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GERARD HEYMANS
[ 1857 - 1930 ]
Erkenntnistheorie und Psychologie

"Man wird durch Beobachtung des natürlichen Denkens sich bald überzeugen, daß es den Satz der Identität weder kennt noch befolgt, vielmehr sich in Widersprüchen herumtummelt, ohne dadurch zu Zweifeln an der Wahrheit seiner Gedanken veranlaßt zu werden."

Das Verhältnis zwischen Erkenntnistheorie und Psychologie des Denkens ist in der philosophischen Literatur der letzten Dezennien mehrfach erörtert worden, und zwar fast ohne Ausnahme in dem Sinne, daß die beiden Untersuchungsgebiete als vollständig heterogen [uneinheitlich - wp] einander gegenübergestellt wurden. Diese Heterogenität soll sich gleichmäßig auf Ausgangspunkt, Methode und Ziel der beiden Wissenschaften erstrecken. Die Psychologie des Denkens fange mit den Tatsachen an, und suche daraus auf induktivem Weg Kausalgesetze abzuleiten: sie habe die Entstehung der Denkerscheinungen nach genetischer Methode zu erklären, brauche sich aber um den Erkenntniswert derselben nicht zu kümmer. Dagegen sei der Ausgangspunkt der Erkenntnistheorie der Begriff oder auch der Inhalt des Erkennens; durch logische Zergliederung dieses Begriffs oder dieses Inhalts habe sie die Bedingungen nachzuweisen, denen sich alle wirkliche Erkenntnis fügen muß; sie sei demnach eine normative, teleologische Wissenschaft. - Die vorliegende Untersuchung muß dieser Ansicht entgegentreten. Dieselbe versucht nachzuweisen, daß der behauptete Gegensatz, was Ausgangspunkt und Endziel betrifft, nur im Schein existiert, und daß wir es hier nicht sowohl mit zwei verschiedenen Wissenschaften, als mit zwei Methoden innerhalb derselben Wissenschaft zu tun haben, welche, statt einander auszuschließen, sich vielmehr gegenseitig ergänzen und zu kontrollieren berufen sind.

Der Punkt, um welchen sich die ganze Frage dreht, ist das Verhältnis zwischen natürlichem und normalem Denken. Sind diese beiden, wie mannigfach behauptet wird, vollständig heterogen, verschiedenen Gesetzen unterworfen, so muß offenbar jeder Versuch, die Prinzipien des letzteren aus den Erscheinungen des ersteren abzuleiten, von vornherein verfehlt erscheinen. Ließe sich dagegen nachweisen, daß jene Verschiedenheit keine prinzipielle, vielmehr die Gesetze des natürlichen und normalen Denkens im Grunde die nämlichen seien, so wäre damit die psychologische Methode in der Erkenntnistheorie wenigstens vorläufig legitimiert.

Im Interesse einer richtigen Fragestellung scheint es geboten, zunächst einem nicht immer vermiedenen Mißverständnis entgegenzutreten. Es könnte nämlich sein, daß jemand mit der Behauptung einer prinzipiellen Verschiedenheit zwischen den Gesetzen des natürlichen und des normalen Denkens nur dieses meinte: daß der assoziative Vorstellungsverlauf im Bewußtsein nach anderen Gesetzen stattfinde als das auf Wahrheit gerichtete Denken. In diesem Sinne aufgefaßt wäre natürlich jene Behauptung vollkommen richtig; aber nicht darauf kommt es hier an. Die Frage ist nicht, nach welchen Gesetzen die Vorstellungen im Bewußtsein kommen und gehen, sondern  welche Gesetze das Denken bei der Beurteilung des Wahrheitsgehaltes seiner Vorstellungen befolgt; - ob diese  Gesetze allgemein-menschliche sind, oder verschieden für das natürlich und für das normale wissenschaftliche Denken. Das bloße Auftreten einer Vorstellung im Bewußtsein ist ja etwas ganz anderes als die Überzeugung, daß dieser Vorstellung ein wirklicher Gegenstand entspricht; das "Denken an Etwas" ist vom "Glauben an Etwas" himmelweit verschieden. Daß die bloße Assoziation zeitlich verbunden gewesener Bewußtseinsinhalte genügen sollte, um auf Veranlassung des einen nicht nur die  Vorstellung,  sondern die  Erwartung  des anderen hervorzubringen, das ist zwar von HUME und anderen behauptet, nicht aber bewiesen worden. Es wäre auch schwierig in dieser Sache etwas zu beweisen, da die Möglichkeit einer unbewußten Mitwirkung des Kausalitätstriebes nicht eliminiert werden kann. Nur soviel läßt sich mit Gewißheit sagen, daß überall, wo  bloß  die Assoziationsgesetze wirksam sind (wie bei der Assoziation durch Ähnlichkeit oder Kontrast), jede Spur einer der reproduzierten Vorstellungen anhaftenden Erwartung oder Überzeugung fehlt; woraus unmittelbar auf die Unrichtigkeit der HUMEschen Behauptung "that belief ist nothing but a more vivid, lively, forcible, firm, steady conception of an object than what the imagination alone is ever able to attain" (1), geschlossen werden kann. Das Für-wahr-halten einer Vorstellung oder Vorstellungsverbindung ist  keine  Funktion von der Klarheit und Lebendigkeit des Vorstellens; und wenn die Assoziationsgesetze die Klarheit und Lebendigkeit einiger in das Bewußtsein eintretender Vorstellungen erklären, das Für-wahr-halten derselben erklären sie nicht. Dieses Für-wahr-halten ist aber ebensowohl eine Bewußtseinserscheinung als die Vorstellung an und für sich; und die Gesetze, welche das Eintreten dieser Bewußtseinserscheinung bedingen, können in ganz derselben Weise den Gegenstand einer empirisch-psychologischen Untersuchung bilden wie diejenigen, welche die bloße Bewegung der Vorstellungen beherrschen. Es fragt sich nun, ob diese Gesetze von den "Normalgesetzen" der Erkenntnistheorie im Grunde verschieden sind oder nicht. Offenbar fällt in dieser Frage die Beweislast denjenigen zu, welche sie zustimmend beantworten. Denn daß die nämliche Bewußtseinserscheinung, die Überzeugung oder das Für-wahr-halten, beim natürlichen und beim wissenschaftlichen Menschen nach  prinzipiell  verschiedenen Gesetzen auftreten sollte, ist von vornherein so wenig wahrscheinlich, daß es nicht ohne zwingende Gründe angenommen werden darf. Ich werde mich demnach darauf beschränken können,  erstens  nachzuweisen, wie der Schein einer prinzipiellen Verschiedenheit zwischen natürlichem und normalem Denken im Allgemeinen entstehen kann,  zweitens  die Tatsachen, welche als direkte Belege für diese Verschiedenheit angeführt werden, auf ihre Beweiskraft prüfen.

Der Schein einer prinzipiellen Verschiedenheit zwischen natürlichem und normalem Denken entsteht zunächst aus der alltäglichen Wahrnehmung, daß die Ergebnisse beider Prozesse keineswegs immer übereinstimmen. Manches erscheint dem natürlichen Denken sonnenklar, was doch von der Wissenschaft auf das Bestimmteste verworfen wird, während sich umgekehrt Ersteres vielen Argumentationen als unzugänglich zeit, welche die Wissenschaft ohne Bedenken als beweiskräftig akzeptiert. Da scheint denn wohl das natürliche Denken in ganz anderer Weise, nach ganz anderen Gesetzen vor sich gehen zu müssen als das wissenschaftliche. - Um aber diesen Schluß zu rechtfertigen, müßte zuvor nachgewiesen sein, daß natürliches und wissenschaftliches Denken, wo sie zu verschiedenen Ergebnissen führen, unter gleichen Bedingungen, mit demselben Material, gearbeitet haben. Denn es ist ein für alle kausalen Verhältnisse ohne Ausnahme zutreffender Satz, daß das Ergebnis irgendeines Prozesses durch allgemeine Gesetze und tatsächlich gegebene Bedingungen  zusammen  bestimmt wird; demzufolge sich dieses Ergebnis, der Identität der Gesetze ungeachtet, ändern muß, sobald jene Bedingungen andere werden. Nun läßt sich aber eine tatsächliche Verschiedenheit in den Bedingungen des natürlichen und des normalen Denkens unschwer nachweisen. Denn erstens verfügt das natürliche Denken fast immer nur über einen einseitig beschränkten, von zahlreichen Umständen durchaus individueller Natur abhängigen Tatsachenfonds. Dasselbe verfährt ja nicht wie die Wissenschaft in streng systematischer Weise; es sammelt nicht während langer Zeit Beobachtungen, um daraus in akademischer Ruhe und Abgeschlossenheit Gesetze und Theorien aufzubauen; sondern es findet sich auf einmal, ohne Vorbereitung, es sei aus praktischen es sei auch aus rein theoretischen Motiven, dazu veranlaßt, aus den momentan dem Gedächtnis gegenwärtigen Daten sich eine Meinung zu bilden. Der Inhalt jener dem Gedächtnis gegenwärtigen Daten ist aber nicht nur das Produkt rein individueller Erlebnisse, sondern wird auch von der früheren und jetzigen Richtung der Aufmerksamkeit, demnach indirekt von Affekten und Leidenschaften, von Sympathien und Antipathien, von Traditionen und Vorurteilen in hohem Grad beeinflußt. Da kommen dann natürlich sonderbare Theorien heraus; mit einem in gleicher Weise zusammengescharrten Material würde es aber der wissenschaftlichste Mann nicht besser machen und macht es tatsächlich der wissenschaftlichste Mann nicht besser. Man beachte nur, wie der ausgezeichnetste Spezialist, besonders wenn sich irgendein Interesse einmischt, über ihm fremde Forschungsgebiet urteilt (GLADSTONE ber natürliche Schöpfungsgeschichte, RÉCLUS oder KROPOTKIN über Sozialwissenschaft, französische Gelehrte über KOCH, deutsche über PASTEUR), - man beachte weiter, wie bei wissenschaftlichen Streitigkeiten jede Partei nur die Hälfte der gegebenen Tatsachen wirklich klar vor Augen hat, usw. - Einen bedeutenden Faktor in der Unzugänglichkeit Vieler für wissenschaftliche Demonstrationen bildet sodann Mangel an Interesse, Denkfaulheit. Um eine Schlußfolgerung zu verstehen, müssen eben die Prämissen klar vorgestellt werden; und die dazu erforderliche Spannung der Aufmerksamkeit kommt ohne genügendes Interesse nicht zustande. Wer je interesselose Leute für irgendein Examen hat präparieren müssen, der weiß, wie oft sie das bloße Auswendiglernen dem Sich-hineindenken vorziehen und dann den Lehrer durch ein ganz naive Verwechslung von Grund und Folge, oder auch durch das Weglassen einer unerläßlichen Prämisse in Erstaunen versetzen. Da entsteht dann leicht der Schein einer von der normalen grundverschiedenen psychischen Organisation. - Drittens kommt noch das Fehlen notwendiger, oder auch die Anwesenheit unrichtiger Voraussetzungen in Betracht. Jede wissenschaftliche Einsicht stützt sich auf andere; und darunter gibt es oft solche, welche nicht ausdrücklich aufgestellt und demonstriert, sondern im Laufe der wissenschaftlichen Ausbildung allmählich, oft ohne je zu einem klaren Bewußtsein zu kommen, erworben zu werden pflegen. Bis dahin hängt dann der Folgesatz in der Luft; der Lehrer aber, der unbewußt jene Voraussetzung als Prämisse anwendet, wundert sich über die Verständnislosigkeit des Anfängers, und kann derselben nur das "avancez toujours, la foi vous viendra" [Schreite voran, und dein Glaube wird schritthalten. - wp] entgegensetzen. Andererseits ist aber auch der Schüler kein weißes Blatt Papier; seine früher erworbenen Anschauungen greifen modifizierend oder hemmend in die Wirkung der vorliegenden Beweisgründe ein und erzeugen so den Schein eines anormalen Denkverlaufs. Auch das Nichtverstehen der Terminologie gehört hierher. Es ist überaus schwierig Gewißheit darüber zu erlangen, ob Andere wirklich bei jedem Wort genau dasselbe denken wie wir; und wenn man auch jedesmal eine scharfe Definition der angewendeten Kunstausdrücke vorangehen läßt, so bleibt es doch immer noch zweifelhaft, ob sich diese Definition tief genug dem Bewußtsein einprägen, um während der ganzen Demonstration, alten Denkgewohnheiten gegenüber, klar und entschieden festgehalten zu werden. Es kommt hinzu, daß der Inhalt mancher wissenschaftlicher Begriffe sich nicht vollständig in Definitionen zusammenfassen läßt; da muß dann manche Beweisführung dem Anfänger unklar erscheinen, während der Fortgeschrittene, der den Begriff innehat, dieselbe vollständig überzeugend findet. - In allen diesen Fällen liegt nun aber offenbar der Grund der Diskrepanz zwischen natürlichem und wissenschaftlichem Denken nicht  in,  sondern gewissermaßen  vor  dem Denkprozeß. Die Prämissen sind andere, oder dieselben werden nicht klar vorgestellt, oder falsch verstanden; eine prinzipielle Verschiedenheit in den Gesetzen, nach welchen der Denkprozeß vor sich geht, läßt sich aber nicht nachweisen. - Ich glaube nun, daß in allen Fällen, wo natürliches und wissenschaftliches Denken zu verschiedenen Ergebnissen führen, eine ähnliche Erklärung wie die hier angedeutete gegeben werden kann. Die weitere experimentelle Prüfung dieses Satzes muß natürlich dem Leser überlassen werden; ich kann nur konstatieren, daß mir noch kein Fall vorgekommen ist, in welcher die nähere Untersuchung nicht eine solche Erklärung ermöglichte.

Man behauptet nun aber, es lasse sich direkt nachweisen, daß natürliches und normales Denken nach verschiedenen Gesetzen vonstatten gehe. Selbst das höchste Normalgesetz des Denkens, das Identitätsprinzip, sei für das natürliche Denken ohne Autorität. So GÖRING:
    "Man wird durch Beobachtung des natürlichen Denkens sich bald überzeugen, daß es den Satz der Identität weder kennt noch befolgt, vielmehr sich in Widersprüchen herumtummelt, ohne dadurch zu Zweifeln an der Wahrheit seiner Gedanken veranlaßt zu werden." (2)
Diese Behauptung scheint aber, soweit sie wahr ist, nichts zu beweisen, soweit sie etwas beweisen würde, nicht wahr zu sein. Wahr ist sie in dem Sinne, daß der natürliche (auch wohl einmal der wissenschaftliche) Mensch  zu verschiedenen Zeiten  Verschiedenes und Widersprechendes behauptet; nur deshalb aber, weil jetzt andere Gründe vorliegen als früher, und er seine frühere Behauptung sowie die Gründe derselben jetzt nicht mehr anerkennt oder auch vergessen hat. Wahr ist ferner die GÖRINGsche Behauptung in dem Sinne, daß der natürliche Mensch vielfach zu  einer  Zeit Sachen behauptet, deren  nähere Analyse  Widersprechendes ergeben würde; nur ist er zu faul oder zu wenig bei der Sache, um diese nähere Analyse zustande zu bringen, und bemerkt demzufolge den Widerspruch nicht. Im einen wie im anderen Fall fehlen demnach wieder die Bedingungen, um das im Identitätsprinzip ausgedrückte Naturgesetz des Denkens in Wirksamkeit zu versetzen. - Unwahr ist dagegen der GÖRINGsche Satz in der einzigen Bedeutung, in welcher derselbe etwas beweisen würde: wenn es nämlich heißen soll, daß  gleichzeitig, in "einem" Bewußtsein, als widersprechend erkannte  Urteile nebeneinander bestehen können. Solange ein solcher Fall, also ein mit Bewußtsein ausgesprochenes Urteil von der Form:  A ist B  und nicht  B,  nicht nachgewiesen worden ist, so lange darf die tatsächliche Geltung des Identitätssatzes ebensowenig geleugnet werden, als etwa die tatsächliche Geltung der chemischen Gesetze, weil Wasserstoff und Sauerstoff, an verschiedenen Orten aufbewahrt, keine Verbindung eingehen. Der unmittelbare Kontakt ist eben in beiden Fällen die notwendige Bedingung für das Wirksamwerden der psychischen oder chemischen Kräfte. - In gleicher Weise erklärt sich die auch von GÖRING (a. a. O. Seite 211) angeführte Tatsache, daß die meisten menschen nicht imstande sind, aus gegebenen Prämissen den richtigen Schluß zu ziehen: es fehlt eben wieder der innige Kontakt, oder auch die zum Eintreten der Wirkung erforderliche Klarheit der Vorstellungen. Daß hier wirklich der Knoten liegt, zeigt sich am deutlichsten an der schon von SCHOPENHAUER bemerkten Tatsache, daß
    "ein stark wirkendes Motiv, wie der sehnsüchtige Wunsch, die dringende Not, bisweilen den Intellekt steigert zu einem Grad, dessen wir ihn vorher nie fähig geglaubt hätten", so daß "der Verstand des stumpfesten Menschen scharf wird, wenn es sehr angelegene Objekte seines Wollens gilt." (3)
Das gesteigerte Interesse wirkt dann mittels Klärung und innigerer Durchdringung der Vorstellungen ganz so wie die erhöhte Temperatur bei der chemischen Verbindung. - GÖRING behauptet ferner (a. a. O. Seite 210f), das natürliche Denken bewege sich vorzugsweise in Analogien. Der Analogieschluß ist aber bekanntlich auch der Wissenschaft nicht fremd; und andererseits macht das natürliche Denken auch von Induktionsschlüssen in ausgedehntem Maß Gebrauch. Zugegeben muß nur wieder werden, daß auch Analogie und Induktion in der Wissenschaft vielfach andere Resultate ergeben als im natürlichen Denken; aber auch diese Verschiedenheit kann ohne die Annahme einer spezifisch wissenschaftlichen psychischen Organisation wohl erklärt werden.
    "Ein Kind hat einen Mann mit geschwärztem Gesicht gesehen und erfahren, daß das ein Schornsteinfeger ist; Vorstellung und Wort verschmelzen, und beim Anblick des nächsten schwarzen Gesichtes schließt das Kind: es ist ein Schornsteinfeger. Umgekehrt wird es nicht sofort glauben, daß ein weißes Gesicht einem Schornsteinfeger angehören könnte" (GÖRING, a. a. O. Seite 211).
Allerdings: denn das im Wahrnehmen ungeübte Kind hat vom schwarzen Schornsteinfeger kein scharf bestimmtes Bild, sondern nur eine unbestimmte Allgemeinvorstellung zurückbehalten, in welche der später wahrgenommene Schwarzafrikaner vortrefflich paßt, nicht aber der weißgewaschene Schornsteinfeger. Das Kind hat also, formell vollständig richtig, nach der MILLschen Differenzmethode geschlossen: denn das einzige Merkmal, wodurch sich in seiner Erinnerung der Schornsteinfeger von anderen Menschen unterscheidet, ist ja die schwarze Gesichtsfarbe. Wenn später das Kind seine Auffassung berichtigt, so geschieht das nicht infolge einer Änderung seines psychischen Mechanismus, sondern indem es die Erscheinungen vollständiger wahrzunehmen und besser zu unterscheiden lernt. - Natürliche und wissenschaftliche Analogie- und Induktionsschlüsse [von Einzelnen zum Allgemeinen - wp] vollziehen sich unter der Herrschaft eines gemeinsamen psychischen Gesetzes: des Gesetzes der Kausalität. Nur die Bedingungen, unter welchen das Gesetz wirkt: die Vollständigkeit und Genauigkeit des tatsächlichen Wissens, die Spannung der Aufmerksamkeit usw., wechseln, und mit denselben wechseln natürlich auch die Ergebnisse. Es gehört zu den anziehendsten Aufgaben der Erkenntnistheorie, aus diesen verschiedenen Äußerungen des Kausalitätsgesetzes das Gesetz selbst in präziser Fassung kennen zu lernen; und tatsächlich sind die in der Wissenschaft vorliegenden Kausalitätstheorien nur als Versuche, dieser Aufgabe gerecht zu werden, zu verstehen und zu beurteilen. Darüber aber später; für jetzt noch eine kurze Bemerkung über die eigentliche Bedeutung der erhaltenen Resultate.

Die mehrfach zitierte Erörterung GÖRINGs schließt mit dem Satz, "daß die natürliche Einrichtung des psychischen Mechanismus weit davon entfernt sei die Erreichung der Wahrheit zu verbürgen" (a. a. O. Seite 227). Werden wir nach dem Vorhergehenden jetzt umgekehrt schließen müssen, daß dieser Mechanismus wohl darauf angelegt sei die Wahrheit zu erreichen? Ich glaube, wir sprechen genauer, wenn wir den Satz umkehren und sagen:  dasjenige, was der Mechanismus des Denkens aus den gegebenen Tatsachen macht, ist uns  (und zwar ebenso dem wissenschaftlichen wie dem natürlichen Menschen)  die Wahrheit.  Die andere Formulierung erweckt ja den Schein, als ob wir von sonstwoer in irgendeiner Weise wissen könnten, was Wahrheit ist, und uns durch eine nachträgliche Vergleichung überzeugt hätten, daß die Ergebnisse des psychischen Denkprozesses damit übereinstimmen. So verhält sich aber die Sache keineswegs. Unmittelbar gegeben sind uns nur die eigenen Empfindungen, aus denen der psychische Mechanismus nach teils bekannten, teils unbekannten Gesetzen die Welt konstruiert. Das Ergebnis dieser mit psychologischer Notwendigkeit sich vollziehenden Konstruktion  ist  uns die Wahrheit, und eine andere Wahrheit gibt es für uns nicht. Das gilt für alle Entwicklungsstufen des Denkens ohne Ausnahme.  Keineswegs  darf daraus aber gefolgert werden, daß dann alle Überzeugungen gleichberechtigt, weil gleich naturnotwendig seien, und es keine allgemeinmenschliche Wahrheit gebe.  Allgemeinmenschliche Wahrheit ist dasjenige, was nach allgemeinmenschlichen Denkgesetzen aus einem in höchster Vollständigkeit und Genauigkeit aufgefaßten Tatsachenmaterial sich ergibt.  So wird dann jede Meinung, welche sich bewußt ist auf einem reichhaltigeren und besser gekannten Tatsachenmaterial zu fußen als eine andere, ein volles Recht darauf haben sich als die größere Annäherung an die allgemeinmenschliche Wahrheit zu betrachten, daneben aber auch die Möglichkeit zugestehen müssen, daß eine spätere unter noch günstigeren Bedingungen entstandene Überzeugung ihr dereinst diesen Rang streitig machen wird. Welche verschiedenen Gestaltungen das Weltbild der Wissenschaft bei fortwährender Vermehrung und Präzisierung der bekannten Tatsachen noch anzunehmen bestimmt ist, vermag natürlich die Erkenntnistheorie nicht anzugeben; wohl aber kann sie aus den historisch vorliegenden Gestaltungen des Weltbildes, mit Rücksichtnahme auf das jeweilig denselben zugrunde liegende Tatsachenmaterial, die psychologischen Gesetze zu abstrahieren versuchen, welche das menschliche Denken beherrschen. Und ich wage es zu behaupten, daß  jeder  Erkenntnistheorie, sie mag sich nachher so vornehm-deduktiv gebärden, wie sie will, eine solche Abstraktion aus den Tatsachen des gegebenen Denkens zugrunde liegt.

In der Tat wird die Notwendigkeit einer psychologischen  Grundlage  für die Erkenntnistheorie vielfach zugestanden, dagegen behauptet, daß nach dieser psychologischen Voruntersuchung die eigentliche erkenntnistheoretische Forschung erst anfange. Denn das große Problem der letzteren sei nicht die tatsächliche Anerkennung, sondern die Geltung der Axiome. Nicht nur auf die Entstehungsgeschichte, sondern hauptsächlich auf die Begründung unseres Wissens komme es an, und keineswegs dürfe zeitliche Priorität mit Apriorität verwechselt werden. - Ich bin in alledem vollständig derselben Meinung, behaupt aber, daß ihrem tiefsten Wesen nach auch diese Probleme rein psychologische sind. Diese Behauptung werde ich jetzt zu begründen versuchen.

In jeder Kausalwissenschaft findet man sich, nachdem einmal die Tatsachen in ihrer konstanten Aufeinanderfolge registriert und in empirische Gesetze zusammengefaßt worden sind, vor eine neue Aufgabe gestellt: das zeitliche auf ein begriffliches Verhältnis zurückzuführen, die Gesetze zu erklären. Das heißt: es wird verlangt, sich die Konstitution des Universums in einer solchen Weise zu denken, daß daraus die Geltung jener empirisch erkannten Gesetze verständlich sei. So wurden beispielisweise das Gesetz der multiplen Proportionen und die Gesetze der Volumenverhältnisse bei der Verbindung gasförmiger Elemente durch die Atom- und Molekulartheorie, und so wurden die Gesetze von BOYLE und GAY-LUSSAC durch die kinetische Gastheorie verständlich gemacht. Ich behaupte nun,  daß innerhalb der Denklehre das Verhältnis zwischen "psychologischer Voruntersuchung" und "erkenntnistheoretischer Forschung" mit demjenigen vollständig identisch sei, welches innerhalb der Naturwissenschaft zwischen der Aufstellung empirischer Gesetze und erklärender Theorien existiert.  Denn was heißt es eigentlich: die Geltung der Axiome erklären? Wohl nichts anderes als dies: es dem Verstand begreiflich machen, daß sich die Wirklichkeit ohne Ausnahme den Axiomen fügt. Dieses Begreifen wird aber nur durch eine logische Schlußfolgerung aus gegebenen Prämissen erfolgen können; demnach läßt sich die Aufgabe auch folgendermaßen umschreiben: das Zustandekommen der Gewißheit über die ausnahmslose Geltung der Axiome aus gegebenen Prämissen und logischen Gesetzen zu erklären. Nehmen wir ein bestimmtes Beispiel: etwa die geometrischen Axiome. Die "psychologische Voruntersuchung" hat gelehrt, daß dem tatsächlich vorliegenden mathematischen Denken die Überzeugung von der unbedingten Geltung dieser Axiome zugrunde liegt, und daß die gegebene Wirklichkeit noch niemals etwas dieser Überzeugung Widersprechendes zutage gefördert hat. Dieser Tatbestand fordert aber Erklärung. Denn es ist keineswegs ohne weiteres einzusehen, wie der Verstand, dem doch, wie es scheint, nur einzelne und dazu noch nicht einmal vollkommen genaue Raumwahrnehmungen gegeben sind, kraft seiner logischen Organisation dazu gelangt, über den ganzen unendlichen Raum nur eine Form unserer Sinnlichkeit sei, daß demnach der über den Raum urteilende Verstand nur scheinbar über den als objektiv vorauszusetzenden Inhalt der Wahrnehmung, tatsächlich aber über das subjektive Wahrnehmungsvermögen urteile. Damit war, sozusagen, die allgemeine Form einer das mathematische Denken erklärenden Theorie gegeben; es war ausgesprochen worden, daß, wer die Allgemeinheit, die Apodiktizität [unumstößliche Gewißheit - wp] und die Exaktheit des räumlichen Wissens erklären wolle, die demselben zugrunde liegenden Daten nicht im Objekt, sondern im Subjekt zu suchen habe. Von dieser Einsicht ausgehend, habe ich dann die Kantische Hypothese dahin zu präzisieren versucht, daß der Raum die Form des Innervationssinnes [Nervengefühl - wp] sei, und gefunden, daß aus sehr einfachen Annahmen über die Natur der von diesem Sinn gelieferten Daten sich der Inhalt der Axiome sowie die Anwendbarkeit derselben auf die Wirklichkeit analytisch folgern lasse. (4) Diese Untersuchungen sind zweifellos erkenntnistheoretischer Natur: denn dieselben glauben Gewißheit darüber geben zu können, daß keine Erfahrung (so lange unsere psychisch-physische Organisation dieselbe bleibt) jemals den Axiomen widersprechen kann. Aus demselben Grund sind die Ergebnisse derselben aber auch als psychologische Erklärungshypothesen zu betrachten: denn indem sie die Axiome als logische Folgerungen aus gegebenen, nur beim erwachsenen Menschen gewöhnlich unter der Schwelle bleibenden Bewußtseinstatsachen darstellen, machen sie es begreiflich, wie der Verstand dazu kommt, die notwendige Geltung der Axiome für alle Wirklichkeit zu behaupten. Mit anderen Worten: sie ermöglichen es, sich die bleibende, allem Wechsel des Inhalts zugrunde liegenden Konstitution des Geistes in einer solchen Weise zu denken, daß daraus unter Zuhilfenahme der Denkgesetze die gegebene Erscheinung des mathematischen Denkens unerklärlich sei. In gleicher Weise ermöglicht es etwa die kinetische Gastheorie, sich die bleibende, allem Wechsel der Zustände zugrunde liegende Konstitution der Gase in einer solchen Weise zu denken, daß daraus unter Zuhilfenahme der Bewegungsgesetze die gegebenen, in den Gesetzen von BOYLE und GAY-LUSSAC zusammengefaßten Erscheinungen erklärlich seien. - Die "Rechtfertigung" der Axiome ist demnach hier mit der "Erklärung" vollkommen identisch; die Rechtfertigung läßt sich ja definieren als eine Erklärung durch Zurückführung auf gegebene Tatsachen und logische Gesetze. Der Verstand nimmt eben bei erkenntnistheoretischen Untersuchungen eine eigentümliche Doppelstellung ein: einmal als Subjekt und einmal als Objekt der Untersuchung; er wundert sich über sein eigenes Verfahren; indem er dasselbe aber auf seine eigenen Gesetze zurückführt, erklärt und rechtfertigt er es zugleich. So lange für irgendeine Gruppen von Denkerscheinungen diese Zurückführung noch nicht gelungen ist, so lange sind auch diese Erscheinungen nocht nicht erklärt. In diesem Fall befinden sich, meiner Ansicht nach, zur Zeit noch immer die Erscheinungen des kausalen Denkens. Man kann ein empirisches Gesetz darüber aufstellen, unter welchen Bedingungen die gegebene Sukzession im Denken in ein kausales Verhältnis verwandelt wird, - mit welchem Recht aber, das heißt also kraft logischer Schlußfolgerung aus welchen gegebenen Prämissen diese Verwandlung stattfindet, das liegt noch im Dunkeln. Da kann man es dann vorläufig nur als einen "glücklichen Zufall" betrachten, wenn sich die Erscheinungen dem Kausalgesetz fügen; man darf aber hoffen, daß dieser wie andere Zufälle dereinst, etwa durch eine Lösung des Zeitproblems, seine Erklärung finden wird. - Es wird überflüssig sein, auf analoge Verhältnisse in der Naturwissenschaft noch einmal ausdrücklich hinzuweisen.

Wir bestimmen demnach die Erkenntnistheorie als denjenigen Teil der psychologischen Wissenschaft, der im gegebenen Denken die tatsächliche Geltung der Axiome nachzuweisen, und dieselbe aus gegebenen Tatsachen und logischen Gesetzen zu erklären hat. Von dieser Definition ausgehend, sei es mir gestattet, über den in dieser Wissenschaft anzuwendenden Methoden noch einiges zu bemerken. So viel ich weiß, sind in der letzten Zeit für die Erkenntnistheorie hauptsächlich  drei Methoden  empfohlen und angewendet worden, welche ich kurz als die  teleologisch-kritische,  die  empirisch-genetische  und die  empirisch-analytische  Methode bezeichnen will. Die erstere will durch logische Analyse des Denkzweckes, die zweite durch die Beobachtung der entstehenden Erfahrung, die dritte durch Zergliederung des Denkprodukts die Erkenntnistheorie begründen. Mir scheint jede dieser Methoden ihre eigentümlichen Vorzüge und Mängel zu haben, keine einzige derselben aber prinzipiell auszuschließen zu sein.

Die  teleologisch-kritische Methode  ist uns neuerdings von meinem verehrten Lehrer, Prof. WINDELBAND, aufs wärmste empfohlen worden. (5) Von der einzigen Voraussetzung des Wahr-denken-wollens ausgehend, aber unter Berücksichtigung des dem Denken gebotenen psychischen Materials, habe die Erkenntnistheorie "alle diejenigen Bewegungsformen des psychischen Lebens sich zu Bewußtsein zu bringen, welche als unerläßliche Bedingungen für die Realisierung jener Aufgabe nachgewiesen werden können." Die empirische Psychologie könne zum Auffinden der Axiome und Normen behilflich sein, aber die Begründung derselben liege lediglich "in ihnen selbst, in der teleologischen Bedeutung, welche sie als Mittel für den Zweck der Allgemeingültigkeit besitzen". Denn hoffnungslos sei "der Versuch, durch eine empirische Theorie dasjenige zu begründen, was selbst die Voraussetzung jeder Theorie bildet."

Ich stelle weder die Anwendbarkeit noch auch die eigentümlichen Vorzüge dieser Methode, ihre Sicherheit und relative Veraussetzungslosigkeit, in Frage. Sobald der allgemeine Charakter irgendeiner Erscheinung begrifflich festgestellt worden ist, kann man durch Analyse dieses Begriffs Merkmale für die besonderen Formen derselben herausfinden: sobald der Begriff der Wahrheit seinem Inhalt nach bekannt ist, lassen sich daraus die Bedingungen ableiten, denen spezielle Denkerscheinungen entsprechen müssen, um für wahr gehalten zu werden. Solche Untersuchungen sind gewiß für die Erkenntnistheorie von hoher Bedeutung; sie ermöglichen, was keine induktiv-hypothetische Untersuchung je vermag, einen in formaler Hinsicht absolut gewissen Fortschritt des Denkens, und sind demnach für ihren Wahrheitsgehalt nur von der Richtigkeit des Ausgangspunktes, des aufgestellten Wahrheitsbegriffs, abhängig. Es kommt noch hinzu, daß die in solcher Weise aufgefundenen Axiome, eben weil sie als logische Folgerungen aus einer allem wissenschaftlichen Denken zugrunde liegenden Begriffsbestimmung aufgefunden worden sind, nicht nur als tatsächlich, sondern als notwendig geltend nachgewiesen werden können, demnach im Nachweis ihrer Existenz ihre Erklärung bzw. Begründung mit eingeschlossen liegt. Auch kann ich den naheliegenden Einwand, bloß aus dem teleologischen Grund, weil bewiesen werden können muß, folge doch noch nicht die tatsächliche Wahrheit der Axiome (6), nicht als sachlich begründet anerkennen. Denn die Axiome betreffen nicht die "reale", sie betreffen nur die "objektive", in das Erkennen hineingegangene Welt; die Frage,  ob  überhaupt Erkennen möglich sei, lassen sie unentschieden, behaupten aber, daß,  wenn  es ein Erkennen gebe, dasselbe diesen bestimmten Bedingungen entsprechen muß. Es kommt demnach diesen Axiomen in der Erkenntnistheorie eine ähnliche Bedeutung zu wie etwa in der Naturwissenschaft den phoronomischen Gesetzen [Bewegungslehre - wp]: es mag sein, daß eine vollständig gleichförmige Bewegung nirgends existiert,  wenn  es aber eine solche Bewegung gibt, muß sie sich dem Gesetz  s = vt  [Weg = Geschwindigkeit x Zeit - wp] unterworfen zeigen.

Wenn demnach, meiner Ansicht nach, der teleologisch-kritischen Untersuchung eine hohe Bedeutung innerhalb der Erkenntnistheorie zuerkannt werden muß, so will es mir doch scheinen, als ob die Vertreter derselben ihre Vorzüge etwas übertrieben, ihre relative Voraussetzungslosigkeit mit Unrecht einer absoluten gleichgestellt, und demzufolge eine  ausschließliche  Anwendbarkeit für sie in Anspruch genommen hätten, durch welche das Forschungsgebiet der Erkenntnistheorie in nicht naturgemäßer Weise eingeschränkt werden müßte.

Die Philosophie, und also auf ihrem Gebiet auch die Erkenntnistheorie, hat nach KANT die Möglichkeit synthetischer Urteile a priori zu erklären, nach WINDELBANDs übereinstimmendem Ausspruch "das System der Axiome darzustellen und das Verhältnis derselben zur Erkenntnistätigkeit zu entwickeln" (a. a. O. Seite 255). Nun heißen aber "Axiome" die unmittelbar gewissen, allem Beweisen zugrunde liegenden allgemeinen Sätze. Diese Axiome sind etwas Gegebenes, in der tatsächlich existierenden Wissenschaft Vorliegendes; es gehören dazu jedenfalls die bekannten Grundsätze der Logik, der Mathematik, der Phoronomie. Ist es nun erlaubt, von vornherein zu entscheiden, daß die Geltung dieser Axiome aus der einzigen Voraussetzung des Wahr-denken-wollens erklärt werden kann? Ich glaube nicht. Nur einer abstrakten Wissenschaft, welche bloß  eine  Seite der Erscheinungen ins Auge faßt, ist es gestattet, sich willkürlich auf ein einziges Erklärungsprinzip zu beschränken; eine konkrete Wissenschaft dagegen, welche einen gegebenen Komplex von Erscheinungen auf die denselben zugrunde liegenden Faktoren zurückzuführen hat, kann niemals im voraus bestimmen, mit welchen Erklärungsgründen sie auskommen wird. Allerdings läßt sich vermuten, daß die Geltung einiger Axiome bloß aus dem Zweck des Denkens wird abgeleitet werden können; daß dieses aber für alle gilt, darüber kann nicht von vornherein, sondern nur durch den Versuch entschieden werden. Es wäre doch immerhin denkbar, was ich in meiner bereits angeführten Abhandlung für einen besonderen Fall wahrscheinlich zu machen versucht habe, daß etwa die gegebene Organisation eines Sinnes uns zu axiomatischen Urteilen über die mittels desselben wahrgenommenen Erscheinungen befähigen und auch berechtigen sollte; und auch andere Möglichkeiten lassen sich apriori nicht ausschließen. Für solche Fälle könnte offenbar die teleologisch-kritische Methode nichts leisten; und dennoch gehören die betreffenden Untersuchungen zweifellos ins Gebiet einer Wissenschaft, welche die Geltung der Axiome zu erklären unternimmt. Die teleologisch-kritische Methode darf demnach, wenigstens von vornherein, nicht behaupten, das ganze Gebiet der Erkenntnistheorie ausfüllen zu können; nur in Verbindung mit anderen, induktiv-psychologischen Methoden wird sie ihre Aufgabe vollständig zu erfüllen imstande sein.

Gegen die Anwendbarkeit solcher induktiv-psychologischen Methoden in der Erkenntnistheorie pflegen nun aber die Vertreter der teleologisch-kritischen Methode Verschiedenes anzuführen. Die psychologische Induktion sei nur fähig "nachzuweisen, daß im wirklichen Prozeß des menschlichen Vorstellens ... diese Axiome tatsächlich als geltend anerkannt werden, daß sie in der empirischen Wirklichkeit des Seelenlebens geltende, anerkannte Prinzipien sind" (WINDELBAND, a. a. O. Seite 256) Für sie seien die Axiome "tatsächliche Auffassungsweisen, welche sich in der Entwicklung der menschlichen Vorstellungen ... gebildet haben und darin zur Geltung gekommen sind" (a. a. O. Seite 257); zur Rechtfertigung derselben könne sie sich nur auf das Urteil der Masse oder auf die historische Entwicklung berufen, und diese beiden Kriterien seien im höchsten Grad verdächtig (a. a. O. Seite 265f). Jedenfalls müsse die induktive Philosophie "nicht etwa nur die Gesetze der sogenannten formalen Logik, ... sondern eben dieselben Grundsätze der Erkenntnistheorie (wie z. B. den Kausalitätssatz), um deren Untersuchung es sich handelt", voraussetzen; sie sei demnach "der hoffnungslose Versuch, durch eine empirische Theorie dasjenige zu begründen, was selbst die Voraussetzung jeder Theorie bildet" (ebd. Seite 260 und 261) - Zur Widerlegung der beiden ersten Einwände glaube ich größtenteils auf früher Gesagtes zurückverweisen zu können; dem dritten gegenüber werde ich meinen Standpunkt etwas ausführlicher erörtern müssen.

Daß die Induktion (im engeren Sinn des Wortes) es nur zum Nachweis der tatsächlichen Geltung, nicht aber zur Begründung der Axiome bringen kann, ist ohne weiteres zuzugestehen. An diese Induktion kann sich aber, hier wie sonst, die Hypothese anschließen, und die wahrgenommene Regelmäßigkeit auf logische Gesetze und elementare Bewußtseinstatsachen zurückzuführen versuchen. Wenn dies gelingt, so wird die tatsächliche Geltung der Axiome durch die aufgestellte Hypothese erklärt und begründet, umgekehrt diese durch jene bewiesen. So in der Raumlehre KANTs: das Auftreten apriorischer Sätze in der Geometrie wird erklärt durch die Hypothese der Subjektivität des Raumes, und ist eben darum auch ein Beweisgrund für dieselbe. Wenn demnach die bloße Induktion zur Begründung der Axiome nicht genügt, so kann sie doch das Beweismaterial zusammenbringen, aus dem eine (hypothetische) Begründung derselben erfolgen kann. - Daß aber die induktive Philosophie die Axiome nur als Produkt einer Entwicklung auffassen und erklären könnte, muß entschieden verneint werden. Die Methode der Untersuchung entscheidet nicht über die Ereignisse derselben. Eine  empirische  Untersuchung, welche von den tatsächlich gegebenen Denkerscheinungen ausgeht, führt keineswegs mit Notwendigkeit zum  Empirismus,  demzufolge sich die Gesetze des Denkens selbst auf dem Weg der Assoziation und Reproduktion aus den einzelnen Empfindungen entwickelt hätten. Sie kann auch (und ich glaube sie muß) dazu gelangen, die empirisch aufgefundenen Denkgesetze nicht kausal aus vorhergehenden Bewußtseinserscheinungen, sondern begrifflich aus der bleibenden Konstitution des Bewußtseins zu erklären. "Entwickelt werden nicht Gesetze, sondern Dinge aus Elementen und nach Gesetzen. Entwickelt kann nicht das Gesetz des Denkens werden, nur Gedanken könnens es; nicht Bedingungen des Vorstellens, nur die Vorstellungen selbst" (RIEHL).

Ich wende mich dem dritten Einwand zu. Es wird behauptet, daß die induktive Philosophie, indem sie dasjenige voraussetze, was sie zu beweisen habe, eines logischen Zirkels schuldig sei; was läßt sich darauf antworten?

Ersstens:  wenn  hier ein Zirkel vorliegt, so ist ein solcher von jeder erkenntnistheoretischen Untersuchung unzertrennlich. Bei allem, und demnach auch beim erkenntnistheoretischen Denken muß doch zumindest die Geltung der logischen Gesetze vorausgesetzt werden (WINDELBAND, a. a. O. Seite 260), und dennoch soll auch diese Geltung durch die Erkenntnistheorie bewiesen werden (ebd. Seite 276). Zwar meint WINDELBAND, es könne hieraus, eben weil ausnahmslos für alle Standpunkte gilt, keiner logischen Behandlungsweise ein Vorwurf gemacht werden; ich möchte aber einwenden, daß ein Denkfehler nicht aufhört ein Denkfehler zu sein, wenn derselbe von Allen begangen wird und selbst seine Unerlässlichkeit zur Erreichung gewisser Ergebnisse nachgewiesen werden kann.  Ein  Zirkel ist ja dem Beweis nicht weniger verderblich als zwei; wenn die Voraussetzung der sämtlichen Axiome den erkenntnistheoretischen Beweis unstichhaltig macht, so muß genau dasselbe auch von der Voraussetzung bloß der logischen Axiome gelten. ist wirklich die absolute Voraussetzungslosigkeit eine notwendige Bedingung der Begründung der Axiome, und läßt sich andererseits beweisen, daß diese absolute Voraussetzungslosigkeit alles Denken aufhebt, so muß eben geschlossen werden, daß eine wissenschaftliche Erkenntnistheorie unmöglich ist.

Aber eben jene erste Prämisse muß ich bestreiten. Erinnern wir uns noch einmal, was es eigentlich heißt: die Geltung der Axiome beweisen. Nichts anderes, haben wir gefunden, als: es dem Verstand begreiflich machen, wie es kommt, daß sich die Wirklichkeit seinen Gesetzen fügt. Dieser "Verstand" ist aber keine tabula rasa, kein Ding ohne Eigenschaften: es ist der gegebene, konkrete, menschliche, nach teils bekannten, teils unbekannten Gesetzen operierende Verstand. Nur diesem keineswegs voraussetzungslosen, sondern (nach dem bekannten LEIBNIZschen Ausspruch) eben sich selbst voraussetzenden Verstand gegenüber hat das Wort "Begreifen" eine Bedeutung. Was es heißen soll: einem absolut voraussetzungslosen Verstand etwas begreiflich machen, das ist ebenso unmöglich einzusehen als, was es bedeutet: den leeren Raum in Bewegung zu versetzen. Der Verstand ist eben nichts anderes als der Inbegriff seiner Gesetze; Etwas verstehen heißt nichts anderes als, das scheinbar diesen Gesetzen Widersprechende auf dieselben zurückführen. Wenn ein halbwegs untergetauchter Stab vom sehenden Auge als gebrochen, von der tastenden Hand als gerade wahrgenommen wird, wenn die Mischung von 1Liter Wasser und 1 Liter Alkohol weniger als 2 Liter ergibt, wenn ein Mensch ohne absehbares Motiv eine folgenschwere Handlung begeht, so sind uns diese Erscheinungen unverständlich, weil sie mit logischen, mathematischen oder kausalen Gesetzen in Widerspruch zu stehen scheinen; sie werden uns aber verständlich, sobald es uns gelingt, sie diesen Gesetzen unterzuordnen. Genau dasselbe gilt aber auch für die Erscheinung des Denkens. Wir haben damit angefangen, in völlig naiver Weise aus den gegebenen Empfindungen mittels der Gesetze des Verstandes die objektive Welt aufzubauen; nachdem uns dieses aber teilweise gelungen, besinnen wir uns darauf, daß dazu doch eine merkwürdige Anpassung der gegebenen Erscheinungen an die Verfahrensweisen des Verstandes erfordert war. Diese Koinzidenz zwischen zwei scheinbar vollkommen selbständig nebeneinander verlaufenden Erscheinungsreihen ist uns zunächst unverständlich, wird aber dadurch verständlich gemacht, daß wir Tatsachen nachweisen oder annehmen, aus denen nach den Gesetzen des Verstandes die Einsicht in die Notwendigkeit derselben folgt. Diese Erklärung kann sehr verschiedener Art sein: es können entweder die Gegenstände vom Denken, oder dieses von jenen oder auch beide von einem Dritten abhängig gedacht werden; der allgemeine Charakter der Erklärung bleibt aber immer derselbe. Immer gilt es, das den Denkgesetzen Widersprechende in den Erscheinungen des Denkens, entweder durch Interpretation gegebener oder durch Nachweis oder Annahme neuer Tatsachen, diesen Gesetzen wieder unterzuordnen. Wäre diese Aufgabe vollständig gelöst, wäre es gelungen, nicht nur das System der Voraussetzungen womit alles Denken anfängt, vollständig darzustellen, sondern auch einzusehen, warum die gegebene Wirklichkeit diesen Voraussetzungen entspricht und entsprechen muß, so wäre damit der Ring des menschlichen Erkennens geschlossen, indem auch die Erscheinungen des Denkens in des Wortes einziger Bedeutung "erklärt" wären. - Von einem Zirkel könnte hier nur die Rede sein, wenn man der Erkentnistheorie die unmögliche Aufgabe zumuten wollte, ein "absolutes", nicht bloß ein allgemein menschliches Erkennen zu begründen. Also: etwa durch logische Schlußfolgerungen beweisen zu wollen, daß das Gegebene niemals den logischen Gesetzen widersprechen kann, wäre gewiß ungereimt, solange man damit einen "voraussetzungslosen", nicht schon von Haus aus logischen Verstand zu überzeugen meinte: weil eben diesem Verstand die betreffende Überzeugung schon müßte beigebracht worden sein, ehe man mit dem Beweis für dieselbe anfangen könnte. Die Erkenntnistheorie hat es aber nicht mit einem voraussetzungslosen, sondern mit dem konkret-menschlichen Verstand zu tun, und dieser Verstand ist schon von Anfang an, ohne jede Erkenntnistheorie, von der ausnahmslosen Geltung der logischen Gesetze überzeugt. Nicht in dem Sinne muß ihm demnach diese Geltung "bewiesen" werden, daß ihm der Glaube daran als eine neue Überzeugung aufgezwungen würde; sondern vielmehr so, daß Widersprüche, welche sich aus der schon bestehenden Überzeugung zu ergeben scheinen, beseitigt werden und so die innere Harmonie im System unserer Erkenntnisse gewahrt bleibe. - Genau dasselbe gilt aber für das ganze Gebiet der Erkenntnistheorie. Die Erkenntnistheorie schafft nicht die Gewißheit der Axiome, sondern sie erkennt dieselbe an und erklärt sie;  diese Erklärung ist aber, weil eine Erklärung aus den Gesetzen des Verstandes, zugleich eine Begründung.  Die Erkenntnistheorie begründet die Axiome, indem sie in den Tiefen des Bewußtseins die Wege, welche zur Annahme derselben geführt haben, beleuchtet, und es so dem Verstand ermöglicht, sich über die letzten Gründe seines apriorischen Wissens Rechenschaft abzulegen. (7) - Die Begründung kann überhaupt nur eine immanente, keine tranzendente sein. Auch wenn das Denken sich selbst zum Gegenstand nimmt, kann es sich der Herrschaft seiner eigenen Gesetze nicht entschlagen.

Ich glaube im Vorhergehenden nachgewiesen zu haben, erstens, daß die Anwendung induktiv-psychologischer Methoden in der Erkenntnistheorie keinen Widerspruch enthält, zweitens, daß die Erkenntnistheorie, wenn sie wirklich ihrer Aufgabe: die Geltung der Axiome zu erklären, gerecht werden soll, neben der teleologisch-kritischen solcher induktiv-psychologischer Methoden  bedarf.  Durch bloße Zergliederung des Erkenntnisbegriffs können zwar einzelne apriorische Bestandteile des Wissens aufgefunden und erklärt, kann aber für eine vollständige Aufstellung derselben keine Bürgschaft gegeben werden. Zu diesem Zweck bedarf es einer empirischen Untersuchung des tatsächlich gegeben Denkens. Diese Untersuchung kann nun aber in doppelter Weise geführt werden. "Wenn uns die Aufgabe gestellt wäre, ein zusammengesetztes Produkt in Bezug auf seine Teile zu untersuchen, so könnten wir dieselbe auf zwei Wegen lösen, indem wir entweder das Produkt in seiner Entstehung aufsuchen, oder so wie es vorliegt in seinem Bestand zergliedern würden. Es sei dieses Produkt die Erfahrung, so können wir die psychologische Frage nach ihrer Entstehung, oder eine zweite nach dem, was sie enthält, nach den Grundbestandteilen ihrer vorliegenden Erscheinungen richten" (8). Ich bemerke schon hier, was freilich implizit in der angeführten Stelle zugegeben wird, daß auch die zweite Frage eine psychologische ist: nicht mit verschiedenen Problemen, sondern mit verschiedenen Methoden, das nämliche Problem zu lösen, haben wir es hier zu tun. Diese Methoden sind es, welche ich als die empirisch-genetische und die empirisch-analytische Methode der teleologisch-kritischen zur Seite gestellt habe.

Die  empirische-genetische Methode,  welche ganz besonder in CARL GÖRING einen talentvollen Verteidiger gefunden hat, verspricht ohne Zweifel, rein theoretisch betrachtet, entschiedene Vorteile.
    "Allerdings kann man ein zusammengesetztes Produkt auf doppelte Weise in seine Bestandteile zerlegen, aber es ist für die Richtigkeit dieser Zerlegung durchaus nicht gleichgültig, auf welche Weise man das tut. Durch die logische Analyse erreicht man in keinem Fall mehr als die  Möglichkeit,  daß die herausgerechneten Bestandteile die wirklichen Faktoren des Produktes bilden. Die Zahl 64 z. B. kann durch Multiplikation auf sehr verschiedene Arten entstehen, die man alle durch Analyse herausbekommt. Gesetzt aber, es verlangte jemand, man solle durch Analyse feststellen, durch welche Faktoren die Zahl 64 in einem bestimmten Fall wirklich entstanden sei, so wäre diese eine Forderung, deren Widersinn sofort einleuchtet, da nur die direkte Beobachtung der Entstehung die wirklichen Faktoren kennen lehrt. Was in diesem Fall gilt, findet seine Anwendung auf alle Fälle, in denen es sich darum handelt, die wirklichen und nicht bloß die möglichen Faktoren eines Produktes kennen zu lernen; die logische Analyse gibt stets nur die Möglichkeit, die Beobachtung der Entstehung stets Gewißheit. Sobald man die Entstehung eines Produkts kennt, ist jeder Zweifel über die Art seiner Zusammensetzung ausgeschlossen. Wo also dieser Weg offen steht, ist es geradezu zweckwidrig, die Zusammensetzung eines Produktes anderweitig erforschen zu wollen. Für jede methodische Untersuchung der ursprünglichen Bestandteile der Erfahrung entsteht daher vor allem die Frage, ob man diese Teile durch Beobachtung der entstehenden Erfahrung kennen lernen kann. Erst wenn diese Frage verneint werden müßte, wäre es zulässig einen anderen Weg einzuschlagen. Nun können wir aber die Entstehung der Erfahrung durch direkte Beobachtung kennen lernen und erlangen dadurch Gewißheit über ihre Zusammensetzung, ohne den trügerischen Weg der Selbstbeobachtung zu betreten, während die logische Analyse über die Möglichkeit niemals hinauskommt". (9)
Soweit GÖRING. Leider hat auch er die Vorzüge der von ihm empfohlenen Methode etwas zu hoch veranschlagt und die denselben gegenüberstehenden Nachteile nicht berücksichtigt.

Richtig ist an seiner Kritik der analytischen Methode wenigstens so viel, daß dieselbe niemals vollständige Gewißheit ergeben kann. An der Behauptung aber, daß sie es nur zur leeren "Möglichkeit" und nicht auch zu einer mitunter sehr hohen Wahrscheinlichkeit bringen könnte, hat wohl nur sein unglücklich gewähltes mathematisches Beispiel Schuld. Durch bloße Analyse erforschen zu wollen, aus welchen Faktoren in einem gegebenen Fall die Zahl 64 entstanden sei, das wäre allerdings sehr ungereimt. Ist es aber auch ungereimt, wenn der Naturforscher durch eine Analyse der chemischen Erscheinungen auf die in der Konstitution der Materie liegenden Bedingungen, deren Produkt dieselben sind, zurückschließt? Oder wenn der Richter durch Analyse der vorliegenden Tatsachen irgendeine Handlung auf die Motive, deren Produkt dieselbe ist, zurückzuführen versucht? Das wird wohl niemand behaupten. Allerdings wäre der Weg sicherer, wenn man im ersten Fall die Atome und Moleküle, im zweiten die Motive direkt beobachten könnte; da dies aber unmöglich ist, muß man eben auf die volle Gewißheit verzichten, und sich mit der auf dem Weg der Reduktion zu erreichenden Wahrscheinlichkeit begnügen, welche aber, weit davon entfernt eine bloße Möglichkeit zu sein, der Gewißheit sehr nahe kommen kann. - Ähnliches gilt nun aber auch für die Erklärung der Denkerscheinungen. Ließe sich die Entstehung unserer axiomatischen Grundüberzeugungen von Anfang an direkt beobachten, so könnte die analytische Methode ihrer genetischen Schwester ruhig das Werk überlassen. Leider stehen aber die Sachen anders. Der erwachsene Mensch ist tatsächlich nicht imstande, sich über die Genesis seiner axiomatischen Urteile Rechenschaft abzulegen; wenn man ihn darüber befragt, so wird er meinen, das sei doch ganz natürlich, daß etwa zwei Gerade keinen Raum einschließen, es könne ja gar nicht anders sein usw.; vielleicht auch behaupten, er sehe es ganz deutlich, während man ihm doch durch entscheidende Experimente beweisen kann, daß er es  nicht  sieht und nicht sehen  kann.  Wollte man aber nicht Erwachsene, sondern neugeborene Kinder zum Gegenstand seiner Beobachtungen wählen, so ließe sich dieser Weg allerdings theoretisch sehr schön empfehlen, praktisch aber etwas schwieriger durchführen. Nicht nur weil die trügerisch gescholtene Selbstbeobachtung doch immer in letzter Instanz den Schlüssel abgeben muß, ohne welchen wir in das Seelenleben anderer nicht hineindringen können; demzufolge die Beobachtung anderer im besten Falle nur über Intensität und Zeitfolge schon durch Selbstbeobachtung bekannter, nicht aber über unbekannte oder vergessene Bewußtseinserscheinungen etwas lehren kann; - sondern auch weil die äußerst dürftigen Ausdrucksmittel, über welche das Kind verfügt, nur sehr unbestimmte Vermutungen über sein Denken und Fühlen ermöglichen. - Die empirisch-genetische Methode mag demnach als Forschungsmethode, oder auch zur Bestätigung anderweitig erhaltener Resultate Einiges leisten können (10), als Beweismethode kann ihr keine große Bedeutung zugeschrieben werden.

Die  empirisch-analytische Methode  endlich ist diejenige, für welche KANTs Behandlung der transzendentalen Ästhetik für immer das klassische Vorbild aufgestellt hat. Auch sie geht von Tatsachen aus, um daraus Gesetze und Theorien aufzubauen: nicht aber von den der Beobachtung unzugänglichen elementaren, sondern von den zusammengesetzten Tatsachen des gegebenen Denkens, aus denen sie die denselben zugrunde liegenden elementaren Tatsachen rekonstruiert. So fängt z. B. KANT damit an, unsere tatsächlich gegebene Raumerkenntnis zu untersuchen; er zeigt, daß dieselbe nicht durch Abstraktion aus äußeren Erfahrungen entstanden sein kann, daß sich ihr Gegenstand absolut nicht wegdenken läßt, daß ihre Grundsätze eine apodiktische [logisch zwingende, demonstrierbare - wp] Gewißheit besitzen, welche der bloß empirischen Erkenntnis abgeht usw.; er schließt daraus, daß die Raumerkenntnis von aller gegenständlichen Erfahrung unabhängig ist; und er macht diesen Tatbestand verständlich, in dem er den Raum als nicht den das Subjekt affizierenden Gegenständen, sondern dem affizierten Subjekt angehörig betrachtet. Ohne Zweifel ist diese Kantische Methode von der genetischen sehr verschieden; mit Unrecht, wie ich glaube, hat man ihr aber den psychologischen Charakter überhaupt abgesprochen. So meint z. B. RIEHL, eine psychologische Untersuchung würde nicht Elementar formen,  sondern psychische Elementar prozesse  und  Gesetze  ergeben haben (a. a. O. Seite 65). Es will mir aber scheinen, als ob dieser Behauptung eine zu enge Auffassung der Aufgabe aetiologischer [ursachenbezogener - wp] Wissenschaften zugrunde läge. Ohne Zweifel haben diese Wissenschaften es  zunächst  mit der Erforschung von Prozessen und der Feststellung von Gesetzen zu tun; sodann aber auch mit der Aufstellung von erklärenden Theorien.  Nun setzt aber die Kantische Untersuchung den ersten Teil dieser Arbeit schon voraus, und bezieht sich ausschließlich auf den zweiten.  Die Erforschung mathematischer Denkprozesse war schon vorhergegangen, und hatte gelehrt, daß alles mathematische Denken unter der Herrschaft der Axiome stattfindet, daß es vollständig unmöglich ist auch nur die geringste Abweidung von denselben als wahr zu denken, daß wir auch ohne Gegenstände uns den Raum zu denken vermögen, usw.:  lauter psychische Gesetze.  Von diesen psychischen Gesetzen ausgehend, schließt KANT dann auf die Subjektivität des Raumes als Bedingung für die Begreiflichkeit jener:  "so läßt sich verstehen,  wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen, mithin apriori im Gemüt gegeben sein könne" (Werke II, Augabe ROSENKRANZ, Seite 37). - Allein KANT beweist doch, daß nach logischen, nicht nach psychologischen Gesetzen die mathematische Gewißheit sich aus der Subjektivität des Raumes ergebe? Allerdings:  eben weil die logischen Gesetze psychogische sind!  Wenn man aus dem tatsächlichen Verhalten der Gase ihre Konstitution erschließen will, so setzt man die Bewegungsgesetze der Materie -, wenn man aus den vorliegenden Erscheinungen des Denkens seine Elemente ermitteln will, so setzt man die Bewegungsgesetze des Denkens voraus. Im einen Fall wie im andern sind diese Bewegungsgesetze durch frühere Untersuchungen bekannt, die den wahrgenommenen Erscheinungen zugrunde liegenden Elementartatsachen sind aber von diesen Erscheinungen und jenen Gesetzen funktional abhängig, und lassen sich demnach aus denselben ableiten. Die Form dieser Ableitung ist genau dieselbe in der kinetischen Gastheorie und in der transzendentalen Ästhetik; und wenn man ohne Bedenken jene der empirischen Naturwissenschaft zurechnet, so darf auch diese von der empirischen Psychologie nicht ausgeschlossen werden.

Es sei mir schließlich gestattet, teilweise früher Bemerktes zusammenfassend, die Bedeutung der drei erkenntnistheoretischen Methoden durch Hinweisung auf analoge Verhältnisse in der Naturwissenschaft noch etwas deutlicher hervortreten zu lassen.

Wenn sich der Naturforscher über die Gesetze und Ursachen der Atom- und Molekularbewegungen zu unterrichten wünscht, so sind im Allgemeinen drei Wege dieses Ziel zu erreichen denkbar. Man könnte erstens sich auf das Gebiet der Bewegung die bekannten Sätze ableiten, welche, weil für alle, so auch für die Atom- und Molekularbewegungen gelten müssen. Man könnte zweitens die (allerdings zu verneinende) Frage aufwerfen, ob es nicht möglich wäre unsere Sinne und Instrumente in einem solchen Grad auszubilden und zu vervollkommnen, daß sich die Atom- und Molekularbewegungen unmittelbar wahrnehmen und messen ließen. Und drittens könnte man (wie die kinetische Gastheorie es macht) von den tatsächlich vorliegenden chemischen und thermischen Erscheinungen ausgehen, und fragen, wie man sich die Atome und Moleküle und ihr gegenseitiges Verhalten zu denken habe, um daraus nach den bekannten Bewegungsgesetzen diese Erscheinungen erklären zu können. - Ich behaupte nun, daß sich nicht nur im Prinzip, sondern auch in der praktischen Anwendung eine vollständige Analogie zwischen diesen physischen und den vorher besprochenen erkenntnistheoretischen Methoden nachweisen läßt. Soviel wie hier die rein phoronomische Untersuchung, soviel leistet dort die teleologisch-kritische Methode. Beide ermöglichen es, den allgemeinen Charakter der betreffenden Erscheinungen apriori mit vollständiger Gewißheit festzustellen; für beide bleibt aber der besondere Inhalt jener Erscheinungen unerreichbar. Da muß dann die empirische Untersuchung, entweder die unmittelbare Beobachtung oder die sich auf Beobachtung stützende Hypothese, helfend eingreifen. Der erstere Weg wäre, wenn überhaupt zugänglich, der sicherste; leider lassen sich aber die elementaren Grundlagen unseres apriorischen Wissens ebensowenig beobachten wie die des äußeren Geschehens, und so muß dann auf indirektem Weg vorgegangen werden. Zwar führt dieser Weg niemals zur absoluten Gewißheit, wohl aber kann sie eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit ergeben. Und tatsächlich fast alles, was wir einerseits über die Konstitution der Materie, andererseits über die tiefsten Grundlagen des Denkens wissen oder vermuten, auf diesem indirekten Weg erworben worden.

Es erschien mir wünschenswert, mit dieser Parallele zwischen naturwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Beweismethoden zu schließen, um dadurch die auf jenem Gebiet allseitig anerkannte, auf diesem aber vielfach verneinte enge Verwandtschaft der betreffenden Untersuchungen noch einmal klar ans Licht treten zu lassen. Bis jetzt ist fast nur auf die Verschiedenheit der Wege, und kaum je auf die Einheit des Ziels der Nachdruck gelegt worden. Die Vertreter der teleologisch-kritischen Methode sehen in jeder empirischen Untersuchung einen logischen Zirkel; die Genetiker behaupten, jeder andere als der von ihnen betretene Weg führe vom festen Boden des Tatsächlichen weg; die Männer der Erfahrungsanalyse glauben nur so ein wirkliches Apriori, durch genetische Untersuchungen aber bloß zeitliche Priorität entdecken zu können. So behauptet jeder in strammer Ausschließlichkeit seinen Standpunkt, - wahrlich nicht zum Frommen der gemeinsamen Wissenschaft. Denn im Grunde wollen, wie ich glaube nachgewiesen zu haben, alle dasselbe: nämlich die Erkenntnis der Grundgesetze und Grundtatsachen des menschlichen Denkens. Die teleologisch-kritische Methode fängt mit der durch Selbstbeobachtung bekannten Grundtatsache des Erkennen-wollens an, um daraus die allgemeinsten Denkgesetze zu deduzieren; die beiden anderen Methoden beobachten das entstehende oder schon ausgebildete Denken, fassen die Ergebnisse der Untersuchung in empirische Gesetze zusammen, und stellen Hypothesen auf über die letzten und höchsten Tatsachen, welche diesen Gesetzen zugrunde liegen. Prinzipiell sind alle diese Methoden gleichberechtigt; und wenn auch die praktische Anwendbarkeit derselben eine sehr verschiedene ist, so kann doch eine jede zur wechselseitigen Bestätigung und Kontrollierung etwas beitragen. Allerdings kann man, in festem Zutrauen auf die Macht der einzigen Wahrheit, den Streitenden zurufen: Jeder wandle für sich, und wisse nichts vom Andern, wandeln nur beide gerad', finden sich Beide gewiß. Aber das Finden des geraden Weges ist nicht leicht: und angesichts der großen Aufgabe hat niemand ein Recht, auch nur  ein  Mittel, welches dieselbe der Lösung etwas näher bringen könnte, in stolzer Selbstgenügsamkeit von sich zu weisen.
LITERATUR - Gerard Heymans, Erkenntnistheorie und Psychologie, Philosophische Monatshefte, Bd. XXV, Heidelberg 1889
    Anmerkungen
    1) DAVID HUME, Untersuchung in betreff des menschlichen Verstandes, Berlin 1869 [..."daß der Glaube nur eine lebhaftere, lebendigere, stärkere, festere, ausharrendere Vorstellung von einem Gegenstand ist, als die, welche die Einbildung allein erreichen kann."]
    2) CARL GÖRING, System der kritischen Philosophie I, Seite 310
    3) ARTHUR SCHOPENHAUER, Werke III, Seite 248
    4) HEYMANS, Zur Raumfrage, Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. XII, Leipzig 1888
    5) WILHELM WINDELBAND, Kritische oder genetische Methode?, Präludien, Seite 247f
    6) ERNST LAAS, Über teleologischen Kritizismus, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Bd. VIII, Leipzig 1884
    7) Das hier Erinnerte möchte ich ganz besonder auch gegen die im vorigen Band dieser Zeitschrift erschienene interessante Abhandlung NATORPs "Über objektive und subjektive Begründung der Erkenntnis", welche ich leider erst nach Beendigung dieses Artikels kennenlernte, anführen. Ich bin mit NATORP vollständig darüber einverstanden, daß die mathematischen und Naturwissenschaften zur Begründung ihrer Behauptungen nicht weiter als auf gewisse elementare Wahrheiten objektiver Natur rekurrieren brauchen, - eben weil diese elementaren Wahrheiten für jeden Menschen evident sind. Keineswegs ist damit aber gesagt, daß nicht diese Evidenz selbst, als psychologische Tatsache betrachtet, wieder neue Probleme darbieten könnte, welche dann die Erkenntnistheorie zu lösen hätte. Wäre solches aber der Fall, so ließe sich die von der Erkenntnistheorie gebotene Erklärung als eine Art Begründung zweiter Instanz betrachten, indem etwa die Gewißheit der Axiome auf eine noch mehr primäre, also auf die Gewißheit der logischen Gesetze und gewisser Bewußtseinstatsachen, zurückgeführt würde. - Sollte die Erkenntnistheorie, wie NATORP es wünscht, bei den objektiven Einheiten Halt machen, so müßte ihr Gebiet mit demjenigen der Spezialwissenschaften zusammenfallen. Eben darin liegt ihr Daseinsrecht begründet, daß diese objektiven Einheiten sich in zweifacher Weise betrachten lassen: einmal als erkanntes Objekt, sodann als Inhalt des Erkennens. Mit den mathematischen Axiomen fängt sowohl die Mathematik selbst als auch die Philosophie der Mathematik an; aber jene betrachtet dieselben als allgemeinsten Ausdruck für gewisse Verhältnisse in der objektiven Welt, diese als Denkerscheinungen; von den Axiomen schließt die Mathematik vorwärts auf die Folgesätze, die Erkenntnistheorie zurück auf die Grundlagen. - Übrigens bietet NATORPs auf die Bedeutung der subjektiv und objektiv gerichtete Untersuchung selbst ein bemerkenswertes Beispiel der Anwendung induktiv-psychologischer Methoden in der Erkenntnistheorie. Die Frage wie der Geist dazu kommt, einen Teil des Bewußtseinsinhaltes als "objektiv" sich gegenüberzustellen, ist ein Problem derselben Art wie dasjenige von der Gewißheit der mathematischen Axiome; und die Art und Weise wie NATORP diese Frage zu lösen versucht, gehört vollständig ins Gebiet der "empirisch-analytischen Methode".
    8) ALOIS RIEHL, Über Begriff und Form der Philosophie, Seite 63
    9) CARL GÖRING, System der kritischen Philosophie I, Seite 284 und 285
    10) Wie z. B. die KUSSMAULsche Beobachtung, daß bei Neugeborenen das Muskelgefühl früher als die Gesichtsempfindung auftritt, mir für die Lösung der Raumfrage nicht ohne Interesse zu sein scheint (GÖRING, a. a. O. Seite 46).