischen Metapphysiker, denn welcher unter den zahllosen Erklärungen von Ziel, Methode, Ergebnis der  Metaphysik  man auch zustimmen mag, die eigentümlichen Objekte der Metaphysik sind unsinnlich und unerfahrbar. Es wird sich also der transzendente Skeptizismus, welcher auf dem Gebiet zweifelt, das unsere Erfahrung übersteigt, wo er als philosophischer Skeptizismus auftritt, in gleicher Weise auf Metaphysik und Religion zu erstrecken, seine Gründe also auch gegen beide zu richten haben. Der immanente, im Erfahrungsbereich verharrende Skeptizismus fällt dementsprechend mit dem populären Zweifel an der wissenschaftlichen Erkenntnis auch nur zum Teil seinem Gegenstand nach zusammen. Denn einmal ist die Wissenschaft der Metaphysik schon vom immanenten Skeptizismus abgetrennt und dem transzendenten zugewiesen worden; dann aber verfällt die Summe der Erfahrungsobjekte nicht allein den übrigen Wissenschaften, sondern ein Teil wird bereits in den gewöhnlichen Anschauungen des täglichen Lebens verarbeitet. Der ethische und ästhetische Skeptizismus wird, ja nach der Auffassung, die man vom Wesen der sittlichen und künstlerischen Objekte hat, seinen Platz entweder innerhalb des immanenten oder des religiös-metaphysischen Skeptizismus zu finden haben. Die eigentümliche Feindschaft zwischen gewissen Zweifelsformen, auf welche schon gelegentlich der gewöhnlichen Skeptikertypen hingewiesen wurde, kommt hier in der Weise zum Ausdruck, daß sich ein transzendenter Skeptizismus besonders gern mit einem intensiven Dogmatismus für die Immanenz, und ein immanenter Skeptizismus mit einem intensiven Dogmatismus für die Transzendenz zu vermählen liebt.

Noch ist zu betonen, daß eine Philosophie, die das  Dasein  gewisser Objekte, etwa der Körper außer uns oder der moralischen Werte leugnet, über die Beschaffenheit dieser Objekte nicht im Zweifel und als auf diesem Gebiet auch keine skeptische Philosophie sein kann. Sie geht in ihrer Aufstellung negierender Behauptungen genau so zuversichtlich und dogmatisch vor, wie der positive Dogmatismus und kann, da der Inhalt ihrer Dogmen verneinende Urteile sind, in dieser Hinsicht  negativer  Dogmatismus heißen.

Aber mehr noch als in der Frage nach dem Was des Zweifels trennt sich der philosophische vom gewöhnlichen Skeptiker in der Art,  wie  und  warum  er zweifelt. Wie zweifeln denn jene Skeptiker, denen wir so oft am Biertisch, im Salon oder auch in der Literatur begegnen? Warum zweifeln sie? Geht man dem näher nach und sammelt auch nur einige Erfahrungen darüber, so zeigt sich, daß die Zweifel solcher Leute nicht in einer straffen und methodischen Gedankenarbeit, sondern in jenem sonderbaren Gemisch aus logischen Gründen und individuelle Lebenserfahrungen ihren Ursprung nehmen, auf dem sich die Weltanschauung des unwissenschaftlichen Menschen aufzubauen pflegt. Ein junger Mensch wächst in einer streng kirchlich denkenden Familie auf. Die religiösen Dogmen werden ihm als sichere Wahrheiten vorgetragen. Güte und sittlicher Wert werden als die Begleiter der Frömmigkeit, Verworfenheit und lasterhaftes Leben als Folgeerscheinungen der Gottlosigkeit gelehrt. Nun gelangt er in das Alter, in dem sich die Kritik zu regen beginnt. Ihm werden edle und reine Menschen bekannt, die an keinen Gott glauben; und er sieht Niedrigkeit und Heuchelei bei manchem kirchlich gesinnten Mann. Die religiöse Skepsis beginnt zu keimen. Unter dem Einfluß Gleichdenkender, dem verführerischen Zauber einer glänzenden freigeistigen Literatur, vielleicht auch durch einige ganz persönliche Erlebnisse, in denen der Glaube an eine Vorsehung Fiasko machte, gestalten sie sich kräftiger aus. Es paar ganz allgemeine Beweisgründe meist sehr billiger Art werden ersonnen oder erborgt, einige Fetzen aus der sogenannten wissenschaftlichen Weltanschauung zusammengerafft, um den logischen Bedürfnissen Genüge zu tun. Die religiöse Skepsis ist vollendet. Mit den Zweifeln der Moral, der Kunst, der Wissenschaft gegenüber steht es für gewöhnlich nicht anders. Der ethische, der ästhetische Skeptiker, wie er uns im gewöhnlichen Leben entgegentritt, hat die sittlichen und künstlerischen Probleme nach ihrem Umfang und ihrer Tiefe nicht durchdacht. Sein Skeptizismus hat ganz andere Ursachen. Bloß das Einatmen der geistigen Atmosphäre zu einer Zeit, in der die sittlichen und künstlerischen Werte in starker Wandlung begriffen sind, genügt, um ihn hervorzutreiben. Ratlos gegenüber dem Chaos einander widerstreitender Meinungen, erschöpft vielleicht vom heftigen Durchleben und enttäuschten Aufgeben der bedeutendsten unter ihnen, zuckt man nur noch matt die Achseln, wenn die eigenes Seele fragend an die Tore dieser Reiche pocht. Bei andern mögen schmerzliche Erfahrungen, der Trug eines Freundes, das Versagen der Kunst als Trösterin, als Erlöserin, den Ausbruch skeptischer Stimmungen veranlassen. Noch andere bekennen sich zu ihnen, weil es zum guten Ton einer schlechten Koterie [Kaffekränzchen - wp] gehört. Der Skeptizismus gegen die Wissenschaft hat nun ganz besonders reich verzweigte Quellen. Auch hier können trübe persönliche Erlebnisse, in denen etwa die Medizin ihren Dienst versagte, auch hier kann der Meinungsstreit in Grenzfragen, der zu gewissen Zeiten mehr als die Einigkeit innerhalb der Grenzen nach außen dringt, die Hauptrolle spielen. Dazu kommt die Abneigung gegen alles Harte, Herbe, Nüchterne, Besonnene, Bedächtige. Man erwäge, daß es hauptsächlich die Frauen sind, welche sich zur Wissenschaft skeptisch verhalten.

Dieser gesamte  Stimmungsskeptizismus  hat nun aber mit dem philosophischen Skeptizismus, den HEGEL einmal "ein gebildetes Bewußtsein" genannt hat, in der Art, wie und warum er zweifelt, kaum einen Verwandtschaftspunkt. Dieser verhält sich zu jenem wie SCHOPENHAUERs tiefsinnig begründeter Pessimismus zum Pessimismus eines Menschen, der in der Fülle des Reichtums das Genießen verlernte, oder zur trübsinnigen Lebensauffassung eines Mannes, der überall Schiffbruch erlitten hat.  Zwei  Punkte sind es vornehmlich, die hier den Gegensatz bezeichnen. Erstens hat es die Philosophie, insofern sie Wissenschaft ist, nicht mit dem Individuell- Einzelgültigen, sondern mit dem Gattungsmäßig- und Allgemeingültigen zu tun. Ihre Ergebnisse wollen sich die allgemeine Zustimmung, nicht die Anerkennung einzelner erzwingen. Und selbst da, wo die Möglichkeit allgemeingültiger Ergebnisse bezweifelt wird, bedient sie sich einzig, wie gerade das Vorgehen der Skeptiker beweist, solcher Sätze, die für allgemeingültig gelten, zur Begründung. Es interessiert den philosophischen Skeptiker so wenig, ob ein  bestimmter  Mensch dem Zweifel verfallen muß, wie es den Mathematiker interessiert, ob ein  bestimmter  Mensch den Inhalt eines sphärischen Dreiecks ausrechnen kann oder nicht! Der philosophische Skeptiker kann seine Zweifellehre demnach nicht über den  individuellen Lebenserfahrungen eines einzelnen Subjekts,  die immer nur einem individuellen Zweifel zur Basis dienen können, er muß sie über allgemein-menschlichen oder für allgemein-menschlich geltenden Eigenschaften aufbauen. Nun ist Zweifeln, Unentschiedensein, Nichtwissen eine Betätigung unseres Erkenntnisvermögens. Um also die Frage nach der Berechtigung, dem Gebiet, dem Umfang des Zweifelns zu entscheiden, muß der Philosoph die allen gemeinsamen Erkenntnisfunktionen auf ihre Leistungsfähigkeit hin untersuchen. Diese aber sind nichts anderes als die  Prinzipien der menschlichen Erkenntnis,  der Erkenntnis durch die Sinne, durch die logischen Axiome, durch das Selbstbewußtsein usw. Sie allein sind unabhängig von individuellen Lebenserfahrungen, von Ort und Zeit, von Temperamentslage, von Begabung. Bezweifelt somit der philosophische Skeptizismus im Gegensatz zum Stimmungsskeptizisus  grundsätzlich  die Möglichkeit aller oder bestimmter Erkenntnisse, so trennt er sich auf dem zweiten Punkt von jenem in dem Anspruch, notwendig oder doch wiederum durch Mittel, die für notwendig gelten, zu seinen Ergebnissen gelangt zu sein. Notwendig aber ist seine Zweifellehre nur dann erwachsen, wenn sie sich als die logische Folge aus triftigen Gründen erweist. Das heißt: der philosophische Skeptiker zweifelt im Gegensatz zum populären, der rhapsodisch und aphoristisch verfährt,  systematisch  und  methodisch.  So verschieden ist der philosophische Zweifler vom Stimmungsskeptiker, daß die beiden Typen trotz ihrer Übereinstimmung in den Endresultaten sich kaum verstehen würden; ich glaube nicht, daß ein Mann wie DAVID HUME und ein Vertreter der modernen Stimmungsskepsis einander viel zu sagen hätten.

Demnach wäre der allgemeine Begriff des philosophischen Skeptizismus dahin zu bestimmen:  der philosophische Skeptizismus ist die Verkündigung eines grundsätzlichen und methodischen Zweifels an der Möglichkeit menschlicher Erkenntnis; sei es nun, daß er als totaler Skeptizismus diese Möglichkeit für alle Gebiete bezweifelt, oder als partieller (immanenter, transzendenter) Skeptizismus nur auf große Hauptgruppen seine Zweifel einschränkt. 

Doch ist der philosophische Skeptizismus auch in einer Form aufgetreten, die sich den strengen Grenzen dieses Begriffs nicht durchaus fügt. Skeptische Denker nämlich haben, statt die Möglichkeit der Erkenntnis zu bezweifeln, gelegentlich die Unmöglichkeit der Erkenntnis behauptet. Dieser  Agnostizismus  oder  dogmatische Negativismus,  der den Verzicht auf Erkenntnis oder die absolute Negation zu seinem einzigen Dogma macht, dessen Dogmen nicht negierende Urteile über bestimmte objektive Verhältnisse, sondern dessen einziges Urteil die Negation aller Dogmen ist, steht dem Skeptizismus unendlich viel näher als dem Dogmatismus und verfällt damit gleichfalls einer dem Skeptizismus gewidmeten Untersuchung. Während der reine Skeptizismus die Wahrheit (Falschheit) aller oder gewisser Behauptungen bezweifelt, der reine Dogmatismus die Wahrheit (Falschheit) aller oder gewisser Behauptungen anerkennt, bezweifelt der dogmatische Negativismus die Wahrheit (Falschheit) aller oder gewisser Behauptungen bis auf eine; er steht also dem Skeptizismus noch weit näher als die Eins der Null näher steht als der Tausend. Denn wenn die dogmatisch geäußerte Negation nur die Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt betrifft, so ist die Wahrheit (Falschheit) jeder  bestimmten  Aussage (formaler, materialer Art) in Zweifel zu ziehen. KANT, der die Möglichkeit metaphysischer Erkenntnis gleichfalls dogmatisch verneinte, hat in seiner dritten und vierten Antinomie von solchen Zweifeln, die eine Beschaffenheit metaphysischer Objekte betreffen, das klassische Beispiel gegeben. Und so wird der dogmatische Negativismus dem philosophischen Skeptizismus ebenso entschieden einzugliedern sein, wie der negative Dogmatismus, aus dem irgendwelche Zweifel überhaupt nicht folgen, die entgegengesetzte Behandlung erfordert. (4) Der dogmatische Negativismus verneint die  Erkenntnis möglichkeit, der negative Dogmatismus, soweit er überhaupt für uns in Betracht kommt, d. h. mit der Skepsis verwechselt worden ist, die  Existenz möglichkeit einer bestimmten Sphäre. Das Entspringen grundsätzlicher Zweifel an jeder bestimmten Aussage über diese Sphäre ist das eine Mal eine Notwendigkeit, das andere Mal eine Unmöglichkeit.

Übrigens ist der dogmatische Negativismus in seiner dogmatischen Negation des Dogmatismus zwar erkenntnismuter, für alle anderen Urteile aber weit hoffnungsloser als der reine Skeptizismus. Dieser traut allerdings unseren Erkenntnisfunktionen gegenwärtig nicht einmal die Kraft zu, ein einziges wahres negatives Urteil zu fällen: der Mensch kann nichts erkennen; läßt aber wenigstens dadurch die Möglichkeit offen, in Zukunft jede beliebige Anzahl positiver wie negativer Dogmen zu erarbeiten. Der Agnostizismus also, auf einem Punkt dogmatisch, ist damit auf allen übrigen prinzipiell skeptisch; der reine Skeptizismus, auch in der Frage nach der Erkenntnismöglichkeit oder -unmöglichkeit skeptisch, versperrt gerade dadurch einem zukünftigen Dogmatismus nicht grundsätzlich den Weg.

Endlich ist noch von Wichtigkeit, daß  Intensitätsunterschiede  des philosophischen Zweifels dadurch entstehen können, daß nur die Möglichkeit völlig gewisser Erkenntnis oder auch die Möglichkeit wahrscheinlicher Erkenntnis bezweifelt wird. Der  radikale  wie der  gemäßigte  Zweifel geht nun nicht etwa mit dem totalen oder partiellen Hand in Hand, so daß die Extensitätsstufen einander entsprächen; sondern jede Art von Mischung ist hier denkbar und geschichtlich auch wirklich aufgetreten. Man kann also nur  einen  Unterschied seiner Einteilung zugrunde legen, den objektiven nach Zweifelsgebieten oder den subjektiven nach Zweifelsgraden, und hat dann die Pflicht, das andere Merkmal innerhalb des gewählten Rahmens zu berücksichtigen. Wenn wir der objektiven Gliederung den Vorzug geben, so geschieht es erstens, weil sie systematisch als die wichtigere erscheint - das Was der Erkenntnis, nicht deren Grad, ist für ein philosphisches Weltbild entscheidend -; und dann, weil sie der historischen Entwicklung besser entspricht. Der totale und der partielle Skeptizismus sind durch lange Zeitintervalle voneinander getrennt; der radikale und der gemäßigte entwickeln sich schon früh (in der pyrrhonischen und der akademischen Skepsis) durcheinander und miteinander.

Das wissenschaftlich-philosophische Interesse gebot, den philosophischen Skeptizismus gegen die Zweifelsarten des gewöhnlichen Lebens scharf abzugrenzen. Damit ist nicht gesagt, daß man auf den gewöhnlichen Stimmungsskeptizismus verächtlich herabzusehen, noch daß eine andere, der Philosophie ebenbürtige Erkenntnissphäre ihn gleichfalls von ihren Kreisen fernzuhalten habe. Gewiß gibt es Skeptikertypen, denen man noch zuviel Ehre antut, wenn man sie verachtet. Die Skepsis der frivolen, erfahrungsreichen Lebewelt, welche als unfaßbare Atmossphäre die Salons, die Theater und Schaustellungen, ja, man möchte sagen, selbst die Straßen der großen Städte durchzittert und in so manches Haus der besitzenden Klassen verführerisch hineinspielt - ist eine der widerwärtigsten und zugleich gefährlichsten Errungenschaften steigenden Wohlstands und sich verbreitender Aufklärung. Aber es gibt auch eine ernste und ernstzunehmende Stimmungsskepsis; und sie ist in unserer Zeit nicht selten. Es sind nicht die geistig Minderwertigen, die vor dem Streit der Meinungen, der heute auf allen Gebieten und gerade in allen grundsätzlichen Fragen herrscht, hilflos ihre eigenen Erkenntniskräfte zusammenbrechen fühlen. Wer von allen, denen ein scharfer Verstand die Probleme weist, ein feines theoretisches Gewissen die Lösungen prüft - wer von ihnen möchte in den großen Fragen der Ethik, der Kunst, der Metaphysik eine entscheidende Ansicht wagen außer dem gottbegnadeten Genie? Nur wenige haben Muße und Fähigkeit, methodische Erkenntniskritik zu treiben und zu untersuchen, ob die Gebiete, die dem einzelnen heute verschlossen sind, der Gattung ewig verschlossen bleiben werden. Auch ist in Wenigen der Sinn für die Menschheit und die Zukunft so stark entwickelt, daß ihnen bei der Verneinung dieser Frage der Glaube ein Trost wäre: die Zweifel, die das Wissen meiner Zeit nicht zu lösen vermag, werden hellersehende Menschen in fortgeschritteneren Zeiten zu klären verstehen. Und wie die Stimmungsskepsis aus dem Willen- und Gefühlsleben zum guten Teil entsprang, so wirkst sie auch wieder auf dasselbe bedeutsam zurück. Der frivole Zweifel führt zu Leichtsinn und zur regellosen Entfesselung aller Triebe; der ernste meist zu Schwermut und Willenslähmung. Indem auch das letzte Ziel, gegen das alle einzelnen Zwecke sich abstufen könnten, fehlt, weil es nicht erkennbar scheint, bewegt den Willen nichts Höheres mehr, das die Vernunft guthieße. Sie kann dem Willen keine Motive bieten, noch ein Lustgefühl, durch das ein Erstrebenswertes reizte, oder das auf Erreichtes folgte, sanktionieren. Vom strebenden Willen, der nach Zielen reiner Lust oder der Pflicht verlangt, wendet sich der skeptische Intellekt trauernd ab, machtlos, den Wunsch zu erfüllen. So entsteht jene tiefe skeptische Niedergeschlagenheit und Zerrissenheit, welche man unter der Jugend der europäischen Kulturländer in erschreckendem Maße beobachten kann. Von den Wissenschaften ist es die  Kulturgeschichte,  die einen solchen Vorgang in der sozialen Psyche zu behandeln hat, und es ist nicht wahrscheinlich, daß ein feinsinniger Kulturhistoriker die skeptische Stimmungsbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts wird umgehen können. (5) Weiter ist es vor allem die  Kunst,  welche sich dieser Erscheinungen liebevoll annimmt. Mit ihren Mitteln der Gefühls- und Stimmungsschilderung ist sie der geeignete Spiegel auch für die skeptische Seelendisposition des Individuums: die russischen und französischen Romanciers vor allen, seit einigen Jahren auch die Schriftsteller Italiens und Deutschlands, haben hier bereits in reichlichem Maße ihres Amtes gewaltet; es genügt, an die Namen DOSTOJEWSKI, TOLSTOI, BOURGET, MAUPASSANT, d'ANNUNZIO sowie an die jungdeutschen und österreichischen literarischen Schulen zu erinnern. Was für eine zeitliche Bewegung eine zeitliche Kunst, das hat für die allgemeinmenschlichen Äußerungen des Stimmungszweifels die große klassische Kunst geleistet. GOETHEs  Faust  und SHAKESPEAREs  Hamlet  steigen vor uns auf. Beidemal ist die Stimmungsskepsis zum  tragisch-pathetischen  Charakter gesteigert. FAUSTs Skepsis, wie sie uns aus dem großen Anfangsmonolog entgegentönt, ist eine totale und er verbrennt an ihr:
    Da steh' ich nun, ich armer Tor,
    Und bin so klug als wie zuvor -
    Und sehe, daß wir nichts wissen können,
    Das will mir schier das Herz verbrennen.
Dieser Skeptizismus ist die Frucht reicher Erfahrungen eines langen Lebens; daß FAUST "auch Philosophie" studiert hat, macht seinen Skeptizismus nicht zu einem philosophischen. Die faustischen Zweifel haben den heißen Lebensdrang und Tatendurst wohl zu verdrängen, aber nicht zu vernichten vermocht. So findet er noch die Kraft zur  Verzweiflung.  Wohl niemals hat sich skeptische Verzweiflung in solch grauenvoll erschütternder Art, in solch dröhnenden Akkorden entladen, wie im gewaltigen Fluch, mit welchem FAUST die Werte der Welt zerschmettert:
    "Fluch sei der Hoffnung, Fluch dem Glauben,
    Und Fluch vor allen der Geduld."
Das sind nur die Ausklänge davon. So beschaffen ist der Stimmungsskeptizismus, in dem man sich dem Teufel verschreibt. Als aber FAUST, "die kleine, dann die große Welt" in ihrer ganzen Fülle ausgekostet, hat er ein gut Teil seines Skeptizismus verloren. Er beginnt als totaler Skeptiker und endet als partieller, nämlich (wenn es erlaubt ist, trockene Begriffsschemata an ein lebendiges Kunstwerk heranzutragen) als immanenter Dogmatiker und transzendenter Skeptiker:
    "Der Erdenkreis ist mir genug bekannt,
    Nach drüben ist die Ausssicht uns verrannt,
    Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
    Sich über Wolken seinesgleichen dichtet.
    Er stehe fest und sehe hier sich um,
    Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm.
    Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen?
    Was er erkennt, läßt sich ergreifen" usw.
Ganz anders HAMLET. In HAMLET wirkt die Stimmungsskepsis wie ein schleichendes Gift, das langsam aber stetig auf alle aufkeimenden Willensentschlüsse herabträufelt. Man hat uns diesen rätselhaften Charakter durch geistvolle Hypothesen näher zu bringen versucht - man hat ihn als Pessimisten, als Neurastheniker [Nervenschwachen - wp], als Genie dargestellt - wir wollen keinen dieser Gesichtspunkte ganz verwerfen; aber vor allem ist HAMLET ein Skeptiker, dessen Zweifel nicht bloße Überzeugungen bleiben, sondern ihre lähmende Wirkung bis in die Gefühle und Wollungen, ja bis ins elementare Triebleben hinab erstrecken: "ich habe keine Lust am Weibe". - HAMLET fühlt und will sowenig eindeutig wie er weiß und erkennt. Ein solcher Charakter hat ansich noch keine tragische Größe. Aber nun tritt die Aufgabe an ihn heran: HAMLET soll wollen, HAMLET soll handeln. Er soll morden, soll den Vatermord rächen.
    "Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram
    Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam."
Schmach und Gram! Wir verstehen jetzt. Seine Skepsis ist HAMLETs tragische Schuld. Der französische Schriftsteller PAUL BOURGET hat tief gesehen, wenn er in einer Novelle die skeptische Strömung der heutigen Zeit als "Hamlétisme sentimental" bezeichnet. (6)

Wenn wir nun auch dem Stimmungsskeptizismus in den folgenden Seiten keine weitere Berücksichtigung mehr schenken dürfen, so wären diese doch niemals ohne jene Bewegung geschrieben worden. Denn wie die Philosophie ihre Probleme immer wieder am Leben zu revidieren und zum Teil aus diesem zu entnehmen hat, so fordert auch der jetzige Stimmungsskeptizismus als eine Kulturgewalt der eigenen Zeit die Philosophie dazu auf, die theoretische Skepsis erneut durchzudenken und durchzuprüfen. Das Ergebnis ihrer stillen Untersuchungen, die durch die Bedürfnisse des Lebens zwar angeregt, aber unabhängig von ihnen ausgeübt wurden, mag dann wieder vom Leben selbst irgendwie aufgenommen und zu veränderter Gemüts- und Handlungsweise verarbeitet werden. Das Problem ist einem großen Lebenskreis entnommen; möge seine Bearbeitung wenigstens durch einen kleinen Kreis auf das Leben zurückwirken!
LITERATUR - Raoul Richter, Der Skeptizismus in der Philosophie, Leipzig 1901
    Anmerkungen
    1) Daher folgt die Besprechung der einzelnen Definitionen des Skeptizismus, mit denen STÄUDLIN, Geschichte und Geist des Skeptizismus, Leipzig 1794, beginnt, am Ende dieses Buches.
    2) LUDWIG FEUERBACH, Werke VI, Leipzig 1848, Seite 291
    3) Mit den verschiedenen Bestimmungen werden wir uns im zweiten Hauptabschnitt dieser Untersuchung vorzüglich zu beschäftigen haben.
    4) Der eigentliche Pyrrhonismus war anderer Meinung. Er stellte skeptische, dogmatische, agnostische (die er nach ihren damaligen Vertretern akademisch nannte) als drei gleichwertige Hauptgattungen der Philosophie auf. das ist eine durchaus berechtigte Einteilung, wenn man allein die Stellungnahme zu einem einzigen, formalen, allgemeinen Satz (die Wahrheit ist erkennbar) im Auge hat. Dann stehen die drei Thesen: sie ist erkennbar, sie ist unerkennbar, es ist zweifelhaft, ob sie erkennbar oder unerkennbar ist, als die Devisen dreier möglicher Parteien einander gegenüber. Gruppiert man aber nach der Entscheidung aller übrigen, einzelnen, materialen Fragen, in der die Meinung über jeden beliebigen Erkenntnisstoff niedergelegt ist (gibt es kausales Wirken in der Natur, ist Gott mit der Welt identisch? usw.), so bilden sich nur zwei Lager, von denen das eine (positive oder negative) Behauptungen über die Existenz, die Beschaffenheit der Dinge aufstellt, das andere (aus agnostischen oder rein skeptischen Motiven) im Zweifel ausharrt. Dazu kommt, daß reine Skeptiker und Agnostiker in der Begründung ihrer Standpunkte ganz zusammengehen, bis schließlich der eine noch hinter das ganze System seiner Argumente ein Fragezeichen setzt, was der andere zu tun versäumt. Demnach übersehen sie in bekannter Philosophenweise über dieser kleinen Verschiedenheit die großen Gemeinsamkeiten.
    5) Es ist merkwürdig, wie in dieser Beziehung der Ausgang des 18. und 19. Jahrhunderts einander gleichen. Wenn man die Schilderung der damaligen Stimmungsskepsis bei STÄUDLIN (a. a. O. I, Seite 64f, 82 und 83) liest und vom zeitlichen Kolorit der Ausdrucksweise absieht, so hat man eine anschauliche Jllustration von dieser Verwandtschaft. Die Vorrede STÄUDLINs beginnt mit dem Satz: "Der Skeptizismus fängt an, eine Krankheit des Zeitalters zu werden, und - was eine seltene Erscheinung in der Geschichte ist - sich unter mehrere Stände zu verbreiten und seine Wirkungen im Großen zu äußern." Klingt das nicht, als wenn es heute geschrieben wäre?
    6) BOURGET, Un Scrupule, Vorrede: la maladie morale ... cet Hamlétisme sentimental, qui rend incapable d'une passion compléte, d'une volonté suive, d'un talent definitif. [das Krankheitsbild ... dieser sentimentale Hamletismus, unfähig zur völligen Leidenschaft, gefolgt von einem Willen zur definitiven Begabung - wp]