cr-2G. NeudeckerO. CaspariPaul Stern     
 
GERARD HEYMANS
[ 1857 - 1930 ]
Die Gesetze und Elemente
des wissenschaftlichen Denkens


Kraft meiner Selbsterkenntnis als vernünftiges Wesen setze ich voraus und darf ich voraussetzen, daß meine klare Einsicht nicht ohne genügende Gründe zustande gekommen sein wird, denn jene auf meine Selbsterkenntnis sich stützende Grundvoraussetzung läßt sich zwar zurückdrängen, aber nicht überwinden. Die Praxis des Denkens und des Lebens hält mit unerschütterlichem Glauben an derselben fest: und zwar mit Recht. Denn auch wo für ein gegebenes Wissen nachweisbare Gründe fehlen, liegt doch in der bloßen Tatsache, daß es von vernünftigen Wesen klar und sicher gewußt  wird,  ein vollkommen zureichender Grund, es zumindest vorläufig für wahr zu halten. - Wer also das Wissen begründen will, darf unbedenklich seiner Untersuchung die Voraussetzung zugrunde legen, daß es begründbar ist. Die Begründbarkeit des gegebenen Wissens ist nicht etwa eine Thesis, welche erst bewiesen werden müßte: es ist eine ansich evidente Gewißheit, welche scheinbaren negativen Instanzen gegenüber behauptet werden soll."

Vorwort

Der Zweck des vorliegenden Buches ist ein doppelter: für den Nichtphilosophen soll es ein Lehrbuch der Erkenntnistheorie, für den Philosophen aber eine durch Beispiele erläuterte Abhandlung über die Methode in dieser Wissenschaft sein. Das Bestreben, beiden in  einem  Buch zu vereinen, wurzelt in meiner Überzeugung, daß eben jene empirische Forschungs- und Beweismethode, deren gutes Recht in der Philosophie ich den Fachgenossen gegenüber zu verteidigen wünsche, sich auch als Darstellungsmethode ganz besonders demjenigen empfiehlt, der wissenschaftlich gebildete Menschen in die Philosophie einzuführen hat. Freilich glaube ich mit der Ansicht, daß die Erkenntnistheorie em Wesen nach eine empirische Wissenschaft sei, nicht etwas wesentlich Neues vorgetragen, sondern nur theoretisch begründet zu haben, was in der Praxis doch schon Gemeingut aller ist. Oft kam es mir sogar vor, als ob ich nur "le secret de tout le monde" [Das Geheimnis für jedermann - wp] ausspräche. Denn sämtliche erkenntnistheoretische Untersuchungen der Gegenwart beschäftigen sich doch eben mit Problemen, welche aus den gegebenen Erscheinungen des Denkes hervorgehen, und versuchen dieselbe durch gegebene oder hypothetisch vermutete Tatsachen des Denkens zu lösen. Es erschien mir wünschenswert, diesen Sachverhalt auch in der Form einmal voll und klar zum Ausdruck zu bringen.

Mit der Bestimmung des vorliegenden Buches, an erster Stelle ein Lehrbuch zu sein, hängt aber verschiedenes zusammen.

Erstens, daß es mir vor allem am Herzen liegen mußte, auf die Bedeutung der  Probleme,  deren massives, von aller Willkür unabhängiges Gegebensein noch so oft verkannt wird, das volle Licht fallen zu lassen. Der Dozent der Philosophie ist eben darin gegen andere im Nachteil, daß er die "Verwunderung über das Gegebene", aus welcher alles wissenschaftliche Interesse hervorgeht, nicht voraussetzen darf, sondern erst erwecken muß. Ich habe mich in dieser Sache lieber dem Vorwurf allzu großer Ausführlichkeit, als dem Vorwurf ungenügener Klarheit ausgesetzt.

Was zweitens die  Lösungen  der Probleme betrifft, habe ich mich bestrebt nur dasjenige zu geben, was sich beweisen, oder doch in hohem Grad wahrscheinlich machen läßt. Offene Fragen offen zu lassen, habe ich mich nicht gescheut; Vermutungen und Aussichten auf bloß mögliche Lösungen entweder zurückgehalten oder ausdrücklich als solche markiert. Allerdings können auch über die Frage,  ob  ein gegebener Beweis stichhaltig ist, die Meinungen wieder geteilt sein; ich habe mich nur bemühen können, durch möglichst vollständige Angabe der Beweisgründe dem Leser die Kontrolle zu erleichtern.

Drittens habe ich geglaubt, in der Erörterung und Widerlegung entgegengesetzter Ansicht mich auf solche Erklärungsversuche beschränken zu müssen, welche ich als in weiteren wissenschaftlichen Kreisen bekannt voraussetzen dürfte; während ich umgekehrt diejenigen Theorien, welche man nur durch philosophische Fachstudien kennen lernt, unberücksichtigt gelassen habe. Nur für  eine  Frage: diejenige nach dem Verhältnis zwischen Erkenntnistheorie und Psychologie, habe ich ihrer grundlegenden Bedeutung wegen eine Ausnahme machen zu müssen geglaubt. Ich bemerke demnach ausdrüclich,  daß die auf diese Frage sich beziehenden Paragraphen (§ 4-7) bei einer ersten Lektüre ohne Nachteil für das Verständnis des Folgenden übergangen werden können. 

Endlich: die Literaturangaben gehören ausschließlich dem "Lehrbuche" an. Das heißt: dieselben beanspruchen nicht alles Wichtige, selbst nicht alles Wichtigste, aus der einschlägigen Literatur hervorzuheben; sondern dieselben wollen nur dem Anfänger, der sich über die hier behandelten Fragen genauer zu orientiern wünscht, das Suchen erleichtern. Es sind ja auch hier nur die ersten Schritte, welche der Führung bedürfen.

So viel über den Inhalt des Buches. Für die sprachliche Form bitte ich als Ausländer um Nachsicht. Ich bin mir vollkommen bewußt, nicht immer den zutreffenden Ausdruck für meine Gedanken gefunden zu haben, und kann nur hoffen, daß man das Buch besser lesen wird, als ich es geschrieben habe.


Einleitung

§ 1. Die Aufgabe der Erkenntnistheorie. Das wissenschaftliche Denken erscheint uns gewöhnlich ausschließlich als ein Objekt teleologischer Betrachtung. Wir beurteilen dasselbe als ein Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zwecks, sei es daß dieser Zweck in der theoretischen Erkenntnis oder in der praktischen Beherrschung und Nutzbarmachung der gegebenen Wirklichkeit gesucht werde. Bei jedem Stück wissenschaftlicher Arbeit erheben wir die Frage, ob wahr oder unwahr? richtig oder unrichtig? - und je nach der Antwort, welche wir finden, entscheiden wir darüber, ob die dargebotenen Ergebnisse angenommen oder verworfen werden müssen.

Es ist aber, neben dieser teleologischen, auch eine rein theoretische, auf die Erforschung von Ursachen und Gesetzen gerichtete Betrachtung des wissenschaftlichen Denkens möglich. Wissenschaftliche Überzeugungen sind Bewußtseinserscheinungen, genauso wie Zorn, Begierde, Schmerz, ein Willensentschluß Bewußtseinserscheinungen sind. Daß gesetzmäßig wirkenden Ursachen das Auftreten dieser Erscheinungen bedingen, ist von vornherein mindestens sehr wahrscheinlich, nicht nur weil wir bis jetzt auf jedem Gebiet die kausale Betrachtung anwendbar gefunden haben, sondern auch aufgrund der vorliegenden Tatsachen selbst. Schon die einfache Erwägung, daß es so etwas wie  Beweise  gibt, legt eine kausale Auffassung des Denkprozesses nahe. Denn was heißt es eigentlich: etwas beweisen? Was tut eigenlich der Mann der Wissenschaft, wenn er mir die Wahrheit irgendeines Satzes beweisen will? Er versucht durch Worte und Zeichen, durch Hinweisung auf wahrnehmbare oder durch Erzählung wahrgenommener Tatsachen, in meinem Bewußtsein solche Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen in einer solchen Gruppierung zu erzeugen, daß sich daraus mit Notwendigkeit die Überzeugung von der Wahrheit des zu beweisenden Satzes bei mir entwickelt. Diese Notwendigkeit empfinde ich sehr lebhaft: ich kann ebensowenig ohne Beweis jene Überzeugung willkürlich in mir hervorzaubern, wie ich dieselbe willkürlich unterdrücken kann, nachdem ich einmal den Beweis verstanden habe. Ob ich jenen Beweis anhören, jener Vorstellungsgruppe den Zutritt zu meinem Bewußtsein gestatten werde, das kann von meinem Willen abhängen; wie aber der Beweis, wenn einmal in mein Bewußtsein aufgenommen, wirkt, ob er dort eine Überzeugung und  welche  Überzeugung er zustande bringt, das ist von meinem Willen vollständig unabhängig. Offenbar muß demnach zwischen Beweis und Überzeugung, beide als Bewußtseinserscheinungen betrachtet, ein  ursächliches Verhältnis  angenommen werden. Wollte man dagegen einwenden, daß der Beweis doch nicht, wie die Ursache ihre Wirkung,  ausnahmslos  die entsprechende Überzeugung zustande bringt, so ließe sich dieser Einwand leicht durch den Hinweis auf analoge Verhältnisse in anderen Wissenschaften entkräften. Wenn ich den Hahn eine geladenen Gewehres losdrücke, so wird jeder diese Handlung die Ursache des nachfolgenden Schusses nennen: dennoch kann der Schuß ausbleiben, wenn etwa das Pulver feucht oder der Mechanismus des Gewehres in Unordnung geraten ist. Ähnlich müssen auch hier gewisse Bedingungen erfüllt sein, wenn die Ursache ihre Wirkung hervorbringen soll: eine gewisse Spannung der Aufmerksamkeit, Klarheit und Beweglichkeit der Vorstellungen und vielleicht noch andere. Hier ebensowenig wie dort wird aber dadurch die Anwendbarkeit der kausalen Betrachtung ausgeschlossen. (1)

Die exakte, durch empirische Untersuchung des gegebenen Denkens zu ermittelnde Feststellung und Erklärung der kausalen Beziehungen, welche das Auftreten von Überzeugungen im Bewußtsein bedingen, ist die Aufgabe der Erkenntnistheorie. 

§ 2. Das empiristische Vorurteil. Man wird vielleicht fragen, was es denn eigentlich für diese Erkenntnistheorie zu untersuchen gebe? Das Ziel des Denkens sei doch die Wahrheit seiner Ergebnisse; unter Wahrheit verstehe man aber die Übereinstimmung der Vorstellungen mit ihren Gegenständen: man könne demnach der Wahrheit seiner Vorstellungen nur dann gewiß sein, wenn man dieselben mit ihren Gegenständen verglichen hat. Das heißt also, in die kausale Terminologie übertragen: die einzig mögliche Ursache der Gewißheit sei die Vergleichung der Vorstellungen mit ihren Gegenständen. - Über diese dem natürlichen Denken geläufige Ansicht haben wir vor allem einiges zu bemerken.

Ohne Zweifel ist der Gedanken, welcher derselben zugrunde liegt, an und für sich richtig. Wenn wir darüber nachdenken, was wir mit den Worten  Wahrheit, Wissen, Erkenntnis  eigentlich meinen, so sehen wir gar nicht ein, wie es möglich sein könnte, über irgendeinen Gegenstand wirklich etwas zu wissen, außer sofern wir es der auf diesen Gegenstand sich beziehenden Erfahrung entnommen haben. Untersuchen wir aber nicht den abstrakten Begriff des Wissens, sondern die tatsächlich gegebene Wissenschaft, so finden wir zu unerem Erstauenen,  daß dieselbe auf allen Gebieten unendlich mehr enthält, als die vorliegende Erfahrung gewährleisten zu können scheint.  Zu demjenigen, was wir als nacktes Erfahrungsergebnis anerkennen, wird überall im Denken noch etwas hinzugetan; und zwar etwas von so eingreifender Bedeutung, daß ohne dasselbe die Wissenschaft ihr eigentümliches Gepräge vollständig verlieren müßte. Am leichtesten läßt sich das für die Sätze nachweisen der Arithmetik und Geometrie: die  absolute  Genauigkeit, welche diese Sätze in Anspruch nehmen, läßt sich offenbar ebensowenig durch unsere doch immer nur approximativen Messungsmethoden verifizieren, wie die  notwendige  Geltung, welche wir denselben zuschreiben, in der nur Tatsächliches bietenden Erfahrung gegeben sein kann. Aber der aufgestellte Satz behält auch für die Naturwissenschaft seine Gültigkeit. Nicht nur weil die Geologie Tatsachen bespricht, welche stattgefunden haben, als noch kein menschliches Auge da war, dieselben wahrzunehmen; nicht nur weil die kinetische Theorie der Gase den Atomen und Molekülen Abmessungen und Geschwindigkeiten zuschreibt, welche sich nicht nur der Wahrnehmung, sondern selbst der Vorstellung entziehen; - auch im einfachsten empirischen Gesetz, in der bloßen Konstatierung einer isolierten Tatsache, liegt schon vieles, was über die Erfahrung hinauszugehen scheint. Wir sehen, daß zwei Erscheinungen regelmäßig aufeinander folgen; wir behaupten aber, daß die eine  Ursache  der anderen sei: d. h. wir machen aus der bloß zeitlichen eine inhaltliche Beziehung, welche wir dennoch als sinnlich unwahrnehmbar und unvorstellbar anerkennen müssen. Aber noch weiter! Die Naturwissenschaft beschäftigen sich mit den Dingen der Außenwelt; kann ich aber je ein außer mir befindliches Ding unmittelbar wahrnehmen? Schon die Physiologie der Sinnesorgane gibt eine verneinende Antwort. Sie weist nach, daß überall und immer zwischen dem Auftreten des vorausgesetzten Dinges und der entsprechenden Empfindung höchst komplizierte Prozesse verlaufen, dergestalt, daß dasjenige, welches wir wahrnehmen, niemals das Ding selbst, sondern stets etwas ganz anderes ist, welches wir im besten Fall nur als die sehr entfernte Wirkung eines Geschehens außer uns, dessen Inhalt durch die Eigenschaften jenes Dings für einen größeren oder geringeren Teil mitbestimmt wird, interpretieren können. Auch eine Berufung auf physikalische oder physiologische Theoreme, durch welche die Übereinstimmung zwischen Vorstellung Ding verbürgt werde, kann nichts nützen. Denn erstens wäre mit dieser Berufung selbst anerkannt, daß nicht die direkte Vergleichung der Vorstellung mit dem Objekt, sondern eben jene physikalischen und physiologischen Schlußfolgerungen in letzter Instanz die Gewißheit begründen; zweitens aber enthielte dieselbe offenbar einen Zirkelschluß, insofern der Beweis für den Erkenntniswert der Sinneswahrnehmung Wissenschaften entnommen würde, welche sich selbst in ihrem ganzen Umfang auf der Voraussetzung dieses Erkenntniswertes stützen. Es bleibt demnach bei der in der Philosophie nicht eben neuen, jedenfalls aber von der Physilogie glänzend bestätigten Einsicht, daß uns niemals die Dinge selbst, sondern stets nur unsere Empfindungen in der Wahrnehmung gegeben sind. Nur bei den Urteilen über eigene Empfindungen und Gemütszustände ("ich sehe rot", "ich empfinde Wärme" und dgl.), sowie über die Beziehungen zwischen denselben ("das Rot ist dem Gelb mehr als dem Grün verwandt", "die Empfindung großer Wärme ist derjenigen großer Kälte ähnlich") läßt sich die Wahrheit des Urteils durch Vergleichung der Vorstellung mit ihrem Gegenstand bestätigen. Bei allen Urteilen über die Außenwelt aber (das Urteil: "Es gibt eine Außenwelt" eingeschlossen) scheint diese Vergleichung ein für allemal unmöglich zu sein.

§ 3. Die Erklärung der Denkerscheinungen. Wenn nun aber dessenungeachtet eine Wissenschaft, welche die Macht besitzt, jedem, der ihren Demonstrationen folgen kann und will, die Überzeugung von der Richtigkeit ihrer Ergebnisse beizubringen,  tatsächlich existiert,  so scheint daraus hervorzugehen, daß die Überzeugung von der Wahrheit eines Urteils auch auf anderem Weg als durch Vergleichung mit seinem Objekt entstehen  kann  und im gegebenen wissenschaftlichen Denken tatsächlich  entsteht.  Es stellt sich heraus, daß die Wissenschaft die Tatsachen der Erfahrung nicht bloß  sammelt,  sondern auch  verarbeitet:  denselben etwas Neues, in der Erfahrung nicht schon Gegebenes, hinzufügt. - Man wird wahrscheinlich sagen, wenn sich die Sache so verhält, gehöre jenes Hinzugefügte auch nicht zur wahren Erkenntnis; es sei die Aufgabe der Wissenschaft, sobald wie möglich mit demselben aufzuräumen und sich auf dasjenige zu beschränken, was wirklich in der Erfahrung gegeben ist. Wir wollen diese Frage vorläufig beiseite lassen; später kommen wir auf dieselbe zurück. Für jetzt fragen wir nicht nach dem Erkenntniswert unserer Überzeugungen, sondern betrachten, dem Vorhergehenden gemäß, Erfahrungsdaten und Überzeugungen lediglich als ursächlich verbundene Bewußtseinserscheinungen und konstatieren rein empirisch die Tatsache, daß in diesen Überzeugungen manches enthalten ist, was wir in jenen Daten nicht entdecken. Diese Tatsache verdient, wie alle Tatsachen, unsere Achtung; zugleich aber erfordert sie, wie manche andere, eine  Erklärung.  Denn wenn wir uns recht in dieselbe hineindenken,  so erscheint es uns unverständlich, undenkbar, daß wir etwas für wahr halten sollten, ohne daß wir dazu in irgendeiner Weise im Gegebenen die genügenden Gründe gefunden hätten.  Erläutern wir die Sache durch einige Beispiele. Wir erinnern uns etwa, daß wir, eine bestimmte Farbe wahrnehmend, dieselbe für rot erklärt haben; das erscheint uns auch sehr natürlich; denn wir haben ja die wahrgenommene Farbe mit der Vorstellung, welche das Wort  rot  bei uns hervorruft, verglichen und dieselben für identisch befunden. Nun erinnern wir uns aber weiter, daß wir, irgendein Dreieck betrachtend, die Summe seiner Winkel zwei Rechten gleichgestllt und für diese Behauptung absolute Exaktheit beansprucht haben: dieser zweite Fall muß uns offenbar weniger verständlich erscheinen als der erstere. "Das ist doch merkwürdig," müssen wir uns sagen, "daß wir, die wir doch unter Wahrheit Übereinstimmung zwischen Vorstellung und Gegenstand verstehen, und die wir ganz wohl wissen, daß sämtliche Messungsmethoden, über welche wir verfügen, ungenau und fehlbar sind, dennoch über gegebene Verhältnisse Überzeugungen besitzen, welche absolute Genauigkeit in Anspruch nehmen." Und wir werden diese Tatsache nicht, wie jene, ruhig hinnehmen können, sondern uns genötigt finden, eine  Erklärung  für dieselbe zu suchen.

Es kann vielleicht nützlich sein, über die eigentliche Bedeutung dieses Erklärungsbedürfnisses uns an anderen, weiter fortgeschrittenen und daher zu festeren Formen gelangten Wissenschaften zu orientieren. Im allgemeinen entstehen in der theoretischen Wissenschaft  Probleme,  so oft gegebene Erscheinungen mit allgemeinen Sätzen, welche uns evident erscheinen, in Widerspruch geraten; wir empfinden dann das Bedürfnis diese Erscheinungen zu  erklären,  d. h. jenen Widerspruch aufzuheben. Dies kann aber offenbar in zweifacher Weise geschehen: entweder so, daß der evident scheinende Satz als ein Irrtum erkannt und verworfen wird, oder auch so, daß wir zu einer solchen Auffassung der jenen Erscheinungen zugrunde liegenden Wirklichkeit gelangen, daß dieselben jetzt in einem allgemeinen Satz passen. Einzelne Beispiele mögen diesen Sachverhalt verdeutlichen. - Wenn ein in schränger Richtung teilweise unter Wasser getauchter Stab vom sehenden Auge als gebrochen, von der tastenden Hand als gerade wahrgenommen wird, so sind uns diese Erscheinungen zunächst unverständlich, weil sie dem logischen Identitätsprinzip zu widersprechen scheinen; die Theorie der Lichtbrechung macht es aber möglich, die Ausnahme der Regel unterzuordnen. Wenn die Mischung von 1 Liter Alkohol und 1 Liter Wasser weniger als 2 Liter ergibt, so scheint der arithmtische Satz, der  1 + 1 = 2  setzt, eine Ausnahme zu erleiden; durch die Annahme der Porösität der Körper wird aber der Widerspruch aufgehoben. Wenn eine im magnetischen Meridian ruhende Magnetnadel durch einen derselben parallel laufenden elektrischen Strom in Bewegung gesetzt wird, so scheint diese Bewegung dem Satz, daß ein symmetrisches Kräftesystem ein Gleichgewicht ergeben muß, zu widersprechen; aber durch die Theorie von AMPÉRE wird die Übereinstimmung zwischen beiden wieder hergestellt. Wenn man findet, daß die Bewegung eines fallenden Körpers nach Richtung und Beschleunigung von der Stellung der Erde abhängt, so scheint diese Tatsache mit der alten Regel: corpus non agit ubi non est [Wo kein Körper, da keine Tätigkeit. - wp] unvereinbar; demzufolge wird dann auch von einigen diese Regel als unrichtig verworfen, während andere immer aus neue versuchen, die gegebenen Erscheinungen so zu ergänzen oder zu deuten, daß sie sich derselben wieder unterordnen. - Das nämliche gilt, soweit ich sehen kann, für die ganze theoretische Wissenschaft. Überall entstehen die Probleme aus dem Widerspruch zwischen einer als gewiß vorausgesetzten Regel und gegebenen Erscheinungen; und überall werden dieselben dadurch gelöst, daß in der einen oder anderen Weise der Widerspruch aufgehoben und die Harmonie im System unserer Überzeugungen wiederhergestellt wird.

Machen wir jetzt die Anwendung auf den vorliegenden Fall. Die Erscheinungen des wissenschaftlichen Denkens, welche wir im vorigen Paragraphen kennen gelernt haben, sind uns darum unverständlich und undenkbar, weil wir, jeder für sich, fest davon überzeugt sind,  daß wir vernünftige, nach zureichenden Gründen urteilende Wesen sind.  Mit dieser festen Überzeugung scheint eben die Tatsache, daß unser Wissen von irgendeinem Gegenstand  weit mehr  umfaßt, als wir von diesem Gegenstand wahrgenommen haben, absolut unvereinbar zu sein. Wir können nicht umhin zu fragen: wo in aller Welt stammt denn dieses über die Erfahrung hinausgehende Wissen her? - wie kommen wir dazu, dreist und zuversichtlich zu behaupten, daß einem Gegenstand  A  die Eigenschaften  a, b  und  c  zukommen, wenn wir nur die Eigenschaften  a  und  b  an demselben wahrgenommen haben? Offenbar ist dieses Problem, seinem allgemeinen Charakter nach, mit den früher erörterten Problemen vollkommen identisch; und es bedarf, im nämlichen Sinn wie diese, einer Erklärung. Auch könnte diese Erklärung, genauso wie dort, in doppelter Weise stattfinden. Denn es könnte  erstens  sein, daß jene allgemeine Voraussetzung unrichtig wäre, daß  nicht  all unser Wissen aus zureichenden Gründen hervorginge, sondern daß auch aus Ursachen, welche nicht als zureichende Gründe gelten können, etwa mittels Assoziationswirkungen, Gewißheit entstehen könnte.  Zweitens  aber wäre es denkbar, daß sich die vorliegenden Tatsachen in einer Weise ergänzen oder deuten ließen, welche dennoch die Zurückführung jenes rätselhaften Wissens auf zureichende Gründe gestattete: etwa durch die Auffindung bisher verborgener, dem bewußten Denken zugrunde liegender Daten; oder durch den Nachweis, daß der wesentliche Inhalt unserer wissenschaftlichen Überzeugungen ein anderer ist, als wir geglaubt hatten. In welcher Weise für jedes einzelne Problem die Erklärung stattfinden muß, kann natürlich nur die spezielle Untersuchung entscheiden; und zwar wird die Methode der Untersuchung keine andere als die in sämtlichen kausalen Wissenschaften übliche induktiv-empirische sein können. Denn es sind Tatsachen des Denkens (über das zur Begründung derselben angeführte Erfahrungsmaterial hinausgehende Überzeugungen), welche das Erklärungsbedürfnis wachgerufen haben; um über die Zulässigkeit einer versuchten Erklärung urteilen zu können, müssen wir dieselbe mit diesen Tatsachen vergleichen; und damit diese Vergleichung in entscheidender Weise stattfinden könne, muß uns eine erschöpfende und genaue Kenntnis dieser Tatsachen zu Gebote stehen. Wir werden also für jede Gruppe von Denkerscheinungen damit anfangen müssen, diese Erscheinungen, so wie sie tatsächlich vorliegen, möglichst genau und vollständig kennen zu lernen; wobei wir die zur Begründung irgendeiner Überzeugung angeführten Daten ausschließlich als die Ursachen derselben und die Überzeugung selbst als die Wirkung dieser Daten (beide als Bewußtseinserscheinungen betrachtet) aufzufassen haben. Erst wenn das geschehen ist, können Inkongruenzen zwischen den bekannten Daten und den darauf sich gründenden Überzeugungen mit Sicherheit festgestellt und für diese Inkongruenzen eine Erklärung gesucht werden.

§ 4. Erklärung und Rechtfertigung. Den vorhergehenden Erörterungen zufolge ist für uns die Erkenntnistheorie nichts weiter als eine Psychologie des Denkens: also eine auf Erforschung und Erklärung gegebener Tatsachen gerichtete Wissenschaft. In der philosophischen Literatur stößt man vielfach auf entgegengesetzte Ansichten. Es wird behauptet, die Erkenntnistheorie habe nicht die Entstehung unserer Überzeugungen zu erklären, sondern uns über den Erkenntniswert derselben zu unterrichten; die letztere Aufgabe könne und müsse aber unabhängig von der ersteren gelöst werden. Denn niemals könne die Entstehungsgeschichte irgendeiner Überzeugung über deren Erkenntniswert entscheiden; vielmehr müsse die Erkenntnistheorie selbst erst nachweisen, welcher Erkenntniswert den sich auf die Entstehung unserer Überzeugungen beziehenden psychologischen Sätzen zukomme. - Ich teile diese Ansicht nicht und werde meine abweichende Meinung zu begründen versuchen.

Untersuchen wir zuerst, in welchen Fällen und durch welche Beweggründe wir uns veranlaßt finden, den Erkenntniswert unseres Wissens zu bezweifeln, so stellt sich leicht heraus,  daß es die nämlichen Fälle und die nämlichen Beweggründe sind, welche uns früher veranlaßt haben, eine Erklärung für dieses Wissen zu fordern.  Die Einsicht, daß für eine tatsächlich gegebene Überzeugung zureichende Gründe fehlen, führt sowohl zum Zweifel an der Richtigkeit dieser Überzeugung, als zur Verwunderung darüber, daß vernünftige Wesen derselben beigestimmt haben. So oft wir demnach finden, daß irgendeine Überzeugung mehr enthält als in der zur Begründung derselben angeführten Erfahrung gegeben ist, erscheint diese Überzeugung nicht nur als der Erklärung bedürftig, sondern auch als ungewiß; und  nur  wenn es uns gelingen sollte, ein Wissen zustande zu bringen, welches nicht wie jenes über den Inhalt des Gegebenen hinausginge, könnten wir des Erkenntniswertes dieses Wissens vollständig sicher sein. Es fragt sich, ob und wie dieses Ziel zu erreichen sei.

Man wird vielleicht meinen, in der Frage selbst sei die Antwort schon mitgegeben: man brauche nur aus dem Weltbild der Wissenschaft alles dasjenige zu entfernen, was sich als subjektive, im Denken entstandene Zutat erkennen läßt, um ein vollkommen reines, nur den Inhalt der gegeben Erfahrung reproduzierendes Wissen zurückzubehalten. Es läßt sich aber unschwer nachweisen, daß diese Forderung (diejenige des Positivismus und der immanenten Philosophie), wenn folgerichtig durchgeführt, auf eine vollständige Aufhebung aller und jeder Wissenschaft hinauslaufen müßte. Die Sache liegt eben so, daß nicht hier und dort in die Erfahrungsdaten sich einzelne nicht-empirische Elemente hineinmischen, sondern  daß vielmehr unser ganzes Wissen von solchen nicht-empirischen Elementen durchsäuert ist durch dieselben erst zusammengehalten wird.  Man nehme etwa den Begriff der Ursache. daß etwas Ursache eines anderen ist, läßt sich offenbar nicht wahrnehmen, sondern wird eben zur Wahrnehmung der regelmäßigen Aufeinanderfolge hinzugedacht. Der Begriff der Ursache müßte also aus der Wissenschaft ausgeschlossen und nur die regelmäßige Aufeinanderfolge darin aufgenommen werden. Aber nun diese regelmäßige Aufeinanderfolge selbst: was berechtigt mich dieselbe auch auf nichtwahrgenommene Fälle auszudehnen? Offenbar gehe ich damit ebenso gewiß über die gegebene Erfahrung hinaus, als wenn ich dieselbe in ein ursächliches Verhältnis umwandle: ich sehe gar nicht ein (außer mit Hilfe der kausalen Begriffe, welche ich eben eliminieren wollte) warum zwei Erscheinungen, die ich bis jetzt regelmäßig nacheinander wahrgenommen habe, sich auch in der Zukunft regelmäßig nacheinander müssen wahrnehmen lassen. Genauso verhält sich aber die Sache überall. Der Positivist dürfte, wenn er aus einem Standpunkt Ernst machen wollte, weder von Gesetzen noch von Dingen reden; er müßte sich mit einem bloßen Referat über die isolierten Empfindungen, welche sich ihm dargeboten haben, begnügen. Das stünde aber offenbar mit dem vollständigen Aufgaben all dessen, was wir Wissenschaft nennen, gleich.

§ 5. Erklärung und Rechtfertigung: Fortsetzung. Wenn demnach die bekannten, im bewußten Denken aufgenommenen Daten nicht genügen, ein wirkliches Wissen zu begründen, so hängt offenbar die Möglichkeit, ein solches Wissen zustande zu bringen, davon ab, ob sich neue, noch nicht mit Bewußtsein verwendete Daten auffinden lassen. Es fragt sich, ob wir einen vernünftigen Grund haben, zu vermuten, daß das möglich sei.

Ich glaube, wir haben wirklich einen, aber auch nur einen einzigen Grund für diese Vermutung; und zwar liegt derselbe nirgends sonst als  in der tatsächlichen Evidenz des gegebenen WIssens selbst.  Eben jene Verfassung des Denkens, welche uns nötigt, alle Voraussetzungen der Wissenschaft, welche wir als über die Erfahrung hinausgehend anerkennen, zu bezweifeln, macht es äußerst unwahrscheinlich, daß wir ohne zureichende, wenn auch unbewußte Gründe früher diesen Voraussetzungen die höchste Gewißheit zugeschrieben hätten. Man überlege sich doch die merkwürdige Tatsache:  daß dasjenige, welches wir als empirisch unbegründbar anerkennen müssen, dennoch jedem normalen Menschen genauso evident erscheint wie ein anderes, welches sich nur auf gegebene Erfahrung bezieht.  Daß die mathematischen Sätze vollkommen genau und absolut notwendig gelten; daß die Bewegung eines gestoßenen Körpers nicht nur auf die Bewegung des stoßenden Körpers folgt, sondern auch die Wirkung derselben ist; daß das Ding, welches wir wahrnehmen, etwas mehr ist als eine bloße Sammlung von Empfindungen, davon sind wir nicht weniger unerschütterlich gewiß, als vom Gegebensein der Empfindungen selbst. Aber noch mehr: selbst wenn wir uns davon überzeugt haben, daß jene Urteile über das in der Erfahrung Gegebene hinausgehen und wenn wir demzufolge theoretisch dieselben als unbegründet verwerfen, halten wir dennoch in der Praxis des Lebens mit unveränderlichem Glauben an denselben fest. Noch kein Skeptiker hat seine Skepsis so weit getrieben, daß er (wie von PYRRHO aus Elis erzählt wird) Abgründen und bissigen Hunden nicht aus dem Weg gegangen wäre; der größte unter den modernen Skeptikern , DAVID HUME, sagt offen, man müsse ein Narr sein, wenn man im Leben mit der Skepsis Ernst machen wolle. Da kann man sich dann des Gedankens nicht erwehren:  ob nicht vielleicht doch diese scheinbar unbegründeten Überzeugungen in den bewußten Grundlagen des Denkens ihre zureichenden Gründe haben sollten,  und ob es nicht eben solche unbewußten Gründe sein sollten, welche diesen Überzeugungen, allen Demonstrationen des Skeptizismus zum Trotz, eine so unverwüstliche Lebenskraft verleihen. Sind wir aber einmal auf diesen Gedanken geraten, so erhält derselbe durch folgende Gründe noch eine gewisse (wenn auch nur vorläufige) Wahrscheinlichkeit. Erstens durch die bekannte Tatsache, daß faktisch ein unbewußtes Schließen aus gegebenen, aber nicht zu klarem Bewußtsein gelangten Prämissen in unserem Denken häufig vorkommt; man denke etwa an die unbegründbaren und dennoch durchaus richtigen, weil auf ein umfangreiches, aber nicht klar vorgestelltes Erfahrungsmaterial aufgebauten Entscheidungen der Praktiker auf jedem Gebiet. Zweitens aber durch den Umstand, daß wir die Voraussetzungen des Denkens, soweit dieselben durch Erfahrung sich bestätigen lassen, auch tatsächlich immer wieder bestätigt finden. Man könnte vielleicht glauben, schon aus dem Gegebensein dieser einstimmigen Erfahrung lasse sich unsere Überzeugung von der Richtigkeit jener Voraussetzungen endgültig rechtfertigen. Das wäre aber, wie aus unseren bisherigen Erörterungen hervorgeht, unrichtig: denn die Erfahrung umfaßt (von anderen Inkongruenzen zu schweigen) doch immer nur einen verschwindend kleinen Teil des Gebietes, auf dessen ganzen Umfang die Voraussetzungen des Denkens sich beziehen. Wohl aber kann, nachdem wir einmal diese Voraussetzungen des Denkens als solche anerkannt haben, aus der Tatsache, daß die Erfahrung, soweit sie sich kontrollieren läßt, denselben vollständig entspricht, auf die Wahrscheinlichkeit geschlossen werden, daß dieselben nicht ohne zureichende Gründe vom Denken aufgestellt worden sind.

Es gibt also wirklich Fingerzeige für die Vermutung, daß sich außer den bekannten, an und für sich zum Aufbau einer Wissenschaft untauglich befundenen Daten, noch andere, dazu taugliche, werden auffinden lassen: aber diese Vermutung gilt  nur  für die Existenz solcher Daten, welche die  gebenene  Wissenschaft begründen könnten, und auf welche tatsächlich diese gegebene Wissenschaft aufgebaut wäre. Das Vorkommen solcher Daten in concreto nachzuweisen oder wahrscheinlich zu machen, läge offenbar auf dem Weg der Psychologie (§ 3); wenn es ihr aber gelingen sollte, in dieser Weise für irgendwelche wissenschaftliche Überzeugungen die verborgenen Grundlagen aufzudecken, so wären dieselben damit nicht nur erklärt, sondern auch gerechtfertigt (§ 4) Die psychologische Untersuchung der Denkerscheinungen  kann  demnach zu einer Rechtfertigung derselben führen. Die Möglichkeit, daß auch auf anderem Weg als demjenigen der Psychologie sich eine Rechtfertigung unseres Wissens erzielen ließe, ist aber damit noch nicht ausgeschlossen.

§ 6. Erklärung und Rechtfertigung: Fortsetzung. Soviel muß unbedingt zugegeben werden, daß die psychologische Forschung im günstigsten Fall nur diejenigen Daten ans Licht bringen könnte, welche (möglicherweise)  unserem tatsächlich gegebenen Wissen  unbewußt zugrunde liegen (§ 3). Sollten andere Daten, welche ein neues, vielleicht besseres Wissen begründen könnten, unserem Denken zugänglich sein (was an und für sich nicht unmöglich wäre), so könnte doch die psychologische Forschung niemals auf dieselben führen. Nur die Frage:  ob zu diesem gegebenen Wissen -, nicht aber die andere:  zu welchem Wissen überhaupt  genügende Gründe zu finden seien, kann die Psychologie beantworten. Wenn dem aber so ist, so erscheint es zweifelhaft, ob eine auf die Rechtfertigung unseres Wissens gerichtete Untersuchung sich auf die erstere Frage beschränken dürfte. Man könnte meinen, die zweite Fragestellung sei als die allgemeinere und weniger voraussetzende der ersteren vorzuziehen; wer die Möglichkeit des Wissens untersuchen will, müsse es der Untersuchung selbst überlassen zu entscheiden,  welches  Wissen sich als möglich beglaubigen wird. Auch sei in der zweiten Fragestellung die erstere schon mit inbegriffen: was diese ans Licht ziehen kann, müsse sich auch von jener entdecken lassen, aber nicht umgekehrt. - Diesen Gründen gegenüber läßt sich aber ein Doppeltes anführen.

Erstens:  wir haben nicht nur  keine  Gründe zu vermuten, sondern wir haben umgekehrt schwerwiegende Gründe zu bezweifeln, daß auch die sorgfältigste Durchmusterung sämtlicher dem Bewußtsein zugänglicher Daten Material für ein neues Wssen ergeben würde. Seit Jahrhunderten sammelt und verwertet die Wissenschaft alles Gegebene, welches sie auftreiben kann: es wäre wohl merkwürdig, wenn ihr eben dasjenige entgangen wäre, was zur Begründung eines einwurfsfreien Wissens tauglich wäre. Sollte man aber hoffen, nicht durch die Auffindung neuer, sondern durch eine bessere Verwertung der bekannten Daten ein Wissen zu begründen, so müßte dieses Bestreben von vornherein als vollkommen aussichtslos bezeichnet werden: denn diesen Daten fehlt, wie wir ausführlich gesehen haben, eben dasjenige, was dieselben zu einem Wissen verbinden müßte (§ 2). In der Tat haben alle, welche in dieser Weise ein neues Wissen haben aufbauen wollen, von DESCARTES bis LOTZE, sich immer wieder genötigt gefunden, neben dem Gegebenen noch anderes, sei es auch nur die logischen Gesetze und das Kausalitätsprinzip, vorauszusetzen: also wieder unbegründete Elemente einzuführen, welche den Erkenntniswert des neuen Wissens genauso problematisch machen mußten, wie diejenigen des alten. Es hätte keinen Sinn, immer von neuem nach etwas suchen zu wollen, was die besten Köpfe vieler Jahrhunderte nicht haben finden können und von dem wir keinen einzigen Grund haben zu vermuten, daß es überhaupt zu finden wäre.

Es kommt aber noch eine zweite, meiner Ansicht nach entscheidende Erwägung hinzu. Sucht man ganz allgemein nach neuen Daten, welche ein irgendwie beschaffenes wirkliches Wissen zu tragen befähigt wären, so hat man nicht nur keinen Grund zu vermuten, daß es solche Daten gibt,  man hat auch keine Mittel, methodisch nach solchen Daten zu suchen.  Das Problem ist zu unbestimmt, um auch nur einen Anhaltspunkt zu bieten, wo die Untersuchung ansetzen könnte. Nur von einem glücklichen Zufall, von einer genialen Intuition oder von einer himmlischen Erleuchtung könnte man Licht erwarten: eine methodische Forschung wäre ein für allemal unmöglich. - Wird dagegen die Aufgabe dahingehend eingeschränkt, für das  gegebene  Wissen genügende Daten aufzufinden, so hat man erstens Grund zu vermuten, daß dieselbe lösbar ist (§ 5): zweitens aber  wird erst durch diese Einschränkung die Anwendung weittragender methodischer Hilfsmittel möglich gemacht.  Denn wenn wir für das gegebene Wissen die Gründe suchen, so läßt sich eben von diesem gegebenen Wissen aus bestimmen, wie diese Gründe beschaffen sein müssen, um dasselbe rechtfertigen zu können. Wir wissen also von Anfang an, was wir eigentlich zu suchen haben; und es leuchtet ein, daß wir so in den dunklen Tiefen des Bewußtseins weit eher das Gesuchte finden werden, als wenn wir auf gutes Glück in denselben herumtasten. Aber keineswegs ist die methodologische Bedeutung der von uns vorgezogenen Fragestellung damit erschöpft. Denn es läßt sich, wie auch schon bemerkt wurde, von vornherein nicht die Möglichkeit ausschließen, daß jene vermuteten, dem gegebenen Wissen zugrunde liegenden Daten  im bewußten Denken nicht oder nicht mehr eine Stelle haben;  demzufolge das Gegebensein derselben nicht durch eine unmittelbare Selbstbeobachtung erkannt, sondern nur hypothetisch als mehr oder weniger wahrscheinlich nachgewiesen werden könnte. Verhielte sich aber die Sache wirklich so, so könnten die Vertreter jener anderen, auf unmittelbare Selbstbesinnung angewiesenen Richtung offenbar  in keiner Weise,  selbst nicht durch einen glücklichen Zufall, den gesuchten Daten auf die Spur kommen; während für uns in der gegebenen Wissenschaft eben jene Tatsachen des Denkens aufgespeichert liegen, an denen Hypothesen über verborgene Daten der Erkenntnis verifiziert werden können.

Das Ergebnis sämtlicher vorhergehenden Untersuchungen zusammenfassen, finden wir,  daß eine Entscheidung über den Erkenntniswert unseres Wissens nur auf dem Weg psychologischer Forschung methodisch gesucht werden kann.  Wer diesen Weg nicht betreten will, der kann nur von einem äußerst unwahrscheinlichen Zufall, der ihm neue Daten zuführte, Aufklärung erwarten. Außerhalb der Psychologie ist für eine Wissenschaft, welche jene Entscheidung methodisch herbeiführen wollte, kein Platz.

Man wird sich übrigens erinnern (§ 3), daß die psychologische Forschung, soweit wir jetzt sehen können, auch zu Ergebnissen führen könnte, welche keineswegs eine Entscheidung über den Erkenntniswert des gegebenen Wissens abzugeben vermöchten: dann wäre aber, dem Vorhergehenden zufolge, eine solche Entscheidung durch eine methodische Untersuchung überhaupt nicht zu erreichen. Für die Beantwortung der Frage, zu welcher Art von Ergebnissen die psychologische Forschung tatsächlich führen wird, muß natürlich auf den Inhalt des vorliegenden Buches selbst verwiesen werden.

§ 7. Erklärung und Rechtfertigung: Schluß. Es bleibt noch, kurz einen Einwand zu besprechen, der vielfach gegen die Möglichkeit, auf dem Weg empirisch-psychologischer Forschung eine Rechtfertigung unseres Wissens zu erreichen, angeführt worden ist. Man behauptet, was sich in dieser Weise zustande bringen läßt, müsse notwendig einen logischen Zirkel in sich enthalten; denn die empirisch-psychologische Forschung setze schon manche Grundsätze des Denkens (wie z. B. den Kausalitätssatz) voraus; und der Erkenntniswert ihrer Ergebnisse sei demnach selbst problematisch, solange nicht diese Sätze von sonstwoher eine genügende Beglaubigung gefunden haben. Nur auf dem Boden einer Normalwissenschaft des Denkens sei demnach für eine Naturwissenschaft des Denkens Platz. Ich glaube, es wird bei dieser Beweisführung ein überaus wichtiges Moment außer acht gelassen: nämlich  die Selbsterkenntnis und das darauf sich gründende Selbstvertrauen der menschlichen Vernunft.  In der Tat: wenn wir etwa einer uns unverständlichen Maschinerei gegenüberständen, welche in irgendeiner Weise Sätze und Formeln, die sich auf die Einrichtung der Welt und ihrer selbst bezögen, hervorbrächte, so hätten wir ohne weiteres keinen Grund anzunehmen, daß die Wirklichkeit diesen Sätzen entsprechen muß. Die Sätze und Formeln der gegebenen Wissenschaft sind aber nicht von einer uns unverstänlichen Maschinerie hervorgebracht, sondern im Denken selbst als wahr anerkannt worden. Da verhält sich dann die Sache ganz anders. Ich, der ich weiß, was ein Urteil und die Wahrheit eines Urteils bedeuten, sehe vollkommen klar ein, daß diese Urteile wahr sind: kraft meiner Selbsterkenntnis als vernünftiges Wesen setze ich voraus und darf ich voraussetzen, daß meine klare Einsicht nicht ohne genügende Gründe zustande gekommen sein wird. - Nun finde ich mich aber eines Tages veranlaßt zu fragen, welche denn diese genügenden Gründe sind; und es stellt sich heraus, daß sämtliche Gründe, auf welche ich mich besinnen kann,  nicht  genügen, um meine bestehenden klaren Einsichten zu tragen. Der Widerspruch zwischen dieser neuen Entdeckung und jener alten Voraussetzung führt mich zu der Frage, ob ich auch wirklich dasjenige bin, was ich aufgrund unmittelbarster Selbstwahrnehmung zu sein glaube, - vielleicht auch, sofern ich nicht glücklicherweise auf den Gedanken gerate, daß es auch unbewußte Gründe meines Denken geben kann, zur Theorie des Skeptizismus. Aber auch nur zur Theorie: denn jene auf meine Selbsterkenntnis sich stützende Grundvoraussetzung läßt sich zwar zurückdrängen, aber nicht überwinden. Die Praxis des Denkens und des Lebens hält mit unerschütterlichem Glauben an derselben fest: und zwar mit Recht. Denn auch wo für ein gegebenes Wissen nachweisbare Gründe fehlen, liegt doch in der bloßen Tatsache, daß es von vernünftigen Wesen klar und sicher gewußt  wird,  ein vollkommen zureichender Grund, es zumindest vorläufig für wahr zu halten. - Wer also das Wissen begründen will, darf unbedenklich seiner Untersuchung die Voraussetzung zugrunde legen, daß es begründbar ist. Die Begründbarkeit des gegebenen Wissens ist nicht etwa eine Thesis, welche erst bewiesen werden müßte: es ist eine ansich evidente Gewißheit, welche scheinbaren negativen Instanzen gegenüber behauptet werden soll. Wir haben nicht aus dem Nichts etwas, aus der Unwissenheit ein Wissen hervorzuzaubern, sondern wir haben das in sich selbst entzweite Wissen zur inneren Einheit zurückzubringen. Wir befinden uns in ähnlichen Umständen wie der Astronom, der planetarische Bewegungen beobachtet, welche von den auf das Gravitationsgesetz sich stützenden Berechnungen abweichen. So wie dieser voraussetzt, daß auch die wahrgenommenen Abweichungen aus Gravitationswirkungen hervorgehen, und kraft dieser Voraussetzung neue Himmelskörper annimmt, welche dieselben erklären müssen, so setzen wir voraus, daß auch unsere scheinbar unbegründeten Überzeugungen aus zureichenden Gründen entstanden sein müssen, und versuchen, kraft dieser Voraussetzung verborgene Daten aufzufinden, welche sich zu diesem Zweck als tauglich erweisen. Und so wie der erstere sein Verfahren dadurch rechtfertigen kann, daß die ausnahmslose Gültigkeit des Gravitationsgesetzes durch frühere Beobachtungen in genügender Weise sichergestellt worden ist, so liegt die Rechtfertigung des unsrigen in der unmittelbaren Gewißheit des Satzes, daß wir vernünftige, nach zureichenden Gründen urteilende Wesen sind. Wenn es uns demnach gelingen sollte, direkt oder hypothetisch verborgene Daten nachzuweisen, durch welche die scheinbar jenem Satz widersprechenden Denkerscheinungen sich demselben unterordnen ließen, so hätten wir das Höchste erreicht, was die Wissenschaft überhaupt erreichen kann: volle, widerspruchslose Gewißheit.

§ 8. Gibt es allgemeinmenschliche Denkgesetze? An das früher (§ 3) Erörterte anknüpfend und abweichenden Meinungen gegenüber auf die Paragraphen 4 bis 7 zurückverweisend, halten wir es demnach für die nächstliegende Aufgabe der Erkenntnistheorie, die in einem gegebenen Denken tatsächlich vorliegenden Überzeugungen möglichst genau und vollständig kennen zu lernen und die Wege, auf welchen dieselben gewonnen sind, so weit zurückzuverfolgen, wie sie sich eben zurückverfolgen lassen. Es ließe sich aber noch fragen, ob den Ergebnissen, zu welchen diese Untersuchung führen kann, auch allgemeinmenschliche oder vielleicht bloß individuelle Bedeutung zukommt. Es sei doch Tatsache, daß mit gleicher Notwendigkeit der eine für wahr hält, was dem anderen unwahr zu sein scheint; auch die Überzeugungen eines bestimmten Individuums sind keineswegs unveränderlich. Es ist demnach zumindest fraglich, ob immer nach den nämlichen (bewußten oder unbewußten) Kriterien gedacht wird; ob nicht vielmher aus den nämlichen bekannten Daten bei dem einen dieses, bei dem andern jenes, bei einem Dritten vielleicht gar kein Wissen zustande kommt. Ganz besonders sei es aber zweifelhaft, ob die Regeln, nach welchen die  Wissenschaft  das gegebene Erfahrungsmaterial verarbeitet, mit den Gesetzen, welche die Entstehung von Überzeugungen im natürlichen Denken beherrschen, identisch sind. Denn es sei doch bekannt, daß die Wissenschaft sich vielfach genötigt findet, die Anschauungen, zu welchen das natürliche Denken gelangt, als unbegründet zurückzuweisen. Unter solchen Umständen könne aber eine rein empirische Untersuchung des gegebenen Denkens nur individuell verschiedene und keineswegs allgemeinmenschliche Maßstäbe der Beurteilung zu finden erwarten. - Der Punkt ist wichtig und bedarf einer eingehenden Untersuchung.

Erstens:  wenn wirklich die letzten Kriterien, nach welchen verschiedene Personen, oder dieselbe Person in verschiedenen Zeiten, zwischen Wahrheit und Irrtum unterscheiden, verschieden wären, so wäre offenbar zwischen diesen Personen oder Standpunkten keine Verständigung möglich (man denke etwa an den zumindest scheinbar hierher gehörigen Fall der vielfach unfruchtbaren Debatten zwischen den Vertretern der Religion und der Wissenschaft). Die Erkenntnistheorie würde sich dann in einem ähnlichen Fall befinden wie etwa die Physik, wenn in verschiedenen Teilen des Universums die Erscheinungen verschiedenen Gesetzen folgten; und es müßten, wie in diesem Fall mehrere Physiken, so in jenem mehrere Erkenntnistheorien nebeneinander angenommen werden. Natürlich würde dann ein jeder sein eigenes Denken mitsamt den daraus abstrahierten Gesetzen, eben weil es für ihn notwendig wäre, für das wahre, und alles andere für Irrsinn zu halten, und es wäre nicht möglich, ihn eines anderen zu überzeugen. - Steht nun aber wirklich die Sache so schlimm? Zwar würde vieles solches vermuten lassen: der ewige Streit zwischen Wissenschaft und Glaube, die Verschiedenheit der Schulen und Glaubensbekenntnisse, die nahezu absolute Unzugänglichkeit vieler für eine einfache Schlußfolgerung aus zugestandenen Prämissen. Aber die nähere Untersuchung bestätigt keineswegs die Furcht. Erstens wissen wir im allgemeinen, daß das Ergebnis irgendeines Prozesses nicht nur von den dasselbe beherrschenden Gesetzen, sondern auch von den tatsächlich gegebenen wirkenden Faktoren, - also z. B. eine bestimmte Fallbewegung nicht nur durch den Inhalt des abstrakten Gravitationsgesetzes, sondern auch durch die tatsächlich gegebenen Massen und Entfernungen mitbestimmt wird. Demnach ist es im vorliegenden Fall zumindest denkbar, daß die Verschiedenheit der Überzeugungen nicht von einer Verschiedenheit in den Gesetzen des Denkens, sondern von einer Verschiedenheit in dem diesem Denken gegebenen Erfahrungsmaterie herrührt. Diese Denkbarkeit wird aber zur Wahrscheinlichkeit durch die Erwägung, daß diejenigen, deren politische, religiöse oder wissenschaftlichen Überzeugungen sich schnurstracks gegenüberstehen, dennoch über näherliegende Gegenstände sich leicht verständigen können, während doch bei einer Verschiedenheit der letzten Kriterien der Widerspruch der Meiungen sich wohl nicht auf einzelne Gebiete beschränken würde. Auch die andere Tatsache, daß je höher die eigene Bildung, umso größer auch das Vermögen zu sein pflegt, sich in die für irrtümlich gehaltenen Meinungen anderer zu "versetzen", d. h. also dieselben unter Voraussetzung der jenen zugänglichen Daten auf die eigenen Wahrheitskriterien zurückzuführen, - auch diese Tatsache weist darauf hin, daß es allgemeinmenschliche Gesetze des Fürwahrhaltens geben muß. Und schließlich können in der Erziehung und dem Milieu, in dem das Hervortretenlassen sympathischer und dem Zurückdrängen antipathischer Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen usw., die Ursachen jener Ungleichheiten im Denkmaterial so leicht und in so großer Verschiedenheit aufgezeigt weden, daß eine vollständigere Übereinstimmung in den Resultaten des Denkens verschiedener Individuen kaum erwartet werden darf. - In der Tat lassen sich nun auch die gegebenen Meinungsverschiedenheiten zum größten Teil sehr leicht aus den bezeichneten Ursachen erklären; ein paar Beispiele werden die Art und Weise erläutern. Es ist ein (zumindest in Holland) allgemein verbreiteter Aberglaube, daß das 63. Lebensjahr in ganz besonderem Maß dem Tod ausgesetzt ist; und man versichert ganz bestimmt, daß die Erfahrung jenen Glauben vollständig bestätigt. Nun beweist aber die Statistik, daß den Todesfällen im 63. Jahr keineswegs eine besondere Frequenz zukommt; und auch dieser Beweis stützt sich auf die Erfahrung. Wie kann nun, so wird man fragen, die nämliche Erfahrung, nach den nämlichen Gesetzen verarbeitet, zu so verschiedenen Ergebnisen führen? Die Antwort muß lauten: nur scheinbar ist die Erfahrung des einen dieselbe wie die des anderen. Die Erfahrung des wissenschaftlichen Statistikers umfaßt  alle  Todesfälle, welche während einer bestimmten Periode in einem bestimmten Land vorgekommen sind; die Erfahrung des unwissenschaftlichen Laien umfßt  nur jene  Fälle, welche er sich zur Zeit erinnert. Den letzteren hat aber die Erinnerung an jenen traditionellen Aberglauben dazu gebracht, die Todesfälle im 63. Lebensjahr als besonders interessant zu betrachten und seinem Gedächtnis einzuprägen, während er die anderen zum allergrößten Teil unbeachtet gelassen oder vergessen hat. So kommt es, daß in der  ihm gegenwärtigen  Erfahrung wirklich diese Todesfälle in unverhältnismäßiger Anzahl vertreten sind, und aus dieser Erfahrung folgert er dann, formell ganz richtig, die Wahrheit jener traditionellen Meinung. Stünde dem wissenschaftlichen Statistiker nur die nämliche Erfahrung zu Gebote, so würde er auch das nämliche folgern müssen. - Nehmen wir ein zweites Beispiel: den Glauben an die Willensfreiheit. Es gibt ohne Zweifel Tatsachen, welche diesen Glauben zu stützen scheinen: gänzlich unerwartete Umkehrungen zum Guten oder zum Bösen; unerklärliche Capricen; die sich jeder Berechnung entziehende Komplikation der Motive; schließlich die wunderbare Beweglichkeit der Vorstellungen, welche uns gestattet, uns fast in einem Moment die Motive für und wider eine Handlung in gleicher Klarheit und Ausschließlichkeit vor Augen zu stellen. Dem gegenüber stehen dann die mächtigen Gründe des Determinismus, sowie Erwägungen, welche zumindest die Möglichkeit einer kausalen Erklärung jener Willenserscheinungen klarlegen. Nun ist aber der Determinismus aus verschiedenen Gründen vielen antipathisch. Natürlich werden diese sich freuen, so oft sie einen Grund gegen denselben auffinden, und denselben gewiß nicht vergessen, dagegen den Gründen gegen die Willensfreihiet einen gewissen Widerstand entgegensetzen. In die ersteren denken sie sich von selbst hinein, die letzteren lassen sie gar nicht zum vollen Bewußtsein kommen. Da tut dann die Gewohnheit das ihrige. Nach kurzer Zeit bleiben die stets zurückgedrängten Vorstellungen von selbst fort, und der Indeterminist wundert sich darüber, daß er je an der Freiheit des Wollens hat zweifeln können. Verfügte aber der Determinist nur über den künstlich beschränkten Vorstellungskreis, der jenem zu Gebote steht, so würde er das nämliche tun. - Es ist eben ein Irrtum, zu glauben, daß, weil unsere Sinnesorgane in gleicher Weise eingerichtet sind, auch die letzten Ausgangspunkt des Denkens für alle die gleichen sein müssen. Nicht alles, was wir sehen und hören, kommt uns zum vollen Bewußtsein, und nicht alles, was uns zum vollen Bewußtsein kommt, wird im Gedächtnis aufbewahrt. Und was darüber entscheidet, ob dieses oder jenes zum Material für unser Denken wird, das ist nicht der im Großen und Ganzen sich selbst aufhebende Zufall, sondern das sind individuelle, in ganz bestimmter Richtung wirkende Anlagen und Erlebnisse. Wer dies aber einmal eingesehen hat, der wird in der Verschiedenheit der Meinungen ebensowenig einen Grund finden, die Existenz allgemeinmenschlicher Denkgesetze zu bezweifeln, als ihn etwa der Umstand, daß aus der Verbindung der Elemente  a  und  b  eine anders geartete Substanz hervorgeht, als aus der Verbindung der Elemente  a  und  c,  zum Zweifel an die Allgemeinheit der chemischen Gesetze veranlassen kann.

§ 9. Die Denkgesetze im Leben und in der Wissenschaft. Nach dem Vorhergehenden kann der Zweck der vor uns liegenden Untersuchung, wie der Titel dieses Buches denselben ausspricht, wohl kaum mehr mißverstanden werden. Wenn wir im  wissenschaftlichen Denken  die Ursachen der Gewißheit aufzusuchen unternehmen, so suchen wir keine dem wissenschaftlichen Denken spezifische, sondern wir suchen in der Wissenschaft die  allgemeinmenschlichen  Ursachen der Gewißheit. Und daß wir eben in der Wissenschaft und nicht im Leben dieselben aufsuchen, das hat ähnliche Gründe wie die, welche den Physiker veranlassen, im Laboratorium statt in der freien Natur den Gesetzen der Erscheinungen nachzuspüren. Es herrschen  dieselben  Gesetze im Laboratorium und in der Natur; um aber aus den Erscheinungen dieselben ableiten zu können, müssen wir von diesen Erscheinungen mit allen sie begleitenden Umständen eine so genaue Kenntnis besitzen, wie eben nur das Laboratorium dieselbe bieten kann. In gleicher Weise sind auch die Denkgesetze dieselben im Leben und in der Wissenschaft; die Erscheinungen des natürlichen und ungeschulten Denkens sind aber in einem solchen Grad kompliziert, die Voraussetzungen desselben liegen für den Denkenden selbst zum Teil so sehr im Dunkeln, daß es kaum möglich wäre, aus diesen Erscheinungen allein die Gesetze des Denkens zu abstrahieren. Nun fehlen zwar, wie wir sehen werden, auch in der Wissenschaft solche Komplikationen und Dunkelheiten nicht; in der Wissenschaft hat man aber wenigstens stets danach gestrebt, bei jedem Theorem die mit  Bewußtsein vorgestellten  Gründe desselben genau und vollständig aufzuzählen. Allerdings bleibt es dennoch möglich, daß außer den bewußten und bekannten auch noch unbewußte und unbekannte Ursachen den wissenschaftlichen Überzeugungen zugrunde liegen (wie auch im Laboratorium die Möglichkeit der Mitwirkung unbekannter und unwahrnehmbarer Faktoren nicht ausgeschlossen ist); jedenfalls können aber  erstens  die bewußten Ursachen genau festgestellt werden, und kann man  zweitens  darüber gewiß sein, daß daneben  nur  allgemein wirkende,  keine  individuell verschiedenen unbewußten Ursachen eine Rolle spielen. Denn ganz so wie die Wiederholung eines physikalischen Experiments unter verschiedenen Umständen die Möglichkeit der Mitwirkung zufälliger unbeachteter Faktorn ausschließt, ganz so kann auch die Übertragbarkeit wissenschaftlicher Überzeugungen auf jeden normal organisierten Menschen als ein Beweis dafür gelten, daß die Entstehung derselben von individuellen Eigentümlichkeiten nicht abhängig ist. - Nun verhält sich aber im allgemeinen die Sache so: Um eine Erscheinungsgruppe kausal zu erklären, d. h. auf Ursachen und Gesetze zurückzuführen, müssen entweder die Ursachen oder die Gesetze bekannt sein. Bei den tatsächlich sich darbietenden Erscheinungen der Natur und des Denkens sind aber weder die Gesetze, noch (in genügender Vollständigkeit und Genauigkeit) die Ursachen bekannt. Nur beim physikalischen, und ebenso auch beim erkenntnistheoretischen Experiment (der Übertragung wissenschaftlicher Überzeugungen), ist eine einigermaßen vollständige Kenntnis der (willkürlich eingeführten) Ursachen möglich; nur von hier aus lassen sich demnach die das betreffende Gebiet beherrschenden Gesetze auffinden. Sind aber einmal diese Gesetze bekannt, so wird dadurch erst eine kausale Erklärung der  gegebenen ihren Ursachen nach nicht oder unvollständig bekannten Erscheinungen ermöglicht. So konnten z. B. die Erscheinungen des Regenbogens, der Fata morgana und dgl. erst erklärt werden, nachdem auf experimentellem Weg die Gesetze der Lichtbrechung festgestellt worden waren; und so kann auch die Erkenntnistheorie die Erscheinungen des natürlichen Denkens erst erklären, nachdem sie aus den Erscheinungen des wissenschaftlichen Denkens die Denkgesetze abstrahiert hat.

§ 10. Einfache und zusammengesetzte Urteile. Dem Vorhergehenden gemäß suchen wir unser Forschungsmaterial vorzugsweise in der tatsächlich existierenden Wissenschaft, wenn auch, wo es gilt einfache Verhältnisse zu exemplifizieren, manchmal Beispiele aus dem natürlichen Denken genügen werden. Jene Wissenschaft aber betrachten wir ausschließlich als einen Komplex psychischer Erscheinungen bestimmter Art, welche wir zunächst in uns selbst wahrnehmen und nach Analogie auch bei anderen vermuten. Allerdings können wir in einem bestimmten Sinn auch die Lehrbücher der Wissenschaft sowie die Schriften der Entdecker und Forscher als Materialsammlungen bezeichnen: in dem Sinne nämlich, daß dieselben in uns die Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen hervorrufen, welche den eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchung bilden. Jedenfalls sind aber nicht die geschriebenen oder gesprochenen Worte und Sätze, sondern nur die Denkerscheinungen, welche assoziativ mit denselben verbunden sind, die Objekte der Erkenntnistheorie. Daher dürfen auch wissenschaftliche Schriften nur insofern als Material von uns benutzt werden, als wir dieselben  verstanden,  die Gedankenreihe, welche denselben zugrunde liegt, selbständig in uns reproduziert haben. Denn ohne diese Selbstprobe bleibt es immer zweifelhaft, ob wir aus dem möglicherweise ungenauen sprachlichen Ausdruck den Gedankeninhalt rein und unbeschädigt abgesondert haben.

Wenn wir versuchen, uns über die Natur unseres Forschungsmaterials vorläufig etwas näher zu orientieren, so finden wir leicht, daß dasselbe ausschließlich aus  Urteilen  besteht.  Urteil  aber nennen wir  eine Denkerscheinung, in welcher irgendeiner Vorstellung oder Vorstellungsverbindung als wahr gesetzt wird,  d. h. also (§ 2): in welcher behauptet wird, es gebe ein Wirkliches, welches mit dieser Vorstellung oder Vorstellungsverbindung übereinstimmt. Dieses Wirkliche kann ein psychisches oder ein physisches sein; es kann mehr oder weniger genau bestimmt werden; es kann ein Ding, oder viele oder auch alle Dinge umfassen; - die in das Urteil eintretenden Vorstellungen oder Vorstellungsverbindungen können einfacherer oder komplizierterer Natur sein; eine bloße Empfindung, oder eine Gruppe von solchen, oder auch eine Abstraktion aus denselben enthalten; in allen Urteilen läßt sich aber der Gedanke eines Wirklichen, welches mit einem Vorgestellten übereinstimmt, leicht zurückfinden. - In solchen Urteilen bewegt sich nun das ganze wissenschaftliche Denken, vom einfachsen Wahrnehmungssatz an bis zur abstraktesten Formel und bis zu weltumfassenden Theorie. Diese Urteile bilden demnach den eigentlichen Gegenstand unserer Untersuchung;  die Entstehung der Urteile im Bewußtsein zu erklären, ist die Aufgabe der Erkenntnistheorie.  Um sich über die Methoden, welche zur Lösung dieser Aufgabe führen können, vorläufig zu orientieren, kann vielleicht eine kurze Erinnerung an die Forschungsmethoden der Chemie, welche im Großen und Ganzen ähnliche Aufgaben zu lösen hat, etwas leisten. Dazu muß aber vor allem die grundlegende Unterscheidung zwischen  einfachen und zusammengesetzten Urteilen  festgestellt werden.

Wenn wir unter den zahlreichen wissenschaftlichen Urteilen, über welche wir verfügen, Umschau halten, so finden wir leicht, daß die meisten der Existenz anderer Urteile im Bewußtsein ihre Entstehung verdanken. Das Urteil: "ich bin sterblich", ist entstanden aus der Verbindung der beiden präexistierenden Urteile: "ich bin ein Mensch" und "alle Menschen sind sterblich". Das Urteil: "der Inhalt des Dreiecks ist gleich dem halben Produkt aus Basis und Höhe", geht hervor aus den Urteilen: "der Inhalt des Dreiecks ist gleich dem halben Inhalt des Parallelogramms von gleicher Basis und Höhe" und "der Inhalt des Parallelogramms ist gleich dem Produkt aus Basis und Höhe". Und so weiter. Offenbar kann nun in den meisten Fällen diese Zurückführung eines Urteils auf andere Urteile noch mehrfach wiederholt werden; so ist z. B. das Urteil: "der Inhalt des Dreiecks ist gleich dem halben Inhalt des Parallelogramms von gleicher Basis und Höhe" wieder entstanden aus den beiden anderen: "das Parallelogramm wird durch seine Diagonale in zwei Dreiecke von gleicher Basis und Höhe geteilt", und "diese Dreiecke sind kongruent"; letzteres Urteil ist wieder aus den Kongruenzsätzen und aus Beziehungen zwischen den Seiten und Winkeln des Parallelogramms aufgebaut, usw. Es ist aber klar, daß, wenn wir die Urteile, aus welchen solcherweise ein neues Urteil entsteht, die  Gründe  des letzteren nennen, die Reduktion eines Urteils auf seine Gründe nicht ins Unendliche fortgesetzt werden kann. Es muß letzte Gründe geben, welche selbst nicht wieder auf andere Urteile zurückgeführt werden können; sonst müßte ja in unserem endlichen Leben ein unendlicher Denkprozeß vollzogen worden sein. Solche letzten Gründe der Gewißheit anzugeben ist auch nicht eben schwer: es gehören dazu alle Urteile, denen unmittelbare Evidenz zukommt, also die Urteile über eigene Empfindungen, die mathematischen Axiome, usw. Diese nicht weiter begründbaren Urteile nenne ich  einfache,  die begründeten dagegen  zusammengesetzte Urteile. (2) Allerdings wird es nicht immer möglich sein, von einem gegebenen Urteil mit Gewißheit zu bestimmen, ob es zur einen oder zur anderen Gruppe gehört; die Tatsache, daß es zusammengesetzte Urteile gibt, steht aber fest, und daraus folgt nach dem Vorhergehenden, daß es auch einfache Urteile geben muß. Es ist damit ganz wie in der Chemie. Auch dort bleibt die elementare oder zusammengesetzte Natur eines gegebenen Stoffes manchmal zweifelhaft; ganz gewiß ist es aber, daß es zusammengesetzte Stoffe gibt, und demnach muß es auch Elemente geben. So wird es dann die Aufgabe der Chemie, zu bestimmen, welchen Stoffen der elementare Charakter zukommt, aus welchen Elementen die verschiedenen Verbindungen zusammengesetzt sind und welche Gesetze die Verbindung derselben beherrschen. In ganz ähnlicher Weise hat aber auch die Erkenntnistheorie, welche man eine Chemie der Urteile nennen könnte, auf ihrem Gebiet das Einfache vom Zusammengesetzten zu sondern, für letzteres die Art der Zusammensetzung zu bestimmen und die Verbindungsgesetze aufzusuchen. Und wie die chemische Forschung vieles als Verbindung erkannt hat, was früher als elementar angesehen wurde, so hat auch die Erkenntnistheorie den zusammengesetzten Charakter mancher scheinbar einfachen Urteile nachgewiesen. Das wird sich später zeigen. - Für jetzt muß nur noch einmal ausdrücklich betont werden, daß die einfache oder zusammengesetzte Natur den Urteilen  nur als Erscheinungen innerhalb eines Bewußtseins  zukommt. Demnach kann von zwei inhaltlich vollkommen identischen, aber von verschiedenen Personen oder zu verschiedenen Zeiten gebildeten Urteilen das eine ganz wohl einfach, das andere zusammengesetzt sein. Zum Beispiel: Es fällt ein Tropfen Säure auf ein Stück blaues Lackmuspapier, und ich sehe, daß das Papier eine rote Farbe annimmt. Sage ich nun: das Papier färbt sich rot, so ist das Urteil  für mich  ein einfaches. Teile ich aber die Begebenheit einem anderen mit, der sie auf Treu und Glauben annimmt, so ist  für ihn  dasselbe Urteil ein zusammengesetztes; denn er hat es aus der Tatsache meiner Erzählung und aus der Überzeugung von meiner Glaubwürdigkeit aufgebaut. Ein dritter schließlich, etwa ein Chemiker, der nur gehört hat, daß ein Tropfen Säure auf das blaue Lackmuspapier gefallen ist, wird mit gleicher Gewißheit urteilen: das Papier hat sich rot gefärbt; - aber für ihn wird dieses Urteil wieder ganz anders zusammengesetzt sein, nämlich aus den beiden Urteilen: Säuren färben blaues Lackmuspapier rot, und: es ist ein Tropen Säure auf das blaue Lackmuspapier gefallen. Man könnte nun leicht meinen, wenn die Sachen so stehen, sei auch die Unterscheidung zwischen einfachen und zusammengesetzten Urteilen wertlos: denn dasselbe Urteil könnte dann ja nach Belieben als ein einfaches oder als ein zusammengesetztes aufgefaßt werden. Wer aber so spräche, würde vergessen, daß wir die Urteile nicht als ein objektiv außerhalb von uns Existierendes, sondern als individuell-psychische Erscheinungen zu betrachten uns vorgenommen haben. Es hat demnach gar keinen Sinn, zu fragen: ist irgendein Urteil, etwa das Urteil über die rote Färbung des Lackmuspapiers, an und für sich einfach oder zusammengesetzt? - es kann nur gefragt werden: ist das Urteil für micht, für dich, für die Naturforscher ein einfaches oder ein zusammengesetztes Urteil? Und auf diese Frage muß es immer eine bestimmte Antwort geben. Denn wenn einer ein Urteil ausspricht oder denkt, so muß doch entweder die Wahrheit der darin enthaltenen Vorstellungsverknüpfung ihm unmittelbar klar gewesen sein, oder dieselbe muß aus irgendwelchen Gründen sich ihm ergeben haben. Wir haben es nun in der Erkenntnistheorie ausschließlich mit solchen individuell-psychischen Tatsachen zu tun; aus diesen individuell-psychischen Tatsachen hoffen wir, und dürfen wir nach dem vorhergehenden hoffen, allgemeinmenschliche Gesetze und Ursachen der Urteilsbildung kennenzulernen. Allerdings untersuchen wir vorzugsweise solche Urteile, welche für eine ganze Gruppe von Menschen den gleichen elementaren oder zusammengesetzten Charakter besitzen; aber wir tun dies aus rein praktischen, methodologischen Gründen. Prinzipiell könnten die Denkgesetze in gleicher Vollständigkeit und Genauigkeit aus dem Denken eines einzigen Individuums abstrahiert werden; nur wäre der Weg weit länger und unsicherer. Nach den Erörterungen des vorigen Paragraphen wird es nicht nötig sein, dies noch weiter auszuführen.

§ 11. Näheres über die Methode der Untersuchung. Dagegen werden wir jetzt, von der gewonnenen Unterscheidung zwischen einfachen und zusammengesetzten Urteilen ausgehend, noch einiges über die Untersuchungsmethoden bemerken müssen, deren wir uns bedienen werden. Diese Methoden sind im Großen und Ganzen denen der Chemie sehr ähnlich, eben weil die Aufgaben der Erkenntnistheorie denen der Chemie sehr ähnlich sind. Der Chemiker verbindet Analyse und Synthese: er versucht erstens durch verschiedenartige Einwirkungen die zu untersuchenden Stoffe in ihre letzten Bestandteile zu zerlegen; zweitens versucht er bekannte Elemente und Verbindungen unter solchen Bedingungen zusammenzubringen, daß sich dieselben zu neuen Stoffen verbinden. Durch dieses Verfahren erreicht der Chemiker ein doppeltes Resultat; erstens eine allgemeine Übersicht über die verschiedenen Stoffe der Natur, deren elementaren oder zusammengesetzten Charakter, die Beziehungen zwischen denselben, ihre natürliche Klassifikation usw.; sodann Kenntnis der Gesetze, welche die Verbindung der Elemente zu zusammengesetzten Körpern beherrschen. - Der Erkenntnistheoretiker gelangt auf gleichem Weg zu ähnlichen Resultaten. Wie die in der Natur gegebenen Stoffe für den Chemiker, so bilden die im Denken gegebenen Überzeugungen für den Erkenntnistheoretiker den Ausgangspunkt der Untersuchung. Von diesen Urteilen gilt es zunächst, den einfachen oder zusammengesetzten Charakter und letzterenfalls die Art der Zusammensetzung zu bestimmen. Der Erkenntnistheoretiker muß demnach damit anfangen, die vorliegenden wissenschaftlichen Theoreme zu  analysieren;  und er muß diese Analyse fortsetzen, bis er auf Elemente stößt, welche allen Versuchen einer weiteren Zerlegung widerstehen. Unter der Analyse des Urteils verstehen wir aber nicht etwa die Zerlegung der in einem Urteil als wahr gesetzten Vorstellungsverbindung in einfache Vorstellungen, sondern die Zerlegung der Gewißheit des Urteils in die Gewißheit anderer, demselben zugrundeliegenden Urteil, also die Zurückführung eines zusammengesetzten Urteils auf einfachere, denen es seine Gewißheit verdankt. - Nun kann allerdings der Erkenntnistheoretiker in den besonderen Wissenschaften selbst die Zusammensetzung der wissenschaftlichen Überzeugungen teilweise verfolgen, wie auch der Chemiker aus der Praxis des Lebens und aus der Technik teilweise die Zusammensetzung der gegebenen Stoffe kennenlernen kann. Aber die Lehren des Lebens und der Technik genügen dem Chemiker nicht und können ihm nicht genügen: im Leben und in der Technik erstrebt man ja nur praktische Ziele, ist man zufrieden, sobald man geeignete Mittel gefunden hat zur Erzeugung von Stoffen, welche praktischen Bedürfnissen dienen können, und hat man kein Interesse dafür, die Untersuchung noch weiter fortzusetzen. Der Chemiker wird demnach dasjenige, was man in der Technik und im Leben "Grundstoffe" nennt, noch weiter zerlegen müssen, um auf die eigentlichen "Elemente" zu kommen; er wird auch viel schärfer als die Praxis darauf achten müssen, wie, unter welchen Bedingungen,in welchen Verhältnissen sich die einfacheren Stoffe zu zusammengesetzteren verbinden, usw. In ganz ähnlichen Verhältnissen befindet sich aber auch der Erkenntnistheoretiker. Die Einzelwissenschaften führen die Analyse ihrer Urteile nicht weiter, als sie es für ihren Zweck brauchen; und dieser Zweck ist: überzeugt sein und Überzeugung erwecken. Der Mann der Wissenschaft will irgendeinen Satz  beweisen,  das heißt, er will sich oder einem andern solche, schon als gewiß erkannte Urteile zu Bewußtsein bringen, aus deren Verbindung mit Notwendigkeit die Überzeugung von der Wahrheit jenes Satzes hervorgeht (§ 1). Ob er aber diesen Zweck erreicht hat, das beurteilt er ausschließlich nach dem Erfolg: wenn er seine Gründe so geordnet hat, daß er und andere, sobald sie dieselben verstanden haben, das Zustandekommen der erwünschten Überzeugung in sich wahrnehmen, so ist er zufrieden. Nach welchen Gesetzen aus den Prämissen der Schlußsatz entstanden ist, darum kümmert er sich nicht. Ebensowenig fragt er danach, ob die von ihm angeführten Gründe auch wirklich elementar sind, wenn nur diese Gründe für jeden normal organisierten Menschen Evidenz besitzen. Und drittens ist es ihm gleichgültig, ob auch neben den ausgesprochenen noch andere, nicht zu klarem Bewußtsein gelangte elementare Urteile zur Entstehung jener Überzeugung mitgewirkt haben, wenn nur wieder diese verschwiegenen Prämissen auch bei anderen in gleicher Weise vorhanden sind und wirken. Aber eben diese Fragen sind für den Erkenntnistheoretiker, der den Verlauf des menschlichen Denkens verstehen will, die allerwichtigsten. Demnach muß er (ganz so wie auf seinem Gebiet der Chemiker) die Analyse der wissenschaftlichen Überzeugungen viel weiter durchführen und die Ergebnisse derselben viel schärfer untersuchen als die besonderen Wissenschaften es zu tun pflegen. Man hat wohl mal die Philosophie die Wissenschaft des Selbstverständlichen genannt, und zwar, was die Erkenntnistheorie angeht, mit Recht. Denn die speziellen Aufgaben der Erkenntnistheorie fangen eben dort an, wo die Einzelwissenschaften von der weiteren Analyse ablassen, weil sie dieselbe für ihren Zweck: überzeugt sein und überzeugen, nicht mehr brauchen: das heißt also dort, wo allgemeinmenschliche Prämissen aufgefunden worden sind, aus denen nach allgemeinmenschlichen Denkgesetzen das Demonstrandum hervorgeht.

Sagen wir zuletzt noch ein Wort über die Bedeutung der  Synthese  in der Erkenntnistheorie. Schon in der formalen Logik kommt dieselbe mehrfach zur Anwendung. Wir werden dort Schlußformen kennenlernen, welche in der Wissenschaft und im Leben nicht oder nur äußerst selten vorkommen und welche man demnach durch Analyse und Vergleichung der gegebenen Tatsachen nicht leicht hätte auffinden können. Die Kenntnis solcher Schlußformen verdanken wir dem synthetischen Experiment. Nachdem eine vorhergehende Untersuchung die verschiedenen Arten von Urteilen zu unterscheiden gelehrt hatte, hat man dieselben in mannigfachen Kombinationen im Bewußtsein zusammengebracht und nachgesehen, in welchen Fällen die Verbindung derselben ein neues Urteil zustande brachte. In solcher Weise hat man in der formalen Logik manche Schlußformen kennen gelernt, von denen man in der Wissenschaft nicht leicht Beispiele gefunden hätte, wie auch wieder der Chemiker im Laboratorium Verbindungen erzeugt, welche in der Natur nicht oder nur sehr selten vorkommen. - Eine vielleicht noch wichtigere Rolle erfüllt aber das synthetische Experiment in der Philosophie der besonderen Wissenschaften. Dort werden wir manchmal, um uns über die Bedeutung irgendeiner Theorie oder Hypothese zu orientieren, die Frage aufwerfen müssen: wie würde es um diese Theorie beschaffen sein, wenn  diese  Tatsachen früher als  jene  bekannt gewesen wären? - oder wenn man in  dieser  statt in  jener  Periode dieses Gebiet zu bearbeiten angefangen hätte? - oder wenn aus dem Ganzen unserer Empfindungen  diese  bestimmten Gruppen fehlten oder sich in  dieser  bestimmten Weise modifizierten? Die Anwort auf all diese Fragen liefert uns das psychologische Experiment. Man wünscht zu wissen, in welcher Weise das menschliche Denken auf gewisse Daten reagiert hätte, wenn sich dieselben in anderer Reihenfolge oder unter anderen Bedingungen oder in anderer Art dargeboten hätten als tatsächlich der Fall gewesen ist. Um dies zu ermitteln, versucht man nun, sich die Gründe, welche in einem gesetzten Fall das Denken hätten beeinflussen können, so klar und vollständig wie möglich vor Augen zu stellen, dagegen all dasjenige, welches nicht hätte einwirken können, in den Hintergrund des Bewußtseins zurückzudrängen. Mit anderen Worten, man experimentiert mit dem eigenen Denken; man läßt  alle  Gründe und  nur  die Gründe auf sich wirken, welche im gedachten Fall hätten einwirken können, und man beobachtet und verwertet das Ergebnis ganz so, wie man das Ergebnis eines physikalischen oder chemischen Experimentes zu beobachten und zu verwerten pflegt. - Man wird vielleicht gegen den Wert solcher Experimente mit dem eigenen Denken einwenden, es könne doch der Experimentator niemals davon gewiß sein, daß die Vorstellungsgruppe, deren Wirkung er hat studieren wollen, auch rein und ausschließlich, ohne unbewußte Einmischung eigener Ansichten, Erwartungen usw., das wahrgenommene Ergebnis zustande gebracht hat. In der Tat wird absolute Gewißheit in diesem Punkt nicht leicht zu haben sein; und zwar wird die Ungewißheit umso größer sein, je weniger noch das betreffende Gebiet durchforscht worden ist. Aber dieser Satz gilt nicht bloß für die Erkenntnistheorie; er gilt für jede Wissenschaft. Jede Wissenschaft hat ein Stadium durchlaufen müssen, in welchem sie bei ihren Experimenten die Mitwirkung unbekannter Faktoren, eben weil dieselben vollständig unbekannt waren, nicht auszuschließen vermochte. Aber eben diese ersten, mit Ungewißheit behafteten Experimente sind es dann gewesen, welche zu spätere exakteren Experimenten die notwendig Vorkenntnisse geliefert haben. Wie das geschehen konnte, lehrt ganz besonders die Geschichte der Naturwissenschaft. Man übte beim Anfang der Untersuchung Vorsicht und Takt; man legte nicht zu viel Wert auf das Ergebnis  eines  Experiments, sondern versuchte fortwährend die Experimente durcheinander und durch theoretische Erwägungen zu kontrollieren; man strebte danach, die meist vorkommenden störenden Einflüsse kennenzulernen, um die Wirkung derselben entweder tatsächlich oder doch in der Berechnung eliminieren zu können. Wenn man aber in der Naturwissenschaft durch solche Mittel das Experiment fruchtbar zu machen gewußt hat, so ist jedenfalls von vornherein nicht abzusehen, warum ein gleiches in der Erkenntnistheorie unmöglich sein sollte. Übrigens kann natürlich erst der tatsächliche Erfolg die Sache endgültig entscheiden, und muß demnach hier auf spätere Abschnitte dieses Buches verwiesen werden.

§ 12. Verhältnis der Erkenntnistheorie zu anderen Wissenschaften. Der im vorhergehenden vertretenen Auffassung, nach welcher die Erkenntnistheorie in ihrem ganzen Umfang als eine  psychologische Tatsachenwissenschaft  zu betrachten wäre, ist in früherer und späterer Zeit mehrfacher Widerspruch begegnet, demzufolge es nötig erscheint, etwas genauer auf dieselbe einzugehen.

Allerdings sind diese Widersprüche zum Teil leicht zu entkräften. Wenn z. B. des öfteren behauptet wird, daß die Erkenntnistheorie nicht eine Psychologie, sondern eine Ethik des Denkens sei, da doch der Gegensatz von wahr und falsch in der Psychologie des Denkens ebensowenig eine Rolle spielt, wie der Gegensatz von gut und böse in der Psychologie des Wollens, so ist dem einfach entgegenzuhalten, daß, so wie sich hier neben dem Wollen selbst auch die Beurteilung desselben als gut oder böse, ähnlich dort neben dem Kommen und Gehen der Vorstellungen auch die Beurteilung derselben als wahr oder unwahr im Bewußtsein abspielt und demnach der psychologischen Untersuchung zugänglich ist. Und wenn des weiteren nicht selten bemerkt wird, daß die Psychologie wie jede andere Wissenschaft zu ihrem Aufbau schon der Denkgesetze bedarf, also ihre Gültigkeit voraussetzen muß und sie demnach nicht erst begründen kann, so ist mit HUSSERL (3) daran zu erinnern, daß eben jede, auch eine anti-psychologistische Erkenntnistheorie nur denkend, d. h. also durch eine Anwendung der Denkgesetze, diese Denkgesetze ermitteln kann; daß es aber etwas ganz anderes ist,  nach  logischen Gesetzen, als  aus  logischen Gesetzen zu schließen, und daß nur letzteres, nicht aber ersteres einen Zirkelschluß involvieren würde. Es ist hier eben wieder daran zu erinnern, daß wir die Gesetze des Denkens nicht erst zu beweisen, sondern nur zu erklären und zu rechtfertigen haben (§ 7).

Größere Bedeutung scheint einem anderen Einwand zuzukommen, welcher ausführt, daß Logik und Erkenntnistheorie einerseits, Psychologie andererseits sich in ihrem ganzen Charakter fundamental voneinander unterscheiden, indem die ersteren exakte und apodiktische [logisch zwingende, demonstrierbare - wp] Begriffswissenschaften, die letztere dagegen eine nur Approximationen und Wahrscheinlichkeiten bietende Tatsachenwissenschaft sei (4). Hierzu möchte ich bemerken, daß der betreffende Unterschied gewiß als ein im Großen und Ganzen tatsächlich vorliegender, darum aber noch keineswegs als ein im Wesen der einschlägigen Wissenschaften begründeter, denselben von ihrem Anfang bis zu ihrer Vollendung notwendig und unveränderlich anhaftender anzunehmen ist. Es kommt doch in allen induktiven Wissenschaften vor, daß einzelne Teile derselben, indem die allgemeinsten dort herrschenden Gesetze besonders früh ermittelt worden sind, vor den anderen das deduktive Stadium erreichen und dadurch von Tatsachen- zu Begriffswissenschaften werden (man denke etwa an die Gravitationslehre innerhalb der Physik und Astronomie); in dieser Weise können aber auch innerhalb der induktiven Psychologie einzelne gesetzliche Verhältnisse (wie etwa dasjenige zwischen Angenehmfinden und Begehren, oder zwischen der Erkennung eines Widerspruchs und seiner Verwerfung) früher als andere festgestellt und als Ausgangspunkt für deduktive Entwicklungen verwendet werden. Daß aber diese elementaren Verhältnisse zwischen Bewußtseinserscheinungen so viel sicherer als diejenigen zwischen Naturerscheinungen gewußt wurden, erklärt sich leicht aus dem Umstand, daß wir, unser ganzes Leben hindurch, gleichsam täglich und stündlich mit demselben experimentieren; der weiteren Frage, in welchem Sinn und aus welchem Grund denselben apodiktische Gewißheit zukommen kann, werden wir später (§ 25) noch begegnen.

Der wichtigste Einwand bleibt noch zu besprechen übrig. Das Denken, behauptet man, richte sich auf ein objektives Ziel: die Wahrheit; diese Wahrheit sei nicht bloß eine psychische Tatsache, sondern sie habe eine eigene Existenz, unabhängig davon, ob sie von einem bewußten Wesen gedacht wird oder nicht. Es könne ja Wahrheiten geben (wie etwa diejenigen, welche sich auf die Auflösung des verallgemeinerten Problems der drei Körper, oder auf dekadische Zahlen mit Trillionen Stellen beziehen), welche ewig gelten, obgleich sie von keinem bewußten Wesen jemals erkannt werden. Die Erkenntnistheorie aber habe es mit dieser idealen Wahrheit zu tun und könne die Frage, ob das individuelle Denken beliebiger Menschen sich derselben mehr oder weniger annähert, selbst die Frage, ob es ein solches individuelles Denken und ob es überhaupt ein Bewußtsein gibt, ruhig dahingestellt sein lassen (5). - Zu diesen und ähnlichen Behauptungen habe ich nur zu bemerken, daß sie, soweit ich sehe, samt und sonders auf einer Verwechselung der Begriffe  Wahrheit  und  Wirklichkeit  beruhen. Wahrheit ist die Übereinstimmung zwischen den auf irgendein Wirkliches bezogenen Vorstellungen und diesem Wirklichen selbst; sie setzt demnach fraglos ein Bewußtsein, welches Vorstellungen hat und dieselben auf ein Wirkliches bezieht, voraus. Reden wir aber von Wahrheiten, welche von keinem bewußten Wesen erkannt werden, so meinen wir damit entweder Wirklichkeiten, zu welchen in keinem Bewußtsein übereinstimmende auf sie bezogene Vorstellungen existieren, oder wir bilden den abstrakten Begriff von mit jenen Wirklichkeiten übereinstimmenden Vorstellungen, welche in einem Bewußtsein existieren und auf jene Wirklichkeiten bezogen werden  könnten.  Im ersteren Fall liegt offenbar die oben angedeutete Verwechslung vor; im zweiten dagegen haben wir es wieder mit psychologischen Tatsachen, sei es auch mit bloß hypothetischen, nach Analogie der gegebenen als möglich gedachten psychologischen Tatsachen zu tun: sobald und solange wir eben den Begriff der Wahrheit ins Auge fassen wollen, müssen wir auf dem Gebiet der Psychologie verbleiben.

Schließlich liegt demnach, wie mir scheint, die Sache wie folgt: Sowohl den einzelnen Resultaten wie den allgemeinen Grundsätzen unseres Denkens gegenüber können wir abwechselnd einen doppelten Standpunkt einnehmen: entweder wir erkennen die Evidenz derselben einfach an, oder wir denken über diese Evidenz nach. Im ersteren Fall treiben wir gewiß nicht Psychologie: wir erleben zwar ein psychisches Faktum, brauchen aber gar nicht daran zu denken, daß wir ein psychisches Faktum erleben und interessieren uns jedenfalls nicht für das psychische Faktum als solches. Im zweiten Fall dagegen suchen wir jene Evidenz zu erklären und zu begründen; wir fragen, wie sie entstanden ist und ob sie aus vernünftigen Gründen entstanden ist; die auf die Beantwortung dieser Frage gerichtete Untersuchung ist aber, da sie uns über den Ursprung jenes psychischen Faktums aufzuklären verspricht, zweifellos psychologischer Natur.

Dieser theoretischen Untersuchung stellt sich nun eine praktische Wissenschaft von den Mitteln, durch welche Überzeugungen zustande gebracht werden können, eine  Methodologie,  an die Seite. Die Tatsache, daß der Besitz fester und klarer Überzeugungen uns begehrenswert erscheint, die Tatsache des "Erkenntnistriebes" (ob derselbe angeboren oder erworben ist, tut nichts zur Sache) führt notwendig zu der Frage, welche Mittel angewandt werden müssen, um das Ziel desselben zu erreichen oder doch demselben näher zu kommen: also zur Forderung einer Kunstlehre des Denkens. Es ist aber klar, daß diese Kunstlehre nur auf dem Boden einer Naturlehre des Denkens aufgebaut werden kann. Irgendeine Theorie, sei es auch eine ganz schlechte, liegt jeder Praxis zugrunde: man muß wissen oder zu wissen glauben, wie etwas als  Ursache  wirkt, um es mit Bewußtsein als  Mittel  anwenden zu können. Die Ingenieurswissenschaft setzt die Mechanik, Hygiene und Medizin setzen Anatomie und Physiologie, die Wirtschaftspolitik setzt die Wirtschaftslehre voraus; und so bildet auch die theoretische Erkenntnislehre die notwendige Voraussetzung für die praktische Methodologie. Das Ziel des Denkens ist die Gewißheit seiner Ergebnisse; es müssen also dem Bewußtsein Vorstellungen beigebracht werden, welche diese Gewißheit erzeugen;  wie  aber die Vorstellungen beschaffen sein müssen, um Gewißheit zu erzeugen, das kann nur die Theorie lehren. - Natürlich ist damit die Möglichkeit einer Wechselwirkung zwischen Theorie und Praxis nicht ausgeschlossen. Die praktischen Maßregeln, welche aufgrund einer oberflächlichen, mangelhaften, vielleicht selbst falschen Theorie eingeführt worden sind, können, wenn sie sich bewähren, zur Aufstellung einer besseren Theorie den Anstoß geben, wozu in keienr Wissenschaft die Beispiele fehlen. Auch auf unserem Gebiet hat sich vielfach die Sache so zugetragen. Die Wissenschaft hat meistenteils rein instinktiv, also aufgrund einer unbewußten Theorie, die richtigen Mittel zur Erreichung ihres Zweckes gewählt; die Bewährung dieses instinktiven Verfahrens durch den Erfolg, also die Tatsache, daß die angewendeten Mittel sich zur Erzeugung von Gewißheit als tauglich erwiesen, ist dann für die Erkenntnistheorie der Ausgangspunkt weiterer Untersuchungen geworden, durch welche schließlich wieder eine Vertiefung und Präzisierung der Untersuchungsmethoden herbeigeführt werden konnte.

Die sogenannte  formale  oder  analytische Logik  gehört teilweise zur Erkenntnistheorie, teilweise zur Methodologie. Dieselbe fragt erstens, wie es zugeht, daß im Bewußtsein aus gegebenen einfacheren, neue zusammengesetzte Urteile entstehen; sie versucht diesen Prozeß auf allgemeine und allgemeinste Gesetze zurückzuführen und unsere Überzeugung, daß die Ergebnisse desselben auch für die Wirklichkeit gelten müssen, zu erklären. Diese Untersuchungen sind rein theoretischer Natur und haben demnach ihren Platz in der Erkenntnistheorie. Zweitens aber werden in der Logik, unter Zugrundelegung jener allgemeinsten Denkgesetze, aber mit Rücksicht auf die gegebenen Ziele des Denkens, die verschiedenen Formen untersucht, in welchen diese Gesetze zur Anwendung gelangen; es wird gefragt, wie man die zu verbindenden Urteile einzurichten habe, um dieselben zur Erzeugung neuer Urteile vollständig verwerten zu können, welche störenden Einflüsse die Wirkung der logischen Gesetze beeinträchtigen könenn und wie sich dieselben eliminieren lassen, usw. Dieser Teil der Logik (zu welchem etwa Fragen wie diejenige der Quantifikatioin des Prädikats, der Einführung arithmetischer Elemente in die Logik, der logischen Beweis- und Untersuchungsmethoden gehören) ist offenbar praktischer Natur und muß der Methodologie zugerechnet werden. Es muß also zwischen einer theoretischen und einer praktischen Logik unterschieden werden; nur die erstere gehört in den Rahmen des vorliegenden Buches.

Sagen wir jetzt noch ein Wort über die Bedeutung der Erkenntnistheorie für die  positiven Wissenschaften.  Wenn in der Tat die gegebenen Erscheinungen vom Denken nicht bloß gesammelt, sondern auch verarbeitet werden, dergestalt, daß dieselben im Denkprozeß ihre ganze Natur zu ändern scheinen, von Empfindungen im Bewußtsein zu Dingen der Außenwelt werden usw. (§ 2), - so muß es für den Naturforscher im höchsten Grad wichtig sein, sich über die Art und Weise, wie dies geschieht, über die Gesetze, welche diesen Prozeß beherrschen, und die Ursachen, welche denselben veranlassen, aufs Genaueste zu unterrichten. Denn ganz so wie der Mikroskopiker die Einrichtung seines Instrumentes kennen muß, um entscheiden zu können, ob nicht gewisse Eigentümlichkeiten im wahrgenommenen Bild dieser Einrichtung statt dem Objekt zugeschrieben müssen, ganz so muß auch der Naturforscher die Einrichtung  seines  Instrumentes, des Intellekts, kennen, um zu entscheiden, inwiefern sein Weltbild von rein objektiven oder vielleicht auch von subjektiven Faktoren bestimmt wird. - Es ist wohl hauptsächlich der Mangel an dieser erkenntnistheoretischen Bildung, welcher immer wieder Materialisten und Anti-Materialisten zur irrtümlichen Meinung führt, der Materialismus sei mit der Naturwissenschaft identisch. Der Materialismus, ließe sich richtiger sagen, ist die Naturwissenschaft ohne Einsicht in die erkenntnistheoretischen Probleme. Nur dadurch, daß man dem Naturforscher diese Einsicht beizubringen versucht, nicht aber durch Deklamationen und Lamentationen und noch weniger durch ein oft verständnisloses Bekritteln einzelner naturwissenschaftlicher Resualtate läßt sich der Materialismus mit Erfolg bekämpfen. Übrigens hat man in diesem ausschließlich der erkenntnistheoretischen Forschung gewidmeten Buch eine vorsätzliche Bekämpfung des Materialismus natürlich nicht zu erwarten; für denjenigen, der sich die positiven Resultate der Erkenntnistheorie angeeignet hat, ist dieselbe auch kaum mehr nötig. Den Herren Antimaterialisten von Profession dürfte damit allerdings nur wenig geholfen sein: denn es ist weit davon entfernt, daß durch eine solche Widerlegung des Materialismus ihren Einfällen und Träumen die Tür wieder geöffnet würde. - Und was die Naturwissenschaft betrifft, auch wenn sich herausstellen sollte, daß dem von ihr aufgestellten Weltbild keineswegs "absolute", vom wahrnehmenden und denkenden Subjekt unabhängige Wahrheit zugeschrieben werden darf, so wäre es doch gewiß nicht richtig, ihr diesen Sachverhalt als einen Fehler vorzuwerfen. Denn abgesehen davon, daß gerade die ausgezeichnetsten Naturforscher den Ergebnissen ihrer Wissenschaft ausdrücklich nur relative Bedeutung zuerkannt haben:  es behalten diese Ergebnisse auch für die Erkenntnistheorie ihre volle Wahrheit, nur in einem anderen Sinn als man früher glaubte.  Sie behalten ihre Wahrheit, genauso wie unsere Urteile über Farben und Töne in der Außenwelt für die mechanischen Licht- und Schalltheorien ihre Wahrheit behalten: in dem Sinn nämlich, daß diese Wahrheit nicht mehr auf ein unabhängig von uns Existierendes, sondern auf die Art und WEise, wie wir von demselben affiziert werden, bezogen wird. Man denke sich etwa einen Maler, der farbenblind ist und demzufolge in seinen Gemälden Wiesen und Bäume in roter Farbe erscheinen läßt. Sind darum diese Gemälde wertlos? Man muß antworten: je nachdem! Wenn normale Augen die Regel und Farbenblindheit die Ausnahme sind, wie in unserer Welt, dann ohne Zweifel. Wenn aber einmal Farbenblindheit die Regel und normale Augen die Ausnahme wären, oder wenn gar Farbenblindheit die Regel ohne Ausnahme wäre, dann stünde die Sache doch anders. Allerdings wäre damit die Tatsache nicht hinweggeschafft, daß es in der Natur Unterschiede gäbe, welche im Bild nicht zum Ausdruck kämen: aber die Farben des Bildes wären doch mit denjenigen identisch, welche man an der Natur sähe und sehen müßte; und so könnte man dann damit zufrieden sein. Ähnliches gilt für die Naturwissenschaft. Sie zeigt uns die Welt, wie wir mit unserer bestimmten Organisation dieselbe sehen müssen. Darin liegt ihre Berechtigung. Der Erkenntnistheorie aber bleibt es unverwehrt, nachzuforschen, inwiefern subjektive Faktoren in die Entwicklung dieses Weltbildes mitbestimmend eingegriffen haben.

Die  Metaphysik  schließlich wurde, besonders seit KANT, vielfach mit der Erkenntnistheorie zusammengeworfen oder doch als eine angewandte Erkenntnistheorie, welche die für das Denken notwendigen, aus den Gesetzen des Denkens zu entwickelnden Grundlinien des menschlichen Weltbildes festzustellen hätte, bestimmt (so noch in der ersten Auflage des vorliegenden Buches). Diese Begriffsbestimmung ist jedoch sicher zu eng. Die Metaphysik ist erstens nicht Wissenschaft vom Denken, sondern Wissenschaft von der Welt; und sie hat zweitens nicht bloß zu ermitteln, wie wir nach den Gesetzen des Denkens, sondern auch, wie wir nach der Aussage der Erfahrung über diese Welt zu urteilen haben. Sie unterscheidet sich also von der Naturwissenschaft dadurch, daß sie neben den physikalischen auch die psychologischen und erkenntnistheoretischen -, aber sie unterscheidet sich nicht weniger von der Erkenntnistheorie dadurch, daß sie neben den erkenntnistheoretischen auch die sonstigen psychologischen und die physikalischen Daten mit in die Rechnung zieht, umd daraus eine möglichst vollständige und möglichst wenig relative Welterkenntnis aufzubauen. In diesem Sinne einer auf die gesamte Erfahrung fußenden Weltwissenschaft ist von alters her das Wort  Metaphysik  verstanden worden; und in diesem Sinne hat in der Tat die Metaphysik eine Aufgabe zu erfüllen, welche keine andere Wissenschaft zu erfüllen imstande ist. (6)

§ 13. Einteilung des Buches. Nach dem Vorhergehenden wäre die zunächstliegende Aufgabe der Erkenntnistheorie eine doppelte: erstens die einfachen Urteile, welche aller Gewißheit zugrunde liegen, aufzusuchen, zweitens die Gesetze kennen zu lernen, kraft derer ich aus diesen einfachen Überzeugungen die zusammengesetzten entwickeln. Wir werden damit anfangen, die allgemeinsten, alles Denken beherrschenden Verbindungsgesetze aufzusuchen, während es einer späteren Untersuchung überlassen bleibt zu entscheiden, ob daneben noch spezielle, auf bestimmten Gebieten wirkende Verbindungsgesetze angenommen werden müssen. Dieser erstere Teil unserer Untersuchung umfaßt den elementarsten, ältesten und höchst entwickelten Teil unserer Wissenschaft; er bildet zugleich die notwendige Voraussetzung für die Erforschung der elementaren Urteile. Mit einigen vorläufigen Bemerkungen über diese elementaren Urteile werden wir den  allgemeinen Teil  unseres Buches abschließen. - Im  speziellen Teil  werden wir sodann die einzelnen Wissenschaften durchmustern und für jede derselben die elementaren Überzeugungen aufsuchen, welche ihr zugrunde liegen. Wir werden diese Untersuchung naturgemäß bei den allgemeinsten, alle anderen tragenden Wissenschaften, also bei Arithmetik und Geometrie, anfangen, dann zur Phoronomie und zuletzt zu den empirischen Naturwissenschaften übergehen. Bei dieser Untersuchung wird sich von selbst auch zeigen, ob, neben den allgemeinen, noch spezielle, für bestimmte Gebiete geltende Verbindungsgesetze angenommen werden müssen.
LITERATUR - Gerard Heymans, Die Gesetze und Elemente des wissenschaftlichen Denkens - ein Lehrbuch der Erkenntnistheorie in Grundzügen - Leipzig 1905
    Anmerkungen
    1) Die Begriffe der Ursache, der Wirkung und der Bedingung werden später, bei der Behandlung des Kausalitätsproblems, näher erörtert werden. Hier kam es nur darauf an, die Analogie zwischen dem Denkprozeß und anderen, der kausalen Betrachtung anerkanntermaßen unterworfenen Prozessen ans Licht treten zu lassen.
    2) Es ist also mit dieser Benennung dasselbe gemeint, was man vielfach durch die Wort  unmittelbar- und  mittelbar-gewisse  Urteile andeutet.
    3) HUSSERL, Logische Untersuchungen I, Seite 57-58.
    4) HUSSERL, a. a. O., Seite 61-64.
    5) HUSSERL, a. a. O., Seite 69-74, 167-176, 185.
    6) siehe meine Einführung in die Metaphysik, Leipzig 1905, Seite 1-27.