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JAKOB GRIMM
Über den Wert der
ungenauen Wissenschaften


"Die Philologen und Historiker stehen an Fülle der Kombination den gewandtesten Naturforschern nicht eben nach; ich finde sogar, daß sie den schwierigsten Wagstücken mutvoll entgegengehen, daß umgekehrt die exakte Wissenschaft einer Reihe von Rätseln ausweicht, deren Lösung noch gar nicht herangekommen ist. Oder kann sie uns zum Beispiel erklären, wie sich aus der Pflanze allmählich eine andere mit verschiedener Farbe und verschiedenem Duft entwickelt? Aber die Schüler, wenn die spitzen historischen Ergebnisse nicht selten unbemerkt an ihnen vorübergehen, bemächtigen sich viel leichter der physikalischen Lehre."

LICHTENBERG bring die Wissenschaften unter vier Klassen. In die erste stellt er die Ehre verleihen, in die zweite die Brot verleihen, in die dritte die Ehre und Brot verleihen, schließlich in die vierte die weder Ehre noch Brot verleihen. Sein Witz spielt aber in den Ausführungen. Die Brotwissenschaft ist auch nicht einmal seine eigene Erfindung, sondern ein lange vor ihm gangbarer Ausdruck, davon hergenommen, daß die, welche statt die Herde zu weiden oder zu pflügen ihren Gedanken nachhängen wollen, wohl einsehen, daß um ihr Brot zu essen, sie ein Amt auf sich zu nehmen haben, das ihnen Brot verleiht. Nach des Amtes glücklicher Erlangung begegnet es aber vielen, daß sie ihre wissenschaftlichen Gedanken wieder fahren lassen, und die Vorzeit war gewiß besser, wo noch niemand nach solchen Ämtern trachtete.

Man weiß auch, wie die Studenten auf der Universität unterscheiden: sie haben zweierlei Wissenschaft, solche die sie testiert erhalten müssen und andere wo das nicht notwendig ist; danach richtet sich dann ihre Neigung zur Annahme und zum Besuch der einzelnen Vorlesungen. Es ist aber viel freier und schöner diesen Unterschied zu verkennen, sich gehn zu lassen und blind in den Tag hinein zu studieren, dessen Licht genug augeneröffnende Kraft hat; rechte Wissenschaft gleicht dem Tag.

Aber auch auf diese falsche Unterscheidung wollte ich nicht eingehen, mich vielmehr hier an die von Franzosen aufgebrachte zwischen exakten und inexakten Wissenschaften halten, warum soll ich nicht lieber deutsch sagen? zwischen den genauen und ungenauen Wissenschaften. Zu den genauen werden bekanntlich die gerechnet, welche alle Sätze haarscharf beweisen: Mathematik, Chemie, Physik, alle deren Versuche ohne solche Schärfe gar nicht fruchten. Zu den ungenauen Wissenschaften hingegen gehören gerade die, denen wir uns hingegeben haben und die sich in ihrer Praxis so versteigen dürfen, daß ihre Fehler und Schwächen möglicherweise lange Zeit gelitten werden bis sie in einem steten Fortschritt aus Fehlern und Mängeln immer reiner hervorgehen: Geschichte, Sprachforschung, selbst Poesie ist eine allerdings ungenaue Wissenschaft. Ebensowenig Anspruch auf volle Genauigkeit hat das der Geschichte anheim gefallene Recht und einer Urteil der Jury ist kein Rechenexempel, sondern nur schlichter Menschenverstand, dem auch ein Irrtum mit unterläuft. Im Krieg hat den exakten Grundsatz die Artillerie zu vertreten, wogegen von der Kavallerie nicht verlangt wird, es mit dem Einhauen, wenn sie dazu kommt, genau zu nehmen.

Den genauen Wissenschaften schlägt noch etwas anderes zum Vorteil aus: sie lösen die einfachsten Urstoffe auf und setzen sie neu zusammen. Alle Hebel und Erfindungen, die das Menschengeschlecht erstaunen und erschrecken, sind von ihnen allein ausgegangen, und weil ihre Anwendungen schnell Gemeingut werden, so haben sie für den großen Haufen den größten Reiz.

Viel sanfter und zugleich viel träger ziehen die ungenauen Wissenschaften nach sich, es gehört schon eine seltenere Vorrichtung einzelner Naturen dazu, um sie an deutsche Geschichte oder an die Untersuchung der deutschen Sprache innig zu fesseln, während wir die Hörsäle der Chemiker und Physiker wimmeln sehen von einer dem Zeitgeist auch unbewußt huldigenden Jugend. Und doch stehen die Philologen und Historiker an Fülle der Kombination den gewandtesten Naturforschern nicht eben nach; ich finde sogar, daß sie den schwierigsten Wagstücken mutvoll entgegengehen, daß umgekehrt die exakte Wissenschaft einer Reihe von Rätseln ausweicht, deren Lösung noch gar nicht herangekommen ist. Oder kann sie uns zum Beispiel erklären, wie sich aus der Pflanze allmählich eine andere mit verschiedener Farbe und verschiedenem Duft entwickelt? Aber die Schüler, wenn die spitzen historischen Ergebnisse nicht selten unbemerkt an ihnen vorübergehen, bemächtigen sich viel leichter der physikalischen Lehre.

Doch genug der Nachteile sind hervorgehoben, denen wir unterworfen sind, ich will auch laut werden lassen, worin sich unsere Wissenschaft erhebt und allem Zeitgeist zum Trotz einer tieferen Wirkung zu erfreuen hat. Wir stehen viel fester auf dem Boden des Vaterlandes und schließen und inniger an alle heimischen Gefühle. Alle Erfindungen, die das Menschengeschlecht entzücken und beseligen, sind von der schöpferischen Kraft einer darstellenden Rede ausgegangen.

Der chemische Tiegel siedet unter jedem Feuer und die neu entdeckte mit einem kalten lateinischen Namen getaufte Pflanze wird auf gleicher klimatischer Höhe überall erwartet; wir aber freuen uns eines verschollenen ausgegrabenen deutschen Wortes mehr als des fremden, weil wir es unserem Land wieder aneignen können, wir meinen, daß jede Entdeckung in der vaterländischen Geschichte dem Vaterland unmittelbar zustatten kommen wird. Die genauen Wissenschaften reichen über die ganze Erde und kommen auch den auswärtigen Gelehrten zugute, sie ergreifen aber nicht die Herzen. Die Poesie nun gar, die entweder keine Wissenschaft genannt werden darf oder aller Wissenschaften Wissenschaft heißen muß, weil sie gleich der leuchtenden Sonne in alle Verhältnisse des Menschen dringt, die Poesie fährt nich auf brausender Eisenbahn, sondern strömt in weichen Wellen durch die Länder oder ertönt im Lied, wie ein dem Wiesental entlang klingender Bach; immer aber geht sie aus der heimatlichen Sprache und will eigentlich nur in ihr verstanden sein. Ich darf auch fragen, ob einer unserer Naturforscher Deutschland jemals so aufgebaut hat, wie es GOETHE und SCHILLER taten? Einer unter uns, der gestern etwas Kleines hervorheben mochte, daß ich einmal über die Poesie im Recht geschrieben habe, dessen Lieder längst im Mund des Volkes gehen, hat sich eben der altgesungenen Volkslieder mit so gewissenhaftem Bedacht und Fleiß angenommen, daß nun diese Sammlung wie ein vollendeter Saal in unserer Vorzeit steht und kommenden Geschlechtern überliefert werden wird. Ist es nicht schön, dieses Saals Bauherr zu sein? Zwei berühmte Geschichtsforscher, welche in unserem Kreis niedersitzen, wie mannigfach haben sie durch ihre Schriften das deutsche Gemüt erhoben; wie ist von einem anderen Freund mit tieferen Blicken als sie bisher getan waren in das innerste der Geschichte unserer Literatur eingedrungen worden, so daß ihre vorher auf wenige Leute eingeschränkte Kenntnis jetzt um sich zu greifen und tausende zu erfreuen beginnt. Auch die Sprachforschung darf sich einen geringen Teil dieses Ruhmes aneignen, weil sie es versuchte aus den deutschen Wörtern, denen man wenig grammatisches Feuer zutraute, Funken zu schlagen, und die einfachsten Beobachtungen im eigenen Haus zu halten an die, welche man längst gewohnt war fast nur fremden Stoffen abzugewinnen. Gelingt ihr einmal ihre Arbeit vollständiger, so wird sich auch da ein Hintergrund erheben, auf den das Vaterland mit Stolz zurückschauen darf, weil alle Denkmäler unserer Vorzeit nicht bloß die Gegenwart nähren, sondern auch in die Zukunft reichen sollen. Den großen Wert dieses in Sprache und Dichtung der Heimat ruhenden Besitztums müssen lebhaft die fühlen, welche sich seiner zu entäußern bewogen sind. Ich denke an deutsche Auswanderer, die schon zehn Jahre lang in ununterbrochenen Zügen nach Amerika überfahren; wäre nicht ausführbar und heilsam, daß Maßregeln beraten und beratene getroffen würden, um aucht unter ihnen an der neuen Stätte, die sie sich erwählen, althergebrachte Sprache und dadurch einen warmen Zusammenhang mit dem Mutterland zu bewahren? So blühte in den griechischen Kolonien die griechische Sprache und Literatur und so ist auch dem Nordamerikaner die ganze Fülle englischer Dichtung und Geschichte jederzeit offen geblieben, gleichsam als die des eigenen Altertums. Fortwährend, auch nach beider politischer Trennung, ruht die Stärke Amerikas im mütterlichen England. Kolonien heißen uns Pflanzungen, ja diese kräftige tief in Europa wurzelnde Pflanze hat ihren Samen über das weite Meer in die neue Welt fruchtbar entsandt. Unsere Naturforscher zählen die Blätter und Staubfäden zahlloser Kräuter, ordnen unendliche Reihen aller Geschöpfe: was ist aber erhebender und betrachtenswerter als das Wunder der Schöpfung, das sich über die ganze Erde ausbreitende Menschengeschlecht, das eine überreiche Geschichte seiner Entfaltuntg und seiner Taten aufzuweisen hat? Darf die Gliederun seiner gleichfalls in unendlichen Zungen und Mundarten gespaltenen Rede nicht noch mit stärkerer Gewalt an uns treten und unsere Wissenschaft auffordern als die glänzendste Entdeckung neuer Arten von Polythalamien und Bacillarien? Das Menschliche in Sprache, Dichtung, Recht und Geschichte steht uns näher zu Herzen als Tiere, Pflanzen und Elemente; mit denselben Waffen siegt das Nationale über das Fremde. Hierin liegt zugleich der einfache Schlüssel, warum, ohne den Erfolgen der tonangebenden Versammlungen deutscher Naturforscher und klassischer Philologen im geringsten nahe zu treten, unseren Zusammenkünften, freilich fast bloß in der Gegenwart eines deutschen Publikums, vorbehalten und verliehen sein dürfte, eine anhaltendere Teilnahme und Befriedigung hervorzurufen.
LITERATUR - Jakob Grimm, Über den Wert der ungenauen Wissenschaften, Kleinere Schriften, Bd. 7, Berlin 1884