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GIDEON SPICKER
S h a f t e s b u r y

"Shaftesbury  zeigt sich von einer ganz neuen und originellen Seite, indem er das Radikalmittel Humor und Satire als Maxime in Moral und Religion einzuführen versucht. Alles Fanatische in der Religion und alles Pedantische in der Moral möchte er dem Gespött und Gelächter Preis geben, weil dies der beste Prüfstein ist, das Wahre vom Falschen, das wirklich Ernsthafte vom bloß Scheinbaren und Lächerlichen zu trennen, zumal ja Wahrheit und Tugend niemals dem Spott ausgesetzt ist, ohne sich selbst wieder dadurch lächerlich zu machen."

"Höchst bezeichnend für den jämmerlichen Zustand der englischen Bühne ist es, daß jetzt die weiblichen Rollen nicht mehr von Knaben, sondern von weiblichen Schauspielerinnen gespielt werden und daß die Dichter geflissentlich Sorge tragen, gerade die zügellosesten Verse Frauen in den Mund zu legen. Nichts bereitet den verderbten Zuhörern größeres Ergötzen, als grobe Zoten von einem schönen Mädchen deklamiert zu hören, von welchem man annahm, es habe seine Keuschheit noch nicht verloren."

"Das Kanzelgetöse von Leuten ohne allen Geschmack, feine Bildung und Wissenschaft, ist das Unausstehlichste. Die hochmütigen und ohnmächtigen Deklamationen, das ewige Sichberufen auf Autoritäten, die heftigen Ausfälle gegen alles Neue auf religiösem und wissenschaftlichem Gebiet, der befehlshaberische Hofmeisterton, die willkürlichen und nutzlosen Schöpfungen neuer Dogmen und Geheimnisse, das Drohen und Fluchen gegen allen Zweifel und Widerspruch: all dies hat die Religion sehr verächtlich gemacht und uns einen unaustilgbaren Abscheu vor ähnlichen Privatgesprächen eingeflößt."

"Verachte nur Vernunft und Wissenschaft,
Des Menschen  allerhöchste  Kraft,
So hab ich dich schon unbedingt."

- Mephistopheles


§ 1. Sein Leben

"Shaftesbury,  beginnt H. HETTNER (1) in seiner trefflichen Literaturgeschichte, ist eine der bedeutendsten Erscheinungen des 18. Jahrhunderts. Alle größten Geistes dieses Zeitalters, nicht bloß die Engländer, sondern auch LEIBNIZ, VOLTAIRE, DIDEROT, LESSING, MENDELSSOHN, WIELAND und HERDER haben aus ihm die kräftigste Nahrung gezogen. Seine Reize sind ewig neu. Unsere Gegenwart tut sehr unrecht, ihn jetzt so völlig außer Acht zu lassen." Dagegen bezeichnet ihn H. LECKY (2) in seinem neuesten Werk als einen mit Recht vergessenen Schriftsteller, da sein Standpunkt bereits ein überwundener und seine Werke namentlich für unsere Zeit so trocken und ungenießbar wären. Allein dieses Urteil wird uns nicht beirren, zumal wenn wir bedenken, wie lange ein SHAKESPEARE von den Engländern selbst verkannt und erst von den Deutschen nach seiner ganzen Tiefe und Tragweite erfaßt und gewürdigt wurde. Keiner ist ein gerechter Richter in eigener Sache! HERDER, der ihn am meisten studiert und zum Teil übersetzte, hat SHAFTESBURYs Bedeutung, besonders in ästhetischer Hinsicht, am trefflichsten gezeichnet.
    "Ernst nahen wir", lauten seine Worte, "dem Schriftsteller, dem man Schuld gibt, daß er Scherz und Witz oder gar Spott zum Prüfstein der Wahrheit gemacht habe.  Shaftesbury  hatte das Glück in seinem elften Jahr die griechische und römische Sprache als lebendige Sprache zu erlernen, mithin in ihnen den Schriftsteller, den er las, lebendig mitzudenken. Ohne Zweifel gab diese Erziehung seiner Seele den Geschmack der Alten, der alle seine Schriften bis auf ihre süßen Fehler auszeichnet.  Xenophon  und  Plato, Epiktet  und  Marc Anton, Horaz  und  Lukian  waren seine wirklichen Jugend- und Lebensfreunde, ihm lebende Männer, nach denen er Philosophie und Moral, Geschmack und Vortrag, überhaupt seine Art, die Dinge anzusehen und zu beurteilen, formte. - Ernst war ihm also seine Philosophie, nicht Scherz; eine Bildnerin der Sitten, eine Führerin durchs Leben. Wo er sie nicht fand, vermißte er schmerzhaft seine Freundin, die bessere Lehrerin älterer Zeiten." (3)
ANTHONY ASHLEY COOPER, Graf von Shaftesbury, wurde am 26. Februar 1671 zu London im Haus seines Großvaters geboren. Wenn es wahr ist, daß Geburt und Verhältnisse den Menschen bestimmen, so ist die unseres SHAFTESBURY eine der glücklichsten zu nennen. Denn beides: Natur und Kusnt, hohe geistige Begabung und glückliche Familienverhältnisse trafen in der gewünschtesten Weise zusammen, um seinen Geist wie seinen Charakter zur herrlichsten Blüte zu entfalten. Als Enkel jenes berühmten und berüchtigten Staatsmannes und Großkanzlers Grafen von Shaftesbury, ein Freund und Gönner des Philosophen JOHN LOCKE, wurde er nach dessen pädagogischen Grundsätzen noch unter Aufsicht seines Großvaters erzogen. Auf des Philosophen Rat erhielt er als erste Lehrerin und Pflegerin die geistreiche Mistress BIRCH, eines Schullehrers Tochter, welche Lateinisch und Griechisch geläufig las und sprach und den jungen Grafen schon vor seinem zwölften Jahr zu gleicher Fertigkeit brachte. Dies war unstreitig nicht nur ein großer Vorteil, sondern auch, von entscheidender Wichtigkeit für sein ganzes Leben. Denn aus dieser frühzeitigen Bekanntschaft und Vertrautheit mit dem klassischen Altertum und seinen Sprachen hat er sowohl seine hohe Begeisterung als auch, man darf wohl sagen, einseitige und übertriebene Verehrung und Liebe für die Alten geschöpft. Dies bekundet er hauptsächlich dadurch, daß er fast gar keinen Sinn für die Lichtseiten des Christentums verrät und die wahrhaft großartigen und universelleren Schöpfungen der Neuzeit in Philosophie, Literatur und Wissenschaft vielfach verkennt.

Erst dreizehn Jahre alt kam er auf die Schule zu Winchester, hatte aber viel Unangenehmes wegen der politischen Umtriebe seines Großvaters von seiten der Lehrer und Schüler zu erfahren. Einer jedoch, Dr. HARRIS, nahm sich sehr angelegentlich seiner an und trug am meisten dazu bei, ihn vor dem eitlen Gezänk und der geistlosen Manier, in welcher damals die Philosophie vorgetragen wurde, zu bewahren und seinen freiheitsliebenden Sinn und das eigene Urteil immer weiter zu entwickeln. Nach einigen gelegentlichen Äußerungen scheint er hier denselben Eindruck bekommen zu haben, wie weiland GOETHE in Leipzig.
    "Es ist Ihr Glück, schreibt er seinem Freund, daß Sie sich in Ihren Erziehungsjahren so wenig um die Philosophie oder um die Philosophen unserer Zeit bekümmern. Ein guter Dichter oder ein ehrlicher Geschichtsschreiber kann einem Jüngling von Stand Wissenschaft genug darbieten. Und ein solcher, der diese Schriftsteller bloß zu seinem Vergnügen liest, wird mehr Geschmack an ihrer Gründlichkeit finden und sie besser verstehen, als ein Pedeant bei all seiner Arbeit und mit Hilfe seiner Bände von Auslegern. Ich weiß, daß man vor Zeiten die jungen Leute vom höchsten Stand den Philosophen zuschickte, um sie zu bilden. - Allein nach der Beschaffenheit gewisser Universitäten zu urteilen, scheinen sie dazu eben nicht viel beizutragen und nicht so glücklich zu sein, die jungen Leute zu einer echten Weltklugheit oder zu einer richtigen Kenntnis der Welt und Menschen anzuleiten." (4)
Schon nach drei Jahren verließ SHAFTESBURY deshalb die Schule wieder und begab sich mit Einwilligung seines Vaters auf Reisen nach Frankreich und Italien, um sich aus dem Buch des Lebens und der Natur Kunst- und Weltkenntnisse zu sammeln. Welche Bebungen der Wonne mögen den jungen Enthusiasten durchzittert haben, als er in das Land der Schönheit selbst eintrat, wo sich die großartigsten Meisterwerke der Malerei und Plastik in ihrer ursprünglichen Schönheit seinem kunstsinnigen Auge zur Betrachtung darboten! wo sich die hohe Antike in ihrer erhabenen Einfachheit und Würde, die Ideale, wie sie durch seine frühe Lektüre in seiner Seele gebildet wurden, in konkreter Gestalt entgegentraten! Eine vergangene Welt voll Herrlichkeit und auf deren Trümmern eine neue in noch üppigerer Fülle!

Seine eigenen Worte sollen uns bezeugen, was er  dieser Schule  zu verdanken hatte und mit welchem Ernst und Fleiß er seinen ästhetischen Sinn zu entwickeln und zu bilden strebte.
    "Einer, der nach dem Charakter eines Mannes von Erziehung und Welt strebt, sucht sein Urteil von Künsten und Wissenschaften nach richtigen Mustern der Vollkommenheit zu bilden. Wenn er nach Rom reist, so forscht er nach den besten Werken der Baukunst, nach den besten Überresten von Bildsäulen, nach den besten Gemälden eines  Raphael  oder  Carracci.  So veraltert, roh und häßlich sie ihm auch beim ersten Anblick vorkommen: er betrachtet sie über und über, bis er Geschmack daran findet und ihre verborgene Grazie und Vollkommenheit entdeckt." (5)
Er entschuldigt sich oft in seinen Werken, daß er so häufig zu den Regeln der Künstler, zu den Akademien der Maler, Bildhauer und zu den übrigen Kunstgenossen seine Zuflucht nimmt. Doch meint er hierin die Vernunft so gewiß auf seiner Seite zu haben, daß er, die Mode möge ihm noch so sehr entgegen sein, lieber zu diesen niedrigen Schulen seine Zuflucht nehmen will, als dahin, wo man vergeblich höhere Künste und Wissenschaften lehrt.
    "Ich bin überzeugt, daß, wenn man ein Kunsterfahrener ist, so weit es sich für einen Mann von Stand schickt, man einen größeren Schritt getan hat, ein Mensch von Tugend und Verstand zu werden, als wenn einer das ist, was man in unseren Zeiten einen Gelehrten nennt. Die ungebildete Natur selbst in ihrer ursprünglichen Einfalt ist eine bessere Führerin zur Vernunft als angebaute Sophisterei und pedantische Gelehrsamkeit. (6) - - - Kein Wunder, wenn es nach einer so fehlerhaften Erziehung so höchst nötig ist, daß wir uns in jener vortrefflichen Schule, die man die Welt nennt, umbilden und umstempeln lassen. Die bloßen Spiele der Leute aus der großen Welt sind lehrreicher als die tiefsinnigen Untersuchungen der Pedanten." (7)
Nach drei Jahren kehrte er wieder zurück und dem Neunzehnjährigen wurde eine Stelle im Parlament angeboten, die er jedoch ablehnte, um ganz der Philosophie und den schönen Wissenschaften zu leben (8). Fünf Jahre später wurde er ins Unterhaus gewählt, wo er mit großem Freimut und ohne einseitige Parteilichkeit seine politischen Grundsätze vertrat. Seine schwächliche Gesundheit erlaubte ihm jedoch nicht, nach dem Schluß des Parlaments, eine zweite Wahl anzunehmen. Er reiste nach Holland und hielt sich dort fast ein Jahr unter fremdem Namen auf, in freundschaftlichem Verkehr mit BAYLE und Le CLERC. Nach dem Tod seines Vaters wurde er 1699 an dessen Stelle ins Oberhaus berufen. Durch seinen Eifer für die Politik König WILLIAMs III. beim Ausbruch des spanischen Erbfolgekriegs erwarb er sich dessen Vertrauen so sehr, daß ihm dieser die höchsten Ehrenstellen anbot und zum Staatssekretär ernennen wollte. Aus Gründen, die ihn früher bestimmt hatten, keine weiteren Staatsämter zu bekleiden, lehnte er es ab. Als ihn später, nach der Thronbesteigung der Königin ANNA, die Ungunst der herrschenden Partei traf, zog er sich völlig von aller politischen Tätigkeit zurück, um sich ganz seiner schriftstellerischen Muse widmen zu können. Bis in sein 39stes Jahr war SHAFTESBURY unverheiratet. Jedoch hatte er schon früher eine entschiedene Neigung für eine Dame gefaßt. Da sich aber dieser Verbindung zu viele Hindernisse in den Weg stellten, vermählte er sich 1709 mit einer Verwandten, weniger aus Neigung als vielmehr dem Drängen seiner Freunde nachgebend (9). Indessen wurde seine Gesundheit immer schwächlicher und um dieselbe in einem wärmeren Klima besser pflegen zu können, ging er 1711 nach Neapel, starb aber dort schon nach zwei Jahren in seinem 42sten Lebensalter.


§ 2. Seine Werke

SHAFTESBURY hat verhältnismäßig wenig geschrieben. Zwei Briefe von ziemlich großem Umfang: "Über den Enthusiasmus"; die Abhandlung: "Über Tugend und Verdienst"; die "Moralisten" und als Ergänzung dieser Werke die "Miscellanien" nebst einigen Briefen, gesammelt in 3 Bänden (1709) unter dem Titel: "Characteristics of men, manners, opionion, times", bilden den ganzen Inhalt seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Die  Characteristics  sind in vielen Auflagen erschienen und in die meisten der gebildeten Sprachen übersetzt worden (10). Nach seinem Tod erschienen noch die von 1706-1710 an einen jungen Studierenden, AINSWORTH, der sich später dem geistlichen Stand widmete, geschriebenen Briefe (11). Sie sind das schönste Zeugnis, daß SHAFTESBURY das, was er in seinen Schriften gelehrt hat, auch selbst im Leben durch werktätige Liebe übte. Reinste Sittlichkeit, Wahrheitsliebe, edle Duldung und opferfreudigstes Wohlwollen atmet aus jeder Zeile. Sein Grundsatz, daß nicht bloß Geist, sondern auch eine wohlgeordnete Gemütsbeschaffenheit den Mann von guter Lebensart bildet und ebenso nicht nur Kopf, sondern auch Herz und Entschlossenheit zum wahren Philosophen gehört, findet hier seine glänzende Bestätigung.

Kern- und Mittelpunkt aller Schriften ist seine Untersuchung über "Tugend" und die daran sich anschließende "Rhapsodie". Erstere hatte SHAFTESBURY schon 1699 als neunzehnjähriger Jüngling geschrieben. Sie war ursprünglich nicht für den Druck bestimmt, nur seine Freunde besaßen einzelne Abschriften. Als aber einer von ihnen, TOLAND der Deist, ohne SHAFTESBURYs Wissen und Willen sie veröffentlichte, kaufte er die Exemplare wieder auf und gab sie nachher in der Gesamtausgabe in derjenigen Gestalt heraus, in welcher sie sich jetzt in den  Characteristics  findet.

Im Jahr 1708 erschien der Brief über den "Enthusiasmus" an den Minister SOMERS. ER wurde veranlaßt durch die Unruhen, welche einige Protestanten, von englischen Schriftstellern die "französischen Propheten" genannt, durch ihre fanatische Schwärmerei in einigen Provinzen hervorriefen. Die Regierung war schon im Begriff strenge Maßregeln gegen dieselben zu ergreifen, gab jedoch auf diesen Brief unseres Autors, der in der Strenge eher eine Vermehrung als Unterdrückung des Übels erkannte, nach. In diesem Brief (von einigen mit der humoristischen Persiflage der Puritaner und Independenten in BUTLERs  Hudribras  verglichen (12) hat SHAFTESBURY eine merkwürdige Kenntnis des menschlichen Herzens und eine seltene Belesenheit der altklassischen Literatur und Verständnis ihrer Philosophie und Religion an den Tag gelegt. Seit PLATO, an den er sich unmittelbar anschließt, hat keiner diese Leidenschaft so klar und gründlich erfaßt und ihr eigenstes Wesen durch eine Fülle von Tatsachen aus der Geschichte und Erfahrung entwickelt und bewiesen. Nicht umsonst hat er dieses Schriftstück absichtlich, gleichsam als Programm und Einleitung an die Spitze seiner Werke gestellt. Denn Moral, Kunst, Religion etc. leitet er aus dieser Leidenschaft ab, welche ihm nichts anderes ist, als die Vorstellung und Vergegenwärtigung des göttlich Wahren, Schönen und Guten, wie es uns allenthalben aus den Werken der Natur, Kunst und sittlichen Handlungen entgegentritt (13).

Eine weitere Entwicklung dieses Gedankens ist sein zweiter Brief: "Sensus communis oder über die Freiheit des Witzes und der Laune" (1709). Darin hat sich SHAFTESBURY von einer ganz neuen und originellen Seite gezeigt, indem er das sich bereits als wirksam bewährte Radikalmittel nämlich Humor und Satire, als Maxime in Moral und Religion einzuführen versucht. Alles Fanatische in der Religion und alles Pedantische in der Moral möchte er dem Gespött und Gelächter Preis geben, weil dies der beste Prüfstein ist, das Wahre vom Falschen, das wirklich Ernsthafte vom bloß Scheinbaren und Lächerlichen zu trennen, zumal ja Wahrheit und Tugend niemals dem Spott ausgesetzt ist, ohne sich selbst wieder dadurch lächerlich zu machen. Aus der Bibel und Religionsgeschichte will er sodann beweisen, daß eine heitere Welt- und Lebensauffassung die wesentlichere Seite des Christentums ist und wir im Ganzen  "a witty goodhumored Religion"  hätten (14). Wegen dieser Maxime ist er vielfach mißverstanden und angefeindet worden. Aber weit entfernt das Heilige mit VOLTAIREscher Frivolität zu bespötteln, hat er im Gegenteil gerade diese Partie mit großem Ernst behandelt und nur eine oberflächliche und gehässige Ansicht seines Lebens und seiner Werke kann ihn als einen geistreich-leichtsinnigen Spötter verurteilen. (15)

Als dritter und letzter Teil des ersten Bandes folgt das "Selbstgespräch oder Erinnerung an einen Schriftsteller" (1710). Dieser Traktat kann den besten Werken eines LESSING kühn zur Seite gestellt werden. Mit schneidender Schärfe und gründlichem Urteil wird hier Gericht gehalten über Schriftsteller und Literatentum überhaupt; dann über Fürsten und Mäzenaten, denen er nachdrücklichst empfiehlt und beweist, wie sehr es schon ihr  eigenes Interesse  verlangt, Künste und Wissenschaften nach Kräften zu unterstützen. Aber auch das Publikum erhält seinen Anteil. Mit Entrüstung und von einem glühenden Eifer durchflammt, geißelt er den "barbarischen Geschmack" hinsichtlich des Bühnen- und Modewesens und der Sittenverwilderung der damaligen Zeit.
    "Die Engländer spielen auf den Märkten und während der Zeit der öffentlichen Lustbarkeiten ihre plumpen Spiele und zeigen eine Behendigkeit und Geschmeidigkeit, deren kein anderes Volk unserer Zeiten fähig wäre (16). - - Die Fechtspiele und die anderen blutigen Schauspiele, die wir unserem Volk erlauben, verraten hinlänglich unseren Nationalgeschmack. Das Hetzen und Morden so vieler Gattungen von zahmen und wilden Tieren, bloß zum Vergnügen, beweist den außerordentlichen Hang, den wir für die amphiteatralischen Schauspiele haben und daß unsere Sitten mehr von Rom als von Griechenland entlehnt sind. - - Unsere Schauspieler entschuldigen zwar ihre niedrigen Zoten etc. damit, daß sie sonst niemals soviel Beifall fänden und dieser Beifall größtenteils von Damen abhängt. - - Ich weiß nicht, wie sie dies beim schönen Geschlecht verantworten können. - - Allein, ich muß selbst gestehen, daß ich mich oft gewundert habe, wenn ich sah, wieviel Behagen dieses ganze Geschlecht an unseren Kampfspielen fand." (17)
Ebenso empört spricht er von der Bühne, daß sie "im eigentlichsten Verstand ein Schauplatz des Tumults und Aufruhrs ist"; daß man sich in Zweikämpfen herumschlägt, scharenweise mit gezogenen Schwertern aufeinander losstürzt, sich verwundet, verbindet; daß in der Tragödie nichts gewöhnlicher ist, als Foltern und Galgen; daß man Rümpfe ohne Köpfe und Köpfe ohne Rümpfe zu Schau stellt. "Schöne Merkmale, ruft er aus, von unserer Verfeinerung!" (18) Er vergleicht deshalb das "Königliche Theater" geradezu mit "dem gemeinen Kampfplatz und Bärengarten" und ärgert sich nicht wenig, daß solche Abscheulichkeiten unter einer "christlichen Nation" gleichgültig erlaubt und geduldet werden, als ob diese dem Interesse der Religion und Humanität auf keine Weise nachteilig wären. Darüber höre man von den Pfaffen keine Klagen.  "Keine Versammlungen, wären sie auch von der barbarischsten und abscheulichsten Art, sind, wie es scheint, den frommen Eiferern so verhaßt und ärgerlich wie Religionsversammlungen von anderem Zuschnitt als ihre eigenen." (19)

Dasselbe Urteil fällt er auch in Bezug auf Bildung und Geschmack in den schönen Künsten.
    "Es tut mir leid, daß ich es sagen muß, aber es dünkt mich gewiß, daß es im Ganzen genommen um den Geschmack in Sachen des Witzes und der schönen Wissenschaften nicht viel besser steht als um unsere Bühne."
Wie gerecht und richtig SHAFTESBURYs Urteil hierin ist, mögen einige Stellen aus dem Werk des berühmten Literaturhistorikers, auf dessen treffliche Charakteristik der Sitten und Zustände dieses Zeitraums wir hier vorzugsweise aufmerksam machen, beweisen (20).
    "Das Lustspiel war der getreue Spiegel und Abdruck seiner Zeit. Es war nur darum so ganz entsetzlich ausschweifend und sittenlos, weil die ganze Zeit so ausschweifend und sittenlos war. Das England der Restauration ist von einer Verderbtheit und Liederlichkeit, daß man fast versucht sein möchte, das Frankreich  Ludwigs XIV.  und der Regentschaft im Vergleich mit ihm beneidenswert unschuldig zu nennen. - - Was das Schlimmste ist, wir haben hier (im Lustspiel) nicht die gesunde sinnliche Derbheit, die auch in  Aristophanes  und  Shakespeare  oft zu den dreistesten Wagnissen schreitet, sondern das prickelnd und beizende Raffinement herzloser Absichtlichkeit. Der Gentleman, wie er sein soll, sagt  Addison,  ist nach den Darstellungen des englischen Lustspiels ein Man, der mit den Frauen anderer Männer gewöhnlich auf sehr vertraulichem Fuß lebt, gegen seine eigene Frau aber völlig gleichgültig ist; und die Frauen, die wahrhaft feine Weltdamen sein wollen, sind ein Gemisch von geistreichem Witz und perfider Falschheit. Jeder feine Mann ist ein Wüstling und jede feine Frau ist eine Kokotte."
Der König selbst war über alle Maßen sinnlich und ausschweifend. Als der Graf SHAFTESBURY - der Großvater unseres edlen Lords - eines Tages in das Zimmer des Königs trat, rief ihm dieser scherzend entgegen: "Siehe, da kommt der Liederlichste unter allen Untertanen"; SHAFTESBURY verneigte sich tief und erwiderte: Ja, Sire! unter den  Untertanen."  MACAULAY sagt in seiner englischen Geschichte betreffs der Hofunsittlichkeit und Gottesgnadensünder:
    "Der König und alle seine Großen lebten nur in den leichtfertigen Intrigen der Hoffräulein, die entweder schon Maitressen waren, oder doch die höchste Ehre und ihr ganzes Streben darein setzten, es sobald wie möglich zu werden."
Und wie der Hof so war mit wenigen Ausnahmen das Volk.
    "Der gesellschaftliche Umgangston war so gemein und rücksichtslos - daß eine Dame von höchstem Rang in einer Theaterloge mit dem Lustspieldichter  Congreve  laut ein Gespräch führte, das heutzutage kein Mann im traulichsten Zusammensein sich erlauben würde."

    Höchst bezeichnend für den "jämmerlichen Zustand der englischen Bühne" ist es, daß jetzt die weiblichen Rollen nicht mehr von Knaben, sondern von weiblichen Schauspielerinnen gespielt wurden und daß die Dichter geflissentlich Sorge trugen, gerade die zügellosesten Verse Frauen in den Mund zu legen. "Nichts bereitete den verderbten Zuhörern", sagt MACAULAY, "größeres Ergötzen, als grobe Zoten von einem schönen Mädchen deklamiert zu hören, von welchem man annahm, es habe seine Keuschheit noch nicht verloren." (21)
Doch SHAFTESBURY verzweifelt nicht an einer besseren Zukunft. Er hält die englische Bühne "der höchsten Verbesserung" fähig, sowohl wegen des gegenwärtigen Genies der Nation, als auch wegen der  "reichen Fundgruben"  ihrer früheren Dichter. Gerne räumt er dem britischen Geist das ein, was HORAZ vormals dem römischen einräumte:

"Nature sublimis acer:
Nam spirat Tragicum satis et feliciter audet." (22)

[von Natur aus hochtrabend und ernst;
denn das Tragische atmet man reichlich und mit Glück wagt man sich daran.]

Aber freilich müßten die Dichter und Schriftsteller vorerst mit sich selbst anfangen.
    "Es ist gewiß, daß wir nicht solche Goten und Barbaren sind, als sie vorgeben. Wir sind von Natur kein schlechter Boden; wir haben musikalische Anlagen, die man zum großen Teil anbauen könnte, wenn diese Herren sich in ihren Werken nur als Meister zeigen wollten."
Außer einigen rühmlichen Versuchen, die man in den letztverflossenen Jahren mit ziemlichem Erfolg gemacht hat, hätten sie auch ältere Proben von der Neigung der Nation für das Moralische und Unterrichtende. "Unser alter dramatischer Dichter  Shakspeare  mag für unser gutes Ohr, für unseren männlichen Geschmack zeugen." (23) Nicht von Kanzeln oder Kathedern erwartet SHAFTESBURY die Verbesserung des Geschmacks im Sittlichen und Ästhetischen, sondern von der Bühne.
    "Diese ist der Sammelplatz und die vornehmste Unterhaltung unserer besten Gesellschaften, und aus ihr werden aller Wahrscheinlichkeit nach unsere Jünglinge ferner ihre Begriffe von Sitten und ihren Geschmack im Leben schöpfen, zumindest unmittelbarer und natürlicher als aus den Vorträgen und Deklamationen eines ernsthafteren Theaters." (24)
Es würde elend um die Menschheit stehen, wenn man den Herren, welche die Geschäfte der Religion in Händen haben, alle Unterweisung in Bezug auf Sitten und Umgang anvertrauen würde.
    "Man kann die Bühne so gut Tugend predigen lassen wie die Kanzel. Der Gebrauch des Witzes und der Laune kann ebenso nützlich sein, wie der Gebrauch des Ernstes oder der Feierlichkeit; die Anwendung der gesunden  Vernunft  ebenso Frucht bringen wie die erhabenste Offenbarung." (25)
Der zweite Band enthält die bereits erwähnte Untersuchung über die Tugend und die "Moralisten", eine philosophische Unterredung über Gegenstände der Natur und Moral. Hier hat er seine höchste Meisterschaft sowohl in der methodischen als auch dialogischen Darstellung bekundet. Im ersten Traktat sucht er hauptsächlich die aristotelische Schreibweise nachzuahmen, deren Hauptnerv und Spannader vor allem in der deutlichen Absonderung und Teilung der Gegenstände besteht. So wenig Erhebendes auch in dieser Manier zu sein scheint, so sei sie doch ihrer Natur nach mächtig und gebietend und befestigt die Seele mehr als jede andere in ihren Entschlüssen und Grundsätzen (26). Das Andere ist ein Versuch des platonischen Dialogs, den er allenthalben so sehr empfiehlt und als die vorzüglichste aber auch schwierigste Art, Menschen und Sitten zu schildern, betrachtet (27). Weit entfernt mit Methode zu prahlen, sucht diese die Kunst soviel als möglich zu verbergen und bloß die Wirkungen der Kunst unter dem Schein der größten Leichtigkeit und Nachlässigkeit an den Tag zu legen. So tief und erhaben der Inhalt beider Abhandlungen ist, so hat er doch weder in der einen noch in der anderen Methode seine Vorbilder erreicht. Ebenso wahr wie schön sagt HETTNER in dieser Beziehung (28):
    "Trockene Systematik widersteht  Shaftesburys  plastischem Geist. Am liebsten, weil am meisten das wirkliche Leben zu künstlerischer Schönheit verklärend, ist ihm die Form der platonischen Dialoge. Doch weiß er das, wie er selbst mehrmals ausspricht, unser heutiges geselliges Leben für sokratische Unterhaltungen zu flach und schönheitslos ist, und daß weder Maler noch Dichter noch vollends gar der Philosoph andere Farben auftragen darf als Natur und Wirklichkeit ihm bieten. Daher wählt er, mit Ausnahme seines strenger gehaltenen Versuchs über die Tugend, meist den freien Erguß des Briefes oder der schweifenden Rhapsodie und versteht diese Form mit so meisterhafter Klarheit und das dasselbe heißt, mit so wahrhaft künstlerischer Ironie zu beherrschen, daß wenn  Herder  von den "Moralisten"  Shaftesburys  sagt, sie sei eine Schrift in der Form beinahe des griechischen Altertums würdig, ihrem Inhalt aber nach denselben überlegen, dieses stolze Lob in der Tat nicht bloß dieser vollendetsten Schrift  Shaftesburys,  sondern allen seinen Schriften ohne Unterschied zukommt."
Der Inhalt dieses philosophischen Romans ist "der dithyrambische Preis der urewigen Schönheit, die durch die ganze Welt geht und alle scheinbaren Dissonanzen zu einer tiefen volltönigen Harmonie auflöst." Die Fülle der Gedanken in durchsichtiger Klarheit, die Mannigfaltigkeit in Stil und Komposition, die Gewandtheit der Sprache, die abwechselnd bald zum höchsten lyrischen Schwung sich erhebt, bald in der schärftsten Dialektik und Gedankenzergliederung sich ergeht; bald wie eines Stromes Wogen majestätisch dahinflutet, bald wie ein sonniger Bach durch der Matten üppiges Grün einherschlängelt; hier in heiteren Sprüngen über Kiesel plätschert, dort mit Zornestoben über Abgründe sich wegstürzt: diese formellen wie inhaltlichen Vorzüge machen die Rhapsodie zu einem der herrlichsten Geistesprodukte der englischen Literatur. Kraft dieses Werkes hält er sich selbst für "einen Dichter in gehöriger Form" und glaubt, daß er offenbar einen größeren Anspruch auf diesen Namen hat, als wenn er ein Schauspiel oder Drama nach dem Muster derjenigen geschrieben hätte, welche bis heute auf der Bühne erschienen sind. Dieses Selbstgefühl von Verdienst wird ihm wohl Niemand bestreiten können. Dichter und Denker haben ihre schönsten Gedanken aus ihm geschöpft. So POPE in seinem  Versuch über den Menschen;  THOMSON in den "Vier Jahreszeiten"; HERDER in seinem begeisterten Naturhymnus. Unter den Philosophen hat der tiefste und allseitigste dieses Jahrhunderts, LEIBNIZ, seinen größten Gedanken,  die Idee von der besten Welt,  mit SHAFTESBURY gemein. Wie es sich jedoch mit der Priorität hierin verhält, wage ich nicht zu entscheiden. Gewiß ist, daß SHAFTESBURYs  Rhapsodie ein Jahr vor  der LEIBNIZschen  Theodicee  erschien. "Ein Philosophe, ein englischer Philosophe," sagt hierüber LESSING, "welcher Dinge gedacht hat, die  Leibniz  erst ein ganzes Jahr nachher gedacht zu haben zeit, sollte dieser von dem Letztern nicht wenig sein geplündert worden?" (29) Ich sollte aber doch meinen, LEIBNIZ wäre erfinderisch genug gewesen, um selbst auf diesen Gedanken zu kommen. Wie dem auch sei, eigentümlich bleibt es jedenfalls, daß ihm sowohl hinsichtlich seines  philosophischen,  wie  mathematischen  Hauptgedankens das Prioritätsrecht streitig gemacht wurde. Entweder erwacht der Geist am Geiste, der von  außen  zu ihm spricht, oder es winken sich die Weisen aller Zeiten.

Alle wichtigen Fragen, welche die größten Geister seines Jahrhunderts und seit der Reformation auf das Lebhafteste erregten und bewegten, kommen darin zur Sprache. Vor allem das Verhältnis Gottes zur Welt; der sogenannte Naturzustand des Menschen; sein Wesen, seine Bestimmung und sein höchstes Gut; dann insbesondere der Ursprung des physisch und moralisch Bösen, worüber CUDWORTH (30), LEIBNIZ (31), KING (32) eigene Werke schrieben und BAYLE und Le CLERC in den heftigsten Streitschriften all ihren Scharfsinn und Wissen aufboten. Man wird hieraus das Interesse begreifen, welches man allgemein an unserem Autor nahm. Zumal wenn wir noch die Schönheit der Form, in welcher diese Gedanken auftreten, in Anschlag bringen, die jedoch weniger von den griechischen als von den lateinischen Klassikern entlehnt war. Ohne Zweifel würde der hochbegeisterte Schüler PLATOs seinem Ideal näher gekommen sein, wenn er nicht zuviel seiner Zeit Rechnung getragen hätte.
    "Man sieht, bekennt er in einer Art Selbstkritik, daß unser Autor, so hoch er auch als Kritiker die geläuterte Manier und edle Simplizität der Alten gern treiben möchte, es doch nicht wagt für sich selbst und in seinem Hauptwerk die Philosophie in ein festes und gleichförmiges Gebäude zu verbinden und sein Argument in einer zusammenhängenden Kette fortzuführen."
Er findet, wie wir unten sehen werden, solche Materien soweit entfernt von unseren gewöhnlichen Unterhaltungen in Gesellschaften, so gänzlich in die Schulen, aufs Katheder und auf die Kanzeln eingeschränkt, daß er es kaum für tunlich hält, sie an einem anderen Ort, oder in einem anderen Ton abzuhandeln. Er fühlt sich daher gezwungen, "besondere Maschinen zu gebrauchen und seinen Hauptpersonen einen gezwungenen Charakter zu geben, damit sie einen annehmlichere Figur spielen und ihn vor dem Schein der Pedanterie sicher stellen." (33) Was übrigens die Charaktere und Begebenheiten dieses Romans betrifft, so sind sie, sagt er, weder ganz erdichtet noch ganz wahr, sondern der Freiheit des Dialogs gemäß ist die Hauptsache auf Wahrheit gebaut und das Übrige ihr so ähnlich wie möglich.

Der dritte Band endlich ist gewissermaßen ein kritischer Kommentar und zugleich eine Ergänzung seiner Werke. Hier namentlich hat er seine religösen Ansichten, welche man nebst SPINOZAs theologisch-politischem Traktat füglich als die Grundkeime unserer heutigen Bibelkritik, wie sie durch REIMARUS, LESSING, KANT und durch die Tübinger Schule weiter entwickelt wurde, betrachten kann. Er gewährt uns darin den schönsten Einblick in die geheime Werkstätte seines Geistes und zeigt, wie eifrig er sich mit allen Religionsproblemen beschäftigt, kritisch deren geschichtliche Entwicklung verfolgt und überall den wahren und ewigen Kern von der Schale zu trennen gesucht hat.

Wir haben also einen Autor vor uns, der gewiß unser vollstes Interesse verdient. Sein Leben wie seine Schriften zeigen uns einen edlen, im höchsten Grad gebildeten Mann, von reinstem Charakter und feinsten ästhetischen Gefühlen. Freiheit und Wissenschaft waren die beiden Hauptleidenschaften, die ihn zeitlebens beseelten; Natur, Kunst und Philosophie die Gegenstände, aus welchen er seine tiefe Begeisterung schöpfte; und das klassische Altertum, das große Buch der Welt und Selbststudium die ewigen Quellen, denen er seine allseitige und gründliche Bildung verdankte. Gesegnet sei und deshalb das Andenken eines Mannes, der durch Wort und Tat, durch Leben und Lehre so kühn und kräftig in die Kämme des großen Weltrades eingriff und als ein gewaltiges Ferment im stetigen Entwicklungsprozeß der Menschheit wirkte.


§ 3. Seine Gegner

Als seine Gegner haben wir unter den Literaten vor allem seinen Antipoden MANDEVILLE, und dann selbstverständlich die meisten der orthodoxen Theologen und puritanischen Frömmler zu verzeichnen. MANDEVILLEs "Bienenfabel" erschien 1708 zu London und war hauptsächlich gegen SHAFTESBURYs optimistische Weltansicht und eudämonistische Tugendlehre gerichtet. Als Hauptthema stellt er darin den Satz auf, daß die Laster der Einzelnen zum Vorteil des Ganzen gereichen.
    "Das Laster ist für die Blüte des Staates ebenso notwendig wie der Hunger für das Gedeihen des Menschen. Es ist unmöglich, daß die Tugend allein ein Volk glücklich und ruhmreich macht. Wollen wir zurückkehren in das goldene Zeitalter der Unschuld, so müssen wir auch darauf gefaßt sein, wieder von wilden Eicheln zu leben, wie einst unsere ehrbaren Urväter."
In einer späteren Abhandlung und Erweiterung dieser Grundgedankens wirft er SHAFTESBURY sogar vor, daß seine Tugendlehre in letzter Instanz unmoralisch ist, und, wenn sie treu befolgt würde, entsittlichend wirken müßte. SHAFTESBURY bezeichne die Tugend nur als die Übereinstimmung der selbstsüchtigen Neigungen mit den Forderungen des Allgemeingefühls; aber diese Bildung der selbstsüchtigen Neigungen zum Schönen und Guten könne immer nur das ausschließliche Eigentum gewisser bevorzugter Klassen sein. Die Philosophie SHAFTESBURYs sei nur die Philosophie des Gentleman. Mit dieser Ansicht stimmt HETTNER vollkommen überein (34). Eine solche Ästhetik der Sitte könne naturgemäß nur "das Vorrecht feinerer Seelen sein." Mit vollem Recht, sagt er, mache MANDEVILLE geltend, daß, wolle man von einer allgemein bindenden Kraft der Tugend sprechen, diese vielmehr in der  Selbstüberwindung,  in der  Unterdrückung der angeborenen Neigungen  bestehe. Er habe mit einem Wort, trefflich hervorgehoben, daß die Tugend nicht bloß ein Glück, sondern unter Umständen auch eine Pflicht sei. Derselben Ansicht ist auch SCHLEIERMACHER (35) und zum Teil EDUARD ERDMANN (36). Nun hat aber SHAFTESBURY gerade das, was diese hier tadeln und fordern, mit ausdrücklichen Worten selbst gelehrt:
    "Die Vollkommenheit der Tugend entsteht durch  lange Kunst  und mühsame Behandlung,  Selbstbeherrschung  und gleichsam  gewalttätigen Zwang der Natur." 
Ferner bezeichnet er den tugendhaften Mann als ein  "neues und künstliches"  Geschöpf.
    "Solch ein Geschöpf ist der wahrhaft vollkommene Mann wirklich. Seine Kunst, so natürlich sie auch ansich ist, so richtig sie auch in Vernunft und Natur gegründet sein mag, ist doch eine Vervollkommnung, die weit über das  gemeine Gepräge oder den bekannten Charakter  der Menschen hinausgeht."
Stimmt das nicht ganz mit der Lehre des Christentums überein: daß das Himmelreich Gewalt leidet, daß in  Christo  weder Vorhaut noch Beschneidung etwas gilt, sondern ein  "neues Geschöpf"  und daß viele berufen, aber wenige auserwählt sind? Was soll also der Vorwurf MANDEVILLEs, daß SHAFTESBURY die Tugend nur als die Übereinstimmung der selbstischen Neigungen mit der Forderung des Allgemeingefühls bezeichnet? Was kann er sich rühmen, daß seine Begriffsbestimmung der Lehre des Christentums näher steht, als die von SHAFTESBURY? Hat dieser mit obigem Satz etwas anderes gelehrt als das Christentum selbst? Ich will zwei Kernstellen aus SHAFTESBURY anführen und dann die Hauptgrundsätze der christlichen Auffassung damit vergleichen.
    1) "Die richtige Selbstliebe ist ohne Zweifel der Gipfel der Weisheit." (37)

    2) "Die natürlichen Neigungen (worunter er das Gegenteil von Selbstneigungen versteht, also Liebe, Freundschaft, Wohlwollen, Dankbarkeit etc.) sind das vornehmste Mittel und Erfordernis des frohen Selbstgenusses, das größte Gut und die höchste Glückseligkeit des Lebens." (38)
Also von der richtigen Selbstliebe, verbunden mit der allgemeinen Menschenliebe, hängt die höchste Weisheit und höchste Glückseligkeit ab. Nun lehrt PAULUS, daß das Gebot der Nächstenliebe alles enthält, was das Christentum fordert. Dieses Gebot aber heißt: "Liebe deinen Nächsten  wie dich selbst."  Ist hier nicht das  I C H  als Maßstab der Nächstenliebe aufgestellt? Ist es nicht gleich, ob ich sage:  wie du dich selbst liebst, so liebe auch  deinen Nächsten; oder liebe deinen Nächsten wie dich selbst? Daß sich das so verhält, wird folgende Bibelstelle bestätigen: "Alles was  ihr  wünscht, daß euch die Menschen tun sollen, das sollt auch ihr  ihnen  tun. Denn dies ist der Inhalt des Gesetzes und der Propheten." (39) Die "Selbstneigungen" und die "geselligen oder natürlichen Neigungen," wie sie SHAFTESBURY bezeichnet, stimmen also vollkommen mit der christlichen Selbst- und Nächstenliebe überein. Es findet zwar ein inniges Wechselverhältnis zwischen beiden statt, da eines durch das andere bedingt und bestimmt wird; aber der Ausgangspunkt und Maßstab der Tugend ist im Christentum wie bei SHAFTESBURY die  richtige Selbstliebe.  MANDEVILLE, HETTNER u. a. haben also fehl getroffen. Denn nicht hier steckt die Achillesferse von SHAFTESBURYs Theorie, sondern darin, daß in einem System, wonach alles in der Welt "vollkommen und gut" ist, noch von einem "gewaltsamen Zwang der Natur", von "unnatürlichen Neigungen", von einer "Seltenheit der Tugend"; die doch unsere Bestimmung und höchste Glückseligkeit ausmacht, und überhaupt von einem moralisch Bösen noch die Rede sein kann.

Trotz dieser völligen Übereinstimmung SHAFTESBURYs mit dem Christentum sind die Theologen gegen MANDEVILLE, der doch das Laster als das  bewegende Prinzip der menschlichen Wohlfahrt  preist, auffallend nachsichtiger, als gegen SHAFTESBURY. Ein Brief des Engländers ROBINSON gibt uns teilweise Aufschluß über diese sonderbare Erscheinung. (40) Derselbe schreibt:
    "Shaftesbury  hatte die  Tugend immer nur als liebenswürdig  und schön geschildert, während  Kant  und die meisten anderen Philosophen sie als etwas Erhabenes und Bewunderungswürdiges darstellen. Daher ist  Shaftesburys  Buch voll von den entzückendsten Ergießungen über den Wert und die Trefflichkeit der menschlichen Vernunft und des menschlichen Gemütes und er macht gar keinen Hehl daraus, daß das Licht des Menschen ihm höher steht als das Licht der göttlichen Offenbarung.  Mandevilles Bienenfabel  ist gegen diese Anschauungsweise gerichtet. Dieses Buch gemahnt mit seiner gehässigen Darstellung des menschlichen Wesens bereits an alle Gehässigkeiten der späteren französischen Schriftsteller. Aber wenn von den verschiedenen Religionsparteien die Schule  Shaftesburys  dennoch weit mehr Anfechtungen zu erdulden hatte, als  Mandeville,  so ist der Grund klar. Ist die menschliche Natur so, wie sie  Shaftesbury  darstellt, so ist die  Religion durchaus unnötig; Mandeville  dagegen stellt den Menschen als gefallen dar und zeigt daher nur umso nachdrücklicher die Notwendigkeit eines Erlösers."
Im Ganzen ist dieses Urteil vollkommen richtig. Nur ist zu bemerken, daß nach SHAFTESBURY wohl das Ziel der Tugend "liebenswürdig und schön" ist, nicht aber der Weg zu ihr. Denn dieser ist rauh und dornig, ein stets währender Kampf. Auch ist ihm "die Religion nicht durchaus unnötig;" im Gegenteil: "Die höchste Vollkommenheit der Tugend", wie er selbst sagt, "beruth auf dem Glauben an einen Gott."


§ 4. Seine Urteile über
die Geistlichkeit
(41)

Was uns einen noch tieferen Einblick in das Verhältnis unseres Philosophen zu den Theologen gewährt, das sind erstens seine  persönlichen  Ansichten und Äußerungen über dieselben; und zweitens seine systematischen Gründe gegen die kirchliche Dogmatik. Das Erste, was er ihnen zum Vorwurf macht, ist ihr Unduldsamkeit. Bei dieser Streitsucht, dieser Wut religiöser Herausforderer und ihrem stolzen Trotzbieten, sei es ganz und gar unmöglich, eine vernünftige und maßvolle Unterredung mit ihnen anzustellen. Die bloße Miene der Mäßigung und Toleranz sei ganz aus der Mode gekommen.
    "Sie sind so weit entfernt irgendeinen Skeptiker oder Forscher, wäre er auch noch so behutsam und bescheiden, zu dulden, daß sie's zum höchsten Verbrechen machen, nur einen Grund ihrer Gegner anzuhören oder irgendetwas zu lesen, was zur Widerlegung ihrer besonderen Behauptung geschrieben ist."
Während sie sich in ihren Schmähungen und Heftigkeiten maßlos auslassen, verlangen sie, daß wir geringeren Sterblichen uns bloß leidend verhalten und ganz bestürzt und erstaunt ihren dogmatischen Streitigkeiten von fern zusehen und blindlings den Ausgang und die Entscheidung des Streites abwarten sollen. Nicht genug!
    "Man fordert von uns auch noch, wir sollen mitten unter diesem unversöhnlichen Kampf über  himmlische Autorität und Gewalt  von der Wahrhaftigkeit irgendeines besonderen Prätendenten [Anspruch erhebenden - wp] ebenso gewiß überzeugt sein, wie von der Falschheit und dem Betrug aller übrigen."
Voll von Ironie sind seine oft wiederkehrenden Versicherungen, daß er nichts gegen seine geistlichen Obern, nichs gegen die Offenbarung und ihre heiligen Geheimnisse habe. Ja dieses köstliche Bewußtsein, auch nicht einmal nur ein "Geheimnis" genannt zu haben, sei sein größter Trost und seine ganze Stärke. Wenn aber dessen ungeachtet die hochwürdige Geistlichkeit ihn schmäht, seinen Charakter und seine Person verdächtig, so möge sie nur fortfahren in ihren Invektiven [beleidigende Äußerungen - wp] und sich dieser Art von Sprache in aller Freiheit bedienen, die ihre gute Lebensart und christliche Liebe, deren Verletzung bei ihnen etwas ganz gewöhnliches sei, ihnen verstatte. - - Sie mögen ihn Ketzer, Skeptiker oder Atheist nennen: all dies werde ihm nicht im geringsten ärgern, solange es aus  ihrem  Mund über ihn kommt. Im Gegenteil bekämpfe er vielmehr sich selbst, um die Eitelkeit zu unterdrücken, die wegen einer solchen ihm erwiesenen Gunst natürlich in ihm aufsteigen möchte.
    "Denn was man mir auch im Grunde durch eine solche Behandlung zugedacht haben mag, so kann ich's doch unmöglich anders als Gunst nennen, da es  gewisse Feindschaften  gibt, welche verdient zu haben immer für eine wahre Ehre angesehen werden wird. " (42)
Am meisten widert ihn das Katechisieren und Moralisieren auf Kathedern und Kanzeln an. Diese Materien würden von ihnen auf eine Weise behandelt, "daß wohlgezogene Leute sich vor ähnlichen Untersuchungen schämen müßten. (43) Das Kanzelgetöse, zumal von "Leuten ohne allen Geschmack, feine Bildung und Wissenschaft", sei das Unausstehlichste. Die hochmütigen und ohnmächtigen Deklamationen, das ewige Sichberufen auf Autoritäten, die heftigen Ausfälle gegen alles Neue auf religiösem und wissenschaftlichem Gebiet, der befehlshaberische Hofmeisterton, die willkürlichen und nutzlosen Schöpfungen neuer Dogmen und Geheimnisse, das Drohen und Fluchen gegen allen Zweifel und Widerspruch: all dies habe die Religion so sehr verächtlich gemacht und uns einen unaustilgbaren Abscheu vor ähnlichen Privatgesprächen eingeflößt. Diesen barbarischen eisenfresserischen Übermut zu dämpfen gebe es kein besseres Mittel, als daß sich der Staat ihrer überhaupt nicht mehr annehme; daß man sie der Lächerlichkeit Preis gebe und in der Religion statt der finstern und melancholischen, die heitere und witzige Seite herauskehre. Sei die Obrigkeit fest entschlossen, ihre Fasces [Machtsymbole - wp] bloß für ihr eigenes Gebiet zu behalten; höre sie einmal auf das dienstbar Werkzeug der Kirche, ihr Scharfrichter und Henkersknecht zu sein: dann hätten die Angriffe jener Zeloten all ihr Schreckliches verloren. Man erinnere sich unwillkürlich bei ihrem empörten Grimm und Groll an die Drachenköpfe an den Giebeln und Ecksteinen alter Gebäude.
    "Sie scheinen als Verteidiger dort aufgestellt zu sein; allein bei all ihren Grimassen tun sie doch den Leuten ebensowenig Schaden an, als sie dem Gebäude Nutzen bringen. Große Anstrengung des Zorns, die nichts hilft, erregt Scherz; übertriebene Wut bei völligem Unvermögen, bei gänzlicher Ohnmacht, ist der höchste Grad des Lächerlichen." (44)
Ebenso verkehrt wie dieses Predigeramt ist der Jugendunterricht. Den Katechismus betrachtet er als eine Nachäffung der altgriechischen Dialoge, nur mit dem Unterschied, daß jenes die kunstreichste, dieses die geistloseste Art sei zu unterrichten. Abgesehen, daß letztere eine bloße Gedächtnistortur ist, sei es zugleich auch das Unvernünftigste, ein Kind mit den schwierigsten Gegenständen der Metaphysik, wie: Dreieinigkeit, Substanz, Einfachheit, Geist etc. zu belästigen. Kein Wunder, wenn wir nach einer so gelehrten Kindheit später nie mehr auf diese Fragen zurückkommen, teils aus Gedankenlosigkeit, deren Pflege solchen Unbegreiflichkeiten so sehr zustatten kommt, teils aus Absehen vor der scholastisch-pedantischen Methode. (45) - Schließlich noch ein Wort über die theologische Literatur oder über die die Pseudo-Asketiker, "die weder mit sich noch mit dem Himmel wahren Umgang pflegen können." Diese Bücher, sagt SHAFTESBURY, heißen zwar nach der gewöhnlichen Redensart  gute Bücher.  Ihre Verfasser sind aber gewiß ein erbärmliches Völklein; denn theologische Unverdaulichkeiten sind ohne Zweifel die ärgsten unter allen.
    "Ein theologischer Schriftsteller bekümmert sich unter allen am wenigsten um Ausbildung. Er will den Geist, worin er schreibt, nicht auf Regeln der Kritik und weltliche Gelehrsamkeit einschränken. Er hat auch keine Lust, den Kritiker gegen sich selbst zu spielen oder seinen Stil und seine Sprache nach dem Muster der guten Gesellschaft zu bilden. Er setzt sich weit über das hinweg, was man im engeren Sinn  Lebensart  nennt. Er vermag keinen anderen Fehler zu prüfen als solche, die er Sünden nennt, obgleich man den Sünder gegen Lebensart, gegen die Gesetze des Anstandes ebensowenig für einen guten Schriftsteller halten kann, als dn Sünder gegen Grammatik, Vernunftsschlüsse und Menschenverstand." (46)
Solche Bücher und Fehler, meint SHAFTESBURY, könnten am Besten durch geistreichen Witz und scharfe Satire unschädlich gemacht werden. Zwar sei ihnen die Komik in religiösen Dingen das Unerträglichste. Aber sie seien die ersten, die die Waffen der Spötterei gegen alle Meinungen kehren, die nicht die ihrigen sind. Lachen in der Religion? Unerhört! Launig, lustig, witzig sein in so ernsten Dingen? Abscheulich! Wir sollen nicht scherzen, aber sie bei jeder Gelegenheit Gebrauch von diesen Waffen machen, "so tölpisch sie auch natürlich dieselben handhaben." Es nehme sich schlecht aus, wenn die tragischen Herren mit dem Bärengesicht und mit der Miene echter Blutrichter ihre Ernsthaftigkeit fahren lassen und mit ihrem Gegner scherzen, den sie doch lieber so schnellt und so tief wie möglich in die Hölle stoßen mächten.
    "Denn um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ich zweifle nicht, wenn sie tun könnten, was sie wollten, ihr Betragen würde so ziemlich ihrem Gesicht entsprechen. Sie würden wahrscheinlich gar bald ihr Possenspiel fahren lassen und ein völliges Trauerspiel aufführen."
Nun könne aber kein Anblick so widerlich sein wie ein Scharfrichter und ein Possenreißer auf  einer  Bühne ihre Rollen spielen zu sehen; und daß dies das  wahre  Gemälde unserer heiligen Eiferer in Reden und Streitschriften ist, muß jedem in die Augen fallen. Sie hätten so wenig Ernsthaftigkeit als guten Laune in ihrer Gewalt. Die erste würde immer zu übertriebener Strenge und die andere zur tölpischen Spaßvogelei. Es sei deshalb begreiflich, wenn unser stehendes Heer von Zeloten und Theologen häufig in die Klage ausbricht, daß die gebildeteren Klassen ihnen so wenig Gehör geben, wenn sie wider die lustigen Winzlinge predigen, die zum Lächerlichen wir zu einem Bollwerk ihre Zuflucht nehmen; daß die Bücher ihrer Gegner so häufig gelesen werden und ihre Widerlegungen derselben kaum den Weg in die Welt finden können. Pedanterie und blinder Eifer sind Mühlsteine, die das beste Buch versenken.


§ 5. Seine Stellung zur
christlichen Dogmatik

Was die Geistlichkeit noch mehr als diese persönlichen Ausfälle gegen ihn erbittern mußte, sind seine philosophischen Grundsätze, wonach der ganze Bau der Dogmatik im Fundament erschüttert, ja geradezu auf den Kopf gestellt wird. Der göttlichen Offenbarung setzt er die Natur, der kirchlichen Autorität die Vernunft, der evangelischen Vollkommenheit die natürliche Tugend entgegen. Diejenigen Theologen, sagt er, denen das Vernünftige und Natürliche nicht nach ihrem Gaumen steht, bauen auf Grundsätze, die zu weiter nichts taugen als Verräter ihrer eigenen Sache zu werden. Denn solange sie sich bemühen, die Natur aus ihren Angeln zu heben, solange sie Himmel und Erde durchstöbern, Wunder und Zeichen zu finden, bringen sie nichts als Verwirrung in die Welt und zerstören jene bewunderungswürdige Einfachheit und Ordnung, woraus allein das unendliche und vollkommene Urwesen erkannt wird. Beständige Gewalttätigkeit und Verletzung der Gesetze zeigen, daß es entweder gar keine Regierung oder verschiedene unbeschränkte Mächte gibt. Und dennoch verteidigen die Theologen dieses tumultarische System so heftig, daß man sich versucht fühlt zu glauben, es herrsche wirklich eine Art von Eifersucht zwischen der Vorsehung und der Natur und man lasse deshalb die Letztere so scheußlich als möglich erscheinen, damit ihre Häßlichkeit die Schönheit der Ersteren desto mehr ins Licht setzen möchte (47). Eine solche Gestalt leihen sie den Dingen; mit solchen Zügen bilden sie uns die Religion ab. Ordnung und Harmonie macht uns zu Atheisten; Unregelmäßigkeit und Zerrüttung überzeugt uns vom Dasein Gottes.
    "Die Welt ist bloßer Zufall, wenn alles seinen natürlichen Lauf geht; aber ein Werk der Weisheit, wenn alles verkehrt und toll durcheinander läuft."
Und wie sie's der Natur machen und uns durch deren Beschimpfung allen Boden unter den Füßen wegnehmen, aus ihr eine Vorsehung zu erkennen, so treiben sie es auch in Bezug auf die Tugend. Wer sollte glauben, daß die grausamste Feindin der Tugend die Religion selbst sein könnte! (48) Um die Religion zu erheben, vergrößern sie die Verderbnis des menschlichen Herzens auf das Äußerste, um die Falschheit menschlicher Tugend an den Pranger zu stellen. Die frömmsten Redner und Schriftsteller schimpfen auf die natürliche Tugend als eine Art von Stiefmutter und Nebenbuhlerin der Religion.
    "Die Vernunft darf sich nichts anmaßen, Natur ist eine Feindin; allgemeine Gerechtigkeit Torheit. Wer würde nicht lasterhaft sein, stünde es in seiner Wahl? Wer die Tugend lieben, wär's nicht um die Ewigkeit?"
In dieser Absicht bemüht sich SHAFTESBURY vornehmlich die Tugend auf solche Grundsätze zu stellen, mit welchen er gegen diejenigen auskommen kann, die noch nicht so weit gebracht sind, einen Gott und ein künftiges Leben einzugestehen. Sei ihm dies nicht gelungen, so habe er ganz umsonst geschrieben. Denn niemand könne von der höchsten Güte einen Begriff haben, der nicht weiß, was Güte ansich sei; noch könne jemand einsehen, daß die Tugend eine Belohnung verdient, wenn er ihr Verdienst und ihre Vortrefflichkeit nicht kennt. "Wir greifen wirklich die Sache ganz verkehrt an, wenn wir  Verdienst aus Gnade  und  Ordnung aus Gott  beweisen wollen." Dieses Versehen will SHAFTESBURY wieder gut machen. Er ist in Bezug auf die Tugend ein Realist und sucht daher zu zeigen: daß sie ihrer Natur nach etwas sehr Wesentliches ist; nicht willkürlich oder erkünstelt, unabhängig von Gewohnheit, ja vom höchsten Wesen selbst, "das sie auf keine Weise bestimmen kann, sondern vielmehr, da es notwendig gut ist, von ihr bestimmt wird und immer in genauester Übereinstimmung mit ihr steht." Dadurch glaubt er, daß jeder, der die Tugend redlich verteidigt, auch notwendig, wenn er auf dem nämlichen Weg des Räsonnements fortgeht, ein ebenso wahrer Realist in der Religion werden muß. (49) Durch die Vergrößerung der sichtbaren Unordnung in der Welt und die schwärzeste Vorstellung der menschlichen Natur werde man aber schwerlich dahin gelangen. Man werde von der Wirkung auf die Ursache schließen und nach dem Schicksal der Tugen über die Vorsehung entscheiden. Habe man aber die Überzeugung, daß die Tugend sich selbst nicht wenig belohnt und das Laster größtenteils seine eigene Strafe ist, so sei ein fester Grund vorhanden weiter zu gehen.
    "Die sichtbaren Anlagen einer austeilenden Gerechtigkeit und allgemeinen Weltordnung auf Erden leiten uns natürlich auf den Begriff von einer noch höheren Vollkommenheit. Wir ahnen einen weitumfassenden Entwurf und lösen uns leicht alle Zweifel, warum in diesem Zustand nicht alles zur Vollendung reift."
Dies sei der erste Schritt, den Glauben an Gott und die Unsterblichkeit zu sichern. Die Vorsehung müssen wir aus dem, was wir an Ordnung in der Welt gewahr werden, beweisen. Diese Ordnung müssen wir vor all Dingen verfechten, hauptsächlich soweit die Tugend dabei interessiert ist. Denn wenn man dem Zweifler so viel gegen die Tugend vordeklamiert, so wird er darum wohl weniger an die Gottheit, aber um kein Haar mehr an ein künftiges Leben glauben. Das ganze Resultat faßt er in den Schluß zusammen,
    "daß es Verräterei gegen die Religion überhaupt und gegen die Sache der Gottheit ist, ein künftiges Leben auf die Trümmer der Tugend zu bauen; daß man besonders die christliche Religion umstößt und ihren größten Grundsatz, die Liebe, verwirft und Preis gibt, wenn man Belohnung und Strafe im Jenseits zu den Hauptbeweggründen unserer Pflichten macht." (50)
Wir kommen zum letzten Punkt, den SHAFTESBURY den Theologen zum Vorwurf macht, nämlich: ihre Verschreibung und Unterdrückung der Vernunft. Von allen tyrannischen Lastern, sagt er, welche Vernunft und richtiges Denken hemmen und zerstören, sei keines offenbar so verderblich und tödlich für den Verstand wie Aberglaube und Bigotterie.
    "Deshalb deklamieren die verschlagenen Handhaber und Pfleger dieser menschlichen Schwachheit so sehr gegen das freie Denken und die Uneingeschränktheit des Verstandes. Über die Schranken des Denkens hinauszugehen, welche sie vorgeschrieben haben, das erklären sie für ein himmelschreiendes Verbrechen. Ein meisterhafter Verstand und Denkfreiheit sind Eigenschaften, die ihnen zufolge notwendig Verderbnis und Liederlichkeit verursachen." (51)
Wie sie auf Kosten der Tugend und gerade derjenigen Idee von innerer Güte, auf welche sie die Geheimnisse ihrer einträglichen Wissenschaft bauen, die Moral verkleinern und alle wahre Philosophie über den Haufen werfen, auf Selbstsucht raffinieren und Edelmut verscheuchen, einen sklavischen Gehorsam befördern, statt willigen und freien Dienst: ebenso erheben sie blinde Unwissenheit als Frömmigkeit, empfehlen Niedrigkeit im Denken und verschreien die Vernunft (52). Und doch gäbe es keine ehrenvollere Benennung um einen weiten Umfang des Geistes und edlen Gebrauch des Verstandes anzuzeigen als  "Freidenker".  Wer einmal zur Fahne der Vernunft geschworen hat, wird sich nicht leicht bewegen lassen ihr untreu zu werden oder sich von irgendeiner anderen Autorität als der menschlichen Vernunft selbst Halt gebieten zu lassen. Keine Gewalt auf Erden kann uns auf diesem Weg Schranken setzen. Unser eigener Gedanke muß unserem Denken Einhalt tun.
    "Wie können wir je urteilen, daß dieser zurückhaltende Gedanke richtig ist, wenn wir ihn nicht frei nach allen Seiten untersuchen? Wie können wir versichert sein, daß wir die Vernunft als etwas zu Kühnes und Vermessenes mit Recht verlassen haben, wenn wir aus Furcht oder blindgläubigem Gehorsam selbst unseren prüfenden Gedanken fahren lassen?"
So ein simpler Gehorsam macht uns Lasttieren gleich, die genau vor einer Schenke auf das bloße "Halt" ihrer Treiber still stehen. Es bleibt uns keine andere Wahl, als Freidenker oder gläubige Maulesel zu sein. Denn von allen Geschöpfen, die ein Gehirn haben, sind keine abgeschmackter, nichtswürdiger und verkehrter als die wir sehr richtig "Halbdenker" nennen. Daraus kann man abnehmen, schließt SHAFTESBURY, was für eine Sorte von Menschen diejenigen sein müssen, welche zuerst die Vernunft in einen üblen Ruf gebracht und den alleredelsten Charakter, den eines Freidenkers, gehässig zu machen suchten. Solche möchten gern Ungebundenheit in Sitten mit Freiheit im Denken und Handeln vermengen. Aber gerade der echte Freidenker ist der Mann von entschlossenem Vorsatz und unwandelbarer Anhänglichkeit an Vernunft und Rechtschaffenheit. Nur derjenige ist frei, der in sich selbst kein Hindernis findet, dasjenige zu tun, was er nach eigenem Urteil als das Beste erkannt hat. Laster und Torheit sind nie mit sich einig; Vernunft und Tugend allein gewähren Freiheit (53). Die erste Haupteigenschaft in Bezug auf Moralität besteht deshalb in der Liebe zur Zucht und in der Bereitwilligkeit, falsche Gedanken und irrige Vorstellungen zu berichtigen. Wer es also ernst meint mit der Wahrheit, wer eine gesunde und rechtschaffene Seele besitzt, der darf sich kühn zu den höchsten Gedankenflügen erheben und über Anschauungen, die mit seiner Vernunft nicht übereinstimmen, auch wenn sie noch so alt und für noch so heilig gehalten werden, sich hinweg setzen. Was vor dem prüfenden Blick des Forschers und der kritischen Vernunft nicht besteht, das soll fallen. Man muß den Mut haben, veraltete Vorurteile abzulegen, Lieblingsmeinungen aufzugeben, mit der Tradition zu brechen, sich auf eigene Füße zu stellen und eine neue Welt- und Lebensanschauung sich zu bilden. Wie sehr er von diesem Grundsatz unbeschränkter Denkfreiheit Gebrauch machte, wird die nun folgende Darstellung lehren.
LITERATUR - Gideon Spicker, Die Philosophie des Grafen von Shaftesbury, Freiburg i. Br. 1872
    Anmerkungen
    1) HERMANN HETTNER, Literaturgeschichte des 18. Jahrhundertes, Shaftesbury, Erster Teil, 2. Auflage, Seite 188
    2) LECKY, Geschichte der Aufklärung in Europa, Bd. 1, Seite 137. "Seine Bedeutsamkeit ist rein geschichtlich. Seine kalten und eintönigen, wenn auch glatten Abhandlungen, sind der allgemeinen Vernachlässigung anheimgefallen, finden wenig Leser und üben keinen Einfluß."
    3) HERDER, Zur Philosophie und Geschichte, Teil II, Seite 167
    4) "Sensus communis", Teil III, § 4, Seite 104. Ich zitiere nach der Basler Ausgabe von 1790, drei Bände.
    5) Solilquy P. 3. S. 3. p. 290. Vgl. IV. Thl. § 5 Ct. Denselben Rat erteilt auch SHAFTESBURY seinem jungen Freund AINSWORTH. "Machen Sie es sich" - schreibt er ihm - "zu einem  heiligen Gesetz,  Ihr Auge und Ihre Einbildungskraft - - gehörig zu zügeln etc. (Brief an einen Studenten auf der Universität).
    6) Solil. P. 3. S. 3. P. 286
    7) ebd. Seite 288. The mere amusements of gentlemen are found more improving than the profound researches of pedants. [Die ausgedehnten Vergnügungen eines Gentlemen tragen mehr zu seiner Entwicklung bei als die profundesten Untersuchungen von Pedanten. - wp]
    8) E. ERDMANN, Geschichte der Philosophie, Bd. 2, Abt. 2
    9) HETTNER, a. a. O., Seite 189
    10) Eine deutsche Übersetzung erschien 1776-1779 in Leipzig
    11) Letters written by a noble man to a young man at the university (übersetzt im britisch-theolog. Magazin (3. Bd. 3. St.) Halle 1772
    12) LECHLER, Geschichte des englischen Deismus, Seite 244.
    13) "Enthusiasm", Sect. 7, Seite 45. So that inspiration may be justly called divine Enthusiasm: for the word itself signifies divine presence [Inspiration mag gerechterweise als göttlicher Enthusiasmus bezeichnet werden, da das Wort selbst die Gegenwart eines Göttlichen bedeutet. - wp]
    14) "Miscellanien", 2. chap. 3, Seite 82
    15) SCHLOSSER in seiner Geschichte des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Seite 389f. Wie ungerecht z. B. das Urteil ist: "Er war unstreitig weniger um  Wahrheit  als um den  Beifall  der Welt besorgt", wird sich aus der folgenden Darstellung zur Genüge bestätigen.
    16) Solil. a. a. O., P. 2. S. 3, Seite 232
    17) ebd. Wie sehr diese Kampfspiele Gemüt und Geschmack verderben, haben schon  Qintilian  und  Tacitus  am römischen Volk erkannt und gerügt.
    18) "Miscellanien", 5. Ch. 1. Seite 212. Such is our politeness! [Dergestalt ist auch unsere Höflichkeit! - wp]
    19) ebd. Nor are any assemblies, though of the most barbarous and enormous kind, so offensive, it seems, to men of zeal, as religions assemblies of a different fashion or habit from their own.
    20) HETTNER, a. a. O., Seite 105-113.
    21) Wie ganz anders urteilen hierin die feineren Griechen. Welche zarte Sorgfalt trugen sie für das schöne Geschlecht um ihre Sittsamkeit nicht in Gefahr zu setzen.
    22) Horat. epist I. lib. 2
    23) Solil. P. 2. S 3. Seite 237
    24) Miscellanien, 5. Ch. 1. Seite 211
    25) Solil. a. a. O., Seite 310
    26) Enthus. P. 2. S. 3. Seite 222
    27) ebd. Seite 223. Misc. 5. Ch. 2. Seite 235
    28) a. a. O.
    29) LESSING, in seiner Abhandlung über "Pope eine Metaphysiker", wo er der Berliner Akademie mit Recht den Vorwurf macht, daß sie nicht eine Vergleichung von LEIBNIZ mit SHAFTESBURY, statt mit POPE zur Preisaufgabe gestellt hat.
    30) In seinem Intellektualsystem
    31) In seiner Theodizee.
    32) In seiner Schrift: De origine mali.
    33) Misc. a. a. O., Seite 237
    34) a. a. O., Seite 206 und 212
    35) In seiner "Kritik der Sittenlehre"
    36) E. ERDMANN, a. a. O.
    37) Sensus communis, Seite 103. It is the height of wisdom, no doubt, to be rightly selfish.
    38) Tugend und Verdienst, P. 2. S. 1, Seite 81
    39) Matth. 7, 12.
    40) SCHLOSSER, Geschichte des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, Seite 411. HETTNER a. a. O.
    41) Bei diesem und dem folgenden § erinnere ich vor allem an die Wolfenbüttler Fragmente bei LESSING und zwar hauptsächlich an folgende vier: 1) Von der Duldung der Deisten. 2) Von Verschreiung der Vernunft auf Kanzeln. 3) Unmöglichkeit einer Offenbarung, die alle Menschen auf eine gegründete Art glauben könnten. 4) Daß die Bücher des alten Testaments nicht geschrieben wurden, eine Religion zu offenbaren. Der Leser wird darin die auffallendste, nicht nur inhaltliche, sondern sogar wörtliche Übereinstimmung mit unserem Autor finden, so daß die Vermutung nahe liegt, der Verfasser dieser Fragmente, SAMUEL REIMARUS, habe aus unserem Autor reichlich geschöpft.
    42) Misc. 5. Ch. 3, Seite 277.
    43) The Moral. P. I. S. 1, Seite 152. The appropriating this concern to mere scholastics, has brought their fashin and air into the very subject.
    44) Sensus communis, P. 4. S. 3. Seite 129. Exceeding fiercenesse, with perfect inabilit and impotence, makes the highest ridicule.
    45) Solil. P. 3. S. 2. Seite 261
    46) Solil. P. 1. S. 1. Seite 143
    47) The Moral. P. 2. S. 5. Seite 267
    48) The Moral. P. 2. S. 2. Seite 211. Little were you aware, that the cruel enemy opposed to virtue should be Religion itself!
    49) The Moral. P. 2. S. 3. Seite 221
    50) The Moral, a. a. O., Seite 230
    51) Misc. 5. Ch. 3. Seite 253
    52) ebd. Seite 254. They refine on selfishness and explode generosity; promote a slavish obedience - - exalt blind ignorance for devotion - - decry reason etc.
    53) ebd. Seite 260f. Reason and virtue alone can bestow Liberty.